Cheyenne Mize & Bonnie “Prince” Billy – “Among The Gold” / Young Widows & Bonnie “Prince” Billy – Split-7″
28. Mai 2009
Der working class hero des Gegenwarts-Folks, Will Oldham, hat wieder einiges veröffentlicht in letzter Zeit, alles als Bonnie “Prince” Billy, neben seinem neuen regulären Album “Beware” (ebenfalls 2009) auch die beiden hier im Mittelpunkt stehenden Veröffentlichungen. Und es bewahrheitet sich, was ich an anderer Stelle in diesem kleinen Blog bereits behauptet habe: Der allseits gepriesene Meister ist mittlerweile am besten, wenn ihm jemand zur Seite steht, bzw. wenn er selbst nur ein – freilich relevanter – sidekick ist. Diese freche Behauptung beweisen die 10″ “Among The Gold”, die er gemeinsam mit Cheyenne Mize aufgenommen hat, sowie die Split-7″ mit den Young Widows, deren freie Seite er alleine bespielt.
Es sind irgendwie wunderliche Veröffentlichungen, diese beiden Scheiben, sie sind irgendwie träumerisch und decken dabei die ganze Bandbreite des nächtlichen Realitätsverlustes ab: “Among The Gold” klingt wie eine Mär aus alten Zeiten, melancholisch, abendsonnig und schön, die Split-7″ wie die darauf folgenden Alpträume. Hinter beiden Veröffentlichungen steht in erster Linie nicht Oldham selbst, sondern hinter ersterer Cheyenne Mize, eine Musiktherapeutin sowie Violinistin und Sängerin der Band Arnett Hollow aus Kentucky, die über die geographische Nähe zu Oldham dessen Bekanntschaft gemacht hat, hinter zweiterer die ebenfalls aus Kentucky stammenden Young Widows, ein brachiales, vertracktes, ziemlich tolles Noise-Trio, die Oldham zum Auftakt für eine vier 7″s umfassende Split-Vinylreihe an Bord geholt haben (den nächsten Teil bestreiten z.B. Melt Banana). Es gab also gewisse Richtlinien, innert derer Bonnie sich zu bewegen hatte. Und das ist ihm und seinen Mitstreitern mehr als gelungen.
“Among The Gold” enthält ausschließlich Interpretationen sehr alter Lieder, das älteste, “Beautiful Dreamer” aus der Feder von Stephen C. Foster, stammt von 1864, das jüngste, “Kiss Me Again” von Victor Herbert und Henry Blossom, von 1915. Die Instrumentierung besteht nur aus Mizes Gitarre, bei “Love’s Old Sweet Song” aus ihrer Autoharp, und einmal spielt sie noch eine sanfte Geige als kleine Ergänzung bei “Beautiful Dreamer”. Den Gesang teilen sich Oldham und Mize gleichberechtigt, wobei Oldham seiner Sangespartnerin meist galant den Vortritt läßt. Und mehr brauchen diese alten, sepiafarbenen Songs auch nicht, um den Hörer in eine ganz wunderbare, friedvolle Vergangenheit zu führen, um von Liebesleid und Liebesglück zu erzählen und dabei in ihrer Reduktion eine heimelige Bildwelt zu eröffnen.
Ein wichtiger Teil dieser friedlichen Atmosphäre ist Mizes warme, freundliche Stimme, die mit großer Behutsamkeit und einem stillen, wissenden Lächeln diese alten Weisen vorträgt (und die Lieder auch meist allein beginnt). Dem paßt sich auch Oldham an, verzichtet ebenso auf seine frühere Brüchigkeit wie auf seine spätere Saturation, bleibt ganz klein und behaglich neben Mize, ein Paar, das sich in aller Intimität kleine Geschichten von der Liebe erzählt, oder sich auch mal verspielt neckt, indem in “Beautiful Dreamer” die Takte verzögert und verlängert werden, die Stimmen sich umeinander drehen und sich nur im Refrain zu einem sanften Kuß finden. Und Oldhams Stimme klingt hier so tief und warm wie kaum zuvor. Nahezu euphorisch, ausgelassen an der Grenze zur verliebten Albernheit ist “Let Me Call You Sweetheart”, bei dem Oldham ein Pfeifsolo hat, das Mize “Lalala”-trällernd begleitet, ohne dabei diese spätsommerliche, irgendwie sanft melancholische Trägheit aufzugeben, die dann in “Silver Threads Among The Gold” ihre Vollendung findet, in diesem wunderbaren Poem an die Liebe, die alle Zeit, alles Altern überdauert.
Wie anders dagegen klingt die Split-7″ der Young Widows mit Oldham. Die Young Widows beginnen ihr “King Of The Back-Burners” mit einem disharmonischen Gitarrenakkord, der von stampfendem, schleppendem Baß und Schlagzeug eingeholt, alleingelassen und wieder eingeholt und schließlich zugunsten des irgendwie emotionslos-verzweifelten Gesangs verjagt wird. Eine fiese Spannung baut sich auf in der Monotonie des abwechselnden Verstummens der drei Instrumente, die mögliche Veränderungen des Songs von der inhaltlichen auf die strukturelle Ebene verlagert haben, eine Spannung, die allerdings bis kurz vor Ende des Liedes nicht aufgelöst wird. Der Hörer bleibt gefangen in schleppender Monotonie, wie sie in den 90ern von den frühen Helmet oder von Slint nicht besser erzeugt hätte werden können. “King Of The Back-Burners” ist ein fieses kleines Stück Noise-Rock, kurz, gemein, ein akustischer coitus interruptus, der nach einem brachialen Metalsound schreit, dankenswerterweise aber schön garagig-krachig unterproduziert ist und damit charmant bleibt und sich so von Bands wie z.B. besagten Helmet unterscheidet (wie übrigens auch die beiden Alben der Young Widows).
“Poor Shelter” von Bonnie “Prince” Billy hingegen wird getragen von einer Akustikgitarre, einer Melodika (oder ähnlichem), folkig-psychedelischen Synthies, einem minimalistischen Baß (Oldham spielt und singt hier alles allein ein) und einem vielfach gedoppelten Gesang, der der kleinen Melodie eine ungemeine Dringlichkeit verleiht, bis hin zu einer gesprochenen Stimme in der zweiten Strophe, die sich nochmal viel zu laut und sehr erschreckend über alles legt, und dem “Lalalala” im Refrain, das irgendwie psychotisch heiter klingt. Selten war Oldham dem Etikett des sogenannten “Freak Folk” näher als hier: Irgendwie altertümlich wirkt “Poor Shelter”, als wären die Leierkastenspieler und die schmutzigen Schaustellerkinder nicht weit, als würde dem Lied Lehm an den nackten Füßen kleben. In seiner Songstruktur, die auch weniger auf Abwechslung denn auf Steigerung baut, und eben diesem mythisch-folkloristisch-psychedelischen Gestus erinnert der Song sehr an Oldhams gleichnamigen Beitrag zu Erik Weselos Fotobuch “Forest Time”, einem seiner geheimnisvollsten und schönsten Lieder. “Poor Shelter” paßt sich in seiner Repetitivität und seiner seltsamen, nie zum Ausbruch kommenden Dringlichkeit dem Song der Young Widows an, ohne dabei sein Folk-Terrain zu verlassen. Eine 7″, die die große musikalische Bandbreite eines eigenartigen Alptraums repräsentiert.
Es sind Veröffentlichungen wie diese, die mich immer wieder mit Oldhams in letzter Zeit doch überambitionierten, lebloseren Alben wie “The Letting Go” (2006) oder, ganz schlimm, “Lie Down In The Light” (2008) versöhnen: Kleine, reduzierte, spontane Platten, die viel näher am Hörer sind als besagte Alben, die eine unfertige Schönheit ausstrahlen und die einem auch große Lust machen, sein neuestes Album “Beware” nochmal in aller Ruhe und vorurteilslos anzuhören.
www.bonnieprincebilly.com
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G.Rag y los Hermanos Patchekos – “Hold Fast”
10. Mai 2009
Manchmal muß man der allseits und freilich meist zurecht verpönten modernen Technik dann doch dankbar sein. Mit einer längeren Autobahnfahrt konfrontiert, machte ich gestern Gebrauch von einem modernen Schnickschnack, der sich mittlerweile, digitale Jugend sei Dank, durch viele der aktuellen Vinylveröffentlichungen zieht: dem digitalen Downloadcode. Und als ich mich dann gestern nacht bei strömendem Regen auf besagter Autobahn wiederfand, dunkel war’s, eine leichte Melancholie saß auf dem Rücksitz, entschied ich mich dafür, auf meinem mp3-fähigen autointernen CD-Player “Hold Fast” von G.Rag y los Hermanos Patchekos zu hören, die neue Veröffentlichung aus dem Münchner Hause Gutfeeling, einem der feinsten Mikrolabels dieser Lande. Ein Volltreffer, möchte ich sagen.
G.Rag y los Hermanos Patchekos sind irgendwie die labeleigene Big Band von Gutfeeling, ein wilder Haufen Musiker, die sich um den Vorsteher G.Rag versammeln und z.B. auch bei den Dos Hermanos mitspielen oder bei den Landlergschwistern, und die, wie eine Freundin gestern nacht – ich war endlich auf der Feier am Ende meiner Fahrt angekommen und erzählte von meinem Hörerlebnis – meinte, eher wirken wie eine Fußballmannschaft als wie eine Band (was als leicht kurioses Kompliment gemeint war).
Als jedenfalls gestern der “Caribbean Calypso Trash” dieser Band aus meinem Autoradio tönte, wurde es gleich um einige Grad wärmer. G.Rags leicht verzerrte, schön verhaltene E-Gitarre gibt beim Opener “Traversia Caliente” ein kleines, groovendes Moll-Riff vor, auf das die Band dann nach und nach einsteigt, erst die Percussion, später dann die wunderschönen Bläser, und das Leben wird plötzlich cinematisiert. Anstatt auf einer Autobahnfahrt durch den Süden Deutschlands fand ich mich irgendwo in der Karibik wieder, auf einer wilden Feier kurz vor Mitternacht, mit einem Haufen trauriger Geschichten im Herzen und dem unbedingten Willen, sie heute nacht einfach zu vergessen. Was dann auch gegen Ende des Openers gelingt: Auf einmal kippt der Song in ein kleines, ruhiges Dur um, eine wunderschöne, hymnische Trompete erklingt, ein Schauer der Erlösung überkommt den Hörer, bevor man sich tiefer und tiefer in die Nacht tanzt.
Die Schwüle und das Cineastische bleibt, das Tempo wechselt: Der “Gambling Bar Room Blues” von Jimmy Rodgers ist genau das, ein schleppernder, scheppernder Blues, getragen von G.Rags nachlässigem Trademark-Gesang durch sein altes Megaphon, einem schrägen Banjo und New-Orleans-Bläsern, die der erzählten Moritat die nötige Dringlichkeit verleihen, sie aber auch vorm allzugroßen Ernst bewahren.
Dann, plötzlich der “Nervous Breakdown”: Ein überraschendes Black-Flag-Cover, nicht ganz überführt in den Sound der Band, eher am Rand des Hardcore bleibend, mit lustiger Melodika, diesem schönen warmen Gitarrensound und der scheppernden Percussion. Wohnzimmerpunk, heartfelt, nicht ganz passend, aber ein gelungener Szenenwechsel, der die flotte “Cajun Maid” vorstellt, nun nicht mehr bei Nacht, sondern in strahlendem Zydeco-Sonnenschein, ein kleiner volkstümlicher Tanz, der einfach so glücklich macht: “Je veux danser with her”, au ja!
Das Instrumental “Mi Barrio” führt dann wieder durch calexicohafte Hinterhöfe, Schwarzweiß-Bilder wie aus “Down by Law” von Jarmusch, eine tastende Gitarre, eine verlorene Trompete, eine einsame Slide-Gitarre, und ein Rhythmus, der alles zusammenhält. Dann “Rags’n'Bones”, wieder eine Überraschung. Ein dreckiges, funky Riff und G.Rags heiserer Gesang, ehe ein schön dreckiger New-Orleans-Funk anfängt, mit hymnischem Refrain, coolem Call-and-Response-Gesang und einer superguten Tanzboden-Credibility, und freilich wieder dem nötigen Schuß Humor und Spaß, und die zweite Überraschung birgt die Autorenschaft, “Rags’n'Bones” stammt von Punklegende NoMeansNo. Mittlerweile rinnt der Schweiß schon immens, das Meersalz in der Luft vermischt sich mit dem Geschmack des Rums, und dann kommt eine richtig geile Überforderung inmitten der Schwüle, “Le Massacre du Melodica”, schnell, rockend, das “Duelling Banjos” für zwei Melodikas, ein herzlicher, versierter Lacher, eine Melodie, die einen so schnell nicht mehr losläßt.
“Get On Board” dann wieder klassisch, verhalten, tief melancholisch, irgendwie hoffnungslos schön, bevor der “balkan brass swing en speed” von “Swing Vergol” einen wieder auf die Füße reißt, müde zwar, aber wieder mit oben erwähntem unbedingten Willen zum – wenn auch bitteren – Spaß.
Gewagt ist dann “Jockey Full Of Bourbon” vom großen Tom Waits. Vielleicht liegt es daran, daß ich Waits und vor allem sein Werk um “Rain Dogs” (1985) zu gut kenne und zu sehr liebe, vielleicht ist “Jockey Full Of Bourbon” durch “Down By Law” einfach zu bekannt, aber hier mußte ich dann doch erstmal schlucken. Bislang hat es noch niemand geschafft, an Waits heranzukommen, was vor allem an dessen unglaublicher Stimme liegt und an seinen irgendwie zerstörten, zerstückelten Arrangements. Doch die Hermanos Patchekos tappen nicht in die Falle, Waits imtieren zu wollen, sondern bleiben vor allem gesanglich auf ihrer Seite, irgendwie müde, irgendwie nachlässig, und siehe: Es funktioniert dann doch. Instrumental aus einem eher solideren Guß wie die Waits-Arrangements im allgemeinen, fügen sie dem Original hier und da noch Kleinigkeiten hinzu, das Akkordeon, die verlorene Trompete, der beswingte Rhythmus. Zwar legt sich mir beim Hören im Geiste immer wieder der Waits’sche Gesang drüber, aber vor allem der rabiate, gelungene Schluß versöhnt damit wieder.
Und dann wird’s nochmal richtig sommerlich, fröhlich, leicht, schön: “Influence”, das Cover der Skate-Punk-Band Old Boys, ist mit seinen Steeldrums genau das richtige Lied, um einen morgens mit einem Lächeln aus dem Bett zu kriegen und den Tag zu umarmen. Die Bläser muß man hier nicht nochmal erwähnen, sie sind schön und toll wie überall auf dieser Platte. Vielleicht, neben “Cajun Maid”, mein heutiges, sommerlich-sonntagnachmittagliches Lieblingslied.
Ein schönes Stück “60s rocker” ist dann das französische “J’ai Tardé”, gesungen vom Black Rider, ein kleines Lied für Akkordeon, ein Lächeln gegen Ende der Platte, bevor der obligatorische Hank Williams zu Ehren kommt. “Cold Cold Heart” ist ein trunkener Country-Waltz, der sich heiter durch die haßerfüllte Männer-vs-Frauen-Welt schunkelt, der auch ins Bierzelt passen würde (ach, stimmt, die Landlergschwister), mit der nötigen respektvollen Respektlosigkeit, die es braucht, um Songklassikern neues Leben einzuhauchen. Und dann ist die Platte vorbei.
A propos Platte: Zu meinem Downloadcode gehört freilich auch die Vinylausgabe, und die möchte ich dem werten Leser aufs Wärmste ans Herz legen, selbst wenn er nur einen schnöden CD-Player besitzt (hey, denkt an den Downloadcode!). Denn wie immer bei Gutfeeling kommt das (in diesem Fall Doppel-)Vinyl wunderschön verpackt daher, mit einem tollen Siebdruck-Klappcover auf rauhem, festem Karton, gestaltet von Lilli Flux, und kleinen Gimmicks wie Aufklebern und einem schönen Beipackzettel. Nix Plastik, das Vinyl ist auch ein Vergnügen für Finger und Augen, das sei hier explizit erwähnt und gelobt!
“Hold Fast” ist sozusagen das Jubiläumsalbum der Hermanos Patchekos, die dieses Jahr ihren zehnten Geburtstag feiern (und ich gratuliere herzlich!). Und sie haben sich und uns damit ein schönes Geschenk gemacht, eine wunderschöne, sehr abwechslungsreiche Platte, die vielleicht hier und da ein oder zwei kleine Schwächen zeigt, insgesamt aber musikalisch und auch atmosphärisch auf sehr hohem Niveau bewegt und den typischen, reichhaltigen, immer leicht schrägen, aber doch immer wunderschönen Patcheko-Sound hat. Eine Platte wie der Soundtrack zu dem Leben, das man gerne leben würde, aber leider heißt man weder Humphrey Bogart, noch führt Jim Jarmusch Regie. Das ist zwar schade, aber dafür gibt es ja Platten wie “Hold Fast”. Gibt’s, wie noch viele andere schöne Platten, auf der Homepage von Gutfeeling. Auf geht’s, kaufen!
The Staggers – “Teenage Trash Insanity”
4. Mai 2009
Gleich vorweg: Es ist eine Sache, die Staggers live zu sehen, und eine ganz andere, “nur” ihre Platte zu hören. Live sind die Österreicher eine unglaubliche Schau, ein Gesamtkunstwerk, ein wilder Haufen wie direkt aus Bobby Picketts “Monster Mash”, als ob Frankenstein und seine Freunde bei Räuber Hotzenplotz mitmachen würden, angeführt von einem arg heiteren Fürsten der Finsternis, mit mehr als nur einem Arsch voll Groove. Auf LP bleibt von dieser feinen, abwechslungs- und bewegungsreichen Optik (Vampire, verrückte Professorgehilfen, Hinterwaldschrate und eben coole Rocker), von den Gesten und Blicken, vom Grinsen und Wippen, freilich nicht mehr viel übrig, da kann man sich nur auf das Cover verlassen. Doch auch in 2D halten die Staggers einiges von dem, was sie versprechen: Zusätzlich zur ziemlich coolen Optik des Covers schenken sie einem noch ein feines Poster dazu und eine Monstermaske zum Ausschneiden, damit man selber zum “Ugly Kid” mutieren kann. Hier hat man es also tatsächlich mit Liebhabern zu tun, die ihrerseits den hörenden Liebhabern viel zu schenken haben.
Vielleicht ist es einfach ein bisserl schwierig, diesen optischen Irrsinn in Musik umzusetzen und trotzdem der Zitatenhölle des Neo-60’s-Garage-Beat treu zu bleiben, vielleicht kommt hier auch einfach nur der Unterschied zwischen einer furiosen Liveshow und einem dann doch produzierten Studioalbum zum tragen. Jedenfalls ist die Musik der Staggers deutlich konventioneller, wenn auch nicht viel weniger wild, als ihre Show und ihre Optik. Was jetzt – diese Verteidigung sei gleich hinterhergeschoben – dem Album gar nicht so viel ausmacht.
Das Album selbst besteht bis auf “Little Boy Blue” (Tonto and the Renegades) und “I am the Wolfman” (Round Robin) aus Eigenkompositionen, die sich aber nirgendwo hinter den Originalen verstecken müssen, die klingen wie aus der Feder eines 60’s-Irren, und die auch die typischen Themen dieser Musik und also die hormonell verwirrter Teens verhandeln: Sex, Girls, heiße Öfen, Surfen, wilde Tiere, Friedhöfe, Serienmord und diverse blutrünstige Gestaltwandler.
Der Sound changiert dabei minimal zwischen dreckigem Teen-Beat, dreckigem Prä-Punk, dreckigem Surf und dreckigem Monsterbeat, zwischen Fuzz und Farfisa, ohne dabei die teilweise unerträglich schlechte Soundqualität z.B. einiger Billy-Childish-Outputs zu erreichen. Die Produktion ist erfreulich klar, ohne dabei ihren Druck zu verlieren, räumt den einzelnen Instrumenten ihren Platz ein und ist trotzdem nix für kopflastige Audiophile, sondern für Leute mit Groove im Arsch.
Sicher, nicht alles erreicht dabei die Größe des “Eagles Surf” oder des großen Hits der Staggers, “Do the Ripper”, der dreist bei “The Crusher” (von wasweißichwem, unter anderem von den großen Cramps) klaut, aber wer weiß, wo der wiederum geklaut ist, und außerdem ist das eh wurscht. “Little Girl” wäre 60’s-Garagen-Massenware mit leicht rockistischem Einschlag, klänge dann nicht doch ein bißchen zu sehr der Irrsinn durch, der die Live-Shows zu so einem Erlebnis macht, was vor allem dem hysterischen Gesang von Wild Evel geschuldet ist, dem Mann mit der bescheuertsten und deswegen coolsten Frisur des Rock, und der schrillen Orgel der gruslig-anziehend unnahbaren Lightning Iris. Den Refrain von “Out of my Mind” hat man auch schon oft gehört, der Anfang von “Black Hearse Caddilac” zitiert Chuck Berry, aber, ich kann es nur betonen: Was soll’s? Hinter der eleganten Freak-Coolness der Band hört man eine derartige Spielfreude, eine Lust auf diese schön primitive Musik, daß die drei Ausrufezeichen hinter dem Titel “Come on!!!” wirklich mal gerechtfertigt sind.
Gerade ein Song wie besagter “Black Hearse Caddilac” bringt mich sogar jetzt, müde von der Arbeit, vollgefressen und faul wie sonstwas, fast zum Aufspringen und wilden Rumhüpfen, müßte ich nicht das hier schreiben. Und höre ich hier nicht auch ein Quentchen teen angst raus? Ein bißchen zu viel Dringlichkeit und Verzweiflung im Gesang? Geht es hier sogar um mehr als nur um den auf dem Cover angepriesenen “Fun”? Dochdoch, irgendwie sind die Staggers auch Getriebene, und so eine Welt voller Vampire, Werwölfe und heißer Schlitten ist eben nicht nur ein Vergnügungspark (wohnt nicht z.B. dem Surf auch eine ständige Moll-Melancholie inne?). Aber hey, nochmal: Was soll’s? Hauptsache, die “Wild Teens” kommen auf ihre Kosten, ehe die Platte mit dem fast traditionellen Rock’n'Roll von “I am the Wolfman” schließt.
Kurz gesagt ist “Teenage Trash Insanity” ein klassisches 60’s-Garage-Beat-Album, mit allem, was daran Spaß macht, aber auch mit einigem, was daran ein wenig fad wirken kann. Aber weil es den Staggers ja nicht darum geht, das Rad neu zu erfinden, sondern damit einfach nur ihre Hot Rods zu bestücken und einmal durch sämtliche Garagen und Höllenschlünde der Stadt zu brettern und dabei verdammt gut auszusehen, kann man über ein paar Flauheiten hinwegsehen, vor allem, wenn man Lust hat, sich auf den Sozius zu schwingen und mitzubrettern. Und dafür sorgt diese Platte dann doch ziemlich effektiv.
Cool Jerks – “Aus dem Weg”
30. Januar 2009
Was ist “pervers”? Laut Duden versteht man unter “pervers” (lat. “perversus”) “verdreht, verkehrt, adj.”, Wikipedia sagt zu “Perversion”: “[...] eine stark bis sehr stark den vorherrschenden Moralvorstellungen, häufig im Bereich des Trieb- und Sexualverhaltens, entgegenwirkende Tat. Heute wird es als Schimpfwort für befremdendes Verhalten benutzt”. Es ist also diese zweite, moderne Bedeutung das Begriffs “pervers”, der mir beim Album “Aus dem Weg” der Cool Jerks aus Bremen (nicht zu verwechseln mit der US-Band gleichen Namens), ein Seitenprojekt der Trashmonkeys, in den Sinn kommt.
Schaut man sich allein schon das Frontcover an, dann weiß man, warum ich dieses Wort bemühe: Vier Buben zwischen Teenie und Twen, in beschissen hippen Klamotten, mit superfreundlichen Grinsefressen, die total dämlich posen, ein Bild wie aus einer Teen-Zeitschrift vom Bahnhofskiosk, und auf der Rückseite geht’s gleich weiter: Unter total süßen Fotos der vier Buben stehen deren Lieblingsfarben, -musiker, -hobbys etc., grusel. Eine ähnliche Süßheit tropft aus den Angaben zu den Songs, die Titel tragen wie “Auf die Piste”, “Ich sitz auf’m Sofa” oder “Sorry”: “Text + Musik: Andi, arrangiert von uns allen”. Was für ein Liebhaben, was für ein “Leben wie in einem 50er Jahre Heimatfilm”, wie Mutter gesagt haben. Und bei allen Indizien für Ironie: Irgendwie sehen die Jungs zu echt aus (Echt sind irgendwie auch eine – zumindest optische – Referenz), zu wenig gestylt, um nicht wirklich so süß und harmlos zu sein.
Und die Musik unterstreicht das dann auch: Die anfangs “flotte” Gitarre vom Opener “Im Kreis” wird sofort von einer weichgespülten Orgel und ebensolchen “Uhuuu”-Chören abgeschossen, vom lebensbejahenden Text, von dieser naiven Jungenstimme. Aber halt: Wieso singt Andi “es könnt’ nichts Schlimm’res gääben” statt “geben”? Woher dieser cheesy britische 50er-Jahre-Akzent?
“Autobahn fahrn” zitiert dann auch Kraftwerk, allerdings so, als ob die Beach Boys am legendären “Autobahn” mitgeschrieben hätten, wobei keine dieser Bands von den Pinkelpausen gesungen oder wie kleine Kinder Autogeräusche nachgemacht hätte. Das namensgebende “Cool Jerk” von The Capitols aus dem Jahr 1966 wurde dann auch auf schönste Peter-Kraus’sche Weise eingedeutscht, wie auch die anderen Covers, z.B. The Whos “Run Run Run” oder “Sorry” von den Easybeats.
Mein Lieblingslied ist das vierte auf Seite eins, “Auf die Piste”, das mit dem wirklich geilen Reim “Girl, lass uns auf die Piste geh’n, die Laternen scheinen hell, um abends viertel nach zehn” beginnt und klingt wie schönster Cliff Richard oder Peter Kraus. Bei “Astronaut”, im Original von den Caesars, klingt die Orgel dann dreckiger, der Gesang dringlicher, der Geist des Punk hebt sein ernsthaftes Haupt und wird vom klassischen Casiosound und dem “Aha-aha” von “Da Da Da” von Trio mit beiläufigem Humor gleich wieder konterkariert, bevor der “Vierrad-Reggae” die erste Seite mit einem Stück Klischeereggae beendet, wie man es eigentlich nie wieder hören wollte.
Mit “Boogaloo”, dem Opener der zweiten Seite, im Original von Don Gardener aus dem Jahr ‘67, steigen die Cool Jerks in schön dreckigen Garagenrock ein, eine fiese Gitarre, ein fieser Gesang, eine schweißtriefende Orgel und tüchtig viel Becken führen die Bandfotos schön ad absurdum, ebenso wie der Folgesong “Hör mich wein’” (Animals). Es folgen noch die Kinks (”Ich sitz auf’m Sofa”), die Beatles (”Deine Sorgen”), besagte Who und Easybeats, neben zwei weiteren Eigenkompositionen, allesamt in schönstem brit-akzentuiertem Deutsch, und sogar die Lieder, die akzentfrei gesungen werden, klingen irgendwie nach Cliff Richard oder “Komm gib mir deine Hand”.
Und hier, mitten in aller weichgespülter Schlagerseligkeit, in aller Garagenrockigkeit, liegt die liebevolle Ironie der Cool Jerks, im gekonnt naiv wirkenden Zitieren der schrecklichen 50er-Jahre-TV-Welt, in der der hier immer wieder in den Sinn kommende Peter Kraus und seine Schwiegermuttertauglichkeit die Vorherrschaft über den deutschen “Rock’n'Roll” (die Anführungszeichen stehen mit Bedacht da) innehielt, in der die Harmonie so zuckersüß war, daß man Karies bekam vom bloßen Hingucken. Sicher, “Aus dem Weg” ist keine gemeine Satire, ist keine zynische Abrechung mit dieser Musik. Sie geht mit dem Beat und dem englischen Schlager der 50er genauso um wie die Leopold Kraus Wellenkapelle mit Surf und Beat, nämlich respektvoll und nur zart ironisch. Nur, daß sich die Cool Jerks der wesentlich uncooleren Musik widmen und dabei offenbar doch ziemlich viel Spaß haben. Wirtschaftswundermusik für Schwiegermütter in der Verpackung einer Teenieband der Gegenwart. Zweimal superuncool ergibt irgendwie dann doch cool, ironisch auf eine Art, auf die man aber zusätzlich unreflektiert guten sauberen Spaß haben kann. Und eine dufte Partyscheibe ist “Aus dem Weg” auch noch.
Ich tausche das eingangs herangezogene Adjektiv “pervers” gegen die Begriffe “unverschämt” und “geil” und tanze noch ein wenig weiter in dieser besseren Welt.
A Drag City Supersession – “Tramps, Traitors and Little Devils”
19. Dezember 2008
Was lange währt, und so weiter: Lange, sehr lange bin ich um dieses Album herumgeschlichen, das mich vor allem wegen Bill Callahan interessiert hat, und immer war es mir zu teuer dafür, daß es mir beim ersten Reinhören nicht wirklich gefallen hat (damit allerdings habe ich dieser Platte unrecht getan!), und nun konnte ich sie endlich deutlich reduziert (mit einem Knacken auf Seite A) erstehen, gottseidank, wie schön!
Ein bißchen merkt man schon, daß dieses Album von 2001 ist: Heutzutage würden bei einer “Drag City Supersession” wahrscheinlich andere Namen auftauchen, auch wenn die Musiker hier immer noch für das Chicagoer Label tätig sind. Aber außer Bill Callahan (ehemals Smog), vielleicht Neil Michael Hagerty (bekannt von The Royal Trux, The Howling Hex oder seiner zeitweisen Teilnahme bei Jon Spencers Pussy Galore) und ganz vielleicht noch Edith Frost sind sie wohl weitgehend unbekannt: Rian Murphy (den man eher als Produzent kennt), Brendan Murphy, Tara Key, Jessica Billey, Matt Bauder, Mark Greenberg, Azita Youseffi, und gerade mal Jim O’Rourke kam durch Sonic Youth, Wilco und seine eigenen Alben zu einem gewissen Ruhm – es geht wohl hauptsächlich um erstgenanntes Trio, die den vertretenen Liedern auch ihre Stimmen leihen.
Callahan, Hagerty und Frost haben sich hier also zusammengetan, um eine feine kleine Session einzuspielen, zwischen allen Polen, die die Musiker vertreten, diese auch schön vereinend, eine Session also, die sich zwischen dissonantem Gitarrenlärm und feinfühligem Folkverständnis bewegt, mit viel Humor und Lust am Musizieren.
Herausgekommen ist ein ziemlich buntes Album, das den eigenen Ton der Protagonisten in ein abwechslungsreiches, aber dennoch unverwechselbares Gewand packt und dabei erstaunlich heiter bleibt. So klingt der Opener “Zero Degrees” aus Callahans Feder z.B. wie ein urtypisches Smog-Stück, aber ungleich munterer und spaßiger als dessen oft sehr schwermütige Werke, abgesehen von den herrlich schrägen Streichern, die fast schon gruselig sind. Das Lou-Reed-Stück “Charley’s Girl”, gesungen von Edith Frost, schmiegt sich daran nahtlos an und bleibt doch unverkennbar Reed, mit einer schön noisigen Gitarre von Hagerty, dessen “Texas Dogleg” dann auch gleich eher ins Psychedelische abrutscht und sehr nach den sonnigen 70ern klingt, mit einem tollen Refrain und wiederum den von Jessica Billey und Matt Bauder ersonnenen Streichern. Aus der Schönheit heraus fällt dann Del Reeves “Girl on the Billboard”, ein flotter Countrystomp, der allerdings bis auf den Beat und eine Slidegitarre reduziert ist und seine Countryseligkeit, auch dank Callahans monotoner Stimme, nur noch erahnen läßt. Dann wird es mit Frosts verhalltem “Leaving the Army” wieder gespenstisch schön und hippiesk, mit Hagertys “Everyday” schnell und schräg, bevor Callahans Melancholie in “Nothing Rises to Meet Me” dann doch durchbricht, ein für dieses Album erstaunlich ernsthaft arrangiertes und nahezu konventionell vorgetragenes Stück.
Spannender dagegen sind die darauffolgenden Coverversionen, einmal von Randy Newmans “Old Man”, und einmal von Black Sabbaths “N.I.B.”. “Old Man”, hier von Edith Frost gesungen und von Azita Youssefis Piano getragen, ist eine nahezu weihnachtlich anmutende, gehauchte Ballade, die Newmans Altherrensarkasmus durch aufrichtiges Sentiment ersetzt und damit nichts falsch macht. Kitsch ja, aber sehr schöner Kitsch. “N.I.B.” dagegen verliert in Hagertys Händen nichts von seiner heaviness, sondern gewinnt vielmehr zusätzlich ein psychedelisches Element, allerdings psychedelisch im Sinne von “psycho”, durch Hagertys Slidegitarre und wiederum die wunderbaren Streicher, die eine unglaubliche Dramatik erzeugen und sie zugleich wieder selbst zerlegen.
Den Abschluß bildet Frosts Ballade “One Chord Complaint”, wieder eine Hippieballade, verträumt, schräg, schön, eine manchmal lärmende Meditation am Ende einer tollen Platte.
Die “Drag City Supersession” scheint für die Beteiligten ein Riesenspaß gewesen zu sein, was man der Platte zu jeder Sekunde anhört. Eingebettet in ein musikalisches Umfeld, das durchaus etwas von Schönheit versteht, sich selbst aber viel zu wenig ernst nimmt, um kitschig zu sein, das experimentell genug ist, um aus Callahans Zwei-Akkord-Liedern ein Hörerlebnis zu machen, dabei aber nie seine Popaffinität vergißt, brachte dieses Album das Beste der Protagonisten zum Vorschein (nicht, daß ihre eigenen Alben irgendwie schlechter wären) und vereinte es in viel Humor und Spaß. Eine tolle Platte, Hippietum at its best, und dabei doch viel zu ironisch für Hippies. So muß es sein.
The Beatles – “Let It Be”
12. Dezember 2008
Sie ziehen sich gerade wieder ein wenig mehr durch mein Leben, und man kommt eh nicht an ihnen vorbei. Und auch, wenn sich mein Widerwillen gegen die Beatles nach der Liverpool-Dokumentation gestern abend im TV noch ein wenig verstärkt hat und “Let It Be” mein einziges freiwillig gekauftes Beatles-Album ist, soll hier ein Blick auf das finale – und beste – Album der wohl berühmtesten Band der Welt geworfen werden.
Der Haushalt, aus dem ich stamme, war dereinst (und ist es irgendwie bis heute) auch von der Beatlemania befallen, wenn auch eher auf eine philatelistische denn auf eine wirklich manische Weise, und ich kenne die Beatles sozusagen im tatsächlichen Wortsinn seit meiner Geburt. “Let It Be” ist dann auch eine meiner frühesten musikalischen Erinnerungen, eine selbstgemachte, mit hübsch selbstgemaltem Cover ausgestattete Audiokassette, die mir mein Vater schenkte, um mich zu einem Flug mit Großeltern und Tante nach Berlin zu überreden, auf den ich nicht wollte. Die Kassette, die mir ein Stückchen Elternhaus mitgab in die große Stadt, die dabei aber nicht meine kindliche Traurigkeit über das verlassen von Mama und Papa wegschob, machte mir dann auch genug Mut, um diese erste große Fahrt meines Lebens anzutreten, und ich war dann auch wirklich traurig, als diese Kassette auf einer anderen großen Fahrt, gut zwei Jahrzehnte später, ihren Geist endgültig aufgab, unhörbar wurde, in weißgrauem Rauschen versank.
Also kaufte ich mir ein wenig später auf einem Flohmarkt eine gut erhaltene Ausgabe der LP, an der ich mich heute erfreue, auch wenn ich erstaunt feststelle, daß z. B. “Besame mucho” oder “Teddy Boy” darauf gar nicht enthalten sind, sondern von meinem Vater in Anlehnung an den Film einfach zwischenrein gestellt wurden. Trotzdem: “Rubber Soul” (1965) oder “Revolver” (1966), meine beiden anderen Beatles-LPs, verschwinden nach einer Seite meist wieder im Plattenregal, aber “Let it be” bleibt, auch ohne “Besame mucho”.
Es ist das letzte Album der Beatles, die Legende sagt, daß die vier Buben damals schon völlig zerstritten waren und sich nur wegen Keyboarder Billy Preston noch zusammengerissen haben. Legende George Martin hatte zu diesem Zeitpunkt bereits keine Lust mehr auf die Band und überließ erst Glyn Johns und schlußendlich der anderen Legende Phil Spector das Feld, der sich um den Kitsch auf den Songs “Across The Universe” und “The Long And Winding Road” kümmerte (wirklich gräßlich ist die Harfe bei letztgenanntem Song, wenn auch das Streichermotiv wirklich hübsch ist – für einen Disneyfilm). Eine wohlbekannte Geschichte, ebenso wie das Konzert auf dem Dach des Apple Buildings und der ganze Rest.
“Let it be” ist also ein finales Statement, das Zeugnis des Todes einer Band. Und genau das macht dieses Album meiner Ansicht nach zum besten der “Pilzköpfe”, um diesen Begriff auch noch zu bemühen.
Die Songs atmen nahezu alle eine gewisse Melancholie und Düsternis, ob nostalgisch wie in “Two Of Us” oder “Dig A Pony”, ob kitschig wie in “Let It Be” oder besagtem “Long And Winding Road”, oder ob offen schmerzlich wie in “I Me Mine”, und es ist ihnen eine Urtümlichkeit zueigen, eine rauhe Härte, die dem Blues deutlich mehr Raum läßt als den psychedelischen Experimenten (die sich dankenswerterweise hier gar nicht mehr finden), und die sich auch im Geplapper zwischen den Liedern äußert, das logischerweise mehr Spott, Hohn und Sarkasmus ist als das fröhliche Scherzen einer Band, die im Studio ihren Spaß hat (siehe nur Lennons Verarschung von McCartneys Text am Anfang von “Get Back”). Und dennoch fehlen die innovativen Momente nicht: Das heitere “For You Blue” z. B. ist unglaublich zurückhaltend gespielt, kaum eines der Instrumente darf mal ausbrechen, und daraus gewinnt dieser Rhythm’n'Blues eine ziemliche Intensität, wie auch “Get Back”, das außerdem eine ganz unglaublichen Gesangsharmonie im Refrain besitzt und offenbar unter anderem von Transsexualität handelt (oder so), und “Across The Universe” mit seiner kindlich-spirituellen Hoffnung auf Erlösung, das sich schon fast anfühlt wie ein Lennon-Solostück.
“Let It Be” ist das traurigste Album der Beatles (trotz dem flotten “One After 909″ oder dem kraftvollen Rhythm’n'Blues von “I’ve Got A Feeling”), die ich sonst wegen ihrer Harmlosigkeit, die sie aller musikalischer Innovationen und Experimente zum Trotz einfach immer hatten, nie wirklich mochte (gerade im Vergleich zu den boshaften, zynischen, fiesen und coolen Rolling Stones, zumindest bis Anfang, Mitte der 70er), ist ein zerrissenes Album, ein schmerzvolles, wütendes Album, und gerade diese Negativität macht die Platte zu ihrer besten (ein Phänomen, daß sich z. B. auch bei “The Queen is Dead” (1986) von den Smiths findet, oder bei dem ‘98er-Album “Up” von R.E.M.). Diese Tristesse manifestiert sich auch in den Bandfotos, die Lennon versunken oder schmerzlich schreiend zeigen, McCartney versunken oder rehäugig-wehmütig guckend, und Starr nur traurig guckend. Und nur Harrison, der als erster die Schnauze voll hatte und die Band während der Aufnahmen zeitweise verließ, lacht auf beiden Bildern. Außerdem sind “Two Of Us” und “Dig A Pony” einfach meine Lieblingslieder der Beatles.
Der Text auf dem Backcover, der hier “new phase Beatles” verspricht, hatte nicht recht: Nicht die “warmth and the freshness of a live performance” kommt hierbei heraus, sondern die Intimität, die ungeschützte Nähe einer Band, die nicht mehr tut, als ob sich die Mitglieder vertragen würden, sondern die aus ihrem Ende keinen Hehl mehr macht. Das ist verstörend, das ist traurig. Die Beatles, vier Buben aus Liverpool, sind spätestens hier erwachsen, vielleicht sogar für einen Moment lang alt geworden und haben hier, in ihren letzten Atemzügen, ein ehrliches, nahbares, aufrichtiges Album aufgenommen. Der Spaß war vorbei. Schade für Millionen von Fans, gut für dieses Album.
Guns N’ Roses – “Appetite for Destruction”
28. November 2008
So, hehe, Axl Rose beziehungsweise “Guns N’ Roses” hat beziehungsweise “haben” nach gefühlten siebzigtausend Jahren endlich sein beziehungsweise “ihr” neues Album “Chinese Democracy” rausgebracht, und dieses langerwartetste Album aller Zeiten (außer vielleicht dem neuen Beatles-Album nach ihrer Reunion in Originalbesetzung … höhö, kapiert?), dieses unglaublich miese Deppenrockalbum also gibt nun Gelegenheit, auf eine der besten Sleazerock-Platten aller Zeiten zurückzublicken.
1987 veröffentlichten Guns N’ Roses aus L.A. ihr Debut-Studioalbum “Appetite for Destruction” und schlugen damit ein wie eine Bombe (ihre allererste Veröffentlichung, die Live-E.P. “Live ?!*@ Like a Suicide” von 1986, dereinst auf Uzi-Records veröffentlicht, erschien später nochmal als A-Seite der E.P. “G N’ R Lies” und soll hier mal nicht gezählt werden). Schon allein das Artwork, ein Comicbild von Robert Williams, war ein Skandal für sich und wurde alsbald ins Innere der Hülle verbannt und durch W. Axl Roses Tattoo, das die Band als Totenköpfe auf einem Kitschkreuz zeigt, ersetzt, eine allseits bekannte Geschichte. Und auch die Texte waren skandalös im klassischen Sinne, behandelten sie doch das street life, die Drogen, den Alkohol, den zügelloses Sex, das späte Aufstehen und den Rock’n'Roll an sich, gespickt mit einigen kitschigen, aber gar nicht so wirkenden Romantizismen.
Was hat mir diese Platte damals das Herz gebrochen und wieder zusammengeflickt, zahllose Male, Frühteenie, der ich war. Gekauft hatte ich sie mir damals wegen meiner Grundschulliebe, die ich im Konfirmandenunterricht wieder traf (damals hatte ich “Appetite…” schon auf Tape), wo ich erfuhr, daß das ihre Lieblingsplatte war, und als ich sie kurz darauf mit ihrem Freund im Stadtpark traf, wo ich mit meinen Kumpels abhing, wie man das damals so tat, lief ich schnurstracks zum örtlichen Plattenladen und erstand die CD (die damals die LP tüchtig ablöste). Tage-, wochen-, monatelang hörte ich nichts anderes, vielleicht gerade mal “Fade to Black” von Metallica zwischenrein, aber sonst …
Es war natürlich nicht nur mein pubertärer Herzschmerz, der diese Platte damals so gut machte, er öffnete nur meine damalige Thrash-Metal-Borniertheit für dieses Album. Denn genaugenommen ist “Appetite for Destruction” einfach eine richtig gute Rockplatte, die alles hat, was so eine Platte braucht, ohne dabei, und das ist vielleicht das Beste daran, eine Rockplatte im Sinne von Led Zeppelin (vielleicht ein ganz kleines bißchen) oder gar Deep Purple zu sein. Sprechen wir es aus: “Appetite for Destruction” ist eine ziemlich feminine Platte. Was jetzt kein Sexismus sein soll, im Gegenteil: Das rettet das Album davor, einfach eine weitere scheiß Sleazerockplatte zu sein. Denn wo Mötley Crüe oder wer sonst noch ihre Eier schaukelten, ging es bei Guns ‘N Roses um andere Dinge, angefangen bei der optischen Inszenierung der Band selbst: Auf dem Backcover hängen die Jungs ziemlich fertig auf einem psychedelischen Teppich herum und gucken ziemlich ernst und deprimiert, außer dem grinsenden Drummer Steven Adler. Ausgestattet sind sie neben den Jack-Daniels-Flaschen und den Instrumenten mit allerlei Tüchern, Schmuckkram und toupierten Haaren. Das hatten die anderen zwar auch, aber dieses Foto atmete damals schon eine sepiafarbene Melancholie, wie eine verblassende Erinnerung. Dieses Foto wirkte bei all seiner Inszenierung authentisch. Denn obwohl die Jungs hier posen wie sonst noch was, wirken sie müde und existentiell erschöpft.
Diese existentielle Müdigkeit, das Mitdenken des Todes angesichts des verschwendeten Lebens findet sich auch in der Musik wieder: Paranoia (”Outta get me”), das verzweifelte Klammern ans High, das einen vorm Low rettet (”Mr. Brownstone”), die dionysische Drohung an die Unschuld (”Welcome to the Jungle”) und die resignierten Utopien des Junkies (”Nighttrain”, der beste Song der Platte), die Kritik des Outsiders am System und seinem Schein (”Paradise City”, der Hit schlechthin) und freilich diese unglaubliche Romantik der Gosse, wie sie in “Think about you” oder dem Überhit “Sweet Child O’Mine” zelebriert wird. Dabei fehlen die harten Gitarrenriffs über weite Strecken, vielmehr umspielen sich die Licks tändelnd wie kleine Nympchen am Teich, und Axl Roses hoher, emotional ziemlich aufgeladener Gesang, all das verleiht der Platte einen ziemlich deutlichen Hauch campiness. Und hier tut sich einer der spannendsten Widersprüche des Albums auf: Einerseits sehen die Jungs mit all ihren Bändeln und ihrem Haarspray und ihrem Getue aus, als ob sie stundenlang vorm Spiegel zubrächten (und damit sehr Fad Gadgets “Collapsing New People” gleichen), andererseits glaubt man ihnen die Geschichten vom Alkohol und den Drogen, vom Herzschmerz, der Einsamkeit und dem Trotz (und was über ihre Biographie lanciert wurde, verstärkt diesen Eindruck noch), sie wirken tatsächlich aufrichtig. Glam und Gosse in Personalunion.
Das war für den unglücklich verliebten Frühteenie natürlich genau das richtige: Jungs, die schwer an ihrer Existenz zu tragen hatten, die immer den frühen Tod mitartikulierten, der aber ein Absturz aus den höchsten Höhen wäre, die andererseits dennoch extrem stylish waren angesichts des Verderbens, destruktive Gossendandys, denen dann aber doch nicht alles egal war, schließlich glaubten sie immer noch an die allerromantischste Form der Liebe. Das war eine Verheißung und ein Verstandenwerden inmitten des postpubertären Unverständnisses. Das war cool, aber doch nahbar. Das war tough, aber trotzdem sentimental. Hier durfte der Heavy-Metal-Bub auch mal weich werden. Feminin eben. Wie eine saucoole, credible Version von “Drei Nüsse für Aschenbrödel” mit Schlagzeug und Verzerrer.
Und außerdem, das sollte über die ganze Inszenierung der Band und auch vor allem über die Inszenierung der Veröffentlichung von “Chinese Democracy” (das ü-ber-haupt nichts mehr von dem eben Geschriebenen hat) nicht vergessen werden: “Appetite for Destruction” enthält mit sehr wenigen Ausnahmen (vielleicht “Mr. Brownstone”, vielleicht “Anything Goes”) einen Haufen extrem guter Songs, mit extrem guten Riffs und Soli, extrem guten, ans Herz gehenden Melodien und einen ganzen Arsch voll Sturm und Drang fernab von jeder postmodernen Ironie, eine Authentizität (echter Sex in “Rocket Queen” von Axl Rose und Steven Adlers Freundin auf dem Studioboden, himmelnocheins!), die sich die Strokes oder die Hives erstmal näher ansehen sollten, ehe sie das nächste Mal ihre ach so coolen Augenringe in irgendeine Kamera halten.
Also: “Chinese Democracy” pfui, aber “Appetite for Destruction” immer noch hui, hui, hui!
Faith No More – “Angel Dust”
23. November 2008
Beim Abspülen heute vormittag wurde ich von einem multiplen Ohrwurm überrumpelt, ausgelöst vielleicht durch den Blick auf den trüben Hinterhof im trüben Wetter, der mich an die Zeit damals erinnerte, und bestehend aus einigen Songs von Faith No Mores bestem Album “Angel Dust” von 1992, die schlußendlich alle in den Hit der Platte, “Midlife Crisis”, mündeten. Ich hielt inne, tropfende, schaumbedeckte Kuchenteller von gestern in den Händen, und mir wurde düster zumute, ängstlich, plötzlich fühlte ich mich irgendwie verlassen. “Angel Dust” soll es also für heute sein, danke, der Tag ist also gelaufen.
Faith No More galten damals, Ende der 80er, Anfang der 90er, als Protagonisten, wenn nicht gar als Gründer des Genres “Crossover”, das damals Metal, Hardcore und Punk mit HipHop und Funk verband, teilweise auf spannende Art, teilweise auch in sehr unheiligen Allianzen, die heute so dated klingen wie Eurodisco oder Merseybeat. Und auch Faith No Mores erstes kleines Hitalbum “The Real Thing” (1989) mit “Epic” und “Falling to pieces” konnte sich damals prima einreihen in diese fröhliche Musik, Jungs mit langen Haaren und kurzen Hosen, mit bunten Hemden statt Skatershirts, mit bunten Brillen und doofem Rumgehüpfe, die knallige Metalgitarren mit Slapbaß und exaltiertem Gesang zu tanzbarem Bubblegum verarbeiteten und dabei immerhin diese unterschiedlichen Szenen ein wenig vereinigten.
Und dann kam “Angel Dust”.
Allein schon das Cover könnte widersprüchlicher kaum sein: Vorne ein poetisch aussehender Silberreiher vor einem spacig-blauen Hintergrund von Werner Krutein, und hinten Tierkadaver an Fleischerhaken in einer Schlachterei, inklusive des gleichmütig dreinschauenden Kopfes eines toten Rindes. Und die Musik entspricht diesem Widerspruch sehr gut. “Angel Dust” ist ein unglaublich düsteres Album, unglaublich hart und gemein und schön, von brutalem, aggressivem Lärm einer-, tiefmelancholischer Poesie und Epik andererseit geprägt.
Zwar besitzt der Opener “Land of Sunshine” noch den für das Genre typischen Slapbaß, der hier aber nicht mehr so doof und unerträglich klingt wie normalerweise, sondern vielmehr eine gruslige Travestie dieses Tanzbodenelements ist. Und auch der typische Gitarrensound, auf sehr zeitgemäß, ist hier härter, als ob sich eine tiefere Düsternis nur das Gewand dieser Gitarre angezogen hätte.
Sicher, die Platte hat zahlreiche Hits, siehe nur “Midlife Crisis” oder “Be Aggressive” mit ihren überaus tanzbaren, funky Beats und Mitsingrefrains, oder die schönen Popsongs “Everything’s Ruined” und “A Small Victory”, die schöne, sanfte Melancholie von “Kindergarten” (mit seinem an Talk Talk erinnernden Keyboard), oder das ungemein witzige Lied “RV”, das eine White-Trash-Couch-Potato bei ihrer Kontemplation zeigt, Selbstmord inklusive, und gradewegs aus “Eine schrecklich nette Familie” stammen könnte. Aber die grundsätzliche Leichtigkeit des Vorgängeralbums fehlt hier. Die Lieder wiegen schwer, wirken belastet, blicken immer in den Abrund, der sich dann bei “Smaller And Smaller”, “Malpractice” oder “Crack Hitler” dann auch vehement auftut: Lärm, brutale Beats, Pattons aggressives, dringliches Brüllen, eine Zerissenheit, manifest in kleinen, schönen Momenten inmitten der Kakophonien.
Ohnehin: Mike Patton, dieser Irre, der bei “The Real Thing” Chuck Mosley am Gesang ersetzte, und dessen Handschrift bei “Angel Dust” schon deutlich zutage tritt (was dann auch Gitarristen Jim Martin aus der Band trieb), der Faith No More aus dem Crossoversumpf rettete und in ganz andere Dimensionen führte. So ist “Angel Dust” eine wilde Mischung aus Soundtrackelementen, Lärmscapes, Funkbeats, wunderschönen Melodien, ultrabrutalen Gitarren, HipHopmanierismen, melancholischen Keyboards, grusliger, apokalyptischer Samples, pervertierten Stadionrockelementen und einer Menge gemeiner, düsterer, aggressiver Texte, getragen von Pattons vielseitiger, druckvoller, sehr dringlicher und guter Stimme.
Den Abschluß der Platte, ein Appendix, eine Abspannmusik nach einem Splatterfilm, bildet dann plötzlich “Midnight Cowboy” vom Filmkomponisten John Barry, ein versöhnliches lullaby nach einer Höllenfahrt, an deren Ende ein eher wenig attraktives Versprechen auf eine klassisch-alttestamentarisch strafende Erlösung in Form von apokalyptischer Kirchenorgel und -chor steht (eine spätere Auflage enthielt noch Lionel Richies “Easy”, wahrscheinlich der größte Hit der Band, der dem Fan der ersten Stunde (zumindest dieses Albums) ärgerlicherweise erstmal vorenthalten blieb), und man schüttelt verwundert den Kopf und fragt sich: Habe ich das alles eben wirklich gehört, oder war das ein Alptraum?
Der Teenie, der ich damals war, geplagt von Teenagerängsten und -zweifeln, von allgemeiner, unüberschaubarer Teenagerdüsternis, konnte nur beeindruckt und überfordert sein von diesem Album, das einen genauso anzieht wie beängstigt, das eine Düsternis öffnet, die viel beunruhigender ist, als es z.B. Carcass damals waren, weil Faith No More irgendwie trotzdem so menschlich waren, ihr Wahnsinn so normal, nicht zuletzt durch die versöhnlichen, lockenden, süßen Popelemente. Wie der Onkel im langen schwarzen Mantel, vor dem das Kind eigentlich weglaufen sollte, dessen Schokolade aber so lecker ausschaut.
Faith No More haben sich mit diesem Album aus der Crossoverszene befreit und trotz des Slapbasses und des Gitarrensounds mit “Angel Dust” ein zeitloses Album geschaffen, das einen mitnimmt, fertig macht und verängstigt liegenläßt, damit man es gleich nochmal hören kann. Was vielleicht für so einen trüben Sonntag nicht gesund ist. Aber geil.
Oma Hans – “Peggy”
21. November 2008
Ein paar Worte zu einer der besten Punkplatten deutscher Sprache, von einer der besten Punkbands deutscher Sprache. Oma Hans sind eine weitere Inkarnation von Jens Rachut (und Co.), vormals Blumen am Arsch der Hölle, Angeschissen und Dackelblut, und heutzutage Kommando Sonne-Nmilch. Jens Rachut, Punk-Urgestein, Ewig-Angepisster, intellektueller Proll, prolliges Genie, Verweigerer, Sänger von Bands mit den besten bescheuerten Namen aller Zeiten, Autor von Texten mit den schönsten, intelligentesten grammatikalischen Fehlern, Verfasser absurder achronologischer Hörspiele, und Schauspieler ist er wohl zudem noch.
Freilich hatte ich von Rachut schon vor “Peggy” gehört, ihn aber nie weiter beachtet. Als Dackelblut dereinst hier in der Stadt gespielt haben, habe ich sie verpaßt, und Oma Hans habe ich eigentlich erst durch ihr letztes Album bemerkt, eben durch “Peggy”. Und positiv aufgefallen ist mir die Platte erstmal nicht: Das Cover gehört mit zum Häßlichsten, was ich je gesehen habe (und bildet, so das Internet, Teile des Oma-Hans-Nachwuchses ab), der Bandname ist auch irgendwie, naja, blöd. Nur der Titel, dieser DDR-Schicksenname, der hier so selbstverständlich auf dem doppelseitig geilen Cover steht und die Häßlichkeit auf die Spitze und darüber hinaus treibt, war irgendwie unverschämt attraktiv. In der Hoffnung, bei den Typen vorne drauf nicht Oma Hans selbst ins fiese Grinsen zu gucken, hörte ich also einfach mal rein und erwartete grotesken Funpunk oder so. Nicht erwartet hätte ich, was ich aber zu hören bekam.
Erstmal legt die Platte mit einem Gitarrenriff los, das irrsinnig druckvoll ist, ohne dabei protzig zu sein. Das hektisch ist und doch irgendwie schleppend, und irgendwie gar nicht Punk, bevor Rachut mit verzweifelt-angepissten Stimme eine Dystopie Beckett’schen Ausmaßes brüllt, die dabei aber in der Gosse geerdet bleibt und in der Aussicht, das höchste der Gefühle werden grade mal “Neue Büsche” sein. Nichtmal Bäume.
“Gummiwände”, der zweite Song, ist ein offener Diss gegen Kettcar (irgendwer warf Rachut vor, sowas nicht nötig zu haben, aber die Zeile “Landungsbrücken sprengen, depressive Anekdoten, die keinem etwas helfen außer Geld” ist in ihrer Gehässigkeit schon arg schön), bevor mit “Kreisverkehr” neben “Die Mole” einer meiner beiden Lieblingssongs kommt, beide traurige, verzweifelte, resignierte Stücke. “Kreisverkehr” besitzt eine wunderbare kleine Melodie, ein treibender Beat, und textlich eine Mischung aus (wieder) Punk-Angepisstheit und eigenartiger Naturmetaphorik, einer verzweifelten Intimität und einer großen, schrecklichen Kälte – sowohl textlich als auch musikalisch einer der besten Punksongs (und darüber hinaus) überhaupt.
“Der Rasenmäher” wiederum ist ein dreckiges Stück Lärm mit einem fassungslosen, hasserfüllten antisexistischen Text, ähnlich radikal und auf den Punkt wie z.B. EA80s “Fleischer” (meine eigentliche Lieblingspunkband, die Oma Hans mit “Peggy” allerdings, soviel sei zugegeben, mit einem Fingerschnippen von Platz Eins auf meinem persönlichen Punkolymp geschubst haben). Direkt danach erzählt “Die Mole” eine unsagbar traurige Geschichte von Liebe, Tod, Verlust und Einsamkeit, im Refrain getragen von der kleinen Zweitstimme Peta Devlins.
Und auch der Rest der Platte bewegt sich textlich wie musikalisch immer hart am Rand der Apokalypse, egal ob es ulkig um den Schrecken des eigenen Körpers (”Tinnitus”) geht oder um die humorige, aber dennoch grauslige Vernichtung des Kapitalismus durch unsterbliche Indianer (”Apachen über Hamburg”), um abstrakte Geschichten, an deren Ende U-Boote platzen wie Luftballons (”Königin der U-Boot Stadt”) oder, und hier wird es wirklich grotesk lustig, um Handys, die in Särge fallen, sich in den Falten des Leichenkleides verlieren und später einen netten Plausch mit dem Leibhaftigen persönlich ermöglichen (”Leichenkleid”).
Es ist faszinierend, wie all die Angepißtheit, all die Wut und die Abscheu hier in musikalische Feinheiten verpackt sind, in Melancholie und Gespür für Melodien hinter dem Geschrei und Gezetere. Und vor allem faszinierend ist diese “physische Dringlichkeit”, wie es die Jungle World treffend nennt, diese unglaubliche Präsenz Rachuts, die “Peggy” unglaublich intensiv macht.
Vielleicht verläßt “Peggy” das Deutschpunkgenre tatsächlich zeitweise, aber nicht, um z.B. wie die tollen Boxhamsters (oder im schlimmeren Fall wie die öden Kettcar) im Indie-Pop zu landen, sondern vielmehr um den Emotionen Platz einzuräumen, um en passant eine tiefe Reife und Ernsthaftigkeit zu erlangen, wodurch sich Oma Hans diesen absurden Humor leisten können, diese mit Absicht falsche Grammatik, die Vulgarität zwischen der Poesie, weil sie keinen aufgesetzten Ernst nötig haben. Die Platte ist einfach zu gut, um “nur” Punk zu sein, und ist doch genau das und nichts anderes.
Aztec Camera – “High Land, Hard Rain”
1. November 2008
Gegen diese kalten, grauen Herbsttage habe ich da was: Aus einer Kruschtkiste von irgendeinem Flohmarkt gezogen, ist “High Land, Hard Rain”, das Debut von Aztec Camera, dem Titel zum Trotz eine wunderbare Medizin, ein Pillendöschen voller hervorragend erhebender Musik. Aber von vorn.
Aztec Camera kennt man am ehesten von ihrem (einzig wirklich großen) Hit “Somewhere In My Heart” (1988), ein romantischer, für die 80er typischer Schmusepopsong höherer Qualität, mit dem richtigen Maß an drive und Kitschfreiheit, um sich ein wenig von den anderen Schmusepopsongs dieser Zeit abzuheben. Dieses Lied täuscht in seiner Seichtheit allerdings gut über das Können dieser Band hinweg.
Wobei Band euphemistisch ist: Von der ständig wechselnden Besetzung der 1980 gegründeten Schotten ist Sänger, Gitarrist und Songschreiber Roddy Frame der einzig beständige Teil, und der Übergang von Aztec Camera zu Frames Soloalben sei, so das Internet, ein fließender gewesen. 1980, Frame war damals gerade 17 Jahre alt, gehörten sie aber zu einer neuen glasgower Independentszene von Pop-, Postpunk- und Wave-Songwriterbands (oder so ähnlich), denen neben Aztec Camera unter anderem auch Orange Juice, Josef K oder die Go-Betweens (nanu?) angehörten, und die ihre ersten Singles auf dem mittlerweile verendeten Label Postcard Records veröffentlichten. Nachdem dieses Label wieder Geschichte war, landeten Aztec Camera bei Rough Trade, später dann bei Sire und WEA. Rough Trade allerdings sind Schuld daran, daß ich dieses Album irgendwann erstanden, und ein wenig später lieben gelernt habe.
Auch ich kannte damals nur “Somewhere In My Heart”, kaufte mir für eventuelle Schmuserunden auf Parties sogar die 7″, und stolperte plötzlich beim Autofahren während des Hörens eines Rough-Trade-Samplers über ein wunderschönes Lied, das mit einer Menge juvenilem Herzblut vorgetragen war, mit viel Schwärmerei und einer irgendwie punkigen Attitüde in all seinem Wohlklang, und das mich ob seiner verrückten, überraschenden und doch immer harmonischen Tonart- und Rhythmuswechsel ziemlich beeindruckte. Da steckten mehr gute Melodien drin als bei manch anderer Band auf einer ganzen Platte. Außerdem kannte ich das Lied schon in einer sehr zarten, weichen Version von den Mystic Chords Of Memory, zu hören auf dem Jubiläumssampler zum 25sten Geburtstag von Rough Trade, aber diese urtümlichere Version beeindruckte mich ungleich mehr. Aha, sagte mein Gedächtnis, das sich an die Linernotes des Samplers erinnerte: Aztec Camera. Und dann: Huch? Aztec Camera??? Die sind ja gar nicht so kitschig, wie ich immer dachte!
Ein wenig Recherche brachte dann diese Informationen: “We Could Send Letters”, dieses wunderbare Lied, stammt von eben diesem Debut der Band und wurde für den Rough-Trade-Sampler nochmal “akustisch” aufgenommen, und kurz darauf hielt ich durch einen glücklichen Zufall die LP in den Händen.
Gleich vorneweg: Einer der größten Pluspunkte dieses Albums ist der weitgehende Verzicht auf Instrumente jenseits von Schlagzeug, Baß und Akustikgitarre (oder, etwas seltener, eine unverzerrte E-Gitarre), was den Liedern darauf einen schön folkigen Flair verleiht, eine punkige DIY-Unbekümmertheit (so täuscht der 80s-Baß und das 80s-Schlagzeug am Anfang der Platte eine typische zeitgemäße Popscheibe an, und es ist eine große Freude, statt Synthieflächen nur die wunderschöne Akustikgitarre zu hören). Und dennoch ist jeder einzelne Song ein großes Statement voller Romantik, von eben einem jugendlichen Schwärmer aufgenommen, der mit bescheidenen instrumentalen Mitteln die ganz große Geste wagt. Daß das nicht schief geht, liegt zum einen am großen Können der Musiker, die sich durch Akkorde hangeln, die ich nichtmal kenne, ohne dabei im Geringsten verkrampft, angeberisch oder großkopfert zu wirken, sondern nur in die Musik verliebt. Zum anderen singt Roddy Frame ganz entzückend. Denn er kann wahrhaftig singen, hat eine wunderschöne Stimme, und doch klingt er wie der Junge von nebenan, als ob sich hinter seinen glasklaren Melodien ein irgendwie räudiger Spitzbube verbergen würde. Heute würde man ihn vielleicht mit dem jungen Conor Oberst ohne Depressionen vergleichen.
Und das ist ein weiterer schöner Punkt der Platte: Sie ist voller Sehnsucht (gerade “We Could Send Letters” oder “Walk Out On Winter”), aber niemals traurig. Sie umarmt das Leben auf eine unkitschig kitschige Art, wie das nur die unbekümmerte Jugend schafft (in den Latinorhythmen (?) des Openers “Oblivious” oder im Mitsingrefrain von “The Boy Wonders”), sie strotzt vor Popappeal und bleibt dabei sehr geerdet. Durch ihre reduzierte Instrumentierung klingt sie, als könne das jeder machen, und dadurch schafft sie eine große, freundschaftliche Nähe zum Hörer, und “Back On Board”, das mit seiner Orgel und seinen gospeligen Backgroundsängerinnen etwas üppigere vorletzte Stück mündet in das nur mit Akustikgitarre begleitete “Down The Dip”, das nochmal von “stupidity and suffering” redet, dabei aber nicht verzagt, sondern so lebendig klingt, wie man es sich nur wünschen kann.
Jugendlicher Schönklang und Übermut, große Gesten, große Melodien und ein großes Können auf einer kleinen Instrumentierung, Romantik, Vehemenz, Sehnsucht, meine Güte, was für eine prima Platte, um einen durch den Winter zu bringen!












