JaKa_Luxusvernichtung_vorne
Unundeux, 2009

Fassen wir uns aus gegebenem Anlaß kurz: Japanische Kampfhörspiele, intellektuelles Aushängeschild des deutschsprachigen Grindcores, intelligente Texte zwischen Dada und pointierter Gesellschaftskritik aus dem linken Spektrum, von echten Metalheads nicht so gemocht, dafür aber von uns großkopferten Akademikern, musikalisch ziemlich brillant, sackschnell, irre präzise, trotz des genretypischen Geholzes aufregend differenziere Riffs und Rhythmen, zweistimmiger „Gesang“ aus hoher und tiefer Stimme (wie dereinst Carcass zu ihren besten Zeiten), kurz: geil.

Nun die Labelgründung, Unundeux erblickte im ersten Quartal 2009 die Welt, und dort „machen die Japanischen Kampfhörspiele was sie wollen“, nämlich unter anderem die E.P. „Luxusvernichtung“. Dort werden geschwind 54 (in Worten: vierundfünfzig!) „Kurzgedichte“ innert rund 19 Minuten vertont, das Internet meint, es handle sich dabei um Song- und Textfragmente, die nie wirklich zu ausgewachsenen Songs geworden sind. Aufgenommen wurde „im proberaum, in calles kellerbar und zuhause“, und was jetzt wie ein blöder Witz einer „lustigen“ Band aus lauter Jungs mit Jungshumor klingt, ist eine richtig gute Platte, sowohl textlich wie musikalisch.

Sicher, die Zeit in den einzelnen Liedern ist dann doch recht knapp, und nicht immer kommen da richtig ausgeprägte Strukturen dabei raus, aber halt doch meistens, und das ist wirklich beeindruckend: wie in unter zehn Sekunden richtig gute Riffs und Grooves ausgepackt werden, wie sich manchmal sogar Refrains einschleichen, wie plötzlich nochmal neue Songteile losballern, wie präzise die Gitarrenlinien und die Schlagzeugparts gespielt werden und wie klar der Sound ist. Und wie intelligent und durchaus lustig das alles ist.

Wer kann, sollte sich auf der Homepage von Unundeux den „Luxusdeal“ krallen, denn dann hat er neben dem T-Shirt sowohl die 10″ als auch die CD. Die 10″ ist einfach schön und ultrarar (und für sie habe ich dann gern auf den Bonustrack verzichtet), und die CD hat als eben jenen Bonustrack das ganze Album nochmal als Instrumentalversion hintendran.

„Luxusvernichtung“ könnte man einfach als guten Gag verkaufen, mit lustigen Liedchen, um die Freunde mal zum Lachen zu bringen, „Rumpelrumpel, höhö, rumpelrumpel“. Aber dazu ist die E.P. einfach zu gut, dazu sind selbst die ultrakurzen Stücke zu ausgefeilt, dazu sind die Texte zu anspruchsvoll, ein extremes Destillat von extremer Musik. Zugreifen, bevor das Ding vergriffen ist, denn auch die CD ist limitiert.

www.japanischekampfhoerspiele.de
www.unundeux.de

livinston

Universal, 2009

Es gibt schlicht kein Entkommen vor Livingston, jedenfalls nicht, wenn man sich zwischen Feierabend und Abendvergnügen kurz vor den Fernseher hockt, um seine Fertigpizza zu verspeisen: Die Werbeblocks sind voll von dieser Band und ihrer Single „Broken“ von ihrem in Kürze – also rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft – erscheinenden Album „Sign Language“, auf RTL II singen sie gar – mehr schlecht als recht – ein Extra-RTL-II-Jingle, bei dem zumindest einer der Jungs schamhaft lacht und den Kopf senkt, vielleicht ein kurzer Moment des Erkennens dieser Maschinerie, die da gerade läuft, vielleicht auch ein tiefer Schmerz, eine tiefe Scham, einen Moment lang nur, aber erstaunlich, daß dieser Moment sogar im Werbefilmchen, also vor den Augen der Öffentlichkeit stattfindet. Ob es wohl Diskussionen über das alles gegeben hat vor dem Ausverkauf, der am Anfang dieser jungen Karriere steht?

Livingston kommen aus dem Nichts, in Wirklichkeit aus Italien, England, Südafrika und Deutschland, sind wohl in London beheimatet und dort ganz offenbar einem extrem cleveren Marketingmenschen aufgefallen, der nun einen Blitzkrieg startet, um Livingston der Welt unter die Nase zu reiben. Das ist an sich ein freundlicher Zug, aber man muß sich fragen: Will da jemand, daß eine ganz besondere Band den Ruhm erntet, den sie verdient, oder hat da vielmehr wer schon zuviel Geld investiert, um jetzt noch einen Rückzieher zu machen, und tritt die Flucht nach vorne an?

Fest steht jedenfalls, daß Livingston ohne ihre perverse Medienpräsenz niemandem aufgefallen wären. Die fünf Buben aus London machen eigentlich irgendwie sympathische Musik, ohne irgendwelche Ecken und Kanten, ohne Wiedererkennungswert, mit Melodien, die sich so selbstverständlich an die 08/15-Akkordfolgen schmiegen, als ob sie schon immer dazugehört hätten, sprich: als ob man sich nie Gedanken darüber hätte machen müssen und es auch nicht getan hat. Dabei wirken die Jungs wirklich nicht unsympathisch und dabei fast authentisch, vielleicht sind sie wirklich so nett, wie ihre Musik suggeriert. Vielleicht meinen sie ihren adult oriented rock für die End-00er Jahre auch wirklich ehrlich, aber es gibt – zumindest in den Previewsongs auf ihrer Homepage – wirklich nichts, was es nicht schon woanders besser gegeben hätte, Inbrunst hin, Ehrlichkeit her, und ich behaupte, daß es nicht die Melodien an sich sind, die sich einem ins Hirn schrauben, sondern ganz allein ihre penetrante Wiederholung im Werbefernsehen, wo sie auch an der richtigen Stelle plaziert sind. Denn Ohrwurmqualitäten hatte bislang nichts, was ich von Livingston gehört habe, und nichtmal die Dauerberieselung hilft mir, mich an auch nur eine ihrer Melodien zu erinnern, wenn ich den Ton meines Laptops ausschalte.

Halt – einen sehr kurzen leidlich guten Moment gibt es: Der Anfang von „6×4″ erinnert ein wenig an die mittleren U2, ehe ein verschlepptes, minimal an die 80er gemahnendes Schlagzeug und der Einheitsbrei einsetzt.

Alles deutet also darauf hin – freilich ist es so, wer wäre schon so naiv, etwas anderes zu glauben –, daß hier dem Endverbraucher die völlige Fadheit so lange als Notwendigkeit vorgegaukelt wird, bis dieser vor Weihnachten noch schnell zu Saturn rennt und sie kauft. Livingston allerdings sind so belanglos, daß ich am Gelingen dieses Vorhabens zweifle. Andererseits ist besagter Endverbraucher unterm Strich ja dumm und niveaulos, und jetzt fungiere ich auch noch als Multiplikator, vielleicht wird aus dem medialen Blitzkrieg doch noch ein kapitalistischer Endsieg unterm Weihnachtsbaum.

www.livingstonmusic.co.uk
www.universal-music.de

pussywarmers

Voodoo Rhythm, 2009

Zugegeben, sowohl der Bandname als auch der Plattentitel sind so bescheuert, daß es mich einige Zeit gekostet hat, überhaupt mal in die Platte reinzuhören, Voodoo Rhythm hin oder her. Und das schön gestaltete Cover mit der Pin-Up-Schönheit Dolly Diamonds kann auch nicht wirklich über das Pennälerwortspiel hinwegtäuschen: „Wer wärmt hier wen, höhö!“

Aber dann, der verzweifelte Wille, meinem hiesigen Plattenhändler trotz eher reduziertem interessantem Angebot etwas abzukaufen, war groß, wagte ich es doch, und seither läuft „My Pussy Belongs To Daddy“ auf meinem Plattenteller auf heavy rotation. Die fünf Heißsporne aus der italienischen Schweiz haben mit ihrem Debut ein wirklich schönes Album hingelegt, zwischen 20er-Jahre-Swing-Schönklang, wildem Balkangetröte und dem für Voodoo Rhythm recht typischen chaotischen Krach. Sie selbst nennen sich ein „Little Freak Circus Orchestra“, und das trifft es ziemlich gut. Mit Gitarre, Contrabaß, Perkussion, Akkordeon, Banjo, Posaune, Trompete, Tuba und dem nicht immer schönen Gesang von Fabio Pozzorini und Damiano Merzari holen einen die Fünf in ihre ganz eigene Welt zwischen Zirkuszelt und Gosse, zwischen Wagenburg und schweißtreibendem Underground-Club.

Dabei verfallen sie nie dem mittlerweile doch recht abgenudelten Balkan-Beat, sondern halten sich immer eine Hintertür offen zu traurigen-wilden Walzern wie dem eigentlichen Opener (nach dem Gepfeife auf „Bonjour Madame“) „Dead“ oder dem wunderbaren „Dounats“ mit seinem traurig-poetischen deutschen Text, der klingt wie von M.A. Numminen gesungen (und, dieser Einwurf sei mir erlaubt, wem dieses Lied nicht zu Herzen geht, wählt die FDP und wirft nie einem Bettler was in den Hut), zu kleinen Chansons wie „Bateau“ oder zum trägen Jazz von „Summertime“. „I Saw The Devil“ könnte von Hank Williams stammen, wäre dieser auf dem Balkan zuhaus’ gewesen, und „Ashes“ ist ein Stampfer, der auch Judge Bone gut gestanden hätte, im entsprechenden Soundgewand freilich. „I Wanna Have“ ist ein schönes, kleines, trotziges Liedchen, dessen Gegenstück auf der B-Seite, „My Time Has Gone“, das einzige Stück der ganzen Platte ist, das sich die Pussywarmers hätten sparen können – zu pubertär ist der Text („my parents always told me to be what I wanted to be / and the meaning was I should do what they had wanted to do / and now my time has gone“), zu beliebig die Musik – aber das vielleicht auch nur im Vergleich zu den anderen, meist ganz bezaubernden Stücken. Mit „Love You / Introduction To An Ending“ landen die Pussywarmers schlußendlich dann doch noch irgendwie beim 60’s-Beat, zitieren dabei „I Will Follow Him“ aus „Sister Act“ und machen beim abschließenden „Au Revoir Madame“ nochmal tüchtig balkanesken Krach.

Überall auf dieser Platte (bis auf ein, zwei Stücke) scheppert irgendetwas, klonkert ein schiefes Banjo, klagen die Bläser, quäken die beiden Sänger, springen die Aufnahmen zwischen Diktiergerät-field recordings und, naja, irgendwie einer Produktion hin und her, aber bei aller chaotischen Wagenburg-Weltmusik-Vagabunden-Attitüde vergessen die Pussywarmers niemals die Schönheit von Melodie und Melancholie. Trotz des offensichtlichen, schönerweise in jedem Ton zu spürenden Spaßes an der Musik, trotz der ungestümen Wildheit mancher Stücke sind die Pussywarmers wesentlich erwachsener, als es ihr blöder Bandname vermuten läßt. Das ist gut, denn die Buben können was, und das zeigen sie auch, aber mit viel Freude am Chaos, an schrägen Tönen und am puren Spaß im Leben.

www.thepussywarmers.com
www.voodoorhythm.com

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Karate Body Records 2009 / Temporary Residence 2009

Der working class hero des Gegenwarts-Folks, Will Oldham, hat wieder einiges veröffentlicht in letzter Zeit, alles als Bonnie „Prince“ Billy, neben seinem neuen regulären Album „Beware“ (ebenfalls 2009) auch die beiden hier im Mittelpunkt stehenden Veröffentlichungen. Und es bewahrheitet sich, was ich an anderer Stelle in diesem kleinen Blog bereits behauptet habe: Der allseits gepriesene Meister ist mittlerweile am besten, wenn ihm jemand zur Seite steht, bzw. wenn er selbst nur ein – freilich relevanter – sidekick ist. Diese freche Behauptung beweisen die 10″ „Among The Gold“, die er gemeinsam mit Cheyenne Mize aufgenommen hat, sowie die Split-7″ mit den Young Widows, deren freie Seite er alleine bespielt.

Es sind irgendwie wunderliche Veröffentlichungen, diese beiden Scheiben, sie sind irgendwie träumerisch und decken dabei die ganze Bandbreite des nächtlichen Realitätsverlustes ab: „Among The Gold“ klingt wie eine Mär aus alten Zeiten, melancholisch, abendsonnig und schön, die Split-7″ wie die darauf folgenden Alpträume. Hinter beiden Veröffentlichungen steht in erster Linie nicht Oldham selbst, sondern hinter ersterer Cheyenne Mize, eine Musiktherapeutin sowie Violinistin und Sängerin der Band Arnett Hollow aus Kentucky, die über die geographische Nähe zu Oldham dessen Bekanntschaft gemacht hat, hinter zweiterer die ebenfalls aus Kentucky stammenden Young Widows, ein brachiales, vertracktes, ziemlich tolles Noise-Trio, die Oldham zum Auftakt für eine vier 7″s umfassende Split-Vinylreihe an Bord geholt haben (den nächsten Teil bestreiten z.B. Melt Banana). Es gab also gewisse Richtlinien, innert derer Bonnie sich zu bewegen hatte. Und das ist ihm und seinen Mitstreitern mehr als gelungen.

„Among The Gold“ enthält ausschließlich Interpretationen sehr alter Lieder, das älteste, „Beautiful Dreamer“ aus der Feder von Stephen C. Foster, stammt von 1864, das jüngste, „Kiss Me Again“ von Victor Herbert und Henry Blossom, von 1915. Die Instrumentierung besteht nur aus Mizes Gitarre, bei „Love’s Old Sweet Song“ aus ihrer Autoharp, und einmal spielt sie noch eine sanfte Geige als kleine Ergänzung bei „Beautiful Dreamer“. Den Gesang teilen sich Oldham und Mize gleichberechtigt, wobei Oldham seiner Sangespartnerin meist galant den Vortritt läßt. Und mehr brauchen diese alten, sepiafarbenen Songs auch nicht, um den Hörer in eine ganz wunderbare, friedvolle Vergangenheit zu führen, um von Liebesleid und Liebesglück zu erzählen und dabei in ihrer Reduktion eine heimelige Bildwelt zu eröffnen.

Ein wichtiger Teil dieser friedlichen Atmosphäre ist Mizes warme, freundliche Stimme, die mit großer Behutsamkeit und einem stillen, wissenden Lächeln diese alten Weisen vorträgt (und die Lieder auch meist allein beginnt). Dem paßt sich auch Oldham an, verzichtet ebenso auf seine frühere Brüchigkeit wie auf seine spätere Saturation, bleibt ganz klein und behaglich neben Mize, ein Paar, das sich in aller Intimität kleine Geschichten von der Liebe erzählt, oder sich auch mal verspielt neckt, indem in „Beautiful Dreamer“ die Takte verzögert und verlängert werden, die Stimmen sich umeinander drehen und sich nur im Refrain zu einem sanften Kuß finden. Und Oldhams Stimme klingt hier so tief und warm wie kaum zuvor. Nahezu euphorisch, ausgelassen an der Grenze zur verliebten Albernheit ist „Let Me Call You Sweetheart“, bei dem Oldham ein Pfeifsolo hat, das Mize „Lalala“-trällernd begleitet, ohne dabei diese spätsommerliche, irgendwie sanft melancholische Trägheit aufzugeben, die dann in „Silver Threads Among The Gold“ ihre Vollendung findet, in diesem wunderbaren Poem an die Liebe, die alle Zeit, alles Altern überdauert.

Wie anders dagegen klingt die Split-7″ der Young Widows mit Oldham. Die Young Widows beginnen ihr „King Of The Back-Burners“ mit einem disharmonischen Gitarrenakkord, der von stampfendem, schleppendem Baß und Schlagzeug eingeholt, alleingelassen und wieder eingeholt und schließlich zugunsten des irgendwie emotionslos-verzweifelten Gesangs verjagt wird. Eine fiese Spannung baut sich auf in der Monotonie des abwechselnden Verstummens der drei Instrumente, die mögliche Veränderungen des Songs von der inhaltlichen auf die strukturelle Ebene verlagert haben, eine Spannung, die allerdings bis kurz vor Ende des Liedes nicht aufgelöst wird. Der Hörer bleibt gefangen in schleppender Monotonie, wie sie in den 90ern von den frühen Helmet oder von Slint nicht besser erzeugt hätte werden können. „King Of The Back-Burners“ ist ein fieses kleines Stück Noise-Rock, kurz, gemein, ein akustischer coitus interruptus, der nach einem brachialen Metalsound schreit, dankenswerterweise aber schön garagig-krachig unterproduziert ist und damit charmant bleibt und sich so von Bands wie z.B. besagten Helmet unterscheidet (wie übrigens auch die beiden Alben der Young Widows).

„Poor Shelter“ von Bonnie „Prince“ Billy hingegen wird getragen von einer Akustikgitarre, einer Melodika (oder ähnlichem), folkig-psychedelischen Synthies, einem minimalistischen Baß (Oldham spielt und singt hier alles allein ein) und einem vielfach gedoppelten Gesang, der der kleinen Melodie eine ungemeine Dringlichkeit verleiht, bis hin zu einer gesprochenen Stimme in der zweiten Strophe, die sich nochmal viel zu laut und sehr erschreckend über alles legt, und dem „Lalalala“ im Refrain, das irgendwie psychotisch heiter klingt. Selten war Oldham dem Etikett des sogenannten „Freak Folk“ näher als hier: Irgendwie altertümlich wirkt „Poor Shelter“, als wären die Leierkastenspieler und die schmutzigen Schaustellerkinder nicht weit, als würde dem Lied Lehm an den nackten Füßen kleben. In seiner Songstruktur, die auch weniger auf Abwechslung denn auf Steigerung baut, und eben diesem mythisch-folkloristisch-psychedelischen Gestus erinnert der Song sehr an Oldhams gleichnamigen Beitrag zu Erik Weselos Fotobuch „Forest Time“, einem seiner geheimnisvollsten und schönsten Lieder. „Poor Shelter“ paßt sich in seiner Repetitivität und seiner seltsamen, nie zum Ausbruch kommenden Dringlichkeit dem Song der Young Widows an, ohne dabei sein Folk-Terrain zu verlassen. Eine 7″, die die große musikalische Bandbreite eines eigenartigen Alptraums repräsentiert.

Es sind Veröffentlichungen wie diese, die mich immer wieder mit Oldhams in letzter Zeit doch überambitionierten, lebloseren Alben wie „The Letting Go“ (2006) oder, ganz schlimm, „Lie Down In The Light“ (2008) versöhnen: Kleine, reduzierte, spontane Platten, die viel näher am Hörer sind als besagte Alben, die eine unfertige Schönheit ausstrahlen und die einem auch große Lust machen, sein neuestes Album „Beware“ nochmal in aller Ruhe und vorurteilslos anzuhören.

www.bonnieprincebilly.com
www.arnetthollow.net
www.youngwidows.net
www.karatebodyrecords.com
www.temporaryresidence.com

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Gutfeeling, 2009

Manchmal muß man der allseits und freilich meist zurecht verpönten modernen Technik dann doch dankbar sein. Mit einer längeren Autobahnfahrt konfrontiert, machte ich gestern Gebrauch von einem modernen Schnickschnack, der sich mittlerweile, digitale Jugend sei Dank, durch viele der aktuellen Vinylveröffentlichungen zieht: dem digitalen Downloadcode. Und als ich mich dann gestern nacht bei strömendem Regen auf besagter Autobahn wiederfand, dunkel war’s, eine leichte Melancholie saß auf dem Rücksitz, entschied ich mich dafür, auf meinem mp3-fähigen autointernen CD-Player „Hold Fast“ von G.Rag y los Hermanos Patchekos zu hören, die neue Veröffentlichung aus dem Münchner Hause Gutfeeling, einem der feinsten Mikrolabels dieser Lande. Ein Volltreffer, möchte ich sagen.

G.Rag y los Hermanos Patchekos sind irgendwie die labeleigene Big Band von Gutfeeling, ein wilder Haufen Musiker, die sich um den Vorsteher G.Rag versammeln und z.B. auch bei den Dos Hermanos mitspielen oder bei den Landlergschwistern, und die, wie eine Freundin gestern nacht – ich war endlich auf der Feier am Ende meiner Fahrt angekommen und erzählte von meinem Hörerlebnis – meinte, eher wirken wie eine Fußballmannschaft als wie eine Band (was als leicht kurioses Kompliment gemeint war).

Als jedenfalls gestern der „Caribbean Calypso Trash“ dieser Band aus meinem Autoradio tönte, wurde es gleich um einige Grad wärmer. G.Rags leicht verzerrte, schön verhaltene E-Gitarre gibt beim Opener „Traversia Caliente“ ein kleines, groovendes Moll-Riff vor, auf das die Band dann nach und nach einsteigt, erst die Percussion, später dann die wunderschönen Bläser, und das Leben wird plötzlich cinematisiert. Anstatt auf einer Autobahnfahrt durch den Süden Deutschlands fand ich mich irgendwo in der Karibik wieder, auf einer wilden Feier kurz vor Mitternacht, mit einem Haufen trauriger Geschichten im Herzen und dem unbedingten Willen, sie heute nacht einfach zu vergessen. Was dann auch gegen Ende des Openers gelingt: Auf einmal kippt der Song in ein kleines, ruhiges Dur um, eine wunderschöne, hymnische Trompete erklingt, ein Schauer der Erlösung überkommt den Hörer, bevor man sich tiefer und tiefer in die Nacht tanzt.

Die Schwüle und das Cineastische bleibt, das Tempo wechselt: Der „Gambling Bar Room Blues“ von Jimmy Rodgers ist genau das, ein schleppernder, scheppernder Blues, getragen von G.Rags nachlässigem Trademark-Gesang durch sein altes Megaphon, einem schrägen Banjo und New-Orleans-Bläsern, die der erzählten Moritat die nötige Dringlichkeit verleihen, sie aber auch vorm allzugroßen Ernst bewahren.

Dann, plötzlich der „Nervous Breakdown“: Ein überraschendes Black-Flag-Cover, nicht ganz überführt in den Sound der Band, eher am Rand des Hardcore bleibend, mit lustiger Melodika, diesem schönen warmen Gitarrensound und der scheppernden Percussion. Wohnzimmerpunk, heartfelt, nicht ganz passend, aber ein gelungener Szenenwechsel, der die flotte „Cajun Maid“ vorstellt, nun nicht mehr bei Nacht, sondern in strahlendem Zydeco-Sonnenschein, ein kleiner volkstümlicher Tanz, der einfach so glücklich macht: „Je veux danser with her“, au ja!

Das Instrumental „Mi Barrio“ führt dann wieder durch calexicohafte Hinterhöfe, Schwarzweiß-Bilder wie aus „Down by Law“ von Jarmusch, eine tastende Gitarre, eine verlorene Trompete, eine einsame Slide-Gitarre, und ein Rhythmus, der alles zusammenhält. Dann „Rags’n'Bones“, wieder eine Überraschung. Ein dreckiges, funky Riff und G.Rags heiserer Gesang, ehe ein schön dreckiger New-Orleans-Funk anfängt, mit hymnischem Refrain, coolem Call-and-Response-Gesang und einer superguten Tanzboden-Credibility, und freilich wieder dem nötigen Schuß Humor und Spaß, und die zweite Überraschung birgt die Autorenschaft, „Rags’n'Bones“ stammt von Punklegende NoMeansNo. Mittlerweile rinnt der Schweiß schon immens, das Meersalz in der Luft vermischt sich mit dem Geschmack des Rums, und dann kommt eine richtig geile Überforderung inmitten der Schwüle, „Le Massacre du Melodica“, schnell, rockend, das „Duelling Banjos“ für zwei Melodikas, ein herzlicher, versierter Lacher, eine Melodie, die einen so schnell nicht mehr losläßt.

„Get On Board“ dann wieder klassisch, verhalten, tief melancholisch, irgendwie hoffnungslos schön, bevor der „balkan brass swing en speed“ von „Swing Vergol“ einen wieder auf die Füße reißt, müde zwar, aber wieder mit oben erwähntem unbedingten Willen zum – wenn auch bitteren – Spaß.

Gewagt ist dann „Jockey Full Of Bourbon“ vom großen Tom Waits. Vielleicht liegt es daran, daß ich Waits und vor allem sein Werk um „Rain Dogs“ (1985) zu gut kenne und zu sehr liebe, vielleicht ist „Jockey Full Of Bourbon“ durch „Down By Law“ einfach zu bekannt, aber hier mußte ich dann doch erstmal schlucken. Bislang hat es noch niemand geschafft, an Waits heranzukommen, was vor allem an dessen unglaublicher Stimme liegt und an seinen irgendwie zerstörten, zerstückelten Arrangements. Doch die Hermanos Patchekos tappen nicht in die Falle, Waits imtieren zu wollen, sondern bleiben vor allem gesanglich auf ihrer Seite, irgendwie müde, irgendwie nachlässig, und siehe: Es funktioniert dann doch. Instrumental aus einem eher solideren Guß wie die Waits-Arrangements im allgemeinen, fügen sie dem Original hier und da noch Kleinigkeiten hinzu, das Akkordeon, die verlorene Trompete, der beswingte Rhythmus. Zwar legt sich mir beim Hören im Geiste immer wieder der Waits’sche Gesang drüber, aber vor allem der rabiate, gelungene Schluß versöhnt damit wieder.

Und dann wird’s nochmal richtig sommerlich, fröhlich, leicht, schön: „Influence“, das Cover der Skate-Punk-Band Old Boys, ist mit seinen Steeldrums genau das richtige Lied, um einen morgens mit einem Lächeln aus dem Bett zu kriegen und den Tag zu umarmen. Die Bläser muß man hier nicht nochmal erwähnen, sie sind schön und toll wie überall auf dieser Platte. Vielleicht, neben „Cajun Maid“, mein heutiges, sommerlich-sonntagnachmittagliches Lieblingslied.

Ein schönes Stück „60s rocker“ ist dann das französische „J’ai Tardé“, gesungen vom Black Rider, ein kleines Lied für Akkordeon, ein Lächeln gegen Ende der Platte, bevor der obligatorische Hank Williams zu Ehren kommt. „Cold Cold Heart“ ist ein trunkener Country-Waltz, der sich heiter durch die haßerfüllte Männer-vs-Frauen-Welt schunkelt, der auch ins Bierzelt passen würde (ach, stimmt, die Landlergschwister), mit der nötigen respektvollen Respektlosigkeit, die es braucht, um Songklassikern neues Leben einzuhauchen. Und dann ist die Platte vorbei.

A propos Platte: Zu meinem Downloadcode gehört freilich auch die Vinylausgabe, und die möchte ich dem werten Leser aufs Wärmste ans Herz legen, selbst wenn er nur einen schnöden CD-Player besitzt (hey, denkt an den Downloadcode!). Denn wie immer bei Gutfeeling kommt das (in diesem Fall Doppel-)Vinyl wunderschön verpackt daher, mit einem tollen Siebdruck-Klappcover auf rauhem, festem Karton, gestaltet von Lilli Flux, und kleinen Gimmicks wie Aufklebern und einem schönen Beipackzettel. Nix Plastik, das Vinyl ist auch ein Vergnügen für Finger und Augen, das sei hier explizit erwähnt und gelobt!

„Hold Fast“ ist sozusagen das Jubiläumsalbum der Hermanos Patchekos, die dieses Jahr ihren zehnten Geburtstag feiern (und ich gratuliere herzlich!). Und sie haben sich und uns damit ein schönes Geschenk gemacht, eine wunderschöne, sehr abwechslungsreiche Platte, die vielleicht hier und da ein oder zwei kleine Schwächen zeigt, insgesamt aber musikalisch und auch atmosphärisch auf sehr hohem Niveau bewegt und den typischen, reichhaltigen, immer leicht schrägen, aber doch immer wunderschönen Patcheko-Sound hat. Eine Platte wie der Soundtrack zu dem Leben, das man gerne leben würde, aber leider heißt man weder Humphrey Bogart, noch führt Jim Jarmusch Regie. Das ist zwar schade, aber dafür gibt es ja Platten wie „Hold Fast“. Gibt’s, wie noch viele andere schöne Platten, auf der Homepage von Gutfeeling. Auf geht’s, kaufen!

www.g-rag.com
www.gutfeeling.de

The Pyramids – s/t

11. Oktober 2008

Domino Records, 2007

Wieder einmal ist es die alte Tante Zufall, die einem die besten Platten in die Hände spielt, Platten, die man eigentlich nie angehört, geschweige denn gekauft hätte, so zum normalen Vollpreis. Vielleicht, weil man sie einfach immer überblättert, vielleicht, weil der lokale Händler sie nie in den Laden kriegt, vielleicht, weil sie optisch etwas anderes nahelegen, als dann drin ist, und man sich für sein Vorurteil nicht weiter interessiert. So eine Platte ist das Debut der Pyramids, das mir beim Überblättern im Plattenladen eher nach moderner Worldmusik aussah, so linksradikales spanisches Zeug oder ähnliches, und das ich deswegen nie näher anschaute (obwohl ich das Cover eigentlich ziemlich schön fand). Das muß, gottseidank, allen anderen auch so gegangen sein, denn irgendwann stand besagtes Album plötzlich bei den 2nd-Hand-Platten gegenüber, noch nagelneu und in bestem Zustand. Und wie mich das so angeguckt hat, glänzend, noch ohne Falten, Knicke oder Kratzer, für nur drei Euro, da nahm ich sie doch mal in die Hand und las auf dem Backcover erstaunt „Domino“.

Domino Records ist grundsätzlich ein gutes Label, das Will Oldham in Europa erhältlich gemacht hat oder Smog, und das in letzter Zeit durch Bestseller wie Franz Ferdinand, Sons And Daughters oder die Arctic Monkeys aufgefallen ist. Daneben finden sich dort z.B. die Television Personalities, Clinic, der wunderbare James Yorkston oder das Reissue der tollen, tollen Young Marble Giants, und auch Archie Bronson Outfit, derer zwei von dreien die Pyramids bilden. Grob kann ich mein Verhältnis zu Domino so ausdrücken: Nicht alles gefällt mir dort, aber etwas wirklich schlechtes haben sie auch noch nicht veröffentlicht, alles ist qualitativ sehr gute Musik.

Also doch reingehört in die Pyramids, gestaunt und gekauft. The Pyramids vereinen eigentlich alles, was mir momentan an elektrischer Gitarrenmusik gefällt: repetitiver Lärm, eine gewisse Härte, Primitivismus und Monotonie, und der Groove der guten alten 60s-Garagenpunks wie The Sonics oder The Monks, zeitgemäß in die Gegenwart gerettet (dieser Bezug wird auch bewußt durch den Bandnamen selbst, der eine 60s-Surfkapelle gleichen Namens zitiert, hergestellt).

So beginnt die Platte mit „Pyramidy“, einem seltsamen Geräuschintro, und mit „A White Disc Of Sun“ hat die Platte bereits ihren ersten Hit, meine Herrn! Mit einem einzigen monotonen Riff, das zu noisy klingt, um Garagenpunk zu sein, aber wie Garagenpunk groovt, mit einem Gesang, der viel zu verzweifelt klingt, um Garagenpunk zu sein, wird hier eine ganz eigene Version von Garagenpunk gespielt und werden die Merkmale der Platte etabliert. Am ehesten ein Indie-Disco-Hit kann die (als 7″ bereits vergriffene) Single „Hunch Your Body, Love Somebody“ durchgehen, deren Hitpotential allerdings wiederum von besagten Merkmalen torpediert wird. Weshalb „Empty Yourself“ oder „Festoons“ auch keine Country-Punksongs sind. Verschnaufpausen bieten einem nur das sphärische Eröffnungsstück der zweiten Seite, „Guitar Star“, in dem tatsächlich die Gitarre, bzw. dieser eine sanfte Akkord, der Star ist, und das schleppende „Manitou“, das aber auch nur, weil es so langsam ist.

Den Pyramids ist an diesem einen Wochenende, an dem die Platte der Legende nach entstanden sein soll, das Kunststück gelungen, verschiedene Zeitalter der Gitarrenmusik zu verschmelzen (namentlich die 60er und die 90er) und so aufzunehmen, daß sich zwar ein – auf irgendeine perverse Art – harmonisches Gesamtgebilde ergibt, dieses aber von allerlei – teils auch anstrengenden – Spannungen lebt: der verzweifelte Gesang (der immer wieder an Mudhoneys „Blinding Sun“ ohne Gequengel erinnert), der Lärm, die Störgeräusche und die teils wirklich fiese Monotonie der Riffs, die irgendwie an 90er-Bands wie Bastro erinnert, oder vielleicht an Slint ohne Breaks, oder an Quickspace, einer-, die Garagenrockseligkeit im Riffing, im Songwriting und in den hinter der stimmlichen Verzweiflung liegenden Melodien andererseits. Eine ganz feine, ungewollt supercoole, aber dennoch ziemlich verstörende Platte, die auch neugierig macht auf die Hauptband der beiden, Archie Bronson Outfit. Und schön verpackt, mit Texten auf dem Innersleeve und einem schönen Miniposter ist sie obendrein noch. Also nicht warten, bis sie irgendwo gebraucht zu haben ist, denn der Vollpreis lohnt sich. Fuck yeah.

www.myspace.com/pyramidy
www.dominorecordco.com

Universal, 2008

Und nochmal Metallica, aber wer könnte sich dieser Veröffentlichung entziehen? Metallica sind ein Monster, eine Legende, ein Monolith, sind die Günter Grass des Metal, und wenn dieser ein neues Buch herausbringt, muß auch darüber geredet werden, ebenso wie wenn jene ein neues Album veröffentlichen. Zumal, wenn Rick Rubin produziert hat, der wohl vielseitigste und nach Phil Spector und Steve Albini legendärste Produzent der Rockgeschichte (namedropping gefällig? Da: Public Enemy, Slayer, Neil Diamond und freilich und am legendärsten die American Recordings, Johnny Cashs prima Comeback in fünf Teilen).

Also. Es ist im Vorfeld viel über das Album geredet worden, und sowieso über Metallica im allgemeinen (namedropping gefällig? Da: Napster, St. Anger, Rob Trujillo, Alkohol, der ziemlich gute Dokumentarfilm Some Kind of Monster von Joe Berlinger und Bruce Sinofski, restriktive Veröffentlichungspolitik, Fiesheit den Fans gegenüber etc.pp.), aber darüber soll hier einfach mal hinweggesehen werden. Mag Hetfield ein Arschloch sein und Ulrich ein Korinthenkacker, mir wurscht: Sie bleiben einfach schweinecool, wenn man sich so das Bandfoto vom auch großen Anton Corbijn anguckt. Und ein gewisses Arschlochtum macht diese Testosteron-Männermucke ja schließlich auch so geil, wie sie ist, oder?

Und jetzt ist „Death Magnetic“ da, und ich denke mir so insgeheim: Was für ein blöder Plattentitel, sogar noch blöder als „St. Anger“. Das Album ist in einer Milliarde unterschiedlich teuren Formaten erschienen (dazu bitte einfach die einschlägige Musikpresse konsultieren; am lustigsten finde ich die Version für Guitar Hero), ich habe mich für das billigste entschieden, die normale CD, und selbst hier ist das löchrige Booklet mit seinem in verschiedene Schwarzweißbilder eingearbeiteten Sarg bzw. Grab ein großer Spaß zum Angucken. Und mit lesbaren Texten hatten sie es ja eh nicht immer (siehe z.B. „Load“ von 1996, und hier fehlen dank der Löcher auch Teile). Aber angesichts von Texten wie „The End of the Line“ ist das auch nicht weiter schlimm.

Beim ersten Vorhören der Songs auf der Homepage von Metallica mußte ich ziemlich schmunzeln: Im Kopf hatte ich all die Vergleiche mit „Master of Puppets“ von 1986, die überall lanciert wurden, und die irgendwo gehörte Aussage, „Death Magnetic“ klänge wie ein „Master…“-Coverwettbewerb, schien sich zu bestätigen: klassische Metalriffs, Leadharmonien, und an so mancher Stelle meinte man, der junge Hetfield brüllt jetzt gleich „Master, Master“ oder „Blackened is the end“ los. Hmja. Metal halt, dachte ich so bei mir.

Aber jetzt genug geunkt: „Death Magnetic“ macht erstaunlich viel Spaß. Das Album rockt ziemlich los, erinnert mich tatsächlich im Opener „That Was Just Your Life“ oder in „Broken, Beat & Scared“ an „St. Anger“ (2003), allerdings nicht so derart brachial, also melodiöser, zugänglicher, mehr auf die alten Metal-Qualitäten bedacht (und das bedeutet halt mehr Weichheit als auf dem Vorgänger, ihr ollen Metalheads!). Sicher, „St. Anger“ hat mich mehr umgehauen, aber „Death Magnetic“ ist viel besser zum Am-Stück-Durchhören. Und es hat nicht wirklich etwas mit dem fürchterlichen Metalgepose der „Master…“ (ich verstehe nicht, wie alle Welt angesichts von „Kill’em All“ (1983) oder „Ride The Lightning“ (1984) bei diesem schlechten Album von Metallicas Meisterwerk reden kann) oder schlimmer noch dem Progrock-Getue der „…and Justice for All“ (1988) zu tun. Und das, obwohl nahezu alle Lieder an der Achtminutengrenze kratzen, teilweise ziemlich vertrackt sind und mit arg vielen verschiedenen Teilen hausieren gehen. Langweilig werden die Songs nicht (außer vielleicht den beiden zu kitschig geratenen Balladen „The Day That Never Comes“ (gräßliches Intro!) und „The Unforgiven III“ [sic!], das sich mit seinem Piano, seinen Synthiestreichern und seinem Bierernst schon arg weit aus dem Fenster lehnt. Aber wer würde von Metallica schon Selbstdistanz oder gar Selbstironie erwarten?), und den meisten merkt man ihre Länge nicht an.

Das Album hat jede Menge schöne Momente, die Disharmonien in „The Judas Kiss“, der donnernde Groove der ersten drei Stücke, Hetfields sehr schöner Gesang in den süßlichen Balladen, die plötzlichen 80er-Jahre-Gitarrenharmonien, die hier und da auftauchen (ganz besonders toll beim Instrumental „Suicide & Redemption“), all die düsteren Akustikintros, die einem die Hochzeit des Metal wieder ins Gedächtnis rufen, die für Metallica typischen WahWah-Soli, das Geholze einer-, die wirklich schönen Melodien andererseits, und die schöne Nostalgie, die einige der eigentlich immer guten Riffs herausfordern, weil sie halt doch sehr an alte Metallica-Alben erinnern.

Sicher, Metallica wühlen sich hier schon durch einige Klischees, und der Gedanke an eine Art paraphrasierte Werkschau ist auch nicht abwegig, innovativ (im Guten oder im Schlechten, darüber sollen sich die „echten“ Fans angesichts der Wandlungen zum guten Rock auf „Load“ auf der einen, zum brachialen Metalcore auf „St. Anger“ auf der anderen Seite streiten, ich mag beide Alben) ist hier nichts, aber die Scheibe rockt, hat einen sehr guten, druckvollen, trockenen aber dennoch nicht hohlen Sound (wobei ich der Kritik betreffs der Kompression und der daraus resultierenden Übersteuerung, die z.B. hier geäußert wird, teile), ist nicht langweilig, ist wunderbar humorlos und böse, klingt genau so sehr nach Früher wie nach Heute, und hat mit dem finalen Stück „My Apocalypse“ dann doch noch sein „Damage Inc.“ Aus dem anfänglichen „Ach je“ beim Kauf ist ein „Yeah“ beim Hören geworden. Was will man mehr?

www.metallica.com

Bone Voyage Recording Company, 2008

Uff. Eigentlich dachte ich ja eher, daß ich gestern mit dem Reissue der „Youth of America“ von den Wipers nach Hause gehen würde. So zumindest war mein etwas lustloser Plan für einen drögen Samstagnachmittag. Aber dann geriet mir die Platte von Judge Bone in die Finger, und weil ich schonmal da war, hörte ich eben auch mal rein. Uff. So richtig klar war mir nicht, was ich da kaufen würde, und ich gebe zu, unterm Strich nahm ich sie nur mit, weil ich unbedingt Geld ausgeben wollte. Aber was für eine Wucht das schon beim ersten Reinhören war, auch im Vergleich zu den Wipers (an dieser Stelle empfehle ich eh, zumindest was den Titelsong dieser Platte betrifft, das Cover der Melvins auf „Electroretard“, aber das dann ein andermal), wie brachial das klang!

Zuhause dann legte ich die Platte erstmal beiseite, vergaß gar, wie die Künstler bzw. die beiden finster dreinschauenden und von Alkohol und Kneipenprügeleien gezeichneten Typen auf dem Backcover heißen, und dachte mir: Naja, mal wieder was Unnötiges gekauft. Und dann, heute zum Frühstückskaffee, legte ich sie dann auf, mild neugierig geworden von den Bildern auf dem Cover, dem völlig irren Foto dieses völlig irren Predigers auf dem Innersleeve – offenbar Judge Bone himself -, und den verschmierten, handgeschriebenen Texten. Uff.

Kurz gesagt machen Judge Bone und Dog Hill nur mit Gitarre, Gesang, Schlagzeug und „Footstomps“ Blues. Aber was für einen! Direkt aus der Hölle der Übersteuerung, der Distortion, des dumpfen, mies aufgenommenen, aber virtuos wahnsinnig gespielten Schlagzeugs. Neben den klassischen Blueslicks, die in besagtem superbrachialen, völlig übersteuerten Sound gespielt werden, passiert ungemein viel Seltsames an den beiden Instrumenten (dazu höre man nur mal „Seventeen and in Misery“ an). Da werden hysterische Geschwindigkeiten ausgepackt, seltsame Fills und Breaks, und die langsamen Songs schleppen sich zäh und bedrohlich dahin, als wollten sie einem einfach so mal in die Fresse hauen. „Big Bear’s Gate“ klingt, als hätten sich Jon Spencer und Tom Waits um ein einzelnes Mikro gesetzt und ihr ganzes Können, ihre verschiedenen Verschrobenheiten, ihre ganze miese Laune und deren lustvolle Zelebration ausgepackt. Uff.

In Finnland, überraschenderweise (und dann irgendwie doch nicht) das Heimatland von Judge Bone, ist selbiger offenbar schon lange kein unbekannter mehr. Der – hihi – promovierte Jurist veröffentlich dort schon seit den 70ern als Tuomari Nurmio („Judge Bone“ auf Finnisch) Platten und fusioniert dabei scheinbar finnischen Tango mit Tom Waits (das erfährt man hier), doch „Big Bear’s Gate“ klingt wie direkt aus dem amerikanischen Hinterwald, wüst und brutal wie klanggewordene häusliche Gewalt im Titelsong oder in „Seventeen and in Misery“, trist und verloren auf dem Highway eines Tom Waits wie in „Train Train Train“, oder aber fast schon lustig, wie „You hate me and my Stetson Hat“. Und dann enden beide Seiten der Platte erstaunlich versöhnlich: Seite A mit dem Country-Schlager „Ramona“, der eigentlich nur noch durch diesen Sound vorm Kitsch gerettet wird, und Seite B mit dem klassischen, an Harry Nilssons „Everybody’s Talking“ erinnernden Countrytrack „I let the Angels do the Dreaming“, der einen dann lächelnd in den Sonnenuntergang reiten läßt.

Sicher, es finden sich zahllose Blues- und Countryklischees auf „Big Bear’s Gate“, aber erstens ist das ja das Schöne an dieser Musik, und zweitens bleibt neben diesem fiesen, druckvollen Mülltonnensound (kein Widerspruch) dann doch eine kompositorische und musikalische Virtuosität, wie sie nur einem gelingen kann, dem es eigentlich scheißegal ist, weil er nur das tut, was er tun will. Uff.

www.bonevoyagerecordings.com

Drag City, 2008

Ach, ach, ach. Bonnie „Prince“ Billy aka Will Oldham hat ein neues Album veröffentlicht. Vor einiger Zeit, namentlich bis zu seinem letzten full length Album „The Letting Go“ von 2006, war dieser Satz Grund genug für mich, tagelang nicht schlafen zu können und alle naslang zum hiesigen Plattenhändler zu rennen und nach dem Vinyl zu fragen, mit feuchten Händen die CD anzuschauen und dann doch nicht reinzuhören, um die Spannung zu erhalten, die Vorfreude auf das erste Knistern der Rille, die Sekunden, bevor die Frage danach beantwortet wird, wie wohl das neue Album klingen mag, und schließlich, weil die Ungeduld größer war als die Vernunft, zig Kilometer zu fahren, um mir die LP in der nächsten Großstadt zu kaufen, nicht, ohne vorher aber auch wirklich jedem von besagter Veröffentlichung erzählt zu haben.

Bonnie „Prince“ Billy war damals eine Offenbarung für mich, 2000, als Johnny Cash auf „Solitary Man“ den Titelsong des besten Bonnie-Albums überhaupt, „I see a darkness“ (1999) mit Will Oldham selbst an der Zweitstimme coverte und bei aller Größe nicht einmal annähernd an das Original herankam. Soviel Brüchigkeit, soviele Lücken zwischen den Tönen hatte ich bis dahin nur bei Mark Hollis gehört, soviel Düsternis und gleichzeitig soviel kindliche Naivität, soviel Spiritualität und gleichzeitig soviele lustige Obszönitäten, und einfach solche wunderbaren Lieder, vorgetragen mit einer so wunderbaren Stimme und so spannenden, behutsamen Arrangements kannte ich bis dahin noch nicht. Ach, ich wurde zum glühenden Fan, kaufte, was ich in die Finger kriegen konnte, kaufte alles, was er unter seinen verschiedenen Namen (Palace Brothers, Palace Music, Palace, Will Oldham, Bonnie „Prince“ Billy, Bonny Billy, Bonnie „Blue“ Billy) veröffentlicht hat, gab teilweise horrendes Geld aus für einen einzigen Song auf einer 10″ im Fotobuch, und war verloren.

Dann kam besagte „The Letting Go“, zu der ich plötzlich keinen Zugang mehr fand. Überambitioniert fand ich sie, irgendwie esoterisch, und ich fragte mich, wo wohl diese tolle Brüchigkeit, wo diese wunderbaren Lücken in der Musik hin waren, fragte mich, wieso seine Stimme mir plötzlich so fern und unnahbar vorkam (was ich, ehrlich gesagt, schon früher bemerkt hatte), wieso ihre neue Festigkeit sie in so weite Ferne rückte, wohingegen ihre Unsicherheit, ihr Kippen und ihre gelegentlichen falschen Töne sie so nah bei mir sein ließen.

Und jetzt „Lie Down in the Light“. Die auf Gesang und Gitarre reduzierte Vorgänger-EP „Ask Forgiveness“ (2007) versprach nur Gutes, also war ich voller Hoffnung. Und als ich sie in den Händen hielt, fiel mir als erstes auf, daß Oldham das Layout des Schriftzuges bislang aller Bonnie „Prince“ Billy-Alben aufgegeben hat. Weiterhin fiel mir auf, daß, wie auf „Ask Forgiveness“, auf der Rückseite keine Titel angegeben sind. Aber egal, egal, wie mag sie wohl klingen? Ich ließ mir Zeit damit, sie endlich einmal aufzulegen, wartete auf einen ruhigen Moment, voller Hoffnung einer-, düsterer Vorahnung andererseits. Gleich das erste Lied allerdings, „Easy Does It“, ging mir zu Herzen: Ein fröhlicher kleiner Countrysong ist das, ganz naiv mit Akustikgitarren und Fiddle und einem Text über die kleinen Freuden und alles, was man im Leben wirklich braucht: Freunde, Familie, Musik. Schön. Doch das Weiterhören wurde irgendwie immer fader, als ob die Lieder einfach an der Oberfläche bleiben, als ob sie freundlich zum einen Ohr hinein-, zum anderen wieder herausgleiten, ohne Eindruck zu hinterlassen.

Die Platte erinnert immer wieder an eine ausformulierte Version von Bonnies „Master and Everyone“ (2003), nur daß dort die radikale Reduktion mit der kompositorischen Schwäche versöhnt und eben diese auch Programm sein mag: Sehr einfache Lieder zu einem sehr einfachen Setting, sehr spontan und nahe am Hörer und auch am Sänger. Auch hier gleichen sich die Melodien und sind eher gewöhnlich, doch die Instrumentierung ist üppiger (wenn auch, gottseidank, ohne Streicherkram wie auf „The Letting Go“), fließt aber allzu friedlich dahin, ist üppig auf die bescheidene, gesunde Art einer saftig grünen Wiese, zeigt kaum Brüche, erinnert auch kaum mehr an Oldhams musikalischen Ursprung in den Appalachen, sondern ist vielmehr Folkpop geworden, mit der songwriterischen Glätte (oder Profillosigkeit), die Pop zueigen sein muß, damit er Pop sein kann. Sicher, „So Everyone“ hat einen interessanten Rhythmuswechsel zwischen Strophe und Refrain, und die rauhe Stimme von Duettpartnerin Ashley Webber (offenbar die Schwester von Amber Webber von Black Mountain) fügt der Musik viel hinzu und klingt ganz wunderbar. Aber trotzdem und fürchterlicherweise bleibt die Platte profillos, wird beim letzten Stück der ersten Seite, „Missing One“ sogar fast peinlich mit der aalglatten möchtegernharten Gitarre.

Die B-Seite fällt dann gegen Seite A auch noch ziemlich ab, wird noch friedlicher, sprich: fader, klingt wie das Gitarrenspiel eines zufriedenen Mannes auf seiner Veranda, der leise irgendwas vor sich hin singt. Die Melancholie klingt nicht mehr nach der kindlich-existentiellen, fabulierenden Angst und Hoffnung von „I see a Darkness“, sondern nach der Rotwein-und-volles-Konto-Altherrenschwermut eines Hermann Hesse, dessen Gejammer unerträglich feist und satt klingt. Zwar ist Oldham bei weitem noch nicht an diesem Punkt, aber manchmal scheint dieser schlechte Geschmack doch etwas zu deutlich durch.

Will Oldham ist offenbar glücklich und zufrieden geworden. Das sei ihm gegönnt, aber seiner Musik tut das nicht gut (dieses Phänomen zeigt sich z.B. auch bei PJ Harveys „Stories from the City, Stories from the Sea“). Und nicht nur das: Sein Kontakt zu David Tibet von Current 93 und der ganzen Durtro Jnana-Crew haben ihn scheinbar spirituell werden lassen, religiös im esoterischen Sinne. Was bei David Tibet durch dessen Industrialvergangenheit und dessen Alpträume, dessen Nichtsangesstimme und dessen hypnotische Monotonie verstörend und faszinierend wirkt, bei Baby Dee (zu deren Album „Safe inside the Day“ Oldham wunderbare Zweitstimmen eingesungen hat) z.B. durch die Auseinandersetzung mit ihrer Transsexualität im Hinblick auf ihre Familiengeschichte für Reibungen und die Möglichkeit für sehr viel schönen Humor sorgt, wirkt bei Will Oldham aber glatt, zufrieden, bierernst. Die existentielle Komik seiner früheren Alben liegt scheinbar erstmal auf Eis, stattdessen riecht es nach Räucherstäbchen, zum Beispiel bei „Willow Trees Bend“, das in seiner zerfahrenen Instrumentalisierung sehr an die Gedichtvertonungen von „Get On Jolly“ (2000, mit Dirty Threes Marquis de Tren) erinnert (was das Lied deutlich aufwertet), oder dem, hm, es klingt wie ein Gemeindechor am Schluß der Platte.

Sicher: Will Oldham alias Bonnie „Prince“ Billy ist auch hier eine sehr schöne Platte gelungen, eine immerhin (und bis auf ein, zwei Ausrutscher) gute Platte, aber verglichen mit seinem Jugendwerk bei den Palace Brothers et al, oder gar mit seinem opus magnum „I see a Darkness“ ist „Lie Down in the Light“ weit davon entfernt, das Meisterwerk zu sein, von dem die Presse momentan an allen Ecken und Enden spricht. Oldham ist angekommen, ist jetzt gesetzt, ist glücklich und erleuchtet. Seiner Musik fehlt der Schmerz, der Wahnsinn und die dadurch gegebenen Möglichkeiten zu Humor und guter Musik. Seine textliche Spiritualität führt ihn leider nur zu „good, earthly music“, und das ist wohl „all there has to be“.

Was mir als Fan bleibt, sind seine unzähligen Kooperationen z.B. mit Baby Dee, mit Carrie Yuri, Björk oder der wunderbaren Scout Niblett (auch, wenn er es in letzter Zeit damit übertreibt und wirklich überall dabei ist; man möchte fast von einem Indie-Bono sprechen) und seine genauso zahllosen Klein- und Kleinstveröffentlichungen wie besagte Cover-EP, oder einige feine Singles-Flipsides, auf denen er oft die Glätte zugunsten von Humor und Experimenten über Bord schmeißt, oder seltsame Liveaufnahmen, die nur in Australien erscheinen oder auf irgendwelchen Internetseiten für Liebhaber. Und tatsächlich habe ich gerade den Opener „Easy Does It“ als Ohrwurm, und so schlecht fühlt es sich dann doch nicht an.

www.bonnieprincebilly.com
http://users.bart.nl
www.dragcity.com

Island, 2008

Alle Welt redet darüber; ich auch. Am aktuellen medialen Diskurs über Portisheads drittes Studioalbum, prosaisch „Third“ betitelt, gibt es zwei Dinge, die mich prinzipiell und meist völlig zurecht erstmal tüchtig abschrecken. Einmal ist es das Etikett des „Comebacks“, der „Reunion“, und zum zweiten der in dieser Vehemenz geführte Diskurs selbst. Comebacks bzw. Reunions altgedienter Bands aus anderen Zeiten gehen erstens fast immer in die Hose (siehe die Stooges), haben zweitens meist unschöne Motive (siehe die Sex Pistols) und führen drittens im besten Fall zu keinem weiteren nennenswerten Ergebnis (siehe die Pixies). Und wenn über eine Band, die sich über zehn Jahre nach ihrem letzten Studioalbum ein solches Comeback leistet, plötzlich so dermaßen viel geschrieben wird, wenn dieses neue Album überall so dermaßen über den grünen Klee gelobt wird, es also schlechthin „erfolgreich“ ist, liegt das meist daran, daß es ziemlich vielen gefällt, was wiederum auf ein Bedienen des kleinsten gemeinsamen Nenners der heterogenen Masse, sprich: auf eine möglichst große Identifikationsfläche zugunsten einer möglichst kleinen eigenen Identität, zurückzuführen ist. Oder simpel gesagt: Je mehr Leuten es gefällt, desto weniger Kanten, Ecken und Eigenleben kann es haben, desto geschliffener und uninteressanter ist es.

Manchmal aber trifft man auf ein Meisterwerk, das einen einfach umhaut, und wenn es auch hundertmal ein Comebackalbum einer wiedervereinigten Band ist, muß man dann einfach zugeben: Es wird zurecht überall über dieses Album geredet. So ein Album ist „Third“. Ein dunkles Album, ein furchterregendes Album, voller Angst, Schuld, Einsamkeit, voller schmerzlicher, vergeblicher Liebe, voller Einsamkeit und Isolation. Aber dennoch: Das erste, was mir an diesem Album auffiel, war, daß es wesentlich zugänglicher ist als sein Vorgänger, das selbstbetitelte zweite Album von Portishead von 1997. Machte es dieses dem Hörer nach dem großartigen Debut „Dummy“ (1994) nahezu unmöglich, überhaupt noch einen Zugang zur Musik zu finden, spielte sich Gibbons’ Verzweiflung wie hinter Panzerglas ab und ließ mich damals bei allem Barmen und Flehen eigentlich unbeeindruckt, weil sie einfach zu weit weg war, so steht „Third“ wieder dicht beim Hörer.

Das liegt wahrscheinlich zuerst einmal am Sound selbst: Bei aller Düsternis ist er wärmer geworden, analoger, herzlicher, aber gleichzeitig auch härter, brutaler, grausamer. Einerseits finden sich intrumentale Melodien wie auf „The Rip“ oder dem Opener „Silence“, andererseits wird eine fast industriell anmutende Lärmkeule ausgepackt, wie in „Plastic“, „We Carry On“ mit seinen disharmonischen Gitarrenläufen oder „Machine Gun“. Zwischendrin dann plötzlich der Folk-Chanson „Deep Water“, nur mit Ukulele und Harmoniegesang, ein kleiner, zärtlicher Fremdkörper, bevor die gewaltige Monotonie von „Machine Gun“ losbricht. Die langen Lieder scheinen zwischen Fragmentarischem und sehr Durchdachtem zu schweben, zwischen Zaghaftigkeit und Gewalt, zwischen Zögern und Drängen.

Und gemein zum Hörer sind sie auch noch: „Silence“ und „Small“ brechen einfach mittendrin ab, „The Rip“ läßt sich sehr lange Zeit, bis zur einsamen Gitarre warme Klangflächen und ein schneller Beat hinzustoßen, doch gerade, als eine weitere, noch wärmere Synthiemelodie sich sanft über das Lied legt, wird wieder ausgeblendet. „Machine Gun“ quält den Hörer mit seinem abgehackten, übersteuerten Beat, der einfach nicht ins Fließen geraten will, läßt Gibbons hilflos gegen die Maschinerie ansingen, um die Erlösung der analogen Synthiemelodie nach minutenlanger, eiskalter Dunkelheit nur wenige Sekunden andauern zu lassen, um dann einfach abzubrechen. Was für eine Tortur, was für eine clevere Brillanz!

Tatsächlich ist der einzige Schwachpunkt der Platte Beth Gibbons’ Gesang: Klein, dünn, schwach und wenig abwechslungsreich fleht sie sich durch die Klanghöllen von Geoff Barrows und Adrian Utley, wirkt bei aller Verzweiflung wieder abwesend und freiwillig isoliert, außer im kindlichen „Deep Water“. Doch ist dieser Schwachpunkt zum einen wirklich nicht der Rede wert, denn Gibbons’ Stimme kann zwar irgendwie nerven, bleibt aber dennoch wunderbar, und zweitens manifestiert sich hierin ein weiterer Aspekt der Platte: die Verlorenheit des Menschlichen in dieser kalten akustischen Maschinenwelt. Das erzeugt eine tiefe Spannung, ebenso wie der Widerspruch, der sich auftut, wenn die Musik plötzlich wärmer und humaner klingt als der Gesang. In diesem Widerspruch bleibt die Platte gefangen: zwischen Drängen und Zaudernd, dem Hilfesuchenden und dem Abweisendem, und aus ihm schöpft sie ihre Stärke.

Und dann, am Ende, wird auch der Hörer alleingelassen: „Threads“ wird immer leiser und leiser, und am Ende bleibt nichts als eine dissonante, schwer verzerrte Gitarre, die schon mitten im zweiten Stück „Hunter“ verstörte, und nun tönt sie wie ein pervertiertes Nebelhorn, ruft wie ein sterbendes Urzeittier seinen beängstigenden Ruf in das Nichts, lockt und warnt gleichzeitig, man möge ihm ja nicht zu nahe kommen. Doch da ist es bereits zu spät, man war schon viel zu nahe dran. Dieses brillante Album ist zuende, hat sich im Herzen als kalter Fleck festgesetzt und will dort nie wieder weg. Und das ist gut so.

Ach ja, noch ein Satz zum Etikett „Trip Hop“ und zu den Neunzigern, mit denen sie immer wieder assoziiert werden und für die sie so wichtig waren: Trip Hop, Schmip Schmop, Portishead haben ihre Musik in die Gegenwart gerettet, kein Grund zu nostalgischem Seufzen also, das hat diese Platte nicht nötig.

www.portishead.co.uk