Men At Work – „Business As Usual“
29. September 2009
So, es wird Zeit, eine Lanze zu brechen für eine derjenigen Bands, denen ihr großer Hit zum Verhängnis wurde und die, käme sie nicht von down under (und wäre sie nicht, so möchte ich glauben, viel zu cool), heutzutage durch blöde Sendungen wie „Hits von anno dunnemal“ auf RTL oder einer anderen televisuellen Pest tingeln und immer wieder und endlos akustische Vegemite Sandwiches fressen würde.
Die Rede ist von den Australiern Men At Work um den Sänger Colin Hay, die die Querflöte nach Jethro Tull wieder für die Popmusik urbar gemacht und sie dummerweise viel zu catchy auf ihrem viel zu großen Hit „Down Under“ verwendet haben.
Bands wie die wunderbaren Men At Work gibt es wohl wie Sand am Meer: Auf einem Album voller schöner Lieder ist eines, das raussticht, weil es das exaltierteste, das albernste oder einfach das blödeste ist, und alle Welt fährt darauf ab, und plötzlich sind Midnight Oil nur noch „die mit Beds Are Burning“, oder Black nur noch „der mit Wonderful Life“, Fischer-Z die mit „Berlin“ und „Marliese“, und Blur waren doch die mit diesem bescheuerten „Boys And Girls“ (ach, halt, die hatten danach noch das Glück, berühmt zu werden). Und Men At Work sind eben die mit diesem albernen „Down Under“.
Das stimmt wohl, das sind sie, und tatsächlich ist „Down Under“ ihr Trademark-Stück (und, so verrät uns das Internet, die inoffizielle Nationalhymne Australiens), und das nicht nur, weil es eben das bekannteste ist. Hört man etwas genauer hin, dann ist das Lied gar nicht so albern, wie es klingt. Der Text erzählt vom Einsamsein in der weiten Welt und dem Vaterland im Herzen, das das Eis zwischen den Figuren schmelzen läßt. Aber halt: Was wie eine patriotische Liebeserklärung an Australien klingt, ist eine Warnung: „You better run, you better take cover“, und zwar vor den plündernden und kotzenden Männern dort, und dem Donnern, irgendwo las ich dereinst, es handle sich dabei um die Angst vor irgendeinem Krieg oder so ähnlich. Und außerdem ist das Lied viel melancholischer, als der typische Ü30-Diskobesucher wahrhaben will – völlig fertig in der Ferne in einer Ecke zu liegen ist nunmal kein Zuckerschlecken.
Und außerdem, deshalb habe ich die Platte hier überhaupt erst ausgepackt, ist „Down Under“ wahrlich nicht das beste Lied auf „Business As Usual“. Allein schon der Opener „Who Can It Be Now?“, auch ein mittelgroßer Hit, schlägt den Song um Längen. Ein klassisches 80’s-Saxophon bläst eine unvergessliche Hookline, und Colin Hay singt mit heiserer Stimme eine Geschichte Pop gewordener Paranoia, gerade noch im Zaum gehalten von dieser wunderbaren Melancholie, die auch die verhaltenen Gitarren tragen. Und immer wieder wird diese Paranoia, wahrscheinlich typisch für die 80er Jahre, im Verlauf der Platte ihr Haupt heben, ob in „Helpless Automaton“ oder, mit der Liebe ringend, in „Catch A Star“.
Weniger paranoid, aber nicht minder melancholisch ist dann „I Can See It In Your Eyes“, ein Liebeslied von einem Erzähler, der zurückgelassen wurde, und dessen Traurigkeit über das Scheitern der Liebe sich nun vermischt mit den alten Erinnerungen an die weit zurückliegende, für immer vergangene Schulzeit. Fast schon naiv ist das kleine Gitarrenintro, lieblich die Melodie, ein ganz kleines Lied über die ganz großen Gefühle.
Überhaupt ist das die große Stärke der Men At Work: Es gelingt ihnen immer wieder, eben jene großen Gefühle wie Einsamkeit, Angst oder Liebe in kleine, bescheidene Lieder zu stecken und damit viele Klischees zu umschiffen. Und sogar ein Zitat wie „Be Good Johnny“, das sich fast ein bißchen zu sehr im Pop suhlt, bleibt sympathisch, auch in seiner Haltung zu besagtem Johnny im Lied.
Dabei streifen sie auch durch die urbane Nacht, mit einem hektischeren Beat wie in „Underground“ oder in „Helpless Automaton“, mit einem bißchen sozialkritischer Haltung in „Touching The Untouchables“ oder schlagen sich einfach mit den üblichen zwischenmenschlichen Kommunikationsschwierigkeiten herum, wie im romantischen (oder vielleicht doch etwas seichten) „People Just Love To Play With Words“. Ein bisserl düsterer New Wave-Reggae plötzlich in „Catch A Star“, bevor das Vinyl elegisch mit „Down By The Sea“ endet (die CD hat offenbar noch Bonustracks).
Gut, „Business As Usual“ klingt heutzutage ziemlich dated, ist eine typische 80’s-Platte, und man wird immer wieder über „Down Under“ stolpern. Und freilich erreicht nicht jedes Lied diese traurige Paranoia von „Who Can It Be Now?“ oder dieses wunderbar Naive von „I Can See It In Your Eyes“, aber dennoch bleibt diese Platte eine besondere. Das mag an ihren feinen Melodien liegen, an Colin Hays unverkennbarer Stimme, vielleicht auch an diesem (Achtung, Klischee!) ungreifbar Australischen, dieser Weite in der Musik, oder aber dem Humor der Band – die Men At Work auf „Down Under“ zu reduzieren ist jedenfalls ähnlich dumm, wie die Beatles nur noch als „die mit Yellow Submarine“ zu bezeichnen, und vielleicht hören diejenigen, die bei den Ü30-Parties bei der notorischen Querflöte von Greg Ham nur noch die Augen verdrehen, einfach mal genauer hin oder besser noch bei Gelegenheit in das gesamte Album rein.
www.myspace.com/menatwork
www.colinhay.com
www.columbiarecords.com
Faith No More – „Angel Dust“
23. November 2008
Beim Abspülen heute vormittag wurde ich von einem multiplen Ohrwurm überrumpelt, ausgelöst vielleicht durch den Blick auf den trüben Hinterhof im trüben Wetter, der mich an die Zeit damals erinnerte, und bestehend aus einigen Songs von Faith No Mores bestem Album „Angel Dust“ von 1992, die schlußendlich alle in den Hit der Platte, „Midlife Crisis“, mündeten. Ich hielt inne, tropfende, schaumbedeckte Kuchenteller von gestern in den Händen, und mir wurde düster zumute, ängstlich, plötzlich fühlte ich mich irgendwie verlassen. „Angel Dust“ soll es also für heute sein, danke, der Tag ist also gelaufen.
Faith No More galten damals, Ende der 80er, Anfang der 90er, als Protagonisten, wenn nicht gar als Gründer des Genres „Crossover“, das damals Metal, Hardcore und Punk mit HipHop und Funk verband, teilweise auf spannende Art, teilweise auch in sehr unheiligen Allianzen, die heute so dated klingen wie Eurodisco oder Merseybeat. Und auch Faith No Mores erstes kleines Hitalbum „The Real Thing“ (1989) mit „Epic“ und „Falling to pieces“ konnte sich damals prima einreihen in diese fröhliche Musik, Jungs mit langen Haaren und kurzen Hosen, mit bunten Hemden statt Skatershirts, mit bunten Brillen und doofem Rumgehüpfe, die knallige Metalgitarren mit Slapbaß und exaltiertem Gesang zu tanzbarem Bubblegum verarbeiteten und dabei immerhin diese unterschiedlichen Szenen ein wenig vereinigten.
Und dann kam „Angel Dust“.
Allein schon das Cover könnte widersprüchlicher kaum sein: Vorne ein poetisch aussehender Silberreiher vor einem spacig-blauen Hintergrund von Werner Krutein, und hinten Tierkadaver an Fleischerhaken in einer Schlachterei, inklusive des gleichmütig dreinschauenden Kopfes eines toten Rindes. Und die Musik entspricht diesem Widerspruch sehr gut. „Angel Dust“ ist ein unglaublich düsteres Album, unglaublich hart und gemein und schön, von brutalem, aggressivem Lärm einer-, tiefmelancholischer Poesie und Epik andererseit geprägt.
Zwar besitzt der Opener „Land of Sunshine“ noch den für das Genre typischen Slapbaß, der hier aber nicht mehr so doof und unerträglich klingt wie normalerweise, sondern vielmehr eine gruslige Travestie dieses Tanzbodenelements ist. Und auch der typische Gitarrensound, auf sehr zeitgemäß, ist hier härter, als ob sich eine tiefere Düsternis nur das Gewand dieser Gitarre angezogen hätte.
Sicher, die Platte hat zahlreiche Hits, siehe nur „Midlife Crisis“ oder „Be Aggressive“ mit ihren überaus tanzbaren, funky Beats und Mitsingrefrains, oder die schönen Popsongs „Everything’s Ruined“ und „A Small Victory“, die schöne, sanfte Melancholie von „Kindergarten“ (mit seinem an Talk Talk erinnernden Keyboard), oder das ungemein witzige Lied „RV“, das eine White-Trash-Couch-Potato bei ihrer Kontemplation zeigt, Selbstmord inklusive, und gradewegs aus „Eine schrecklich nette Familie“ stammen könnte. Aber die grundsätzliche Leichtigkeit des Vorgängeralbums fehlt hier. Die Lieder wiegen schwer, wirken belastet, blicken immer in den Abrund, der sich dann bei „Smaller And Smaller“, „Malpractice“ oder „Crack Hitler“ dann auch vehement auftut: Lärm, brutale Beats, Pattons aggressives, dringliches Brüllen, eine Zerissenheit, manifest in kleinen, schönen Momenten inmitten der Kakophonien.
Ohnehin: Mike Patton, dieser Irre, der bei „The Real Thing“ Chuck Mosley am Gesang ersetzte, und dessen Handschrift bei „Angel Dust“ schon deutlich zutage tritt (was dann auch Gitarristen Jim Martin aus der Band trieb), der Faith No More aus dem Crossoversumpf rettete und in ganz andere Dimensionen führte. So ist „Angel Dust“ eine wilde Mischung aus Soundtrackelementen, Lärmscapes, Funkbeats, wunderschönen Melodien, ultrabrutalen Gitarren, HipHopmanierismen, melancholischen Keyboards, grusliger, apokalyptischer Samples, pervertierten Stadionrockelementen und einer Menge gemeiner, düsterer, aggressiver Texte, getragen von Pattons vielseitiger, druckvoller, sehr dringlicher und guter Stimme.
Den Abschluß der Platte, ein Appendix, eine Abspannmusik nach einem Splatterfilm, bildet dann plötzlich „Midnight Cowboy“ vom Filmkomponisten John Barry, ein versöhnliches lullaby nach einer Höllenfahrt, an deren Ende ein eher wenig attraktives Versprechen auf eine klassisch-alttestamentarisch strafende Erlösung in Form von apokalyptischer Kirchenorgel und -chor steht (eine spätere Auflage enthielt noch Lionel Richies „Easy“, wahrscheinlich der größte Hit der Band, der dem Fan der ersten Stunde (zumindest dieses Albums) ärgerlicherweise erstmal vorenthalten blieb), und man schüttelt verwundert den Kopf und fragt sich: Habe ich das alles eben wirklich gehört, oder war das ein Alptraum?
Der Teenie, der ich damals war, geplagt von Teenagerängsten und -zweifeln, von allgemeiner, unüberschaubarer Teenagerdüsternis, konnte nur beeindruckt und überfordert sein von diesem Album, das einen genauso anzieht wie beängstigt, das eine Düsternis öffnet, die viel beunruhigender ist, als es z.B. Carcass damals waren, weil Faith No More irgendwie trotzdem so menschlich waren, ihr Wahnsinn so normal, nicht zuletzt durch die versöhnlichen, lockenden, süßen Popelemente. Wie der Onkel im langen schwarzen Mantel, vor dem das Kind eigentlich weglaufen sollte, dessen Schokolade aber so lecker ausschaut.
Faith No More haben sich mit diesem Album aus der Crossoverszene befreit und trotz des Slapbasses und des Gitarrensounds mit „Angel Dust“ ein zeitloses Album geschaffen, das einen mitnimmt, fertig macht und verängstigt liegenläßt, damit man es gleich nochmal hören kann. Was vielleicht für so einen trüben Sonntag nicht gesund ist. Aber geil.
Talk Talk – „London 1986″
1. November 2008
Pond Life/EFA, 1998
Und nochmal Herbstmusik, diesmal weniger von der kuschligen als vielmehr von der dramatischen Sorte: 1998, sieben Jahre nach Auflösung der Band und zwölf Jahre nach dem eigentlichen Konzert, erschien das erste und einzig offizielle Livealbum der großen Talk Talk, auf dem Mark Hollis-eigenen Label Pond Life, und damit ein unglaubliches Zeugnis dieser unglaublichen Band.
Talk Talk waren ja nun nie als Liveband bekannt, und gerade das Spätwerk wurde ob seiner Komplexität und Zerbrechlichkeit überhaupt nicht mehr live aufgeführt (dazu wurde in der entsprechenden Presse ja schon alles gesagt), und „London 1986″ ist offenbar bereits das letzte Konzert der Band, die immerhin erst 1991 mit „Laughing Stock“ ihr letztes offizielles Album veröffentlicht hat. Weiterhin haben Talk Talk, vielleicht mit Ausnahme des allzu konventionellen Synthie-Pop-Debuts „The Party’s Over“ (1982), eine Reihe von unglaublich guten Studioalben geschaffen, so daß sich an dieser Stelle zurecht die Frage stellt: Wieso wird hier dann ausgerechnet das Livealbum besprochen?
Livealben sind ja so eine Sache, und meine Sache sind sie eigentlich nicht unbedingt. Der Sound stimmt oft nicht, die Zwischenrufer stören eigentlich immer, der Applaus fängt meistens zu früh an und hört zu spät auf, so daß man die Lieder nicht rein und schön genießen kann, diese persönliche Beziehung, die man als Hörer zu den Liedern aufbaut, wird durch das Publikum untergraben, und außerdem sind die Veränderungen in den Arrangements ja meistens irgendwie unvertraut, und das mag man als bornierter, eingefahrener Fan nicht. Ausnahmen gibt es allerdings, z. B. Bonnie „Prince“ Billy, dessen „Summer in the Southeast“ (2005) oder das ganz neue Doppelalbum „Is This The Sea?“ (2008) noch eine unmittelbare Energie haben, die seinen Studioalben verlorengegangen ist. Oder eben „London 1986″.
Freilich: Die Zwischenrufer sind auf dieser Platte noch lästiger als eh schon, gleich zu Anfang mußte ich mich ärgern, als in der dramatischen, ungemein spannungsgeladenen Pause des Eröffnungsstückes „Tomorrow Started“, in der Hollis anfängt zu singen, ein Depp „Juchei“ oder so brüllen muß und die Dramatik damit ziemlich ruiniert. Dann aber kann ich ihn verstehen: Irgendwie muß der Mensch eine solche Erwartung, eine solche Spannung ja entladen, die durch diese extrem intensive Musik entsteht, und nicht zuletzt auch durch das Enigma der Band selbst. Sei’s drum: Der Sound hingegen ist glasklar, druckvoll, läßt den Details jeden Raum, den sie brauchen, ist einfach prima (man fragt sich in der Tat, wie lange der Soundcheck wohl gedauert haben mag) und wird so den Studioalben durchaus gerecht, die Songauswahl ist „eine Art Best-of-Live-Album, mit allen Knallern drauf“, so das Intro damals, und die Frage bleibt: Wieso begeistert mich ausgerechnet das Livealbum dieser Studioband so sehr?
Ein prosaischer Grund dafür mag sein, daß ich die Studioversionen dieser Lieder damals einfach so dermaßen oft gehört habe, daß ich froh war, damals dieselben tollen Lieder in anderen, noch nicht durchgenudelten Versionen hören zu können. Tatsächlich aber hat mich dieses Album zu einem Zeitpunkt erwischt, der besser nicht hätte sein können: Ich hatte Talk Talk eben erst entdeckt und einige Zeit lang rauf und runter gehört, eine Musik, die mir damals wie nichts sonst entsprochen hat in all ihrem Schmerz, dem leidenden Gesang von Mark Hollis, den irrsinnigen Arrangements und Melodien, den metaphysischen Texten, die in ihrem Fragen so schienen, als könnten sie irgendetwas erklären. Und dann plötzlich das Livealbum, und damit das Versprechen, dieser Musik und ihrem Protagonisten Hollis noch ein Stück näher kommen zu können, denn bei aller Emotionalität sorgte die Perfektion der Studioalben und Hollis’ oft vernuschelter Gesang immer für eine gewisse Distanz, oder vielleicht für eine Körperlosigkeit, eine metaphysische Abstraktion, und die Hoffnung bei „London 1986″ war, hinter dem Kunstwerk Talk Talk ein wenig von diesem faszinierenden, geheimnisvollen Menschen Mark Hollis selbst mitzubekommen.
Diese Liveaufnahmen gelten für einige Journalisten als Schnittstelle zwischen den frühen, synthiepopaffinen Talk Talk und dem von Jazz, moderner Klassik und Minimal Music beeinflußten Spätwerk, das bereits mit 1986 „The Colour of Spring“ seinen Anfang nahm und seine Vollendung in „Laughing Stock“ (1991) fand, als Ausblick auf das Kommende, und die Songauswahl beschränkt sich auf die Hits des zweiten Albums „It’s My Life“ (1984) und besagtem „The Colour of Spring“. Doch was auf den Studioalben noch schöne, clevere Synthiepopsongs sind („It’s My Life“, „Does Caroline Know?“, „Tomorrow Started“), oder aber schon deutlich niveauvoller („Life’s What You Make It“, „Such A Shame“), wird hier zu einem intensiven Erlebnis, zu klanggewordener Verzweiflung und Wut, in die nur „Does Caoline Know?“ ein bißchen Licht bringt.
Ansonsten arbeitet sich die Band furios und handwerklich perfekt durch die lähmende Trauer von „Tomorrow Started“, die düstere Wut von „Life Is What You Make It“, die teen angst von „It’s My Life“ (später von den doofen No Doubt nahezu eins zu eins gecovert – also eigentlich unnötig -, nur ohne den tollen Gesang von Hollis; immerhin haben sie so Talk Talk einer breiteren Öffentlichkeit ins Gedächtnis zurückgerufen, so gesehen: Danke, No Doubt), die kopfschüttelnde bittere Erkenntnis von „Such A Shame“ und, als großartiges Finale, durch die tiefe Trauer von „Renée“, und wirkt dabei lebendig und energisch wie nie zuvor. Höhepunkt ist das unglaubliche „Living In Another World“, hier noch intensiver, wütender, kräftiger als auf der Studioaufnahme, und Mark Felthams Mundharmonika bricht hier zu einem wahren Fegefeuer aus. Wow. Selbst das von mir immer als irgendwie unnötig empfundene „Give It Up“ mit seinem doch leicht pubertären Text gewinnt hier an Tiefe und Schönheit, und das veränderte Arrangement ihres Hits „Such A Shame“, der hier nicht wie normal langsam und bedrohlich anfängt, sondern gleich voll aufs Gas tritt und den Hörer förmlich wegbläst, tut diesem Song extrem gut.
„London 1986″ mag tatsächlich nur ein Live-Best-Of der frühen Talk Talk sein, aber diese Platte leistet dem Hörer den wunderbaren Dienst, all diese leidenschaftlichen Lieder, die man bis zu ihrem Erscheinen 1998 schon so oft gehört hatte und deren Intensität sich vielleicht langsam abgenutzt hat, in diesen neuen Versionen nochmal neu und noch intensiver zu erleben, wofür ich persönlich sehr dankbar bin.
Und außerdem kann man den großen, enigmatischen Schweiger Mark Hollis auf diesem Album zwei, drei Mal „Thank you“ und „Good night“ sagen hören. Näher war er einem bis dato noch nie gekommen.
Joanna Newsom – „The Milk-Eyed Mender“
25. Oktober 2008
Es ist kalt geworden und ungemütlich, herbstlich sowieso, und in der Frühe gar schon leicht winterlich, mittlerweile steigen aus so gut wie allen Kaminen mehr oder minder dünne Rauchsäulen auf und die Luft riecht irgendwie nach Schnee, und als mich die Arbeit heute an diesem Samstagmorgen schon um halb acht aus dem Bett trieb, war das graue, triste Zwielicht draußen noch erfüllt von Nebel, die Wohnung kalt und der Kaffee noch nicht fertig.
Wäre der Kaffee nicht bitter nötig: Man würde sich in so einer Situation einen Tee brauen, sich vor den Kamin setzen, hätte man einen, und ein schönes, dickes, fabulierendes Buch lesen, könnte man sich noch auf Bücher konzentrieren. So aber, mit der wartenden Arbeit, der kurzen Aufmerksamkeitsspanne und dem fehlenden Kamin, muß ein anderes Wohlbefinden her, ein heißes Bad für die Seele sozusagen, ein Matetee für die Ohren.
„The Milk-Eyed Mender“ von Joanna Newsom, veröffentlicht auf dem arg feinen, immer leicht schrägen, manchmal auch sehr seltsamen, nie aber uninteressanten Chicagoer Label Drag City, ist so eine akustische Heizdecke für kalte Wintertage. Auf sie aufmerksam wurde ich, wie so oft, durch Will Oldham, der die Schöne dereinst offenbar entdeckt und mit auf US-Tour genommen hat, was dann hierzulande durch die Presse ging. Und ehrlich gesagt, was ich da so las, klang nicht interessant: ein junges Mädel im Einklang mit der Natur, spinnerte New-Folk-Liedchen, Texte wie aus dem Märchenbuch, bunte, bodenlange Kleider mit lustigen Blumenmustern, Vergleiche mit Devendra Banhart oder gar CocoRosie. Aber eines reizte mich dann doch, da wenigstens mal reinzuhören: Newsoms Instrument, nahezu das einzige auf der Platte, ist die Harfe, und das war neu. Naja, und halt Will Oldham, der mir damals alles hätte verkaufen können.
Also ging ich in den hiesigen Plattenladen, der freilich nur die CD vorrätig hatte, und hörte in ebendiese rein, und war sprichwörtlich verloren. Was ich da hörte, war mir vollkommen neu, aber es kam mir – man verzeihe mir den esoterischen Quatsch, den ich hier jetzt schreiben werde – vor, als würde ich diese Musik schon seit jeher kennen. Als rühre sie an frühesten Kindheitserinnerungen – oder eher -träumen -, als wäre „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ mit der wunderschönen Libuše Šafránková zu Musik geworden, als würde eine kleine Fee zu mir kommen und mich endlich dorthin entführen, wo ich hingehöre. Undsoweiter. Tatsache ist, daß ich mich nahezu ohne Umstände ins Auto setzte (das ich mir erst borgen mußte), um in die nächstgrößere Stadt zu fahren, wo ich „The Milk-Eyed Mender“ auch auf Vinyl kriegen würde, eine von diesen Platten also.
Tatsächlich wird das Album nahezu komplett von Newsoms Harfe getragen, und freilich von ihrer Kleinmädchenstimme, die sich durch die Lieder quäkt, maunzt, klagt, kichert, nur an manchen Stellen wirklich singt (und einmal sogar, im letzten Lied „Clam, Crab, Cockle, Cowrie“, ein wenig bluest), und die einem wohl, würde man ihr nicht aus Gründen, die erstaunlicherweise nichts mit Pädophilie zu tun haben, sondern eher mit oben beschriebener Unschuld und dem Anrühren am Kindlichen im Selbst (dazu bitte selber die entsprechende Literatur suchen), sofort verfallen, ziemlich schnell ziemlich arg auf die Nerven gehen würde. Dieses Mädchen mit ihrer Harfe ist dem Hörer aber, gerade durch den weitgehenden Verzicht auf andere Instrumente, immer sehr nahe, sehr vertraut und unmittelbar sehr lieb geworden, wie man so allein mit ihr in ihrem Jungmädchenzimmer mit Blick auf die Felder sitzt und ihr zuhört, gerade noch unschuldig, gerade noch nicht an Sex oder so denkend, gerade noch an Magie und Zauberei glaubend.
Die Harfe selbst klingt hier für europäische Ohren sehr seltsam. Newsom berichtet in Interviews, vor allem vom afrikanischen Harfenspiel beeinflußt zu sein, und das schlägt sich deutlich in ihrer Rhythmik nieder. Das Saiteninstrument, hierzulande eher durch kitschige Glissandos in Vorweihnachtsfilmen bekannt (was man durchaus auch hier findet, auf „Cassiopeia“ z. B.), wird sehr perkussiv gespielt, repetitiv, teils sehr reduziert (man höre dazu z. B. „The Book of Right-On“, das die Harfe teils zu einem reinen Baßinstrument macht). Newsom spielt erstaunliche Harmonien, wunderschöne „Riffs“ (um im Rocksprech zu bleiben), und wenn die Lieder nicht gerade kindlich ausgelassen sind („Inflammatory Writ“, „Peach, Plum, Pear“), oder einfach fröhlich und schön („Bridges an Balloons“ oder das von einer Steelguitar unterstützte „This Side of the Blue“), wirken sie seltsam verträumt, nur halbwach, irgendwie irreal („Sprout and Bean“, „The Book of Right-On“, „En Gallop“), was nicht zuletzt an besagten eigenartigen Harfenharmonien liegt, die wie aus dem Halbschlaf herüberwehen und den Hörer nicht mehr loslassen aus ihrem so sanften Griff.
„This Side of the Blue“ oder das Traditional „Three Little Babes“, gespielt auf einem E-Piano von Wurlitzer bzw. einem normalen Klavier, und letzteres gesanglich begleitet von Produzent und Steelgitarrist Noah Georgeson, so die Linernotes, wirken dagegen fast erdig, und „Peach, Plum, Pear“ mit seinem Cembalo irgendwie barock. Am auffälligsten und vielleicht auch am irritierendsten sind die Stellen, an denen Newsom ihre Stimme erhebt oder doppelt, wie in „Sprout and the Bean“ oder „Peach, Plum, Pear“, wo das Kleinmädchenhafte plötzlich irgendwo zwischen „süß“ und „ziemlich gespenstisch“ oszilliert und so einen spannenden Bruch verursacht.
Insgesamt zeichnet sich „The Milk-Eyed Mender“ aber vor allem durch unglaublich schöne Lieder aus, die in ihrer Naivität eine große kompositorische Cleverness beweisen, durch wunderbare Melodien, die durch die reduzierte Instrumentierung wunderbar nach vorne treten können, und bei denen es völlig egal ist, ob sie nun mit ungewöhnlichem Instrument und ungewöhnlicher Stimme von einem ungewöhnlichen Mädchen (es fällt schwer, die mittlerweile Mitte, Ende Zwanzig seiende Newsom anhand dieses Albums wirklich als Frau zu begreifen) vorgetragen werden, oder vom üblichen dicken Mann mit Gitarre. Solche Lieder hat man noch nicht gehört, und leider hat Newsom solche Lieder bisher auch nicht mehr hinbekommen.
Newsoms Texte sind – immerhin gute – Mädchenlyrik, man muß sie nicht mögen oder verstehen, aber sie sind von einer eigenartigen Melancholie durchzogen, von einem schrägen Humor, und sie beinhalten immer wieder wundervolle Zeilen, die sogar einem alten Sack wie mir nahegehen, und immer ahnt man hinter all dieser Naivität die tiefe Weisheit der Schildkröten oder ähnlicher Märchengestalten.
Sehr schade und ein wirkliches Manko ist nur, daß es offenbar einen Pressfehler im Vinyl gegeben hat, denn gerade „This Side of the Blue“, letztes Lied der ersten Seite, ist an den lauten Stellen völlig übersteuert und verzerrt, was dem Zauber freilich fast den Todesstoß versetzt, wäre es nicht Joanna Newsom, seufz. Auf der CD klingt das Lied dann normal und schön, und außerdem ist das Booklet, anders als bei der LP, kein lieblos aufgemachtes, beigelegtes Schwarzweißblatt, sondern eben ein kleines Büchlein, in dem man zumindest blättern kann. Diese optische Benachteiligung machte Newsom dann bei ihrem zweiten Album allerdings wieder wett, indem die LP wie ein großes, mehrseitiges Märchenbuch daherkommt (das hätte ihr mal früher, nämlich zu ihrem weit bessern Debut einfallen sollen, schade).
Später kam Joanna Newsom dann privat mit Bill Callahan zusammen, geschäftlich mit Van Dyke Parks, der die Streicherarrangements ihres zweiten, überambitionierten, bei weitem nicht so guten Albums „Ys“ geschrieben hat (wie diese Streicher Mickey-Mousing betreiben, ist teilweise fast schon albern und viel zu kitschig, und außerdem kleistern sie das, was von Newsoms wunderbaren Melodien geblieben ist, auch noch völlig zu. Ich würde gerne eine streicherlose Version von „Ys“ hören), und mit dem an sich genialen Kauz Jim O’Rourke, der dieses produzierte und bedauerlicherweise aus dem Jungmädchenzimmer herausholte, ihre Lieder wurden lang und länger und enttäuschten dann doch durch eine eher konventionelle „Weirdness“ (siehe den Begriff des „New Weird America“ oder so ähnlich), aber dieses Debut ist eine der schönsten, wärmendsten, bezauberndsten Platten aller Zeiten, mit ein paar der besten, schönsten, wunderlichsten Lieder aller Zeiten, von einer der (zumindest auf diesem Album noch) bezaubernsten Musikerinnen aller Zeiten, wie geschaffen für den winterlichen Rückzug ins Private, ins Vergangene, ins Heimelig-Kuschlige.
Der Morgen ist jetzt weit vorangeschritten, draußen ist es immer noch grau, und ich habe immer noch keine Lust zu arbeiten (weniger als vorher gar), aber immerhin habe ich jetzt gute Laune, warme Füße und ein noch wärmeres Herz (und eine kitschige Wortwahl, die mir aber gar nichts ausmacht), Joanna Newsom sei Dank.
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