The Pyramids – s/t

11. Oktober 2008

Domino Records, 2007

Wieder einmal ist es die alte Tante Zufall, die einem die besten Platten in die Hände spielt, Platten, die man eigentlich nie angehört, geschweige denn gekauft hätte, so zum normalen Vollpreis. Vielleicht, weil man sie einfach immer überblättert, vielleicht, weil der lokale Händler sie nie in den Laden kriegt, vielleicht, weil sie optisch etwas anderes nahelegen, als dann drin ist, und man sich für sein Vorurteil nicht weiter interessiert. So eine Platte ist das Debut der Pyramids, das mir beim Überblättern im Plattenladen eher nach moderner Worldmusik aussah, so linksradikales spanisches Zeug oder ähnliches, und das ich deswegen nie näher anschaute (obwohl ich das Cover eigentlich ziemlich schön fand). Das muß, gottseidank, allen anderen auch so gegangen sein, denn irgendwann stand besagtes Album plötzlich bei den 2nd-Hand-Platten gegenüber, noch nagelneu und in bestem Zustand. Und wie mich das so angeguckt hat, glänzend, noch ohne Falten, Knicke oder Kratzer, für nur drei Euro, da nahm ich sie doch mal in die Hand und las auf dem Backcover erstaunt „Domino“.

Domino Records ist grundsätzlich ein gutes Label, das Will Oldham in Europa erhältlich gemacht hat oder Smog, und das in letzter Zeit durch Bestseller wie Franz Ferdinand, Sons And Daughters oder die Arctic Monkeys aufgefallen ist. Daneben finden sich dort z.B. die Television Personalities, Clinic, der wunderbare James Yorkston oder das Reissue der tollen, tollen Young Marble Giants, und auch Archie Bronson Outfit, derer zwei von dreien die Pyramids bilden. Grob kann ich mein Verhältnis zu Domino so ausdrücken: Nicht alles gefällt mir dort, aber etwas wirklich schlechtes haben sie auch noch nicht veröffentlicht, alles ist qualitativ sehr gute Musik.

Also doch reingehört in die Pyramids, gestaunt und gekauft. The Pyramids vereinen eigentlich alles, was mir momentan an elektrischer Gitarrenmusik gefällt: repetitiver Lärm, eine gewisse Härte, Primitivismus und Monotonie, und der Groove der guten alten 60s-Garagenpunks wie The Sonics oder The Monks, zeitgemäß in die Gegenwart gerettet (dieser Bezug wird auch bewußt durch den Bandnamen selbst, der eine 60s-Surfkapelle gleichen Namens zitiert, hergestellt).

So beginnt die Platte mit „Pyramidy“, einem seltsamen Geräuschintro, und mit „A White Disc Of Sun“ hat die Platte bereits ihren ersten Hit, meine Herrn! Mit einem einzigen monotonen Riff, das zu noisy klingt, um Garagenpunk zu sein, aber wie Garagenpunk groovt, mit einem Gesang, der viel zu verzweifelt klingt, um Garagenpunk zu sein, wird hier eine ganz eigene Version von Garagenpunk gespielt und werden die Merkmale der Platte etabliert. Am ehesten ein Indie-Disco-Hit kann die (als 7″ bereits vergriffene) Single „Hunch Your Body, Love Somebody“ durchgehen, deren Hitpotential allerdings wiederum von besagten Merkmalen torpediert wird. Weshalb „Empty Yourself“ oder „Festoons“ auch keine Country-Punksongs sind. Verschnaufpausen bieten einem nur das sphärische Eröffnungsstück der zweiten Seite, „Guitar Star“, in dem tatsächlich die Gitarre, bzw. dieser eine sanfte Akkord, der Star ist, und das schleppende „Manitou“, das aber auch nur, weil es so langsam ist.

Den Pyramids ist an diesem einen Wochenende, an dem die Platte der Legende nach entstanden sein soll, das Kunststück gelungen, verschiedene Zeitalter der Gitarrenmusik zu verschmelzen (namentlich die 60er und die 90er) und so aufzunehmen, daß sich zwar ein – auf irgendeine perverse Art – harmonisches Gesamtgebilde ergibt, dieses aber von allerlei – teils auch anstrengenden – Spannungen lebt: der verzweifelte Gesang (der immer wieder an Mudhoneys „Blinding Sun“ ohne Gequengel erinnert), der Lärm, die Störgeräusche und die teils wirklich fiese Monotonie der Riffs, die irgendwie an 90er-Bands wie Bastro erinnert, oder vielleicht an Slint ohne Breaks, oder an Quickspace, einer-, die Garagenrockseligkeit im Riffing, im Songwriting und in den hinter der stimmlichen Verzweiflung liegenden Melodien andererseits. Eine ganz feine, ungewollt supercoole, aber dennoch ziemlich verstörende Platte, die auch neugierig macht auf die Hauptband der beiden, Archie Bronson Outfit. Und schön verpackt, mit Texten auf dem Innersleeve und einem schönen Miniposter ist sie obendrein noch. Also nicht warten, bis sie irgendwo gebraucht zu haben ist, denn der Vollpreis lohnt sich. Fuck yeah.

www.myspace.com/pyramidy
www.dominorecordco.com

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