Drag City, 2004

Es ist kalt geworden und ungemütlich, herbstlich sowieso, und in der Frühe gar schon leicht winterlich, mittlerweile steigen aus so gut wie allen Kaminen mehr oder minder dünne Rauchsäulen auf und die Luft riecht irgendwie nach Schnee, und als mich die Arbeit heute an diesem Samstagmorgen schon um halb acht aus dem Bett trieb, war das graue, triste Zwielicht draußen noch erfüllt von Nebel, die Wohnung kalt und der Kaffee noch nicht fertig.

Wäre der Kaffee nicht bitter nötig: Man würde sich in so einer Situation einen Tee brauen, sich vor den Kamin setzen, hätte man einen, und ein schönes, dickes, fabulierendes Buch lesen, könnte man sich noch auf Bücher konzentrieren. So aber, mit der wartenden Arbeit, der kurzen Aufmerksamkeitsspanne und dem fehlenden Kamin, muß ein anderes Wohlbefinden her, ein heißes Bad für die Seele sozusagen, ein Matetee für die Ohren.

„The Milk-Eyed Mender“ von Joanna Newsom, veröffentlicht auf dem arg feinen, immer leicht schrägen, manchmal auch sehr seltsamen, nie aber uninteressanten Chicagoer Label Drag City, ist so eine akustische Heizdecke für kalte Wintertage. Auf sie aufmerksam wurde ich, wie so oft, durch Will Oldham, der die Schöne dereinst offenbar entdeckt und mit auf US-Tour genommen hat, was dann hierzulande durch die Presse ging. Und ehrlich gesagt, was ich da so las, klang nicht interessant: ein junges Mädel im Einklang mit der Natur, spinnerte New-Folk-Liedchen, Texte wie aus dem Märchenbuch, bunte, bodenlange Kleider mit lustigen Blumenmustern, Vergleiche mit Devendra Banhart oder gar CocoRosie. Aber eines reizte mich dann doch, da wenigstens mal reinzuhören: Newsoms Instrument, nahezu das einzige auf der Platte, ist die Harfe, und das war neu. Naja, und halt Will Oldham, der mir damals alles hätte verkaufen können.

Also ging ich in den hiesigen Plattenladen, der freilich nur die CD vorrätig hatte, und hörte in ebendiese rein, und war sprichwörtlich verloren. Was ich da hörte, war mir vollkommen neu, aber es kam mir – man verzeihe mir den esoterischen Quatsch, den ich hier jetzt schreiben werde – vor, als würde ich diese Musik schon seit jeher kennen. Als rühre sie an frühesten Kindheitserinnerungen – oder eher -träumen -, als wäre „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ mit der wunderschönen Libuše Šafránková zu Musik geworden, als würde eine kleine Fee zu mir kommen und mich endlich dorthin entführen, wo ich hingehöre. Undsoweiter. Tatsache ist, daß ich mich nahezu ohne Umstände ins Auto setzte (das ich mir erst borgen mußte), um in die nächstgrößere Stadt zu fahren, wo ich „The Milk-Eyed Mender“ auch auf Vinyl kriegen würde, eine von diesen Platten also.

Tatsächlich wird das Album nahezu komplett von Newsoms Harfe getragen, und freilich von ihrer Kleinmädchenstimme, die sich durch die Lieder quäkt, maunzt, klagt, kichert, nur an manchen Stellen wirklich singt (und einmal sogar, im letzten Lied „Clam, Crab, Cockle, Cowrie“, ein wenig bluest), und die einem wohl, würde man ihr nicht aus Gründen, die erstaunlicherweise nichts mit Pädophilie zu tun haben, sondern eher mit oben beschriebener Unschuld und dem Anrühren am Kindlichen im Selbst (dazu bitte selber die entsprechende Literatur suchen), sofort verfallen, ziemlich schnell ziemlich arg auf die Nerven gehen würde. Dieses Mädchen mit ihrer Harfe ist dem Hörer aber, gerade durch den weitgehenden Verzicht auf andere Instrumente, immer sehr nahe, sehr vertraut und unmittelbar sehr lieb geworden, wie man so allein mit ihr in ihrem Jungmädchenzimmer mit Blick auf die Felder sitzt und ihr zuhört, gerade noch unschuldig, gerade noch nicht an Sex oder so denkend, gerade noch an Magie und Zauberei glaubend.

Die Harfe selbst klingt hier für europäische Ohren sehr seltsam. Newsom berichtet in Interviews, vor allem vom afrikanischen Harfenspiel beeinflußt zu sein, und das schlägt sich deutlich in ihrer Rhythmik nieder. Das Saiteninstrument, hierzulande eher durch kitschige Glissandos in Vorweihnachtsfilmen bekannt (was man durchaus auch hier findet, auf „Cassiopeia“ z. B.), wird sehr perkussiv gespielt, repetitiv, teils sehr reduziert (man höre dazu z. B. „The Book of Right-On“, das die Harfe teils zu einem reinen Baßinstrument macht). Newsom spielt erstaunliche Harmonien, wunderschöne „Riffs“ (um im Rocksprech zu bleiben), und wenn die Lieder nicht gerade kindlich ausgelassen sind („Inflammatory Writ“, „Peach, Plum, Pear“), oder einfach fröhlich und schön („Bridges an Balloons“ oder das von einer Steelguitar unterstützte „This Side of the Blue“), wirken sie seltsam verträumt, nur halbwach, irgendwie irreal („Sprout and Bean“, „The Book of Right-On“, „En Gallop“), was nicht zuletzt an besagten eigenartigen Harfenharmonien liegt, die wie aus dem Halbschlaf herüberwehen und den Hörer nicht mehr loslassen aus ihrem so sanften Griff.

„This Side of the Blue“ oder das Traditional „Three Little Babes“, gespielt auf einem E-Piano von Wurlitzer bzw. einem normalen Klavier, und letzteres gesanglich begleitet von Produzent und Steelgitarrist Noah Georgeson, so die Linernotes, wirken dagegen fast erdig, und „Peach, Plum, Pear“ mit seinem Cembalo irgendwie barock. Am auffälligsten und vielleicht auch am irritierendsten sind die Stellen, an denen Newsom ihre Stimme erhebt oder doppelt, wie in „Sprout and the Bean“ oder „Peach, Plum, Pear“, wo das Kleinmädchenhafte plötzlich irgendwo zwischen „süß“ und „ziemlich gespenstisch“ oszilliert und so einen spannenden Bruch verursacht.

Insgesamt zeichnet sich „The Milk-Eyed Mender“ aber vor allem durch unglaublich schöne Lieder aus, die in ihrer Naivität eine große kompositorische Cleverness beweisen, durch wunderbare Melodien, die durch die reduzierte Instrumentierung wunderbar nach vorne treten können, und bei denen es völlig egal ist, ob sie nun mit ungewöhnlichem Instrument und ungewöhnlicher Stimme von einem ungewöhnlichen Mädchen (es fällt schwer, die mittlerweile Mitte, Ende Zwanzig seiende Newsom anhand dieses Albums wirklich als Frau zu begreifen) vorgetragen werden, oder vom üblichen dicken Mann mit Gitarre. Solche Lieder hat man noch nicht gehört, und leider hat Newsom solche Lieder bisher auch nicht mehr hinbekommen.

Newsoms Texte sind – immerhin gute – Mädchenlyrik, man muß sie nicht mögen oder verstehen, aber sie sind von einer eigenartigen Melancholie durchzogen, von einem schrägen Humor, und sie beinhalten immer wieder wundervolle Zeilen, die sogar einem alten Sack wie mir nahegehen, und immer ahnt man hinter all dieser Naivität die tiefe Weisheit der Schildkröten oder ähnlicher Märchengestalten.

Sehr schade und ein wirkliches Manko ist nur, daß es offenbar einen Pressfehler im Vinyl gegeben hat, denn gerade „This Side of the Blue“, letztes Lied der ersten Seite, ist an den lauten Stellen völlig übersteuert und verzerrt, was dem Zauber freilich fast den Todesstoß versetzt, wäre es nicht Joanna Newsom, seufz. Auf der CD klingt das Lied dann normal und schön, und außerdem ist das Booklet, anders als bei der LP, kein lieblos aufgemachtes, beigelegtes Schwarzweißblatt, sondern eben ein kleines Büchlein, in dem man zumindest blättern kann. Diese optische Benachteiligung machte Newsom dann bei ihrem zweiten Album allerdings wieder wett, indem die LP wie ein großes, mehrseitiges Märchenbuch daherkommt (das hätte ihr mal früher, nämlich zu ihrem weit bessern Debut einfallen sollen, schade).

Später kam Joanna Newsom dann privat mit Bill Callahan zusammen, geschäftlich mit Van Dyke Parks, der die Streicherarrangements ihres zweiten, überambitionierten, bei weitem nicht so guten Albums „Ys“ geschrieben hat (wie diese Streicher Mickey-Mousing betreiben, ist teilweise fast schon albern und viel zu kitschig, und außerdem kleistern sie das, was von Newsoms wunderbaren Melodien geblieben ist, auch noch völlig zu. Ich würde gerne eine streicherlose Version von „Ys“ hören), und mit dem an sich genialen Kauz Jim O’Rourke, der dieses produzierte und bedauerlicherweise aus dem Jungmädchenzimmer herausholte, ihre Lieder wurden lang und länger und enttäuschten dann doch durch eine eher konventionelle „Weirdness“ (siehe den Begriff des „New Weird America“ oder so ähnlich), aber dieses Debut ist eine der schönsten, wärmendsten, bezauberndsten Platten aller Zeiten, mit ein paar der besten, schönsten, wunderlichsten Lieder aller Zeiten, von einer der (zumindest auf diesem Album noch) bezaubernsten Musikerinnen aller Zeiten, wie geschaffen für den winterlichen Rückzug ins Private, ins Vergangene, ins Heimelig-Kuschlige.

Der Morgen ist jetzt weit vorangeschritten, draußen ist es immer noch grau, und ich habe immer noch keine Lust zu arbeiten (weniger als vorher gar), aber immerhin habe ich jetzt gute Laune, warme Füße und ein noch wärmeres Herz (und eine kitschige Wortwahl, die mir aber gar nichts ausmacht), Joanna Newsom sei Dank.

www.joanna-newsom.com
www.dragcity.com
www.fromamouth.com/milkymoon

4AD Records, 2003

Weil ich sie in letzter Zeit wieder sehr, sehr oft gehört und mit jedem Hören mehr Brillanz entdeckt habe, weil mir mittlerweile auch die Songs gefallen, die mir am Anfang zu lahm gewesen sind, weil ich mittlerweile auch die Subversivität der glatteren Songs zu schätzen weiß, weil die Mountain Goats erst dieses Jahr mit „Heretic Pride“, ebenfalls auf 4AD, ein neues Werk vorgelegt haben, weil dieses zwar sehr gut, „Tallahassee“ allerdings um ein Vielfaches besser ist, und weil die großartigen Mountain Goats in diesem Blog erstaunlicherweise noch nicht vertreten sind, kommt hier ein Loblied auf „Tallahassee“, die wahrscheinlich beste Platte des – gelegentlich durch weitere Musker aufgestockten – Duos aus Songwriter, Sänger und Gitarrist John Darnielle und Bassist Peter Hughes.

Begegnet sind mir die Mountain Goats auf irgendeinem Sampler, und zwar gleich mit ihrem Übersong dieses Albums, „No Children“, ein hysterisch-fröhliches Lied über die grauenvollsten Aspekte einer Paarbeziehung, verpackt in einen Folksong, der klingt wie Dylan auf Koffeein, mit einem gewitzt-gehässigen, extrem poetischen Text, lo-fi genug, um mein Punkrockerherz höher schlagen zu lassen, aber dennoch gut genug aufgenommen, um alle Nuancen von Darnielles nasalem Gesang, dem brillanten Baßspiel von Peter Hughes und dem schönen Piano deutlich hervortreten zu lassen (anders als z.B. auf „Sweden“ (Shrimper Records, 1996), wo es die schmuddelige Aufnahme gelegentlich schwer macht, die Lieder am Stück durchzuhören, ohne jetzt irgendwie spießig wirken zu wollen …).

Und das Album steht dem Hit in nichts nach. Schnelle, immer leicht hysterische Lieder wie besagtes „No Children“, „First Few Desperate Hours“, „Southwood Plantation Road“ oder das Schlußstück „Alpha Rat’s Nest“ wechseln sich ab mit sehr schönen, sehr ruhigen, sehr melancholischen Stücken wie dem ergreifenden „Game Shows Touch Our Lives“, „Idylls of the King“, oder dem „Internationall Small Arms Traffic Blues“, und ab und zu wird es in all dieser schönen, leicht schwermütigen Abendsonnenstimmung stockfinster: Bei „The House That Dripped Blood“, „See America Right“ oder „Oceanographer’s Choice“ tun sich Abgründe auf, die inmitten all dieser – falschen – Idylle umso erschreckender und grausamer wirken, steht der Mensch, der das ja schon irgendwie geahnt hat, plötzlich ganz alleine da mit seiner Schuld und fragt sich ängstlich, aber auch irgendwie resigniert: „What will I do when I don’t have you, when I finally get what I deserve?“

Eine berechtigte Frage, wünscht das lyrische Ich seiner Partnerin doch ein paar Lieder vorher: „I am drowning, there is no sign of land. You are coming down with me, hand in unloveable hand. I hope you die. I hope we both die“. Und selbst das versprochene Treuegelübde ist schrecklich, voller Alkoholmißbrauch, Angst und apokalyptischer Bilder: „My love is like a dark cloud full of rain that’s always right there up above you“, droht Darnielle, dem selber angst und bange ist: „But we try to keep our spirits high, but they flag and they wane […] through these first few desperate hours“.

Eine monströse Idylle, die Darnielle hier also besingt, eine Liebe, die längst zu einer Todesfalle geworden ist, und es gibt nichts, was einem die eigene Schuld daran abnehmen könnte. Getragen wird alles (bis auf besagte tiefschwarze Lieder, in denen ein treibendes Schlagzeug und eine schmerzlich verzerrte E-Gitarre bzw. ein gemein verzerrter E-Baß endlich ausbrechen dürfen) von Akustikgitarre und Baß, ab und zu gesellt sich ein Klavier dazu, ab und zu noch andere kleine Instrumente. Die Melodien sind einfach, schön, gehen gleich ins Ohr, die Akkordfolgen sind simpel, und wären diese Lieder und ihre Texte nicht von einer derartigen Intensität, vorgetragen mit soviel heiterer Verzweiflung, augenzwinkernder Resignation, spielerischem Haß und irgendwie lustigem Irrsinn, man könnte sie für zu simpel, zu langweilig halten. So aber bleiben sie auch beim hundertsten Hören atemberaubend, im guten wie im schlechten – weil schockierenden – Sinn.

„Tallahassee“ läßt sich fließend einordnen in das Gesamtwerk der Mountain Goats, sowohl motivisch als auch musikalisch, es verfolgt Metaphern und musikalische Motive, die sich immer wieder finden, und doch ist das Album zwingernder als die (viel zu wenigen) anderen Platten der beiden, die ich kenne (ausgenommen sei der Nachfolger „We All Shall Be Healed“ von 2004), es bricht einem mehr als alles andere das Herz, wie Darnielle gutgelaunt ins Verderben läuft und genau weiß, was er da tut, wenn er sein lyrisches Du einfach mitnimmt. Nirgendwo waren Angst, Verzweiflung, Haß und Schuld bislang so sonnig, so herzerwärmend, so poetisch und erdig zugleich verpackt wie auf „Tallahassee“, nirgendwo fühlt sich der Mensch angesichts all dieser Verlorenheit und Einsamkeit, die einem hier begegnet, so sehr aufgehoben und wohlig daheim. Aus dem Abgrund ein Lächeln aus wunderbaren, in ihrer Hoffnungslosigkeit hoffnungsvollen Liebesliedern.

www.mountain-goats.com
www.themountaingoats.net
www.4ad.com

P.S.: Auf www.sadyoungcardinals.blogspot.com findet sich auch eine erweitere, englische Version dieses kleinen Artikels!

The Pyramids – s/t

11. Oktober 2008

Domino Records, 2007

Wieder einmal ist es die alte Tante Zufall, die einem die besten Platten in die Hände spielt, Platten, die man eigentlich nie angehört, geschweige denn gekauft hätte, so zum normalen Vollpreis. Vielleicht, weil man sie einfach immer überblättert, vielleicht, weil der lokale Händler sie nie in den Laden kriegt, vielleicht, weil sie optisch etwas anderes nahelegen, als dann drin ist, und man sich für sein Vorurteil nicht weiter interessiert. So eine Platte ist das Debut der Pyramids, das mir beim Überblättern im Plattenladen eher nach moderner Worldmusik aussah, so linksradikales spanisches Zeug oder ähnliches, und das ich deswegen nie näher anschaute (obwohl ich das Cover eigentlich ziemlich schön fand). Das muß, gottseidank, allen anderen auch so gegangen sein, denn irgendwann stand besagtes Album plötzlich bei den 2nd-Hand-Platten gegenüber, noch nagelneu und in bestem Zustand. Und wie mich das so angeguckt hat, glänzend, noch ohne Falten, Knicke oder Kratzer, für nur drei Euro, da nahm ich sie doch mal in die Hand und las auf dem Backcover erstaunt „Domino“.

Domino Records ist grundsätzlich ein gutes Label, das Will Oldham in Europa erhältlich gemacht hat oder Smog, und das in letzter Zeit durch Bestseller wie Franz Ferdinand, Sons And Daughters oder die Arctic Monkeys aufgefallen ist. Daneben finden sich dort z.B. die Television Personalities, Clinic, der wunderbare James Yorkston oder das Reissue der tollen, tollen Young Marble Giants, und auch Archie Bronson Outfit, derer zwei von dreien die Pyramids bilden. Grob kann ich mein Verhältnis zu Domino so ausdrücken: Nicht alles gefällt mir dort, aber etwas wirklich schlechtes haben sie auch noch nicht veröffentlicht, alles ist qualitativ sehr gute Musik.

Also doch reingehört in die Pyramids, gestaunt und gekauft. The Pyramids vereinen eigentlich alles, was mir momentan an elektrischer Gitarrenmusik gefällt: repetitiver Lärm, eine gewisse Härte, Primitivismus und Monotonie, und der Groove der guten alten 60s-Garagenpunks wie The Sonics oder The Monks, zeitgemäß in die Gegenwart gerettet (dieser Bezug wird auch bewußt durch den Bandnamen selbst, der eine 60s-Surfkapelle gleichen Namens zitiert, hergestellt).

So beginnt die Platte mit „Pyramidy“, einem seltsamen Geräuschintro, und mit „A White Disc Of Sun“ hat die Platte bereits ihren ersten Hit, meine Herrn! Mit einem einzigen monotonen Riff, das zu noisy klingt, um Garagenpunk zu sein, aber wie Garagenpunk groovt, mit einem Gesang, der viel zu verzweifelt klingt, um Garagenpunk zu sein, wird hier eine ganz eigene Version von Garagenpunk gespielt und werden die Merkmale der Platte etabliert. Am ehesten ein Indie-Disco-Hit kann die (als 7″ bereits vergriffene) Single „Hunch Your Body, Love Somebody“ durchgehen, deren Hitpotential allerdings wiederum von besagten Merkmalen torpediert wird. Weshalb „Empty Yourself“ oder „Festoons“ auch keine Country-Punksongs sind. Verschnaufpausen bieten einem nur das sphärische Eröffnungsstück der zweiten Seite, „Guitar Star“, in dem tatsächlich die Gitarre, bzw. dieser eine sanfte Akkord, der Star ist, und das schleppende „Manitou“, das aber auch nur, weil es so langsam ist.

Den Pyramids ist an diesem einen Wochenende, an dem die Platte der Legende nach entstanden sein soll, das Kunststück gelungen, verschiedene Zeitalter der Gitarrenmusik zu verschmelzen (namentlich die 60er und die 90er) und so aufzunehmen, daß sich zwar ein – auf irgendeine perverse Art – harmonisches Gesamtgebilde ergibt, dieses aber von allerlei – teils auch anstrengenden – Spannungen lebt: der verzweifelte Gesang (der immer wieder an Mudhoneys „Blinding Sun“ ohne Gequengel erinnert), der Lärm, die Störgeräusche und die teils wirklich fiese Monotonie der Riffs, die irgendwie an 90er-Bands wie Bastro erinnert, oder vielleicht an Slint ohne Breaks, oder an Quickspace, einer-, die Garagenrockseligkeit im Riffing, im Songwriting und in den hinter der stimmlichen Verzweiflung liegenden Melodien andererseits. Eine ganz feine, ungewollt supercoole, aber dennoch ziemlich verstörende Platte, die auch neugierig macht auf die Hauptband der beiden, Archie Bronson Outfit. Und schön verpackt, mit Texten auf dem Innersleeve und einem schönen Miniposter ist sie obendrein noch. Also nicht warten, bis sie irgendwo gebraucht zu haben ist, denn der Vollpreis lohnt sich. Fuck yeah.

www.myspace.com/pyramidy
www.dominorecordco.com