Japanische Kampfhörspiele – „Luxusvernichtung. Vierundfünfzig vertonte Kurzgedichte“
26. Oktober 2009

Unundeux, 2009
Fassen wir uns aus gegebenem Anlaß kurz: Japanische Kampfhörspiele, intellektuelles Aushängeschild des deutschsprachigen Grindcores, intelligente Texte zwischen Dada und pointierter Gesellschaftskritik aus dem linken Spektrum, von echten Metalheads nicht so gemocht, dafür aber von uns großkopferten Akademikern, musikalisch ziemlich brillant, sackschnell, irre präzise, trotz des genretypischen Geholzes aufregend differenziere Riffs und Rhythmen, zweistimmiger „Gesang“ aus hoher und tiefer Stimme (wie dereinst Carcass zu ihren besten Zeiten), kurz: geil.
Nun die Labelgründung, Unundeux erblickte im ersten Quartal 2009 die Welt, und dort „machen die Japanischen Kampfhörspiele was sie wollen“, nämlich unter anderem die E.P. „Luxusvernichtung“. Dort werden geschwind 54 (in Worten: vierundfünfzig!) „Kurzgedichte“ innert rund 19 Minuten vertont, das Internet meint, es handle sich dabei um Song- und Textfragmente, die nie wirklich zu ausgewachsenen Songs geworden sind. Aufgenommen wurde „im proberaum, in calles kellerbar und zuhause“, und was jetzt wie ein blöder Witz einer „lustigen“ Band aus lauter Jungs mit Jungshumor klingt, ist eine richtig gute Platte, sowohl textlich wie musikalisch.
Sicher, die Zeit in den einzelnen Liedern ist dann doch recht knapp, und nicht immer kommen da richtig ausgeprägte Strukturen dabei raus, aber halt doch meistens, und das ist wirklich beeindruckend: wie in unter zehn Sekunden richtig gute Riffs und Grooves ausgepackt werden, wie sich manchmal sogar Refrains einschleichen, wie plötzlich nochmal neue Songteile losballern, wie präzise die Gitarrenlinien und die Schlagzeugparts gespielt werden und wie klar der Sound ist. Und wie intelligent und durchaus lustig das alles ist.
Wer kann, sollte sich auf der Homepage von Unundeux den „Luxusdeal“ krallen, denn dann hat er neben dem T-Shirt sowohl die 10″ als auch die CD. Die 10″ ist einfach schön und ultrarar (und für sie habe ich dann gern auf den Bonustrack verzichtet), und die CD hat als eben jenen Bonustrack das ganze Album nochmal als Instrumentalversion hintendran.
„Luxusvernichtung“ könnte man einfach als guten Gag verkaufen, mit lustigen Liedchen, um die Freunde mal zum Lachen zu bringen, „Rumpelrumpel, höhö, rumpelrumpel“. Aber dazu ist die E.P. einfach zu gut, dazu sind selbst die ultrakurzen Stücke zu ausgefeilt, dazu sind die Texte zu anspruchsvoll, ein extremes Destillat von extremer Musik. Zugreifen, bevor das Ding vergriffen ist, denn auch die CD ist limitiert.
The Pussywarmers – „My Pussy Belongs To Daddy“
10. September 2009
Zugegeben, sowohl der Bandname als auch der Plattentitel sind so bescheuert, daß es mich einige Zeit gekostet hat, überhaupt mal in die Platte reinzuhören, Voodoo Rhythm hin oder her. Und das schön gestaltete Cover mit der Pin-Up-Schönheit Dolly Diamonds kann auch nicht wirklich über das Pennälerwortspiel hinwegtäuschen: „Wer wärmt hier wen, höhö!“
Aber dann, der verzweifelte Wille, meinem hiesigen Plattenhändler trotz eher reduziertem interessantem Angebot etwas abzukaufen, war groß, wagte ich es doch, und seither läuft „My Pussy Belongs To Daddy“ auf meinem Plattenteller auf heavy rotation. Die fünf Heißsporne aus der italienischen Schweiz haben mit ihrem Debut ein wirklich schönes Album hingelegt, zwischen 20er-Jahre-Swing-Schönklang, wildem Balkangetröte und dem für Voodoo Rhythm recht typischen chaotischen Krach. Sie selbst nennen sich ein „Little Freak Circus Orchestra“, und das trifft es ziemlich gut. Mit Gitarre, Contrabaß, Perkussion, Akkordeon, Banjo, Posaune, Trompete, Tuba und dem nicht immer schönen Gesang von Fabio Pozzorini und Damiano Merzari holen einen die Fünf in ihre ganz eigene Welt zwischen Zirkuszelt und Gosse, zwischen Wagenburg und schweißtreibendem Underground-Club.
Dabei verfallen sie nie dem mittlerweile doch recht abgenudelten Balkan-Beat, sondern halten sich immer eine Hintertür offen zu traurigen-wilden Walzern wie dem eigentlichen Opener (nach dem Gepfeife auf „Bonjour Madame“) „Dead“ oder dem wunderbaren „Dounats“ mit seinem traurig-poetischen deutschen Text, der klingt wie von M.A. Numminen gesungen (und, dieser Einwurf sei mir erlaubt, wem dieses Lied nicht zu Herzen geht, wählt die FDP und wirft nie einem Bettler was in den Hut), zu kleinen Chansons wie „Bateau“ oder zum trägen Jazz von „Summertime“. „I Saw The Devil“ könnte von Hank Williams stammen, wäre dieser auf dem Balkan zuhaus’ gewesen, und „Ashes“ ist ein Stampfer, der auch Judge Bone gut gestanden hätte, im entsprechenden Soundgewand freilich. „I Wanna Have“ ist ein schönes, kleines, trotziges Liedchen, dessen Gegenstück auf der B-Seite, „My Time Has Gone“, das einzige Stück der ganzen Platte ist, das sich die Pussywarmers hätten sparen können – zu pubertär ist der Text („my parents always told me to be what I wanted to be / and the meaning was I should do what they had wanted to do / and now my time has gone“), zu beliebig die Musik – aber das vielleicht auch nur im Vergleich zu den anderen, meist ganz bezaubernden Stücken. Mit „Love You / Introduction To An Ending“ landen die Pussywarmers schlußendlich dann doch noch irgendwie beim 60’s-Beat, zitieren dabei „I Will Follow Him“ aus „Sister Act“ und machen beim abschließenden „Au Revoir Madame“ nochmal tüchtig balkanesken Krach.
Überall auf dieser Platte (bis auf ein, zwei Stücke) scheppert irgendetwas, klonkert ein schiefes Banjo, klagen die Bläser, quäken die beiden Sänger, springen die Aufnahmen zwischen Diktiergerät-field recordings und, naja, irgendwie einer Produktion hin und her, aber bei aller chaotischen Wagenburg-Weltmusik-Vagabunden-Attitüde vergessen die Pussywarmers niemals die Schönheit von Melodie und Melancholie. Trotz des offensichtlichen, schönerweise in jedem Ton zu spürenden Spaßes an der Musik, trotz der ungestümen Wildheit mancher Stücke sind die Pussywarmers wesentlich erwachsener, als es ihr blöder Bandname vermuten läßt. Das ist gut, denn die Buben können was, und das zeigen sie auch, aber mit viel Freude am Chaos, an schrägen Tönen und am puren Spaß im Leben.
The Staggers – „Teenage Trash Insanity“
4. Mai 2009
Gleich vorweg: Es ist eine Sache, die Staggers live zu sehen, und eine ganz andere, „nur“ ihre Platte zu hören. Live sind die Österreicher eine unglaubliche Schau, ein Gesamtkunstwerk, ein wilder Haufen wie direkt aus Bobby Picketts „Monster Mash“, als ob Frankenstein und seine Freunde bei Räuber Hotzenplotz mitmachen würden, angeführt von einem arg heiteren Fürsten der Finsternis, mit mehr als nur einem Arsch voll Groove. Auf LP bleibt von dieser feinen, abwechslungs- und bewegungsreichen Optik (Vampire, verrückte Professorgehilfen, Hinterwaldschrate und eben coole Rocker), von den Gesten und Blicken, vom Grinsen und Wippen, freilich nicht mehr viel übrig, da kann man sich nur auf das Cover verlassen. Doch auch in 2D halten die Staggers einiges von dem, was sie versprechen: Zusätzlich zur ziemlich coolen Optik des Covers schenken sie einem noch ein feines Poster dazu und eine Monstermaske zum Ausschneiden, damit man selber zum „Ugly Kid“ mutieren kann. Hier hat man es also tatsächlich mit Liebhabern zu tun, die ihrerseits den hörenden Liebhabern viel zu schenken haben.
Vielleicht ist es einfach ein bisserl schwierig, diesen optischen Irrsinn in Musik umzusetzen und trotzdem der Zitatenhölle des Neo-60’s-Garage-Beat treu zu bleiben, vielleicht kommt hier auch einfach nur der Unterschied zwischen einer furiosen Liveshow und einem dann doch produzierten Studioalbum zum tragen. Jedenfalls ist die Musik der Staggers deutlich konventioneller, wenn auch nicht viel weniger wild, als ihre Show und ihre Optik. Was jetzt – diese Verteidigung sei gleich hinterhergeschoben – dem Album gar nicht so viel ausmacht.
Das Album selbst besteht bis auf „Little Boy Blue“ (Tonto and the Renegades) und „I am the Wolfman“ (Round Robin) aus Eigenkompositionen, die sich aber nirgendwo hinter den Originalen verstecken müssen, die klingen wie aus der Feder eines 60’s-Irren, und die auch die typischen Themen dieser Musik und also die hormonell verwirrter Teens verhandeln: Sex, Girls, heiße Öfen, Surfen, wilde Tiere, Friedhöfe, Serienmord und diverse blutrünstige Gestaltwandler.
Der Sound changiert dabei minimal zwischen dreckigem Teen-Beat, dreckigem Prä-Punk, dreckigem Surf und dreckigem Monsterbeat, zwischen Fuzz und Farfisa, ohne dabei die teilweise unerträglich schlechte Soundqualität z.B. einiger Billy-Childish-Outputs zu erreichen. Die Produktion ist erfreulich klar, ohne dabei ihren Druck zu verlieren, räumt den einzelnen Instrumenten ihren Platz ein und ist trotzdem nix für kopflastige Audiophile, sondern für Leute mit Groove im Arsch.
Sicher, nicht alles erreicht dabei die Größe des „Eagles Surf“ oder des großen Hits der Staggers, „Do the Ripper“, der dreist bei „The Crusher“ (von wasweißichwem, unter anderem von den großen Cramps) klaut, aber wer weiß, wo der wiederum geklaut ist, und außerdem ist das eh wurscht. „Little Girl“ wäre 60’s-Garagen-Massenware mit leicht rockistischem Einschlag, klänge dann nicht doch ein bißchen zu sehr der Irrsinn durch, der die Live-Shows zu so einem Erlebnis macht, was vor allem dem hysterischen Gesang von Wild Evel geschuldet ist, dem Mann mit der bescheuertsten und deswegen coolsten Frisur des Rock, und der schrillen Orgel der gruslig-anziehend unnahbaren Lightning Iris. Den Refrain von „Out of my Mind“ hat man auch schon oft gehört, der Anfang von „Black Hearse Caddilac“ zitiert Chuck Berry, aber, ich kann es nur betonen: Was soll’s? Hinter der eleganten Freak-Coolness der Band hört man eine derartige Spielfreude, eine Lust auf diese schön primitive Musik, daß die drei Ausrufezeichen hinter dem Titel „Come on!!!“ wirklich mal gerechtfertigt sind.
Gerade ein Song wie besagter „Black Hearse Caddilac“ bringt mich sogar jetzt, müde von der Arbeit, vollgefressen und faul wie sonstwas, fast zum Aufspringen und wilden Rumhüpfen, müßte ich nicht das hier schreiben. Und höre ich hier nicht auch ein Quentchen teen angst raus? Ein bißchen zu viel Dringlichkeit und Verzweiflung im Gesang? Geht es hier sogar um mehr als nur um den auf dem Cover angepriesenen „Fun“? Dochdoch, irgendwie sind die Staggers auch Getriebene, und so eine Welt voller Vampire, Werwölfe und heißer Schlitten ist eben nicht nur ein Vergnügungspark (wohnt nicht z.B. dem Surf auch eine ständige Moll-Melancholie inne?). Aber hey, nochmal: Was soll’s? Hauptsache, die „Wild Teens“ kommen auf ihre Kosten, ehe die Platte mit dem fast traditionellen Rock’n'Roll von „I am the Wolfman“ schließt.
Kurz gesagt ist „Teenage Trash Insanity“ ein klassisches 60’s-Garage-Beat-Album, mit allem, was daran Spaß macht, aber auch mit einigem, was daran ein wenig fad wirken kann. Aber weil es den Staggers ja nicht darum geht, das Rad neu zu erfinden, sondern damit einfach nur ihre Hot Rods zu bestücken und einmal durch sämtliche Garagen und Höllenschlünde der Stadt zu brettern und dabei verdammt gut auszusehen, kann man über ein paar Flauheiten hinwegsehen, vor allem, wenn man Lust hat, sich auf den Sozius zu schwingen und mitzubrettern. Und dafür sorgt diese Platte dann doch ziemlich effektiv.
Cool Jerks – „Aus dem Weg“
30. Januar 2009
Was ist „pervers“? Laut Duden versteht man unter „pervers“ (lat. „perversus“) „verdreht, verkehrt, adj.“, Wikipedia sagt zu „Perversion“: „[...] eine stark bis sehr stark den vorherrschenden Moralvorstellungen, häufig im Bereich des Trieb- und Sexualverhaltens, entgegenwirkende Tat. Heute wird es als Schimpfwort für befremdendes Verhalten benutzt“. Es ist also diese zweite, moderne Bedeutung das Begriffs „pervers“, der mir beim Album „Aus dem Weg“ der Cool Jerks aus Bremen (nicht zu verwechseln mit der US-Band gleichen Namens), ein Seitenprojekt der Trashmonkeys, in den Sinn kommt.
Schaut man sich allein schon das Frontcover an, dann weiß man, warum ich dieses Wort bemühe: Vier Buben zwischen Teenie und Twen, in beschissen hippen Klamotten, mit superfreundlichen Grinsefressen, die total dämlich posen, ein Bild wie aus einer Teen-Zeitschrift vom Bahnhofskiosk, und auf der Rückseite geht’s gleich weiter: Unter total süßen Fotos der vier Buben stehen deren Lieblingsfarben, -musiker, -hobbys etc., grusel. Eine ähnliche Süßheit tropft aus den Angaben zu den Songs, die Titel tragen wie „Auf die Piste“, „Ich sitz auf’m Sofa“ oder „Sorry“: „Text + Musik: Andi, arrangiert von uns allen“. Was für ein Liebhaben, was für ein „Leben wie in einem 50er Jahre Heimatfilm“, wie Mutter gesagt haben. Und bei allen Indizien für Ironie: Irgendwie sehen die Jungs zu echt aus (Echt sind irgendwie auch eine – zumindest optische – Referenz), zu wenig gestylt, um nicht wirklich so süß und harmlos zu sein.
Und die Musik unterstreicht das dann auch: Die anfangs „flotte“ Gitarre vom Opener „Im Kreis“ wird sofort von einer weichgespülten Orgel und ebensolchen „Uhuuu“-Chören abgeschossen, vom lebensbejahenden Text, von dieser naiven Jungenstimme. Aber halt: Wieso singt Andi „es könnt’ nichts Schlimm’res gääben“ statt „geben“? Woher dieser cheesy britische 50er-Jahre-Akzent?
„Autobahn fahrn“ zitiert dann auch Kraftwerk, allerdings so, als ob die Beach Boys am legendären „Autobahn“ mitgeschrieben hätten, wobei keine dieser Bands von den Pinkelpausen gesungen oder wie kleine Kinder Autogeräusche nachgemacht hätte. Das namensgebende „Cool Jerk“ von The Capitols aus dem Jahr 1966 wurde dann auch auf schönste Peter-Kraus’sche Weise eingedeutscht, wie auch die anderen Covers, z.B. The Whos „Run Run Run“ oder „Sorry“ von den Easybeats.
Mein Lieblingslied ist das vierte auf Seite eins, „Auf die Piste“, das mit dem wirklich geilen Reim „Girl, lass uns auf die Piste geh’n, die Laternen scheinen hell, um abends viertel nach zehn“ beginnt und klingt wie schönster Cliff Richard oder Peter Kraus. Bei „Astronaut“, im Original von den Caesars, klingt die Orgel dann dreckiger, der Gesang dringlicher, der Geist des Punk hebt sein ernsthaftes Haupt und wird vom klassischen Casiosound und dem „Aha-aha“ von „Da Da Da“ von Trio mit beiläufigem Humor gleich wieder konterkariert, bevor der „Vierrad-Reggae“ die erste Seite mit einem Stück Klischeereggae beendet, wie man es eigentlich nie wieder hören wollte.
Mit „Boogaloo“, dem Opener der zweiten Seite, im Original von Don Gardener aus dem Jahr ‘67, steigen die Cool Jerks in schön dreckigen Garagenrock ein, eine fiese Gitarre, ein fieser Gesang, eine schweißtriefende Orgel und tüchtig viel Becken führen die Bandfotos schön ad absurdum, ebenso wie der Folgesong „Hör mich wein’“ (Animals). Es folgen noch die Kinks („Ich sitz auf’m Sofa“), die Beatles („Deine Sorgen“), besagte Who und Easybeats, neben zwei weiteren Eigenkompositionen, allesamt in schönstem brit-akzentuiertem Deutsch, und sogar die Lieder, die akzentfrei gesungen werden, klingen irgendwie nach Cliff Richard oder „Komm gib mir deine Hand“.
Und hier, mitten in aller weichgespülter Schlagerseligkeit, in aller Garagenrockigkeit, liegt die liebevolle Ironie der Cool Jerks, im gekonnt naiv wirkenden Zitieren der schrecklichen 50er-Jahre-TV-Welt, in der der hier immer wieder in den Sinn kommende Peter Kraus und seine Schwiegermuttertauglichkeit die Vorherrschaft über den deutschen „Rock’n'Roll“ (die Anführungszeichen stehen mit Bedacht da) innehielt, in der die Harmonie so zuckersüß war, daß man Karies bekam vom bloßen Hingucken. Sicher, „Aus dem Weg“ ist keine gemeine Satire, ist keine zynische Abrechung mit dieser Musik. Sie geht mit dem Beat und dem englischen Schlager der 50er genauso um wie die Leopold Kraus Wellenkapelle mit Surf und Beat, nämlich respektvoll und nur zart ironisch. Nur, daß sich die Cool Jerks der wesentlich uncooleren Musik widmen und dabei offenbar doch ziemlich viel Spaß haben. Wirtschaftswundermusik für Schwiegermütter in der Verpackung einer Teenieband der Gegenwart. Zweimal superuncool ergibt irgendwie dann doch cool, ironisch auf eine Art, auf die man aber zusätzlich unreflektiert guten sauberen Spaß haben kann. Und eine dufte Partyscheibe ist „Aus dem Weg“ auch noch.
Ich tausche das eingangs herangezogene Adjektiv „pervers“ gegen die Begriffe „unverschämt“ und „geil“ und tanze noch ein wenig weiter in dieser besseren Welt.
A Drag City Supersession – „Tramps, Traitors and Little Devils“
19. Dezember 2008
Was lange währt, und so weiter: Lange, sehr lange bin ich um dieses Album herumgeschlichen, das mich vor allem wegen Bill Callahan interessiert hat, und immer war es mir zu teuer dafür, daß es mir beim ersten Reinhören nicht wirklich gefallen hat (damit allerdings habe ich dieser Platte unrecht getan!), und nun konnte ich sie endlich deutlich reduziert (mit einem Knacken auf Seite A) erstehen, gottseidank, wie schön!
Ein bißchen merkt man schon, daß dieses Album von 2001 ist: Heutzutage würden bei einer „Drag City Supersession“ wahrscheinlich andere Namen auftauchen, auch wenn die Musiker hier immer noch für das Chicagoer Label tätig sind. Aber außer Bill Callahan (ehemals Smog), vielleicht Neil Michael Hagerty (bekannt von The Royal Trux, The Howling Hex oder seiner zeitweisen Teilnahme bei Jon Spencers Pussy Galore) und ganz vielleicht noch Edith Frost sind sie wohl weitgehend unbekannt: Rian Murphy (den man eher als Produzent kennt), Brendan Murphy, Tara Key, Jessica Billey, Matt Bauder, Mark Greenberg, Azita Youseffi, und gerade mal Jim O’Rourke kam durch Sonic Youth, Wilco und seine eigenen Alben zu einem gewissen Ruhm – es geht wohl hauptsächlich um erstgenanntes Trio, die den vertretenen Liedern auch ihre Stimmen leihen.
Callahan, Hagerty und Frost haben sich hier also zusammengetan, um eine feine kleine Session einzuspielen, zwischen allen Polen, die die Musiker vertreten, diese auch schön vereinend, eine Session also, die sich zwischen dissonantem Gitarrenlärm und feinfühligem Folkverständnis bewegt, mit viel Humor und Lust am Musizieren.
Herausgekommen ist ein ziemlich buntes Album, das den eigenen Ton der Protagonisten in ein abwechslungsreiches, aber dennoch unverwechselbares Gewand packt und dabei erstaunlich heiter bleibt. So klingt der Opener „Zero Degrees“ aus Callahans Feder z.B. wie ein urtypisches Smog-Stück, aber ungleich munterer und spaßiger als dessen oft sehr schwermütige Werke, abgesehen von den herrlich schrägen Streichern, die fast schon gruselig sind. Das Lou-Reed-Stück „Charley’s Girl“, gesungen von Edith Frost, schmiegt sich daran nahtlos an und bleibt doch unverkennbar Reed, mit einer schön noisigen Gitarre von Hagerty, dessen „Texas Dogleg“ dann auch gleich eher ins Psychedelische abrutscht und sehr nach den sonnigen 70ern klingt, mit einem tollen Refrain und wiederum den von Jessica Billey und Matt Bauder ersonnenen Streichern. Aus der Schönheit heraus fällt dann Del Reeves „Girl on the Billboard“, ein flotter Countrystomp, der allerdings bis auf den Beat und eine Slidegitarre reduziert ist und seine Countryseligkeit, auch dank Callahans monotoner Stimme, nur noch erahnen läßt. Dann wird es mit Frosts verhalltem „Leaving the Army“ wieder gespenstisch schön und hippiesk, mit Hagertys „Everyday“ schnell und schräg, bevor Callahans Melancholie in „Nothing Rises to Meet Me“ dann doch durchbricht, ein für dieses Album erstaunlich ernsthaft arrangiertes und nahezu konventionell vorgetragenes Stück.
Spannender dagegen sind die darauffolgenden Coverversionen, einmal von Randy Newmans „Old Man“, und einmal von Black Sabbaths „N.I.B.“. „Old Man“, hier von Edith Frost gesungen und von Azita Youssefis Piano getragen, ist eine nahezu weihnachtlich anmutende, gehauchte Ballade, die Newmans Altherrensarkasmus durch aufrichtiges Sentiment ersetzt und damit nichts falsch macht. Kitsch ja, aber sehr schöner Kitsch. „N.I.B.“ dagegen verliert in Hagertys Händen nichts von seiner heaviness, sondern gewinnt vielmehr zusätzlich ein psychedelisches Element, allerdings psychedelisch im Sinne von „psycho“, durch Hagertys Slidegitarre und wiederum die wunderbaren Streicher, die eine unglaubliche Dramatik erzeugen und sie zugleich wieder selbst zerlegen.
Den Abschluß bildet Frosts Ballade „One Chord Complaint“, wieder eine Hippieballade, verträumt, schräg, schön, eine manchmal lärmende Meditation am Ende einer tollen Platte.
Die „Drag City Supersession“ scheint für die Beteiligten ein Riesenspaß gewesen zu sein, was man der Platte zu jeder Sekunde anhört. Eingebettet in ein musikalisches Umfeld, das durchaus etwas von Schönheit versteht, sich selbst aber viel zu wenig ernst nimmt, um kitschig zu sein, das experimentell genug ist, um aus Callahans Zwei-Akkord-Liedern ein Hörerlebnis zu machen, dabei aber nie seine Popaffinität vergißt, brachte dieses Album das Beste der Protagonisten zum Vorschein (nicht, daß ihre eigenen Alben irgendwie schlechter wären) und vereinte es in viel Humor und Spaß. Eine tolle Platte, Hippietum at its best, und dabei doch viel zu ironisch für Hippies. So muß es sein.
Aztec Camera – „High Land, Hard Rain“
1. November 2008
Gegen diese kalten, grauen Herbsttage habe ich da was: Aus einer Kruschtkiste von irgendeinem Flohmarkt gezogen, ist „High Land, Hard Rain“, das Debut von Aztec Camera, dem Titel zum Trotz eine wunderbare Medizin, ein Pillendöschen voller hervorragend erhebender Musik. Aber von vorn.
Aztec Camera kennt man am ehesten von ihrem (einzig wirklich großen) Hit „Somewhere In My Heart“ (1988), ein romantischer, für die 80er typischer Schmusepopsong höherer Qualität, mit dem richtigen Maß an drive und Kitschfreiheit, um sich ein wenig von den anderen Schmusepopsongs dieser Zeit abzuheben. Dieses Lied täuscht in seiner Seichtheit allerdings gut über das Können dieser Band hinweg.
Wobei Band euphemistisch ist: Von der ständig wechselnden Besetzung der 1980 gegründeten Schotten ist Sänger, Gitarrist und Songschreiber Roddy Frame der einzig beständige Teil, und der Übergang von Aztec Camera zu Frames Soloalben sei, so das Internet, ein fließender gewesen. 1980, Frame war damals gerade 17 Jahre alt, gehörten sie aber zu einer neuen glasgower Independentszene von Pop-, Postpunk- und Wave-Songwriterbands (oder so ähnlich), denen neben Aztec Camera unter anderem auch Orange Juice, Josef K oder die Go-Betweens (nanu?) angehörten, und die ihre ersten Singles auf dem mittlerweile verendeten Label Postcard Records veröffentlichten. Nachdem dieses Label wieder Geschichte war, landeten Aztec Camera bei Rough Trade, später dann bei Sire und WEA. Rough Trade allerdings sind Schuld daran, daß ich dieses Album irgendwann erstanden, und ein wenig später lieben gelernt habe.
Auch ich kannte damals nur „Somewhere In My Heart“, kaufte mir für eventuelle Schmuserunden auf Parties sogar die 7″, und stolperte plötzlich beim Autofahren während des Hörens eines Rough-Trade-Samplers über ein wunderschönes Lied, das mit einer Menge juvenilem Herzblut vorgetragen war, mit viel Schwärmerei und einer irgendwie punkigen Attitüde in all seinem Wohlklang, und das mich ob seiner verrückten, überraschenden und doch immer harmonischen Tonart- und Rhythmuswechsel ziemlich beeindruckte. Da steckten mehr gute Melodien drin als bei manch anderer Band auf einer ganzen Platte. Außerdem kannte ich das Lied schon in einer sehr zarten, weichen Version von den Mystic Chords Of Memory, zu hören auf dem Jubiläumssampler zum 25sten Geburtstag von Rough Trade, aber diese urtümlichere Version beeindruckte mich ungleich mehr. Aha, sagte mein Gedächtnis, das sich an die Linernotes des Samplers erinnerte: Aztec Camera. Und dann: Huch? Aztec Camera??? Die sind ja gar nicht so kitschig, wie ich immer dachte!
Ein wenig Recherche brachte dann diese Informationen: „We Could Send Letters“, dieses wunderbare Lied, stammt von eben diesem Debut der Band und wurde für den Rough-Trade-Sampler nochmal „akustisch“ aufgenommen, und kurz darauf hielt ich durch einen glücklichen Zufall die LP in den Händen.
Gleich vorneweg: Einer der größten Pluspunkte dieses Albums ist der weitgehende Verzicht auf Instrumente jenseits von Schlagzeug, Baß und Akustikgitarre (oder, etwas seltener, eine unverzerrte E-Gitarre), was den Liedern darauf einen schön folkigen Flair verleiht, eine punkige DIY-Unbekümmertheit (so täuscht der 80s-Baß und das 80s-Schlagzeug am Anfang der Platte eine typische zeitgemäße Popscheibe an, und es ist eine große Freude, statt Synthieflächen nur die wunderschöne Akustikgitarre zu hören). Und dennoch ist jeder einzelne Song ein großes Statement voller Romantik, von eben einem jugendlichen Schwärmer aufgenommen, der mit bescheidenen instrumentalen Mitteln die ganz große Geste wagt. Daß das nicht schief geht, liegt zum einen am großen Können der Musiker, die sich durch Akkorde hangeln, die ich nichtmal kenne, ohne dabei im Geringsten verkrampft, angeberisch oder großkopfert zu wirken, sondern nur in die Musik verliebt. Zum anderen singt Roddy Frame ganz entzückend. Denn er kann wahrhaftig singen, hat eine wunderschöne Stimme, und doch klingt er wie der Junge von nebenan, als ob sich hinter seinen glasklaren Melodien ein irgendwie räudiger Spitzbube verbergen würde. Heute würde man ihn vielleicht mit dem jungen Conor Oberst ohne Depressionen vergleichen.
Und das ist ein weiterer schöner Punkt der Platte: Sie ist voller Sehnsucht (gerade „We Could Send Letters“ oder „Walk Out On Winter“), aber niemals traurig. Sie umarmt das Leben auf eine unkitschig kitschige Art, wie das nur die unbekümmerte Jugend schafft (in den Latinorhythmen (?) des Openers „Oblivious“ oder im Mitsingrefrain von „The Boy Wonders“), sie strotzt vor Popappeal und bleibt dabei sehr geerdet. Durch ihre reduzierte Instrumentierung klingt sie, als könne das jeder machen, und dadurch schafft sie eine große, freundschaftliche Nähe zum Hörer, und „Back On Board“, das mit seiner Orgel und seinen gospeligen Backgroundsängerinnen etwas üppigere vorletzte Stück mündet in das nur mit Akustikgitarre begleitete „Down The Dip“, das nochmal von „stupidity and suffering“ redet, dabei aber nicht verzagt, sondern so lebendig klingt, wie man es sich nur wünschen kann.
Jugendlicher Schönklang und Übermut, große Gesten, große Melodien und ein großes Können auf einer kleinen Instrumentierung, Romantik, Vehemenz, Sehnsucht, meine Güte, was für eine prima Platte, um einen durch den Winter zu bringen!
The Pyramids – s/t
11. Oktober 2008
Wieder einmal ist es die alte Tante Zufall, die einem die besten Platten in die Hände spielt, Platten, die man eigentlich nie angehört, geschweige denn gekauft hätte, so zum normalen Vollpreis. Vielleicht, weil man sie einfach immer überblättert, vielleicht, weil der lokale Händler sie nie in den Laden kriegt, vielleicht, weil sie optisch etwas anderes nahelegen, als dann drin ist, und man sich für sein Vorurteil nicht weiter interessiert. So eine Platte ist das Debut der Pyramids, das mir beim Überblättern im Plattenladen eher nach moderner Worldmusik aussah, so linksradikales spanisches Zeug oder ähnliches, und das ich deswegen nie näher anschaute (obwohl ich das Cover eigentlich ziemlich schön fand). Das muß, gottseidank, allen anderen auch so gegangen sein, denn irgendwann stand besagtes Album plötzlich bei den 2nd-Hand-Platten gegenüber, noch nagelneu und in bestem Zustand. Und wie mich das so angeguckt hat, glänzend, noch ohne Falten, Knicke oder Kratzer, für nur drei Euro, da nahm ich sie doch mal in die Hand und las auf dem Backcover erstaunt „Domino“.
Domino Records ist grundsätzlich ein gutes Label, das Will Oldham in Europa erhältlich gemacht hat oder Smog, und das in letzter Zeit durch Bestseller wie Franz Ferdinand, Sons And Daughters oder die Arctic Monkeys aufgefallen ist. Daneben finden sich dort z.B. die Television Personalities, Clinic, der wunderbare James Yorkston oder das Reissue der tollen, tollen Young Marble Giants, und auch Archie Bronson Outfit, derer zwei von dreien die Pyramids bilden. Grob kann ich mein Verhältnis zu Domino so ausdrücken: Nicht alles gefällt mir dort, aber etwas wirklich schlechtes haben sie auch noch nicht veröffentlicht, alles ist qualitativ sehr gute Musik.
Also doch reingehört in die Pyramids, gestaunt und gekauft. The Pyramids vereinen eigentlich alles, was mir momentan an elektrischer Gitarrenmusik gefällt: repetitiver Lärm, eine gewisse Härte, Primitivismus und Monotonie, und der Groove der guten alten 60s-Garagenpunks wie The Sonics oder The Monks, zeitgemäß in die Gegenwart gerettet (dieser Bezug wird auch bewußt durch den Bandnamen selbst, der eine 60s-Surfkapelle gleichen Namens zitiert, hergestellt).
So beginnt die Platte mit „Pyramidy“, einem seltsamen Geräuschintro, und mit „A White Disc Of Sun“ hat die Platte bereits ihren ersten Hit, meine Herrn! Mit einem einzigen monotonen Riff, das zu noisy klingt, um Garagenpunk zu sein, aber wie Garagenpunk groovt, mit einem Gesang, der viel zu verzweifelt klingt, um Garagenpunk zu sein, wird hier eine ganz eigene Version von Garagenpunk gespielt und werden die Merkmale der Platte etabliert. Am ehesten ein Indie-Disco-Hit kann die (als 7″ bereits vergriffene) Single „Hunch Your Body, Love Somebody“ durchgehen, deren Hitpotential allerdings wiederum von besagten Merkmalen torpediert wird. Weshalb „Empty Yourself“ oder „Festoons“ auch keine Country-Punksongs sind. Verschnaufpausen bieten einem nur das sphärische Eröffnungsstück der zweiten Seite, „Guitar Star“, in dem tatsächlich die Gitarre, bzw. dieser eine sanfte Akkord, der Star ist, und das schleppende „Manitou“, das aber auch nur, weil es so langsam ist.
Den Pyramids ist an diesem einen Wochenende, an dem die Platte der Legende nach entstanden sein soll, das Kunststück gelungen, verschiedene Zeitalter der Gitarrenmusik zu verschmelzen (namentlich die 60er und die 90er) und so aufzunehmen, daß sich zwar ein – auf irgendeine perverse Art – harmonisches Gesamtgebilde ergibt, dieses aber von allerlei – teils auch anstrengenden – Spannungen lebt: der verzweifelte Gesang (der immer wieder an Mudhoneys „Blinding Sun“ ohne Gequengel erinnert), der Lärm, die Störgeräusche und die teils wirklich fiese Monotonie der Riffs, die irgendwie an 90er-Bands wie Bastro erinnert, oder vielleicht an Slint ohne Breaks, oder an Quickspace, einer-, die Garagenrockseligkeit im Riffing, im Songwriting und in den hinter der stimmlichen Verzweiflung liegenden Melodien andererseits. Eine ganz feine, ungewollt supercoole, aber dennoch ziemlich verstörende Platte, die auch neugierig macht auf die Hauptband der beiden, Archie Bronson Outfit. Und schön verpackt, mit Texten auf dem Innersleeve und einem schönen Miniposter ist sie obendrein noch. Also nicht warten, bis sie irgendwo gebraucht zu haben ist, denn der Vollpreis lohnt sich. Fuck yeah.
The Kravin’ „A“s – „Krave On!“
15. September 2008
Hangman Records, 1991 (LP); Get Hip, 1993 (CD)
Yeah! Ich muß es einfach kurz loswerden: Aus dem Stall von Billy Childish kommen die Kravin’ „A“s, eine der besten Bands der Medway-Szene. Gegründet 1987 vom Ex-Milkshake Bruce Brand, nahmen sie 1988 ihr erstes und einziges Album auf, „Krave On“. Dankenswerterweise ist das Album heute wenigstens noch auf CD erhältlich, das Vinyl scheint völlig vom Markt zu sein. Und ich bin begeistert von dieser Band!
Gehört habe ich sie zuerst auf einem Sampler, den ich mir wegen eines Beitrags von Childish zugelegt habe, aber ich muß sagen, die Kravin’ „A“s schlagen den Meister tatsächlich um Längen mit ihrer Mischung aus Rock’n'Roll, Garagenpunk, viel Beat und jeder Menge soul. Mein Favorit des Albums ist „You know it is“ mit seinem simplen, geil groovenden Riff, dem flotten Tempo und der prima Gesangsperformance von Glenn Prangnell (wahrscheinlich, die Linernotes geben darüber nur ungefähr Auskunft, und der andere, nicht minder prima Sänger heißt Jon Barker), die so dermaßen voller Soul und Seele ist, daß es mir kalt den Rücken hinunterläuft. Doch auch die weniger „harten“, sprich eher beatlastigen Stücke (tanzbar allesamt) wie das Classmates-Cover „Payday“, das wunderbare, mit einem tollen Soulgitarren-Intro und einer genauso tollen Melodie versehene „Girls like that“ und der ganze Rest der Platte ist einfach prima, knorke, super. Groovende Rhythmen, ins Ohr gehende Melodien, genug Punk, um trotz der Melodieseligkeit abzugehen, wie man sagt, die Kravin’ „A“s klingen, als hätten sich die jungen Beatles und die Sonics zusammengetan, um mal eine richtig gute Platte zu machen.
Schade, daß es die Band nicht mehr gibt (aber aus dieser Szene kommen ja immer noch genug andere gute Bands), schade, daß sie es nur auf ein Album und eine E.P. gebracht haben, und schade, daß man an das Vinyl offenbar nicht mehr herankommt (wer da was weiß: Melden!), aber wie gut, daß es wenigstens „Krave On!“ gibt.
So, das mußte einfach mal schnell gesagt werden. Kaufen!
Judge Bone & Dog Hill – „Big Bear’s Gate“
17. August 2008
Uff. Eigentlich dachte ich ja eher, daß ich gestern mit dem Reissue der „Youth of America“ von den Wipers nach Hause gehen würde. So zumindest war mein etwas lustloser Plan für einen drögen Samstagnachmittag. Aber dann geriet mir die Platte von Judge Bone in die Finger, und weil ich schonmal da war, hörte ich eben auch mal rein. Uff. So richtig klar war mir nicht, was ich da kaufen würde, und ich gebe zu, unterm Strich nahm ich sie nur mit, weil ich unbedingt Geld ausgeben wollte. Aber was für eine Wucht das schon beim ersten Reinhören war, auch im Vergleich zu den Wipers (an dieser Stelle empfehle ich eh, zumindest was den Titelsong dieser Platte betrifft, das Cover der Melvins auf „Electroretard“, aber das dann ein andermal), wie brachial das klang!
Zuhause dann legte ich die Platte erstmal beiseite, vergaß gar, wie die Künstler bzw. die beiden finster dreinschauenden und von Alkohol und Kneipenprügeleien gezeichneten Typen auf dem Backcover heißen, und dachte mir: Naja, mal wieder was Unnötiges gekauft. Und dann, heute zum Frühstückskaffee, legte ich sie dann auf, mild neugierig geworden von den Bildern auf dem Cover, dem völlig irren Foto dieses völlig irren Predigers auf dem Innersleeve – offenbar Judge Bone himself -, und den verschmierten, handgeschriebenen Texten. Uff.
Kurz gesagt machen Judge Bone und Dog Hill nur mit Gitarre, Gesang, Schlagzeug und „Footstomps“ Blues. Aber was für einen! Direkt aus der Hölle der Übersteuerung, der Distortion, des dumpfen, mies aufgenommenen, aber virtuos wahnsinnig gespielten Schlagzeugs. Neben den klassischen Blueslicks, die in besagtem superbrachialen, völlig übersteuerten Sound gespielt werden, passiert ungemein viel Seltsames an den beiden Instrumenten (dazu höre man nur mal „Seventeen and in Misery“ an). Da werden hysterische Geschwindigkeiten ausgepackt, seltsame Fills und Breaks, und die langsamen Songs schleppen sich zäh und bedrohlich dahin, als wollten sie einem einfach so mal in die Fresse hauen. „Big Bear’s Gate“ klingt, als hätten sich Jon Spencer und Tom Waits um ein einzelnes Mikro gesetzt und ihr ganzes Können, ihre verschiedenen Verschrobenheiten, ihre ganze miese Laune und deren lustvolle Zelebration ausgepackt. Uff.
In Finnland, überraschenderweise (und dann irgendwie doch nicht) das Heimatland von Judge Bone, ist selbiger offenbar schon lange kein unbekannter mehr. Der – hihi – promovierte Jurist veröffentlich dort schon seit den 70ern als Tuomari Nurmio („Judge Bone“ auf Finnisch) Platten und fusioniert dabei scheinbar finnischen Tango mit Tom Waits (das erfährt man hier), doch „Big Bear’s Gate“ klingt wie direkt aus dem amerikanischen Hinterwald, wüst und brutal wie klanggewordene häusliche Gewalt im Titelsong oder in „Seventeen and in Misery“, trist und verloren auf dem Highway eines Tom Waits wie in „Train Train Train“, oder aber fast schon lustig, wie „You hate me and my Stetson Hat“. Und dann enden beide Seiten der Platte erstaunlich versöhnlich: Seite A mit dem Country-Schlager „Ramona“, der eigentlich nur noch durch diesen Sound vorm Kitsch gerettet wird, und Seite B mit dem klassischen, an Harry Nilssons „Everybody’s Talking“ erinnernden Countrytrack „I let the Angels do the Dreaming“, der einen dann lächelnd in den Sonnenuntergang reiten läßt.
Sicher, es finden sich zahllose Blues- und Countryklischees auf „Big Bear’s Gate“, aber erstens ist das ja das Schöne an dieser Musik, und zweitens bleibt neben diesem fiesen, druckvollen Mülltonnensound (kein Widerspruch) dann doch eine kompositorische und musikalische Virtuosität, wie sie nur einem gelingen kann, dem es eigentlich scheißegal ist, weil er nur das tut, was er tun will. Uff.
Billy Childish & Holly Golightly – „In Blood“
21. Juli 2008
„Three chords are a problem;“ explains Billy Childish, „there’s just too much diversity and choice. People have allowed themselves to be hood-winked into believing that they need 50 T.V. channels and a McDonalds on every corner. No – the professionals are selling us rubbish, they’re hiding behind their badge of office and they’re bankrupt; they’ve just got no bravery or courage. Sopistication doesn’t equal power. [...] This album uses one chord and it’s simple and dumb, but really it’s sophisticated beyond the wildest dreams of the poor professional. [...]„
Dieser Text von Billy Childish findet sich auf dem Backcover des Albums von 1999, das nun dankenswerterweise von Damaged Goods wiederveröffentlicht worden ist, und damit ist eigentlich schon alles gesagt. „In Blood“ trägt den Untertitel „One chord! One song! One sound!“, und genau darum handelt es sich eigentlich auch. Wobei das natürlich gelogen ist, genau wie der Eindruck, den dieses Schlagwort vom radikalen Simplizismus einen Glauben machen will, und Childish nimmt die sophistication des Albums ja eh schon vorweg.
Bei „In Blood“ handelt es sich um das Duett-Album der wunderbaren Holly Golightly und ihrem Entdecker und einstigem Förderer Billy Childish, ehedem „Wild Billy Childish“, u.a. bekannt von den Headcoats, den Musicians of the British Empire und so weiter, bekannt als primitiver Garagenpunkrocker, als Autor und als ziemlich guter Maler. Über Holly Golightly sollte man eigentlich keine Worte mehr verlieren müssen. Childishs Output seit seinem Anfang in den 70ern ist komplett unübersichtlich, immer Lo-Fi, immer Punkrock und ziemlich tanzbar, und Golightly bewegt sich mittlerweile in düsteren, feinen Country- und Bluesgefilden. Während Golightly in ihrer Existenzs jenseits der Musik offenbar ein wenig aufregendes Leben als Mutter und Hausfrau führt, ist Childish ein enfant terrible der britischen Kunstszene, ein Kunst- und Poptheoretiker und ein ausgesprochen umtriebiger Musiker. Das als kleine theoretische Prämisse.
„In Blood“ ist nun offenbar eine Childish-Platte: besagter hochprimitiver, bluesbeleckter Garagenpunkrock, verzerrter Gesang, meist eine von beiden gesungene Melodie, die klassischen Blues-Scales, simple 4/4-Beats, und ab und an eine übersteuerte Bluesharp. Und Childishs Versprechen wird eingehalten (ich war tatsächlich erst überrascht und dann ziemlich amüsiert, daß Childish sich das wirklich traut): Jedes Lied basiert auf ein und demselben Akkord, wechselt diesen nur innert der üblichen Bluesvariationen und kommt meistens mit einem einzigen Riff aus. Das ist nun wirklich primitiv, simpel und saucool. Denn obwohl sich eigentlich nicht viel tut, tut sich doch verdammt viel: Diese Platte kickt Hintern, ist durch und durch tanzbar, ist in ihrer Primitivität ganz schön unverschämt und trotz des Rückgriffs auf alte Blues- und Punktraditionen und trotz ihres Alters von nunmehr neun Jahren durch ihre Reduktion, durch den alten und dadurch zeitlosen Sound und vor allem durch die lässige, beiläufige Spielfreude der Musiker frisch und lebendig. Sie geht in der Tat ins Blut, wie ihr Titel verspricht, sie umschifft mögliche Reflexionen und – und vielleicht liegt hier ihr politisches Potential – jeden Diskurs über sie, der sie möglicherweise kontrollieren könnte, durch ihren einfachen Imperativ: „Mach einfach!“
Ich gebe zu: Ich höre diese Platte ohne den theoretischen Hintergrund, den Childish bietet, den man in seinem Text nachlesen kann und auf seiner Homepage bzw. der des Hangman Buerau of Enquiry, der Künstlervereinigung, der Childish angehört. Zwar interessiert mich die politische Haltung dahinter sehr, aber „In Blood“ ist, man verzeihe mir die Jugendsprache, einfach geil. Scheiß auf Theorien oder was auch immer, ein Akkord ist genug, um mir den Spaß an der Gitarrenmusik, der mir in letzter Zeit etwas abhanden gekommen war, wieder zu geben. Das ist der Befreiungsschlag, den diese Platte leistet, das ist ihr politischer Sprengstoff, und das ist einfach und gut.
www.billychildish.com
www.hollygolightly.com
www.damagedgoods.co.uk







