Malcolm Middleton – „Sleight of Heart“

15. April 2008

Full Time Hobby Records, 2008

An einem kühlen, feuchten, tristen, etwas ziellosen Frühmärztag stieß ich beim Stöbern im Plattenladen meines Vertrauens auf dieses kleine Album, das über die ladeninnere Anlage lief und mich aufhorchen ließ – beiläufig vorerst: ein Mann mit einer Gitarre und sanfter akustischer Restinstrumentierung, einfache Lieder, keine wirkliche Gesangsstimme. Nett, mag ich wohl gedacht haben, mit einem gewissen „Etwas“, wie man sagt. Ich stöberte weiter, und währenddessen sickerte eine seltsame, schon lange vergessen geglaubte Melancholie sachte durch meine Ohren – man verzeihe den Kitsch – in mein Herz. Vor dem Hinausgehen machte ich mich kundig: Aha, Malcolm Middleton, die eine Hälfte der aufgelösten Arab Strap, Schotten, mir zu elektronisch bzw. für Elektrokram nicht elektronisch genug und hauptsächlich durch ihre Mitarbeit am Songs: Ohia-Album „The Lioness“ in meinem Bewußtsein. Aber schöne Lieder, erstaunlich folky, dachte ich auf dem Weg nach draußen, und günstig (daß es sich dabei um ein sog. „Mini-Album“ von knapp 30 Minuten Spielzeit handelt, wußte ich dort noch nicht).

Draußen dann war der Tag noch immer kühl, feucht, trist, ziellos – und wurde immer zielloser. Die süße Schwermut hatte mich wieder an den Eiern, fest, so wie früher, als ich noch unreif, aber irgendwie cooler war, als ich noch Nächte durchmachen konnte, um im Morgengrauen ein feines Lied zu schreiben, als ich mich selbst noch „Bohèmien“ genannt hätte, ohne mich dafür in Grund und Boden zu schämen. Die Platte verfolgte mich über Tage. Dieser starke Akzent, diese völlig unprätentiöse Stimmung, diese Melodien, die zu klein sind, um großer Pop zu sein, und deswegen erst richtig groß werden. Diese Beiläufigkeit, die selbst den kitschigen Liedern jeden Kitsch nimmt. Diese so melancholische Stimme, die klingt, als ob sie der Resignation ein Lächeln entgegensetzen würde, ein Dennoch. Die üblichen paar Akkorde, die immer noch funktionieren. Kurz: Ein paar Tage später gab ich mein Sparvorhaben auf und erstand die CD (das Vinyl ist offenbar leider nur als teurer UK-Import zu haben), und bin seither begeistert. Das Eröffnungsstück „Week Off“ ist ein flottes kleines Liedchen, das von Müdigkeit und der Notwendigkeit einer Pause handelt. Das tieftraurige Cover von Madonnas „Stay“ mit einer wunderbaren Geige (wenn Middleton singt: „You – you make my life much brighter“ – ist es eher ein müdes Nichtmehrhoffen auf Hilfe denn eine Liebeserklärung). Das unglaubliche „Follow Robin Down“, das sich einfach nicht in Worte fassen läßt und von der Hoffnung im Verlorensein (und vielleicht auch vom Verlorensein in der Hoffnung) erzählt. Und selbst das leicht banale „Blue Plastic Bags“ verliert seine Banalität durch seine liebevolle Beiläufigkeit. Und Middletons „Total Belief“ ist nur ein heiterer Glaube „in the depth my unworthyness“. Die Texte, die den Alltag zur Poesie machen und das eigene Scheitern heiter thematisieren und dabei en passant widerlegen. Irgendwann zwischen dem zweiten und dem zehnten Hören entdeckte ich, daß Lieder genau so klingen müssen, und daß ich in den letzten Monaten nichts Schöneres gehört hatte. So viel gleichzeitige Trauer und Versöhnung in einer knappen halben Stunde. Und gerade angesichts des im Mittelfeld angesiedelten Preises spreche ich hier einen uneingeschränkten Kaufbefehl aus.

http://www.malcolmmiddleton.co.uk/

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