Billy Childish & Holly Golightly – „In Blood“

21. Juli 2008

Damaged Goods Records, 1999/2008

„Three chords are a problem;“ explains Billy Childish, „there’s just too much diversity and choice. People have allowed themselves to be hood-winked into believing that they need 50 T.V. channels and a McDonalds on every corner. No – the professionals are selling us rubbish, they’re hiding behind their badge of office and they’re bankrupt; they’ve just got no bravery or courage. Sopistication doesn’t equal power. […] This album uses one chord and it’s simple and dumb, but really it’s sophisticated beyond the wildest dreams of the poor professional. […]“

Dieser Text von Billy Childish findet sich auf dem Backcover des Albums von 1999, das nun dankenswerterweise von Damaged Goods wiederveröffentlicht worden ist, und damit ist eigentlich schon alles gesagt. „In Blood“ trägt den Untertitel „One chord! One song! One sound!“, und genau darum handelt es sich eigentlich auch. Wobei das natürlich gelogen ist, genau wie der Eindruck, den dieses Schlagwort vom radikalen Simplizismus einen Glauben machen will, und Childish nimmt die sophistication des Albums ja eh schon vorweg.

Bei „In Blood“ handelt es sich um das Duett-Album der wunderbaren Holly Golightly und ihrem Entdecker und einstigem Förderer Billy Childish, ehedem „Wild Billy Childish“, u.a. bekannt von den Headcoats, den Musicians of the British Empire und so weiter, bekannt als primitiver Garagenpunkrocker, als Autor und als ziemlich guter Maler. Über Holly Golightly sollte man eigentlich keine Worte mehr verlieren müssen. Childishs Output seit seinem Anfang in den 70ern ist komplett unübersichtlich, immer Lo-Fi, immer Punkrock und ziemlich tanzbar, und Golightly bewegt sich mittlerweile in düsteren, feinen Country- und Bluesgefilden. Während Golightly in ihrer Existenzs jenseits der Musik offenbar ein wenig aufregendes Leben als Mutter und Hausfrau führt, ist Childish ein enfant terrible der britischen Kunstszene, ein Kunst- und Poptheoretiker und ein ausgesprochen umtriebiger Musiker. Das als kleine theoretische Prämisse.

„In Blood“ ist nun offenbar eine Childish-Platte: besagter hochprimitiver, bluesbeleckter Garagenpunkrock, verzerrter Gesang, meist eine von beiden gesungene Melodie, die klassischen Blues-Scales, simple 4/4-Beats, und ab und an eine übersteuerte Bluesharp. Und Childishs Versprechen wird eingehalten (ich war tatsächlich erst überrascht und dann ziemlich amüsiert, daß Childish sich das wirklich traut): Jedes Lied basiert auf ein und demselben Akkord, wechselt diesen nur innert der üblichen Bluesvariationen und kommt meistens mit einem einzigen Riff aus. Das ist nun wirklich primitiv, simpel und saucool. Denn obwohl sich eigentlich nicht viel tut, tut sich doch verdammt viel: Diese Platte kickt Hintern, ist durch und durch tanzbar, ist in ihrer Primitivität ganz schön unverschämt und trotz des Rückgriffs auf alte Blues- und Punktraditionen und trotz ihres Alters von nunmehr neun Jahren durch ihre Reduktion, durch den alten und dadurch zeitlosen Sound und vor allem durch die lässige, beiläufige Spielfreude der Musiker frisch und lebendig. Sie geht in der Tat ins Blut, wie ihr Titel verspricht, sie umschifft mögliche Reflexionen und – und vielleicht liegt hier ihr politisches Potential – jeden Diskurs über sie, der sie möglicherweise kontrollieren könnte, durch ihren einfachen Imperativ: „Mach einfach!“

Ich gebe zu: Ich höre diese Platte ohne den theoretischen Hintergrund, den Childish bietet, den man in seinem Text nachlesen kann und auf seiner Homepage bzw. der des Hangman Buerau of Enquiry, der Künstlervereinigung, der Childish angehört. Zwar interessiert mich die politische Haltung dahinter sehr, aber „In Blood“ ist, man verzeihe mir die Jugendsprache, einfach geil. Scheiß auf Theorien oder was auch immer, ein Akkord ist genug, um mir den Spaß an der Gitarrenmusik, der mir in letzter Zeit etwas abhanden gekommen war, wieder zu geben. Das ist der Befreiungsschlag, den diese Platte leistet, das ist ihr politischer Sprengstoff, und das ist einfach und gut.

www.billychildish.com
www.hollygolightly.com
www.damagedgoods.co.uk

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