Ade, Kate und Jay
20. Januar 2010
Kate McGarrigle und Jay Reatard sind beide kürzlich verstorben. Schlaft gut, Kate und Jay.
Bill Callahan – “Sometimes I Wish We Were An Eagle”
12. Januar 2010
Fast fällt es mir ein wenig schwer, überhaupt von dieser Platte zu schreiben und damit an eine – zumindest angenommene – Öffentlichkeit zu tragen, was bisher eine Sache großer Einsamkeit und größter Intimität war, doch ist mir “Sometimes I Wish We Were An Eagle”, der Zweitling Callahans unter seinem eigenen Namen, im letzten halben Jahr so sehr ans Herz gewachsen, daß ich damit nun doch nicht mehr hinterm Berg halten, sondern vielmehr der geneigten – angenommenen – Öffentlichkeit dieses Album sehr, sehr, sehr ans schwere Herz legen möchte.
Es gilt, irgendwie analog zu diesem Album, einen Moment lang persönlich zu werden: Neben allerlei zeitfressender Unbill war mein vergangenes Jahr weitgehend geprägt von langen Autofahrten, die emotional nicht immer belanglos waren. Nun macht es sich auf solchen Autofahrten quer durch’s halbe Land immer ganz gut, flotte Musik zu hören, um wach, aufmerksam und unterhalten zu bleiben. Aber nach ein paar Stunden des monotonen Geradeaus im Stop-and-Go hängt einem der Punkrock dann doch zum Hals raus, und das Bedürfnis nach einer eher umhüllenden, den Hörer einbettenden und irgendwie kosenden Musik macht sich breit. Live-Bootlegs sind da eine feine Sache, die Audiobooks für Audiobookhasser wie mich sozusagen, oder aber eine kleine Handvoll spezieller Platten. “The Life Of The World To Come” (2009), das neue Album der großen Mountain Goats, ist so eine Scheibe, “Farewell Sorrow” (2003) von Alasdair Roberts, oder aber eben “Sometimes…” von Bill Callahan.
Mit seinem zwölften Album “Woke On A Whaleheart” (2007) legte Callahan sein bisheriges Pseudonym “Smog” bzw. “(Smog)” ab, um fortan unter seinem Geburtsnamen zu veröffentlichen. Dabei schien er – vielleicht ist das seiner damals noch glücklichen Liaison mit Joanna Newsom geschuldet – plötzlich irgendwie konkreter zu werden, als man es bisher von ihm kannte (abgesehen vielleicht von seinem, wie ich finde, schönsten Album “Supper” von 2003). Er legte die Arrangements in die Hände des Royal-Trux-Vorstehers und, nun ja, halt doch auch: Rockers Neil Michael Hagerty und wurde plötzlich irdischer. Das mündete in solch wunderschöne Songs wie “Sycamore”, in Indie-Disko-Hits wie “Diamond Dancer”, aber auch in allerlei belanglosere Lieder, jedenfalls im direkten Vergleich zum restlichen Callahan-Kosmos.
Und dann kam “Sometimes I Wish We Were An Eagle”. Und mit diesem Album kam zumindest teils eine Rückbesinnung auf den früheren Minimalismus Callahans, ohne dabei vielschichtige Arrangements wieder komplett abzulegen, sondern diese vielmehr aus Hagertys 70’s-geschultem Rock in neue, kargere, vielleicht auch psychedelischere Höhen zu überführen.
“Jim Cain” eröffnet das Album, und dieses Lied gibt auch die neue Richtung an, in der seitens der Musikpresse fast schon notorisch zitierten poetologischen Zeile “I used to be darker, then I got lighter, then I got dark again”, und diese – fast schon holprige – Aussage Callahans gewinnt gerade vor den leichten, kleinen Gitarrenfiguren eine Schwere, die wehtut.
“Sometimes…” handle, so liest man hier und dort im Internet, von einer Trennung, und ich kann nur spekulieren, ob Callahan hier Joanna Newsom besingt oder jemand anderen, oder einfach nur seine Sicht auf die conditio humana an sich, aber es ist auch egal: In den subjektivsten Liedern solcher Künstler liegen meist die universellen Wahrheiten, und Callahan begibt sich hier auf die Suche nach ebendiesen, auf eine Reise durch sein neues Album, das von Nähe und Ferne handelt, von Versuchung, Schuld, Liebe und Tod, von den letzten Dingen also.
Scheint bei “Jim Cain” noch eine melancholische, aber dennoch friedliche Abendsonne, die den Aufbruch bei allen Gefahren noch positiv zeichnet, so steigt “Eid Ma Clack Shaw” hinab in die Tiefen schlafloser, qualvoller Nächte, ach, wer kennt sie nicht, diese schrecklichen höhnischen Träume, in denen der geliebte Mensch wieder neben einem liegt, nur um sofort danach aufzuwachen und die andere Betthälfte wieder leer zu finden und sich weiter zu winden und mit Erinnerungen zu quälen? Es geht der Mythos um, daß ein Dichter in solchen Situationen immerhin noch die Erlösung des künstlerischen Prozesses auf seiner Seite hätte, die Worte, die einem schreibend die Erlösung bringen. Callahan zeigt aber, daß auch das nur eine Mär ist, und daß Worte überhaupt nichts helfen angesichts dieses Schmerzes. Denn sein erträumter “perfect song” ist nichts als ein Haufen hingekritzelter Quark, der sich jeder Sinngebung verweigert: “Eid ma clack shaw / Zupoven del ba / Mertepy ven seinur / Cofally ragdah”.
Es ist weiterhin der zutiefst einsame, verlassene Mensch, durch dessen Schmerz und Verlangen, durch dessen Schuld und Wut, durch dessen Träume und Trugbilder Callahan den Hörer führt, in Liedern, die den Moment beschreiben, in dem das Ungreifbare fast greifbar wird, aber nur fast, wie in “The Wind And The Dove”, in denen die Täuschung ihre Kraft verliert (“Rococo Zephyr”), in denen das vermeintlich Böse, das Verlangen, der Adler in “All Thoughts Are Prey To Some Beast”, dem verzweifeltsten Lied auf dieser Platte, sich seinerseits nur als einsam und heimatlos herausstellt. Und selbst das uptempo-Stück “My Friend” hat einen unheimlichen Subtext, einerseits erzeugt durch Callahans bedrohlich tiefe Stimme im Refrain, andererseits durch den geisterhaften Chor, der das Stück plötzlich in ein kurzes Moll kippen läßt.
Dabei bedient sich Callahan einer kargen, repetitiven Naturmetaphorik, zieht immer wieder Vögel als Sinnbilder von Freiheit einer-, aber auch Heimatlosigkeit andererseits heran, die über entlaubten Winterbäumen kreisen oder über tristen Flüssen, und transzendiert mit seiner sonoren, unaufgeregten Stimme die klassischen Herzschmerz-Topoi tatsächlich in universale Überlegungen, und was wie die Verarbeitung von Trennungsschmerz aussieht, wird ein Hinterfragen und Reflektieren der ganz eigenen letzten Dinge. Weil Callahan aber freilich nicht wirklich sich selbst preisgibt, geht es hier um jeden Menschen und am Ende um alles. Callahan selbst bleibt ungreifbar.
Dieser Eindruck wird auch von der Musik gestützt. Wie schon früher sind Callahans Lieder geprägt von mantrahaften Wiederholungen, von viel zu langen Pausen zwischen einzelnen Zeilen, von Akkorden, die oft viele Takte länger gespielt werden, als es andere Musiker tun würden, von einer seltsamen Monotonie, und was Gefahr läuft, langweilig zu sein, ist tatsächlich ein sehr zwingender Sog aus Klang und Callahans tiefer, stoischer Stimme. Und immer wieder tauchen Melodien und Harmonien von einer unglaublichen Schönheit auf, seien es die kleinen Gitarrenharmonien von “Jim Cain”, seien es die psychedelisch-orientalischen Holzbläser von “The Wind And The Dove”, sei es die fast schon witzige Frauenstimme, die in “Rococo Zephyr” ein operettenhaftes “Rococo” singt, seien es die dräuenden, unheimlichen Pianofiguren in “Eid Ma Clack Shaw” oder der ebenso dräuende, unheimliche Baß in “All Thoughts Are Prey To Some Beast”, in dem sich Callahan aus seiner Ruhe in eine ungewohnt dringliche Verzweiflung hinaufsingt.
Die Liaison mit Newsom hat auch musikalisch ihre Spuren hinterlassen. Wo auf “Whaleheart” noch Soul und 70’s-Rock bzw. -Pop dominierten, sind es hier die feinfühligeren Folkarrangements von Brian Beattie, die dem Album ebenso viel Schönheit wie Ungreifbarkeit, ebenso viel ländliche Abendsonne wie schwarzromantische Trugbilder schenken. Wundersame Akkorde hört man hier, märchenhafte Holzbläser und Streicher, Callahan wechselt oft die Geschwindigkeiten seiner Lieder und verharrt dennoch in einer unruhigen Ruhe, einer nervösen Getriebenheit inmitten einer viel zu müden Schläfrigkeit, und dann überrascht er den Hörer immer wieder mit neuen Melodien inmitten seiner Zwei-Akkord-Lieder. Man möchte manchmal fast den Begriff “Hippie” verwenden, wäre Callahans Welt nicht doch zu dunkel und zu karg dafür.
Und am Ende kommt Callahan noch auf Gott zu sprechen, das letzte der letzten Dinge: “It’s time to put God away” singt er im fast zehnminütigen Abschlußstück “Faith/Void”, denn die Reise durch die vorherige Songsammlung führt schließlich nur zu einer Erkenntnis: Alle Sicherheit ist Illusion, alles Vertrauen eine Lüge, der Mensch ist und bleibt allein und isoliert. Die Luft, in der Callahan sich hier bewegt, ist kalt, aber sie ist auch klar, frei von der Notwendigkeit, sich mit Lügen zu beruhigen. Es gibt keinen Gott, es gibt keinen Menschen, dem man nahe sein kann. Die Flöten und die Gitarren in “Faith/Void” feiern jubilierend diese Erkenntnis, während Callahan dieses Nichts als antireligiöses Mantra wieder und wieder besingt. Denn die Erkenntnis, vollkommen frei zu sein, ist bei aller Einsamkeit, die das mit sich bringt, dennoch eine frohe und ungemein beruhigende.
Ade, Rowland
1. Januar 2010
Am 30. Dezember 2009 ist Rowland S. Howard gestorben. Heute habe ich es mitgekriegt. Schlaf gut, Rowland.
Und, lieber Weltgeist: Jetzt reicht es dann erstmal.
www.myspace.com/rowlandshoward
outta-the-black.webs.com
www.thebirthdayparty.com.au
Ade, Vic
1. Januar 2010
Am 25. Dezember 2009 starb Vic Chesnutt. Heute habe ich es mitgekriegt. Schlaf gut, Vic.
Nick Cave – “The Death of Bunny Munro”
30. November 2009
Nun will endlich auch ich hier die vielzitierte Ausnahme von der Regel tun und eine Veröffentlichung besprechen, deren hörbare Frequenzen sich im Rascheln von Papier erschöpfen: ein Buch nämlich, namentlich “The Death of Bunny Munro” von Nick Cave. Und spätestens hier wird dem geneigten Leser klar, daß der Schritt von meinen sonstigen kleinen Plaudereien hierher zu dieser speziellen nicht wirklich ein großer ist, steht Nick Cave doch nun schon seit geraumer Zeit einigermaßen komplett bei mir im Platten- beziehungsweise CD-Regal (auch, wenn mir seine neuen Platten nicht mehr so gut gefallen wie die mittleren Bad-Seeds-Scheiben, aber dazu ein andermal), und eben auch im Bücherregal, mit “And the Ass Saw the Angel” und “King Ink”, und seit kurzem auch mit “The Death of Bunny Munro”.
Letzteres ist Caves zweiter Roman nach “And the Ass…” (1989), über den Australier Cave selbst muss man wahrscheinlich nicht mehr viel Worte verlieren: Boys Next Door, Birthday Party, vor allem die Bad Seeds und jüngst Grinderman seien als Stichworte genannt, ebenso Blixa Bargeld, Mick Harvey, Kylie Minogue, und vielleicht sei noch seine Arbeit im filmischen Sektor erwähnt, John Hillcoats “Ghosts … of the Civil Dead” (1988) z.B. oder das Drehbuch von “The Proposition”, 2005 ebenfalls von Hillcoat verfilmt, Auftritte und die Soundtrackbeiträge zu Wenders-Filmen etc. Dann könnte man noch, um ein paar inhaltliche Eckpfeiler zu etablieren, Begriffe wie “Heroin”, “Rabenhaar”, “Prediger”, “alttestamentarischer Zorn”, “Blues”, “Punk”, “Klavier”, “Wilde Rosen”, “schöne Melodien” und “Lärm” ins Feld führen, den ganzen Rest dem schlauen Internet überlassen und sich um “The Death of Bunny Munro” kümmern.
Wie gesagt, seit einiger Zeit stehe ich den Platten Caves etwas verhaltener gegenüber, als es schonmal der Fall war, und auch, wenn das Doppel- beziehungsweise Zweifachalbum “Abattoir Blues/The Lyre of Orpheus” (2004) nochmal ziemlich gut und vor allem abwechslungsreich und überraschend ist, meine liebsten Nick-Cave-Platten sind die Bad-Seeds-Alben zwischen “Kicking against the pricks” (1986) und “Henry’s Dream” (1992). Sein erster Roman, den ich damals anfang der 90er verschlungen habe wie nichts Gutes (in der deutschen Übersetzung allerdings), schien mir beim Versuch, ihn vor ein, zwei Jahren wiederzulesen, arg aufgesetzt, zu pathosbeladen, zu alttestamentarisch, zu vollgestopft (in der deutschen Übersetzung allerdings), und ich mußte es nach ein paar Seiten einfach genervt aufgeben. Und nun “The Death of Bunny Munro”.
Die Kritiken haben sich vor Lob beinahe überschlagen in ihren Rezensionen, wie man auf der Homepage von Kiepenheuer & Witsch nachlesen kann, bei denen das Buch auf deutsch erscheint. Doch hier und da wurde auch Kritik z.B. am Finale des Romans laut (die, dazu später, durchaus berechtigt ist), und so zögerte ich doch einige Zeit, bis ich mir das Buch in der englischen Paperbackausgabe in einem Anfall samstäglicher Shoppingsucht doch kaufte. Kaufte, aufschlug, zu lesen begann und es in einem Rutsch durchlas, amüsiert, zeitweise begeistert, zeitweise richtig traurig, nur am Ende kurz leicht genervt, aber im Großen und Ganzen sehr positiv überrascht.
Vielleicht dies jetzt gleich: Nick Cave ist ein großer Liedermacher, ein großer Liedtexter, eine insgesamt beeindruckende Gestalt, aber er ist freilich kein Autor von Weltliteratur. Behält man diese Einschränkung im Hinterkopf, dann ist “Bunny Munro” ein richtig gutes Buch. Im Gegensatz zu seinem Debutroman hat Cave sein alttestamentarisches Donnern und Zürnen ab- und sich stattdessen einen fast schon leichtfüßigen Erzählstil zugelegt. Sein Zweitling erzählt die Geschichte des Kosmetikvertreters Bunny Munro, ein notorischer Schwerenöter und Weiberheld, völlig vaginafixiert, über seine besten Jahre hinaus, aber noch immer mit dem gewissen Etwas (seiner Meinung nach), das ihm die Weiber reihenweise ins Bett treibt, auch wenn sie es hinterher meistens bereuen. Mit Schmalzlocke und jovialer Borniertheit stolziert Bunny also vom Verkaufsgespräch zum nächsten Fick und zurück, bis seine Frau Libby sich erhängt – ein Akt der Verzweiflung, der Abscheu vor und der Rache an Bunny, mit einer gewissen Perfidität, die Bunny den Rest des Romans – und seines Lebens – verfolgen wird. Bunny bleibt zurück, und mit ihm sein Sohn Bunny Jr., den er bis dato kaum beachtet hat und mit dem er auch weiterhin nicht viel anzufangen weiß. Nach einer Trauerphase, die bei Bunny eher ein Besäufnis mit seinen Kumpels ist, unterbrochen nur von kurzen Momenten ungenützter Erkenntnis über seinen Verlust und seinen Sohn, schleichen sich plötzlich surreale Momente ein, stimmt plötzlich etwas nicht mehr, überfallen Bunny plötzlich abstrakte Vorahnungen. Bunnys schnurgerades, borniertes Macholeben bekommt plötzlich Risse. Bunny packt seinen Sohn ein und steigt in sein Auto, on the road again, und macht sich entlang der englischen Südküste auf eine letzte Verkaufs- und Ficktour, sein Sohn auf dem Beifahrer- und eine immer größer werdende Finsternis auf dem Rücksitz, seinem schon im Titel angekündigten Tod entgegen.
Caves Version des “Death of a Salesman” ist auf den ersten Blick die recht lineare Geschichte vom Niedergang eines ziemlichen Unsympaths, der seine Illusion ewiger Geilheit nach dem Tod seiner Frau, mit dem auch ihm selbst klar werden muß, daß er längst aufgeflogen ist, nicht mehr aufrecht erhalten kann, und der an seiner eigenen Erbärmlichkeit zugrunde geht. Erzählt ist das Ganze mit einem gewissen Furor, mit viel Humor, Caves – hier erfolgreich kanalisierter – Sprachgewalt, einer zunehmenden, surrealen Metaphysik (die sich, gepaart mit einer Prise Medien- und Gesellschaftskritik, in der Furche manifestiert, die ein mit Plastikhörnern und Teufelsgabel bewehrter, Überwachungskameras geradezu suchender Serienmörder durch England schlägt – eine von Cave mit voller Absicht inszenierte, derart plumpe Metapher, daß es nur so eine Freude ist) und einer unglaublichen, an allen Ecken und Enden unpassenden Sex- und vor allem Vaginafixierung, die sich wiederum – neben absolut und ausnahmslos allen Frauen – auf Avril Lavigne, Kylie Minogue und nochmal Avril Lavigne konzentriert (und oft in ziemlich komischen, grotesken Sätzen wie z.B. “Easy, no problem, vagina, vagina” gipfelt).
Es ist sicher nicht die Story selbst, die den Roman zu einem guten Roman macht und die, wie auch die Songtexte Caves, vor allem von den letzten Dingen handelt. Vielmehr beweist Cave eher in Kleinigkeiten und Details ein großes Gespür für emotionale Zwischentöne, für die Tragik der ins Leere laufende Kommunikationen zwischen Vater und Sohn und für die ganzen vergeudeten Chancen zur Erkenntnis, die Bunny Munro zwar ahnt, aber bis zuletzt nicht ergreifen kann. Zwischen all der groben, hysterischen Sexualität, den Zoten und der Männlichkeit von Bunny Sr. gibt es immer wieder ergreifend einfache, stille, tieftraurige Momente, in denen Bunny Jr. im Mittelpunkt steht, in denen Cave hellsichtig die Perspektive des neunjährigen Jungen einnimmt, dessen ewig entzündete Augen dem Vater ebenso entgehen wie alles andere, der mit einer Schicksalsergebenheit seine Trauer, Verzweiflung und Einsamkeit im Zaum zu halten versucht und der seinen Vater trotz allem bewundert und liebt. Es zerreißt einem schier das Herz, wenn Bunny Jr. allein auf dem Beifahrersitz wartet und sich von vorne nach hinten durch seine Enzyklopädie arbeitet, ein Geschenk seiner Mutter, während sein Vater Kosmetika und seinen Pimmel an die Hausfrau zu bringen versucht, und ihn seine Einsamkeit überwältig und er sich so sehr nach seiner Mutter sehnt, daß diese ihm als Geist erscheint, ein schwacher Trost, denn der Geist verschwindet freilich wieder und läßt den kleinen Bunny allein in dieser fürchterlichen Welt zurück. Und selbst, als Bunny Munros Beunruhigung immer größer wird, bleibt sein Blick auf sich selbst gerichtet, entgeht ihm sein Sohn und dessen kranke, eitrige Augen und dessen wundes, kleines Herz.
“The Death of Bunny Munro” ist tatsächlich ein schönes Buch, voller Witz und Trauer, voller Geilheit und Einfühlsamkeit, und nur ganz am Ende gerät Cave wieder sein biblischer stream of consciousness außer Kontrolle, und er gleitet ab in einen Pathos, der dem wohltemperierten und dennoch furiosen Restbuch ein allzu plump moralisches Bein stellt. Das sei Cave aber verziehen, denn die ersten neun Zehntel lohnen sich auf jeder Seite, seine Charakterisierung von Vater und Sohn und vor allem der Unmöglichkeit zur Verständigung zwischen den beiden ist mit dem gebotenen Respekt und dem größtmöglichen Humor beschrieben, und gerade der fließende Wechsel zwischen den grobschlächtigen Zoten des Vaters und den poetischen Momenten des Sohnes zeugt vom Können Caves, von seiner literarischen Leichthändigkeit.
Wie gesagt, “The Death of Bunny Munro” ist keine Weltliteratur, es ist vielleicht auch nicht das literarische Meisterwerk, das die Presse ab und an sehen will, aber es ist ein schönes, lesenswertes Buch und vielleicht doch ein Meisterwerk für einen Autor, der hauptberuflich Musiker ist.
Die Nuts – “Irgendwas fehlt immer” & “Selber”
17. November 2009
Wenn man die 30 überschreitet und also in ein sogenanntes reiferes Alter kommt, dann ändert sich auch langsam die Form des Protestes und des Widerstandes. Wo man in der Jugend noch “No Future” brüllt, seine Eltern ignoriert, den Lehrern den Stinkefinger zeigt, sich mit Kuli “Anarchy”-As auf die zerrissenen Jeans malt und die Welt nicht verändern, sondern nurmehr abkacken sehen will, wird man mit dem Alter zwangsläufig ruhiger, aber auch klüger. Man legt sich Strategien zurecht, wird kompromissbereiter, vielleicht auch ein bißchen resignierter, aber man bekommt ein Geschenk, das einem vieles leichter macht: Humor. Und so, wie sich die Überlebensstrategien ändern, so ändert sich auch die Musik, die den Kampf im und gegen den Alltag begleitet. Und die den Hörer im besten Fall überhaupt erst zum Kampf motiviert. An diesem Punkt haben sich wohl die wunderbaren Nuts befunden, als sie ihre beiden – offenbar leider einzigen – Alben “Irgendwas fehlt immer” und “Selber” aufgenommen haben.
Zu der Zeit, in der sich die Nuts bereits wieder auflösten, hätte ich ihre Musik wahrscheinlich nicht hören wollen. Mitte der 90er steckte ich noch tief im Post-Teenage-Angst-Sumpf fest, hatte Grunge für mich entdeckt und wieder hinter mir gelassen und mit ihm eine neue Melancholie gefunden, die sich durch meine Erkundungen von Alt.Country und den Nine Inch Nails zog und die Kämpferisches eher in ein Seufzen oder bestenfalls in die lebensweise, sexuell aufgeladene Dandy-Spiritualität von Leonard Cohen übersetzte. Und nur Chumbawamba bildeten – musikalisch wie politisch – eine vitale Ausnahme. Wahrscheinlich hätte ich die Nuts damals nicht unbedingt hören wollen (aber wer weiß), wahrscheinlich hätten sie mir aber gutgetan.
So fand ich also erst mit Anfang 30 zu ihnen, auf einer Party, auf der ein Freund das lustige Ska-Pop-Stückchen “Halt dich an deinem Haß fest” von “Selber” spielte, und ich belustigt, aber auch irgendwie bewegt zuhörte: Wie vital klang dieses Lied, wie tröstlich. Wie hier mit demselben Gestus, mit dem man sonst Schulkinder belehrt (allein der Begriff “Schießgewehr”! Der schulhofartige Satz “…und vergiß nicht, wer schuld ist, daß du traurig bist”!), das Private hochpolitisch gemacht wird und man tatsächlich die Revolution um die Ecke spicken sieht, die hochpolitische Revolution im Privaten.
Genau darum geht es den Nuts: Mit spielerischer Leichtigkeit, viel Ironie und ganz großer Musikalität wird hier hinter vermeintlich harmlosen Melodien und vermeintlichen Lebenshilfetexten die Revolution ausgerufen, aber erfreulicherweise ohne verbissen, altlink oder lächerlich zu wirken. Vielmehr schlendern, hüpfen, torkeln, laufen die vier Altöttinger leichtfüßig durch die Musikstile, von Ska bis Surf, von Pop bis Punk, von HipHop über NoWave hin zu Liedermacher, dabei immer leicht bajuwarisch anmutend (was vor allem dem dialektalen Einschlag des Sängers Reimund Fandrey und der Sängerin Christa Latta geschuldet ist, aber auch dem herrlichen Akkordeon, das vor allem auf “Irgendwas fehlt immer” zum Tragen kommt), was unterm Strich irgendwie noch subversiver wirkt als z.B. das nordische Nuscheln der Zeitgenossen Tocotronic.
Und überhaupt, Altötting, der bayrische “Protowallfahrtsort”, wie der Musikexpress seinerzeit schrieb: Um ein wirkungsvolles Provinzbashing als gesellschaftspolitischen Protest betreiben zu können – das hat schon Thomas Bernhard gezeigt –, muß man diese Provinz in sich tragen, in Kopf und Herzen, unwiderruflich, und bei allem Haß, bei aller Abscheu auch irgendwie eine Liebe zu ihr empfinden, und sei sie noch so grausig. Und im Gegensatz zu Thomas Bernhard, der seinen Frieden mit Österreich (also der Nation gewordenen Provinz per se) maximal ganz am Lebensende grade mal winken sah, haben die Nuts ihren Hass effektiv durch ihren feinen Humor in Musik kanalisiert. Wobei es nicht wirklich die tatsächliche, also geographische Provinz ist, gegen die die Nuts sich so herrlich ereifern, sondern vielmehr – und noch viel schlimmer! – die Möchtegernkosmopoliten, die kunstbeflissenen Bildungsbürger, die ökologisch und politisch so korrekten Gutmenschen, diese fatale Pest von widerwärtig verständnisvoller Menschlichkeit, diese ecken- und kantenlosen Kulturschänder, Provinz im Sinne von großmäuligem Kleingeist also – wie gut tut es, sich “Gute Menschen” anzuhören und endlich die Worte zu finden, die man auf faden Parties bei Nudelsalat und Gesprächen über die blöden Kinder der anderen und den neuen Coelho so lange gesucht und stattdessen nur die geballte Faust in der Hosentasche gefunden hat.
Ich muß zugeben: Es ist ihr Zweitling “Selber”, der mich für die Nuts eingenommen hat. Nicht, weil er besser wäre als das Debut, aber “Selber” ist die musikalisch wesentlich abwechslungsreichere Platte. Dominieren auf “Irgendwas fehlt immer” neben Schlagzeug und Baß Gitarre und Akkordeon, so tat es “Selber” gut, daß Christa Latta die Gitarre gegen Keyboards eingetauscht hat, was freilich irgendwie weniger “Indie” wirkt, aber dann doch hilft, diese wirklich guten Lieder noch feinsinniger auszuformulieren.
So ähneln sich die Lieder auf “Irgendwas fehlt immer” doch ein wenig, auch wenn sich Rhythmen und Beats aufs Herrlichste abwechseln und z.B. der HipHop des kleinen Hits “Aus einer heiligen Stadt” von einem Akustikgitarrenriff konterkariert wird – womit die Grenzen- und Respektlosigkeit dieser kleinen feinen Band gleich zu Beginn der Platte manifest wird. Und auch, wenn einzelne Songs vielleicht ein bißchen zu monoton geraten sind (Bitte immer den Vergleich zu “Selber” mitdenken! Für sich allein genommen schlägt “Irgendwas fehlt immer” so manche andere Scheibe um Längen!), wimmelt es hier dennoch von Ohrwürmern: besagter kleiner Hit “Aus einer heiligen Stadt”, Standortbestimmung und Haßprogramm in einem, “Vernunft ist Tyrannei”, das irgendwie die freie Liebe predigt, das verträumte “War’s das schon?” oder das herrlich fröhliche “Dem Rest die Pest”.
Mit “Selber” und der musikalischen Verfeinerung hielt dann auch textlich eine größere Subtilität Einzug. Spricht “Irgendwas fehlt immer” noch vom “bürgerlichen Arschloch”, heißen solche Leute auf “Selber” dann “Gute Menschen”, die “grausige Sandalen” tragen und “gefährlich” sind, denn “sie lieben nicht nur sich, gute Menschen sind gefährlich, denn sie lieben sogar dich”. Die Nuts beleidigen sie nicht mehr, sondern schlagen sich sogar probehalber auf die Seite der abscheulichen Gutmenschen, denn “das Leben, das Leben, das ist gar nicht so schwer”, wie des Erzählers Freund plötzlich feststellt und der Erzähler sich in Form eines Anrufbeantworterspruchs der österreichischen Kabarettisten Ostermayer, Grissemann und Stermann nur wundert: “Sag mal, wo ist eigentlich deine sympathische negative Einstellung zum Leben geblieben?”
Außerdem schleicht sich auch eine gewisse Unsicherheit in “Selber” ein, ein Hinterfragen der eigenen Positionen, das auf “Irgendwas fehlt immer” noch nicht so deutlich war: “Ich würd’ so gern, ich würd’ so gern, ich weiß nicht was ich gerne würde, was ich gerne hätte, ach, ich weiß nicht”. Das muß angesichts der großen Weisheit, mit der die Nuts zugange sind, ebenfalls dem Reifungsprozeß zugeschrieben werden – die Anmaßung, sich allzu klare Urteile und Aussagen zu erlauben und allzu deutlich Stellung dagegen zu beziehen, ist einem gesunden Zweifel gewichen, der hier ebenso ironisiert vorgetragen wird, wie die Band gegen ihre Feindbilder wettert. Und die einzige Gewissheit, die bleibt: “Stecker raus und dann / und dann Ende”.
Zwischen den angedachten und immer wieder verworfenen Positionierungsversuchen des Selbst in einer engen, bedrückenden und eigentlich hassenswerten Spießer- und Bürgertumswelt und der gelungenen Verachtung derselben nehmen sich die Nuts auf “Selber” auch die Zeit, kleine lehrreiche Geschichten zu erzählen, Geschichten von früher (“Ganz schön teuer”) und von heute (“Bäckerlehrling”), Geschichten von einsamen Entscheidungen (“Hoffentlich hab’ ich nichts wichtiges vergessen”) und Zwischenmenschlichkeiten (“Deine Verse mag ich nicht”, das mich schönerweise immer wieder an His Name Is Alive erinnert), um am Ende halt doch nochmal auf Altöttings Katholizismus draufzuhauen, in dem kleinen Lied “Aber eins fand ich cool” (in dem auf die doch recht eindeutige Zweideutigkeit des Bildes vom “Heiligen Stuhl” hingewiesen wird).
Die Universitäten, so liest man allenthalben und so hört man es hier durch die Straßen rufen, brennen heutzutage wieder, das kleine protestierende Häufchen Studenten macht lautstarke und kunterbunte Aktionen, und es ist zu hoffen, daß diese erstens endlich mal bei den Herrschaften oben ankommen und daß sie zweitens endlich zu einer Repolitisierung der Studierenden führen. Aber, so liest man auch, diese spalten sich bereits auf in bierernste Linksradikale, spaßprotestierende Mitläufer und neoliberale Pragmatiker, die (so die Linksradikalen) nur ihres eigenen Vorteils wegen mitprotestieren. Deppen, allesamt. Man wünscht sich, daß sie sich einfach mal die Nuts anhören, diese lustige, zweifelnde, hochpolitische, melancholische, durch und durch gesunde Band, ein popgewordener “Fabian” Erich Kästners, eine endlich einmal glaubwürdige moralische Instanz.
Von den Nuts ist nicht viel geblieben, obwohl die Welt sie braucht. Aber Augen auf: Auf Amazon oder Ebay finden sich immer wieder ihre CDs zu einem unverschämt geringen Preis. Drum zugreifen, mehrfach gleich, an alle Freunde verschenken und diese Band der Welt wieder zurückgeben.
Japanische Kampfhörspiele – “Luxusvernichtung. Vierundfünfzig vertonte Kurzgedichte”
26. Oktober 2009

Unundeux, 2009
Fassen wir uns aus gegebenem Anlaß kurz: Japanische Kampfhörspiele, intellektuelles Aushängeschild des deutschsprachigen Grindcores, intelligente Texte zwischen Dada und pointierter Gesellschaftskritik aus dem linken Spektrum, von echten Metalheads nicht so gemocht, dafür aber von uns großkopferten Akademikern, musikalisch ziemlich brillant, sackschnell, irre präzise, trotz des genretypischen Geholzes aufregend differenziere Riffs und Rhythmen, zweistimmiger “Gesang” aus hoher und tiefer Stimme (wie dereinst Carcass zu ihren besten Zeiten), kurz: geil.
Nun die Labelgründung, Unundeux erblickte im ersten Quartal 2009 die Welt, und dort “machen die Japanischen Kampfhörspiele was sie wollen”, nämlich unter anderem die E.P. “Luxusvernichtung”. Dort werden geschwind 54 (in Worten: vierundfünfzig!) “Kurzgedichte” innert rund 19 Minuten vertont, das Internet meint, es handle sich dabei um Song- und Textfragmente, die nie wirklich zu ausgewachsenen Songs geworden sind. Aufgenommen wurde “im proberaum, in calles kellerbar und zuhause”, und was jetzt wie ein blöder Witz einer “lustigen” Band aus lauter Jungs mit Jungshumor klingt, ist eine richtig gute Platte, sowohl textlich wie musikalisch.
Sicher, die Zeit in den einzelnen Liedern ist dann doch recht knapp, und nicht immer kommen da richtig ausgeprägte Strukturen dabei raus, aber halt doch meistens, und das ist wirklich beeindruckend: wie in unter zehn Sekunden richtig gute Riffs und Grooves ausgepackt werden, wie sich manchmal sogar Refrains einschleichen, wie plötzlich nochmal neue Songteile losballern, wie präzise die Gitarrenlinien und die Schlagzeugparts gespielt werden und wie klar der Sound ist. Und wie intelligent und durchaus lustig das alles ist.
Wer kann, sollte sich auf der Homepage von Unundeux den “Luxusdeal” krallen, denn dann hat er neben dem T-Shirt sowohl die 10″ als auch die CD. Die 10″ ist einfach schön und ultrarar (und für sie habe ich dann gern auf den Bonustrack verzichtet), und die CD hat als eben jenen Bonustrack das ganze Album nochmal als Instrumentalversion hintendran.
“Luxusvernichtung” könnte man einfach als guten Gag verkaufen, mit lustigen Liedchen, um die Freunde mal zum Lachen zu bringen, “Rumpelrumpel, höhö, rumpelrumpel”. Aber dazu ist die E.P. einfach zu gut, dazu sind selbst die ultrakurzen Stücke zu ausgefeilt, dazu sind die Texte zu anspruchsvoll, ein extremes Destillat von extremer Musik. Zugreifen, bevor das Ding vergriffen ist, denn auch die CD ist limitiert.
Livingston – “Sign Language”
5. Oktober 2009
Es gibt schlicht kein Entkommen vor Livingston, jedenfalls nicht, wenn man sich zwischen Feierabend und Abendvergnügen kurz vor den Fernseher hockt, um seine Fertigpizza zu verspeisen: Die Werbeblocks sind voll von dieser Band und ihrer Single “Broken” von ihrem in Kürze – also rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft – erscheinenden Album “Sign Language”, auf RTL II singen sie gar – mehr schlecht als recht – ein Extra-RTL-II-Jingle, bei dem zumindest einer der Jungs schamhaft lacht und den Kopf senkt, vielleicht ein kurzer Moment des Erkennens dieser Maschinerie, die da gerade läuft, vielleicht auch ein tiefer Schmerz, eine tiefe Scham, einen Moment lang nur, aber erstaunlich, daß dieser Moment sogar im Werbefilmchen, also vor den Augen der Öffentlichkeit stattfindet. Ob es wohl Diskussionen über das alles gegeben hat vor dem Ausverkauf, der am Anfang dieser jungen Karriere steht?
Livingston kommen aus dem Nichts, in Wirklichkeit aus Italien, England, Südafrika und Deutschland, sind wohl in London beheimatet und dort ganz offenbar einem extrem cleveren Marketingmenschen aufgefallen, der nun einen Blitzkrieg startet, um Livingston der Welt unter die Nase zu reiben. Das ist an sich ein freundlicher Zug, aber man muß sich fragen: Will da jemand, daß eine ganz besondere Band den Ruhm erntet, den sie verdient, oder hat da vielmehr wer schon zuviel Geld investiert, um jetzt noch einen Rückzieher zu machen, und tritt die Flucht nach vorne an?
Fest steht jedenfalls, daß Livingston ohne ihre perverse Medienpräsenz niemandem aufgefallen wären. Die fünf Buben aus London machen eigentlich irgendwie sympathische Musik, ohne irgendwelche Ecken und Kanten, ohne Wiedererkennungswert, mit Melodien, die sich so selbstverständlich an die 08/15-Akkordfolgen schmiegen, als ob sie schon immer dazugehört hätten, sprich: als ob man sich nie Gedanken darüber hätte machen müssen und es auch nicht getan hat. Dabei wirken die Jungs wirklich nicht unsympathisch und dabei fast authentisch, vielleicht sind sie wirklich so nett, wie ihre Musik suggeriert. Vielleicht meinen sie ihren adult oriented rock für die End-00er Jahre auch wirklich ehrlich, aber es gibt – zumindest in den Previewsongs auf ihrer Homepage – wirklich nichts, was es nicht schon woanders besser gegeben hätte, Inbrunst hin, Ehrlichkeit her, und ich behaupte, daß es nicht die Melodien an sich sind, die sich einem ins Hirn schrauben, sondern ganz allein ihre penetrante Wiederholung im Werbefernsehen, wo sie auch an der richtigen Stelle plaziert sind. Denn Ohrwurmqualitäten hatte bislang nichts, was ich von Livingston gehört habe, und nichtmal die Dauerberieselung hilft mir, mich an auch nur eine ihrer Melodien zu erinnern, wenn ich den Ton meines Laptops ausschalte.
Halt – einen sehr kurzen leidlich guten Moment gibt es: Der Anfang von “6×4″ erinnert ein wenig an die mittleren U2, ehe ein verschlepptes, minimal an die 80er gemahnendes Schlagzeug und der Einheitsbrei einsetzt.
Alles deutet also darauf hin – freilich ist es so, wer wäre schon so naiv, etwas anderes zu glauben –, daß hier dem Endverbraucher die völlige Fadheit so lange als Notwendigkeit vorgegaukelt wird, bis dieser vor Weihnachten noch schnell zu Saturn rennt und sie kauft. Livingston allerdings sind so belanglos, daß ich am Gelingen dieses Vorhabens zweifle. Andererseits ist besagter Endverbraucher unterm Strich ja dumm und niveaulos, und jetzt fungiere ich auch noch als Multiplikator, vielleicht wird aus dem medialen Blitzkrieg doch noch ein kapitalistischer Endsieg unterm Weihnachtsbaum.
Men At Work – “Business As Usual”
29. September 2009
So, es wird Zeit, eine Lanze zu brechen für eine derjenigen Bands, denen ihr großer Hit zum Verhängnis wurde und die, käme sie nicht von down under (und wäre sie nicht, so möchte ich glauben, viel zu cool), heutzutage durch blöde Sendungen wie “Hits von anno dunnemal” auf RTL oder einer anderen televisuellen Pest tingeln und immer wieder und endlos akustische Vegemite Sandwiches fressen würde.
Die Rede ist von den Australiern Men At Work um den Sänger Colin Hay, die die Querflöte nach Jethro Tull wieder für die Popmusik urbar gemacht und sie dummerweise viel zu catchy auf ihrem viel zu großen Hit “Down Under” verwendet haben.
Bands wie die wunderbaren Men At Work gibt es wohl wie Sand am Meer: Auf einem Album voller schöner Lieder ist eines, das raussticht, weil es das exaltierteste, das albernste oder einfach das blödeste ist, und alle Welt fährt darauf ab, und plötzlich sind Midnight Oil nur noch “die mit Beds Are Burning”, oder Black nur noch “der mit Wonderful Life”, Fischer-Z die mit “Berlin” und “Marliese”, und Blur waren doch die mit diesem bescheuerten “Boys And Girls” (ach, halt, die hatten danach noch das Glück, berühmt zu werden). Und Men At Work sind eben die mit diesem albernen “Down Under”.
Das stimmt wohl, das sind sie, und tatsächlich ist “Down Under” ihr Trademark-Stück (und, so verrät uns das Internet, die inoffizielle Nationalhymne Australiens), und das nicht nur, weil es eben das bekannteste ist. Hört man etwas genauer hin, dann ist das Lied gar nicht so albern, wie es klingt. Der Text erzählt vom Einsamsein in der weiten Welt und dem Vaterland im Herzen, das das Eis zwischen den Figuren schmelzen läßt. Aber halt: Was wie eine patriotische Liebeserklärung an Australien klingt, ist eine Warnung: “You better run, you better take cover”, und zwar vor den plündernden und kotzenden Männern dort, und dem Donnern, irgendwo las ich dereinst, es handle sich dabei um die Angst vor irgendeinem Krieg oder so ähnlich. Und außerdem ist das Lied viel melancholischer, als der typische Ü30-Diskobesucher wahrhaben will – völlig fertig in der Ferne in einer Ecke zu liegen ist nunmal kein Zuckerschlecken.
Und außerdem, deshalb habe ich die Platte hier überhaupt erst ausgepackt, ist “Down Under” wahrlich nicht das beste Lied auf “Business As Usual”. Allein schon der Opener “Who Can It Be Now?”, auch ein mittelgroßer Hit, schlägt den Song um Längen. Ein klassisches 80’s-Saxophon bläst eine unvergessliche Hookline, und Colin Hay singt mit heiserer Stimme eine Geschichte Pop gewordener Paranoia, gerade noch im Zaum gehalten von dieser wunderbaren Melancholie, die auch die verhaltenen Gitarren tragen. Und immer wieder wird diese Paranoia, wahrscheinlich typisch für die 80er Jahre, im Verlauf der Platte ihr Haupt heben, ob in “Helpless Automaton” oder, mit der Liebe ringend, in “Catch A Star”.
Weniger paranoid, aber nicht minder melancholisch ist dann “I Can See It In Your Eyes”, ein Liebeslied von einem Erzähler, der zurückgelassen wurde, und dessen Traurigkeit über das Scheitern der Liebe sich nun vermischt mit den alten Erinnerungen an die weit zurückliegende, für immer vergangene Schulzeit. Fast schon naiv ist das kleine Gitarrenintro, lieblich die Melodie, ein ganz kleines Lied über die ganz großen Gefühle.
Überhaupt ist das die große Stärke der Men At Work: Es gelingt ihnen immer wieder, eben jene großen Gefühle wie Einsamkeit, Angst oder Liebe in kleine, bescheidene Lieder zu stecken und damit viele Klischees zu umschiffen. Und sogar ein Zitat wie “Be Good Johnny”, das sich fast ein bißchen zu sehr im Pop suhlt, bleibt sympathisch, auch in seiner Haltung zu besagtem Johnny im Lied.
Dabei streifen sie auch durch die urbane Nacht, mit einem hektischeren Beat wie in “Underground” oder in “Helpless Automaton”, mit einem bißchen sozialkritischer Haltung in “Touching The Untouchables” oder schlagen sich einfach mit den üblichen zwischenmenschlichen Kommunikationsschwierigkeiten herum, wie im romantischen (oder vielleicht doch etwas seichten) “People Just Love To Play With Words”. Ein bisserl düsterer New Wave-Reggae plötzlich in “Catch A Star”, bevor das Vinyl elegisch mit “Down By The Sea” endet (die CD hat offenbar noch Bonustracks).
Gut, “Business As Usual” klingt heutzutage ziemlich dated, ist eine typische 80’s-Platte, und man wird immer wieder über “Down Under” stolpern. Und freilich erreicht nicht jedes Lied diese traurige Paranoia von “Who Can It Be Now?” oder dieses wunderbar Naive von “I Can See It In Your Eyes”, aber dennoch bleibt diese Platte eine besondere. Das mag an ihren feinen Melodien liegen, an Colin Hays unverkennbarer Stimme, vielleicht auch an diesem (Achtung, Klischee!) ungreifbar Australischen, dieser Weite in der Musik, oder aber dem Humor der Band – die Men At Work auf “Down Under” zu reduzieren ist jedenfalls ähnlich dumm, wie die Beatles nur noch als “die mit Yellow Submarine” zu bezeichnen, und vielleicht hören diejenigen, die bei den Ü30-Parties bei der notorischen Querflöte von Greg Ham nur noch die Augen verdrehen, einfach mal genauer hin oder besser noch bei Gelegenheit in das gesamte Album rein.
www.myspace.com/menatwork
www.colinhay.com
www.columbiarecords.com










