Joanna Newsom – „The Milk-Eyed Mender“

25. Oktober 2008

Drag City, 2004

Es ist kalt geworden und ungemütlich, herbstlich sowieso, und in der Frühe gar schon leicht winterlich, mittlerweile steigen aus so gut wie allen Kaminen mehr oder minder dünne Rauchsäulen auf und die Luft riecht irgendwie nach Schnee, und als mich die Arbeit heute an diesem Samstagmorgen schon um halb acht aus dem Bett trieb, war das graue, triste Zwielicht draußen noch erfüllt von Nebel, die Wohnung kalt und der Kaffee noch nicht fertig.

Wäre der Kaffee nicht bitter nötig: Man würde sich in so einer Situation einen Tee brauen, sich vor den Kamin setzen, hätte man einen, und ein schönes, dickes, fabulierendes Buch lesen, könnte man sich noch auf Bücher konzentrieren. So aber, mit der wartenden Arbeit, der kurzen Aufmerksamkeitsspanne und dem fehlenden Kamin, muß ein anderes Wohlbefinden her, ein heißes Bad für die Seele sozusagen, ein Matetee für die Ohren.

„The Milk-Eyed Mender“ von Joanna Newsom, veröffentlicht auf dem arg feinen, immer leicht schrägen, manchmal auch sehr seltsamen, nie aber uninteressanten Chicagoer Label Drag City, ist so eine akustische Heizdecke für kalte Wintertage. Auf sie aufmerksam wurde ich, wie so oft, durch Will Oldham, der die Schöne dereinst offenbar entdeckt und mit auf US-Tour genommen hat, was dann hierzulande durch die Presse ging. Und ehrlich gesagt, was ich da so las, klang nicht interessant: ein junges Mädel im Einklang mit der Natur, spinnerte New-Folk-Liedchen, Texte wie aus dem Märchenbuch, bunte, bodenlange Kleider mit lustigen Blumenmustern, Vergleiche mit Devendra Banhart oder gar CocoRosie. Aber eines reizte mich dann doch, da wenigstens mal reinzuhören: Newsoms Instrument, nahezu das einzige auf der Platte, ist die Harfe, und das war neu. Naja, und halt Will Oldham, der mir damals alles hätte verkaufen können.

Also ging ich in den hiesigen Plattenladen, der freilich nur die CD vorrätig hatte, und hörte in ebendiese rein, und war sprichwörtlich verloren. Was ich da hörte, war mir vollkommen neu, aber es kam mir – man verzeihe mir den esoterischen Quatsch, den ich hier jetzt schreiben werde – vor, als würde ich diese Musik schon seit jeher kennen. Als rühre sie an frühesten Kindheitserinnerungen – oder eher -träumen -, als wäre „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ mit der wunderschönen Libuše Šafránková zu Musik geworden, als würde eine kleine Fee zu mir kommen und mich endlich dorthin entführen, wo ich hingehöre. Undsoweiter. Tatsache ist, daß ich mich nahezu ohne Umstände ins Auto setzte (das ich mir erst borgen mußte), um in die nächstgrößere Stadt zu fahren, wo ich „The Milk-Eyed Mender“ auch auf Vinyl kriegen würde, eine von diesen Platten also.

Tatsächlich wird das Album nahezu komplett von Newsoms Harfe getragen, und freilich von ihrer Kleinmädchenstimme, die sich durch die Lieder quäkt, maunzt, klagt, kichert, nur an manchen Stellen wirklich singt (und einmal sogar, im letzten Lied „Clam, Crab, Cockle, Cowrie“, ein wenig bluest), und die einem wohl, würde man ihr nicht aus Gründen, die erstaunlicherweise nichts mit Pädophilie zu tun haben, sondern eher mit oben beschriebener Unschuld und dem Anrühren am Kindlichen im Selbst (dazu bitte selber die entsprechende Literatur suchen), sofort verfallen, ziemlich schnell ziemlich arg auf die Nerven gehen würde. Dieses Mädchen mit ihrer Harfe ist dem Hörer aber, gerade durch den weitgehenden Verzicht auf andere Instrumente, immer sehr nahe, sehr vertraut und unmittelbar sehr lieb geworden, wie man so allein mit ihr in ihrem Jungmädchenzimmer mit Blick auf die Felder sitzt und ihr zuhört, gerade noch unschuldig, gerade noch nicht an Sex oder so denkend, gerade noch an Magie und Zauberei glaubend.

Die Harfe selbst klingt hier für europäische Ohren sehr seltsam. Newsom berichtet in Interviews, vor allem vom afrikanischen Harfenspiel beeinflußt zu sein, und das schlägt sich deutlich in ihrer Rhythmik nieder. Das Saiteninstrument, hierzulande eher durch kitschige Glissandos in Vorweihnachtsfilmen bekannt (was man durchaus auch hier findet, auf „Cassiopeia“ z. B.), wird sehr perkussiv gespielt, repetitiv, teils sehr reduziert (man höre dazu z. B. „The Book of Right-On“, das die Harfe teils zu einem reinen Baßinstrument macht). Newsom spielt erstaunliche Harmonien, wunderschöne „Riffs“ (um im Rocksprech zu bleiben), und wenn die Lieder nicht gerade kindlich ausgelassen sind („Inflammatory Writ“, „Peach, Plum, Pear“), oder einfach fröhlich und schön („Bridges an Balloons“ oder das von einer Steelguitar unterstützte „This Side of the Blue“), wirken sie seltsam verträumt, nur halbwach, irgendwie irreal („Sprout and Bean“, „The Book of Right-On“, „En Gallop“), was nicht zuletzt an besagten eigenartigen Harfenharmonien liegt, die wie aus dem Halbschlaf herüberwehen und den Hörer nicht mehr loslassen aus ihrem so sanften Griff.

„This Side of the Blue“ oder das Traditional „Three Little Babes“, gespielt auf einem E-Piano von Wurlitzer bzw. einem normalen Klavier, und letzteres gesanglich begleitet von Produzent und Steelgitarrist Noah Georgeson, so die Linernotes, wirken dagegen fast erdig, und „Peach, Plum, Pear“ mit seinem Cembalo irgendwie barock. Am auffälligsten und vielleicht auch am irritierendsten sind die Stellen, an denen Newsom ihre Stimme erhebt oder doppelt, wie in „Sprout and the Bean“ oder „Peach, Plum, Pear“, wo das Kleinmädchenhafte plötzlich irgendwo zwischen „süß“ und „ziemlich gespenstisch“ oszilliert und so einen spannenden Bruch verursacht.

Insgesamt zeichnet sich „The Milk-Eyed Mender“ aber vor allem durch unglaublich schöne Lieder aus, die in ihrer Naivität eine große kompositorische Cleverness beweisen, durch wunderbare Melodien, die durch die reduzierte Instrumentierung wunderbar nach vorne treten können, und bei denen es völlig egal ist, ob sie nun mit ungewöhnlichem Instrument und ungewöhnlicher Stimme von einem ungewöhnlichen Mädchen (es fällt schwer, die mittlerweile Mitte, Ende Zwanzig seiende Newsom anhand dieses Albums wirklich als Frau zu begreifen) vorgetragen werden, oder vom üblichen dicken Mann mit Gitarre. Solche Lieder hat man noch nicht gehört, und leider hat Newsom solche Lieder bisher auch nicht mehr hinbekommen.

Newsoms Texte sind – immerhin gute – Mädchenlyrik, man muß sie nicht mögen oder verstehen, aber sie sind von einer eigenartigen Melancholie durchzogen, von einem schrägen Humor, und sie beinhalten immer wieder wundervolle Zeilen, die sogar einem alten Sack wie mir nahegehen, und immer ahnt man hinter all dieser Naivität die tiefe Weisheit der Schildkröten oder ähnlicher Märchengestalten.

Sehr schade und ein wirkliches Manko ist nur, daß es offenbar einen Pressfehler im Vinyl gegeben hat, denn gerade „This Side of the Blue“, letztes Lied der ersten Seite, ist an den lauten Stellen völlig übersteuert und verzerrt, was dem Zauber freilich fast den Todesstoß versetzt, wäre es nicht Joanna Newsom, seufz. Auf der CD klingt das Lied dann normal und schön, und außerdem ist das Booklet, anders als bei der LP, kein lieblos aufgemachtes, beigelegtes Schwarzweißblatt, sondern eben ein kleines Büchlein, in dem man zumindest blättern kann. Diese optische Benachteiligung machte Newsom dann bei ihrem zweiten Album allerdings wieder wett, indem die LP wie ein großes, mehrseitiges Märchenbuch daherkommt (das hätte ihr mal früher, nämlich zu ihrem weit bessern Debut einfallen sollen, schade).

Später kam Joanna Newsom dann privat mit Bill Callahan zusammen, geschäftlich mit Van Dyke Parks, der die Streicherarrangements ihres zweiten, überambitionierten, bei weitem nicht so guten Albums „Ys“ geschrieben hat (wie diese Streicher Mickey-Mousing betreiben, ist teilweise fast schon albern und viel zu kitschig, und außerdem kleistern sie das, was von Newsoms wunderbaren Melodien geblieben ist, auch noch völlig zu. Ich würde gerne eine streicherlose Version von „Ys“ hören), und mit dem an sich genialen Kauz Jim O’Rourke, der dieses produzierte und bedauerlicherweise aus dem Jungmädchenzimmer herausholte, ihre Lieder wurden lang und länger und enttäuschten dann doch durch eine eher konventionelle „Weirdness“ (siehe den Begriff des „New Weird America“ oder so ähnlich), aber dieses Debut ist eine der schönsten, wärmendsten, bezauberndsten Platten aller Zeiten, mit ein paar der besten, schönsten, wunderlichsten Lieder aller Zeiten, von einer der (zumindest auf diesem Album noch) bezaubernsten Musikerinnen aller Zeiten, wie geschaffen für den winterlichen Rückzug ins Private, ins Vergangene, ins Heimelig-Kuschlige.

Der Morgen ist jetzt weit vorangeschritten, draußen ist es immer noch grau, und ich habe immer noch keine Lust zu arbeiten (weniger als vorher gar), aber immerhin habe ich jetzt gute Laune, warme Füße und ein noch wärmeres Herz (und eine kitschige Wortwahl, die mir aber gar nichts ausmacht), Joanna Newsom sei Dank.

www.joanna-newsom.com
www.dragcity.com
www.fromamouth.com/milkymoon

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