Livingston – „Sign Language“
5. Oktober 2009
Es gibt schlicht kein Entkommen vor Livingston, jedenfalls nicht, wenn man sich zwischen Feierabend und Abendvergnügen kurz vor den Fernseher hockt, um seine Fertigpizza zu verspeisen: Die Werbeblocks sind voll von dieser Band und ihrer Single „Broken“ von ihrem in Kürze – also rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft – erscheinenden Album „Sign Language“, auf RTL II singen sie gar – mehr schlecht als recht – ein Extra-RTL-II-Jingle, bei dem zumindest einer der Jungs schamhaft lacht und den Kopf senkt, vielleicht ein kurzer Moment des Erkennens dieser Maschinerie, die da gerade läuft, vielleicht auch ein tiefer Schmerz, eine tiefe Scham, einen Moment lang nur, aber erstaunlich, daß dieser Moment sogar im Werbefilmchen, also vor den Augen der Öffentlichkeit stattfindet. Ob es wohl Diskussionen über das alles gegeben hat vor dem Ausverkauf, der am Anfang dieser jungen Karriere steht?
Livingston kommen aus dem Nichts, in Wirklichkeit aus Italien, England, Südafrika und Deutschland, sind wohl in London beheimatet und dort ganz offenbar einem extrem cleveren Marketingmenschen aufgefallen, der nun einen Blitzkrieg startet, um Livingston der Welt unter die Nase zu reiben. Das ist an sich ein freundlicher Zug, aber man muß sich fragen: Will da jemand, daß eine ganz besondere Band den Ruhm erntet, den sie verdient, oder hat da vielmehr wer schon zuviel Geld investiert, um jetzt noch einen Rückzieher zu machen, und tritt die Flucht nach vorne an?
Fest steht jedenfalls, daß Livingston ohne ihre perverse Medienpräsenz niemandem aufgefallen wären. Die fünf Buben aus London machen eigentlich irgendwie sympathische Musik, ohne irgendwelche Ecken und Kanten, ohne Wiedererkennungswert, mit Melodien, die sich so selbstverständlich an die 08/15-Akkordfolgen schmiegen, als ob sie schon immer dazugehört hätten, sprich: als ob man sich nie Gedanken darüber hätte machen müssen und es auch nicht getan hat. Dabei wirken die Jungs wirklich nicht unsympathisch und dabei fast authentisch, vielleicht sind sie wirklich so nett, wie ihre Musik suggeriert. Vielleicht meinen sie ihren adult oriented rock für die End-00er Jahre auch wirklich ehrlich, aber es gibt – zumindest in den Previewsongs auf ihrer Homepage – wirklich nichts, was es nicht schon woanders besser gegeben hätte, Inbrunst hin, Ehrlichkeit her, und ich behaupte, daß es nicht die Melodien an sich sind, die sich einem ins Hirn schrauben, sondern ganz allein ihre penetrante Wiederholung im Werbefernsehen, wo sie auch an der richtigen Stelle plaziert sind. Denn Ohrwurmqualitäten hatte bislang nichts, was ich von Livingston gehört habe, und nichtmal die Dauerberieselung hilft mir, mich an auch nur eine ihrer Melodien zu erinnern, wenn ich den Ton meines Laptops ausschalte.
Halt – einen sehr kurzen leidlich guten Moment gibt es: Der Anfang von „6×4″ erinnert ein wenig an die mittleren U2, ehe ein verschlepptes, minimal an die 80er gemahnendes Schlagzeug und der Einheitsbrei einsetzt.
Alles deutet also darauf hin – freilich ist es so, wer wäre schon so naiv, etwas anderes zu glauben –, daß hier dem Endverbraucher die völlige Fadheit so lange als Notwendigkeit vorgegaukelt wird, bis dieser vor Weihnachten noch schnell zu Saturn rennt und sie kauft. Livingston allerdings sind so belanglos, daß ich am Gelingen dieses Vorhabens zweifle. Andererseits ist besagter Endverbraucher unterm Strich ja dumm und niveaulos, und jetzt fungiere ich auch noch als Multiplikator, vielleicht wird aus dem medialen Blitzkrieg doch noch ein kapitalistischer Endsieg unterm Weihnachtsbaum.
The Pussywarmers – „My Pussy Belongs To Daddy“
10. September 2009
Zugegeben, sowohl der Bandname als auch der Plattentitel sind so bescheuert, daß es mich einige Zeit gekostet hat, überhaupt mal in die Platte reinzuhören, Voodoo Rhythm hin oder her. Und das schön gestaltete Cover mit der Pin-Up-Schönheit Dolly Diamonds kann auch nicht wirklich über das Pennälerwortspiel hinwegtäuschen: „Wer wärmt hier wen, höhö!“
Aber dann, der verzweifelte Wille, meinem hiesigen Plattenhändler trotz eher reduziertem interessantem Angebot etwas abzukaufen, war groß, wagte ich es doch, und seither läuft „My Pussy Belongs To Daddy“ auf meinem Plattenteller auf heavy rotation. Die fünf Heißsporne aus der italienischen Schweiz haben mit ihrem Debut ein wirklich schönes Album hingelegt, zwischen 20er-Jahre-Swing-Schönklang, wildem Balkangetröte und dem für Voodoo Rhythm recht typischen chaotischen Krach. Sie selbst nennen sich ein „Little Freak Circus Orchestra“, und das trifft es ziemlich gut. Mit Gitarre, Contrabaß, Perkussion, Akkordeon, Banjo, Posaune, Trompete, Tuba und dem nicht immer schönen Gesang von Fabio Pozzorini und Damiano Merzari holen einen die Fünf in ihre ganz eigene Welt zwischen Zirkuszelt und Gosse, zwischen Wagenburg und schweißtreibendem Underground-Club.
Dabei verfallen sie nie dem mittlerweile doch recht abgenudelten Balkan-Beat, sondern halten sich immer eine Hintertür offen zu traurigen-wilden Walzern wie dem eigentlichen Opener (nach dem Gepfeife auf „Bonjour Madame“) „Dead“ oder dem wunderbaren „Dounats“ mit seinem traurig-poetischen deutschen Text, der klingt wie von M.A. Numminen gesungen (und, dieser Einwurf sei mir erlaubt, wem dieses Lied nicht zu Herzen geht, wählt die FDP und wirft nie einem Bettler was in den Hut), zu kleinen Chansons wie „Bateau“ oder zum trägen Jazz von „Summertime“. „I Saw The Devil“ könnte von Hank Williams stammen, wäre dieser auf dem Balkan zuhaus’ gewesen, und „Ashes“ ist ein Stampfer, der auch Judge Bone gut gestanden hätte, im entsprechenden Soundgewand freilich. „I Wanna Have“ ist ein schönes, kleines, trotziges Liedchen, dessen Gegenstück auf der B-Seite, „My Time Has Gone“, das einzige Stück der ganzen Platte ist, das sich die Pussywarmers hätten sparen können – zu pubertär ist der Text („my parents always told me to be what I wanted to be / and the meaning was I should do what they had wanted to do / and now my time has gone“), zu beliebig die Musik – aber das vielleicht auch nur im Vergleich zu den anderen, meist ganz bezaubernden Stücken. Mit „Love You / Introduction To An Ending“ landen die Pussywarmers schlußendlich dann doch noch irgendwie beim 60’s-Beat, zitieren dabei „I Will Follow Him“ aus „Sister Act“ und machen beim abschließenden „Au Revoir Madame“ nochmal tüchtig balkanesken Krach.
Überall auf dieser Platte (bis auf ein, zwei Stücke) scheppert irgendetwas, klonkert ein schiefes Banjo, klagen die Bläser, quäken die beiden Sänger, springen die Aufnahmen zwischen Diktiergerät-field recordings und, naja, irgendwie einer Produktion hin und her, aber bei aller chaotischen Wagenburg-Weltmusik-Vagabunden-Attitüde vergessen die Pussywarmers niemals die Schönheit von Melodie und Melancholie. Trotz des offensichtlichen, schönerweise in jedem Ton zu spürenden Spaßes an der Musik, trotz der ungestümen Wildheit mancher Stücke sind die Pussywarmers wesentlich erwachsener, als es ihr blöder Bandname vermuten läßt. Das ist gut, denn die Buben können was, und das zeigen sie auch, aber mit viel Freude am Chaos, an schrägen Tönen und am puren Spaß im Leben.
Cheyenne Mize & Bonnie „Prince“ Billy – „Among The Gold“ / Young Widows & Bonnie „Prince“ Billy – Split-7″
28. Mai 2009
Der working class hero des Gegenwarts-Folks, Will Oldham, hat wieder einiges veröffentlicht in letzter Zeit, alles als Bonnie „Prince“ Billy, neben seinem neuen regulären Album „Beware“ (ebenfalls 2009) auch die beiden hier im Mittelpunkt stehenden Veröffentlichungen. Und es bewahrheitet sich, was ich an anderer Stelle in diesem kleinen Blog bereits behauptet habe: Der allseits gepriesene Meister ist mittlerweile am besten, wenn ihm jemand zur Seite steht, bzw. wenn er selbst nur ein – freilich relevanter – sidekick ist. Diese freche Behauptung beweisen die 10″ „Among The Gold“, die er gemeinsam mit Cheyenne Mize aufgenommen hat, sowie die Split-7″ mit den Young Widows, deren freie Seite er alleine bespielt.
Es sind irgendwie wunderliche Veröffentlichungen, diese beiden Scheiben, sie sind irgendwie träumerisch und decken dabei die ganze Bandbreite des nächtlichen Realitätsverlustes ab: „Among The Gold“ klingt wie eine Mär aus alten Zeiten, melancholisch, abendsonnig und schön, die Split-7″ wie die darauf folgenden Alpträume. Hinter beiden Veröffentlichungen steht in erster Linie nicht Oldham selbst, sondern hinter ersterer Cheyenne Mize, eine Musiktherapeutin sowie Violinistin und Sängerin der Band Arnett Hollow aus Kentucky, die über die geographische Nähe zu Oldham dessen Bekanntschaft gemacht hat, hinter zweiterer die ebenfalls aus Kentucky stammenden Young Widows, ein brachiales, vertracktes, ziemlich tolles Noise-Trio, die Oldham zum Auftakt für eine vier 7″s umfassende Split-Vinylreihe an Bord geholt haben (den nächsten Teil bestreiten z.B. Melt Banana). Es gab also gewisse Richtlinien, innert derer Bonnie sich zu bewegen hatte. Und das ist ihm und seinen Mitstreitern mehr als gelungen.
„Among The Gold“ enthält ausschließlich Interpretationen sehr alter Lieder, das älteste, „Beautiful Dreamer“ aus der Feder von Stephen C. Foster, stammt von 1864, das jüngste, „Kiss Me Again“ von Victor Herbert und Henry Blossom, von 1915. Die Instrumentierung besteht nur aus Mizes Gitarre, bei „Love’s Old Sweet Song“ aus ihrer Autoharp, und einmal spielt sie noch eine sanfte Geige als kleine Ergänzung bei „Beautiful Dreamer“. Den Gesang teilen sich Oldham und Mize gleichberechtigt, wobei Oldham seiner Sangespartnerin meist galant den Vortritt läßt. Und mehr brauchen diese alten, sepiafarbenen Songs auch nicht, um den Hörer in eine ganz wunderbare, friedvolle Vergangenheit zu führen, um von Liebesleid und Liebesglück zu erzählen und dabei in ihrer Reduktion eine heimelige Bildwelt zu eröffnen.
Ein wichtiger Teil dieser friedlichen Atmosphäre ist Mizes warme, freundliche Stimme, die mit großer Behutsamkeit und einem stillen, wissenden Lächeln diese alten Weisen vorträgt (und die Lieder auch meist allein beginnt). Dem paßt sich auch Oldham an, verzichtet ebenso auf seine frühere Brüchigkeit wie auf seine spätere Saturation, bleibt ganz klein und behaglich neben Mize, ein Paar, das sich in aller Intimität kleine Geschichten von der Liebe erzählt, oder sich auch mal verspielt neckt, indem in „Beautiful Dreamer“ die Takte verzögert und verlängert werden, die Stimmen sich umeinander drehen und sich nur im Refrain zu einem sanften Kuß finden. Und Oldhams Stimme klingt hier so tief und warm wie kaum zuvor. Nahezu euphorisch, ausgelassen an der Grenze zur verliebten Albernheit ist „Let Me Call You Sweetheart“, bei dem Oldham ein Pfeifsolo hat, das Mize „Lalala“-trällernd begleitet, ohne dabei diese spätsommerliche, irgendwie sanft melancholische Trägheit aufzugeben, die dann in „Silver Threads Among The Gold“ ihre Vollendung findet, in diesem wunderbaren Poem an die Liebe, die alle Zeit, alles Altern überdauert.
Wie anders dagegen klingt die Split-7″ der Young Widows mit Oldham. Die Young Widows beginnen ihr „King Of The Back-Burners“ mit einem disharmonischen Gitarrenakkord, der von stampfendem, schleppendem Baß und Schlagzeug eingeholt, alleingelassen und wieder eingeholt und schließlich zugunsten des irgendwie emotionslos-verzweifelten Gesangs verjagt wird. Eine fiese Spannung baut sich auf in der Monotonie des abwechselnden Verstummens der drei Instrumente, die mögliche Veränderungen des Songs von der inhaltlichen auf die strukturelle Ebene verlagert haben, eine Spannung, die allerdings bis kurz vor Ende des Liedes nicht aufgelöst wird. Der Hörer bleibt gefangen in schleppender Monotonie, wie sie in den 90ern von den frühen Helmet oder von Slint nicht besser erzeugt hätte werden können. „King Of The Back-Burners“ ist ein fieses kleines Stück Noise-Rock, kurz, gemein, ein akustischer coitus interruptus, der nach einem brachialen Metalsound schreit, dankenswerterweise aber schön garagig-krachig unterproduziert ist und damit charmant bleibt und sich so von Bands wie z.B. besagten Helmet unterscheidet (wie übrigens auch die beiden Alben der Young Widows).
„Poor Shelter“ von Bonnie „Prince“ Billy hingegen wird getragen von einer Akustikgitarre, einer Melodika (oder ähnlichem), folkig-psychedelischen Synthies, einem minimalistischen Baß (Oldham spielt und singt hier alles allein ein) und einem vielfach gedoppelten Gesang, der der kleinen Melodie eine ungemeine Dringlichkeit verleiht, bis hin zu einer gesprochenen Stimme in der zweiten Strophe, die sich nochmal viel zu laut und sehr erschreckend über alles legt, und dem „Lalalala“ im Refrain, das irgendwie psychotisch heiter klingt. Selten war Oldham dem Etikett des sogenannten „Freak Folk“ näher als hier: Irgendwie altertümlich wirkt „Poor Shelter“, als wären die Leierkastenspieler und die schmutzigen Schaustellerkinder nicht weit, als würde dem Lied Lehm an den nackten Füßen kleben. In seiner Songstruktur, die auch weniger auf Abwechslung denn auf Steigerung baut, und eben diesem mythisch-folkloristisch-psychedelischen Gestus erinnert der Song sehr an Oldhams gleichnamigen Beitrag zu Erik Weselos Fotobuch „Forest Time“, einem seiner geheimnisvollsten und schönsten Lieder. „Poor Shelter“ paßt sich in seiner Repetitivität und seiner seltsamen, nie zum Ausbruch kommenden Dringlichkeit dem Song der Young Widows an, ohne dabei sein Folk-Terrain zu verlassen. Eine 7″, die die große musikalische Bandbreite eines eigenartigen Alptraums repräsentiert.
Es sind Veröffentlichungen wie diese, die mich immer wieder mit Oldhams in letzter Zeit doch überambitionierten, lebloseren Alben wie „The Letting Go“ (2006) oder, ganz schlimm, „Lie Down In The Light“ (2008) versöhnen: Kleine, reduzierte, spontane Platten, die viel näher am Hörer sind als besagte Alben, die eine unfertige Schönheit ausstrahlen und die einem auch große Lust machen, sein neuestes Album „Beware“ nochmal in aller Ruhe und vorurteilslos anzuhören.
www.bonnieprincebilly.com
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G.Rag y los Hermanos Patchekos – „Hold Fast“
10. Mai 2009
Manchmal muß man der allseits und freilich meist zurecht verpönten modernen Technik dann doch dankbar sein. Mit einer längeren Autobahnfahrt konfrontiert, machte ich gestern Gebrauch von einem modernen Schnickschnack, der sich mittlerweile, digitale Jugend sei Dank, durch viele der aktuellen Vinylveröffentlichungen zieht: dem digitalen Downloadcode. Und als ich mich dann gestern nacht bei strömendem Regen auf besagter Autobahn wiederfand, dunkel war’s, eine leichte Melancholie saß auf dem Rücksitz, entschied ich mich dafür, auf meinem mp3-fähigen autointernen CD-Player „Hold Fast“ von G.Rag y los Hermanos Patchekos zu hören, die neue Veröffentlichung aus dem Münchner Hause Gutfeeling, einem der feinsten Mikrolabels dieser Lande. Ein Volltreffer, möchte ich sagen.
G.Rag y los Hermanos Patchekos sind irgendwie die labeleigene Big Band von Gutfeeling, ein wilder Haufen Musiker, die sich um den Vorsteher G.Rag versammeln und z.B. auch bei den Dos Hermanos mitspielen oder bei den Landlergschwistern, und die, wie eine Freundin gestern nacht – ich war endlich auf der Feier am Ende meiner Fahrt angekommen und erzählte von meinem Hörerlebnis – meinte, eher wirken wie eine Fußballmannschaft als wie eine Band (was als leicht kurioses Kompliment gemeint war).
Als jedenfalls gestern der „Caribbean Calypso Trash“ dieser Band aus meinem Autoradio tönte, wurde es gleich um einige Grad wärmer. G.Rags leicht verzerrte, schön verhaltene E-Gitarre gibt beim Opener „Traversia Caliente“ ein kleines, groovendes Moll-Riff vor, auf das die Band dann nach und nach einsteigt, erst die Percussion, später dann die wunderschönen Bläser, und das Leben wird plötzlich cinematisiert. Anstatt auf einer Autobahnfahrt durch den Süden Deutschlands fand ich mich irgendwo in der Karibik wieder, auf einer wilden Feier kurz vor Mitternacht, mit einem Haufen trauriger Geschichten im Herzen und dem unbedingten Willen, sie heute nacht einfach zu vergessen. Was dann auch gegen Ende des Openers gelingt: Auf einmal kippt der Song in ein kleines, ruhiges Dur um, eine wunderschöne, hymnische Trompete erklingt, ein Schauer der Erlösung überkommt den Hörer, bevor man sich tiefer und tiefer in die Nacht tanzt.
Die Schwüle und das Cineastische bleibt, das Tempo wechselt: Der „Gambling Bar Room Blues“ von Jimmy Rodgers ist genau das, ein schleppernder, scheppernder Blues, getragen von G.Rags nachlässigem Trademark-Gesang durch sein altes Megaphon, einem schrägen Banjo und New-Orleans-Bläsern, die der erzählten Moritat die nötige Dringlichkeit verleihen, sie aber auch vorm allzugroßen Ernst bewahren.
Dann, plötzlich der „Nervous Breakdown“: Ein überraschendes Black-Flag-Cover, nicht ganz überführt in den Sound der Band, eher am Rand des Hardcore bleibend, mit lustiger Melodika, diesem schönen warmen Gitarrensound und der scheppernden Percussion. Wohnzimmerpunk, heartfelt, nicht ganz passend, aber ein gelungener Szenenwechsel, der die flotte „Cajun Maid“ vorstellt, nun nicht mehr bei Nacht, sondern in strahlendem Zydeco-Sonnenschein, ein kleiner volkstümlicher Tanz, der einfach so glücklich macht: „Je veux danser with her“, au ja!
Das Instrumental „Mi Barrio“ führt dann wieder durch calexicohafte Hinterhöfe, Schwarzweiß-Bilder wie aus „Down by Law“ von Jarmusch, eine tastende Gitarre, eine verlorene Trompete, eine einsame Slide-Gitarre, und ein Rhythmus, der alles zusammenhält. Dann „Rags’n'Bones“, wieder eine Überraschung. Ein dreckiges, funky Riff und G.Rags heiserer Gesang, ehe ein schön dreckiger New-Orleans-Funk anfängt, mit hymnischem Refrain, coolem Call-and-Response-Gesang und einer superguten Tanzboden-Credibility, und freilich wieder dem nötigen Schuß Humor und Spaß, und die zweite Überraschung birgt die Autorenschaft, „Rags’n'Bones“ stammt von Punklegende NoMeansNo. Mittlerweile rinnt der Schweiß schon immens, das Meersalz in der Luft vermischt sich mit dem Geschmack des Rums, und dann kommt eine richtig geile Überforderung inmitten der Schwüle, „Le Massacre du Melodica“, schnell, rockend, das „Duelling Banjos“ für zwei Melodikas, ein herzlicher, versierter Lacher, eine Melodie, die einen so schnell nicht mehr losläßt.
„Get On Board“ dann wieder klassisch, verhalten, tief melancholisch, irgendwie hoffnungslos schön, bevor der „balkan brass swing en speed“ von „Swing Vergol“ einen wieder auf die Füße reißt, müde zwar, aber wieder mit oben erwähntem unbedingten Willen zum – wenn auch bitteren – Spaß.
Gewagt ist dann „Jockey Full Of Bourbon“ vom großen Tom Waits. Vielleicht liegt es daran, daß ich Waits und vor allem sein Werk um „Rain Dogs“ (1985) zu gut kenne und zu sehr liebe, vielleicht ist „Jockey Full Of Bourbon“ durch „Down By Law“ einfach zu bekannt, aber hier mußte ich dann doch erstmal schlucken. Bislang hat es noch niemand geschafft, an Waits heranzukommen, was vor allem an dessen unglaublicher Stimme liegt und an seinen irgendwie zerstörten, zerstückelten Arrangements. Doch die Hermanos Patchekos tappen nicht in die Falle, Waits imtieren zu wollen, sondern bleiben vor allem gesanglich auf ihrer Seite, irgendwie müde, irgendwie nachlässig, und siehe: Es funktioniert dann doch. Instrumental aus einem eher solideren Guß wie die Waits-Arrangements im allgemeinen, fügen sie dem Original hier und da noch Kleinigkeiten hinzu, das Akkordeon, die verlorene Trompete, der beswingte Rhythmus. Zwar legt sich mir beim Hören im Geiste immer wieder der Waits’sche Gesang drüber, aber vor allem der rabiate, gelungene Schluß versöhnt damit wieder.
Und dann wird’s nochmal richtig sommerlich, fröhlich, leicht, schön: „Influence“, das Cover der Skate-Punk-Band Old Boys, ist mit seinen Steeldrums genau das richtige Lied, um einen morgens mit einem Lächeln aus dem Bett zu kriegen und den Tag zu umarmen. Die Bläser muß man hier nicht nochmal erwähnen, sie sind schön und toll wie überall auf dieser Platte. Vielleicht, neben „Cajun Maid“, mein heutiges, sommerlich-sonntagnachmittagliches Lieblingslied.
Ein schönes Stück „60s rocker“ ist dann das französische „J’ai Tardé“, gesungen vom Black Rider, ein kleines Lied für Akkordeon, ein Lächeln gegen Ende der Platte, bevor der obligatorische Hank Williams zu Ehren kommt. „Cold Cold Heart“ ist ein trunkener Country-Waltz, der sich heiter durch die haßerfüllte Männer-vs-Frauen-Welt schunkelt, der auch ins Bierzelt passen würde (ach, stimmt, die Landlergschwister), mit der nötigen respektvollen Respektlosigkeit, die es braucht, um Songklassikern neues Leben einzuhauchen. Und dann ist die Platte vorbei.
A propos Platte: Zu meinem Downloadcode gehört freilich auch die Vinylausgabe, und die möchte ich dem werten Leser aufs Wärmste ans Herz legen, selbst wenn er nur einen schnöden CD-Player besitzt (hey, denkt an den Downloadcode!). Denn wie immer bei Gutfeeling kommt das (in diesem Fall Doppel-)Vinyl wunderschön verpackt daher, mit einem tollen Siebdruck-Klappcover auf rauhem, festem Karton, gestaltet von Lilli Flux, und kleinen Gimmicks wie Aufklebern und einem schönen Beipackzettel. Nix Plastik, das Vinyl ist auch ein Vergnügen für Finger und Augen, das sei hier explizit erwähnt und gelobt!
„Hold Fast“ ist sozusagen das Jubiläumsalbum der Hermanos Patchekos, die dieses Jahr ihren zehnten Geburtstag feiern (und ich gratuliere herzlich!). Und sie haben sich und uns damit ein schönes Geschenk gemacht, eine wunderschöne, sehr abwechslungsreiche Platte, die vielleicht hier und da ein oder zwei kleine Schwächen zeigt, insgesamt aber musikalisch und auch atmosphärisch auf sehr hohem Niveau bewegt und den typischen, reichhaltigen, immer leicht schrägen, aber doch immer wunderschönen Patcheko-Sound hat. Eine Platte wie der Soundtrack zu dem Leben, das man gerne leben würde, aber leider heißt man weder Humphrey Bogart, noch führt Jim Jarmusch Regie. Das ist zwar schade, aber dafür gibt es ja Platten wie „Hold Fast“. Gibt’s, wie noch viele andere schöne Platten, auf der Homepage von Gutfeeling. Auf geht’s, kaufen!
A Drag City Supersession – „Tramps, Traitors and Little Devils“
19. Dezember 2008
Was lange währt, und so weiter: Lange, sehr lange bin ich um dieses Album herumgeschlichen, das mich vor allem wegen Bill Callahan interessiert hat, und immer war es mir zu teuer dafür, daß es mir beim ersten Reinhören nicht wirklich gefallen hat (damit allerdings habe ich dieser Platte unrecht getan!), und nun konnte ich sie endlich deutlich reduziert (mit einem Knacken auf Seite A) erstehen, gottseidank, wie schön!
Ein bißchen merkt man schon, daß dieses Album von 2001 ist: Heutzutage würden bei einer „Drag City Supersession“ wahrscheinlich andere Namen auftauchen, auch wenn die Musiker hier immer noch für das Chicagoer Label tätig sind. Aber außer Bill Callahan (ehemals Smog), vielleicht Neil Michael Hagerty (bekannt von The Royal Trux, The Howling Hex oder seiner zeitweisen Teilnahme bei Jon Spencers Pussy Galore) und ganz vielleicht noch Edith Frost sind sie wohl weitgehend unbekannt: Rian Murphy (den man eher als Produzent kennt), Brendan Murphy, Tara Key, Jessica Billey, Matt Bauder, Mark Greenberg, Azita Youseffi, und gerade mal Jim O’Rourke kam durch Sonic Youth, Wilco und seine eigenen Alben zu einem gewissen Ruhm – es geht wohl hauptsächlich um erstgenanntes Trio, die den vertretenen Liedern auch ihre Stimmen leihen.
Callahan, Hagerty und Frost haben sich hier also zusammengetan, um eine feine kleine Session einzuspielen, zwischen allen Polen, die die Musiker vertreten, diese auch schön vereinend, eine Session also, die sich zwischen dissonantem Gitarrenlärm und feinfühligem Folkverständnis bewegt, mit viel Humor und Lust am Musizieren.
Herausgekommen ist ein ziemlich buntes Album, das den eigenen Ton der Protagonisten in ein abwechslungsreiches, aber dennoch unverwechselbares Gewand packt und dabei erstaunlich heiter bleibt. So klingt der Opener „Zero Degrees“ aus Callahans Feder z.B. wie ein urtypisches Smog-Stück, aber ungleich munterer und spaßiger als dessen oft sehr schwermütige Werke, abgesehen von den herrlich schrägen Streichern, die fast schon gruselig sind. Das Lou-Reed-Stück „Charley’s Girl“, gesungen von Edith Frost, schmiegt sich daran nahtlos an und bleibt doch unverkennbar Reed, mit einer schön noisigen Gitarre von Hagerty, dessen „Texas Dogleg“ dann auch gleich eher ins Psychedelische abrutscht und sehr nach den sonnigen 70ern klingt, mit einem tollen Refrain und wiederum den von Jessica Billey und Matt Bauder ersonnenen Streichern. Aus der Schönheit heraus fällt dann Del Reeves „Girl on the Billboard“, ein flotter Countrystomp, der allerdings bis auf den Beat und eine Slidegitarre reduziert ist und seine Countryseligkeit, auch dank Callahans monotoner Stimme, nur noch erahnen läßt. Dann wird es mit Frosts verhalltem „Leaving the Army“ wieder gespenstisch schön und hippiesk, mit Hagertys „Everyday“ schnell und schräg, bevor Callahans Melancholie in „Nothing Rises to Meet Me“ dann doch durchbricht, ein für dieses Album erstaunlich ernsthaft arrangiertes und nahezu konventionell vorgetragenes Stück.
Spannender dagegen sind die darauffolgenden Coverversionen, einmal von Randy Newmans „Old Man“, und einmal von Black Sabbaths „N.I.B.“. „Old Man“, hier von Edith Frost gesungen und von Azita Youssefis Piano getragen, ist eine nahezu weihnachtlich anmutende, gehauchte Ballade, die Newmans Altherrensarkasmus durch aufrichtiges Sentiment ersetzt und damit nichts falsch macht. Kitsch ja, aber sehr schöner Kitsch. „N.I.B.“ dagegen verliert in Hagertys Händen nichts von seiner heaviness, sondern gewinnt vielmehr zusätzlich ein psychedelisches Element, allerdings psychedelisch im Sinne von „psycho“, durch Hagertys Slidegitarre und wiederum die wunderbaren Streicher, die eine unglaubliche Dramatik erzeugen und sie zugleich wieder selbst zerlegen.
Den Abschluß bildet Frosts Ballade „One Chord Complaint“, wieder eine Hippieballade, verträumt, schräg, schön, eine manchmal lärmende Meditation am Ende einer tollen Platte.
Die „Drag City Supersession“ scheint für die Beteiligten ein Riesenspaß gewesen zu sein, was man der Platte zu jeder Sekunde anhört. Eingebettet in ein musikalisches Umfeld, das durchaus etwas von Schönheit versteht, sich selbst aber viel zu wenig ernst nimmt, um kitschig zu sein, das experimentell genug ist, um aus Callahans Zwei-Akkord-Liedern ein Hörerlebnis zu machen, dabei aber nie seine Popaffinität vergißt, brachte dieses Album das Beste der Protagonisten zum Vorschein (nicht, daß ihre eigenen Alben irgendwie schlechter wären) und vereinte es in viel Humor und Spaß. Eine tolle Platte, Hippietum at its best, und dabei doch viel zu ironisch für Hippies. So muß es sein.
The Beatles – „Let It Be“
12. Dezember 2008
Sie ziehen sich gerade wieder ein wenig mehr durch mein Leben, und man kommt eh nicht an ihnen vorbei. Und auch, wenn sich mein Widerwillen gegen die Beatles nach der Liverpool-Dokumentation gestern abend im TV noch ein wenig verstärkt hat und „Let It Be“ mein einziges freiwillig gekauftes Beatles-Album ist, soll hier ein Blick auf das finale – und beste – Album der wohl berühmtesten Band der Welt geworfen werden.
Der Haushalt, aus dem ich stamme, war dereinst (und ist es irgendwie bis heute) auch von der Beatlemania befallen, wenn auch eher auf eine philatelistische denn auf eine wirklich manische Weise, und ich kenne die Beatles sozusagen im tatsächlichen Wortsinn seit meiner Geburt. „Let It Be“ ist dann auch eine meiner frühesten musikalischen Erinnerungen, eine selbstgemachte, mit hübsch selbstgemaltem Cover ausgestattete Audiokassette, die mir mein Vater schenkte, um mich zu einem Flug mit Großeltern und Tante nach Berlin zu überreden, auf den ich nicht wollte. Die Kassette, die mir ein Stückchen Elternhaus mitgab in die große Stadt, die dabei aber nicht meine kindliche Traurigkeit über das verlassen von Mama und Papa wegschob, machte mir dann auch genug Mut, um diese erste große Fahrt meines Lebens anzutreten, und ich war dann auch wirklich traurig, als diese Kassette auf einer anderen großen Fahrt, gut zwei Jahrzehnte später, ihren Geist endgültig aufgab, unhörbar wurde, in weißgrauem Rauschen versank.
Also kaufte ich mir ein wenig später auf einem Flohmarkt eine gut erhaltene Ausgabe der LP, an der ich mich heute erfreue, auch wenn ich erstaunt feststelle, daß z. B. „Besame mucho“ oder „Teddy Boy“ darauf gar nicht enthalten sind, sondern von meinem Vater in Anlehnung an den Film einfach zwischenrein gestellt wurden. Trotzdem: „Rubber Soul“ (1965) oder „Revolver“ (1966), meine beiden anderen Beatles-LPs, verschwinden nach einer Seite meist wieder im Plattenregal, aber „Let it be“ bleibt, auch ohne „Besame mucho“.
Es ist das letzte Album der Beatles, die Legende sagt, daß die vier Buben damals schon völlig zerstritten waren und sich nur wegen Keyboarder Billy Preston noch zusammengerissen haben. Legende George Martin hatte zu diesem Zeitpunkt bereits keine Lust mehr auf die Band und überließ erst Glyn Johns und schlußendlich der anderen Legende Phil Spector das Feld, der sich um den Kitsch auf den Songs „Across The Universe“ und „The Long And Winding Road“ kümmerte (wirklich gräßlich ist die Harfe bei letztgenanntem Song, wenn auch das Streichermotiv wirklich hübsch ist – für einen Disneyfilm). Eine wohlbekannte Geschichte, ebenso wie das Konzert auf dem Dach des Apple Buildings und der ganze Rest.
„Let it be“ ist also ein finales Statement, das Zeugnis des Todes einer Band. Und genau das macht dieses Album meiner Ansicht nach zum besten der „Pilzköpfe“, um diesen Begriff auch noch zu bemühen.
Die Songs atmen nahezu alle eine gewisse Melancholie und Düsternis, ob nostalgisch wie in „Two Of Us“ oder „Dig A Pony“, ob kitschig wie in „Let It Be“ oder besagtem „Long And Winding Road“, oder ob offen schmerzlich wie in „I Me Mine“, und es ist ihnen eine Urtümlichkeit zueigen, eine rauhe Härte, die dem Blues deutlich mehr Raum läßt als den psychedelischen Experimenten (die sich dankenswerterweise hier gar nicht mehr finden), und die sich auch im Geplapper zwischen den Liedern äußert, das logischerweise mehr Spott, Hohn und Sarkasmus ist als das fröhliche Scherzen einer Band, die im Studio ihren Spaß hat (siehe nur Lennons Verarschung von McCartneys Text am Anfang von „Get Back“). Und dennoch fehlen die innovativen Momente nicht: Das heitere „For You Blue“ z. B. ist unglaublich zurückhaltend gespielt, kaum eines der Instrumente darf mal ausbrechen, und daraus gewinnt dieser Rhythm’n'Blues eine ziemliche Intensität, wie auch „Get Back“, das außerdem eine ganz unglaublichen Gesangsharmonie im Refrain besitzt und offenbar unter anderem von Transsexualität handelt (oder so), und „Across The Universe“ mit seiner kindlich-spirituellen Hoffnung auf Erlösung, das sich schon fast anfühlt wie ein Lennon-Solostück.
„Let It Be“ ist das traurigste Album der Beatles (trotz dem flotten „One After 909″ oder dem kraftvollen Rhythm’n'Blues von „I’ve Got A Feeling“), die ich sonst wegen ihrer Harmlosigkeit, die sie aller musikalischer Innovationen und Experimente zum Trotz einfach immer hatten, nie wirklich mochte (gerade im Vergleich zu den boshaften, zynischen, fiesen und coolen Rolling Stones, zumindest bis Anfang, Mitte der 70er), ist ein zerrissenes Album, ein schmerzvolles, wütendes Album, und gerade diese Negativität macht die Platte zu ihrer besten (ein Phänomen, daß sich z. B. auch bei „The Queen is Dead“ (1986) von den Smiths findet, oder bei dem ‘98er-Album „Up“ von R.E.M.). Diese Tristesse manifestiert sich auch in den Bandfotos, die Lennon versunken oder schmerzlich schreiend zeigen, McCartney versunken oder rehäugig-wehmütig guckend, und Starr nur traurig guckend. Und nur Harrison, der als erster die Schnauze voll hatte und die Band während der Aufnahmen zeitweise verließ, lacht auf beiden Bildern. Außerdem sind „Two Of Us“ und „Dig A Pony“ einfach meine Lieblingslieder der Beatles.
Der Text auf dem Backcover, der hier „new phase Beatles“ verspricht, hatte nicht recht: Nicht die „warmth and the freshness of a live performance“ kommt hierbei heraus, sondern die Intimität, die ungeschützte Nähe einer Band, die nicht mehr tut, als ob sich die Mitglieder vertragen würden, sondern die aus ihrem Ende keinen Hehl mehr macht. Das ist verstörend, das ist traurig. Die Beatles, vier Buben aus Liverpool, sind spätestens hier erwachsen, vielleicht sogar für einen Moment lang alt geworden und haben hier, in ihren letzten Atemzügen, ein ehrliches, nahbares, aufrichtiges Album aufgenommen. Der Spaß war vorbei. Schade für Millionen von Fans, gut für dieses Album.
Aztec Camera – „High Land, Hard Rain“
1. November 2008
Gegen diese kalten, grauen Herbsttage habe ich da was: Aus einer Kruschtkiste von irgendeinem Flohmarkt gezogen, ist „High Land, Hard Rain“, das Debut von Aztec Camera, dem Titel zum Trotz eine wunderbare Medizin, ein Pillendöschen voller hervorragend erhebender Musik. Aber von vorn.
Aztec Camera kennt man am ehesten von ihrem (einzig wirklich großen) Hit „Somewhere In My Heart“ (1988), ein romantischer, für die 80er typischer Schmusepopsong höherer Qualität, mit dem richtigen Maß an drive und Kitschfreiheit, um sich ein wenig von den anderen Schmusepopsongs dieser Zeit abzuheben. Dieses Lied täuscht in seiner Seichtheit allerdings gut über das Können dieser Band hinweg.
Wobei Band euphemistisch ist: Von der ständig wechselnden Besetzung der 1980 gegründeten Schotten ist Sänger, Gitarrist und Songschreiber Roddy Frame der einzig beständige Teil, und der Übergang von Aztec Camera zu Frames Soloalben sei, so das Internet, ein fließender gewesen. 1980, Frame war damals gerade 17 Jahre alt, gehörten sie aber zu einer neuen glasgower Independentszene von Pop-, Postpunk- und Wave-Songwriterbands (oder so ähnlich), denen neben Aztec Camera unter anderem auch Orange Juice, Josef K oder die Go-Betweens (nanu?) angehörten, und die ihre ersten Singles auf dem mittlerweile verendeten Label Postcard Records veröffentlichten. Nachdem dieses Label wieder Geschichte war, landeten Aztec Camera bei Rough Trade, später dann bei Sire und WEA. Rough Trade allerdings sind Schuld daran, daß ich dieses Album irgendwann erstanden, und ein wenig später lieben gelernt habe.
Auch ich kannte damals nur „Somewhere In My Heart“, kaufte mir für eventuelle Schmuserunden auf Parties sogar die 7″, und stolperte plötzlich beim Autofahren während des Hörens eines Rough-Trade-Samplers über ein wunderschönes Lied, das mit einer Menge juvenilem Herzblut vorgetragen war, mit viel Schwärmerei und einer irgendwie punkigen Attitüde in all seinem Wohlklang, und das mich ob seiner verrückten, überraschenden und doch immer harmonischen Tonart- und Rhythmuswechsel ziemlich beeindruckte. Da steckten mehr gute Melodien drin als bei manch anderer Band auf einer ganzen Platte. Außerdem kannte ich das Lied schon in einer sehr zarten, weichen Version von den Mystic Chords Of Memory, zu hören auf dem Jubiläumssampler zum 25sten Geburtstag von Rough Trade, aber diese urtümlichere Version beeindruckte mich ungleich mehr. Aha, sagte mein Gedächtnis, das sich an die Linernotes des Samplers erinnerte: Aztec Camera. Und dann: Huch? Aztec Camera??? Die sind ja gar nicht so kitschig, wie ich immer dachte!
Ein wenig Recherche brachte dann diese Informationen: „We Could Send Letters“, dieses wunderbare Lied, stammt von eben diesem Debut der Band und wurde für den Rough-Trade-Sampler nochmal „akustisch“ aufgenommen, und kurz darauf hielt ich durch einen glücklichen Zufall die LP in den Händen.
Gleich vorneweg: Einer der größten Pluspunkte dieses Albums ist der weitgehende Verzicht auf Instrumente jenseits von Schlagzeug, Baß und Akustikgitarre (oder, etwas seltener, eine unverzerrte E-Gitarre), was den Liedern darauf einen schön folkigen Flair verleiht, eine punkige DIY-Unbekümmertheit (so täuscht der 80s-Baß und das 80s-Schlagzeug am Anfang der Platte eine typische zeitgemäße Popscheibe an, und es ist eine große Freude, statt Synthieflächen nur die wunderschöne Akustikgitarre zu hören). Und dennoch ist jeder einzelne Song ein großes Statement voller Romantik, von eben einem jugendlichen Schwärmer aufgenommen, der mit bescheidenen instrumentalen Mitteln die ganz große Geste wagt. Daß das nicht schief geht, liegt zum einen am großen Können der Musiker, die sich durch Akkorde hangeln, die ich nichtmal kenne, ohne dabei im Geringsten verkrampft, angeberisch oder großkopfert zu wirken, sondern nur in die Musik verliebt. Zum anderen singt Roddy Frame ganz entzückend. Denn er kann wahrhaftig singen, hat eine wunderschöne Stimme, und doch klingt er wie der Junge von nebenan, als ob sich hinter seinen glasklaren Melodien ein irgendwie räudiger Spitzbube verbergen würde. Heute würde man ihn vielleicht mit dem jungen Conor Oberst ohne Depressionen vergleichen.
Und das ist ein weiterer schöner Punkt der Platte: Sie ist voller Sehnsucht (gerade „We Could Send Letters“ oder „Walk Out On Winter“), aber niemals traurig. Sie umarmt das Leben auf eine unkitschig kitschige Art, wie das nur die unbekümmerte Jugend schafft (in den Latinorhythmen (?) des Openers „Oblivious“ oder im Mitsingrefrain von „The Boy Wonders“), sie strotzt vor Popappeal und bleibt dabei sehr geerdet. Durch ihre reduzierte Instrumentierung klingt sie, als könne das jeder machen, und dadurch schafft sie eine große, freundschaftliche Nähe zum Hörer, und „Back On Board“, das mit seiner Orgel und seinen gospeligen Backgroundsängerinnen etwas üppigere vorletzte Stück mündet in das nur mit Akustikgitarre begleitete „Down The Dip“, das nochmal von „stupidity and suffering“ redet, dabei aber nicht verzagt, sondern so lebendig klingt, wie man es sich nur wünschen kann.
Jugendlicher Schönklang und Übermut, große Gesten, große Melodien und ein großes Können auf einer kleinen Instrumentierung, Romantik, Vehemenz, Sehnsucht, meine Güte, was für eine prima Platte, um einen durch den Winter zu bringen!
The Mountain Goats – „Tallahassee“
17. Oktober 2008
Weil ich sie in letzter Zeit wieder sehr, sehr oft gehört und mit jedem Hören mehr Brillanz entdeckt habe, weil mir mittlerweile auch die Songs gefallen, die mir am Anfang zu lahm gewesen sind, weil ich mittlerweile auch die Subversivität der glatteren Songs zu schätzen weiß, weil die Mountain Goats erst dieses Jahr mit „Heretic Pride“, ebenfalls auf 4AD, ein neues Werk vorgelegt haben, weil dieses zwar sehr gut, „Tallahassee“ allerdings um ein Vielfaches besser ist, und weil die großartigen Mountain Goats in diesem Blog erstaunlicherweise noch nicht vertreten sind, kommt hier ein Loblied auf „Tallahassee“, die wahrscheinlich beste Platte des – gelegentlich durch weitere Musker aufgestockten – Duos aus Songwriter, Sänger und Gitarrist John Darnielle und Bassist Peter Hughes.
Begegnet sind mir die Mountain Goats auf irgendeinem Sampler, und zwar gleich mit ihrem Übersong dieses Albums, „No Children“, ein hysterisch-fröhliches Lied über die grauenvollsten Aspekte einer Paarbeziehung, verpackt in einen Folksong, der klingt wie Dylan auf Koffeein, mit einem gewitzt-gehässigen, extrem poetischen Text, lo-fi genug, um mein Punkrockerherz höher schlagen zu lassen, aber dennoch gut genug aufgenommen, um alle Nuancen von Darnielles nasalem Gesang, dem brillanten Baßspiel von Peter Hughes und dem schönen Piano deutlich hervortreten zu lassen (anders als z.B. auf „Sweden“ (Shrimper Records, 1996), wo es die schmuddelige Aufnahme gelegentlich schwer macht, die Lieder am Stück durchzuhören, ohne jetzt irgendwie spießig wirken zu wollen …).
Und das Album steht dem Hit in nichts nach. Schnelle, immer leicht hysterische Lieder wie besagtes „No Children“, „First Few Desperate Hours“, „Southwood Plantation Road“ oder das Schlußstück „Alpha Rat’s Nest“ wechseln sich ab mit sehr schönen, sehr ruhigen, sehr melancholischen Stücken wie dem ergreifenden „Game Shows Touch Our Lives“, „Idylls of the King“, oder dem „Internationall Small Arms Traffic Blues“, und ab und zu wird es in all dieser schönen, leicht schwermütigen Abendsonnenstimmung stockfinster: Bei „The House That Dripped Blood“, „See America Right“ oder „Oceanographer’s Choice“ tun sich Abgründe auf, die inmitten all dieser – falschen – Idylle umso erschreckender und grausamer wirken, steht der Mensch, der das ja schon irgendwie geahnt hat, plötzlich ganz alleine da mit seiner Schuld und fragt sich ängstlich, aber auch irgendwie resigniert: „What will I do when I don’t have you, when I finally get what I deserve?“
Eine berechtigte Frage, wünscht das lyrische Ich seiner Partnerin doch ein paar Lieder vorher: „I am drowning, there is no sign of land. You are coming down with me, hand in unloveable hand. I hope you die. I hope we both die“. Und selbst das versprochene Treuegelübde ist schrecklich, voller Alkoholmißbrauch, Angst und apokalyptischer Bilder: „My love is like a dark cloud full of rain that’s always right there up above you“, droht Darnielle, dem selber angst und bange ist: „But we try to keep our spirits high, but they flag and they wane [...] through these first few desperate hours“.
Eine monströse Idylle, die Darnielle hier also besingt, eine Liebe, die längst zu einer Todesfalle geworden ist, und es gibt nichts, was einem die eigene Schuld daran abnehmen könnte. Getragen wird alles (bis auf besagte tiefschwarze Lieder, in denen ein treibendes Schlagzeug und eine schmerzlich verzerrte E-Gitarre bzw. ein gemein verzerrter E-Baß endlich ausbrechen dürfen) von Akustikgitarre und Baß, ab und zu gesellt sich ein Klavier dazu, ab und zu noch andere kleine Instrumente. Die Melodien sind einfach, schön, gehen gleich ins Ohr, die Akkordfolgen sind simpel, und wären diese Lieder und ihre Texte nicht von einer derartigen Intensität, vorgetragen mit soviel heiterer Verzweiflung, augenzwinkernder Resignation, spielerischem Haß und irgendwie lustigem Irrsinn, man könnte sie für zu simpel, zu langweilig halten. So aber bleiben sie auch beim hundertsten Hören atemberaubend, im guten wie im schlechten – weil schockierenden – Sinn.
„Tallahassee“ läßt sich fließend einordnen in das Gesamtwerk der Mountain Goats, sowohl motivisch als auch musikalisch, es verfolgt Metaphern und musikalische Motive, die sich immer wieder finden, und doch ist das Album zwingernder als die (viel zu wenigen) anderen Platten der beiden, die ich kenne (ausgenommen sei der Nachfolger „We All Shall Be Healed“ von 2004), es bricht einem mehr als alles andere das Herz, wie Darnielle gutgelaunt ins Verderben läuft und genau weiß, was er da tut, wenn er sein lyrisches Du einfach mitnimmt. Nirgendwo waren Angst, Verzweiflung, Haß und Schuld bislang so sonnig, so herzerwärmend, so poetisch und erdig zugleich verpackt wie auf „Tallahassee“, nirgendwo fühlt sich der Mensch angesichts all dieser Verlorenheit und Einsamkeit, die einem hier begegnet, so sehr aufgehoben und wohlig daheim. Aus dem Abgrund ein Lächeln aus wunderbaren, in ihrer Hoffnungslosigkeit hoffnungsvollen Liebesliedern.
Judge Bone & Dog Hill – „Big Bear’s Gate“
17. August 2008
Uff. Eigentlich dachte ich ja eher, daß ich gestern mit dem Reissue der „Youth of America“ von den Wipers nach Hause gehen würde. So zumindest war mein etwas lustloser Plan für einen drögen Samstagnachmittag. Aber dann geriet mir die Platte von Judge Bone in die Finger, und weil ich schonmal da war, hörte ich eben auch mal rein. Uff. So richtig klar war mir nicht, was ich da kaufen würde, und ich gebe zu, unterm Strich nahm ich sie nur mit, weil ich unbedingt Geld ausgeben wollte. Aber was für eine Wucht das schon beim ersten Reinhören war, auch im Vergleich zu den Wipers (an dieser Stelle empfehle ich eh, zumindest was den Titelsong dieser Platte betrifft, das Cover der Melvins auf „Electroretard“, aber das dann ein andermal), wie brachial das klang!
Zuhause dann legte ich die Platte erstmal beiseite, vergaß gar, wie die Künstler bzw. die beiden finster dreinschauenden und von Alkohol und Kneipenprügeleien gezeichneten Typen auf dem Backcover heißen, und dachte mir: Naja, mal wieder was Unnötiges gekauft. Und dann, heute zum Frühstückskaffee, legte ich sie dann auf, mild neugierig geworden von den Bildern auf dem Cover, dem völlig irren Foto dieses völlig irren Predigers auf dem Innersleeve – offenbar Judge Bone himself -, und den verschmierten, handgeschriebenen Texten. Uff.
Kurz gesagt machen Judge Bone und Dog Hill nur mit Gitarre, Gesang, Schlagzeug und „Footstomps“ Blues. Aber was für einen! Direkt aus der Hölle der Übersteuerung, der Distortion, des dumpfen, mies aufgenommenen, aber virtuos wahnsinnig gespielten Schlagzeugs. Neben den klassischen Blueslicks, die in besagtem superbrachialen, völlig übersteuerten Sound gespielt werden, passiert ungemein viel Seltsames an den beiden Instrumenten (dazu höre man nur mal „Seventeen and in Misery“ an). Da werden hysterische Geschwindigkeiten ausgepackt, seltsame Fills und Breaks, und die langsamen Songs schleppen sich zäh und bedrohlich dahin, als wollten sie einem einfach so mal in die Fresse hauen. „Big Bear’s Gate“ klingt, als hätten sich Jon Spencer und Tom Waits um ein einzelnes Mikro gesetzt und ihr ganzes Können, ihre verschiedenen Verschrobenheiten, ihre ganze miese Laune und deren lustvolle Zelebration ausgepackt. Uff.
In Finnland, überraschenderweise (und dann irgendwie doch nicht) das Heimatland von Judge Bone, ist selbiger offenbar schon lange kein unbekannter mehr. Der – hihi – promovierte Jurist veröffentlich dort schon seit den 70ern als Tuomari Nurmio („Judge Bone“ auf Finnisch) Platten und fusioniert dabei scheinbar finnischen Tango mit Tom Waits (das erfährt man hier), doch „Big Bear’s Gate“ klingt wie direkt aus dem amerikanischen Hinterwald, wüst und brutal wie klanggewordene häusliche Gewalt im Titelsong oder in „Seventeen and in Misery“, trist und verloren auf dem Highway eines Tom Waits wie in „Train Train Train“, oder aber fast schon lustig, wie „You hate me and my Stetson Hat“. Und dann enden beide Seiten der Platte erstaunlich versöhnlich: Seite A mit dem Country-Schlager „Ramona“, der eigentlich nur noch durch diesen Sound vorm Kitsch gerettet wird, und Seite B mit dem klassischen, an Harry Nilssons „Everybody’s Talking“ erinnernden Countrytrack „I let the Angels do the Dreaming“, der einen dann lächelnd in den Sonnenuntergang reiten läßt.
Sicher, es finden sich zahllose Blues- und Countryklischees auf „Big Bear’s Gate“, aber erstens ist das ja das Schöne an dieser Musik, und zweitens bleibt neben diesem fiesen, druckvollen Mülltonnensound (kein Widerspruch) dann doch eine kompositorische und musikalische Virtuosität, wie sie nur einem gelingen kann, dem es eigentlich scheißegal ist, weil er nur das tut, was er tun will. Uff.
Bonnie „Prince“ Billy – „Lie Down in the Light“
8. Juli 2008
Ach, ach, ach. Bonnie „Prince“ Billy aka Will Oldham hat ein neues Album veröffentlicht. Vor einiger Zeit, namentlich bis zu seinem letzten full length Album „The Letting Go“ von 2006, war dieser Satz Grund genug für mich, tagelang nicht schlafen zu können und alle naslang zum hiesigen Plattenhändler zu rennen und nach dem Vinyl zu fragen, mit feuchten Händen die CD anzuschauen und dann doch nicht reinzuhören, um die Spannung zu erhalten, die Vorfreude auf das erste Knistern der Rille, die Sekunden, bevor die Frage danach beantwortet wird, wie wohl das neue Album klingen mag, und schließlich, weil die Ungeduld größer war als die Vernunft, zig Kilometer zu fahren, um mir die LP in der nächsten Großstadt zu kaufen, nicht, ohne vorher aber auch wirklich jedem von besagter Veröffentlichung erzählt zu haben.
Bonnie „Prince“ Billy war damals eine Offenbarung für mich, 2000, als Johnny Cash auf „Solitary Man“ den Titelsong des besten Bonnie-Albums überhaupt, „I see a darkness“ (1999) mit Will Oldham selbst an der Zweitstimme coverte und bei aller Größe nicht einmal annähernd an das Original herankam. Soviel Brüchigkeit, soviele Lücken zwischen den Tönen hatte ich bis dahin nur bei Mark Hollis gehört, soviel Düsternis und gleichzeitig soviel kindliche Naivität, soviel Spiritualität und gleichzeitig soviele lustige Obszönitäten, und einfach solche wunderbaren Lieder, vorgetragen mit einer so wunderbaren Stimme und so spannenden, behutsamen Arrangements kannte ich bis dahin noch nicht. Ach, ich wurde zum glühenden Fan, kaufte, was ich in die Finger kriegen konnte, kaufte alles, was er unter seinen verschiedenen Namen (Palace Brothers, Palace Music, Palace, Will Oldham, Bonnie „Prince“ Billy, Bonny Billy, Bonnie „Blue“ Billy) veröffentlicht hat, gab teilweise horrendes Geld aus für einen einzigen Song auf einer 10″ im Fotobuch, und war verloren.
Dann kam besagte „The Letting Go“, zu der ich plötzlich keinen Zugang mehr fand. Überambitioniert fand ich sie, irgendwie esoterisch, und ich fragte mich, wo wohl diese tolle Brüchigkeit, wo diese wunderbaren Lücken in der Musik hin waren, fragte mich, wieso seine Stimme mir plötzlich so fern und unnahbar vorkam (was ich, ehrlich gesagt, schon früher bemerkt hatte), wieso ihre neue Festigkeit sie in so weite Ferne rückte, wohingegen ihre Unsicherheit, ihr Kippen und ihre gelegentlichen falschen Töne sie so nah bei mir sein ließen.
Und jetzt „Lie Down in the Light“. Die auf Gesang und Gitarre reduzierte Vorgänger-EP „Ask Forgiveness“ (2007) versprach nur Gutes, also war ich voller Hoffnung. Und als ich sie in den Händen hielt, fiel mir als erstes auf, daß Oldham das Layout des Schriftzuges bislang aller Bonnie „Prince“ Billy-Alben aufgegeben hat. Weiterhin fiel mir auf, daß, wie auf „Ask Forgiveness“, auf der Rückseite keine Titel angegeben sind. Aber egal, egal, wie mag sie wohl klingen? Ich ließ mir Zeit damit, sie endlich einmal aufzulegen, wartete auf einen ruhigen Moment, voller Hoffnung einer-, düsterer Vorahnung andererseits. Gleich das erste Lied allerdings, „Easy Does It“, ging mir zu Herzen: Ein fröhlicher kleiner Countrysong ist das, ganz naiv mit Akustikgitarren und Fiddle und einem Text über die kleinen Freuden und alles, was man im Leben wirklich braucht: Freunde, Familie, Musik. Schön. Doch das Weiterhören wurde irgendwie immer fader, als ob die Lieder einfach an der Oberfläche bleiben, als ob sie freundlich zum einen Ohr hinein-, zum anderen wieder herausgleiten, ohne Eindruck zu hinterlassen.
Die Platte erinnert immer wieder an eine ausformulierte Version von Bonnies „Master and Everyone“ (2003), nur daß dort die radikale Reduktion mit der kompositorischen Schwäche versöhnt und eben diese auch Programm sein mag: Sehr einfache Lieder zu einem sehr einfachen Setting, sehr spontan und nahe am Hörer und auch am Sänger. Auch hier gleichen sich die Melodien und sind eher gewöhnlich, doch die Instrumentierung ist üppiger (wenn auch, gottseidank, ohne Streicherkram wie auf „The Letting Go“), fließt aber allzu friedlich dahin, ist üppig auf die bescheidene, gesunde Art einer saftig grünen Wiese, zeigt kaum Brüche, erinnert auch kaum mehr an Oldhams musikalischen Ursprung in den Appalachen, sondern ist vielmehr Folkpop geworden, mit der songwriterischen Glätte (oder Profillosigkeit), die Pop zueigen sein muß, damit er Pop sein kann. Sicher, „So Everyone“ hat einen interessanten Rhythmuswechsel zwischen Strophe und Refrain, und die rauhe Stimme von Duettpartnerin Ashley Webber (offenbar die Schwester von Amber Webber von Black Mountain) fügt der Musik viel hinzu und klingt ganz wunderbar. Aber trotzdem und fürchterlicherweise bleibt die Platte profillos, wird beim letzten Stück der ersten Seite, „Missing One“ sogar fast peinlich mit der aalglatten möchtegernharten Gitarre.
Die B-Seite fällt dann gegen Seite A auch noch ziemlich ab, wird noch friedlicher, sprich: fader, klingt wie das Gitarrenspiel eines zufriedenen Mannes auf seiner Veranda, der leise irgendwas vor sich hin singt. Die Melancholie klingt nicht mehr nach der kindlich-existentiellen, fabulierenden Angst und Hoffnung von „I see a Darkness“, sondern nach der Rotwein-und-volles-Konto-Altherrenschwermut eines Hermann Hesse, dessen Gejammer unerträglich feist und satt klingt. Zwar ist Oldham bei weitem noch nicht an diesem Punkt, aber manchmal scheint dieser schlechte Geschmack doch etwas zu deutlich durch.
Will Oldham ist offenbar glücklich und zufrieden geworden. Das sei ihm gegönnt, aber seiner Musik tut das nicht gut (dieses Phänomen zeigt sich z.B. auch bei PJ Harveys „Stories from the City, Stories from the Sea“). Und nicht nur das: Sein Kontakt zu David Tibet von Current 93 und der ganzen Durtro Jnana-Crew haben ihn scheinbar spirituell werden lassen, religiös im esoterischen Sinne. Was bei David Tibet durch dessen Industrialvergangenheit und dessen Alpträume, dessen Nichtsangesstimme und dessen hypnotische Monotonie verstörend und faszinierend wirkt, bei Baby Dee (zu deren Album „Safe inside the Day“ Oldham wunderbare Zweitstimmen eingesungen hat) z.B. durch die Auseinandersetzung mit ihrer Transsexualität im Hinblick auf ihre Familiengeschichte für Reibungen und die Möglichkeit für sehr viel schönen Humor sorgt, wirkt bei Will Oldham aber glatt, zufrieden, bierernst. Die existentielle Komik seiner früheren Alben liegt scheinbar erstmal auf Eis, stattdessen riecht es nach Räucherstäbchen, zum Beispiel bei „Willow Trees Bend“, das in seiner zerfahrenen Instrumentalisierung sehr an die Gedichtvertonungen von „Get On Jolly“ (2000, mit Dirty Threes Marquis de Tren) erinnert (was das Lied deutlich aufwertet), oder dem, hm, es klingt wie ein Gemeindechor am Schluß der Platte.
Sicher: Will Oldham alias Bonnie „Prince“ Billy ist auch hier eine sehr schöne Platte gelungen, eine immerhin (und bis auf ein, zwei Ausrutscher) gute Platte, aber verglichen mit seinem Jugendwerk bei den Palace Brothers et al, oder gar mit seinem opus magnum „I see a Darkness“ ist „Lie Down in the Light“ weit davon entfernt, das Meisterwerk zu sein, von dem die Presse momentan an allen Ecken und Enden spricht. Oldham ist angekommen, ist jetzt gesetzt, ist glücklich und erleuchtet. Seiner Musik fehlt der Schmerz, der Wahnsinn und die dadurch gegebenen Möglichkeiten zu Humor und guter Musik. Seine textliche Spiritualität führt ihn leider nur zu „good, earthly music“, und das ist wohl „all there has to be“.
Was mir als Fan bleibt, sind seine unzähligen Kooperationen z.B. mit Baby Dee, mit Carrie Yuri, Björk oder der wunderbaren Scout Niblett (auch, wenn er es in letzter Zeit damit übertreibt und wirklich überall dabei ist; man möchte fast von einem Indie-Bono sprechen) und seine genauso zahllosen Klein- und Kleinstveröffentlichungen wie besagte Cover-EP, oder einige feine Singles-Flipsides, auf denen er oft die Glätte zugunsten von Humor und Experimenten über Bord schmeißt, oder seltsame Liveaufnahmen, die nur in Australien erscheinen oder auf irgendwelchen Internetseiten für Liebhaber. Und tatsächlich habe ich gerade den Opener „Easy Does It“ als Ohrwurm, und so schlecht fühlt es sich dann doch nicht an.
www.bonnieprincebilly.com
http://users.bart.nl
www.dragcity.com










