BR Music, 1985

Na, dann halt doch. Einmal schon, auf einem Flohmarkt, ging mir eine ziemlich billige „Best Of“ der Troggs durch die Lappen, was ich damals nicht so schlimm fand. Sicher, dachte ich, wenn ich auf einer Party mal „Wild Thing“ spielen würde, käme das sicher ganz gut, so ein Tanzbodenkracher macht ja Laune, aber bald hatte ich die Troggs wieder aus meinen aktiven Hirnregionen verscheucht.

Und neulich stand sie da, im Plattenladen meines Vertrauens: Eine „Best Of“ für schlappe zwei Euro. Na gut, warum nicht, „Wild Thing“ kann man sicher brauchen, und mal sehen, ob noch ein paar andere Garagenbeat-Kracher drauf sind. Zuhause stand die Platte erstmal eine Weile herum, bis ich sie heute zum Nebenherhören mal aufgelegt habe. „Wild Thing“, freilich gleich das erste Stück, hat ja, so stellte ich erstaunt fest, im Intro einen Akkord weniger als in der Strophe, sprich: der Schritt zurück auf die Subdominante fehlt, solange nicht gesungen wird. Ansonsten: „Wild Thing“ halt, tausendmal gehört, und irgendwie war das erste Hören dieses notorischen Liedes auf der eigenen Anlage keine wirkliche Überraschung mehr. Nur das – hm, ist es eine Querflöte? – geblasene Solo störte mich ein wenig, klang es mir doch zu esoterisch, zu hippiesk, zu sehr nach Jethro Tull, vielleicht nicht hart genug für Garagenrock. Geschmackssache, ich mag es nicht. Aber immerhin: „Wild Thing“.

Überraschender war dann doch der weitere Verlauf der Platte. Anstatt der erhofften Garagenbeat-Kracher folgten erstmal relativ klassische Sixties-Songs, mit entsprechender Streicherbegleitung, ohne Drive, eher kitschig. Das mag der Compilation geschuldet sein, die neben dem einen ungezogenen Hit vielleicht eher die romantischen Hausfrauen in den 80ern ansprechen wollte, damit diese sich – zwanzig Jahre zu spät – an die Engtänze ihrer Jugend erinnern und seufzen. Ich jedenfalls habe „Love is all around“ schon besser gehört: kindlich naiv und wunderbar enthusiastisch von R.E.M. bei deren Unplugged-Show auf MTV, und sogar die eklig schmierigen Wet Wet Wet haben wenigstens einen besseren Sound und irgendwie mehr rosarotes Herzblut.

Nichts gegen kitschige Balladen aus alten Zeiten – „Everyday“ von Buddy Holly, im selben Zug erstanden, übertrifft die Troggs an Kitsch und Schmalz um Längen. Dafür ringt es mir aber auch ein seliges Lächeln ab ob der anrührenden Naivität, des kindlichen Enthusiasmus, dieser strahlenden Freundlichkeit Hollys. Die Troggs hingegen hinterließen bei mir heute eher den Geruch der muffigen Sechziger, die bei uns zuhause in schlechten Momenten mit in die Endsiebziger, Frühachziger geschleppt wurden: Sonntagsausflüge bei Regen, Best-Of-Compilations von Time Life, die Aufgabe der Radikalität zugunsten einer Anbiederung an die Bürgerlichkeit, der sie ja schlußendlich doch alle verfielen, manifest in Holzbläsern, Streichern und faden Balladen. Irgendwie wirken die Troggs feist auf mich, beliebig, lustlos.

Vielleicht, ich werde es herausfinden, wenn es an einem Sonntagnachmittag mal wieder regnet und ich in einer Stimmung bin, die muffig genug ist, mich zu überwinden, die Platte nochmal aufzulegen, finden sich auf der B-Seite noch ein, zwei Beatkracher oder schöne Balladen, mit denen sich etwas anfangen läßt. Bis dahin werde ich auf Parties zu gegebener Zeit „Wild Thing“ auflegen, die Masse entzücken und die Kenner mit einem Kopfschütteln nach draußen zum Rauchen schicken.

http://www.my-generation.org.uk/Troggs/

Southern Lord, 2003

Eine der wohl beeindruckendsten Neuentdeckungen der letzten Monate für mich ist das Album „White 1“ von Sunn O))), zu der ich – nun ja – ein wenig wie die Jungfrau zum Kinde gekommen bin. Von einem Freund aufs heißeste empfohlen, konnte ich mir, obschon mit einigen musikalischen Wassern gewaschen, auch nach ausführlichen Erzählungen nicht wirklich vorstellen, was mich erwarten würde. Bis sie mir kürzlich zugespielt wurde. Drei Lieder, vier Seiten und ein freundlich-abstraktes Cover. Überraschend – Krautlegende Julian Cope zählt zu den Mitwirkenden.

Ich war neugierig, als ich sie – auf Empfehlung im Dunkeln – endlich meinem Tonwiedergabegerät zuführte, aber auch leicht verängstigt: Wurde mir doch kolportiert, es handle sich um nur sehr schwer hörbare Musik, um Alptraummusik, um Drone Metal eben. Nun, Metal und all seine Facetten vor 1991 sind mir durchaus gut bekannt, aber Drone? Ein Brummton? Ich machte mich auf Lärm gefaßt, auf unerträgliche Klanggebilde, auf – was weiß ich. Und war angenehm überrascht. Sicher, wer in erster Linie Radio hört, wird kreischend davongaloppieren (es sei denn, er stellt in der Regel eine nicht besetzte Frequenz ein und lauscht dem weißen Rauschen). Aber der Lärm hält sich auf diesem Album tatsächlich in Grenzen, und anders als beim zweiten mir bekannten Sunn O)))-Album „Black 1“ treten auch die allzu offensichtlichen Metalelemente weit in den Hintergrund, sprich: Keine Growls und Grunts, kein Klischeemetalriffing in Zeitlupe. Vielmehr herrscht eine interessante Rhythmik vor, die zumindest bei „My Wall“ und „Gates of Ballard“ von einer außergewöhnlichen Vokalperformance begleitet wird, die diese beiden Stücke in zwei Teile teilt: Der erste mit, der zweite ohne Stimme.

„My Wall“ scheint textlich ein gigantischer nordischer Epos, ist aber „Lord Yatesbury’s thoughts about the landscape surrounding his home and the strange characters that inhabit it“, so diese Quelle, von Cope vorgesprechsungen mit einer leicht blechernen, aber irgendwie sympathischen Erzählstimme, die immer wieder durch feine Betonungen auffällt und an David Tibet von Current 93 erinnert. Außerdem scheint diese Wortgewalt von leisem Humor durchzogen zu sein, wenn plötzlich Johnny Guitar durch die Schlachfelder zieht. Vor „Gates of Ballard“ muß ich textlich kapitulieren, ich beherrsche keine nordischen Sprachen. Doch die Vokalperformance hier ist abermals eine erstaunliche: Fast mutet sie durch die irgendwie ausgelassene Melodie und die quäkende Stimme wie field recordings skandinavischer Folklore an. Mit ihrem Verstummen verändert sich das Stück, wird monotoner, mächtiger und gebiert abermals klanglich Außergewöhnliches: Irgendwann taucht aus dem Lärm ein Schlagzeug auf, wie es unkonventioneller kaum gemixt sein könnte. Denn das Hi-Hat und die Snaredrum sind extrem weit nach vorn gemischt und nahezu ohne Baß, so daß ihre recht komplexe Rhythmik fast klingt wie eine virtuos gespielte mechanische Schreibmaschine, während die typischen Metal-Kennzeichen eines Schlagzeugs, die wummernde Bassdrum und die wummernden Toms, fast unhörbar im Hintergrund bleiben.

Die Wirkung dieser Platte ist immens: die unglaublich langen Stücke üben einen hypnotischen Sog aus, der erstaunlich beruhigend wirkt, einen einlullt, einem fast das Gefühl von Geborgenheit inmitten des Lärms gibt. Und wenn es in „My Wall“ heißt: „In Stillness O’Malley and Anderson play on… play on… play on…“ und der Hörer entlassen wird in über ein weiteres Dutzend Minuten mit nur zwei schweren, langsamen Akkorden an der Untergrenze der hörbaren Frequenzen, die tatsächlich fast wie ein tiefes Schweigen wirken, fällt es schwer, sich dieser Platte noch zu entziehen.

Den dritten Track, „Shaving of the Horn that Speared You“, habe ich allerdings noch nicht durchgehalten.

www.ideologic.org
www.southernlord.com

Full Time Hobby Records, 2008

An einem kühlen, feuchten, tristen, etwas ziellosen Frühmärztag stieß ich beim Stöbern im Plattenladen meines Vertrauens auf dieses kleine Album, das über die ladeninnere Anlage lief und mich aufhorchen ließ – beiläufig vorerst: ein Mann mit einer Gitarre und sanfter akustischer Restinstrumentierung, einfache Lieder, keine wirkliche Gesangsstimme. Nett, mag ich wohl gedacht haben, mit einem gewissen „Etwas“, wie man sagt. Ich stöberte weiter, und währenddessen sickerte eine seltsame, schon lange vergessen geglaubte Melancholie sachte durch meine Ohren – man verzeihe den Kitsch – in mein Herz. Vor dem Hinausgehen machte ich mich kundig: Aha, Malcolm Middleton, die eine Hälfte der aufgelösten Arab Strap, Schotten, mir zu elektronisch bzw. für Elektrokram nicht elektronisch genug und hauptsächlich durch ihre Mitarbeit am Songs: Ohia-Album „The Lioness“ in meinem Bewußtsein. Aber schöne Lieder, erstaunlich folky, dachte ich auf dem Weg nach draußen, und günstig (daß es sich dabei um ein sog. „Mini-Album“ von knapp 30 Minuten Spielzeit handelt, wußte ich dort noch nicht).

Draußen dann war der Tag noch immer kühl, feucht, trist, ziellos – und wurde immer zielloser. Die süße Schwermut hatte mich wieder an den Eiern, fest, so wie früher, als ich noch unreif, aber irgendwie cooler war, als ich noch Nächte durchmachen konnte, um im Morgengrauen ein feines Lied zu schreiben, als ich mich selbst noch „Bohèmien“ genannt hätte, ohne mich dafür in Grund und Boden zu schämen. Die Platte verfolgte mich über Tage. Dieser starke Akzent, diese völlig unprätentiöse Stimmung, diese Melodien, die zu klein sind, um großer Pop zu sein, und deswegen erst richtig groß werden. Diese Beiläufigkeit, die selbst den kitschigen Liedern jeden Kitsch nimmt. Diese so melancholische Stimme, die klingt, als ob sie der Resignation ein Lächeln entgegensetzen würde, ein Dennoch. Die üblichen paar Akkorde, die immer noch funktionieren. Kurz: Ein paar Tage später gab ich mein Sparvorhaben auf und erstand die CD (das Vinyl ist offenbar leider nur als teurer UK-Import zu haben), und bin seither begeistert. Das Eröffnungsstück „Week Off“ ist ein flottes kleines Liedchen, das von Müdigkeit und der Notwendigkeit einer Pause handelt. Das tieftraurige Cover von Madonnas „Stay“ mit einer wunderbaren Geige (wenn Middleton singt: „You – you make my life much brighter“ – ist es eher ein müdes Nichtmehrhoffen auf Hilfe denn eine Liebeserklärung). Das unglaubliche „Follow Robin Down“, das sich einfach nicht in Worte fassen läßt und von der Hoffnung im Verlorensein (und vielleicht auch vom Verlorensein in der Hoffnung) erzählt. Und selbst das leicht banale „Blue Plastic Bags“ verliert seine Banalität durch seine liebevolle Beiläufigkeit. Und Middletons „Total Belief“ ist nur ein heiterer Glaube „in the depth my unworthyness“. Die Texte, die den Alltag zur Poesie machen und das eigene Scheitern heiter thematisieren und dabei en passant widerlegen. Irgendwann zwischen dem zweiten und dem zehnten Hören entdeckte ich, daß Lieder genau so klingen müssen, und daß ich in den letzten Monaten nichts Schöneres gehört hatte. So viel gleichzeitige Trauer und Versöhnung in einer knappen halben Stunde. Und gerade angesichts des im Mittelfeld angesiedelten Preises spreche ich hier einen uneingeschränkten Kaufbefehl aus.

http://www.malcolmmiddleton.co.uk/

Grand Opening

14. April 2008

Willkommen, Freund guter Musik, in Dr. Schrecks kleiner Welt der hörbaren Frequenzen.

Meistens, dieses Problem kennen Fanatiker jedweder Couleur, hört niemand mehr zu, wenn man wieder einmal von der Begeisterung über eine neue Facette der eigenen Leidenschaft gepackt wird und zitternd und stotternd einen endlosen Monolog über, sagen wir, eine neugekaufte Platte oder ein frisch geschlüpftes Pferd bester Zucht hält. Und die, die zuhören, sind spätestens nach ein paar Monaten Bekanntschaft innert kürzester Zeit dermaßen angepißt von unnötigem Detailwissen, von zahllosen falsch verwendeten Fachbegriffen, von leuchtenden Augen und feuchten Händen und von diesem vollkommen unlogischen, für niemanden außer denen gleichen Schlages nachvollziehbaren Enthusiasmus, daß sie auch nicht mehr zuhören.

Heutzutage eröffnen diese Menschen dann, dem technischen Fortschritt sei an dieser Stelle gedankt, einen Blog. Auf diesen virtuellen Seiten soll nach und nach eine subjektive Auswahl an besagten Monologen über Alben, E.P.s, Singles, Songs, Stücke, Lieder, Tracks und was es sonst noch an Musikformen gibt, zusammengetragen werden, die Eurem Dr. Schreck in irgendeiner Weise aufgefallen sind. Die Auswahl ist rein subjektiv, unterliegt keiner Ordnung oder Chronologie, und nicht immer dem guten Geschmack.