Bone Voyage Recording Company, 2008

Uff. Eigentlich dachte ich ja eher, daß ich gestern mit dem Reissue der „Youth of America“ von den Wipers nach Hause gehen würde. So zumindest war mein etwas lustloser Plan für einen drögen Samstagnachmittag. Aber dann geriet mir die Platte von Judge Bone in die Finger, und weil ich schonmal da war, hörte ich eben auch mal rein. Uff. So richtig klar war mir nicht, was ich da kaufen würde, und ich gebe zu, unterm Strich nahm ich sie nur mit, weil ich unbedingt Geld ausgeben wollte. Aber was für eine Wucht das schon beim ersten Reinhören war, auch im Vergleich zu den Wipers (an dieser Stelle empfehle ich eh, zumindest was den Titelsong dieser Platte betrifft, das Cover der Melvins auf „Electroretard“, aber das dann ein andermal), wie brachial das klang!

Zuhause dann legte ich die Platte erstmal beiseite, vergaß gar, wie die Künstler bzw. die beiden finster dreinschauenden und von Alkohol und Kneipenprügeleien gezeichneten Typen auf dem Backcover heißen, und dachte mir: Naja, mal wieder was Unnötiges gekauft. Und dann, heute zum Frühstückskaffee, legte ich sie dann auf, mild neugierig geworden von den Bildern auf dem Cover, dem völlig irren Foto dieses völlig irren Predigers auf dem Innersleeve – offenbar Judge Bone himself -, und den verschmierten, handgeschriebenen Texten. Uff.

Kurz gesagt machen Judge Bone und Dog Hill nur mit Gitarre, Gesang, Schlagzeug und „Footstomps“ Blues. Aber was für einen! Direkt aus der Hölle der Übersteuerung, der Distortion, des dumpfen, mies aufgenommenen, aber virtuos wahnsinnig gespielten Schlagzeugs. Neben den klassischen Blueslicks, die in besagtem superbrachialen, völlig übersteuerten Sound gespielt werden, passiert ungemein viel Seltsames an den beiden Instrumenten (dazu höre man nur mal „Seventeen and in Misery“ an). Da werden hysterische Geschwindigkeiten ausgepackt, seltsame Fills und Breaks, und die langsamen Songs schleppen sich zäh und bedrohlich dahin, als wollten sie einem einfach so mal in die Fresse hauen. „Big Bear’s Gate“ klingt, als hätten sich Jon Spencer und Tom Waits um ein einzelnes Mikro gesetzt und ihr ganzes Können, ihre verschiedenen Verschrobenheiten, ihre ganze miese Laune und deren lustvolle Zelebration ausgepackt. Uff.

In Finnland, überraschenderweise (und dann irgendwie doch nicht) das Heimatland von Judge Bone, ist selbiger offenbar schon lange kein unbekannter mehr. Der – hihi – promovierte Jurist veröffentlich dort schon seit den 70ern als Tuomari Nurmio („Judge Bone“ auf Finnisch) Platten und fusioniert dabei scheinbar finnischen Tango mit Tom Waits (das erfährt man hier), doch „Big Bear’s Gate“ klingt wie direkt aus dem amerikanischen Hinterwald, wüst und brutal wie klanggewordene häusliche Gewalt im Titelsong oder in „Seventeen and in Misery“, trist und verloren auf dem Highway eines Tom Waits wie in „Train Train Train“, oder aber fast schon lustig, wie „You hate me and my Stetson Hat“. Und dann enden beide Seiten der Platte erstaunlich versöhnlich: Seite A mit dem Country-Schlager „Ramona“, der eigentlich nur noch durch diesen Sound vorm Kitsch gerettet wird, und Seite B mit dem klassischen, an Harry Nilssons „Everybody’s Talking“ erinnernden Countrytrack „I let the Angels do the Dreaming“, der einen dann lächelnd in den Sonnenuntergang reiten läßt.

Sicher, es finden sich zahllose Blues- und Countryklischees auf „Big Bear’s Gate“, aber erstens ist das ja das Schöne an dieser Musik, und zweitens bleibt neben diesem fiesen, druckvollen Mülltonnensound (kein Widerspruch) dann doch eine kompositorische und musikalische Virtuosität, wie sie nur einem gelingen kann, dem es eigentlich scheißegal ist, weil er nur das tut, was er tun will. Uff.

www.bonevoyagerecordings.com

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