Metallica – „Ride The Lightning“

7. Mai 2008

Music for Nations, 1984

Jetzt haben Metallica ihre ersten beiden Alben, „Kill ‚em All“ (1983) und „Ride The Lightning“ (1984) als Vinyl-Reissue herausgebracht, einmal in der normalen 12″-Version, und einmal als audiophile Doppel-7″. Ich konnte mir ein seliges Lächeln nicht verkneifen, als ich neulich auf die beiden 12″-Alben stieß, und einen Moment lang fühlte ich mich wieder jung.

Nicht, daß dieses Jungsein dereinst eine allzu freudige Sache gewesen wäre, aber gerade deshalb war „Ride The Lightning“, mein erster Kontakt mit Metallica, irgendwie passend. Es muß wohl ein Samstag gewesen sein, morgens um halb acht, denn wir saßen gerade im Physiksaal und warteten auf den Unterrichtsbeginn, als mein Schulkamerad (und zeitweiser Gitarrist in meinem ersten, kläglichen Gehversuch von Band) M. mir seinen Walkmankopfhörer gab (damals noch zwei Schaumgummiklumpen mit einem Drahtbügel) und diabolisch grinsend sagte: „Da, hör mal.“ Nach dem Akustikgitarrenintro, das den ersten Song von „Ride The Lightning“, „Fight Fire With Fire“, einleitet und für das ich M. ob dessen Kitsches (gespielt cool) verächtlich ansah, begann plötzlich der Heidenkrach der Becken von Lars Ulrich, gefolgt vom härtesten und finstersten Riff, das ich bis dato gehört hatte.

Wahrscheinlich machte ich große Augen, wahrscheinlich hatte ich eine Gänsehaut, und wahrscheinlich grinste mich M. süffisant und voller Triumph an. Uff, das war irgendwie zuviel für einen Samstagmorgen, an dem noch eine Doppelstunde Physik vor mir lag. Natürlich spielte ich den Coolen und gab M. den Kopfhörer mit anerkennenden Gesten und Worten zurück, doch war es weniger das Bahnbrechende an dieser musikalischen Entdeckung, das mir eine Gänsehaut verursachte. Mir machte diese Musik erstmal schlicht Angst.

Aber man mußte ja sein Gesicht wahren, also lief ich gleich nach der Schule in den örtlichen Plattenladen und besorgte mir das Album. Fasziniert hielt ich die Platte in der Hand, als ich wieder zuhause war. Diese Ästhetik war neu für mich: Das zwischen finster dräuend und hell leuchtend changierende Blau des Covers, durchzogen von den obligatorischen Blitzen (die bei heutigem Hinsehen eher billig und vielleicht schon peinlich wirken, eher wie ein Airbrush-Painting auf einer Motorhaube), und der frei schwebende elektrische Stuhl in der Mitte, der an einigen wenigen Stellen – ein cleverer Schachzug des Malers – nicht mehr metallisch Blau ist, sondern irgendwie eklig befleckt oder rostig ausschaut, eröffneten mir Welten, die ich mir von meinen Amigaspielen nur wünschen konnte.

Überhaupt, die Bilder der Band: Jungs wie du und ich, in Jeans und T-Shirt, mit langen Haaren, eingebettet in diese grafische und akustische Monumentalität – wow. Besonders faszinierend waren die Fotos auf dem Innersleeve, in grobkörnigem Schwarzweiß, und vor allem die wirklich dreckigen Socken von Kirk Hammett zeugten vom Geist echten Metals. Aber unterm Strich war es doch dieses plastische Blau, das mich gefangennahm.

Und dann die Musik, freilich: Vorher kannte ich Manowar und Kingdom Come, sprich: Micky Maus in Lack und Leder und bekiffte, drittklassige Led Zeppelin-Epigonen (und nur Led Zeppelin selbst konnten all die Jahre bestehen). Und jetzt dieses finstere Eingangsriff, dieser wuchtige Sound, diese überraschend komplexen Breaks, diese Geschwindigkeit, und über allem James Hetfields Gesang, der von ehrlicher Verzweiflung geprägt war, von ehrlicher Wut, fern jeder Affektiertheit, die z.B. Manowar anhaftete. Ein junger Mann, der sich die Seele aus dem Leib schrie, von seiner Angst zu sterben sang (wer will, kann den Titelsong als gesellschaftskritisches Statement gegen die Todesstrafe auffassen – ein Realismus, der Manowar ja völlig abging und -geht), und seine Lebensmüdigkeit und Traurigkeit in „Fade To Black“ so wunderbar in Klang fasste, dabei aber nicht aufgab, sondern am Ende in rasenden Zorn ausbrach. Mit „For Whom The Bell Tolls“ hörte ich die erste Metalhymne meines Lebens, die mir selbst heute noch keine Schamesröte ins Gesicht treibt, ich verstand zum ersten Mal, was Groove und Härte bedeuten konnten. Und diese Natürlichkeit nahm mir dann auch die Angst vor dieser damals unglaublichen Härte.

Natürlich war ich damals noch jung, Carcass lagen noch weit vor mir, und Industrial noch sehr viel weiter, und daher war ich dankbar für den Popappeal Metallicas, für die schönen Melodien, gerade von „Fade To Black“, aber auch von „Escape“, eigentlich ein echter melodischer Hardrocksong, nur in schwererem Gewand. Das verhinderte die Überforderung, die Carcass später ersteinmal bedeuteten, das verstärkte die Menschlichkeit, die street credibility, die Natürlichkeit Metallicas, von der auch die Fotos zeugten.

Mit diesem Album begann für mich das Ende des Fantasy-Metals von Manowar, das Ende des Kitschs in der harten Musik, begann ich zu unterscheiden zwischen Authentizität und Gepose. Und Guns N‘ Roses konnten später nur deswegen bestehen, weil sie eine ähnliche Authentizität besaßen wie eben Metallica.

Spricht man mit Metallica-Fans, dann belegt „Ride The Lightning“ eher einen der hinteren Plätze in der Beliebtheitsskala. „Master Of Puppets“ (1986) und besagtes „Kill ‚em All“ belegen die ersten Plätze, und auch ich höre mittlerweile am liebsten das bei echten Metalheads weitgehend abgelehnte Album „Load“ von 1996. Doch gehört das Anfangsriff von „Fight Fire With Fire“ auch heute noch zum Härtesten, das es gibt – und nichtmal Slayer, die damals irgendwie alle überholt haben, kommen da ran -, gehören „Fade To Black“ und „Escape“ mit zum Ergreifendsten, und gehört Cliff Burtons Baß in „The Call Of Ktulu“ mit zum Brillantesten in der Rockmusik.

Als erstes Album, das ich von Metallica besaß, und als das mit den schönsten Farben auf dem Cover, und nicht zuletzt als das, das „For Whom The Bell Tolls“ beherbergt, wird mir diese Platte immer die liebste von Metallica bleiben, und wer sie noch nicht hat, soll sich jetzt das Reissue kaufen, aber bitte auf 12″, denn nur da entfaltet das Cover seine Wirkung, die besser ist als jedes Amiga-Adventure.

http://www.metallica.com

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