A Drag City Supersession – „Tramps, Traitors and Little Devils“

19. Dezember 2008

dc210

Drag City, 2001

Was lange währt, und so weiter: Lange, sehr lange bin ich um dieses Album herumgeschlichen, das mich vor allem wegen Bill Callahan interessiert hat, und immer war es mir zu teuer dafür, daß es mir beim ersten Reinhören nicht wirklich gefallen hat (damit allerdings habe ich dieser Platte unrecht getan!), und nun konnte ich sie endlich deutlich reduziert (mit einem Knacken auf Seite A) erstehen, gottseidank, wie schön!

Ein bißchen merkt man schon, daß dieses Album von 2001 ist: Heutzutage würden bei einer „Drag City Supersession“ wahrscheinlich andere Namen auftauchen, auch wenn die Musiker hier immer noch für das Chicagoer Label tätig sind. Aber außer Bill Callahan (ehemals Smog), vielleicht Neil Michael Hagerty (bekannt von The Royal Trux, The Howling Hex oder seiner zeitweisen Teilnahme bei Jon Spencers Pussy Galore) und ganz vielleicht noch Edith Frost sind sie wohl weitgehend unbekannt: Rian Murphy (den man eher als Produzent kennt), Brendan Murphy, Tara Key, Jessica Billey, Matt Bauder, Mark Greenberg, Azita Youseffi, und gerade mal Jim O’Rourke kam durch Sonic Youth, Wilco und seine eigenen Alben zu einem gewissen Ruhm – es geht wohl hauptsächlich um erstgenanntes Trio, die den vertretenen Liedern auch ihre Stimmen leihen.

Callahan, Hagerty und Frost haben sich hier also zusammengetan, um eine feine kleine Session einzuspielen, zwischen allen Polen, die die Musiker vertreten, diese auch schön vereinend, eine Session also, die sich zwischen dissonantem Gitarrenlärm und feinfühligem Folkverständnis bewegt, mit viel Humor und Lust am Musizieren.

Herausgekommen ist ein ziemlich buntes Album, das den eigenen Ton der Protagonisten in ein abwechslungsreiches, aber dennoch unverwechselbares Gewand packt und dabei erstaunlich heiter bleibt. So klingt der Opener „Zero Degrees“ aus Callahans Feder z.B. wie ein urtypisches Smog-Stück, aber ungleich munterer und spaßiger als dessen oft sehr schwermütige Werke, abgesehen von den herrlich schrägen Streichern, die fast schon gruselig sind. Das Lou-Reed-Stück „Charley’s Girl“, gesungen von Edith Frost, schmiegt sich daran nahtlos an und bleibt doch unverkennbar Reed, mit einer schön noisigen Gitarre von Hagerty, dessen „Texas Dogleg“ dann auch gleich eher ins Psychedelische abrutscht und sehr nach den sonnigen 70ern klingt, mit einem tollen Refrain und wiederum den von Jessica Billey und Matt Bauder ersonnenen Streichern. Aus der Schönheit heraus fällt dann Del Reeves „Girl on the Billboard“, ein flotter Countrystomp, der allerdings bis auf den Beat und eine Slidegitarre reduziert ist und seine Countryseligkeit, auch dank Callahans monotoner Stimme, nur noch erahnen läßt. Dann wird es mit Frosts verhalltem „Leaving the Army“ wieder gespenstisch schön und hippiesk, mit Hagertys „Everyday“ schnell und schräg, bevor Callahans Melancholie in „Nothing Rises to Meet Me“ dann doch durchbricht, ein für dieses Album erstaunlich ernsthaft arrangiertes und nahezu konventionell vorgetragenes Stück.

Spannender dagegen sind die darauffolgenden Coverversionen, einmal von Randy Newmans „Old Man“, und einmal von Black Sabbaths „N.I.B.“. „Old Man“, hier von Edith Frost gesungen und von Azita Youssefis  Piano getragen, ist eine nahezu weihnachtlich anmutende, gehauchte Ballade, die Newmans Altherrensarkasmus durch aufrichtiges Sentiment ersetzt und damit nichts falsch macht. Kitsch ja, aber sehr schöner Kitsch. „N.I.B.“ dagegen verliert in Hagertys Händen nichts von seiner heaviness, sondern gewinnt vielmehr zusätzlich ein psychedelisches Element, allerdings psychedelisch im Sinne von „psycho“, durch Hagertys Slidegitarre und wiederum die wunderbaren Streicher, die eine unglaubliche Dramatik erzeugen und sie zugleich wieder selbst zerlegen.

Den Abschluß bildet Frosts Ballade „One Chord Complaint“, wieder eine Hippieballade, verträumt, schräg, schön, eine manchmal lärmende Meditation am Ende einer tollen Platte.

Die „Drag City Supersession“ scheint für die Beteiligten ein Riesenspaß gewesen zu sein, was man der Platte zu jeder Sekunde anhört. Eingebettet in ein musikalisches Umfeld, das durchaus etwas von Schönheit versteht, sich selbst aber viel zu wenig ernst nimmt, um kitschig zu sein, das experimentell genug ist, um aus Callahans Zwei-Akkord-Liedern ein Hörerlebnis zu machen, dabei aber nie seine Popaffinität vergißt, brachte dieses Album das Beste der Protagonisten zum Vorschein (nicht, daß ihre eigenen Alben irgendwie schlechter wären) und vereinte es in viel Humor und Spaß. Eine tolle Platte, Hippietum at its best, und dabei doch viel zu ironisch für Hippies. So muß es sein.

www.dragcity.com

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