Talk Talk – „London 1986“

1. November 2008

Pond Life/EFA, 1998

Und nochmal Herbstmusik, diesmal weniger von der kuschligen als vielmehr von der dramatischen Sorte: 1998, sieben Jahre nach Auflösung der Band und zwölf Jahre nach dem eigentlichen Konzert, erschien das erste und einzig offizielle Livealbum der großen Talk Talk, auf dem Mark Hollis-eigenen Label Pond Life, und damit ein unglaubliches Zeugnis dieser unglaublichen Band.

Talk Talk waren ja nun nie als Liveband bekannt, und gerade das Spätwerk wurde ob seiner Komplexität und Zerbrechlichkeit überhaupt nicht mehr live aufgeführt (dazu wurde in der entsprechenden Presse ja schon alles gesagt), und „London 1986“ ist offenbar bereits das letzte Konzert der Band, die immerhin erst 1991 mit „Laughing Stock“ ihr letztes offizielles Album veröffentlicht hat. Weiterhin haben Talk Talk, vielleicht mit Ausnahme des allzu konventionellen Synthie-Pop-Debuts „The Party’s Over“ (1982), eine Reihe von unglaublich guten Studioalben geschaffen, so daß sich an dieser Stelle zurecht die Frage stellt: Wieso wird hier dann ausgerechnet das Livealbum besprochen?

Livealben sind ja so eine Sache, und meine Sache sind sie eigentlich nicht unbedingt. Der Sound stimmt oft nicht, die Zwischenrufer stören eigentlich immer, der Applaus fängt meistens zu früh an und hört zu spät auf, so daß man die Lieder nicht rein und schön genießen kann, diese persönliche Beziehung, die man als Hörer zu den Liedern aufbaut, wird durch das Publikum untergraben, und außerdem sind die Veränderungen in den Arrangements ja meistens irgendwie unvertraut, und das mag man als bornierter, eingefahrener Fan nicht. Ausnahmen gibt es allerdings, z. B. Bonnie „Prince“ Billy, dessen „Summer in the Southeast“ (2005) oder das ganz neue Doppelalbum „Is This The Sea?“ (2008) noch eine unmittelbare Energie haben, die seinen Studioalben verlorengegangen ist. Oder eben „London 1986“.

Freilich: Die Zwischenrufer sind auf dieser Platte noch lästiger als eh schon, gleich zu Anfang mußte ich mich ärgern, als in der dramatischen, ungemein spannungsgeladenen Pause des Eröffnungsstückes „Tomorrow Started“, in der Hollis anfängt zu singen, ein Depp „Juchei“ oder so brüllen muß und die Dramatik damit ziemlich ruiniert. Dann aber kann ich ihn verstehen: Irgendwie muß der Mensch eine solche Erwartung, eine solche Spannung ja entladen, die durch diese extrem intensive Musik entsteht, und nicht zuletzt auch durch das Enigma der Band selbst. Sei’s drum: Der Sound hingegen ist glasklar, druckvoll, läßt den Details jeden Raum, den sie brauchen, ist einfach prima (man fragt sich in der Tat, wie lange der Soundcheck wohl gedauert haben mag) und wird so den Studioalben durchaus gerecht, die Songauswahl ist „eine Art Best-of-Live-Album, mit allen Knallern drauf“, so das Intro damals, und die Frage bleibt: Wieso begeistert mich ausgerechnet das Livealbum dieser Studioband so sehr?

Ein prosaischer Grund dafür mag sein, daß ich die Studioversionen dieser Lieder damals einfach so dermaßen oft gehört habe, daß ich froh war, damals dieselben tollen Lieder in anderen, noch nicht durchgenudelten Versionen hören zu können. Tatsächlich aber hat mich dieses Album zu einem Zeitpunkt erwischt, der besser nicht hätte sein können: Ich hatte Talk Talk eben erst entdeckt und einige Zeit lang rauf und runter gehört, eine Musik, die mir damals wie nichts sonst entsprochen hat in all ihrem Schmerz, dem leidenden Gesang von Mark Hollis, den irrsinnigen Arrangements und Melodien, den metaphysischen Texten, die in ihrem Fragen so schienen, als könnten sie irgendetwas erklären. Und dann plötzlich das Livealbum, und damit das Versprechen, dieser Musik und ihrem Protagonisten Hollis noch ein Stück näher kommen zu können, denn bei aller Emotionalität sorgte die Perfektion der Studioalben und Hollis‘ oft vernuschelter Gesang immer für eine gewisse Distanz, oder vielleicht für eine Körperlosigkeit, eine metaphysische Abstraktion, und die Hoffnung bei „London 1986“ war, hinter dem Kunstwerk Talk Talk ein wenig von diesem faszinierenden, geheimnisvollen Menschen Mark Hollis selbst mitzubekommen.

Diese Liveaufnahmen gelten für einige Journalisten als Schnittstelle zwischen den frühen, synthiepopaffinen Talk Talk und dem von Jazz, moderner Klassik und Minimal Music beeinflußten Spätwerk, das bereits mit 1986 „The Colour of Spring“ seinen Anfang nahm und seine Vollendung in „Laughing Stock“ (1991) fand, als Ausblick auf das Kommende, und die Songauswahl beschränkt sich auf die Hits des zweiten Albums „It’s My Life“ (1984) und besagtem „The Colour of Spring“. Doch was auf den Studioalben noch schöne, clevere Synthiepopsongs sind („It’s My Life“, „Does Caroline Know?“, „Tomorrow Started“), oder aber schon deutlich niveauvoller („Life’s What You Make It“, „Such A Shame“), wird hier zu einem intensiven Erlebnis, zu klanggewordener Verzweiflung und Wut, in die nur „Does Caoline Know?“ ein bißchen Licht bringt.

Ansonsten arbeitet sich die Band furios und handwerklich perfekt durch die lähmende Trauer von „Tomorrow Started“, die düstere Wut von „Life Is What You Make It“, die teen angst von „It’s My Life“ (später von den doofen No Doubt nahezu eins zu eins gecovert – also eigentlich unnötig -, nur ohne den tollen Gesang von Hollis; immerhin haben sie so Talk Talk einer breiteren Öffentlichkeit ins Gedächtnis zurückgerufen, so gesehen: Danke, No Doubt), die kopfschüttelnde bittere Erkenntnis von „Such A Shame“ und, als großartiges Finale, durch die tiefe Trauer von „Renée“, und wirkt dabei lebendig und energisch wie nie zuvor. Höhepunkt ist das unglaubliche „Living In Another World“, hier noch intensiver, wütender, kräftiger als auf der Studioaufnahme, und Mark Felthams Mundharmonika bricht hier zu einem wahren Fegefeuer aus. Wow. Selbst das von mir immer als irgendwie unnötig empfundene „Give It Up“ mit seinem doch leicht pubertären Text gewinnt hier an Tiefe und Schönheit, und das veränderte Arrangement ihres Hits „Such A Shame“, der hier nicht wie normal langsam und bedrohlich anfängt, sondern gleich voll aufs Gas tritt und den Hörer förmlich wegbläst, tut diesem Song extrem gut.

„London 1986“ mag tatsächlich nur ein Live-Best-Of der frühen Talk Talk sein, aber diese Platte leistet dem Hörer den wunderbaren Dienst, all diese leidenschaftlichen Lieder, die man bis zu ihrem Erscheinen 1998 schon so oft gehört hatte und deren Intensität sich vielleicht langsam abgenutzt hat, in diesen neuen Versionen nochmal neu und noch intensiver zu erleben, wofür ich persönlich sehr dankbar bin.

Und außerdem kann man den großen, enigmatischen Schweiger Mark Hollis auf diesem Album zwei, drei Mal „Thank you“ und „Good night“ sagen hören. Näher war er einem bis dato noch nie gekommen.

Within Without
Talking Space

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2 Antworten to “Talk Talk – „London 1986“”

  1. Andreas Biedler said

    Hallo
    Vielen Dank für deine Rezension dieser großartigen Band.
    Ist aber nicht Live in Montreux das letzte Konzert von Talk Talk gewesen?
    Wie siehst du die Qualitätsunterschiede beider Konzerte?

    Viele Grüße,
    Andy

  2. Dr. Eusebia Schreck said

    Hallo Andy,

    das kann sehr gut sein, ich habe mich ehrlich gesagt nur ein bisserl informiert. Ich muß gestehen, mich bei historischen Fakten manchmal etwas zu arg auf den ersten Blick ins Internet zu verlassen…

    Das Montreux-Konzert kenne ich bislang nur von Youtube, bin allerdings ziemlich begeistert von dem, was ich da gesehen habe. Über die Qualitätsunterschiede kann ich allerdings nichts sagen, dazu kenne ich Montreux zu wenig (und eh nur über meinen Laptop).

    Viele Grüße, Dr. Schreck

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