Oma Hans – „Peggy“

21. November 2008

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Schiffen, 2005

Ein paar Worte zu einer der besten Punkplatten deutscher Sprache, von einer der besten Punkbands deutscher Sprache. Oma Hans sind eine weitere Inkarnation von Jens Rachut (und Co.), vormals Blumen am Arsch der Hölle, Angeschissen und Dackelblut, und heutzutage Kommando Sonne-Nmilch. Jens Rachut, Punk-Urgestein, Ewig-Angepisster, intellektueller Proll, prolliges Genie, Verweigerer, Sänger von Bands mit den besten bescheuerten Namen aller Zeiten, Autor von Texten mit den schönsten, intelligentesten grammatikalischen Fehlern, Verfasser absurder achronologischer Hörspiele, und Schauspieler ist er wohl zudem noch.

Freilich hatte ich von Rachut schon vor „Peggy“ gehört, ihn aber nie weiter beachtet. Als Dackelblut dereinst hier in der Stadt gespielt haben, habe ich sie verpaßt, und Oma Hans habe ich eigentlich erst durch ihr letztes Album bemerkt, eben durch „Peggy“. Und positiv aufgefallen ist mir die Platte erstmal nicht: Das Cover gehört mit zum Häßlichsten, was ich je gesehen habe (und bildet, so das Internet, Teile des Oma-Hans-Nachwuchses ab), der Bandname ist auch irgendwie, naja, blöd. Nur der Titel, dieser DDR-Schicksenname, der hier so selbstverständlich auf dem doppelseitig geilen Cover steht und die Häßlichkeit auf die Spitze und darüber hinaus treibt, war irgendwie unverschämt attraktiv. In der Hoffnung, bei den Typen vorne drauf nicht Oma Hans selbst ins fiese Grinsen zu gucken, hörte ich also einfach mal rein und erwartete grotesken Funpunk oder so. Nicht erwartet hätte ich, was ich aber zu hören bekam.

Erstmal legt die Platte mit einem Gitarrenriff los, das irrsinnig druckvoll ist, ohne dabei protzig zu sein. Das hektisch ist und doch irgendwie schleppend, und irgendwie gar nicht Punk, bevor Rachut mit verzweifelt-angepissten Stimme eine Dystopie Beckett’schen Ausmaßes brüllt, die dabei aber in der Gosse geerdet bleibt und in der Aussicht, das höchste der Gefühle werden grade mal „Neue Büsche“ sein. Nichtmal Bäume.

„Gummiwände“, der zweite Song, ist ein offener Diss gegen Kettcar (irgendwer warf Rachut vor, sowas nicht nötig zu haben, aber die Zeile „Landungsbrücken sprengen, depressive Anekdoten, die keinem etwas helfen außer Geld“ ist in ihrer Gehässigkeit schon arg schön), bevor mit „Kreisverkehr“ neben „Die Mole“ einer meiner beiden Lieblingssongs kommt, beide traurige, verzweifelte, resignierte Stücke. „Kreisverkehr“ besitzt eine wunderbare kleine Melodie, ein treibender Beat, und textlich eine Mischung aus (wieder) Punk-Angepisstheit und eigenartiger Naturmetaphorik, einer verzweifelten Intimität und einer großen, schrecklichen Kälte – sowohl textlich als auch musikalisch einer der besten Punksongs (und darüber hinaus) überhaupt.

„Der Rasenmäher“ wiederum ist ein dreckiges Stück Lärm mit einem fassungslosen, hasserfüllten antisexistischen Text, ähnlich radikal und auf den Punkt wie z.B. EA80s „Fleischer“ (meine eigentliche Lieblingspunkband, die Oma Hans mit „Peggy“ allerdings, soviel sei zugegeben, mit einem Fingerschnippen von Platz Eins auf meinem persönlichen Punkolymp geschubst haben). Direkt danach erzählt „Die Mole“ eine unsagbar traurige Geschichte von Liebe, Tod, Verlust und Einsamkeit, im Refrain getragen von der kleinen Zweitstimme Peta Devlins.

Und auch der Rest der Platte bewegt sich textlich wie musikalisch immer hart am Rand der Apokalypse, egal ob es ulkig um den Schrecken des eigenen Körpers („Tinnitus“) geht oder um die humorige, aber dennoch grauslige Vernichtung des Kapitalismus durch unsterbliche Indianer („Apachen über Hamburg“), um abstrakte Geschichten, an deren Ende U-Boote platzen wie Luftballons („Königin der U-Boot Stadt“) oder, und hier wird es wirklich grotesk lustig, um Handys, die in Särge fallen, sich in den Falten des Leichenkleides verlieren und später einen netten Plausch mit dem Leibhaftigen persönlich ermöglichen („Leichenkleid“).

Es ist faszinierend, wie all die Angepißtheit, all die Wut und die Abscheu hier in musikalische Feinheiten verpackt sind, in Melancholie und Gespür für Melodien hinter dem Geschrei und Gezetere. Und vor allem faszinierend ist diese „physische Dringlichkeit“, wie es die Jungle World treffend nennt, diese unglaubliche Präsenz Rachuts, die „Peggy“ unglaublich intensiv macht.

Vielleicht verläßt „Peggy“ das Deutschpunkgenre tatsächlich zeitweise, aber nicht, um z.B. wie die tollen Boxhamsters (oder im schlimmeren Fall wie die öden Kettcar) im Indie-Pop zu landen, sondern vielmehr um den Emotionen Platz einzuräumen, um en passant eine tiefe Reife und Ernsthaftigkeit zu erlangen, wodurch sich Oma Hans diesen absurden Humor leisten können, diese mit Absicht falsche Grammatik, die Vulgarität zwischen der Poesie, weil sie keinen aufgesetzten Ernst nötig haben. Die Platte ist einfach zu gut, um „nur“ Punk zu sein, und ist doch genau das und nichts anderes.

www.omahans.de
www.schiffen.de

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