No Quarter Records, 2011

Mittlerweile habe ich die Hoffnung ja aufgegeben, von seinem Bruder Will noch ein neues Album zu hören, das nicht ein bißchen zu langweilig, ein bißchen zu selbstgefällig und ein bißchen zu glatt ist. Umso schöner ist es da, daß Ned Oldham in seiner neuen Inkarnation Old Calf eine ganz wunderbare neue Platte aufgenommen hat, die seiner Hauptband The Anomoanon in nichts nachsteht.

Ned Oldham ist nicht weniger produktiv als sein berühmter Bruder, der sich zuerst als Palace, dann vor allem als Bonnie “Prince” Billy zuerst in die Herzen der Hörer, dann ins Feuilleton und schlußendlich in eine fade Wohligkeit gespielt hat. Nur hat es der berühmtere der beiden Brüder – zugegeben nicht ganz zu Unrecht – ins Bewußtsein der Öffentlichkeit geschafft, während Ned – völlig zu Unrecht – nur einem kleinen Fankreis bekannt blieb (vom dritten Bruder, Paul, der desöfteren in Bonnies Tourband mitspielt, ganz zu schweigen) und sich neben den tollen Anonoamon aufs Produzieren und Arrangieren im eigenen Studio verlegte (und somit einen großen Teil am Ruhm seines Bruders mitträgt).

Ein besonderes Merkmal und eine charakteristische Arbeitsweise Ned Oldhams ist es, auf bereits existierende Texte zurückzugreifen und sie in sein eigenes musikalisches Gewand zu packen, seien das nun Gedichte von François Villon oder von Robert Louis Stevenson, seien das Abzähl- oder Kinderreime, die in knapp einminütige, oder wie auf “Borrow A Horse” in “richtige”, Lieder gefaßt werden. Dabei bewegt sich Oldham mit The Anomoanon in einem umsichtig modernisierten musikalischen Traditionskosmos, der sich stark am Folkrock der 70s orientiert, gerne mal in Jams ausartet, dabei aber auf die allzu barocke Verspieltheit und das allzu Hippieeske zugunsten einer stoischen, prosaischen Verträumtheit oder aber einer Hinwendung zu einem unprätentiösen Rock verzichtet, gottseidank. Spielt bei The Anomoanon der Rock-Aspekt des Begriffs “Folkrock” noch eine größere Rolle, zum Beispiel in Form einer oft psychedelischen E-Gitarre oder auch mal in Form von CSNY-Riffs, so rückt bei Old Calf der Folk im Sinne einer daheim im Wohnzimmer funktionierenden, stromlosen Musik in den Vordergrund.

Die Entstehungsgeschichte von Old Calf (gegründet von Oldham und Marty Metcalfe, you see), die No Quarter erzählt, klingt dann auch nach einer kleinen Veranda-Band, die keine Verstärker braucht, um sich bei einem kühlem Bier nach Feierabend in den Sonnenuntergang auf dem Lande zu spielen (was auch schön hier zu sehen ist), nur die Liebe zur Musik. “Southern gentlemen”, sagt No Quarter, aber eine gewisse hinterwäldlerische Schrulligkeit, die Will Oldham perfektioniert hat, ist auch hier prägend. “Borrow A Horse” ist eine ungemein entspannte Platte (das hat sie mit Wills letzten Werken gemein), die zu keiner Sekunde aufgesetzt wirkt, vielmehr eine Ruhe und Gelassenheit evoziert, wie man sie aus der Jack-Daniels-Werbung kennt (allerdings abzüglich der unschönen Assoziationen von Jack Daniels).

Das fängt gleich mit dem schwärmerischen “I Saw A Peacock with a Fiery Tail” an, ein langsames, schwärmerisches Lied mit schönem Harmoniegesang, das sofort irgendwie friedlich stimmt. “Bonny Cuckoo” greift ein Arrangement von Shirley und Dolly Collins auf, die sich ihrerseits legendär dieses Traditionals angenommen haben, das einzige Lied, zu dem Oldham nicht die Musik komponiert hat, ein lebendiges kleines Liedchen mit einem nahezu “flotten” Beat. Ein bißchen melancholischer geht es dann in “When I Was Taken” zu, bevor mit “Follow My Bangalorey Man” mein Lieblingslied auf dem Album kommt, ein beschwingtes kleines Liedchen (wahrscheinlich) darüber, einfach durchzubrennen.

Bei “Do Not Play With Gypsies” bricht dann Oldhams Lust auf den Rockaspekt des Folkrock durch, wenn auch nur gemäßigt. Das Schlagzeug wird konkreter, und es gibt eine solierende E-Gitarre, aber auch hier bleibt alles schön friedlich und abendsonnig. Das ist überhaupt das Merkmal dieser Platte, auch im folgenden, eher melancholischen “Far From Home”, ein Lied des einsamen Sängers an seine ferne Geliebte, die doch auch an ihrem Hochzeitstag an ihn denken möge, das am Ende in einen sanften psychedelischen Jam ausbricht und damit die erste Seite beendet.

Die zweite Seite beginnt mit dem Country-Stomp “Stool-ball” über ein dem Cricket ähnliches englisches Ballspiel aus dem 15. Jahrhundert, und mit dem nachfolgenden Lied “A Gift, a Ghost/Monday Alone” kommt der vielleicht einzige kleine Schwachpunkt des Albums. Zu gewöhnlich, zu langsam ist dieses Lied, was es allerdings noch zu keinem schlechten macht. Spannender ist da “There Are Men in the Village of Erith”, das musikalisch am ehesten an den britischen Folk gemahnt, aus dem die Texte stammen, ein irgendwie grusliges Lied über diese Männer, die niemand sieht oder hört, und auch “Henry was a Worthy King” verläßt die Wohligkeit, um in eine für “Borrow A Horse” ungewöhnliche Melancholie hinabzusteigen. “What did I Dream” schließlich, das letzte Lied des Albums, wird noch einmal sanft psychedelisch, mit mäandernden Gitarren und Orgeln, fernen Gesangsharmonien und einem für Old Calf-Verhältnisse fast schon wilden Schlagzeug.

Und dann überläßt Oldham den Hörer der Stille, den Bildern, die diese Platte im Kopf hervorgerufen hat. Zeitlos, so liest man im Internet, sei das Album trotz seiner starken Bezüge auf die Vergangenheit, und das stimmt. Sanft modernisiert hat Oldham diese alten britischen Kinderreime, auch sanft amerikanisiert, was wunderschön gelungen ist und den Liedern neben der britischen Folklore eine uramerikanische Weite verleiht. Old Calf ist, im Vergleich mit The Anomoanon, die behutsamere Band, friedlicher als letztere, ohne dabei aber in die Saturiertheit von Bruder Will abzurutschen. Vielmehr steht alles hier im Dienst der Lieder und der alten Texte, für die Ned Oldham sich sehr begeistert, wie hier nachzulesen ist.

Auf jeden Fall aber ist “Borrow A Horse” ein wundervolles, friedliches, reichhaltiges und sehr warmes Album voller wundervoller Lieder, vorgetragen mit einer Sanftheit, die niemals langweilt, sondern immer neue Bilder erzeugt. Ein großartiges kleines Album, das hier in Deutschland wahrscheinlich weitgehend unbemerkt bleiben wird. Aber vielleicht liest das hier ja jemand, und der soll dann diese Platte kaufen gehen.

oldcalf.com
nedoldham.blogspot.com
noquarter.net

Polydor 1978

Heute Nacht hat sich Ludwig Hirsch nach einer Lungenkrebsdiagnose mit 65 Jahren das Leben genommen. Und obwohl man ja dauernd hört, daß jemand stirbt und man ja immer schon froh ist, wenn es niemand ist, denn man besser kannte, war ich trauriger, als ich erwartet hatte, und bin es immer noch. Sicher, vor ein paar Tagen erst hat’s auch Georg Kreisler und Degenhardt erwischt, aber von denen wußte ich nicht einmal, daß sie noch am Leben waren. Ludwig Hirsch aber, der Ludl, wie ich ihn in meinem Kopf immer genannt habe, das war nochmal etwas anderes.

Natürlich habe ich – nicht ganz ohne ein morbid-fasziniertes Schaudern – darüber spekuliert, was wohl in einem Menschen vorgeht in diesen letzten Momenten, in denen er so eine Entscheidung zu treffen hat. Und ich hoffe, daß Ludwig Hirsch diesen Moment mit derselben tieftraurigen Heiterkeit ertragen hat, die man in seinen Liedern findet, daß er den Freitod nicht in Panik, sondern mit derselben Ruhe gewählt hat, mit der er den Tod immer besungen hat. Es steht mir freilich eigentlich nicht zu, darüber hier zu schreiben, und auch wenn ich es jetzt doch getan habe, es sei jetzt genug, es soll jetzt um Hirschs Debütalbum “Dunkelgraue Lieder” von 1978 gehen.

Ludwig Hirsch geistert durch mein Leben, seit ich denken kann, und er tauchte an den seltsamsten Stellen immer wieder auf. Zuerst gehört bei meinem Vater, schon als kleines Kind, mochte ich Hirsch von Anfang an, waren seine Lieder doch immer irgendwie witzig, und auch wenn ich die Tragik, die Grausamkeit, die Morbidität, den Spott und auch die tiefe Liebe in diesen Liedern freilich nicht verstehen konnte, diese beruhigende, sympathische Märchenonkelstimme packte mich, den Buben, sofort. Was wirklich hinter diesen “Dunkelgrauen Liedern” steckt, habe ich erst viel später verstanden, als ich mit seltsamen und lieben Freunden zusammensaß, in den ersten Semestern, als man noch “Bohème” sein wollte, und dem morbiden Charme Hirschs verfiel, amüsiert von seiner Dreistigkeit wie auch berührt von seiner Feinfühligkeit, oder erst kürzlich, als ich mit einer Internetbekanntschaft Youtube-Videos von Hirsch ausgetauscht habe, einfach so.

Von Film und Theater und vor allem aus Österreich kommend, fand sich Ludwig Hirsch irgendwann dazu genötigt, auf den “faschistischen Mief” der österreichischen Provinz zu reagieren. “Watschen, nichts als Watschen” kriege man ab, so der Begleittext zu seinem ersten Album: “Ich will auf meine Art einige dieser Watschen zurückgeben. Deshalb habe ich diese Platte gemacht.” Was darauf dann trotz dieser Ankündigung doch sehr wohlig, sehr heimelig und gemütlich klingt, schön arrangiert, schön vorgetragen, Wohlklang an Wohlklang, ist in Wirklichkeit eine bitterböse Abrechnung mit einer dreckerten Welt, die es wirklich nicht besser verdient hat. Dabei ergreift Hirsch immer und bedingungslos Partei für die Schwachen, wie in “Der blade Bua”: “Es gibt Kinder, die kommen ohne Schutzengel auf d’Welt, und der Sandmann haut ihnen Reißnägel in d’Augen. Unterm Christbaum liegt jedes Jahr ein Packerl Tränen als Geschenk und ein Märchenbuch, wo der Teufel immer g’winnt.” Da ist es so sehr tröstlich, daß wenigstens Hirsch diesem armen, fetten, geplagten Buben mit seiner zärtlichen Stimme ein Denkmal setzt, das stärker ist als jede Rachephantasie. Und auch den kleinwüchsigen Freund des Erzählers verteidigt er in “Der Zwerg” (“potent wie a Büffel, aber einsam wie der Tod”), nimmt dabei jedes Vorurteil selbst in den Mund und speit es den bösartigen Trotteln zurück vor die Füße.

“Die Omama”, einer der großen Klassiker Hirschs und das erste Lied, das man von ihm zu hören bekam, ist nur anfangs ein schönes, leicht melancholisches Trauerlied um die verstorbene Großmutter, denn es entpuppt sich bald als boshafte Abrechnung mit der Nazioma, die ihren Enkel immer nur terrorisiert und den Hitler bis zuletzt an der Wand hängen hat, “er hot ihr ja des Mutterkreuz verlieh’n”. “I lieg am Rucken” als Fanal zu bezeichnen wäre hier ein bißchen verwegen, großartig und traurig ist dieses Lied dennoch, gesungen von einem, der im Sarg liegt und friert und nur auf eine Träne seiner Geliebten oben am Grab hofft, die ihn wärmt und die Würmer vertreibt, die sich ihm ins Hirn krallen. Und wenn er – seine allerletzte Hoffung – exhumiert werden sollte, dann will er sie zu sich ins Grab holen, damit er nicht friert. Nicht gerade eine erfreuliche Aussicht für die Geliebte, aber wenn man Hirsch so sanft und sehnsüchtig, so schicksalsergeben singen hört, wer hätte da kein Verständnis für diesen einsamen Toten? Und auch “Der Wolf” in seinem Käfig, der von der Freiheit träumt, von den anderen Tieren gemobbt wird und dem sie “die Zähn aus’m Maul außegrissn” haben, weil er sich einmal gegen die Demütigungen gewehrt hat, wird von Hirsch sanft verspottet: “Dort, wo der Regen net bitter schmeckt, dort, wo die Nacht die Zigeuner versteckt, dort, wo die Sonn’ deine Wunden heilt, dort is des Land, das Freiheit heißt – so glaubt er, der alte, blöde Wolf!” Und trotzdem, dieser armen Kreatur gehört Hirschs ganze Sympathie, seine ganze Kraft und Liebe.

Den Humor verliert Hirsch dann aber doch einmal, in “Der Dorftrottel”, eine bitterböse, gehetzte Erzählung über einen katholisch verblendeten Dorfmob, der den Außenseiter totschlägt, weil eine Bäuerin eine Totgeburt hatte und irgendjemand ja schließlich Schuld haben muß. Hirsch ist hier ganz bei diesem armen Menschen, voller Fassungslosigkeit über den feigen Pfarrer, der einfach abhaut, voller Wut auf die Dorfgemeinschaft und voller Gift und Galle gegen die Scheinheiligkeit des Katholizismus, aus dem so ein Aberglaube erst entstehen kann. “Herrgott, dank dir schön.”

Die Kinderschänder kriegen’s auch ab, der nette “Herr Haslinger”, dieser perverse Kindsmörder hinter der gutbürgerlichen Fassade, oder schlimmer noch der Perspektivwechsel in “Geh spuck den Schnuller aus”, ein Lied, das so ziemlich jedes Tabu mit einer Heiterkeit bricht, daß es einem kalt den Rücken herunterlaufen würde, müßte man nicht so herzlich lachen über diese obszöne und drastische Neuinterpretation klassischer Märchen in beschwingtem Rhythmus. Und dann gibt’s da auch noch die ganz albernen Lieder, “Die Spur im Schnee” oder das “Liebeslied”, das en passant und ganz selbstverständlich auch noch Lesbensex thematisiert und den vorherrschenden männlichen Diskurs ganz schön blöd dastehen läßt. Bei all den Grausamkeiten des Lebens und der menschlichen Natur braucht’s dann doch ab und an die Flucht ins Humorige. Natürlich nicht ohne spöttische Boshaftigkeit.

Der Tod war also schon immer ein steter Begleiter auf Hirschs Platten, die Einsamkeit, das Böse im Menschen, aber auch die unbedingten Sympathien für die Außenseiter (allein schon, wie der ein bißchen blöde Blues von “Der Zwerg” umkippt in eine ungemein zärtliche Melodie, wenn Hirsch dem Zwerg Gutes wünscht, es bricht einem das Herz). Es geht um das richtige Leben im falschen und um ganz schön viel blöde Witze. Musikalisch ist alles sehr gediegen, sehr gemütlich, kammermusikalisch und bürgerlich, und alles im Dienste dieser tiefgründigen Geschichten, hervorragend bösartig und ironisch inszeniert, vielschichtig, zart, gemein, heiter, düster, und am Ende gibt’s sogar ein “Happy End”, natürlich nicht ohne Beleidigungen.

Sein traurigstes, todessehnsüchtigstes und zugleich hoffnungsvollstes Lied, “Komm, großer, schwarzer Vogel”, ist auf Ludwig Hirschs gleichnamigem Zweitling, aber die “Dunkelgrauen Lieder” sind seine wahrscheinlich schönste Liedersammlung. Was mir diese Platte bedeutet, wieviel Geschichte sie für mich beinhaltet, kann ich hier gar nicht sagen. Sagen kann ich aber, daß ich selten einen so umsichtigen, zärtlichen, boshaften, klugen, humorvollen, großherzigen Sänger, Texter und Musiker gehört habe wie Ludwig Hirsch mit seiner einzigartigen Stimme, seinem Wiener Schmäh und seinem melancholischen, leicht verrückten Hundeblick.

Was für ein Liedermacher, was für ein Mensch, der da von uns gegangen ist. Ludwig, pfüadigott, mach’s drüben genauso gut wie hier.

www.ludwighirsch.at

Mach’s gut, Ludwig

25. November 2011

Ludwig Hirsch 1946 – 2011

Heute Nacht ist Ludwig Hirsch von uns gegangen. Das ist wirklich traurig. Schlaf gut, Ludwig.

Merge/Tomlab 2011

Es ist ein wenig gemein gegenüber den anderen Liedern auf diesem Album, daß ausgerechnet “Damn These Vampires” direkt am Anfang steht. Als die Platte schon einige Zeit vor Veröffentlichung im Stream zu hören war, habe ich es nicht über mich gebracht, mir die Vorfreude auf das Vinyl zu verderben und daher nur eben diesen ersten Song angehört, zwei oder drei Mal. Und ich war sofort unglaublich verliebt. Ich weiß nicht genau, was dieses Lied so zwingend macht (das heißt, ich weiß es schon genau: es ist die Gesangsmelodie der je ersten zwei Zeilen der Strophen, es ist der Akkordwechsel “A-E-D” an deren Ende, es sind diese tiefmelancholischen Bilder, die Darnielle dichtet, es ist seine sanfte, traurige Stimme), ist es doch eigentlich ein bisserl kitschig, vielleicht ein bisserl zu sehr konventioneller Adult Oriented Indie Pop, lässt es doch die Hysterie und den Sturm und Drang, die die früheren Alben der Mountain Goats ausmachen, missen. Aber trotzdem. Manchmal packen einen manche Lieder so derart, daß man sie wieder und wieder hören muß, und daß man jedesmal die Tränen runterschlucken muß, wenn man Zeilen hört wie “Sleep like dead men / Wake up like dead men” oder “And let those glass doors open wide / And in their surface / See two young, savage things / Barely worth remembering”.

Aber nach vielfachem Hören von “All Eternals Deck” nutzt sich die Wirkung dieses Liedes natürlich ab, und das Herz wird frei für die anderen Songs von “All Eternals Deck”. Und die stehen dem Opener eigentlich in nichts nach. Doch dazu später.

Der Clou an “All Eternals Deck” ist, daß die Mountain Goats das Album mit insgesamt vier verschiedene Produzenten an vier verschiedenen Orten aufgenommen haben, unter anderem – und das freut den Death-Metal-Fan, der ich einst war, verwundert aber bei dem glühenden Death-Metal-Fan, der John Darnielle noch immer ist, kein bißchen – Erik Rutan, ehemals Gitarrist von Morbid Angel, jetzt Vorsteher von Hate Eternal. Und ein feines kleines Detail ist, daß Darnielle Rutan nicht etwa die härteren, rockigen Songs überlassen hat, sondern zwei düstere, eher verhaltene Songs (“The Autopsy Garland”, “Beautiful Gas Mask”) und zwei wirklich sonnige Lieder (“Birth Of Serpents” und “Sourdoire Valley Song”). Und Rutan wird diesen Liedern mehr als gerecht, baut in die düsteren beiden kleine Effekte ein (der schnarrende Baß in “The Autopsy Garland”, dieser seltsam zischende Effekt in “Beautiful Gas Mask”) und verleiht den schönen, heiteren Songs eine tiefe Wärme.

Es führt mir hier zu weit, die Besonderheiten der anderen, für Indie-Hörer wahrscheinlich weniger kuriosen Produzenten (Brandon Eggleston, Scott Solter und John Congleton) zu analysieren. Erwähnt sei aber noch das schöne Scheppern in “Estate Sale Sign”, einem echten Rocksong ohne E-Gitarre, und der leichte Delay auf der Stimme, die dem ganzen einen Garagencharme verleihen und trotzdem in jedem Detail klar bleiben.

Und a propos Details: Eine weitere Stärke von “All Eternals Deck” sind all die kleinen Details in den Kompositionen und den Arrangements, die nie überladen wirken, die Platte aber trotzdem von Anfang bis Ende aufregend machen. Seien es die alpträumerischen Akkorde und die orientalisch und altertümelnd anmutenden Streicher (arrangiert von Yuval Semo, der auch in der aktuellen Tourband mit dabei ist) von “Age Of Kings”, sei das die kleine Doppelung von Darnielles Stimme im voranstürmenden “Prowl Great Cain” (ein weiterer absoluter Favorit), sei es der Akkordwechsel vom A auf das G in der zweiten Zeile des Refrains von “Never Quite Free”.

Am allerschönsten allerdings sind die North Mountain Singers auf “High Hawk Season”, die dieses kleine Stück, das ansonsten nur aus Darnielles Stimme und seiner Akustikgitarre besteht, mit einem ausgefeilten a-capella-Arrangement unterlegen, das sich irgendwo zwischen Kunstlied und Appalachenmusik bewegt. In anderen Kontexten klänge so ein Chor vielleicht zu dick aufgetragen und albern, hier aber bereichert er das Stück um viele Farben, spendet Kraft und Hoffnung, ist ganz einfach wunderschön.

Jenseits der Arrangements finden sich auf “All Eternals Deck” aber auch ein paar der schönsten Lieder, die John Darnielle je geschrieben hat. Ob er, wie im bereits erwähnten “Age Of Kings”, seinen Drei-bis-vier-Akkord-Kosmos um seltsam offene Harmonien erweitert, oder ob er genau das macht, was er immer schon konnte, wie in “Never Quite Free”, “Liza Forever Minelli” oder in “Birth Of The Serpents” – es gibt kaum schwache Momente im Songwriting. Glitt das Vorgängeralbum “The Life Of The World To Come” (2009) gegen Ende hin in eine gewisse Belanglosigkeit ab, so hält Darnielle hier sein Niveau bis zum Schluß. Sicher: “Liza Forever Minelli” ist kein “Prowl Great Cain”, mit dem “Sourdoire Valley Song” werde ich, im Vergleich zu den wunderbaren anderen Liedern, nicht wirklich warm, und “Never Quite Free” lebt für mich hauptsächlich von diesem einen Akkordwechsel und dem irgendwie ermutigenden Tempo und dem Beat, und aber dennoch trägt diese Platte von Anfang bis Ende. Das mag dann nicht zuletzt doch an der Produktion liegen, denn die irgendwie homogene Heterogenität der vier Produzenten macht vieles interessanter, was in einem einzigen Sound vielleicht doch ein wenig langweiliger geworden wäre. Sei’s drum, das Songwriting auf diesem Album ist wirklich gut.

Dem stehen auch die Texte in nichts nach. Von 70er-Jahre-Horrorfilmen seien sie inspiriert, sagte Darnielle in einigen Interviews, vom Grauen, das in den Alltag einbricht. Aber, und auch das hört man von ihm immer wieder, eigentlich geht es in seinen Songs ums Überleben, um Hoffnung und Kraft. Man kann diese Texte durchaus auch als Gedichte Lesen, als kleine, hilfreiche Geschichten, deren Moral lautet: “Du wirst überleben!”, und die vor wundervollen kleinen Zeilen nur so strotzen (“When the sun comes try hard not to hate the light / Some day we’ll try to walk upright”; “We are young supernovas and the heat’s about to break”; “Sometimes a great wave of forgetfulness rises up and blesses me / And other times the sickness howls and I despair of any remedy”; “Regrind the lens again and again and again but still the picture flips / Anyone here mentions Hotel California dies before the first line clears his lips”).

Und als ob das noch nicht genug wäre, gibt es in den liner notes auch noch eine recht ausführliche Geschichte des “All Eternals Deck”, ein scheinbar apokrypher Tarotkartensatz (Wikipedia behauptet, das sei alles erfunden) – that’s entertainment.

“All Eternals Deck” ist tatsächlich eine der schönsten, vielseitigsten und besten Platten, die die Mountain Goats je gemacht haben. Sicher, mit dem Lo-Fi-Folk der ersten Tapes und der frühen Alben hat dieses Album nicht mehr viel zu tun. Vielmehr muß man sogar von einer Indierock-Platte sprechen, auch wenn dieser Begriff mittlerweile grauslig geworden ist und grauslige Menschen evoziert, die grauslige Musik hören. Wahrscheinlich aber ist “All Eternals Deck” einfach eine Sammlung einiger der besten Lieder, die je geschrieben worden sind, mit einigen der besten Arrangements, die man je im Popsektor hören konnte, vorgetragen von ein paar der sympathischsten Musikern, die es gibt. Punkt.

www.mountain-goats.com
www.mergerecords.com
www.tomlab.de

P.S.: Schöne “Essays on the work and art of the Mountain Goats” finden sich auf Sad Young Cardinals, z. B. von Eurem Dr. Schreck.

Kranky, 2008

Vielleicht wollte mir mein Freund R. einfach den Frühling verderben. Irgendwie werde ich diesen Gedanken einfach nicht los, auch wenn ich R. das weder unterstellen will noch kann. Denn die Wahrheit ist, daß er mir zum Geburtstag einfach das “zugänglichste” Album seines Lieblingsmusikers schenken wollte und mir damit eine der intensivsten, besten, schönsten, traurigsten, einsamsten und verstörendsten Platten gegeben hat, die ich je gehört habe.

Erzählt hatte er mir schon öfter von Boduf Songs, dem Vehikel des mittlerweile in den USA lebenden Briten Mat Sweet, der seine Lieder daheim im Schlafzimmer mit nur einem Mikrofon aufnimmt, wie uns das Internet verrät. Mein Interesse war schon von Anfang an geweckt, aber ach, es gibt so viel Musik, und irgendwie fand ich den Namen “Boduf Songs” auch nicht so attraktiv wie zum Beispiel die von Stars Of The Lid oder von Sunn O))), also verschwand der triste Brite wieder aus meinem Blickfeld. Bis letzte Woche.

Im schlichten, schmalen, schönen, tiefschwarzen Digipack wurde mir also “How Shadows Chase The Balance” überreicht, an einem schönen, sonnigen, warmen Frühlingstag beim Mittagskaffee, und nachdem ich die CD abends zweimal am Stück durchgehört hatte, war ich unendlich traurig und ängstlich wie ein Kind, aber gleichzeitig ungemein bereichert, fasziniert, verzaubert. Denn was ich hier zu hören bekam, war nicht allein Musik. Vielmehr wurde mir ein Blick in den Kosmos, ins All gewährt, in dem der Mensch so verloren ist, wie er nur sein kann. Denn “How Shadows…” evoziert wie keine andere Platte, die ich kenne, so intensiv das “Schweigen der unendlichen Räume”, das schon Pascal schaudern ließ.

Die Mittel, die Mat Sweet dafür anwendet, sind denkbar simpel: eine Akustikgitarre, hier und da verstörende Geräusche, an einigen seltenen Stellen ein viel zu lauter Drumcomputer und ein Baß, immer wieder ein düsteres Banjo, und dann seine – meist gedoppelte bzw. zweimal oder gar in Harmonien eingesungene – Stimme, die sich kaum jemals über ein Flüstern erhebt. Die Lieder selbst sind auch recht einfach, Akkordfolgen, die schon oft da waren, Melodien, die zwar schön, aber nicht außergewöhnlich sind, und hätte zum Beispiel ich diese Lieder geschrieben und gespielt, wahrscheinlich klängen sie ziemlich fad. Aber es geht Mat Sweet nicht um das Songwriting im klassischen Sinne.

Seine Lieder sind nicht nur am Folk geschult (siehe sein schnelles, hektisches Gitarrenpicking, das den langsamen Liedern eine tiefe Beunruhigung verleiht), sondern auch und vor allem an den schleifenförmigen Texturen von Ambient und Drone, seine Intensität und durchaus auch Brutalität bezieht er, so wiederum das oben zitierte Internet, aus dem Metal (“Acoustic Death Metal” sei eine Bezeichnung für seinen Stil), und seine Absicht ist eine universale. Sweet will uns nicht seine Kompositionen vorspielen, sondern uns seinen Kosmos zeigen.

Und der ist schwarz und kalt, grausam und einsam. “We fell to earth from pitch black skies”, so beginnt mein Lieblingsstück “Things Not to be Done on the Sabbath”, und sogleich entsteht das Bild eines weiten, finsteren Raumes, auf dessen Boden sich zwei gefallene Engel aufrappeln, sich den Dreck aus den schäbigen Flügeln klopfen und sich umsehen. Ein trauriges Bild? Nicht ganz: “We feed upon the left behind”, so geht es weiter, und es wird klar: “Alle Engel sind grausam”, wie Rilke wußte. Die anderen Lieder tragen Titel wie “Mission Creep”, “I Can’t See A Thing in Here”, “Pitiful Shadow Engulfed in Darkness” oder “Found on the Bodies of Fallen Whales”, und es wird schnell klar, daß das Bild gefallener Engel nicht zu weit hergeholt ist.

Boduf Songs klingt in der Tat irgendwie esoterisch, oder besser: okkult. Die Lieder erinnern oft an Beschwörungen oder gar Horrorgeschichten, scheinen sich im Fantasy-Bereich zu bewegen, es gruselt einen nicht nur einmal beim Hören. Das Schlimmste aber ist: Selbst diejenigen, die weder mit Stephen King noch mit Dead Can Dance etwas anfangen können, die sowohl “The Grudge” als auch amulettetragende moderne “Hexen” mit Verachtung ansehen, werden hier gepackt. Denn unterm Strich sind es nicht die bösen Engel, die hier das Grauen verbreiten, sondern diese existenzielle Einsamkeit und Verlorenheit, für die Mat Sweet ausgesprochen grausame, intensive und zutiefst poetische Bilder findet, und die perfiderweise durch das konsequent verwendete, auf der Kippe zwischen Mitgefühl und Hohn stehende “Wir” eine noch größere Wirkung entfalten, eine melancholische Resignation. Denn selbst wenn Sweet versucht, ein bißchen Hoffnung zu verbreiten, wie im von einem Drumcomputer getriebenen “Quiet When Group”, bleibt am Ende nichts: “And even when we sleep, we sigh, we sigh / And even when we shine, we sigh, we sigh … And even when we fall, we sigh, we sigh”. Die Monotonie der Kompositionen (nicht allerdings der feinen, detaillierten Arrangements wohlgemerkt!) unterstützt diesen Charakter der Platte noch und ist nicht etwa fehlendes Talent, sondern ein weiteres präzise eingesetztes, quälendes Element.

“How Shadows Chase The Balance” ist also ein Album, das einem wirklich den Tag verderben kann, das uralte Ängste weckt, wie die bösen Märchen aus Kindertagen, die vom Unaussprechlichen erzählen, “Drei Nüsse für Aschenbrödel” auf satanistisch sozusagen, das aber gleichzeitig auch an den aufgeklärten Verstand appelliert, der die Erkenntnis des existenziellen Verlorenseins bereits hinter sich hat und daran verzweifelt. Eine Platte, die so etwas mit dem Hörer macht, ist es unbedingt wert, gehört zu werden. Und außerdem ist sie auch noch einfach wunderschön. Meine Güte!

bodufsongs.com
www.kranky.net

Southern Lord, 2009

Im Anfang war der Klang, und der Klang war überall, und alles war Klang. Und der Klang war warm und dunkel, und der Klang war mächtig. Der Klang war der Anfang und das Ende. Der Klang war das All-Eine, und er lag in den Händen von Stephen O’Malley und Greg Anderson. Der Klang war ein tiefer Klang, und er kam aus zwei sehr, sehr tief gestimmten E-Gitarren, und er war sehr, sehr laut. Weil er aber so tief und warm war, brachte die unglaubliche Lautstärke keinen Schmerz, sondern eine tiefe Ruhe und eine tiefe Geborgenheit.

“Aghartha”, der erste Track von “Monoliths&Dimensions”, dem siebten Studioalbum der Drone-Paten Sunn O))), beginnt, wie man es von Anderson und O’Malley erwartet, mit schweren, sehr langsamen Gitarrenriffs, mit einer undurchdringlichen Wand aus einem irgendwie absoluten Klang, der brutal und zart zugleich ist, ungemein laut und ungemein ruhig in einem. Akkorde, die dahinfließen wie ein gigantischer, Strom, gewaltig und unberührbar. Erstmal nichts Neues also. Mit der tiefen Stimme Attila Csihars, die eine zwischenweltliche Geschichte erzählt, beginnt dann aber nach einigen Minuten eine Reise, die den – zumindest mir – vertrauten Kosmos von Sunn O))) verläßt. Plötzlich beginnt es im Hintergrund zu summen und zu sirren, und ein mächtiges Piano schlägt Akkorde wie eine alte, böse Kirchenglocke, man identifiziert einen Insektenschwarm aus Klarinetten, Oboen, Trompeten, Geigen und diversen Dingen, die knarzen wie die Planken von Ahabs “Pequot”, und irgendwann fällt auf, daß die Gitarren völlig verstummt sind, der Drone von Hörnern übernommen, und Csihar erzählt stoisch weiter, bringt den Lärm zum verstummen, Wasser fängt an zu fließen, und die hermetische Dunkelheit des Anfangs öffnet sich einer zwar düsteren, aber offenen Natürlichkeit, die man zwischen großen Verstärkern mit gemeinen Verzerrern nicht erwartet hätte, während sich Csihar ganz nah aus dem Hall herantritt an des Hörers Ohr.

Zwischenweltlich bleibt es auch im zweiten Track, “Big Church (Megszentségteleníthetetlenségeskedéseitekért)”, dessen Frauenchor zum Einstieg eine deutliche Verneigung in Richtung Arvo Pärt ist. Der dreigeteilte Song ist nicht zuletzt wegen der Gesangsarrangements mein Liebling auf dem Album – der Chor singt langsam und strukturiert, die höhere Männerstimme spricht schnell und hektisch, die tiefe Männerstimme predigt gravitätisch und langsam immer nur dieses eine Wort, das dem Songtitel in Klammern beigefügt ist. Es ist vielleicht ein bißchen albern, ausgerechnet das laut Wikipedia längste ungarische Wort derart prominent zu gebrauchen, aber der Inhalt paßt, bedeutet es doch ungefähr: “wegen deiner fortwährenden Vortäuschung, unentweihbar zu sein”, wenn ich mich nicht irre. Tatsächlich sind die Gitarrendrones hier nur Nebensache, auch wenn die drei Teile des Stücks von jeweils einer mächtig röhrenden Gitarre eingeleitet werden. Es ist vielmehr der Ausflug in die zeitgenössische Klassik und die minimal music, der hier Neuland für Sunn O))) eröffnet, eine Pärt’sche Glocke inklusive, die spannenden Stimmen zwischen angedachtem Obertongesang und klassischen Chorarrangements, die das Stück zwischen Beschwörung und heiliger Messe vibrieren lassen.

“Hunting and Gathering (Cydonia)” ist trotz jener Glocken, dem hallenden Chor und der Bläsersätze eher wieder dem Black Metal zugeneigt, mit fiesem Metalriffing in Zeitlupe, mit seltsamer, kaum hörbarer Percussion und Csihars bedrohlichem Gesang, bevor ab ungefähr der Hälfte des Stücks dieses Sirren des Anfangs wieder auftaucht, synthetisch diesmal, aber nicht minder bedrohlich. Die Bläser erinnern in ihrer Hymnenhaftigkeit schönerweise an Laibach, und obwohl “Hunting …” das wahrscheinlich uninteressanteste Stück auf “Monoliths&Dimensions” ist, ist es dennoch zwingend, treibend und richtig böse.

Den Abschluß bildet dann “Alice”, ein viertelstündiger Track, der als Meditation auf eine vorsichtig angezerrte Gitarre beginnt, die nach Dylan Carlsons späteren Earth-Scheiben klingt (der aber erstaunlicherweise nur bei “Big Church” mitspielt) und das Stück vom Sound, von den Akkorden und den Harmonien in deren Nähe bringt, also in die Nähe von Neil Youngs “Dead Man”-Soundtrack auf illegalen Tranquilizern. Dazu Orchestersätze und seltsame Geräusche in einem industriellen Hallraum, ein dumpfes, dräuendes Pochen und Wabern, während die Gitarre unmerklich gewaltiger und gewaltiger wird, die Verzerrung zunimmt, so etwas wie Vitalität gewinnt. Und während man auf das Unheil wartet, das sich die ersten siebeneinhalb Minuten lang anzukündigen schien, auf die Gitarrenwände, die den Anfang des Albums markierten, setzen plötzlich hymnische Hörner an, öffnen jenen Hallraum, und wenn man die Augen schließt, sieht man, wie die Sonne langsam über majestätischen Berggipfeln aufgeht, wie sich Dur-Harmonien ihren Weg durch den Nebel kämpfen und warmes, farbenreiches Licht in diese dunkle Welt fällt. Eine Klarinette evoziert Samuel Barbers Visionen des ländlichen Amerika, eine Harfe wird zart gezupft, eine Posaune sucht sich ihren Weg an die Oberfläche, und was als Reise durch eine finstere Zwischenwelt begann, findet Erlösung in einer fast schon klassizistischen Idylle.

Es ist eine gewaltige Reise, auf die Greg Anderson und Stephen O’Malley den Hörer hier mitnehmen, sie und die Heerscharen von Helfern, die den Kosmos dieser zwei Klanggrenzgänger, die den Kern von Sunn O))) bilden, um viele Ebenen erweitern, ihn aus dem Metal hinausführen in die zeitgenössische Klassik und sogar in den Jazz. Sicher, Sunn O))) sind mittlerweile angekommen im Feuilleton, und bei den Intellektuellen ist diese Band mittlerweile ziemlich en vogue, gerade bei denen, die nicht einmal eine einzige Black-Metal-Platte daheim stehen haben, sich nun aber damit brüsten, mal was “total extremes” zu hören. Und ja, gerade dem intellektuell anspruchsvollen Musikhörer bietet “Monoliths&Dimensions” eine Herausforderung und eine tiefe Befriedigung, so viele Details gibt es hier zu entdecken. Läßt man sich aber einfach intuitiv auf diese Reise ein, gibt man sich ganz diesen Klangwelten hin, die Erfahrung könnte nicht schöner und beeindruckender sein. Nur Angst darf man keine haben vor der Macht, die diesem Album innewohnt. Tatsächlich sind Sunn O))) mit ihrem bislang neuesten Album der Musik nähergekommen als je zuvor, tatsächlich aber wächst das Album weit über alles hinaus, was man so im Pop/Rock-Zusammenhang Musik nennt.

www.ideologic.org
www.southernlord.com

Drag City, 2003

Nähme man hier Aktualität als Maßstab, dann sollte ich eigentlich mindestens das wunderliche und von mir momentan rauf und runter gehörte Album “Spoils” von 2009 besprechen, oder gar “Too Long In This Condition”, die ganz aktuelle Platte von Alasdair Roberts “and Friends”. Auch schön wäre das Album “The Amber Gatherers” (2007), oder die Appendix: Out-Platten, Roberts’ erste Inkarnation. Nur “No Earthly Man” von 2005 würde seinen Weg nicht in diesen kleinen Blog hier finden, diese Platte mag ich nicht so. Aber wahrscheinlich ist “Farewell Sorrow”, Roberts’ zweite Platte unter seinem eigenen Namen (den Erstling, “The Crook Of My Arm” von 2001, kenne ich leider noch nicht) auch seine beste, schönste. Und vor allem ist sie die erste, die ich von ihm kannte, und das ist Rechtfertigung genug.

Ganz zuerst nahm ich den Schotten Alasdair Roberts allerdings durch seine Kooperation mit dem notorischen Will Oldham und Songs: Ohia-Vorsteher Jason Molina wahr, eine wahrlich wundervolle kleine E.P. unter dem Namen “Amalgamated Sons Of Rest”, auf der sich die drei Barden Gesang und Gitarre teilen und teils Eigenkompositionen, teils Traditionals singen. Und Roberts hatte die schönste Stimme und die schönsten Lieder, also suchte, fand und kaufte ich damals “Farewell Sorrow”. Und was soll ich sagen, ich war damals auf den ersten Takt verzaubert, und ich bin es immer noch und immer wieder.

Roberts, der in Glasgow wohnt, offenbar zumeist einfach solo mit seiner Gitarre auftritt und derletzt mit der nicht minder wundersamen Joanna Newsom auf Tour war (die ich dank des toten Winkels, in dem ich lebe, verpaßt habe), hat sich von ganzem Herzen dem schottischen Folk verschrieben. Und was so geschrieben irgendwie nach Rüschenhemden und Sammetwesten aussieht, antiquiert und rückwärtsgewand also, klingt allerdings so unglaublich wunderbar und lebendig, daß ich tatsächlich nicht genug kriegen kann von diesem seltsamen Kauz.

Es geht Roberts mit seiner Version von Folk mehr um eine “Authentizität” im Sinne einer Verortung dieser Musik direkt in seinem Leben und dem Leben des Hörers als um museales Kunsthandwerk, eine Erkenntnis, die im Zusammenhang mit dem Begriff “schottischer Folk” ziemlich beruhigend ist, weil sie sofort alles Altertümelnde, an Mittelaltermärkte gemahnende Lügen straft. Der Rückgriff auf alte Traditionslinien erfolgt also nicht bewahrend, sondern fortschreibend, und Roberts stellt sich selbst in diese Linie. Dabei aber legt es seine Musik wiederum nicht darauf an, auf Teufel komm raus mit den Großen des Genres genannt zu werden. Roberts liebt, was er tut, und er liebt, wo dieses herkommt. Ein Mann aus dem Volk, der die Geschichten eben dieses Volkes weiterspinnt. Und daraus entsteht ganz wunderbare Musik.

Zuallererst ist da Roberts’ Stimme, eine jungenhafte Stimme, die eigentlich glockenhell und klar ist, aber dennoch oft kurz vorm Kippen, immer ein bißchen zu arg an den Rändern der (beeindruckenden) Kapazität, um den Heintje zu geben. Vielmehr bricht sie hier und da, klingt plötzlich verschleiert und finster, um dann wieder fast schon naiv zu jubilieren. Seinem Gitarrenspiel ganz ähnlich vermeidet es Roberts, perfekt zu klingen, obwohl auch am Instrument sein Können und seine Kenntnis beeindruckend ist.

Und dann sind da freilich die Lieder selbst, einfache Lieder, etwas komplexere Lieder, jubilierende Tänze und tieftraurige Klagen, Epen von Krieg und Tod, Beobachtungen des morgendlichen Gesanges im erwachenden Haus. Natürlich drehen sich Roberts’ Texte letztendlich und dem Genre angemessen immer um die letzten Dinge, um den Tod und die Transzendierung, aber auch um die Liebe, die Jagd, das heitere Spiel und die finstere Magie der Vergangenheit ein Topos, der sich auf “Spoils” weiter durchsetzt. Und bewegt sich “Spoils” dann schon im langen, durchkomponierten Kunstlied, so ist “Farewell Sorrow” eine Sammlung kleiner Lieder im Freundeskreis.

Der Titelsong macht auf dieser Platte den Anfang und ist ein trauriges Klagelied über den Verlust der Ahnen, aber auch über das Wiedersehen im Jenseits. Diese Tristesse wird zwar sogleich konterkariert von “Join Our Lusty Chorus”, aber im Ganzen überwiegen in der ersten Hälfte des Albums die düsteren Lieder wie “Carousing”, “I Fell In Love” oder “I Went Hunting” mit einem der schönsten Gitarrensoli aller Zeiten.

Doch so versöhnlich wiederum, wie die erste Seite der LP mit “Down Where The Willow Wands Weep” endet, so fängt die zweite Seite auch an: “When A Man’s In Love He Feels No Cold” ist eine Hymne an die Liebe, “The Whole House Is Singing” eine Hymne an den Gesang, “I Am A Young Man” an die Jugend, und der Abschluß “Slowly Growing Old” ans Altern und Sterben. Und nur “I Walked Abroad In An Evil Hour” führt noch einmal in die tiefste Dunkelheit der alten Sagen.

“Farewell Sorrow” ist tatsächlich ein zeitloses Album, weil es einerseits zeitgemäß eine Tradition fortschreibt, andererseits tief in dieser Tradition verwurzelt ist. “Farewell Sorrow” ist aber jenseits aller Überlegungen zu Tradition und Moderne eine Sammlung unglaublich schöner Lieder, die ebenso schön instrumentiert dargeboten werden. Es ist ein Album, das man nicht nur einfach “gut” findet, sondern in das man sich unwiderruflich verliebt, das einem eine märchenhafte Welt eröffnet und außerdem ein guter Einstieg in das nicht immer so leichte Schaffen von Alasdair Roberts ist.

www.alasdairroberts.com
www.dragcity.com

Hydra Head Records, 2008

Es geschieht nicht allzu oft, daß mich eine neue Platte so richtig fies umhaut. Daß mir der Mund offensteht beim Hören, und daß ich nicht so recht glauben kann, was ich da höre. Daß ich trotz dieses Blogs hier, der mich eigentlich genau daran hindern sollte, absolut jedem von dieser Platte vorschwärme. Aber meine Güte, “Life … The Best Game In Town” von Harvey Milk ist einfach unglaublich.

“Wenn dir”, so ein Freund dereinst zu mir, “sowas gefällt (und er meinte die Young Widows), dann hör dir doch mal Harvey Milk an. Die sollen auch so klingen.” Ah, Harvey Milk, so heißt doch dieser Film über den gleichnamigen Politiker, blöder Name, so mein vorurteilender Kopf zu mir. Es dauerte deswegen auch erstmal eine Weile, bis ich mir die Band aus Athens, Georgia (die Heimstatt von R.E.M. und den B52′s), endlich anhörte. Genaugenommen auf dem Weg in den Urlaub, und man mag argumentieren, daß “Life … The Best Game In Town” nicht unbedingt der beste Einstand in die schönsten Wochen des Jahres ist. Ich behaupte aber doch, denn so euphorisiert, wie mich diese Platte hinterlassen hat, konnte der Urlaub nur gut werden.

Über die Band Harvey Milk weiß das Internet besser Bescheid als ich, erstaunt war ich, als ich herausfand, daß es die Noise/Sludge-Combo bereits seit 1992 gibt, nicht so sehr erstaunt darüber, daß auf “Life …” Joe Preston am Baß und an der Gitarre mitwirkt, den ich von den Melvins kenne. Sehr erstaunt wiederum war und bin ich über dieses einzige Album, das ich von Harvey Milk kenne.

Denn was mit einer ungemein friedlichen (und ungemein deprimierenden) kleinen Melodie zu cleaner Gitarre anfängt und über einen Weihnachtsabend erzählt, wird kurz darauf zu einem wirklich heftigen Schlag in die Fresse – ein Gitarrensound aus der Hölle, ein Gesang, der klingt, als ob Satan schlechte Laune hätte und seine Angestellten persönlich zusammenscheißt, und dabei ein Groove, vor dem die Melvins erblassen sollten, und ein Weltschmerz, dessen Intensität, Traurigkeit und Verzweiflung ob der Brachialität des Sounds erstaunt. “Death Goes To The Winner” heißt dieser Opener, der im Grunde alles sagt, was es so zu sagen gibt, und der, nachdem er sich die ersten vier Minuten durch kompositorische Brillanz geprügelt hat, plötzlich auch noch unverschämt genug wird, die restlichen knapp vier Minuten des Songs auf einem Akkord zu beenden, zu dem ein “Solo” weniger gespielt als aus der Gitarre herausgewrungen wird. Dazu gröhlt Sänger und Leonard-Cohen-Verehrer Creston Spiers irgendwann fast unverständlich, daß er auf den Tod warte, und zitiert dabei todessehnsüchtig “A Day In The Life” von den Beatles (nur, daß Spiers sich keinen Kamm über den Kopf zieht, sondern sich eine Knarre an den Kopf hält). Und ganz am Ende, als man denkt, es geht nicht mehr, beschließt der mächtige, ironische, gänzlich fehlplazierte Pianoakkord der Beatles dieses aurale Fegefeuer. Und das ist erst der Anfang der Platte.

“Decades” geht unvermindert brutal weiter, ein schleppendes Schlagzeug, Breitwandakkorde, Spiers, der barmt, er fühle sich “great” (worauf die Gitarren absurd jubilieren), bevor die letzte Minute des Stücks in fast rockistischer Euphorie ausklingt.  “After All I’ve Done For You, This Is How You Repay Me?” ist dann ein Stück atemloser, instrumentaler Mathcore, bevor in der Mitte des Songs ein Break alles runterbricht auf einen  einsamen Baß und später auf schiere, zähe, minimalistische Gewalt. In diesem Fahrwasser bewegt sich auch “Skull Socks And Rope Shoes”, das ebenfalls von seinen schweren Akkorden und Spiers völlig kaputter, sich überschlagender Stimme lebt, ein langsames Stück Sludge Metal mit übersteuertem Gitarrensolo und ultratrockenen Drums.

“We Destroy The Family”, ein Cover von Fear, hält, was sein optimistischer Titel verspricht, und jemand mit größeren psychischen Problemen könnte hier ein nahezu tanzbares Stück entdecken, mit schönem Chorgebrüll und einem solitären Gitarrensolo zu den hysterischen Drums. Und gerade, wenn man denkt, dieses Bombardement hinter sich zu haben, geht es grad wieder von vorne los. Und dann überraschen Harvey Milk einmal mehr: “Motown” ist plötzlich ein hochmelodisches Stück Southern Rock mit einem schönen Gitarrenriff, einer fast harmonischen Stimme und einem echten Mitsingrefrain. Und wäre der Sound nicht dennoch einigermaßen brachial, man könnte fast ZZ Top heraushören aus der Gitarrenarbeit. In diesem Kontext allerdings bleibt der Song absurd, ein verzweifelter Glücksversuch inmitten tiefster Dunkelheit, und einfach ein irrsinnig gutes Lied.

“A Maelstrom Of Bad Decisions” wiederum führt den Hörer zurück in die Dunkelheit und den Schmerz, zurück zum Mathcore, weg von den Breitwandakkorden zu Gitarrengefrickel, einem wilden Baß und einem wilderen Schlagzeug und einem völlig verzweifelt scheinenden Creston Spiers. Bevor es mit “Roses” wieder absurd wird. Ein zarter, hilfloser, brüchiger Gesang zu Klavier und schöner Akustikgitarre, zu feinem Chorgesang, und man spürt die Hoffnung vor dem Zusammenbruch, der nach einer Minute auch prompt erfolgt. Allerdings scheint die Schönheit der Melodie trotz all den Verzerrern und trotz der zerstörten Stimme durch, ehe alles in zähen Metalriffs versinkt und sich dann doch weder in harmonischen leads bester Hardrock-Manier emporschwingt. Und wieder abstürzt. Und sich wieder emporschwingt, bis man trotz der Langsamkeit von “Roses” atemlos zurückbleibt und in das schnelle Schweinerockstück “Barn Burner” getreten wird, das von einem Herrn Andrew Prater gebrüllt wird.

Den Schluß bildet dann der über achtminütige “Goodbye Blues”, der nicht vom Fleck kommt, sich qualvoll von Akkord zu Akkord hangelt, bis er nach knapp drei Minuten plötzlich losgaloppiert, mit gefrickeltem Gitarrensolo und allem, was dazugehört, einen wieder runterbremst und so weiter, und Creston Spiers, dieser wohl faszinierendste “Sänger”, den ich seit langem gehört habe, brüllt sich dazu so dermaßen die Seele aus dem Leib, daß man seine Halsschmerzen förmlich selber kriegt, von all dem anderen Schmerz ganz zu schweigen.

Nein, fröhlich sind Harvey Milk nun nicht wirklich, aber ich habe selten eine so intensive Platte gehört, und noch seltener einen so aufrichtigen Sänger. Und obwohl Harvey Milk einen deutlichen Trademarksound haben, ist “Life …” doch eine ungemein abwechslungsreiche Platte, die sich von Sludge Metal über Schweinerock zu Hardrock und zurück hangelt, ebenso voller Ideen wie voller zwingender Monotonie steckt und den Hörer ganz am Schluß, auf den letzten 45 Sekunden, nochmal kräftig mit dem “Looney Tunes Theme” verarscht. Und man bleibt stehen, die Ohren rauschen, der Mund steht offen, man dreht sich um und fragt sich: Was habe ich da eben gehört? Und es wird einem bewußt: Wer so eine brachiale Platte mit so einem Ende macht und ihr dann auch noch ein so trashiges Cover gibt, ist doch irgendwie ein lustiger Mensch mit viel Humor und noch mehr Können. Harvey Milk sind eine geniale Band, das zeigt sich allein schon an diesem einen Album. Ich freue mich darauf, die restlichen Platten dieser Band zu entdecken.

www.harveymilktheband.com
www.myspace.com/harveymilk
www.hydrahead.com

Columbia Records, 1987

Gute australische Popbands scheinen hierzulande alle dasselbe Schicksal zu teilen, nämlich einen notorischen Hit zu haben (meist nicht einmal eines der besten Lieder), und damit hat sich’s dann in der größeren Öffentlichkeit. Den tollen Men At Work geht es so (wie an anderer Stelle berichtet), Nick Cave hat seine Wilden Rosen mit Kylie, AC/DC haben es wenigstens auf ein paar (stets gleichklingende) Hits weltweit gebracht. Und Midnight Oil wären dann die mit “Beds Are Burning”.

Bestenfalls sind Midnight Oil noch die australischen U2, weil sie auch politisch aktive Gutmenschen sind bzw. bis zu ihrer Auflösung 2002 waren. Im Gegensatz zu den Iren aber sind die Australier sowohl musikalisch als auch politisch erdiger, und es paßt gut (und ist sympathisch konsequent), das Sänger Peter Garrett mittlerweile australischer Minister für Umwelt, Kulturerbe und Kunst ist. Angesichts der australischen Geschichte bezüglich der Aborigines ist die politische Haltung Midnight Oils, die – auf ihren ersten zwei, drei Alben ist das hörbar – vom Punk und also von einer linken Haltung kommen, nachvollziehbar, und das hier besprochene Album “Diesel And Dust” von 1987 wäre dann Agitprop im Popgewand, adult oriented Chumbawamba in etwa. Und das war offenbar wirklich wichtig damals, machte es auf die verheerende Situation der Aborigines besser und umfangreicher aufmerksam, als es die dröge linke Politik hätte machen können.

Was für diesen kleinen Blog hier allerdings ausschlaggebender ist als die politische Bedeutung von “Diesel And Dust” ist die Tatsache, daß dieses Album wahrscheinlich eines der wichtigsten in meiner Biographie ist, war es doch damals, 1990, eines der Alben, die mir den Weg aus dem damals zur Sackgasse werdenden Metal wiesen (zusammen mit, naja, einer Best-Of von The Police), ein Weg, der dann mit Grunge seine Fortsetzung und Vollendung fand.

Der Sommer 1990 war ein klassischer Sommer der verlorenen Unschuld, aus dem Kind wurde ein Mann, was in meinem Fall leider nicht Sex, sondern Depression und Liebeskummer (mein eigener und, schlimmer noch, der zweier guter Freunde) bedeutete – kindliche Naivität weg, aber nur Scheiße dafür bekommen. Fing jener Sommer noch mit den ersten großen Parties an, den ersten durchgemachten Nächten und mit Bier im Freibad durchgepennten Tagen, und gipfelte er schließlich in einer dreiwöchigen Party im sturmfreien Haus guter Freunde, war diese letzte Unbeschwertheit mit dem Einbrechen des Herbstes und des Regens, mit dem plötzlichen, rapiden Kleinerwerden der Welt nach einem Sommer voller neuer Versprechen ein für allemal dahin.

Dieser kleine Exkurs ins Seelenleben eines Provinzteenies ist nötig, um die Bedeutung von “Diesel And Dust” deutlich zu machen. Denn es war nicht die politische Brisanz des Albums, die den 15-Jährigen in seinen Bann zog, sondern diese Weite in der Musik, diese warmen Nächte unter sternenklarem Himmel, die die Lieder evozierten, die Freiheit der endlosen Landschaften Australiens, die ich mir da zusammenimaginierte. Ich behaupte, daß genau das einen großen Teil zu meiner Seelenrettung beigetragen hat.

Was nun am auffallendsten an Midnight Oil ist, außer dem legendären Auftakt des großen Hits “Beds Are Burning”, ist Peter Garretts Stimme, die sich durch die Lieder knarzt und manchmal schon etwas maniriert wirkt, und es ist nachvollziehbar, warum sie einige nicht ab können. Aber es steckt soviel Charisma darin, soviel Kraft, daß sie nicht umsonst das herausstechendste Merkmal der Band ist. Aber damit trifft man nichtmal einen Bruchteil dessen, was Midnight Oil ausmacht. “Diesel And Dust” ist nicht nur ein Album voller großer Songs (wie eben “Beds Are Burning” oder die erste, hymnische Single “The Dead Heart”, aber auch “Warakurna” und “Bullroarer” oder die zynische Ballade “Whoah”), sondern vor allem auch eines der kleinen Details, die eine große, weite, reichhaltige Klanglandschaft malen.

Das fängt an mit dem trockenen Baßlauf von “Beds Are Burning” und dem Percussion-Break vor dem zweiten Refrain, der plötzlich total testosteronschwanger und ein bißchen dick aufgetragen ist. “Put Down That Weapon”, fängt wiederum mit einer warmen, schönen Gitarrenlinie an, die nach dem Intro wiederum in eine rauhe Trockenheit kippt, die ihrerseits von einem zärtlichen Refrain abgelöst wird, bevor der Zwischenteil am Ende alles kurz und klein haut. “Dream World” ist ein kleiner Poprocker mit eingängigem Refrain, “Arctic World” dann eine eigentlich konventionelle Ballade, die sich in sphärischen, glasklaren Keyboardklängen verliert und übergeht in “Warakurna”, ein Lied voller Hoffnung und Lebensmut, mit einer tastenden E-Gitarre und einem treibenden Baß und so vielen Bildern und Gefühlen allein in den Sounds zwischen den Stücken.

Meine drei Favoriten kommen dann direkt nacheinander, angefangen mit “The Dead Heart” und seiner tollen gezupften Akustikgitarrenlinie über dem pumpenden Baß, die sehr verloren klingt, bis sie von einem Chor aufgenommen wird und plötzlich nach Dur kippt. Der unaufgeregte Refrain ist wunderschön, aber das Tollste an “The Dead Heart” it sein Schluß: Garrett zählt in einem sehr zurückgenommenen, aber nichtsdestotrotz spannungsreichen Moment all die companies auf, die mehr Rechte haben als die Menschen in Australien, und plötzlich ist da wieder das Dur, und ein hymnisches verhalltes Horn wird plötzlich geblasen, ein Glockenspiel kommt dazu, und am Ende bleiben nur die Akustikgitarre und das Glockenspiel ganz nah beim Hörer. Ich gebe zu: Ich bekomme hier immer eine Gänsehaut, und all die Versprechungen, die das Leben dem Jugendlichen in diesen Nächten macht (und später lustvoll bricht), sind wieder da.
“Whoah” wiederum ist eine fast beklemmende Ballade über die Verlogenheit des Christentums, mit Ernst und Zärtlichkeit vorgetragen, und trotz seiner Langsamkeit wäre dieses Lied beunruhigend, wäre da nicht der versöhnliche Schluß. “Bullroarer” schließlich nimmt den Hörer mit in die Weiten Australiens, mit seinem Hall, seiner schönen Gitarrenmelodie, den “Bullroarers”, traditionelle Instrumenten, die Geräusche machen wie große Maschinen, dem Echo auf dem Refrain, dem Wechselspiel von Akustik- und E-Gitarre, und seinem ganz unpeinlichen Rock-Gestus.

“Sell My Soul” sackt dagegen ab, ist ein Poprocksong, schön, nett, aber eben nichts besonderes. Das wäre “Sometimes” auch, wäre dieses Lied nicht so schön euphorisch, und hätte es nicht seine Offbeat-Gitarren in Stereo, die einen schönen kleinen Effekt erzeugen. Den Schluß bildet dann “Gunbarrel Highway”, das genau so klingt: wie eine lange Fahrt auf einem staubigen Highway, in einem schnellen Auto. Ein gelungenes Ende für ein wunderbares Album. Das Lied war auf der US-Version übrigens nicht zu finden, weil, so das Internet, den Amerikanern die Zeile “shit falls like rain on a world that is brown” zu hart war.

Was beim Hören heute auffällt: Teilweise klingt das Album schon sehr dated. Die Gitarrensounds sind manchmal ebenso Achziger wie die Percussioneffekte, und der ein oder andere Synthie-Sound klingt schon arg cheesy. Das ist zwar schade, macht aber nichts, im Gegenteil. Es ist nämlich genau die für solche Sounds verantwortliche Experimentierfreude, die auch einen ganzen Haufen feiner Details erzeugt hat: diese wahnsinnig tollen Hörner, die kleinen Synthiemelodien, die Übergänge zwischen akustischer und elektrischer Gitarre, die perkussiven Elemente hier und dort, die immer wieder eine ungemeine Weite und Reichhaltigkeit erzeugen. Das, gekoppelt mit der inhaltlichen Tiefe und den immer wieder schönen Bildern in den Texten Garretts, erzeugt eine Welt, wie sie sich Midnight Oil für ihr Land wohl wünschen: ein reiches, blühendes, abwechslungsreiches Land voller Versprechen, Hoffnung und guter Musik.

www.midnightoil.com

Def Jam, 1986

Scheißtag gehabt. Heimgekommen. Erstmal auf den Sessel gehauen, “Reign In Blood” aufgelegt, die 28 Minuten und 56 Sekunden lautstark durchgehört. Danach mit einem entspannten Lächeln zurück in die Welt.

Es ist erstaunlich, welche entspannende und therapeutische Wirkung diese seinerzeit schnellste und extremste Metalplatte haben kann, wenn man am liebsten irgendjemandem die Fresse einschlagen will, einfach so. Denn “Reign In Blood”, die dritte Veröffentlichung der großen Slayer, erledigt das für einen, und das auf ungemein befriedigende Weise. Kommt aus den Lautsprechern raus, springt dich an, haut zu, wieder und wieder, eine halbe Stunde lang, ohne Pause, und am Ende ist die miese Laune wie mit dem Sandstrahler wieder aus dem Hirn raus.

Damals, ungefhär 1989, als ich dieses Meisterwerk des Thrash Metal kennenlernte, traf mich die Platte genauso unvermindert, wie es zuvor der Musikwelt gegangen sein muß. Ein Freund gab mir “Reign In Blood” auf Tape, auf der anderen Seite das Debut “Show No Mercy” von 1983, und schon bald überspielte ich mir das Tape nochmal vorsorglich auf eine Zweitkassette, deren schlechtere Qualität ich dann mit meinem miesen Walkman zugrunde zu richten gedachte (tatsächlich vernichtet hat das Tape schlußendlich ein Lagerfeuer). Ehrfürchtig sprachen wir damals von diesem Album, wie es alle anderen Alben an die Wand klatschte mit seiner irren Geschwindigkeit, wie da musikalische und textliche Tabubrüche begangen wurden, wie geil die atonalen Gitarrensoli von Jeff Hannemann und Kerry King und wie cool Slayer ingesamt waren (so viel cooler als Metallica), Scheiße auch.

Das verbleibende erste Tape wurde im miesen Walkman rauf- und runtergenudelt, dann kam extremere Musik dazu, Terrorizer, Napalm Death, Bolt Thrower, Pitch Shifter, und dann mit den Suicidal Tendencies und D.R.I. eine erste Abkehr von der reinen Metallehre. Das einzige Slayeralbum, das auf CD noch hinzukam, war das damals gerade erscheinende “Seasons In The Abyss” (1990), auch nicht schlecht. Irgendwann war das Tape dann futsch, neue Musik erschloß sich mir, und “Reign In Blood” wurde zu einer dieser “Weißt du noch?”-Platten.

Vor zwei, drei Jahren dann erstand ich bei einem Trödler für wenig Geld eine kleine Handvoll Slayer-LPs, unter anderem “Reign In Blood”, und die Platte tauchte langsam wieder aus dem Nostalgiesumpf auf. Zuerst kurz nach Kauf, als ein Freund und ich ein paar Mädchen davon überzeugen mußten, daß Metal nicht nur blöd ist, sondern mitunter ziemlich brillant sein kann. Als Beispiel diente “Reign In Blood”. Es war schön, die Platte wieder zu entdecken, schön, die fast vergessenen Songs wieder zu hören, und die Geschwindigkeit, die Präzision und der schiere Druck der Musik waren noch immer atemberaubend. Aber eben auch Nostalgie.

Erst ein Umzug, der mich direkt neben eine Kirche führte, brachte “Reign In Blood” wieder häufiger auf meinen Plattenteller (ein Schelm, wer Böses dabei denkt – naja, genaugenommen trifft genau dies zu: eine kriegerische Maßnahme gegen samstäglichen, unglaublich weichgespülten Christenpop, den mir die aufgeschlossene, moderne Gemeinde vis à vis sommers durchs offene Fenster säuselt), und die Nostalgie wich zusehends einer wachsenden Begeisterung für das Album.

Das fängt bei der Geschwindigkeit an (Sänger Tom Araya, so erzählt es ein Interview mit der Band, kam bei den im Studio plötzlich immer schneller werdenden Stücken mit den Texten manchmal kaum noch nach, was man vor allem bei “Necrophobic” sehr schön hören kann) und macht bei diesem unglaublichen Sound weiter, den ich aus dem Metal (vor allem aus dem Death Metal der damaligen Zeit, der immer zu dünn klang) kaum kannte: ein rauher, dreckiger, aber doch irgendwie warmer Sound, der nichts mit der Sterilität manch anderer Metalsounds zu tun hat und wahrscheinlich nicht zuletzt Rick Rubin geschuldet ist, der sich seine Credibility bis dato bereits mit Run DMC und den Beastie Boys verdient hatte und der den Sound der Straße kannte (wenn mir dieses Klischee gestattet ist). Dann ist da der Gesang Arayas, auch dem Hardcore näher als dem Metal oder dem Hardrock, und Dave Lombardos brillantes Drumming, ich halte ihn immer noch für einen der besten – und sympathischsten – Schlagzeuger aller Zeiten. Und freilich Hannemann und King, die ein gutes Riff nach dem anderen spielen, brachial, schnell, gewaltig, aber dennoch oft mit erstaunlich viel Groove, um sich dann in irgendwie total bescheuerten Gitarrensoli zu verlieren, von denen man irgendwie jedes mit jedem anderen auf der Platte vertauschen könnte, und die inmitten der Riff-Gewitter irgendwie unweltlich wirken.

Und dann, das darf bei aller Ehrfurcht vor dem Sound, dem Druck und der Brachialität von “Reign In Blood” nicht vergessen werden, sind die Songs auf der Platte unglaublich gut. Das fängt mit dem kontroversen “Angel Of Death” an, dieses notorisch zitierte Lied über den KZ-Arzt Mengele, das Slayer so manchen Ärger eingebracht hat (hierzu bitte einfach das Internet konsultieren), bis hin zum Fast-Titelsong “Raining Blood”, dessen Anfangsriff Slayer wiederum zur Legende gemacht hat. Zwischendrin geht es um Mord und Totschlag, Angst vorm und Lust aufs Sterben, die Christen kriegen einmal kräftig Keile, Satan wird angebetet, und allerlei Ekligkeiten passieren.

Klar, das sind Teenie-Texte (die aber sprachlich ziemlich intelligent sind und schön viele Fremdwörter benutzen), aber die Musik dazu weiß genau, was sie tut und tun muß, um die Waage zwischen Metalgewichse (“Necrophobic”, “Jesus Saves”) und Hardcore-Groove (“Criminally Insane”, “Raining Blood”) zu halten, mit keinem einzigen unnötigen oder mittelmäßigen Song.

Damals, als Früh-Teenie, habe ich Slayer wahrscheinlich gar nicht richtig verstanden, sondern zu einem großen Teil nur gut gefunden, weil alle es gut fanden (und, ja, weil der Sound zugänglicher war als bei anderen Metalalben). Jetzt hingegen höre ich “Reign In Blood” und bin, mittlerweile selbst seit zwei Jahrzehnten Gitarrist, beim Hören jedesmal atemlos, so brillant ist diese Platte. Und hinterher geht es mir wieder gut, egal wie scheiße der Tag war. Vielleicht muß man doch zum Superlativ greifen: “Reign In Blood” ist die beste Metalplatte aller Zeiten. Fuck yeah.

www.slayer.net
www.defjam.com

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