Cool Jerks – „Aus dem Weg“

30. Januar 2009

ausdemweg2

Soundflat Records, 2006

Was ist „pervers“? Laut Duden versteht man unter „pervers“ (lat. „perversus“) „verdreht, verkehrt, adj.“, Wikipedia sagt zu „Perversion“: „[…] eine stark bis sehr stark den vorherrschenden Moralvorstellungen, häufig im Bereich des Trieb- und Sexualverhaltens, entgegenwirkende Tat. Heute wird es als Schimpfwort für befremdendes Verhalten benutzt“. Es ist also diese zweite, moderne Bedeutung das Begriffs „pervers“, der mir beim Album „Aus dem Weg“ der Cool Jerks aus Bremen (nicht zu verwechseln mit der US-Band gleichen Namens), ein Seitenprojekt der Trashmonkeys, in den Sinn kommt.

Schaut man sich allein schon das Frontcover an, dann weiß man, warum ich dieses Wort bemühe: Vier Buben zwischen Teenie und Twen, in beschissen hippen Klamotten, mit superfreundlichen Grinsefressen, die total dämlich posen, ein Bild wie aus einer Teen-Zeitschrift vom Bahnhofskiosk, und auf der Rückseite geht’s gleich weiter: Unter total süßen Fotos der vier Buben stehen deren Lieblingsfarben, -musiker, -hobbys etc., grusel. Eine ähnliche Süßheit tropft aus den Angaben zu den Songs, die Titel tragen wie „Auf die Piste“, „Ich sitz auf’m Sofa“ oder „Sorry“: „Text + Musik: Andi, arrangiert von uns allen“. Was für ein Liebhaben, was für ein „Leben wie in einem 50er Jahre Heimatfilm“, wie Mutter gesagt haben. Und bei allen Indizien für Ironie: Irgendwie sehen die Jungs zu echt aus (Echt sind irgendwie auch eine – zumindest optische – Referenz), zu wenig gestylt, um nicht wirklich so süß und harmlos zu sein.

Und die Musik unterstreicht das dann auch: Die anfangs „flotte“ Gitarre vom Opener „Im Kreis“ wird sofort von einer weichgespülten Orgel und ebensolchen „Uhuuu“-Chören abgeschossen, vom lebensbejahenden Text, von dieser naiven Jungenstimme. Aber halt: Wieso singt Andi „es könnt‘ nichts Schlimm’res gääben“ statt „geben“? Woher dieser cheesy britische 50er-Jahre-Akzent?

„Autobahn fahrn“ zitiert dann auch Kraftwerk, allerdings so, als ob die Beach Boys am legendären „Autobahn“ mitgeschrieben hätten, wobei keine dieser Bands von den Pinkelpausen gesungen oder wie kleine Kinder Autogeräusche nachgemacht hätte. Das namensgebende „Cool Jerk“ von The Capitols aus dem Jahr 1966 wurde dann auch auf schönste Peter-Kraus’sche Weise eingedeutscht, wie auch die anderen Covers, z.B. The Whos „Run Run Run“ oder „Sorry“ von den Easybeats.

Mein Lieblingslied ist das vierte auf Seite eins, „Auf die Piste“, das mit dem wirklich geilen Reim „Girl, lass uns auf die Piste geh’n, die Laternen scheinen hell, um abends viertel nach zehn“ beginnt und klingt wie schönster Cliff Richard oder Peter Kraus. Bei „Astronaut“, im Original von den Caesars, klingt die Orgel dann dreckiger, der Gesang dringlicher, der Geist des Punk hebt sein ernsthaftes Haupt und wird vom klassischen Casiosound und dem „Aha-aha“ von „Da Da Da“ von Trio mit beiläufigem Humor gleich wieder konterkariert, bevor der „Vierrad-Reggae“ die erste Seite mit einem Stück Klischeereggae beendet, wie man es eigentlich nie wieder hören wollte.

Mit „Boogaloo“, dem Opener der zweiten Seite, im Original von Don Gardener aus dem Jahr ’67, steigen die Cool Jerks in schön dreckigen Garagenrock ein, eine fiese Gitarre, ein fieser Gesang, eine schweißtriefende Orgel und tüchtig viel Becken führen die Bandfotos schön ad absurdum, ebenso wie der Folgesong „Hör mich wein'“ (Animals). Es folgen noch die Kinks („Ich sitz auf’m Sofa“), die Beatles („Deine Sorgen“), besagte Who und Easybeats, neben zwei weiteren Eigenkompositionen, allesamt in schönstem brit-akzentuiertem Deutsch, und sogar die Lieder, die akzentfrei gesungen werden, klingen irgendwie nach Cliff Richard oder „Komm gib mir deine Hand“.

Und hier, mitten in aller weichgespülter Schlagerseligkeit, in aller Garagenrockigkeit, liegt die liebevolle Ironie der Cool Jerks, im gekonnt naiv wirkenden Zitieren der schrecklichen 50er-Jahre-TV-Welt, in der der hier immer wieder in den Sinn kommende Peter Kraus und seine Schwiegermuttertauglichkeit die Vorherrschaft über den deutschen „Rock’n’Roll“ (die Anführungszeichen stehen mit Bedacht da) innehielt, in der die Harmonie so zuckersüß war, daß man Karies bekam vom bloßen Hingucken. Sicher, „Aus dem Weg“ ist keine gemeine Satire, ist keine zynische Abrechung mit dieser Musik. Sie geht mit dem Beat und dem englischen Schlager der 50er genauso um wie die Leopold Kraus Wellenkapelle mit Surf und Beat, nämlich respektvoll und nur zart ironisch. Nur, daß sich die Cool Jerks der wesentlich uncooleren Musik widmen und dabei offenbar doch ziemlich viel Spaß haben. Wirtschaftswundermusik für Schwiegermütter in der Verpackung einer Teenieband der Gegenwart. Zweimal superuncool ergibt irgendwie dann doch cool, ironisch auf eine Art, auf die man aber zusätzlich unreflektiert guten sauberen Spaß haben kann. Und eine dufte Partyscheibe ist „Aus dem Weg“ auch noch.

Ich tausche das eingangs herangezogene Adjektiv „pervers“ gegen die Begriffe „unverschämt“ und „geil“ und tanze noch ein wenig weiter in dieser besseren Welt.

www.myspace.com/cooljerksbremen
www.soundflat-records.de

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2 Antworten to “Cool Jerks – „Aus dem Weg“”

  1. Guido said

    das hast du sehr schön erfasst, das cover ist eine billige, nachgestellte kopie von einem tokio hotel foto und die texte sind größtenteils nicht eingedeutscht sondern selber geschrieben, maximal vom original adaptiert. leider cwaren wir mit dem sound des studios nicht zufrieden, klang zu groß und nicht so schön kompakt wie unsere vorherigen („Wir beaten mehr“) Alben. Wir haben dann noch eine schön rotzige „Live im Bunker“-10″ Inch und eine Abschieds-Splitsingle rausgebracht und uns dann aufgelöst. Ab und zu spielen wir noch und im Film „Banklady“ haben wir einen kleinen Auftritt. Best, Guido Bolero von den Jerks

    • Dr. Eusebia Schreck said

      Hey Guido, danke für Dein Lob!

      Und ehrlich gesagt find ich grade den recht glatten Sound gut, weil er alles noch viel witziger macht. Jedenfalls eine Superplatte (wie Eure anderen Platten auch), und sehr schade, daß es Euch nicht mehr gibt, ich hätt Euch gern mal live gesehen. Aber wer weiß, „ab und zu“ lässt ja hoffen!

      Beste Grüße, Dr. Schreck

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