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Trikont, 1995 & 1996

Wenn man die 30 überschreitet und also in ein sogenanntes reiferes Alter kommt, dann ändert sich auch langsam die Form des Protestes und des Widerstandes. Wo man in der Jugend noch „No Future“ brüllt, seine Eltern ignoriert, den Lehrern den Stinkefinger zeigt, sich mit Kuli „Anarchy“-As auf die zerrissenen Jeans malt und die Welt nicht verändern, sondern nurmehr abkacken sehen will, wird man mit dem Alter zwangsläufig ruhiger, aber auch klüger. Man legt sich Strategien zurecht, wird kompromissbereiter, vielleicht auch ein bißchen resignierter, aber man bekommt ein Geschenk, das einem vieles leichter macht: Humor. Und so, wie sich die Überlebensstrategien ändern, so ändert sich auch die Musik, die den Kampf im und gegen den Alltag begleitet. Und die den Hörer im besten Fall überhaupt erst zum Kampf motiviert. An diesem Punkt haben sich wohl die wunderbaren Nuts befunden, als sie ihre beiden – offenbar leider einzigen – Alben „Irgendwas fehlt immer“ und „Selber“ aufgenommen haben.

Zu der Zeit, in der sich die Nuts bereits wieder auflösten, hätte ich ihre Musik wahrscheinlich nicht hören wollen. Mitte der 90er steckte ich noch tief im Post-Teenage-Angst-Sumpf fest, hatte Grunge für mich entdeckt und wieder hinter mir gelassen und mit ihm eine neue Melancholie gefunden, die sich durch meine Erkundungen von Alt.Country und den Nine Inch Nails zog und die Kämpferisches eher in ein Seufzen oder bestenfalls in die lebensweise, sexuell aufgeladene Dandy-Spiritualität von Leonard Cohen übersetzte. Und nur Chumbawamba bildeten – musikalisch wie politisch – eine vitale Ausnahme. Wahrscheinlich hätte ich die Nuts damals nicht unbedingt hören wollen (aber wer weiß), wahrscheinlich hätten sie mir aber gutgetan.

So fand ich also erst mit Anfang 30 zu ihnen, auf einer Party, auf der ein Freund das lustige Ska-Pop-Stückchen „Halt dich an deinem Haß fest“ von „Selber“ spielte, und ich belustigt, aber auch irgendwie bewegt zuhörte: Wie vital klang dieses Lied, wie tröstlich. Wie hier mit demselben Gestus, mit dem man sonst Schulkinder belehrt (allein der Begriff „Schießgewehr“! Der schulhofartige Satz „…und vergiß nicht, wer schuld ist, daß du traurig bist“!), das Private hochpolitisch gemacht wird und man tatsächlich die Revolution um die Ecke spicken sieht, die hochpolitische Revolution im Privaten.

Genau darum geht es den Nuts: Mit spielerischer Leichtigkeit, viel Ironie und ganz großer Musikalität wird hier hinter vermeintlich harmlosen Melodien und vermeintlichen Lebenshilfetexten die Revolution ausgerufen, aber erfreulicherweise ohne verbissen, altlink oder lächerlich zu wirken. Vielmehr schlendern, hüpfen, torkeln, laufen die vier Altöttinger leichtfüßig durch die Musikstile, von Ska bis Surf, von Pop bis Punk, von HipHop über NoWave hin zu Liedermacher, dabei immer leicht bajuwarisch anmutend (was vor allem dem dialektalen Einschlag des Sängers Reimund Fandrey und der Sängerin Christa Latta geschuldet ist, aber auch dem herrlichen Akkordeon, das vor allem auf „Irgendwas fehlt immer“ zum Tragen kommt), was unterm Strich irgendwie noch subversiver wirkt als z.B. das nordische Nuscheln der Zeitgenossen Tocotronic.

Und überhaupt, Altötting, der bayrische „Protowallfahrtsort“, wie der Musikexpress seinerzeit schrieb: Um ein wirkungsvolles Provinzbashing als gesellschaftspolitischen Protest betreiben zu können – das hat schon Thomas Bernhard gezeigt –, muß man diese Provinz in sich tragen, in Kopf und Herzen, unwiderruflich, und bei allem Haß, bei aller Abscheu auch irgendwie eine Liebe zu ihr empfinden, und sei sie noch so grausig. Und im Gegensatz zu Thomas Bernhard, der seinen Frieden mit Österreich (also der Nation gewordenen Provinz per se) maximal ganz am Lebensende grade mal winken sah, haben die Nuts ihren Hass effektiv durch ihren feinen Humor in Musik kanalisiert. Wobei es nicht wirklich die tatsächliche, also geographische Provinz ist, gegen die die Nuts sich so herrlich ereifern, sondern vielmehr – und noch viel schlimmer! – die Möchtegernkosmopoliten, die kunstbeflissenen Bildungsbürger, die ökologisch und politisch so korrekten Gutmenschen, diese fatale Pest von widerwärtig verständnisvoller Menschlichkeit, diese ecken- und kantenlosen Kulturschänder, Provinz im Sinne von großmäuligem Kleingeist also – wie gut tut es, sich „Gute Menschen“ anzuhören und endlich die Worte zu finden, die man auf faden Parties bei Nudelsalat und Gesprächen über die blöden Kinder der anderen und den neuen Coelho so lange gesucht und stattdessen nur die geballte Faust in der Hosentasche gefunden hat.

Ich muß zugeben: Es ist ihr Zweitling „Selber“, der mich für die Nuts eingenommen hat. Nicht, weil er besser wäre als das Debut, aber „Selber“ ist die musikalisch wesentlich abwechslungsreichere Platte. Dominieren auf „Irgendwas fehlt immer“ neben Schlagzeug und Baß Gitarre und Akkordeon, so tat es „Selber“ gut, daß Christa Latta die Gitarre gegen Keyboards eingetauscht hat, was freilich irgendwie weniger „Indie“ wirkt, aber dann doch hilft, diese wirklich guten Lieder noch feinsinniger auszuformulieren.

So ähneln sich die Lieder auf „Irgendwas fehlt immer“ doch ein wenig, auch wenn sich Rhythmen und Beats aufs Herrlichste abwechseln und z.B. der HipHop des kleinen Hits „Aus einer heiligen Stadt“ von einem Akustikgitarrenriff konterkariert wird – womit die Grenzen- und Respektlosigkeit dieser kleinen feinen Band gleich zu Beginn der Platte manifest wird. Und auch, wenn einzelne Songs vielleicht ein bißchen zu monoton geraten sind (Bitte immer den Vergleich zu „Selber“ mitdenken! Für sich allein genommen schlägt „Irgendwas fehlt immer“ so manche andere Scheibe um Längen!), wimmelt es hier dennoch von Ohrwürmern: besagter kleiner Hit „Aus einer heiligen Stadt“, Standortbestimmung und Haßprogramm in einem, „Vernunft ist Tyrannei“, das irgendwie die freie Liebe predigt, das verträumte „War’s das schon?“ oder das herrlich fröhliche „Dem Rest die Pest“.

Mit „Selber“ und der musikalischen Verfeinerung hielt dann auch textlich eine größere Subtilität Einzug. Spricht „Irgendwas fehlt immer“ noch vom „bürgerlichen Arschloch“, heißen solche Leute auf „Selber“ dann „Gute Menschen“, die „grausige Sandalen“ tragen und „gefährlich“ sind, denn „sie lieben nicht nur sich, gute Menschen sind gefährlich, denn sie lieben sogar dich“. Die Nuts beleidigen sie nicht mehr, sondern schlagen sich sogar probehalber auf die Seite der abscheulichen Gutmenschen, denn „das Leben, das Leben, das ist gar nicht so schwer“, wie des Erzählers Freund plötzlich feststellt und der Erzähler sich in Form eines Anrufbeantworterspruchs der österreichischen Kabarettisten Ostermayer, Grissemann und Stermann nur wundert: „Sag mal, wo ist eigentlich deine sympathische negative Einstellung zum Leben geblieben?“

Außerdem schleicht sich auch eine gewisse Unsicherheit in „Selber“ ein, ein Hinterfragen der eigenen Positionen, das auf „Irgendwas fehlt immer“ noch nicht so deutlich war: „Ich würd’ so gern, ich würd’ so gern, ich weiß nicht was ich gerne würde, was ich gerne hätte, ach, ich weiß nicht“. Das muß angesichts der großen Weisheit, mit der die Nuts zugange sind, ebenfalls dem Reifungsprozeß zugeschrieben werden – die Anmaßung, sich allzu klare Urteile und Aussagen zu erlauben und allzu deutlich Stellung dagegen zu beziehen, ist einem gesunden Zweifel gewichen, der hier ebenso ironisiert vorgetragen wird, wie die Band gegen ihre Feindbilder wettert. Und die einzige Gewissheit, die bleibt: „Stecker raus und dann / und dann Ende“.

Zwischen den angedachten und immer wieder verworfenen Positionierungsversuchen des Selbst in einer engen, bedrückenden und eigentlich hassenswerten Spießer- und Bürgertumswelt und der gelungenen Verachtung derselben nehmen sich die Nuts auf „Selber“ auch die Zeit, kleine lehrreiche Geschichten zu erzählen, Geschichten von früher („Ganz schön teuer“) und von heute („Bäckerlehrling“), Geschichten von einsamen Entscheidungen („Hoffentlich hab’ ich nichts wichtiges vergessen“) und Zwischenmenschlichkeiten („Deine Verse mag ich nicht“, das mich schönerweise immer wieder an His Name Is Alive erinnert), um am Ende halt doch nochmal auf Altöttings Katholizismus draufzuhauen, in dem kleinen Lied „Aber eins fand ich cool“ (in dem auf die doch recht eindeutige Zweideutigkeit des Bildes vom „Heiligen Stuhl“ hingewiesen wird).

Die Universitäten, so liest man allenthalben und so hört man es hier durch die Straßen rufen, brennen heutzutage wieder, das kleine protestierende Häufchen Studenten macht lautstarke und kunterbunte Aktionen, und es ist zu hoffen, daß diese erstens endlich mal bei den Herrschaften oben ankommen und daß sie zweitens endlich zu einer Repolitisierung der Studierenden führen. Aber, so liest man auch, diese spalten sich bereits auf in bierernste Linksradikale, spaßprotestierende Mitläufer und neoliberale Pragmatiker, die (so die Linksradikalen) nur ihres eigenen Vorteils wegen mitprotestieren. Deppen, allesamt. Man wünscht sich, daß sie sich einfach mal die Nuts anhören, diese lustige, zweifelnde, hochpolitische, melancholische, durch und durch gesunde Band, ein popgewordener „Fabian“ Erich Kästners, eine endlich einmal glaubwürdige moralische Instanz.

Von den Nuts ist nicht viel geblieben, obwohl die Welt sie braucht. Aber Augen auf: Auf Amazon oder Ebay finden sich immer wieder ihre CDs zu einem unverschämt geringen Preis. Drum zugreifen, mehrfach gleich, an alle Freunde verschenken und diese Band der Welt wieder zurückgeben.

www.fandrey-composing.de
www.trikont.de

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Soundflat Records, 2006

Gleich vorweg: Es ist eine Sache, die Staggers live zu sehen, und eine ganz andere, „nur“ ihre Platte zu hören. Live sind die Österreicher eine unglaubliche Schau, ein Gesamtkunstwerk, ein wilder Haufen wie direkt aus Bobby Picketts „Monster Mash“, als ob Frankenstein und seine Freunde bei Räuber Hotzenplotz mitmachen würden, angeführt von einem arg heiteren Fürsten der Finsternis, mit mehr als nur einem Arsch voll Groove. Auf LP bleibt von dieser feinen, abwechslungs- und bewegungsreichen Optik (Vampire, verrückte Professorgehilfen, Hinterwaldschrate und eben coole Rocker), von den Gesten und Blicken, vom Grinsen und Wippen, freilich nicht mehr viel übrig, da kann man sich nur auf das Cover verlassen. Doch auch in 2D halten die Staggers einiges von dem, was sie versprechen: Zusätzlich zur ziemlich coolen Optik des Covers schenken sie einem noch ein feines Poster dazu und eine Monstermaske zum Ausschneiden, damit man selber zum „Ugly Kid“ mutieren kann. Hier hat man es also tatsächlich mit Liebhabern zu tun, die ihrerseits den hörenden Liebhabern viel zu schenken haben.

Vielleicht ist es einfach ein bisserl schwierig, diesen optischen Irrsinn in Musik umzusetzen und trotzdem der Zitatenhölle des Neo-60’s-Garage-Beat treu zu bleiben, vielleicht kommt hier auch einfach nur der Unterschied zwischen einer furiosen Liveshow und einem dann doch produzierten Studioalbum zum tragen. Jedenfalls ist die Musik der Staggers deutlich konventioneller, wenn auch nicht viel weniger wild, als ihre Show und ihre Optik. Was jetzt – diese Verteidigung sei gleich hinterhergeschoben – dem Album gar nicht so viel ausmacht.

Das Album selbst besteht bis auf „Little Boy Blue“ (Tonto and the Renegades) und „I am the Wolfman“ (Round Robin) aus Eigenkompositionen, die sich aber nirgendwo hinter den Originalen verstecken müssen, die klingen wie aus der Feder eines 60’s-Irren, und die auch die typischen Themen dieser Musik und also die hormonell verwirrter Teens verhandeln: Sex, Girls, heiße Öfen, Surfen, wilde Tiere, Friedhöfe, Serienmord und diverse blutrünstige Gestaltwandler.

Der Sound changiert dabei minimal zwischen dreckigem Teen-Beat, dreckigem Prä-Punk, dreckigem Surf und dreckigem Monsterbeat, zwischen Fuzz und Farfisa, ohne dabei die teilweise unerträglich schlechte Soundqualität z.B. einiger Billy-Childish-Outputs zu erreichen. Die Produktion ist erfreulich klar, ohne dabei ihren Druck zu verlieren, räumt den einzelnen Instrumenten ihren Platz ein und ist trotzdem nix für kopflastige Audiophile, sondern für Leute mit Groove im Arsch.

Sicher, nicht alles erreicht dabei die Größe des „Eagles Surf“ oder des großen Hits der Staggers, „Do the Ripper“, der dreist bei „The Crusher“ (von wasweißichwem, unter anderem von den großen Cramps) klaut, aber wer weiß, wo der wiederum geklaut ist, und außerdem ist das eh wurscht. „Little Girl“ wäre 60’s-Garagen-Massenware mit leicht rockistischem Einschlag, klänge dann nicht doch ein bißchen zu sehr der Irrsinn durch, der die Live-Shows zu so einem Erlebnis macht, was vor allem dem hysterischen Gesang von Wild Evel geschuldet ist, dem Mann mit der bescheuertsten und deswegen coolsten Frisur des Rock, und der schrillen Orgel der gruslig-anziehend unnahbaren Lightning Iris. Den Refrain von „Out of my Mind“ hat man auch schon oft gehört, der Anfang von „Black Hearse Caddilac“ zitiert Chuck Berry, aber, ich kann es nur betonen: Was soll’s? Hinter der eleganten Freak-Coolness der Band hört man eine derartige Spielfreude, eine Lust auf diese schön primitive Musik, daß die drei Ausrufezeichen hinter dem Titel „Come on!!!“ wirklich mal gerechtfertigt sind.

Gerade ein Song wie besagter „Black Hearse Caddilac“ bringt mich sogar jetzt, müde von der Arbeit, vollgefressen und faul wie sonstwas, fast zum Aufspringen und wilden Rumhüpfen, müßte ich nicht das hier schreiben. Und höre ich hier nicht auch ein Quentchen teen angst raus? Ein bißchen zu viel Dringlichkeit und Verzweiflung im Gesang? Geht es hier sogar um mehr als nur um den auf dem Cover angepriesenen „Fun“? Dochdoch, irgendwie sind die Staggers auch Getriebene, und so eine Welt voller Vampire, Werwölfe und heißer Schlitten ist eben nicht nur ein Vergnügungspark (wohnt nicht z.B. dem Surf auch eine ständige Moll-Melancholie inne?). Aber hey, nochmal: Was soll’s? Hauptsache, die „Wild Teens“ kommen auf ihre Kosten, ehe die Platte mit dem fast traditionellen Rock’n'Roll von „I am the Wolfman“ schließt.

Kurz gesagt ist „Teenage Trash Insanity“ ein klassisches 60’s-Garage-Beat-Album, mit allem, was daran Spaß macht, aber auch mit einigem, was daran ein wenig fad wirken kann. Aber weil es den Staggers ja nicht darum geht, das Rad neu zu erfinden, sondern damit einfach nur ihre Hot Rods zu bestücken und einmal durch sämtliche Garagen und Höllenschlünde der Stadt zu brettern und dabei verdammt gut auszusehen, kann man über ein paar Flauheiten hinwegsehen, vor allem, wenn man Lust hat, sich auf den Sozius zu schwingen und mitzubrettern. Und dafür sorgt diese Platte dann doch ziemlich effektiv.

www.staggers.net.tf
www.soundflat-records.de

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Soundflat Records, 2006

Was ist „pervers“? Laut Duden versteht man unter „pervers“ (lat. „perversus“) „verdreht, verkehrt, adj.“, Wikipedia sagt zu „Perversion“: „[...] eine stark bis sehr stark den vorherrschenden Moralvorstellungen, häufig im Bereich des Trieb- und Sexualverhaltens, entgegenwirkende Tat. Heute wird es als Schimpfwort für befremdendes Verhalten benutzt“. Es ist also diese zweite, moderne Bedeutung das Begriffs „pervers“, der mir beim Album „Aus dem Weg“ der Cool Jerks aus Bremen (nicht zu verwechseln mit der US-Band gleichen Namens), ein Seitenprojekt der Trashmonkeys, in den Sinn kommt.

Schaut man sich allein schon das Frontcover an, dann weiß man, warum ich dieses Wort bemühe: Vier Buben zwischen Teenie und Twen, in beschissen hippen Klamotten, mit superfreundlichen Grinsefressen, die total dämlich posen, ein Bild wie aus einer Teen-Zeitschrift vom Bahnhofskiosk, und auf der Rückseite geht’s gleich weiter: Unter total süßen Fotos der vier Buben stehen deren Lieblingsfarben, -musiker, -hobbys etc., grusel. Eine ähnliche Süßheit tropft aus den Angaben zu den Songs, die Titel tragen wie „Auf die Piste“, „Ich sitz auf’m Sofa“ oder „Sorry“: „Text + Musik: Andi, arrangiert von uns allen“. Was für ein Liebhaben, was für ein „Leben wie in einem 50er Jahre Heimatfilm“, wie Mutter gesagt haben. Und bei allen Indizien für Ironie: Irgendwie sehen die Jungs zu echt aus (Echt sind irgendwie auch eine – zumindest optische – Referenz), zu wenig gestylt, um nicht wirklich so süß und harmlos zu sein.

Und die Musik unterstreicht das dann auch: Die anfangs „flotte“ Gitarre vom Opener „Im Kreis“ wird sofort von einer weichgespülten Orgel und ebensolchen „Uhuuu“-Chören abgeschossen, vom lebensbejahenden Text, von dieser naiven Jungenstimme. Aber halt: Wieso singt Andi „es könnt’ nichts Schlimm’res gääben“ statt „geben“? Woher dieser cheesy britische 50er-Jahre-Akzent?

„Autobahn fahrn“ zitiert dann auch Kraftwerk, allerdings so, als ob die Beach Boys am legendären „Autobahn“ mitgeschrieben hätten, wobei keine dieser Bands von den Pinkelpausen gesungen oder wie kleine Kinder Autogeräusche nachgemacht hätte. Das namensgebende „Cool Jerk“ von The Capitols aus dem Jahr 1966 wurde dann auch auf schönste Peter-Kraus’sche Weise eingedeutscht, wie auch die anderen Covers, z.B. The Whos „Run Run Run“ oder „Sorry“ von den Easybeats.

Mein Lieblingslied ist das vierte auf Seite eins, „Auf die Piste“, das mit dem wirklich geilen Reim „Girl, lass uns auf die Piste geh’n, die Laternen scheinen hell, um abends viertel nach zehn“ beginnt und klingt wie schönster Cliff Richard oder Peter Kraus. Bei „Astronaut“, im Original von den Caesars, klingt die Orgel dann dreckiger, der Gesang dringlicher, der Geist des Punk hebt sein ernsthaftes Haupt und wird vom klassischen Casiosound und dem „Aha-aha“ von „Da Da Da“ von Trio mit beiläufigem Humor gleich wieder konterkariert, bevor der „Vierrad-Reggae“ die erste Seite mit einem Stück Klischeereggae beendet, wie man es eigentlich nie wieder hören wollte.

Mit „Boogaloo“, dem Opener der zweiten Seite, im Original von Don Gardener aus dem Jahr ‘67, steigen die Cool Jerks in schön dreckigen Garagenrock ein, eine fiese Gitarre, ein fieser Gesang, eine schweißtriefende Orgel und tüchtig viel Becken führen die Bandfotos schön ad absurdum, ebenso wie der Folgesong „Hör mich wein’“ (Animals). Es folgen noch die Kinks („Ich sitz auf’m Sofa“), die Beatles („Deine Sorgen“), besagte Who und Easybeats, neben zwei weiteren Eigenkompositionen, allesamt in schönstem brit-akzentuiertem Deutsch, und sogar die Lieder, die akzentfrei gesungen werden, klingen irgendwie nach Cliff Richard oder „Komm gib mir deine Hand“.

Und hier, mitten in aller weichgespülter Schlagerseligkeit, in aller Garagenrockigkeit, liegt die liebevolle Ironie der Cool Jerks, im gekonnt naiv wirkenden Zitieren der schrecklichen 50er-Jahre-TV-Welt, in der der hier immer wieder in den Sinn kommende Peter Kraus und seine Schwiegermuttertauglichkeit die Vorherrschaft über den deutschen „Rock’n'Roll“ (die Anführungszeichen stehen mit Bedacht da) innehielt, in der die Harmonie so zuckersüß war, daß man Karies bekam vom bloßen Hingucken. Sicher, „Aus dem Weg“ ist keine gemeine Satire, ist keine zynische Abrechung mit dieser Musik. Sie geht mit dem Beat und dem englischen Schlager der 50er genauso um wie die Leopold Kraus Wellenkapelle mit Surf und Beat, nämlich respektvoll und nur zart ironisch. Nur, daß sich die Cool Jerks der wesentlich uncooleren Musik widmen und dabei offenbar doch ziemlich viel Spaß haben. Wirtschaftswundermusik für Schwiegermütter in der Verpackung einer Teenieband der Gegenwart. Zweimal superuncool ergibt irgendwie dann doch cool, ironisch auf eine Art, auf die man aber zusätzlich unreflektiert guten sauberen Spaß haben kann. Und eine dufte Partyscheibe ist „Aus dem Weg“ auch noch.

Ich tausche das eingangs herangezogene Adjektiv „pervers“ gegen die Begriffe „unverschämt“ und „geil“ und tanze noch ein wenig weiter in dieser besseren Welt.

www.myspace.com/cooljerksbremen
www.soundflat-records.de