Damaged Goods Records, 1999/2008

„Three chords are a problem;“ explains Billy Childish, „there’s just too much diversity and choice. People have allowed themselves to be hood-winked into believing that they need 50 T.V. channels and a McDonalds on every corner. No – the professionals are selling us rubbish, they’re hiding behind their badge of office and they’re bankrupt; they’ve just got no bravery or courage. Sopistication doesn’t equal power. […] This album uses one chord and it’s simple and dumb, but really it’s sophisticated beyond the wildest dreams of the poor professional. […]“

Dieser Text von Billy Childish findet sich auf dem Backcover des Albums von 1999, das nun dankenswerterweise von Damaged Goods wiederveröffentlicht worden ist, und damit ist eigentlich schon alles gesagt. „In Blood“ trägt den Untertitel „One chord! One song! One sound!“, und genau darum handelt es sich eigentlich auch. Wobei das natürlich gelogen ist, genau wie der Eindruck, den dieses Schlagwort vom radikalen Simplizismus einen Glauben machen will, und Childish nimmt die sophistication des Albums ja eh schon vorweg.

Bei „In Blood“ handelt es sich um das Duett-Album der wunderbaren Holly Golightly und ihrem Entdecker und einstigem Förderer Billy Childish, ehedem „Wild Billy Childish“, u.a. bekannt von den Headcoats, den Musicians of the British Empire und so weiter, bekannt als primitiver Garagenpunkrocker, als Autor und als ziemlich guter Maler. Über Holly Golightly sollte man eigentlich keine Worte mehr verlieren müssen. Childishs Output seit seinem Anfang in den 70ern ist komplett unübersichtlich, immer Lo-Fi, immer Punkrock und ziemlich tanzbar, und Golightly bewegt sich mittlerweile in düsteren, feinen Country- und Bluesgefilden. Während Golightly in ihrer Existenzs jenseits der Musik offenbar ein wenig aufregendes Leben als Mutter und Hausfrau führt, ist Childish ein enfant terrible der britischen Kunstszene, ein Kunst- und Poptheoretiker und ein ausgesprochen umtriebiger Musiker. Das als kleine theoretische Prämisse.

„In Blood“ ist nun offenbar eine Childish-Platte: besagter hochprimitiver, bluesbeleckter Garagenpunkrock, verzerrter Gesang, meist eine von beiden gesungene Melodie, die klassischen Blues-Scales, simple 4/4-Beats, und ab und an eine übersteuerte Bluesharp. Und Childishs Versprechen wird eingehalten (ich war tatsächlich erst überrascht und dann ziemlich amüsiert, daß Childish sich das wirklich traut): Jedes Lied basiert auf ein und demselben Akkord, wechselt diesen nur innert der üblichen Bluesvariationen und kommt meistens mit einem einzigen Riff aus. Das ist nun wirklich primitiv, simpel und saucool. Denn obwohl sich eigentlich nicht viel tut, tut sich doch verdammt viel: Diese Platte kickt Hintern, ist durch und durch tanzbar, ist in ihrer Primitivität ganz schön unverschämt und trotz des Rückgriffs auf alte Blues- und Punktraditionen und trotz ihres Alters von nunmehr neun Jahren durch ihre Reduktion, durch den alten und dadurch zeitlosen Sound und vor allem durch die lässige, beiläufige Spielfreude der Musiker frisch und lebendig. Sie geht in der Tat ins Blut, wie ihr Titel verspricht, sie umschifft mögliche Reflexionen und – und vielleicht liegt hier ihr politisches Potential – jeden Diskurs über sie, der sie möglicherweise kontrollieren könnte, durch ihren einfachen Imperativ: „Mach einfach!“

Ich gebe zu: Ich höre diese Platte ohne den theoretischen Hintergrund, den Childish bietet, den man in seinem Text nachlesen kann und auf seiner Homepage bzw. der des Hangman Buerau of Enquiry, der Künstlervereinigung, der Childish angehört. Zwar interessiert mich die politische Haltung dahinter sehr, aber „In Blood“ ist, man verzeihe mir die Jugendsprache, einfach geil. Scheiß auf Theorien oder was auch immer, ein Akkord ist genug, um mir den Spaß an der Gitarrenmusik, der mir in letzter Zeit etwas abhanden gekommen war, wieder zu geben. Das ist der Befreiungsschlag, den diese Platte leistet, das ist ihr politischer Sprengstoff, und das ist einfach und gut.

www.billychildish.com
www.hollygolightly.com
www.damagedgoods.co.uk

Drag City, 2008

Ach, ach, ach. Bonnie „Prince“ Billy aka Will Oldham hat ein neues Album veröffentlicht. Vor einiger Zeit, namentlich bis zu seinem letzten full length Album „The Letting Go“ von 2006, war dieser Satz Grund genug für mich, tagelang nicht schlafen zu können und alle naslang zum hiesigen Plattenhändler zu rennen und nach dem Vinyl zu fragen, mit feuchten Händen die CD anzuschauen und dann doch nicht reinzuhören, um die Spannung zu erhalten, die Vorfreude auf das erste Knistern der Rille, die Sekunden, bevor die Frage danach beantwortet wird, wie wohl das neue Album klingen mag, und schließlich, weil die Ungeduld größer war als die Vernunft, zig Kilometer zu fahren, um mir die LP in der nächsten Großstadt zu kaufen, nicht, ohne vorher aber auch wirklich jedem von besagter Veröffentlichung erzählt zu haben.

Bonnie „Prince“ Billy war damals eine Offenbarung für mich, 2000, als Johnny Cash auf „Solitary Man“ den Titelsong des besten Bonnie-Albums überhaupt, „I see a darkness“ (1999) mit Will Oldham selbst an der Zweitstimme coverte und bei aller Größe nicht einmal annähernd an das Original herankam. Soviel Brüchigkeit, soviele Lücken zwischen den Tönen hatte ich bis dahin nur bei Mark Hollis gehört, soviel Düsternis und gleichzeitig soviel kindliche Naivität, soviel Spiritualität und gleichzeitig soviele lustige Obszönitäten, und einfach solche wunderbaren Lieder, vorgetragen mit einer so wunderbaren Stimme und so spannenden, behutsamen Arrangements kannte ich bis dahin noch nicht. Ach, ich wurde zum glühenden Fan, kaufte, was ich in die Finger kriegen konnte, kaufte alles, was er unter seinen verschiedenen Namen (Palace Brothers, Palace Music, Palace, Will Oldham, Bonnie „Prince“ Billy, Bonny Billy, Bonnie „Blue“ Billy) veröffentlicht hat, gab teilweise horrendes Geld aus für einen einzigen Song auf einer 10″ im Fotobuch, und war verloren.

Dann kam besagte „The Letting Go“, zu der ich plötzlich keinen Zugang mehr fand. Überambitioniert fand ich sie, irgendwie esoterisch, und ich fragte mich, wo wohl diese tolle Brüchigkeit, wo diese wunderbaren Lücken in der Musik hin waren, fragte mich, wieso seine Stimme mir plötzlich so fern und unnahbar vorkam (was ich, ehrlich gesagt, schon früher bemerkt hatte), wieso ihre neue Festigkeit sie in so weite Ferne rückte, wohingegen ihre Unsicherheit, ihr Kippen und ihre gelegentlichen falschen Töne sie so nah bei mir sein ließen.

Und jetzt „Lie Down in the Light“. Die auf Gesang und Gitarre reduzierte Vorgänger-EP „Ask Forgiveness“ (2007) versprach nur Gutes, also war ich voller Hoffnung. Und als ich sie in den Händen hielt, fiel mir als erstes auf, daß Oldham das Layout des Schriftzuges bislang aller Bonnie „Prince“ Billy-Alben aufgegeben hat. Weiterhin fiel mir auf, daß, wie auf „Ask Forgiveness“, auf der Rückseite keine Titel angegeben sind. Aber egal, egal, wie mag sie wohl klingen? Ich ließ mir Zeit damit, sie endlich einmal aufzulegen, wartete auf einen ruhigen Moment, voller Hoffnung einer-, düsterer Vorahnung andererseits. Gleich das erste Lied allerdings, „Easy Does It“, ging mir zu Herzen: Ein fröhlicher kleiner Countrysong ist das, ganz naiv mit Akustikgitarren und Fiddle und einem Text über die kleinen Freuden und alles, was man im Leben wirklich braucht: Freunde, Familie, Musik. Schön. Doch das Weiterhören wurde irgendwie immer fader, als ob die Lieder einfach an der Oberfläche bleiben, als ob sie freundlich zum einen Ohr hinein-, zum anderen wieder herausgleiten, ohne Eindruck zu hinterlassen.

Die Platte erinnert immer wieder an eine ausformulierte Version von Bonnies „Master and Everyone“ (2003), nur daß dort die radikale Reduktion mit der kompositorischen Schwäche versöhnt und eben diese auch Programm sein mag: Sehr einfache Lieder zu einem sehr einfachen Setting, sehr spontan und nahe am Hörer und auch am Sänger. Auch hier gleichen sich die Melodien und sind eher gewöhnlich, doch die Instrumentierung ist üppiger (wenn auch, gottseidank, ohne Streicherkram wie auf „The Letting Go“), fließt aber allzu friedlich dahin, ist üppig auf die bescheidene, gesunde Art einer saftig grünen Wiese, zeigt kaum Brüche, erinnert auch kaum mehr an Oldhams musikalischen Ursprung in den Appalachen, sondern ist vielmehr Folkpop geworden, mit der songwriterischen Glätte (oder Profillosigkeit), die Pop zueigen sein muß, damit er Pop sein kann. Sicher, „So Everyone“ hat einen interessanten Rhythmuswechsel zwischen Strophe und Refrain, und die rauhe Stimme von Duettpartnerin Ashley Webber (offenbar die Schwester von Amber Webber von Black Mountain) fügt der Musik viel hinzu und klingt ganz wunderbar. Aber trotzdem und fürchterlicherweise bleibt die Platte profillos, wird beim letzten Stück der ersten Seite, „Missing One“ sogar fast peinlich mit der aalglatten möchtegernharten Gitarre.

Die B-Seite fällt dann gegen Seite A auch noch ziemlich ab, wird noch friedlicher, sprich: fader, klingt wie das Gitarrenspiel eines zufriedenen Mannes auf seiner Veranda, der leise irgendwas vor sich hin singt. Die Melancholie klingt nicht mehr nach der kindlich-existentiellen, fabulierenden Angst und Hoffnung von „I see a Darkness“, sondern nach der Rotwein-und-volles-Konto-Altherrenschwermut eines Hermann Hesse, dessen Gejammer unerträglich feist und satt klingt. Zwar ist Oldham bei weitem noch nicht an diesem Punkt, aber manchmal scheint dieser schlechte Geschmack doch etwas zu deutlich durch.

Will Oldham ist offenbar glücklich und zufrieden geworden. Das sei ihm gegönnt, aber seiner Musik tut das nicht gut (dieses Phänomen zeigt sich z.B. auch bei PJ Harveys „Stories from the City, Stories from the Sea“). Und nicht nur das: Sein Kontakt zu David Tibet von Current 93 und der ganzen Durtro Jnana-Crew haben ihn scheinbar spirituell werden lassen, religiös im esoterischen Sinne. Was bei David Tibet durch dessen Industrialvergangenheit und dessen Alpträume, dessen Nichtsangesstimme und dessen hypnotische Monotonie verstörend und faszinierend wirkt, bei Baby Dee (zu deren Album „Safe inside the Day“ Oldham wunderbare Zweitstimmen eingesungen hat) z.B. durch die Auseinandersetzung mit ihrer Transsexualität im Hinblick auf ihre Familiengeschichte für Reibungen und die Möglichkeit für sehr viel schönen Humor sorgt, wirkt bei Will Oldham aber glatt, zufrieden, bierernst. Die existentielle Komik seiner früheren Alben liegt scheinbar erstmal auf Eis, stattdessen riecht es nach Räucherstäbchen, zum Beispiel bei „Willow Trees Bend“, das in seiner zerfahrenen Instrumentalisierung sehr an die Gedichtvertonungen von „Get On Jolly“ (2000, mit Dirty Threes Marquis de Tren) erinnert (was das Lied deutlich aufwertet), oder dem, hm, es klingt wie ein Gemeindechor am Schluß der Platte.

Sicher: Will Oldham alias Bonnie „Prince“ Billy ist auch hier eine sehr schöne Platte gelungen, eine immerhin (und bis auf ein, zwei Ausrutscher) gute Platte, aber verglichen mit seinem Jugendwerk bei den Palace Brothers et al, oder gar mit seinem opus magnum „I see a Darkness“ ist „Lie Down in the Light“ weit davon entfernt, das Meisterwerk zu sein, von dem die Presse momentan an allen Ecken und Enden spricht. Oldham ist angekommen, ist jetzt gesetzt, ist glücklich und erleuchtet. Seiner Musik fehlt der Schmerz, der Wahnsinn und die dadurch gegebenen Möglichkeiten zu Humor und guter Musik. Seine textliche Spiritualität führt ihn leider nur zu „good, earthly music“, und das ist wohl „all there has to be“.

Was mir als Fan bleibt, sind seine unzähligen Kooperationen z.B. mit Baby Dee, mit Carrie Yuri, Björk oder der wunderbaren Scout Niblett (auch, wenn er es in letzter Zeit damit übertreibt und wirklich überall dabei ist; man möchte fast von einem Indie-Bono sprechen) und seine genauso zahllosen Klein- und Kleinstveröffentlichungen wie besagte Cover-EP, oder einige feine Singles-Flipsides, auf denen er oft die Glätte zugunsten von Humor und Experimenten über Bord schmeißt, oder seltsame Liveaufnahmen, die nur in Australien erscheinen oder auf irgendwelchen Internetseiten für Liebhaber. Und tatsächlich habe ich gerade den Opener „Easy Does It“ als Ohrwurm, und so schlecht fühlt es sich dann doch nicht an.

www.bonnieprincebilly.com
http://users.bart.nl
www.dragcity.com