Songs: Ohia – „Magnolia Electric Co.“

11. Juni 2008

Secretly Canadian, 2003

Eigentlich möchte ich einfach jedem diese Platte in die Hand drücken und sagen: Hör sie dir an, sitz einfach still, schließ die Augen, öffne dein müdes Herz und hör sie dir an, von vorne bis hinten, und fang dann wieder vorne an. Am besten im Dunkeln, wenn sich die Welt, die dir diese Musik eröffnet, am freiesten entfalten kann. Zwar hat diese Platte das schönste Artwork, das ich je an einer Platte gesehen habe, aber mach trotzdem die Augen zu und lass dich nur auf die Musik ein. Wieviele Farben die Dunkelheit haben kann!

„Magnolia Electric Co.“ ist das letzte Album von Songs: Ohia, oder vielleicht schon das erste von Magnolia Electric Co., das ist nicht so ganz klar, auf der Homepage von Secretly Canadian wird ersteres, auf der Homepage von Magnolia Electric Co. letzteres behauptet. Und letztlich ist es egal, es ist eine der zwei, drei besten Platten von Jason Molina, dem unglaublich wunderbaren Trauerkloß, der hinter Songs: Ohia sowie hinter Magnolia Electric Co. steckt.

Es war die richtige Platte zum richtigen Zeitpunkt: Aus inneren und äußeren Katastrophen in die innere und äußere Emigration geflüchtet, begegnete sie mir plötzlich aus dem Nichts, Schmerzensmusik für eine schmerzliche Zeit, geheimnisvoll und wunderschön. Geheimnisvoll schon allein deshalb, weil man sich ziemlich weit durcharbeiten muß, um herauszufinden, von wem diese Platte eigentlich ist. Das aufwendig gestaltete und mit einem wunderbaren Bild von William Schaff versehene Gatefold-Cover enthält keinerlei Text. Innen findet sich nur ein verschwommenes Bild der Band. Also weiter gesucht. Ein Beilagenblatt fiel mir entgegen, gefaltet und mit einem weiteren Gemälde von Schaff vorne drauf. Aber auch das half nicht weiter: Auf der Rückseite ist ein Faksimile von einem mit Bleistift und Sauklaue auf Schulheftpapier geschriebenem Text abgedruckt, auf die Schnelle nicht entzifferbar. Erst das Vinyl selbst gab Aufschluß: „Magnolia Electric Co. Songs by Jason Molina“. Weiterhin purzelte noch eine CD mit Demoversion der Songs nebst zwei unveröffentlichten aus der Hülle. Eine wahre Wundertüte also, eine Belohnung für den Vinylkauf.

Und die Musik hält, was das Artwork verspricht. Schon der erste Ton der fernen, verhallten, leicht angezerrten Pedal-Steelgitarre brach mir sofort das Herz, ich befand mich sogleich in der von Molina mit weicher, aber dennoch dringlicher Stimme besungenen Stadt, die durch einen Stromausfall in völliger Dunkelheit liegt (beiläufig erwähnt eröffnet sich hier unbemerkt ein kleines Katastrophenszenario: die Zivilisation, die plötzlich keinen Schutz mehr bietet und den Menschen völlig der Natur, dem kalten Mond, ausliefert), und auf die nur der fahle Mond scheint. Ein stilles Bild, hinter dem eine unheimliche Unruhe herrscht, eine unheimliche Stille, die nur von der „Farewell Transmission“, so der richtungsweisende Titel ausgerechnet des Eröffnungsstücks, zerschnitten wird. Und die Mitteilung ist eindeutig: „Listen!“ ruft Molina dem Hörer händeringend entgegen (oder hinterher), am Ende des Stücks allein, ohne Instrumente, und genau das tut man: Man gibt sich dem „Long Dark Blues“ hin, hört gebannt zu, hört der Verzweiflung von „I’ve Been Riding With The Ghost“ zu, wiederum von Steelgitarren und einem Frauenchor getragen, dessen Triumph über die erreichte Veränderung von der Bitterkeit des Verlusts getrübt wird. Man hört der süßen Melancholie von „Just Be Simple“ zu (ein Wunsch, den ich damals aus ganzem Herzen mitsang), der rabenschwarzen Dunkelheit von „Almost Was Good Enough“. Die erste Seite ist zuende.

Die zweite Seite bietet gleich drei Überraschungen: „Old Black Hen“ wird erstens nicht von Molina, sondern von Lawrence Peters gecroont (überraschend deswegen, weil Molinas Kosmos eigentlich ein schmerzhaft einsamer, zutiefst solipsistischer ist), zweitens ist der Song ein astreiner Countrysong, der sich vom tieftraurigen, Neil-Young-haften Folkrock der Restplatte abhebt, und drittens wird der Folgesong „Peoria Lunchbox Blues“ von der wunderbaren Scout Niblett gesungen, eine weitere Öffnung im Kosmos Molinas. Die Aggressivität und Härte von „John Henry Split My Heart“ wird noch verstärkt durch Molinas weiche, aber dennoch feste Stimme, bevor man mit dem intensiven „Hold On, Magnolia“ in warme, versöhnliche Melancholie entlassen wird: Die Straße liegt vor dir, die Einsamkeit ist dein Freund, der Mond scheint, und in dieser Stadt wäre es eh nicht mehr weitergegangen.

Man kann Molina vorwerfen, daß er nicht gerade der einfallsreichste Songwriter ist. Manche Lieder kommen mit einem Riff aus (auf früheren Platten genügten zwei Akkorde), die Gesangslinie folgt oft einfach der den Akkorden naheliegendsten Melodie, alle Lieder sind sehr lang, und aufs erste Hören wirkt die Musik recht konventionell. Die Länge und die vermeintliche Konventionalität aber schafft den Raum, den diese Musik braucht. So kann sich das Countryrock-Riff von „Farewell Transmission“ langsam und unbemerkt von Dur nach Moll schleichen und den energischen Song schleichend in einsame Traurigkeit stürzen, so kann man die Endlosigkeit von Molinas ewiger Fahrt durch die schwüle, unruhige Nacht förmlich am eigenen Leib spüren. Außerdem ist die Musik, sind die Musiker so inspiriert, ist Molinas Stimme so dringlich, ist seine abstrakte Lyrik mit den immer wiederkehrenden Motiven des Mondes, der Einsamkeit, der dunklen Vögel, der Schuld und des Abschieds, aber auch der Lebensweisheiten, simpel und wahr, wie man sie aus dem Blues kennt („real truth about it is, no one gets it right / real truth about it is / we’re all supposed to try / … / real truth about it is, my kind of life is no better of if I’ve got the map or if I’m lost“), so wunderschön, daß ein Durchlauf eh nicht genügt, um von „Magnolia Electric Co.“ genug zu bekommen. Es sind nicht die interessanten Akkordwechsel, das clevere Songwriting, clevere Rhythmen oder unterschiedliche Tempi, die Molinas Stärke sind, sondern seine Eindringlichkeit, seine Aufrichtigkeit, sein Schmerz und seine Stimme, die manchmal an Neil Young erinnert, meist aber bei sich ist, und ganz nah beim Hörer.

Wie ich später herausfand, klangen Songs: Ohia vor diesem Album ganz anders: reduzierter, hypnotischer, düsterer, und zumindest bei „The Lioness“ (mit Arab Strap) und „Didn’t It Rain“ mindestens genauso gut, wenn nicht gar besser. Molina fand hier Gefallen an der E-Gitarre, und später ging durch die Möglichkeiten einer echten Rockband, die er bei seinen Bandalben von da an benutzte, eben diese reduzierte, auf sich selbst zurückgeworfene Intensität verloren. Doch dieses Album ist und bleibt einfach unglaublich, bilderreich, intensiv, traurig, wunderschön, und in all der Hoffnungslosigkeit doch zumindest ein, zweimal mit einem bitteren Lächeln auf den Lippen: „And everything you hated me for, well, honey, there was so much more – I just didn’t get busted.“ Gut, daß sich Molina von uns hat erwischen lassen, um uns an diesem nächtlichen Zauber dieser ganz großen Platte teilhaben zu lassen.

www.songsohia.com
www.secretlycanadian.com

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