Sunn O))) – „White 1“

15. April 2008

Southern Lord, 2003

Eine der wohl beeindruckendsten Neuentdeckungen der letzten Monate für mich ist das Album „White 1“ von Sunn O))), zu der ich – nun ja – ein wenig wie die Jungfrau zum Kinde gekommen bin. Von einem Freund aufs heißeste empfohlen, konnte ich mir, obschon mit einigen musikalischen Wassern gewaschen, auch nach ausführlichen Erzählungen nicht wirklich vorstellen, was mich erwarten würde. Bis sie mir kürzlich zugespielt wurde. Drei Lieder, vier Seiten und ein freundlich-abstraktes Cover. Überraschend – Krautlegende Julian Cope zählt zu den Mitwirkenden.

Ich war neugierig, als ich sie – auf Empfehlung im Dunkeln – endlich meinem Tonwiedergabegerät zuführte, aber auch leicht verängstigt: Wurde mir doch kolportiert, es handle sich um nur sehr schwer hörbare Musik, um Alptraummusik, um Drone Metal eben. Nun, Metal und all seine Facetten vor 1991 sind mir durchaus gut bekannt, aber Drone? Ein Brummton? Ich machte mich auf Lärm gefaßt, auf unerträgliche Klanggebilde, auf – was weiß ich. Und war angenehm überrascht. Sicher, wer in erster Linie Radio hört, wird kreischend davongaloppieren (es sei denn, er stellt in der Regel eine nicht besetzte Frequenz ein und lauscht dem weißen Rauschen). Aber der Lärm hält sich auf diesem Album tatsächlich in Grenzen, und anders als beim zweiten mir bekannten Sunn O)))-Album „Black 1“ treten auch die allzu offensichtlichen Metalelemente weit in den Hintergrund, sprich: Keine Growls und Grunts, kein Klischeemetalriffing in Zeitlupe. Vielmehr herrscht eine interessante Rhythmik vor, die zumindest bei „My Wall“ und „Gates of Ballard“ von einer außergewöhnlichen Vokalperformance begleitet wird, die diese beiden Stücke in zwei Teile teilt: Der erste mit, der zweite ohne Stimme.

„My Wall“ scheint textlich ein gigantischer nordischer Epos, ist aber „Lord Yatesbury’s thoughts about the landscape surrounding his home and the strange characters that inhabit it“, so diese Quelle, von Cope vorgesprechsungen mit einer leicht blechernen, aber irgendwie sympathischen Erzählstimme, die immer wieder durch feine Betonungen auffällt und an David Tibet von Current 93 erinnert. Außerdem scheint diese Wortgewalt von leisem Humor durchzogen zu sein, wenn plötzlich Johnny Guitar durch die Schlachfelder zieht. Vor „Gates of Ballard“ muß ich textlich kapitulieren, ich beherrsche keine nordischen Sprachen. Doch die Vokalperformance hier ist abermals eine erstaunliche: Fast mutet sie durch die irgendwie ausgelassene Melodie und die quäkende Stimme wie field recordings skandinavischer Folklore an. Mit ihrem Verstummen verändert sich das Stück, wird monotoner, mächtiger und gebiert abermals klanglich Außergewöhnliches: Irgendwann taucht aus dem Lärm ein Schlagzeug auf, wie es unkonventioneller kaum gemixt sein könnte. Denn das Hi-Hat und die Snaredrum sind extrem weit nach vorn gemischt und nahezu ohne Baß, so daß ihre recht komplexe Rhythmik fast klingt wie eine virtuos gespielte mechanische Schreibmaschine, während die typischen Metal-Kennzeichen eines Schlagzeugs, die wummernde Bassdrum und die wummernden Toms, fast unhörbar im Hintergrund bleiben.

Die Wirkung dieser Platte ist immens: die unglaublich langen Stücke üben einen hypnotischen Sog aus, der erstaunlich beruhigend wirkt, einen einlullt, einem fast das Gefühl von Geborgenheit inmitten des Lärms gibt. Und wenn es in „My Wall“ heißt: „In Stillness O’Malley and Anderson play on… play on… play on…“ und der Hörer entlassen wird in über ein weiteres Dutzend Minuten mit nur zwei schweren, langsamen Akkorden an der Untergrenze der hörbaren Frequenzen, die tatsächlich fast wie ein tiefes Schweigen wirken, fällt es schwer, sich dieser Platte noch zu entziehen.

Den dritten Track, „Shaving of the Horn that Speared You“, habe ich allerdings noch nicht durchgehalten.

www.ideologic.org
www.southernlord.com

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