The La’s – „BBC In Session“
28. Mai 2008
Universal Polydor, 2006
Zugegeben, am Anfang standen Äußerlichkeiten. Allen voran das wirklich schöne, originelle, einfach gute Cover, das sich von der Vielzahl anderer Cover im CD-Regal abhob und neugierig machte, bevor ich wußte, um welche Band es sich überhaupt handelt. Dann der schonmal irgendwo gehörte, ebenso wie das Cover minimalistische, originelle, irgendwie total gute Name der Band. Und, nicht zuletzt, der Preis von 10,99 Euro für eine neue CD, heutzutage geradezu ein Schnäppchen. Also griff ich, ohnehin nur im Schlendern begriffen und von milder Neugierde erfaßt, zu und trug die CD zur Vorhörvorrichtung des hiesigen kapitalistischen Antichristen. Diese hat den Vorteil, daß man sich selbst bedienen und eine nach oben offene Anzahl von Tonträgern anhören kann, aber auch den immensen Nachteil, daß sie immer nur 30 Sekunden pro Lied anspielt – für einen ersten Eindruck mag das genügen, ein Witz ist es aber, will man sich mit der Musik näher vertraut machen (und ich hoffe, daß durch diese blöde Entmündigung des Hörers einige Kunden vom Kauf abgehalten werden!).
Diesen Effekt hatte diese Vorrichtung jedenfalls vorerst bei mir. 30 Sekunden pro Stück genügten gerade mal, damit ich erfassen konnte, daß es sich bei den La’s um sehr 60s-Beat-getünchten Pop handelt. Nett. Und hey, kennt man „There She Goes“ nicht von Sixpence None The Richer? Ist ja lustig, das Stück stammt also von den La’s. Gut, jetzt habe ich das also auch mal gehört, dachte ich und stellte die CD zurück.
Aber irgendwas ließ mich daran nicht los. Vielleicht der Gedanke, all die Mädchen, die besagte Sixpence None The Richer hören, beim Auflegen mit dieser doch etwas flotteren Version zu verstören? Auf jeden Fall beeindruckte mich weiterhin das Cover, und eben der Preis. Irgendwann kaufte ich mir die CD dann doch.
Zuhause dann wurde ich davon wirklich überrascht: Meine Güte, wie verdammt gut diese 60s-Popsongs doch sind! Wie clever arrangiert, wie leichthändig gespielt, wie musikalisch interessant hinter ihrer süßen Oberfläche. Die so süß gar nicht ist: Entgegen dem einzig erschienenen regulären Studioalbum der La’s von 1990 (das ich leider noch nicht besitze), so die Linernotes dieser CD, habe die Band hier wohl tüchtig gerockt und sich damit dem gewünschten Sound eher angenähert als auf besagtem Album. Die Tragik der Kurzlebigkeit dieser feinen Band kann anderswo nachgelesen werden, auch der Unzufriedenheiten mit der einzigen Platte, an der die Band offenbar zerbrach, z.B. in den ausführlichen Linernotes zu diesen BBC-Sessions. Die Musik allerdings ist keineswegs tragisch, sondern wirklich wunderbar.
Die CD umfaßt insgesamt vier Sessions für die BBC, die chronologisch den Zeitraum von 1987 bis 1990 umfassen, Vorstudien zu ihrem Album also, und einige Lieder sind daher auch doppelt vertreten, der zweite Hit „Timeless Melody“ zum Beispiel, oder „Way out“, und daran läßt sich schön eine Entwicklung nachzeichnen, oder vielleicht auch nur Tageslaunen. Jedenfalls scheinen die früheren Sessions inspirierter zu sein, heiterer, während die späteren aggressiver wirken, trockener, härter. Bei den früheren Sessions jingle-jangeln die Gitarren schön freundlich und verspielt vor sich hin, bei den späteren beißen sie teilweise recht heftig. Was allen Sessions gemein ist, ist und bleibt musikalische Brillanz. Die Lieder, die so einfach erscheinen, zeichnen sich durch feine, durchdachte Arrangements aus, durch eine tragende Akustikgitarre, durch dezente, aber dennoch verspielte Leadgitarren, durch schöne Gesangsharmonien und vor allem durch überraschende Rhythmik. Sei es die irritierend plazierte Kuhglocke im 4/4-Takt des Openers „Doledrum“, sei es der Walzer von „Way Out“, sei es der geil groovende Bossa-Rhythmus von „Come In Come Out“. Hier hat sich jemand etwas gedacht. Wie im großen Hit „There She Goes“, in dem sich, kaum hörbar, dafür umso effektiver, plötzlich ein einmaliger Wechsel nach Moll findet. Oder die elektrische Gitarre in „Son Of A Gun“, die in der Strophe immer nur die zwei gleichen Töne spielt und gemeinsam mit einer wieder mal rhythmisch clever gesetzten Kuhglocke einen monotonen Kontrapunkt zu dem an sich freundlich-flotten Lied bildet.
Die 60s ziehen sich freilich durch, in kleinen Beat-Stücken, aber auch im psychedelischen, wabernden „Over“, mehr als doppelt so lange wie der Rest der Lieder. Und die Fröhlichkeit täuscht natürlich auch: Die Zweifel, mit denen sich Songschreiber und Kopf der La’s, Lee Mavers, laut Booklet herumschlug, finden sich auch in den Liedern, z.B. im düsteren, desillusionierten „Freedom Song“, in besagtem „Over“, oder aber in den fieseren Stücken wie „I Can’t Sleep“ oder „Calling All“, in denen ziemlich düster gerockt wird und die gerade im eher poppigen Kontext der Restsongs eine besondere Härte entwickeln.
Textlich allerdings erschließen sich mir die La’s nicht wirklich. Klassische Themen wie Kleinstadtmief („Doledrum“) oder zerbrochene („Way Out“) bzw. funktionierende („There She Goes“, freilich) Liebe, aber auch Abstrakteres, wie in „Over“ oder im „Freedom Song“ wird abgehandelt, einfache Klischeethemen, die immerhin mit einigen brillanten Zeilen trumpfen können.
Diese kleinen, sympathischen Lieder besitzen also eine faszinierende Tiefe, die ihnen eine ungemeine Langlebigkeit verleiht, sie einerseits sofort ins Ohr und dort nie wieder herausgehen läßt, andererseits aber auch nach mehrfachem Hören immer neue Überraschungen bietet. Die „BBC In Session“ der La’s hat mich daher auch viele, viele Wochen nonstop begleitet, beim Autofahren, beim Staubsaugen, beim Sonnegenießen, beim Glücklichsein, und auch beim Traurigsein. Sie hat mich zum Tanzen gebracht, zum Zuhören, und immer wieder zum Staunen, mit einer Halbwertzeit, die wesentlich länger ist als manche Alben mancher meiner sonstigen Lieblingsbands.
Das einzig reguläre Album ist übrigens dieser Tage als Doppel-Deluxe-Edition oder so wiederveröffentlicht worden, aber ich habe das Gefühl, die BBC-Sessions sind beseelter, besser, durch die unterschiedlichen Sessions und der deswegen auch unterschiedlichen Sounds interessanter. Und, naja, heutzutage halt auch ein Argument: billiger.
Ach herrje, dachte ich, als ich heute vormittag nach dem Aufstehen in einer Mußephase die schöne 12″ von G.Rag und den Landlergschwistern in die Hand nahm, lächelnd an das Konzert der Hermanos Patchekos – sind es komplett dieselben Musiker? Eine leicht modifizierte Besetzung? Jedenfalls auch mit G.Rag als Vorsteher – gestern Abend dachte und dabei meine Finger über die rauhe Plattenhülle gleiten ließ, umweltschützend, recycled, ein haptisches Vergnügen für den Sammler und, wie alle Platten aus dem Münchner Hause Gutfeeling, allein schon zum Angucken und -fassen einfach schön.
Und so ein bißchen hatte ich eine Ahnung von dem, was kommen würde, zog sich Bavarisch-Folkloristisches doch schon durch den Calypso-Folk-Trash von gestern Abend, allerdings nur in Ansätzen, als – zugegeben verdächtig fingerfertiger – Lacher zwischendurch. Und natürlich war mir klar, daß die Landlergschwister nicht wie die Hermanos Patchekos klingen würden, das steckt ja schon im Namen, und weil jene sich auf dem Terrain besagten Calypso-Folk-Trashs mit viel Kenntnis, Respekt und Leidenschaft umtun, hätte man sich ja denken können, daß diese mit bayrischer Folklore…
Ich bin dennoch erschrocken, als aus meinen Lautsprechern plötzlich weißblaue Blasmusi erklang, und weil ich in der Wohnung unterwegs war, auch noch entsprechend laut, damit ich’s auch im Bad noch hören konnte, und jeder, der vorbei lief, auch auf der Straße. Ach herrje, wie authentisch! Wie, hmja, bierselig, weißwurschtselig, breznselig. Auf einmal konnte ich mir vorstellen, wie sich K. damals gefühlt hat, als ich ihr ihre erste Alt.Country-Kassette aufgenommen und gleich mit dem sehr bluegrasslastigen „Picture on my mind“ von Freakwater angefangen habe – sehr wohl wissend, was ich da tat! -, und sie sich zuerst wohl ziemlich dafür geschämt hat. Mir trötete heute beim Eröffnungsstück „Amalie“ ein Orchester aus Tuba, Trompeten, Hörnern und Akkordeon entgegen, als ob ich im Bierzelt sitzen würde. Wie peinlich. Wie hinterwäldlerisch. Wie … beseelt! Wie seligmachend! Und hey, plötzlich ein ungewöhnlicher Break im zweiten Stück „Hoitsn auf!“. Und dann Südstaatenschwermut par excellence: Die Landlergschwister spielen Hank Williams und stecken ihn tief ins Mississippi-Delta, mit schrägen Bläsern, einem desolaten Banjo und G.Rags typischem Gesang durchs Megaphon.
Die zweite Seite beginnt dann wiederum ziemlich unbayrisch, nämlich mit dem Südstaatenfunk von „Kommissar Schmelz“, und wo „Xaver Reloaded“ dann wieder sehr blauweiß wird, entwickelt sich plötzlich das genrefremde Banjo teilweise zum tragenden Instrument, die Tuba klingt allzu schräg, und die Restbläser ergehen sich in unheimlich schönen Harmonien, bevor die „Juli Polka“ wieder unterm, naja, Maibaum landet.
Ist es jetzt Volksmusik, oder Folkmusic, oder Folklore? Verwendet man die Ironie der Landlergschwister gegen sie, dann ist es volkstümliche Musik, von großkopferten Studierten aufgegriffen, in neue Kontexte gestellt, ausgeschlachtet, eine Travestie, ein böser Scherz mit der Saufmusik des einfachen Volkes. Aber, nein, so ist es nicht. Ironie? Ja, schon. Aber gleichzeitig so dermaßen viel Herzblut, Leidenschaft, Spielfreude, daß man merkt: Hier nimmt jemand die Musik ernst, ohne sie bierernst zu nehmen. Punk in dem Sinne, in dem auch Guggenmusik aus der Schweiz Punk ist: nämlich aufrichtig, voller Freude, und druff g’schissen, was irgendwer dazu sagt, ob’s der Obercoole zu uncool findet oder der Musikantenstadlfuzzi zu lärmig.
Ich zitiere die Homepage von Gutfeeling: „Nichts weniger als den versauten Ruf Bayerischer Folklore wiederherzustellen ist das Ziel eines weiteren G.Rag-Spin-Offs: G.Rag und die Landlergschwister spielen Landler, Zwiefache, Gstanzln und Wirtshausklassiker, so wie sie sich gehören, rau, schräg, mit/ohne megaphone und laut. Eine Watsch’n für alldiejenigen Verbrecher, die diese Musik wie eine todgeweihte Sau durch die Dörfer einer virtuellen Fernseh-Voralpenidylle treiben.“ Die Landlergschwister in aufrechter Mission also, und plötzlich ist es irgendwie gar nicht mehr seltsam, daß sich zwischen all der bayrischen Folklore zwei Covers von Hank Williams befinden, diesem Countryrebellen, diesem Künstler und Säufer, demjenigen, der persönliche Abgründe in die Countrymusik gebracht hat und sie als erster zum Vehikel für die eigene, ganz persönliche Pein machte, dem allzufrühverstorbenen Schmerzensmann mit dem ewigen schiefen Grinsen im Gesicht. Und genau das ist diese Platte für Bayern: aufrechte, ernstgemeinte Schmerzensmusik aus dem Hinterwald mit einem dermaßen schiefen Grinsen im Gesicht, daß es nur so eine Freude ist.
Ach ja, und bestellt Euch doch bei der Gelegenheit gleich den gesamten Backkatalog von Gutfeeling, da könnt Ihr nix falsch machen.

