Island, 2008

Alle Welt redet darüber; ich auch. Am aktuellen medialen Diskurs über Portisheads drittes Studioalbum, prosaisch „Third“ betitelt, gibt es zwei Dinge, die mich prinzipiell und meist völlig zurecht erstmal tüchtig abschrecken. Einmal ist es das Etikett des „Comebacks“, der „Reunion“, und zum zweiten der in dieser Vehemenz geführte Diskurs selbst. Comebacks bzw. Reunions altgedienter Bands aus anderen Zeiten gehen erstens fast immer in die Hose (siehe die Stooges), haben zweitens meist unschöne Motive (siehe die Sex Pistols) und führen drittens im besten Fall zu keinem weiteren nennenswerten Ergebnis (siehe die Pixies). Und wenn über eine Band, die sich über zehn Jahre nach ihrem letzten Studioalbum ein solches Comeback leistet, plötzlich so dermaßen viel geschrieben wird, wenn dieses neue Album überall so dermaßen über den grünen Klee gelobt wird, es also schlechthin „erfolgreich“ ist, liegt das meist daran, daß es ziemlich vielen gefällt, was wiederum auf ein Bedienen des kleinsten gemeinsamen Nenners der heterogenen Masse, sprich: auf eine möglichst große Identifikationsfläche zugunsten einer möglichst kleinen eigenen Identität, zurückzuführen ist. Oder simpel gesagt: Je mehr Leuten es gefällt, desto weniger Kanten, Ecken und Eigenleben kann es haben, desto geschliffener und uninteressanter ist es.

Manchmal aber trifft man auf ein Meisterwerk, das einen einfach umhaut, und wenn es auch hundertmal ein Comebackalbum einer wiedervereinigten Band ist, muß man dann einfach zugeben: Es wird zurecht überall über dieses Album geredet. So ein Album ist „Third“. Ein dunkles Album, ein furchterregendes Album, voller Angst, Schuld, Einsamkeit, voller schmerzlicher, vergeblicher Liebe, voller Einsamkeit und Isolation. Aber dennoch: Das erste, was mir an diesem Album auffiel, war, daß es wesentlich zugänglicher ist als sein Vorgänger, das selbstbetitelte zweite Album von Portishead von 1997. Machte es dieses dem Hörer nach dem großartigen Debut „Dummy“ (1994) nahezu unmöglich, überhaupt noch einen Zugang zur Musik zu finden, spielte sich Gibbons‘ Verzweiflung wie hinter Panzerglas ab und ließ mich damals bei allem Barmen und Flehen eigentlich unbeeindruckt, weil sie einfach zu weit weg war, so steht „Third“ wieder dicht beim Hörer.

Das liegt wahrscheinlich zuerst einmal am Sound selbst: Bei aller Düsternis ist er wärmer geworden, analoger, herzlicher, aber gleichzeitig auch härter, brutaler, grausamer. Einerseits finden sich intsrumentale Melodien wie auf „The Rip“ oder dem Opener „Silence“, andererseits wird eine fast industriell anmutende Lärmkeule ausgepackt, wie in „Plastic“, „We Carry On“ mit seinen disharmonischen Gitarrenläufen oder „Machine Gun“. Zwischendrin dann plötzlich der Folk-Chanson „Deep Water“, nur mit Ukulele und Harmoniegesang, ein kleiner, zärtlicher Fremdkörper, bevor die gewaltige Monotonie von „Machine Gun“ losbricht. Die langen Lieder scheinen zwischen Fragmentarischem und sehr Durchdachtem zu schweben, zwischen Zaghaftigkeit und Gewalt, zwischen Zögern und Drängen.

Und gemein zum Hörer sind sie auch noch: „Silence“ und „Small“ brechen einfach mittendrin ab, „The Rip“ läßt sich sehr lange Zeit, bis zur einsamen Gitarre warme Klangflächen und ein schneller Beat hinzustoßen, doch gerade, als eine weitere, noch wärmere Synthiemelodie sich sanft über das Lied legt, wird wieder ausgeblendet. „Machine Gun“ quält den Hörer mit seinem abgehackten, übersteuerten Beat, der einfach nicht ins Fließen geraten will, läßt Gibbons hilflos gegen die Maschinerie ansingen, um die Erlösung der analogen Synthiemelodie nach minutenlanger, eiskalter Dunkelheit nur wenige Sekunden andauern zu lassen, um dann einfach abzubrechen. Was für eine Tortur, was für eine clevere Brillanz!

Tatsächlich ist der einzige Schwachpunkt der Platte Beth Gibbons‘ Gesang: Klein, dünn, schwach und wenig abwechslungsreich fleht sie sich durch die Klanghöllen von Geoff Barrows und Adrian Utley, wirkt bei aller Verzweiflung wieder abwesend und freiwillig isoliert, außer im kindlichen „Deep Water“. Doch ist dieser Schwachpunkt zum einen wirklich nicht der Rede wert, denn Gibbons‘ Stimme kann zwar irgendwie nerven, bleibt aber dennoch wunderbar, und zweitens manifestiert sich hierin ein weiterer Aspekt der Platte: die Verlorenheit des Menschlichen in dieser kalten akustischen Maschinenwelt. Das erzeugt eine tiefe Spannung, ebenso wie der Widerspruch, der sich auftut, wenn die Musik plötzlich wärmer und humaner klingt als der Gesang. In diesem Widerspruch bleibt die Platte gefangen: zwischen Drängen und Zaudern, dem Hilfesuchenden und dem Abweisendem, und aus ihm schöpft sie ihre Stärke.

Und dann, am Ende, wird auch der Hörer alleingelassen: „Threads“ wird immer leiser und leiser, und am Ende bleibt nichts als eine dissonante, schwer verzerrte Gitarre, die schon mitten im zweiten Stück „Hunter“ verstörte, und nun tönt sie wie ein pervertiertes Nebelhorn, ruft wie ein sterbendes Urzeittier seinen beängstigenden Ruf in das Nichts, lockt und warnt gleichzeitig, man möge ihm ja nicht zu nahe kommen. Doch da ist es bereits zu spät, man war schon viel zu nahe dran. Dieses brillante Album ist zuende, hat sich im Herzen als kalter Fleck festgesetzt und will dort nie wieder weg. Und das ist gut so.

Ach ja, noch ein Satz zum Etikett „Trip Hop“ und zu den Neunzigern, mit denen sie immer wieder assoziiert werden und für die sie so wichtig waren: Trip Hop, Schmip Schmop, Portishead haben ihre Musik in die Gegenwart gerettet, kein Grund zu nostalgischem Seufzen also, das hat diese Platte nicht nötig.

www.portishead.co.uk

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Secretly Canadian, 2003

Eigentlich möchte ich einfach jedem diese Platte in die Hand drücken und sagen: Hör sie dir an, sitz einfach still, schließ die Augen, öffne dein müdes Herz und hör sie dir an, von vorne bis hinten, und fang dann wieder vorne an. Am besten im Dunkeln, wenn sich die Welt, die dir diese Musik eröffnet, am freiesten entfalten kann. Zwar hat diese Platte das schönste Artwork, das ich je an einer Platte gesehen habe, aber mach trotzdem die Augen zu und lass dich nur auf die Musik ein. Wieviele Farben die Dunkelheit haben kann!

„Magnolia Electric Co.“ ist das letzte Album von Songs: Ohia, oder vielleicht schon das erste von Magnolia Electric Co., das ist nicht so ganz klar, auf der Homepage von Secretly Canadian wird ersteres, auf der Homepage von Magnolia Electric Co. letzteres behauptet. Und letztlich ist es egal, es ist eine der zwei, drei besten Platten von Jason Molina, dem unglaublich wunderbaren Trauerkloß, der hinter Songs: Ohia sowie hinter Magnolia Electric Co. steckt.

Es war die richtige Platte zum richtigen Zeitpunkt: Aus inneren und äußeren Katastrophen in die innere und äußere Emigration geflüchtet, begegnete sie mir plötzlich aus dem Nichts, Schmerzensmusik für eine schmerzliche Zeit, geheimnisvoll und wunderschön. Geheimnisvoll schon allein deshalb, weil man sich ziemlich weit durcharbeiten muß, um herauszufinden, von wem diese Platte eigentlich ist. Das aufwendig gestaltete und mit einem wunderbaren Bild von William Schaff versehene Gatefold-Cover enthält keinerlei Text. Innen findet sich nur ein verschwommenes Bild der Band. Also weiter gesucht. Ein Beilagenblatt fiel mir entgegen, gefaltet und mit einem weiteren Gemälde von Schaff vorne drauf. Aber auch das half nicht weiter: Auf der Rückseite ist ein Faksimile von einem mit Bleistift und Sauklaue auf Schulheftpapier geschriebenem Text abgedruckt, auf die Schnelle nicht entzifferbar. Erst das Vinyl selbst gab Aufschluß: „Magnolia Electric Co. Songs by Jason Molina“. Weiterhin purzelte noch eine CD mit Demoversion der Songs nebst zwei unveröffentlichten aus der Hülle. Eine wahre Wundertüte also, eine Belohnung für den Vinylkauf.

Und die Musik hält, was das Artwork verspricht. Schon der erste Ton der fernen, verhallten, leicht angezerrten Pedal-Steelgitarre brach mir sofort das Herz, ich befand mich sogleich in der von Molina mit weicher, aber dennoch dringlicher Stimme besungenen Stadt, die durch einen Stromausfall in völliger Dunkelheit liegt (beiläufig erwähnt eröffnet sich hier unbemerkt ein kleines Katastrophenszenario: die Zivilisation, die plötzlich keinen Schutz mehr bietet und den Menschen völlig der Natur, dem kalten Mond, ausliefert), und auf die nur der fahle Mond scheint. Ein stilles Bild, hinter dem eine unheimliche Unruhe herrscht, eine unheimliche Stille, die nur von der „Farewell Transmission“, so der richtungsweisende Titel ausgerechnet des Eröffnungsstücks, zerschnitten wird. Und die Mitteilung ist eindeutig: „Listen!“ ruft Molina dem Hörer händeringend entgegen (oder hinterher), am Ende des Stücks allein, ohne Instrumente, und genau das tut man: Man gibt sich dem „Long Dark Blues“ hin, hört gebannt zu, hört der Verzweiflung von „I’ve Been Riding With The Ghost“ zu, wiederum von Steelgitarren und einem Frauenchor getragen, dessen Triumph über die erreichte Veränderung von der Bitterkeit des Verlusts getrübt wird. Man hört der süßen Melancholie von „Just Be Simple“ zu (ein Wunsch, den ich damals aus ganzem Herzen mitsang), der rabenschwarzen Dunkelheit von „Almost Was Good Enough“. Die erste Seite ist zuende.

Die zweite Seite bietet gleich drei Überraschungen: „Old Black Hen“ wird erstens nicht von Molina, sondern von Lawrence Peters gecroont (überraschend deswegen, weil Molinas Kosmos eigentlich ein schmerzhaft einsamer, zutiefst solipsistischer ist), zweitens ist der Song ein astreiner Countrysong, der sich vom tieftraurigen, Neil-Young-haften Folkrock der Restplatte abhebt, und drittens wird der Folgesong „Peoria Lunchbox Blues“ von der wunderbaren Scout Niblett gesungen, eine weitere Öffnung im Kosmos Molinas. Die Aggressivität und Härte von „John Henry Split My Heart“ wird noch verstärkt durch Molinas weiche, aber dennoch feste Stimme, bevor man mit dem intensiven „Hold On, Magnolia“ in warme, versöhnliche Melancholie entlassen wird: Die Straße liegt vor dir, die Einsamkeit ist dein Freund, der Mond scheint, und in dieser Stadt wäre es eh nicht mehr weitergegangen.

Man kann Molina vorwerfen, daß er nicht gerade der einfallsreichste Songwriter ist. Manche Lieder kommen mit einem Riff aus (auf früheren Platten genügten zwei Akkorde), die Gesangslinie folgt oft einfach der den Akkorden naheliegendsten Melodie, alle Lieder sind sehr lang, und aufs erste Hören wirkt die Musik recht konventionell. Die Länge und die vermeintliche Konventionalität aber schafft den Raum, den diese Musik braucht. So kann sich das Countryrock-Riff von „Farewell Transmission“ langsam und unbemerkt von Dur nach Moll schleichen und den energischen Song schleichend in einsame Traurigkeit stürzen, so kann man die Endlosigkeit von Molinas ewiger Fahrt durch die schwüle, unruhige Nacht förmlich am eigenen Leib spüren. Außerdem ist die Musik, sind die Musiker so inspiriert, ist Molinas Stimme so dringlich, ist seine abstrakte Lyrik mit den immer wiederkehrenden Motiven des Mondes, der Einsamkeit, der dunklen Vögel, der Schuld und des Abschieds, aber auch der Lebensweisheiten, simpel und wahr, wie man sie aus dem Blues kennt („real truth about it is, no one gets it right / real truth about it is / we’re all supposed to try / … / real truth about it is, my kind of life is no better of if I’ve got the map or if I’m lost“), so wunderschön, daß ein Durchlauf eh nicht genügt, um von „Magnolia Electric Co.“ genug zu bekommen. Es sind nicht die interessanten Akkordwechsel, das clevere Songwriting, clevere Rhythmen oder unterschiedliche Tempi, die Molinas Stärke sind, sondern seine Eindringlichkeit, seine Aufrichtigkeit, sein Schmerz und seine Stimme, die manchmal an Neil Young erinnert, meist aber bei sich ist, und ganz nah beim Hörer.

Wie ich später herausfand, klangen Songs: Ohia vor diesem Album ganz anders: reduzierter, hypnotischer, düsterer, und zumindest bei „The Lioness“ (mit Arab Strap) und „Didn’t It Rain“ mindestens genauso gut, wenn nicht gar besser. Molina fand hier Gefallen an der E-Gitarre, und später ging durch die Möglichkeiten einer echten Rockband, die er bei seinen Bandalben von da an benutzte, eben diese reduzierte, auf sich selbst zurückgeworfene Intensität verloren. Doch dieses Album ist und bleibt einfach unglaublich, bilderreich, intensiv, traurig, wunderschön, und in all der Hoffnungslosigkeit doch zumindest ein, zweimal mit einem bitteren Lächeln auf den Lippen: „And everything you hated me for, well, honey, there was so much more – I just didn’t get busted.“ Gut, daß sich Molina von uns hat erwischen lassen, um uns an diesem nächtlichen Zauber dieser ganz großen Platte teilhaben zu lassen.

www.songsohia.com
www.secretlycanadian.com