Guns N‘ Roses – „Appetite for Destruction“

28. November 2008

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Geffen Records, 1987

So, hehe, Axl Rose beziehungsweise „Guns N‘ Roses“ hat beziehungsweise „haben“ nach gefühlten siebzigtausend Jahren endlich sein beziehungsweise „ihr“ neues Album „Chinese Democracy“ rausgebracht, und dieses langerwartetste Album aller Zeiten (außer vielleicht dem neuen Beatles-Album nach ihrer Reunion in Originalbesetzung … höhö, kapiert?), dieses unglaublich miese Deppenrockalbum also gibt nun Gelegenheit, auf eine der besten Sleazerock-Platten aller Zeiten zurückzublicken.

1987 veröffentlichten Guns N‘ Roses aus L.A. ihr Debut-Studioalbum „Appetite for Destruction“ und schlugen damit ein wie eine Bombe (ihre allererste Veröffentlichung, die Live-E.P. „Live ?!*@ Like a Suicide“ von 1986, dereinst auf Uzi-Records veröffentlicht, erschien später nochmal als A-Seite der E.P. „G N‘ R Lies“ und soll hier mal nicht gezählt werden). Schon allein das Artwork, ein Comicbild von Robert Williams, war ein Skandal für sich und wurde alsbald ins Innere der Hülle verbannt und durch W. Axl Roses Tattoo, das die Band als Totenköpfe auf einem Kitschkreuz zeigt, ersetzt, eine allseits bekannte Geschichte. Und auch die Texte waren skandalös im klassischen Sinne, behandelten sie doch das street life, die Drogen, den Alkohol, den zügelloses Sex, das späte Aufstehen und den Rock’n’Roll an sich, gespickt mit einigen kitschigen, aber gar nicht so wirkenden Romantizismen.

Was hat mir diese Platte damals das Herz gebrochen und wieder zusammengeflickt, zahllose Male, Frühteenie, der ich war. Gekauft hatte ich sie mir damals wegen meiner Grundschulliebe, die ich im Konfirmandenunterricht wieder traf (damals hatte ich „Appetite…“ schon auf Tape), wo ich erfuhr, daß das ihre Lieblingsplatte war, und als ich sie kurz darauf mit ihrem Freund im Stadtpark traf, wo ich mit meinen Kumpels abhing, wie man das damals so tat, lief ich schnurstracks zum örtlichen Plattenladen und erstand die CD (die damals die LP tüchtig ablöste). Tage-, wochen-, monatelang hörte ich nichts anderes, vielleicht gerade mal „Fade to Black“ von Metallica zwischenrein, aber sonst …

Es war natürlich nicht nur mein pubertärer Herzschmerz, der diese Platte damals so gut machte, er öffnete nur meine damalige Thrash-Metal-Borniertheit für dieses Album. Denn genaugenommen ist „Appetite for Destruction“ einfach eine richtig gute Rockplatte, die alles hat, was so eine Platte braucht, ohne dabei, und das ist vielleicht das Beste daran, eine Rockplatte im Sinne von Led Zeppelin (vielleicht ein ganz kleines bißchen) oder gar Deep Purple zu sein. Sprechen wir es aus: „Appetite for Destruction“ ist eine ziemlich feminine Platte. Was jetzt kein Sexismus sein soll, im Gegenteil: Das rettet das Album davor, einfach eine weitere scheiß Sleazerockplatte zu sein. Denn wo Mötley Crüe oder wer sonst noch ihre Eier schaukelten, ging es bei Guns ‚N Roses um andere Dinge, angefangen bei der optischen Inszenierung der Band selbst: Auf dem Backcover hängen die Jungs ziemlich fertig auf einem psychedelischen Teppich herum und gucken ziemlich ernst und deprimiert, außer dem grinsenden Drummer Steven Adler. Ausgestattet sind sie neben den Jack-Daniels-Flaschen und den Instrumenten mit allerlei Tüchern, Schmuckkram und toupierten Haaren. Das hatten die anderen zwar auch, aber dieses Foto atmete damals schon eine sepiafarbene Melancholie, wie eine verblassende Erinnerung. Dieses Foto wirkte bei all seiner Inszenierung authentisch. Denn obwohl die Jungs hier posen wie sonst noch was, wirken sie müde und existentiell erschöpft.

Diese existentielle Müdigkeit, das Mitdenken des Todes angesichts des verschwendeten Lebens findet sich auch in der Musik wieder: Paranoia („Outta get me“), das verzweifelte Klammern ans High, das einen vorm Low rettet („Mr. Brownstone“), die dionysische Drohung an die Unschuld („Welcome to the Jungle“) und die resignierten Utopien des Junkies („Nighttrain“, der beste Song der Platte), die Kritik des Outsiders am System und seinem Schein („Paradise City“, der Hit schlechthin) und freilich diese unglaubliche Romantik der Gosse, wie sie in „Think about you“ oder dem Überhit „Sweet Child O’Mine“ zelebriert wird. Dabei fehlen die harten Gitarrenriffs über weite Strecken, vielmehr umspielen sich die Licks tändelnd wie kleine Nympchen am Teich, und Axl Roses hoher, emotional ziemlich aufgeladener Gesang, all das verleiht der Platte einen ziemlich deutlichen Hauch campiness. Und hier tut sich einer der spannendsten Widersprüche des Albums auf: Einerseits sehen die Jungs mit all ihren Bändeln und ihrem Haarspray und ihrem Getue aus, als ob sie stundenlang vorm Spiegel zubrächten (und damit sehr Fad Gadgets „Collapsing New People“ gleichen), andererseits glaubt man ihnen die Geschichten vom Alkohol und den Drogen, vom Herzschmerz, der Einsamkeit und dem Trotz (und was über ihre Biographie lanciert wurde, verstärkt diesen Eindruck noch), sie wirken tatsächlich aufrichtig. Glam und Gosse in Personalunion.

Das war für den unglücklich verliebten Frühteenie natürlich genau das richtige: Jungs, die schwer an ihrer Existenz zu tragen hatten, die immer den frühen Tod mitartikulierten, der aber ein Absturz aus den höchsten Höhen wäre, die andererseits dennoch extrem stylish waren angesichts des Verderbens, destruktive Gossendandys, denen dann aber doch nicht alles egal war, schließlich glaubten sie immer noch an die allerromantischste Form der Liebe. Das war eine Verheißung und ein Verstandenwerden inmitten des postpubertären Unverständnisses. Das war cool, aber doch nahbar. Das war tough, aber trotzdem sentimental. Hier durfte der Heavy-Metal-Bub auch mal weich werden. Feminin eben. Wie eine saucoole, credible Version von „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ mit Schlagzeug und Verzerrer.

Und außerdem, das sollte über die ganze Inszenierung der Band und auch vor allem über die Inszenierung der Veröffentlichung von „Chinese Democracy“ (das ü-ber-haupt nichts mehr von dem eben Geschriebenen hat) nicht vergessen werden: „Appetite for Destruction“ enthält mit sehr wenigen Ausnahmen (vielleicht „Mr. Brownstone“, vielleicht „Anything Goes“) einen Haufen extrem guter Songs, mit extrem guten Riffs und Soli, extrem guten, ans Herz gehenden Melodien und einen ganzen Arsch voll Sturm und Drang fernab von jeder postmodernen Ironie, eine Authentizität (echter Sex in „Rocket Queen“ von Axl Rose und Steven Adlers Freundin auf dem Studioboden, himmelnocheins!), die sich die Strokes oder die Hives erstmal näher ansehen sollten, ehe sie das nächste Mal ihre ach so coolen Augenringe in irgendeine Kamera halten.

Also: „Chinese Democracy“ pfui, aber „Appetite for Destruction“ immer noch hui, hui, hui!

web.gunsnroses.com

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