scottO

4AD, 2014

Eine lange Zeit ohne Eintrag hier in diesem kleinen Blog. Das neue Leben mit frischem Kind, altem Job, ausgefüllten Tagen allgemein, es bleibt mir leider kaum mehr Zeit, Musik zu hören, geschweige denn, hier drüber zu schreiben, obschon es jede Menge Platten gibt, die hoffentlich noch ihren Weg hierher finden (genannt seien z.B. die neuen Scheiben der Dos Hermanos, von Lustmord, Current 93, London Grammar oder Bonnie „Prince“ Billy).

Jetzt aber muß ich doch ein paar schnelle Worte verlieren über, naja, die wahrscheinlich absurdeste Platte, die ich seit langem gehört habe. Ob das Lob oder Tadel ist, weiß ich selbst noch nicht so genau, aber was Scott Walker hier mit Sunn O))) als Begleitband aufgenommen hat, ist dann doch erstaunlich.

Details über „Soused“ finden sich überall im Internet und sogar in den Feuilletons, ich muß hier über die nicht so sehr erstaunliche Kooperation genauso wenig Worte verlieren wie über Walkers Entwicklung vom 60er-Jahre-Schnulzensänger zum experimentellen Klangkünstler oder Sunn O)))s Ausnahmestellung im Metal. Aber als ich „Soused“ gestern Abend zum ersten Mal aufgelegt habe (ich habe mir die wunderschöne Doppel-LP im aufwendigen Klappcover gegönnt), war ich erstaunt, überrumpelt, beeindruckt, verängstigt und höchst amüsiert zugleich. Sunn O))) höre ich ja nun schon seit einiger Zeit gern, und auf Scott Walker war ich, nach allem, was ich über seine letzten Alben „The Drift“ (2006) oder „Bish Bosch“ (2012), an die ich mich bislang nicht so recht rantraue, gelesen habe, recht neugierig.

Gekauft habe ich mir „Soused“ nun allerdings als Sunn O)))-Platte, und hier kommt gleich die erste Enttäuschung: „Soused“ ist offenbar durch und durch ein Album von Scott Walker, er hat alle Songs geschrieben (einen Moment lang war ich eben versucht, „Songs“ in Anführungszeichen zu schreiben) und offenbar auch kräftig den Daumen auf allem gehalten. Was ich an Sunn O))) so liebe, diese massiven, überwältigenden, alles überrollenden Klangwände, ist auf ein Hintergrunddröhnen reduziert, im Vordergrund steht Walkers Stimme, und hier komme ich zum lustigen Teil der Platte. Denn Walkers Tenor ist sowas von manieriert, expressiv, gekünstelt, daß ich an mehreren Stellen wirklich laut lachen mußte. Allerdings ist dieses Gekünstelte auch so oft jenseits der Grenzen des Irrsinns, daß es wiederum eigentlich hervorragend zu den düsteren Klanggemälden paßt, die Sunn O))) und ihre Mitstreiter hier für Scott Walkers Kompositionen malen, und die von Peitschenhieben über Lynyrd-Skynyrd-Gitarren, den typischen Drones bis hin zu beunruhigenden Störgeräuschen von Gitarre, Trompete und Synthesizern und Zitaten von William Byrd reichen.

Ein weiterer irritierender Aspekt ist die Tatsache, daß die Songs bei allem Einfallsreichtum, bei all den zahllosen Geräuschen seltsam skelettiert wirken, unfertig und zugleich fast schon diktatorisch im Zaum gehalten. Es wirkt, als ob die einzelnen Ebenen eher nach- als miteinander gespielt würden, als ob Walkers Texte und seine seltsame Stimme allen Raum einfordern würden, und jedem Teil eines Songs immer nur eine bestimmte Klangfarbe zustehen würde. Diese Farben sind freilich allesamt so schwarz wie das Artwork der Platte, aber anders als dem Artwork wohnt Walkers Gesang und seinen Kompositionen eine Art vitaler Wahnsinn inne, den ich immer noch nicht so ganz kapiert habe.

Deswegen kann ich auch noch gar nicht viel über die Songs selbst sagen, außer daß ich diesen Begriff immer noch gern in Anführungszeichen setzen würde, scheinen sie doch eher Sammlungen von Walkers Melodiefragmenten als echte Songs zu sein, was aber, siehe vor allem „Herod 2014“, so auch nicht zutrifft. Die Kompositionen haben durchaus fast schon klassische Songstrukturen (gerade, wenn man von Bands wie Sunn O))) ausgeht), diese Strukturen sind aber so dermaßen auseinandergezerrt, ausgebremst, verbogen und pervertiert, daß es nur so eine Freude ist. Wobei mich doch immer wieder der Verdacht beschleicht, die Kompositionen sind simpler gestrickt als die Details der Melodieführungen und der Störgeräusche.

Ist „Soused“ denn nun eine gute Platte? Ich habe keine Ahnung. Fehlt mir ein stärkerer Einfluß von Sunn O)))? Auf jeden Fall. Kann ich Scott Walker ernstnehmen? Nicht so richtig. Bin ich beeindruckt von „Soused“? Auf jeden Fall. Und mag ich das Album nun? Definitiv ja, und sei es nur deswegen, weil ich immer noch grinsen muß und höchst amüsiert bin, trotz fiesem Schnupfen und schlechtem TV-Programm, und mich drauf freue, morgen nochmal „Bull“ oder „Herod 2014“ anzuhören.

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Blanco Y Negro Records, 1994

„Amplified Heart“, das bereits achte Studioalbum von Everything But The Girl, das dem Folkpop-Duo und Ehepaar Tracey Thorn und Ben Watt durch den notorischen Todd-Terry-Remix von „Missing“ den Durchbruch und die Umorientierung zur Clubmusik brachte (die in Tracey Thorns Kooperation mit Massive Attack gipfelte), hat im Grunde alles, was ich an Musik hasse: eine aalglatte Produktion, leicht jazzige Folkgitarren, kitschige Streicher, schmachtender, aber immer gefasster, klarer, sauberer Gesang, ein Minimoog, der völlig harmlose Melodien spielt, und am Schluß sogar ein Saxophon. Keine Ecken, keine Kanten, nur adult oriented Wohlklang von blassen weißen jungen Erwachsenen. Jetzt ist es aber so, daß ich dieses Album heiß und innig liebe und für eine der schönsten Platten halte, die je gemacht worden sind, und weil Ben Watt nach langen Jahren wieder eine Soloplatte veröffentlicht hat, ziehe ich heute „Amplified Heart“ aus dem Regal und schreibe hier darüber.

Erwischt hat mich das Album zu einer Zeit, in der ich wiedereinmal einen dieser Jungsemesterherzensbrüche durchmachen musste und mich so richtig klassisch scheiße fühlte und nur die allertraurigsten Lieder der großartigen Talk Talk und des Soloalbums von Mark Hollis gehört habe, Sie wissen schon, eine Zeit, in der man nur bei geschlossenen Vorhängen im Bett liegt und leidet wie ein Hund, denkt, nichts würde je wieder gut werden, und sich nur nachts raustraut, um durch die Straßen zu laufen und den fröhlichen Menschen dort neidisch und schmerzerfüllt nachzublicken.

Und plötzlich brachte mir ein guter Freund „Amplified Heart“ vorbei. Zuerst ist dieses Album ja genau das, was man in so einer Phase hören möchte, um sich im Selbstmitleid suhlen zu können. Tracey Thorn singt in „Rollercoaster“, wie sie immer noch nicht drüber weg ist, in „Two Star“, daß sie samstagnachmittags Kinderfernsehen ohne Ton guckt, um den Liebeskummer zu vergessen, in „Troubled Mind“, daß jeder im Grunde allein ist, und in „I Don’t Understand Anything“, daß sie ohne ihn eigentlich gar nichts mehr versteht. Herzschmerzlyrik für junge Erwachsene halt. Aber dann war da doch etwas anders als bei der üblichen Herzschmerzmusik, die ich zu dieser Zeit gehört habe.

Denn trotz der glatten, aufs Radio schielenden Produktion ist „Amplified Heart“ eine fast schon kindlich naive, irgendwie hausgemachte und vor allem optimistische Platte, die von der Unvergänglichkeit der Liebe in einer alltäglichen Sprache anhand von alltäglichen Begebenheiten erzählt und musikalisch ergreifend im besten Sinne ist. Alles auf dem Album bewegt sich im Rahmen besagten jazzig angehauchten, radiotauglichen Folkpops, atmet dabei aber eine sehr intime Atmosphäre, als wäre das Album direkt nebenan im Schlafzimmer eingespielt worden. Tracey Thorn singt wirklich wunderschön, und auch Ben Watts androgyner Gesang auf „Walking To You“ oder „25th December“ ist zart wie Vanillepudding. Der gesamte Wohlklang der Platte ist wirklich aufrichtig und ernst gemeint, ist kein Schielen auf einen größeren Hörerkreis (den die beiden damals wohl gar nicht erwartet haben), sondern kommt aus einem, hm, Beschützerinstinkt von Thorn und Watts, als wollten sie ihre Hörer, herzensgebrochene junge Menschen wie mich, für eine Albumlänge einfach in den Arm nehmen.

Das ist das eigentlich Schöne an „Amplified Heart“: Dieses Album umarmt den Hörer völlig, ist dabei ganz naiv und zärtlich, ganz bei sich, ohne große Ambitionen außer der, die Lieder zu spielen. Und a propos die Lieder: Was für Songs haben Thorn und Watt hier geschrieben! Naiv: ja; glatt: ja; simpel: ja. Aber ungemein schön und in ihrer Einfachheit zwingend und immer hoffnungsvoll. Sei das „Rollercoaster“, das einfach um die Zeit zur Heilung bittet, sei das „Troubled Mind“, das trotz aller Schwierigkeiten zum Partner hält, sei das „Get Me“, das von der Unmöglichkeit des gegenseitigen Verstehens handelt. Alle Lieder durchzieht eine leichte, schöne Melancholie, und nur „We Walk The Same Line“ ist eine plötzliche Ausnahme, ein klares, gerades Liebeslied, ein Versprechen im uptempo. Weiterhin aus dem Rahmen fällt „25th December“, ein kleines Akustikgitarrenlied, in dem Ben Watt über seine Familie singt, das es einen zu Tränen rührt: „And I’m thirty, and I don’t know nothing no more.“

Und dann ist da noch „Missing“, auf meiner CD-Version sowohl im Original als auch im „Todd Terry Club Mix“, das von denen handelt, die irgendwann verschwunden sind, die einfach nicht mehr in unserem Leben stattfinden und an die zu denken man trotzdem nicht aufhören kann, die einem immer fehlen werden. Und in all dem restlichen wohlig-melancholischen Wohlklang ist „Missing“ mitten auf der Platte umso effektiver: Ein so trauriges, verzweifeltes, verlorenes Lied habe ich selten gehört. Der Remix fügt dem Original, das schon mit Elektronik spielt, aber irgendwie noch ein wenig kraftlos wirkt, tatsächlich etwas hinzu. Todd Terry nimmt dem Lied nichts von seiner Trauer, verleiht ihm aber noch ein wenig mehr Dringlichkeit. Obwohl die irgendwie schwachbrüstigen Akustikgitarren der Originalversion diese Leere der Abwesenheit ganz gut transportieren. Ein schwarzer Moment auf einem ansonsten abendsonnenfarbenen Album.

„Amplified Heart“ ist eine der menschlichsten, wärmsten, herzlichsten, sympathischsten Platten, die ich kenne, eine Platte, die dem bzw. der Herzensgebrochenen genug Raum lässt, um den Schmerz zu verarbeiten, die voller Hoffnung und Zärtlichkeit ist und voller wunderbarer kleiner Lieder. Und ich wußte damals, daß es plötzlich aufwärts geht, als ich nach einer der zahllosen durchwachten, qualvollen Nächte mit Talk Talk mit der ersten Morgensonne und „Amplified Heart“ im Walkman raus auf die Straße bin und gemerkt habe, daß ich noch am Leben bin. Und wenn der Herzschmerz dann endlich vorüber ist, bleibt immer noch ein wundervolles Album.

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GF040 Fred Raspail

Gutfeeling Records, 2014

So langsam wird’s ja doch wärmer draußen, abends sitzt man schonmal – warm eingepackt – mit den Freunden draußen im noch nur mager eingerichteten Biergarten, und am nächsten Morgen brennt’s dann zwar beim Pinkeln, aber eine Ahnung vom Sommer hatte man doch. Und wenn’s dann doch zu kühl wird draußen, dann hilft ein guter Schnaps, vielleicht schon ein Pernod. Der schmeckt auch schon nach Sommer, wärmt aber trotzdem.

Womit wir eigentlich beim passenden Thema zur Musik vom Französischschweizer Fred Raspail wären: Trinken und durchgemachte Sommernächte, mit allem, was dazugehört – Musik, Mädchen, Melancholie und eine gehörige Portion Tanzbein. Fred Raspail kommt vom Genfer See und hat, was man auch hört, gute Kontakte zur Szene um Voodoo Rhythm. Sein Herz gehört aber dem Chanson, Rock’n’Roll und Punkrock hin, Country und Folk her.

Ja, man wird beim Hören der „French Ghost Songs Part II“ kräftig durchgeschüttelt, und die Melange aus oben Genannentem ist ein großer Spaß, angefangen beim Bluesrock „Ulyssee“, dem Boom-Chicka-Boom von „Honest Man“ und dem Country-Waltz „Katrina“ hin zu „Die geiste“ [sic!], „loosely based on ‚the girl in the lake‘ by pierre omer“, dem ersten Ruhepol des Albums, ein gespenstisches Liebeslied an, hmja, an wen? Französisch müsste man können… „Dans les herbes folles“ hat dann wieder diesen klassischen Rhythmus von Johnny Cash, Fred Raspail schmachtet aber so wundervoll wie Elvis morgens um halb vier.

„The devil wants a girl“ zitiert dann frech „Sympathy for the Devil“, allerdings mit einem derart fiesen Gitarrensound und einer Fröhlichkeit, daß man sogar völlig übermüdet, wie ich es grade bin, aufstehen und alles mögliche schwingen will. An dieser Stelle sei am Rande übrigens auch Raspails niedlicher französischer Akzent in seinen englischen Liedern erwähnt, der das Ganze noch charmanter als eh schon macht.

„My baby left me“ schmachtet wieder daher, als hätten Elvis, Tom Waits und die Pussywarmers gemeinsame Sache gemacht, das kurze, gepfiffene Reprise „Die geiste part II“ nimmt sich dann wieder weit zurück, lässt der einzelnen verhallten Gitarre viel Raum und ist viel zu schnell vorbei. Mein persönlicher Liebling auf der Platte ist dann „Elle a pleuré“, ein trauriger Chanson, ein trister Walzer mit Banjo und Akkordeon, Slidegitarre und schön viel Gefühl.

Zum Glück bleibt man nicht lange traurig, „Lasse vegas“ drückt wieder tüchtig aufs Gas, eine feine Mischung aus klassischem Chanson und Rock’n’Roll, ein großer Spaß in Moll. „Chout mi sou“ ist dann wieder ein mächtiger Blues, der mich aufs erste Hören in seiner scheppernden, windschiefen Wucht an Judge Bone & Doc Hill erinnert, ehe es am Ende mit „I’m in love with a girl who doesn’t care“ nochmal schön schmalzig wird, ein schöner Abschluß für diese Platte und ein gutes Lied für ein letztes Glas Wein, ehe es draußen zu kalt wird.

Das Bemerkenswerte an „French Ghost Songs Part II“ ist, das es Fred Raspail bis auf die ein oder andere Hilfestellung hier und da komplett allein eingespielt hat und dank einer Loopmaschine so ähnlich wohl auch live klingt. Raspail ist also nicht nur stilistisch ein vielbegabter Mann, sondern auch handwerklich. Er hat eine Stimme zum dahinschmelzen, weiß, wie man schmachtet, weiß, wie man rockt, und er weiß, wie man eine Platte macht, die klingt, als ob man die nächste Flasche Wein zusammen mit den Fremden am Nebentisch trinkt und auf ewige Freundschaft anstößt. Von mir aus kann der Sommer jetzt kommen, die richtige Musik habe ich jetzt.

www.fredraspail.com
www.gutfeeling.de

crookedrain

Matador Records, 1994

Diese Übergangsjahreszeiten, der Herbst und eben jener Frühling, der uns momentan schon früh im Jahr aufs Haupt scheint und uns mit ein paar Sonnenstrahlen beglückt, diese Jahreszeiten sind geeignete trigger für allerlei Erinnerungen. Und wenn der Frühling dann doch frühsommerlich wird und zum Beispiel eine vierspurige Schnellstraße in güldenes Licht taucht, dann möchten wir das Gaspedal durchdrücken wie damals und vergessen, daß alles immer schlimmer als eh schon wird, dann möchten wir also die Gegenwart vergessen und uns an bessere, lebendigere, sorglosere Zeiten erinnern. Warum nicht an unsere Jugend im Sommer 1994?

1994 war das Veröffentlichungsjahr von „Crooked Rain Crooked Rain“, Pavements zweiter LP nach „Slanted And Enchanted“ (1992), und damit ein wichtiges Jahr für den sogenannten College Rock oder Slacker Rock oder Indie Rock. 1994 war auch das Jahr meines Schulabschlusses, ein Jahr des doch recht heiteren Umbruchs, des ersten Schnupperns ins Berufsleben (schnell wieder sein gelassen), der Befreiung von Schulzwängen, blöden Klassenverbänden, Scheißfächern und so weiter. Ein Duft von Freiheit also, der durch mein enges Tal wehte, nach Sommer, Sonne, Weite, Urlaub und Spaß roch, aber auch nach einer irgendwie verlorenen Unschuld zugunsten einer abgeschlossenen Schulbildung, dem Zynismus der (Minimal-)Erleuchtung und der Ahnung, daß jede Skateboardfahrt die letzte ohne Selbstversorgerzwang sein könnte.

Die Veröffentlichung von „Crooked Rain Crooked Rain“ jährt sich dieses Jahr außerdem zum zwanzigsten Mal, womit man die Platte ruhig als „Oldie“ bezeichnen kann (was mich ein wenig deprimiert, aber nicht allzu sehr), und darum gilt ihr diese kleine Besprechung, ganz im Zuge einer gewissen Rückwärtsgewandtheit, die sich gerade durch diesen Blog zieht.

Ich habe die Vorzeigeslacker Pavement damals durch ihren witzigen, absurden, anarchistischen Videoclip zu „Cut Your Hair“ im Musikfernsehen kennengelernt, und ich war, meinem Hang zu düsterer Musik zum Trotz, sofort total begeistert. Diese Eingängigkeit, gekoppelt mit einer fast schon unverschämten Nachlässigkeit der Performance, diese windschiefe Harmonieseligkeit, dieses völlige Fehlen von Rockismen – „Crooked Rain Crooked Rain“ war damals Neuland für mich (dem Grunge fehlte erstens der Humor (von Mudhoney abgesehen), und zweitens war er halt doch durchaus rockistisch, Nirvana und Pearl Jam zum Trotz), und eine prima Musik, um mich durch dieses letzte Schulhalbjahr zu begleiten.

Über die Songs selbst muß man ja eigentlich kaum noch Worte verlieren. „Cut Your Hair“, die Übersingle, das schöne „Gold Soundz“ oder das wundervoll entspannte, melancholische „Range Life“, das die Smashing Pumpkins und die Stone Temple Pilots disst, aber auch die unbekannteren Stücke wie „Elevate Me Later“, „Stop Breathin'“ mit seinem dringlich-verschlafenen Outro, die Ballade „Heaven Is a Truck“ oder das psychedelische „Fillmore Jive“, durch die ganze Platte zieht sich eben besagtes Dringlich-Verschlafene, diese müde Ironie einerseits, der fast schon aggressive Spaß an wirren Albernheiten andererseits. Hier waren Musiker, die einiges an Köpfchen aber keine Lust dazu hatten, das auch ernsthaft auszudiskutieren. Die die Musik liebten, aber mal so richtig keinen Bock auf das „Business“ hatten. Die der schlecht gelaunten Ironie, die sie nicht mehr ablegen konnten, mit Blödsinn beizukommen versuchten.

Aber ehrlich: Dieser intellektuelle Ansatz, sich Pavement zu nähern, war mir damals egal. Sicher, ich habe gespürt, wie intelligent und anders „Crooked Rain Crooked Rain“ war, aber wichtig war für mich vor allem, eine Sommermusik gefunden zu haben, die nicht albern, nicht oberflächlich, nicht rockistisch, nicht düster war, die den Intellekt anspricht, die man aber auch einfach mit schwankender Stimme mitsingen konnte. Und a propos „singen“: Steven Malkmus‘ Stimme gehört für mich zu den schönsten des Indierock überhaupt.

Deswegen lege ich „Crooked Rain Crooked Rain“ immer wieder auf, wenn es draußen Frühling wird: Weil ich mich mit diesem Album wieder jung fühlen kann, ohne mich albern oder unreif zu fühlen. Und weil es einfach wunderschöne Lieder sind, die wundervoll schief und krumm und lustig und spannend arrangiert und gespielt sind. Nie hat schlechte Laune heiterer geklungen als die von Malkmus, nie war Verweigerung so fluffig und bunt wie bei Pavement. Von mir aus kann der Frühling jetzt kommen.

www.matadorrecords.com/pavement

Fischer-Z - Destination Paradise - Front

Harvest, 1992

Jetzt, wo es wieder Frühling wird, krame ich gern wieder die ganz alten Platten raus, die, die ich damals gehört habe, zur Zeit meiner, hm, Selbstbewußtwerdung, wenn man es so nennen will. Die Zeit, in der das Leben noch dieses süße Versprechen auf Größeres, Wilderes, Tolleres war, in der man aber schon ein klein wenig über den Tellerrand hinausgeguckt hatte und leise ahnte, daß das Leben diese Versprechen wahrscheinlich nicht halten würde, weswegen man mit umso größerer Inbrunst und einer kleinen Melancholie an diesen Sommernächten festhielt, die noch magisch waren, aber nicht mehr ganz naiv. Ich war, Sie erraten es, einfach ein Teenager.

Allerdings einer, dem schon eine größere Melancholie auf dem Buckel saß, weswegen mir ein lieber Freund damals im Spätherbst 1992 zwei CDs in die Hand drückte: „Wish“ von The Cure („Da, das gefällt dir vielleicht bei deiner Laune gerade!“) und eben „Destination Paradise“ von Fischer-Z („Wenn Du mal gute Laune haben willst, hör dir die hier an!“) – dieser Freund brachte mich auch z.B. auf die Screaming Trees und, ich bin ihm ewig dankbar, auf die großartigen Sink. Ich kam zu der damaligen Zeit gerade aus dem Metal, der mir nichts mehr gab, Grunge und Indie waren noch nicht bei mir angekommen, also behalf ich mir mit New Model Army (die ich auch heute noch liebe) und einem kleinen bißchen Hardcore und schwelgte in Melancholie und wütender Verzweiflung. Und plötzlich waren da Fischer-Z mit „Destination Paradise“.

Das war auf einmal etwas völlig anderes. Das war Gute-Laune-Musik, die ganz ohne Krach oder Dämlichkeit auskam. Die naive Melodien hatte, die mit naiver Inbrunst gesungen wurden. Die lebensfroh und trotzdem gesellschaftskritisch war. Die das Scheißleben mit einem Lachen anging. Die mich durch einen Winter begleitete und plötzlich den Frühling einleitete. Die, ich habe mir später noch weitere Alben von Fischer-Z gekauft, die beste Platte diese Band ist, vielleicht die einzige durch und durch gute.

Was ich damals also zu Hören bekam war – Folkrock? Folkpop? Einfach Pop wahrscheinlich, mit sehr viel Akustikgitarre (was mir entgegenkam, hatte ich mir doch eben erst eine Akustikgitarre zugelegt), ansonsten in der klassischen Rockbesetzung, und mit John Watts einzigartiger, irgendwie nerviger, unglaublich sympathischer und heiterer Stimme. Und mit Songs, die mich heute noch begleiten, die ich gern immer noch auf der Akustikgitarre von damals spiele, die einfach ganz, ganz groß sind.

Das fängt schon an mit dem simplen aber tollen Akustikgitarrenriff des Titelstücks am Anfang der Platte mit seinem Mutmachtext, das geht weiter mit der großen Geste von „Will You Be There?“, mit dem leicht bitteren „Tightrope“, dem aggressiven „Say When“, dem witzigen „Caruso“, mit dem schönen Folk von „Marguerite Yourçenar“, dem Wiederaufrappeln von „Mockingbird Again“, dem Herzschmerz von „Still In Flames“ und dem kitschigen aber ergreifenden Schluß „Further From Love“. Und die Lieder, die ich nicht aufgezählt habe, sind auch wunderschön. Es war das erste Mal, daß ich Musik gehört habe, die nach dem Indiekniegehen das Wiederaufstehen besang („Don’t treat me gently, I’m still alive!“), und es half irgendwie. Und Fischer-Z hatten mit „Marliese“ und „Berlin“ vielleicht größere Hits, aber keine besseren Songs.

Jetzt sind 22 Jahre vergangen seit diesem Herbst, 21 seit diesem Frühling/Sommer, Fischer-Z sind schon längst im Orkus der Musikgeschichte verschwunden, und das Leben heute ist gut und braucht diese ermutigende Musik eigentlich nicht mehr. Aber manchmal, wenn es draußen wieder wärmer wird und die Sehnsucht nach irgendetwas Unbestimmtem sich nochmal leise regt, hole ich die CD mit dem schon total ramponierten Booklet voller niedlicher Bildchen und alberener WItze aus dem Regal und träume vom Frühling damals, als das Leben noch ein Versprechen war und als man mit drei Akkorden auf der Akustikgitarre den schwelgerischsten naiven Pop überhaupt machen konnte.

fischer-z.com
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Mastodon-TheHunter-albumcover

Reprise Records, 2011

Vor einiger Zeit mal beim Elektrogroßhandel meines Vertrauens aus einer Billigkiste gezogen und für knapp fünf Euro mit nach Hause genommen, mauserte sich dieses Album in der letzten Zeit zu meiner Lieblingskurzstreckenautofahrtsplatte. Und weil jetzt doch langsam der Frühling kommt und die Zeit für düstere Musik vorbei ist, kommt jetzt endlich mal Mastodons (noch) aktuelle Platte „The Hunter“ zu einer Besprechung hier in meinem kleinen Blog (man liest, das neue Album sei so gut wie fertig).

Mastodon habe ich schon etwas länger auf dem Schirm, wie man sagt, ohne mich aber tiefer reingefunden zu haben in diese ziemlich tolle Band. Aufmerksam wurde ich über den Bootleg-Blog Southern Shelter, ein guter Freund führte mich dann nur leidlich erfolgreich näher an Mastodons Backkatalog heran, und erst „The Hunter“ zündete dann richtig. Und obwohl Mastodon ja eine Metalband sind, und Metal ja eher mit den Klischees von Dunkelheit, Schnee und allgemeiner Fiesheit spielt, ist „The Hunter“ für mich Zuspätkommenden die Gute-Laune-Platte für den Frühling 2014.

Aber zuerst muß man sich durch das unglaublich brillante Eingangsriff des Openers „Black Tongue“, nun ja, rocken, ein Riff, von dem die meisten Metalbands nur träumen: mächtig, groovend, originell, eingängig und einfach irrsinnig gut. Überhaupt ist Black Tongue mein Lieblingslied auf dem Album, gefolgt von meinem zweitliebsten, „Curl of the Burl“ (für das die Band einen sehr witzigen Videoclip mit dem B-Horrormoviestar Bill Oberst Jr. in der Rolle des durchgeknallten Methheads gedreht hat), und das jede ordentliche Party zum Spaßhaben bringt.

So weit, so metallastig. Doch der dritte Song, „Blasteroid“, macht klar, warum „The Hunter“ eine Frühlingsplatte ist. Denn bei aller Geschwindigkeit und aller Fiesheit im Text macht dieses Lied wirklich gute Laune, ist ein schön gesungener, von heiteren Gitarren getriebener Rocksong, für den man grad sein Skateboard wieder aus dem Keller holen möchte. „Stargasm“ beeindruckt dann mit seiner psychedelischen Dringlichkeit, einerseits drängend und fordern, andererseits aber irgendwie bekifft, mit tollen Gesangsharmonien (ich muß an dieser Stelle zugeben, daß ich die drei Hauptsänger Troy Sanders, Brent Hinds und Brann Dailor sowie den Sangesdebütanten Bill Kelliher noch nicht wirklich auseinanderhalten kann) und dem wie in den anderen Songs auch tief beeindruckenden Drumming von Brann Dailor.

Den schönsten und traurigsten Titel hat „Octopus Has No Friends“, das mich jedesmal zurück in die seligen 90er entführt, und erst beim düsteren, fiesen „All The Heavy Lifting“ wird „The Hunter“ so richtig Metal, für mich jedenfalls. Was aber gar nichts macht, denn: Frühling und so, nicht wahr? Das Titelstück der Platte ist dann wieder ein fast schon romantisches, düsteres Kifferlied, sehr psychedelisch, mit einem sehr schönen Spannungsbogen vom gezupften Intro hin zum klassischsten Rockgitarrensolo der Platte, das den Song beschließt.

„Dry Bone Valley“ nimmt einen dann mit auf eine wilde Fahrt im Pickup-Truck durch eben dieses öde Tal, gehetzt von allen Dämonen, straighter Stoner-Metal, und schon „The Thickening“ wird wieder progressiver und psychedelischer, ehe es mit „Creature Lives“ richtig romantisch wird. Anfangs musste ich über dieses Lied lachen, das die Geschichte des Dings aus dem Sumpf aus Sicht seines Kumpels erzählt und um Mitleid mit dieser Kreatur bittet, aber mittlerweile mag ich diesen kindlich-kitschigen Song doch auch recht gern.

„Spectrelight“ mit Scott Kelly von Neurosis am Gesang ist dann genau das, was man bei Kelly erwarten darf, ein fieser, schneller Metalsong, bei dem man das Gaspedal gern nochmal ein wenig mehr durchdrückt. „Bedazzled Fingernails“ ist dann eine schöne Mischung aus rhythmischen Herausforderungen und straightem Auf-die-Fresse, ehe „The Sparrow“ das Album mit großer, balladesker Geste beendet.

Jetzt ist es so: Mastodon sind eine sogenannte progressive Metalband, die sich durch komplizierte Rhythmen, komplexe Songstrukturen und schwierige Gesangsharmonien auszeichnet, und die mit „The Hunter“ ihr eingängigstes Album gemacht haben. Mastodon können gut singen, brüllen aber auch gern  mal, und Mastodon spielen komplexe, aber sehr harte Gitarren. Wenn man sich „The Hunter“ aber mal genauer anhört, stellt man fest, wie sympathisch und sonnig diese Musik ist, wie viel Spaß die vier Jungs haben, und man merkt, daß „The Hunter“ in Wirklichkeit eine waschechte Hippieplatte für Metalheads ist, mit einem tollen Sound und großartigen Liedern. Eine Platte, die man am besten bei offenem Fenster hört, während man morgens mit seinem Auto durch die Frühlingssonne brettert.

www.mastodonrocks.com
www.warnerbrosrecords.com

Lou Reed ist tot

28. Oktober 2013

lou-reedoverLou Reed (* 2.3.1942; † 27.10.2013)

GF039 Landlergschwister - Honky Tonkin'

Gutfeeling Records 2013

Na toll. Da richte ich es mir angesichts des kommenden Winters gerade schön gemütlich ein mit menschenfeindlicher, solipsistischer, gefühlskalter Musik zwischen Grindcore, Drone, Dark Ambient, Klassik und tristen anglo-amerikanischen Liedermachern, und plötzlich kommt die neue Platte von G.Rag & den Landlergschwistern ums Eck, und vorbei ist es mit der Trübnis, vorbei mit dem grimmigen Nach-draußen-in-den-Regen-Starren, vorbei mit der schlechten Laune und dem Menschenhass. Mist auch.

Und nein, ich versuche erst gar nicht, mich gegen diese Platte zu wehren, so gern ich es aus Gründen misanthropischer Klischees auch täte, denn es braucht echt nur ein paar Sekunden, und schon packt einen dieses wunderliche Münchner Blasorchester mit Extras am Schopf. Nur diese solitäre Trompete braucht es zu Beginn von „Honky Tonkin'“, und ich bin verloren. Und nanu, denke ich, während eine zweite Trompete dazukommt, habe ich hier versehentlich eine Platte der Hermanos Patchekos aufliegen? Nein, spätestens Tuba und Klarinetten machen klar, das hier sind die Landlergschwister, und irgendwo liegt es ja auch nahe: Das volksmusikalische Derivat des Münchner Carribean Trash Orchestras verneigt sich vor seiner ursprünglichen Band, aus der es schließlich auch weitgehend sein Personal rekrutiert.

Ganz tief in die Schwüle Mexikos und auf die falsche Fährte führt einen das Eröffnungsstück „Niente Hoss“, denn schon der „Fischer-2-Facha“ ist ein Zwiefacher, wie er im Buche steht. Sind wir damit also doch bei der volkstümlichen Musik angelangt, die ja grad mit allerlei anderer Volkstümelei, dem Oktoberfest und dem Fußball-Schland wieder total en vogue ist? Gottseidank nicht, wie uns das Presseinfo zur Platte versichert: „Die Volksmusik wird wie eh und je instrumentalisiert, nur unter neuen Vorzeichen. Heimatwahnsinn und -tümelei werden weiter zelebriert. Raus aus dem Stadl, rein in den Stadl. Liebesgrüße aus der Laptop-Lederhose,  ist schon klar …“ Dagegen wehren sich die Landlergschwister, die aus dem Geiste des Hardcore kommen und die unter Volksmusik das verstehen, was man weltweit eben noch versteht, wenn man bereits glücklich unterm Tisch liegt: keine Volks- und Nationaltümelei nämlich, sondern „ehrliche“ und „authentische“ Musik, auch wenn man freilich diese Begriffe nicht mehr ohne Anführungszeichen und dafür nur noch mit allergrößter Vorsicht verwenden kann. „Volk“ nicht im Sinne von Nation, sondern von grenzüberschreitender Verbundenheit der Menschen. Am ehesten also Musik für den lustigen Klassenkampf gegen das Establishment.

Drum ist auch der titelgebende und obligatorische Hank Williams mit „Honky Tonkin'“ nicht nur vertreten, sondern auch völlig richtig am Platz, der mit dem G.Rag-typischen Megaphongesang aufwartet und sowohl den Blasmusik- wie auch den Western- und Rockabilly-Freund zum mitswingen verführt. Und gleich drauf gibt’s den Dämpfer, „Bartholomew“ ist ein New-Orelans-hafter Trauermarsch (bei dem Notwists Micha Acher seine Finger im Spiel hatte), der einen doch richtig tief in die Herbstdepression treten könnte, wäre er nicht so wundervoll schwärmerisch, warmherzig, menschlich. Und dann kommt auch schon die nächste Überraschung: Relle Büst aka Parasyte Woman darf vom Föhnwind singen und jodeln, und was eigentlich auch wieder Volksmusik wäre, klingt nebenbei durch den Megaphongesang und die schöne Slidegitarre wie aus einem Transistorradio im fernen Westen am frühen Morgen bei der ersten Tasse Kaffee. Wie schön!

Immer wieder werden die klassischen Elemente der bayrischen Blasmusik unterlaufen durch Genrefremdes, aber eben durch im Geiste Verwandtes, sei es die verzerrte Gitarre in „Boogie Krainer“, sei es das Banjo in „Valentin 30/31“, oder aber umgekehrt: Genrefremdes wird „landlerfiziert“, wie das wunderbare „Odessa“ von Caribou, mit dem sich G.Rag und seine Musikantinnen und Musikanten nach Punk, Hardcore und Country am Indiepop versuchen, und wenn die Indiediskos dieser Welt nur ein bisserl cool sind, wird dieser Song künftig samstags auf Studentenparties gespielt.

„Johanna“ dann klingt wie eine Filmmusik von Tom Waits, und „Kaw Liga“ von Hank Williams ist ein wirklich perfekter Crossover: Was als trister Country Waltz anfängt, wird im Refrain zu einem fröhlichen bajuwarischen Tänzchen, und wieder zurück, und wieder hin und her. Und abschließen darf das Album dann eine Hommage an den großen Stenz Münchens: „Monaco Franze“ ist die Titelmusik aus der gleichnamigen Serie mit dem großen, verstorbenen Helmut Fischer und ein feiner, angemessener Schlußpunkt.

Ja mei, was soll ich sagen? Meiner bescheidenen Meinung nach ist den Landlergschwistern mit ihren vielen Gästen vom Niederbayrischen Musikantenstammtisch bis hin zu The Notwist ihr bestes Album gelungen. Nicht, weil die anderen beiden Platten schlechter wären – auf „Honky Tonkin'“ funktioniert aber der Crossover der Volksmusiken am besten. Das Album mäandert bruchlos zwischen Blasmusik, Country, Pop, Mariachi und vielem mehr, ist die praktische und leichthändige Umsetzung der in der Theorie oft so schwierigen Völkerverständigung. Aber zu dieser braucht es halt nicht unbedingt Politik und Theorie und all das, sondern manchmal einfach nur gute Lieder, einen verwegenen Haufen von Musikern und ein Glaserl Bier oder zwei.

www.gutfeeling.de

CCS

Mute Records 2013

Ach Gott, wie ist das schön! Nach so vielen Jahren, in denen ich Crime & The City Solution teilweise schon fast vergessen hatte, plötzlich wieder Simon Bonneys Stimme zu hören, dieses warme, sympathische, ein bisserl kitschige Schwärmen eines echten Romantikers.

Crime & The City Solution waren bei mir eigentlich immer eher ein Sidekick der Bad Seeds, eine Band, die ich damals aus Vollständigkeitsgründen mitgenommen habe, als ich alles aus dem Dunstkreis von Nick Cave gekauft habe, was mir unter die Finger gekommen ist (auch so seltsame Bands wie Once Upon A Time oder Martin Dean). Freilich: Irgendwie waren Crime immer etwas Besonderes, und freilich sind sie nach einer Weile derart gewachsen, daß ich mir, sogar anders als bei den Bad Seeds, wirklich jede E.P. zugelegt habe (was sicher auch daran liegt, daß die Diskographie von Crime deutlich überschaubarer ist als die von Cave). Aber trotzdem. Hier waren sie mir zu sperrig, dort waren sie mir einen Hauch zu kitschig, und am Ende legte ich doch lieber Hugo Race & The True Spirit auf, die einfach cooler waren als die Schwärmereien von Simon Bonney.

Und dann, 23 Jahre nach dem letzten Studioalbum „Paradise Discotheque“ (1990; die erste Platte, die ich von Crime kannte), erscheint plötzlich „American Twilight“. Und nicht nur das: Schlagzeug spielt Dirty Threes Jim White, Bronwyn Adams und Alex Hacke sind noch dabei, und, fuck me, David Eugene Edwards, der alte Apokalyptiker von 16 Horsepower und Woven Hand, spielt neuerdings Gitarre. Na, wer könnte besser passen im „American Twilight“?

Aber gut, ich war skeptisch. Nick Cave hatte mich oft genug enttäuscht (auch wenn er mich mit „Push The Sky Away“ (2013) wieder entschädigt hat), Hugo Race auch, und wie gesagt, bei aller Liebe hatte ich auch meine Schwierigkeiten mit Crime & The City Solution. In einem Anfall von Verschwendungssucht habe ich mir dann aber doch das rote, transparente Vinyl mit beigelegtem (total kitschigem aber total tollem) Poster und dem Album auf Extra-CD gekauft, aus alter Verbundenheit, und von der CD gleich auf einer meiner längeren Autofahrten gebraucht gemacht. Gewarnt wurde ich von einem Bruder im Geiste, was die Australien/London/Berlin-Blase betrifft: Ihm gefiele das Album nicht so gut, und ich verstehe irgendwie, was er meint. Denn das Eröffnungsstück, „Goddess“, ist, nun ja, psychedelischer Hardrock, eine Kombination, die ich nicht so sehr mag. Aber irgendwie ist das Riff richtig geil, der mehrstimmige Gesang ist auch toll, und wie gesagt: Wie schön ist es, Simon Bonney mal wieder zu hören, und dann auch noch so vital und druckvoll. Und am Schluß erinnert mich das „rising, rising“ ein bißchen an The The’s „Dogs of Lust“, auch schön.

Voll erwischt hat mich dann aber der zweite Song, „My Love Takes Me There“, anders kann ich es nicht sagen. Was mit einem Klischee-Rockriff anfängt (ein schönes Detail: bei aller Verzerrung hört man, wie das Plektrum über die Saiten schrappt), wird plötzlich zu einem klassischen schwärmerischen Crime-Song, der in ein jubilierendes „You will see me fall“ im Refrain mündet, Trompeten erklingen, ganz großer Kitsch, eine Melodie, die Herzen bricht, die langsam und romantisch über dem hektischen Schlagzeug und dem treibenden Baß schwebt, und im Mittelteil singt dann noch ein Engelschor.

Genau das war es, was ich früher an Crime & The City Solution geliebt habe: dieser Herzschmerz, diese toughen Jungs, die sich nicht zu schade waren, über die ganz großen Gefühle zu singen und dabei Paisley-Hemden mit Rüschenkragen und Samthosen zu tragen, ganz im Geiste des großen, leider längst verstorbenen Nikki Sudden. Was konnte man sich damals mit dieser Musik in seinem Liebeskummer wälzen und sich trotzdem saucool vorkommen. Und irgendwie aufgehoben von der Nähe, die Simon Bonneys Gesang suggerierte. Alles wieder da, hurra!

Riven Man dreht sich dann um einige Grad, ist ein Bluesrocker mit Bläsern und Call-and-Response-Gesang, ein bisserl bräsig und zu lang vielleicht, aber mit Energie und Lust gespielt, und hey, das sind Crime & The City Solution! Die Kultband aus „Der Himmel über Berlin“! Die dürfen das.

Klassisch wird dann „Domina“, eine finstere Ballade über – klar – die Liebe, Bronwyn Adams‘ Geige schmachtet, der Refrain wird vom gemischten Chor gesungen und ist schlicht wunderschön. Draußen regnet es, die Pärchen verstecken sich unter ihren Schirmen, und der Poet sitzt hinter seiner dreckigen Scheibe und fühlt sich erhaben und leidend zugleich, bis zum orchestralen Gitarrensolo, bei dem auch Schlagzeuger Jim White zeigen darf, was er kann, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Das ist ohnehin einer der schönsten Aspekte der Platte: Wie diese Allstars-Band immer an ihrem Platz im Lied bleibt. Diese Musiker lieben ihre Musik.

„The Colonel (doesn’t call anymore)“ erinnert dann wieder an die alten, zerissenen, finsteren Zeiten von z.B. „Shine“ (1988), ein Lied, das nicht richtig anfängt, sich immer um dieselben Töne dreht und damit eine Spannung erzeugt, die fast (aber nicht ganz) an die großen Zeiten von Hugo Race heranreicht, ehe im Refrain doch ein schleppender Beat den Song kraftvoll nach vorne schiebt, bis er wieder im Dreck steckenbleibt. Und hier, finde ich, hört man David Eugene Edwards Südstaatengitarre am besten heraus, der finstere, verhallte Blues von 16 Horsepower, das „American Twilight“ eben.

Ein großes Liebeslied ist dann „Beyond Good And Evil“, ein tearjerker erster Klasse, den auch Cassiel oder Nick Cave zusammen mit Shane MacGowan damals in Berlin hätten singen können. Der Titeltrack des Albums ist dann ein schneller Bluesrock, hier lässt die Band ein wenig ihre Muskeln spielen, was, nun ja, nicht so ganz funktioniert, weil man halt doch eher Samt und Seide hört als Dreck und Leder. Sei’s drum. Im Kontext des Albums haut auch dieses Lied hin, den Klischees zum Trotz. Den schönen, versöhnlichen Abschluß macht dann „Streets Of West Memphis“, ein Lied voller Abendsonne, Melancholie und Wärme, voller schöner Zweitstimmen und einer tiefen Intimität.

Es liegt nahe, „American Twilight“ mit dem letzten Album der anderen großen überlebenden Kultfigur des Berlin der 80er zu vergleichen, mit Nick Caves „Push The Sky Away“. Und während Cave seine Bad Seeds erfolgreich modernisiert und ins neue Jahrtausend gebracht hat, ist „American Twilight“ eine durch und durch altmodische Platte. Oder eine zeitlose. Auf jeden Fall ist sie eine wichtige Platte, die daran erinnert, was damals alles möglich war: Kitsch und Coolness zu vereinen, große Melodien zu zerrissenen Arrangements zu schreiben, sein Herz auf der Zunge zu tragen, wie man sagt. „American Twilight“ ist eine Platte für die Schwärmer und Romantiker, die nicht dauernd predigen, daß früher alles besser war, weil sie noch daran glauben, daß auch heute noch einiges gut ist. Und Crime & The City Solution zeigen: Das, was damals tatsächlich besser war, kann man heute immer noch genauso gut machen. Das ist sehr tröstlich. Und die Platte ist schlicht toll.

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