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Drag City, 2001

Was lange währt, und so weiter: Lange, sehr lange bin ich um dieses Album herumgeschlichen, das mich vor allem wegen Bill Callahan interessiert hat, und immer war es mir zu teuer dafür, daß es mir beim ersten Reinhören nicht wirklich gefallen hat (damit allerdings habe ich dieser Platte unrecht getan!), und nun konnte ich sie endlich deutlich reduziert (mit einem Knacken auf Seite A) erstehen, gottseidank, wie schön!

Ein bißchen merkt man schon, daß dieses Album von 2001 ist: Heutzutage würden bei einer „Drag City Supersession“ wahrscheinlich andere Namen auftauchen, auch wenn die Musiker hier immer noch für das Chicagoer Label tätig sind. Aber außer Bill Callahan (ehemals Smog), vielleicht Neil Michael Hagerty (bekannt von The Royal Trux, The Howling Hex oder seiner zeitweisen Teilnahme bei Jon Spencers Pussy Galore) und ganz vielleicht noch Edith Frost sind sie wohl weitgehend unbekannt: Rian Murphy (den man eher als Produzent kennt), Brendan Murphy, Tara Key, Jessica Billey, Matt Bauder, Mark Greenberg, Azita Youseffi, und gerade mal Jim O’Rourke kam durch Sonic Youth, Wilco und seine eigenen Alben zu einem gewissen Ruhm – es geht wohl hauptsächlich um erstgenanntes Trio, die den vertretenen Liedern auch ihre Stimmen leihen.

Callahan, Hagerty und Frost haben sich hier also zusammengetan, um eine feine kleine Session einzuspielen, zwischen allen Polen, die die Musiker vertreten, diese auch schön vereinend, eine Session also, die sich zwischen dissonantem Gitarrenlärm und feinfühligem Folkverständnis bewegt, mit viel Humor und Lust am Musizieren.

Herausgekommen ist ein ziemlich buntes Album, das den eigenen Ton der Protagonisten in ein abwechslungsreiches, aber dennoch unverwechselbares Gewand packt und dabei erstaunlich heiter bleibt. So klingt der Opener „Zero Degrees“ aus Callahans Feder z.B. wie ein urtypisches Smog-Stück, aber ungleich munterer und spaßiger als dessen oft sehr schwermütige Werke, abgesehen von den herrlich schrägen Streichern, die fast schon gruselig sind. Das Lou-Reed-Stück „Charley’s Girl“, gesungen von Edith Frost, schmiegt sich daran nahtlos an und bleibt doch unverkennbar Reed, mit einer schön noisigen Gitarre von Hagerty, dessen „Texas Dogleg“ dann auch gleich eher ins Psychedelische abrutscht und sehr nach den sonnigen 70ern klingt, mit einem tollen Refrain und wiederum den von Jessica Billey und Matt Bauder ersonnenen Streichern. Aus der Schönheit heraus fällt dann Del Reeves „Girl on the Billboard“, ein flotter Countrystomp, der allerdings bis auf den Beat und eine Slidegitarre reduziert ist und seine Countryseligkeit, auch dank Callahans monotoner Stimme, nur noch erahnen läßt. Dann wird es mit Frosts verhalltem „Leaving the Army“ wieder gespenstisch schön und hippiesk, mit Hagertys „Everyday“ schnell und schräg, bevor Callahans Melancholie in „Nothing Rises to Meet Me“ dann doch durchbricht, ein für dieses Album erstaunlich ernsthaft arrangiertes und nahezu konventionell vorgetragenes Stück.

Spannender dagegen sind die darauffolgenden Coverversionen, einmal von Randy Newmans „Old Man“, und einmal von Black Sabbaths „N.I.B.“. „Old Man“, hier von Edith Frost gesungen und von Azita Youssefis  Piano getragen, ist eine nahezu weihnachtlich anmutende, gehauchte Ballade, die Newmans Altherrensarkasmus durch aufrichtiges Sentiment ersetzt und damit nichts falsch macht. Kitsch ja, aber sehr schöner Kitsch. „N.I.B.“ dagegen verliert in Hagertys Händen nichts von seiner heaviness, sondern gewinnt vielmehr zusätzlich ein psychedelisches Element, allerdings psychedelisch im Sinne von „psycho“, durch Hagertys Slidegitarre und wiederum die wunderbaren Streicher, die eine unglaubliche Dramatik erzeugen und sie zugleich wieder selbst zerlegen.

Den Abschluß bildet Frosts Ballade „One Chord Complaint“, wieder eine Hippieballade, verträumt, schräg, schön, eine manchmal lärmende Meditation am Ende einer tollen Platte.

Die „Drag City Supersession“ scheint für die Beteiligten ein Riesenspaß gewesen zu sein, was man der Platte zu jeder Sekunde anhört. Eingebettet in ein musikalisches Umfeld, das durchaus etwas von Schönheit versteht, sich selbst aber viel zu wenig ernst nimmt, um kitschig zu sein, das experimentell genug ist, um aus Callahans Zwei-Akkord-Liedern ein Hörerlebnis zu machen, dabei aber nie seine Popaffinität vergißt, brachte dieses Album das Beste der Protagonisten zum Vorschein (nicht, daß ihre eigenen Alben irgendwie schlechter wären) und vereinte es in viel Humor und Spaß. Eine tolle Platte, Hippietum at its best, und dabei doch viel zu ironisch für Hippies. So muß es sein.

www.dragcity.com

letitbe

E.M.I./Apple, 1970

Sie ziehen sich gerade wieder ein wenig mehr durch mein Leben, und man kommt eh nicht an ihnen vorbei. Und auch, wenn sich mein Widerwillen gegen die Beatles nach der Liverpool-Dokumentation gestern abend im TV noch ein wenig verstärkt hat und „Let It Be“ mein einziges freiwillig gekauftes Beatles-Album ist, soll hier ein Blick auf das finale – und beste – Album der wohl berühmtesten Band der Welt geworfen werden.

Der Haushalt, aus dem ich stamme, war dereinst (und ist es irgendwie bis heute) auch von der Beatlemania befallen, wenn auch eher auf eine philatelistische denn auf eine wirklich manische Weise, und ich kenne die Beatles sozusagen im tatsächlichen Wortsinn seit meiner Geburt. „Let It Be“ ist dann auch eine meiner frühesten musikalischen Erinnerungen, eine selbstgemachte, mit hübsch selbstgemaltem Cover ausgestattete Audiokassette, die mir mein Vater schenkte, um mich zu einem Flug mit Großeltern und Tante nach Berlin zu überreden, auf den ich nicht wollte. Die Kassette, die mir ein Stückchen Elternhaus mitgab in die große Stadt, die dabei aber nicht meine kindliche Traurigkeit über das verlassen von Mama und Papa wegschob, machte mir dann auch genug Mut, um diese erste große Fahrt meines Lebens anzutreten, und ich war dann auch wirklich traurig, als diese Kassette auf einer anderen großen Fahrt, gut zwei Jahrzehnte später, ihren Geist endgültig aufgab, unhörbar wurde, in weißgrauem Rauschen versank.

Also kaufte ich mir ein wenig später auf einem Flohmarkt eine gut erhaltene Ausgabe der LP, an der ich mich heute erfreue, auch wenn ich erstaunt feststelle, daß z. B. „Besame mucho“ oder „Teddy Boy“ darauf gar nicht enthalten sind, sondern von meinem Vater in Anlehnung an den Film einfach zwischenrein gestellt wurden. Trotzdem: „Rubber Soul“ (1965) oder „Revolver“ (1966), meine beiden anderen Beatles-LPs, verschwinden nach einer Seite meist wieder im Plattenregal, aber „Let it be“ bleibt, auch ohne „Besame mucho“.

Es ist das letzte Album der Beatles, die Legende sagt, daß die vier Buben damals schon völlig zerstritten waren und sich nur wegen Keyboarder Billy Preston noch zusammengerissen haben. Legende George Martin hatte zu diesem Zeitpunkt bereits keine Lust mehr auf die Band und überließ erst Glyn Johns und schlußendlich der anderen Legende Phil Spector das Feld, der sich um den Kitsch auf den Songs „Across The Universe“ und „The Long And Winding Road“ kümmerte (wirklich gräßlich ist die Harfe bei letztgenanntem Song, wenn auch das Streichermotiv wirklich hübsch ist – für einen Disneyfilm). Eine wohlbekannte Geschichte, ebenso wie das Konzert auf dem Dach des Apple Buildings und der ganze Rest.

„Let it be“ ist also ein finales Statement, das Zeugnis des Todes einer Band. Und genau das macht dieses Album meiner Ansicht nach zum besten der „Pilzköpfe“, um diesen Begriff auch noch zu bemühen.

Die Songs atmen nahezu alle eine gewisse Melancholie und Düsternis, ob nostalgisch wie in „Two Of Us“ oder „Dig A Pony“, ob kitschig wie in „Let It Be“ oder besagtem „Long And Winding Road“, oder ob offen schmerzlich wie in „I Me Mine“, und es ist ihnen eine Urtümlichkeit zueigen, eine rauhe Härte, die dem Blues deutlich mehr Raum läßt als den psychedelischen Experimenten (die sich dankenswerterweise hier gar nicht mehr finden), und die sich auch im Geplapper zwischen den Liedern äußert, das logischerweise mehr Spott, Hohn und Sarkasmus ist als das fröhliche Scherzen einer Band, die im Studio ihren Spaß hat (siehe nur Lennons Verarschung von McCartneys Text am Anfang von „Get Back“). Und dennoch fehlen die innovativen Momente nicht: Das heitere „For You Blue“ z. B. ist unglaublich zurückhaltend gespielt, kaum eines der Instrumente darf mal ausbrechen, und daraus gewinnt dieser Rhythm’n’Blues eine ziemliche Intensität, wie auch „Get Back“, das außerdem eine ganz unglaublichen Gesangsharmonie im Refrain besitzt und offenbar unter anderem von Transsexualität handelt (oder so), und „Across The Universe“ mit seiner kindlich-spirituellen Hoffnung auf Erlösung, das sich schon fast anfühlt wie ein Lennon-Solostück.

„Let It Be“ ist das traurigste Album der Beatles (trotz dem flotten „One After 909“ oder dem kraftvollen Rhythm’n’Blues von „I’ve Got A Feeling“), die ich sonst wegen ihrer Harmlosigkeit, die sie aller musikalischer Innovationen und Experimente zum Trotz einfach immer hatten, nie wirklich mochte (gerade im Vergleich zu den boshaften, zynischen, fiesen und coolen Rolling Stones, zumindest bis Anfang, Mitte der 70er), ist ein zerrissenes Album, ein schmerzvolles, wütendes Album, und gerade diese Negativität macht die Platte zu ihrer besten (ein Phänomen, daß sich z. B. auch bei „The Queen is Dead“ (1986) von den Smiths findet, oder bei dem ’98er-Album „Up“ von R.E.M.). Diese Tristesse manifestiert sich auch in den Bandfotos, die Lennon versunken oder schmerzlich schreiend zeigen, McCartney versunken oder rehäugig-wehmütig guckend, und Starr nur traurig guckend. Und nur Harrison, der als erster die Schnauze voll hatte und die Band während der Aufnahmen zeitweise verließ, lacht auf beiden Bildern. Außerdem sind „Two Of Us“ und „Dig A Pony“ einfach meine Lieblingslieder der Beatles.

Der Text auf dem Backcover, der hier „new phase Beatles“ verspricht, hatte nicht recht: Nicht die „warmth and the freshness of a live performance“ kommt hierbei heraus, sondern die Intimität, die ungeschützte Nähe einer Band, die nicht mehr tut, als ob sich die Mitglieder vertragen würden, sondern die aus ihrem Ende keinen Hehl mehr macht. Das ist verstörend, das ist traurig. Die Beatles, vier Buben aus Liverpool, sind spätestens hier erwachsen, vielleicht sogar für einen Moment lang alt geworden und haben hier, in ihren letzten Atemzügen, ein ehrliches, nahbares, aufrichtiges Album aufgenommen. Der Spaß war vorbei. Schade für Millionen von Fans, gut für dieses Album.

www.beatles.com