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Karate Body Records 2009 / Temporary Residence 2009

Der working class hero des Gegenwarts-Folks, Will Oldham, hat wieder einiges veröffentlicht in letzter Zeit, alles als Bonnie „Prince“ Billy, neben seinem neuen regulären Album „Beware“ (ebenfalls 2009) auch die beiden hier im Mittelpunkt stehenden Veröffentlichungen. Und es bewahrheitet sich, was ich an anderer Stelle in diesem kleinen Blog bereits behauptet habe: Der allseits gepriesene Meister ist mittlerweile am besten, wenn ihm jemand zur Seite steht, bzw. wenn er selbst nur ein – freilich relevanter – sidekick ist. Diese freche Behauptung beweisen die 10″ „Among The Gold“, die er gemeinsam mit Cheyenne Mize aufgenommen hat, sowie die Split-7″ mit den Young Widows, deren freie Seite er alleine bespielt.

Es sind irgendwie wunderliche Veröffentlichungen, diese beiden Scheiben, sie sind irgendwie träumerisch und decken dabei die ganze Bandbreite des nächtlichen Realitätsverlustes ab: „Among The Gold“ klingt wie eine Mär aus alten Zeiten, melancholisch, abendsonnig und schön, die Split-7″ wie die darauf folgenden Alpträume. Hinter beiden Veröffentlichungen steht in erster Linie nicht Oldham selbst, sondern hinter ersterer Cheyenne Mize, eine Musiktherapeutin sowie Violinistin und Sängerin der Band Arnett Hollow aus Kentucky, die über die geographische Nähe zu Oldham dessen Bekanntschaft gemacht hat, hinter zweiterer die ebenfalls aus Kentucky stammenden Young Widows, ein brachiales, vertracktes, ziemlich tolles Noise-Trio, die Oldham zum Auftakt für eine vier 7″s umfassende Split-Vinylreihe an Bord geholt haben (den nächsten Teil bestreiten z.B. Melt Banana). Es gab also gewisse Richtlinien, innert derer Bonnie sich zu bewegen hatte. Und das ist ihm und seinen Mitstreitern mehr als gelungen.

„Among The Gold“ enthält ausschließlich Interpretationen sehr alter Lieder, das älteste, „Beautiful Dreamer“ aus der Feder von Stephen C. Foster, stammt von 1864, das jüngste, „Kiss Me Again“ von Victor Herbert und Henry Blossom, von 1915. Die Instrumentierung besteht nur aus Mizes Gitarre, bei „Love’s Old Sweet Song“ aus ihrer Autoharp, und einmal spielt sie noch eine sanfte Geige als kleine Ergänzung bei „Beautiful Dreamer“. Den Gesang teilen sich Oldham und Mize gleichberechtigt, wobei Oldham seiner Sangespartnerin meist galant den Vortritt läßt. Und mehr brauchen diese alten, sepiafarbenen Songs auch nicht, um den Hörer in eine ganz wunderbare, friedvolle Vergangenheit zu führen, um von Liebesleid und Liebesglück zu erzählen und dabei in ihrer Reduktion eine heimelige Bildwelt zu eröffnen.

Ein wichtiger Teil dieser friedlichen Atmosphäre ist Mizes warme, freundliche Stimme, die mit großer Behutsamkeit und einem stillen, wissenden Lächeln diese alten Weisen vorträgt (und die Lieder auch meist allein beginnt). Dem paßt sich auch Oldham an, verzichtet ebenso auf seine frühere Brüchigkeit wie auf seine spätere Saturation, bleibt ganz klein und behaglich neben Mize, ein Paar, das sich in aller Intimität kleine Geschichten von der Liebe erzählt, oder sich auch mal verspielt neckt, indem in „Beautiful Dreamer“ die Takte verzögert und verlängert werden, die Stimmen sich umeinander drehen und sich nur im Refrain zu einem sanften Kuß finden. Und Oldhams Stimme klingt hier so tief und warm wie kaum zuvor. Nahezu euphorisch, ausgelassen an der Grenze zur verliebten Albernheit ist „Let Me Call You Sweetheart“, bei dem Oldham ein Pfeifsolo hat, das Mize „Lalala“-trällernd begleitet, ohne dabei diese spätsommerliche, irgendwie sanft melancholische Trägheit aufzugeben, die dann in „Silver Threads Among The Gold“ ihre Vollendung findet, in diesem wunderbaren Poem an die Liebe, die alle Zeit, alles Altern überdauert.

Wie anders dagegen klingt die Split-7″ der Young Widows mit Oldham. Die Young Widows beginnen ihr „King Of The Back-Burners“ mit einem disharmonischen Gitarrenakkord, der von stampfendem, schleppendem Baß und Schlagzeug eingeholt, alleingelassen und wieder eingeholt und schließlich zugunsten des irgendwie emotionslos-verzweifelten Gesangs verjagt wird. Eine fiese Spannung baut sich auf in der Monotonie des abwechselnden Verstummens der drei Instrumente, die mögliche Veränderungen des Songs von der inhaltlichen auf die strukturelle Ebene verlagert haben, eine Spannung, die allerdings bis kurz vor Ende des Liedes nicht aufgelöst wird. Der Hörer bleibt gefangen in schleppender Monotonie, wie sie in den 90ern von den frühen Helmet oder von Slint nicht besser erzeugt hätte werden können. „King Of The Back-Burners“ ist ein fieses kleines Stück Noise-Rock, kurz, gemein, ein akustischer coitus interruptus, der nach einem brachialen Metalsound schreit, dankenswerterweise aber schön garagig-krachig unterproduziert ist und damit charmant bleibt und sich so von Bands wie z.B. besagten Helmet unterscheidet (wie übrigens auch die beiden Alben der Young Widows).

„Poor Shelter“ von Bonnie „Prince“ Billy hingegen wird getragen von einer Akustikgitarre, einer Melodika (oder ähnlichem), folkig-psychedelischen Synthies, einem minimalistischen Baß (Oldham spielt und singt hier alles allein ein) und einem vielfach gedoppelten Gesang, der der kleinen Melodie eine ungemeine Dringlichkeit verleiht, bis hin zu einer gesprochenen Stimme in der zweiten Strophe, die sich nochmal viel zu laut und sehr erschreckend über alles legt, und dem „Lalalala“ im Refrain, das irgendwie psychotisch heiter klingt. Selten war Oldham dem Etikett des sogenannten „Freak Folk“ näher als hier: Irgendwie altertümlich wirkt „Poor Shelter“, als wären die Leierkastenspieler und die schmutzigen Schaustellerkinder nicht weit, als würde dem Lied Lehm an den nackten Füßen kleben. In seiner Songstruktur, die auch weniger auf Abwechslung denn auf Steigerung baut, und eben diesem mythisch-folkloristisch-psychedelischen Gestus erinnert der Song sehr an Oldhams gleichnamigen Beitrag zu Erik Weselos Fotobuch „Forest Time“, einem seiner geheimnisvollsten und schönsten Lieder. „Poor Shelter“ paßt sich in seiner Repetitivität und seiner seltsamen, nie zum Ausbruch kommenden Dringlichkeit dem Song der Young Widows an, ohne dabei sein Folk-Terrain zu verlassen. Eine 7″, die die große musikalische Bandbreite eines eigenartigen Alptraums repräsentiert.

Es sind Veröffentlichungen wie diese, die mich immer wieder mit Oldhams in letzter Zeit doch überambitionierten, lebloseren Alben wie „The Letting Go“ (2006) oder, ganz schlimm, „Lie Down In The Light“ (2008) versöhnen: Kleine, reduzierte, spontane Platten, die viel näher am Hörer sind als besagte Alben, die eine unfertige Schönheit ausstrahlen und die einem auch große Lust machen, sein neuestes Album „Beware“ nochmal in aller Ruhe und vorurteilslos anzuhören.

www.bonnieprincebilly.com
www.arnetthollow.net
www.youngwidows.net
www.karatebodyrecords.com
www.temporaryresidence.com

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Gutfeeling, 2009

Manchmal muß man der allseits und freilich meist zurecht verpönten modernen Technik dann doch dankbar sein. Mit einer längeren Autobahnfahrt konfrontiert, machte ich gestern Gebrauch von einem modernen Schnickschnack, der sich mittlerweile, digitale Jugend sei Dank, durch viele der aktuellen Vinylveröffentlichungen zieht: dem digitalen Downloadcode. Und als ich mich dann gestern nacht bei strömendem Regen auf besagter Autobahn wiederfand, dunkel war’s, eine leichte Melancholie saß auf dem Rücksitz, entschied ich mich dafür, auf meinem mp3-fähigen autointernen CD-Player „Hold Fast“ von G.Rag y los Hermanos Patchekos zu hören, die neue Veröffentlichung aus dem Münchner Hause Gutfeeling, einem der feinsten Mikrolabels dieser Lande. Ein Volltreffer, möchte ich sagen.

G.Rag y los Hermanos Patchekos sind irgendwie die labeleigene Big Band von Gutfeeling, ein wilder Haufen Musiker, die sich um den Vorsteher G.Rag versammeln und z.B. auch bei den Dos Hermanos mitspielen oder bei den Landlergschwistern, und die, wie eine Freundin gestern nacht – ich war endlich auf der Feier am Ende meiner Fahrt angekommen und erzählte von meinem Hörerlebnis – meinte, eher wirken wie eine Fußballmannschaft als wie eine Band (was als leicht kurioses Kompliment gemeint war).

Als jedenfalls gestern der „Caribbean Calypso Trash“ dieser Band aus meinem Autoradio tönte, wurde es gleich um einige Grad wärmer. G.Rags leicht verzerrte, schön verhaltene E-Gitarre gibt beim Opener „Traversia Caliente“ ein kleines, groovendes Moll-Riff vor, auf das die Band dann nach und nach einsteigt, erst die Percussion, später dann die wunderschönen Bläser, und das Leben wird plötzlich cinematisiert. Anstatt auf einer Autobahnfahrt durch den Süden Deutschlands fand ich mich irgendwo in der Karibik wieder, auf einer wilden Feier kurz vor Mitternacht, mit einem Haufen trauriger Geschichten im Herzen und dem unbedingten Willen, sie heute nacht einfach zu vergessen. Was dann auch gegen Ende des Openers gelingt: Auf einmal kippt der Song in ein kleines, ruhiges Dur um, eine wunderschöne, hymnische Trompete erklingt, ein Schauer der Erlösung überkommt den Hörer, bevor man sich tiefer und tiefer in die Nacht tanzt.

Die Schwüle und das Cineastische bleibt, das Tempo wechselt: Der „Gambling Bar Room Blues“ von Jimmy Rodgers ist genau das, ein schleppernder, scheppernder Blues, getragen von G.Rags nachlässigem Trademark-Gesang durch sein altes Megaphon, einem schrägen Banjo und New-Orleans-Bläsern, die der erzählten Moritat die nötige Dringlichkeit verleihen, sie aber auch vorm allzugroßen Ernst bewahren.

Dann, plötzlich der „Nervous Breakdown“: Ein überraschendes Black-Flag-Cover, nicht ganz überführt in den Sound der Band, eher am Rand des Hardcore bleibend, mit lustiger Melodika, diesem schönen warmen Gitarrensound und der scheppernden Percussion. Wohnzimmerpunk, heartfelt, nicht ganz passend, aber ein gelungener Szenenwechsel, der die flotte „Cajun Maid“ vorstellt, nun nicht mehr bei Nacht, sondern in strahlendem Zydeco-Sonnenschein, ein kleiner volkstümlicher Tanz, der einfach so glücklich macht: „Je veux danser with her“, au ja!

Das Instrumental „Mi Barrio“ führt dann wieder durch calexicohafte Hinterhöfe, Schwarzweiß-Bilder wie aus „Down by Law“ von Jarmusch, eine tastende Gitarre, eine verlorene Trompete, eine einsame Slide-Gitarre, und ein Rhythmus, der alles zusammenhält. Dann „Rags’n’Bones“, wieder eine Überraschung. Ein dreckiges, funky Riff und G.Rags heiserer Gesang, ehe ein schön dreckiger New-Orleans-Funk anfängt, mit hymnischem Refrain, coolem Call-and-Response-Gesang und einer superguten Tanzboden-Credibility, und freilich wieder dem nötigen Schuß Humor und Spaß, und die zweite Überraschung birgt die Autorenschaft, „Rags’n’Bones“ stammt von Punklegende NoMeansNo. Mittlerweile rinnt der Schweiß schon immens, das Meersalz in der Luft vermischt sich mit dem Geschmack des Rums, und dann kommt eine richtig geile Überforderung inmitten der Schwüle, „Le Massacre du Melodica“, schnell, rockend, das „Duelling Banjos“ für zwei Melodikas, ein herzlicher, versierter Lacher, eine Melodie, die einen so schnell nicht mehr losläßt.

„Get On Board“ dann wieder klassisch, verhalten, tief melancholisch, irgendwie hoffnungslos schön, bevor der „balkan brass swing en speed“ von „Swing Vergol“ einen wieder auf die Füße reißt, müde zwar, aber wieder mit oben erwähntem unbedingten Willen zum – wenn auch bitteren – Spaß.

Gewagt ist dann „Jockey Full Of Bourbon“ vom großen Tom Waits. Vielleicht liegt es daran, daß ich Waits und vor allem sein Werk um „Rain Dogs“ (1985) zu gut kenne und zu sehr liebe, vielleicht ist „Jockey Full Of Bourbon“ durch „Down By Law“ einfach zu bekannt, aber hier mußte ich dann doch erstmal schlucken. Bislang hat es noch niemand geschafft, an Waits heranzukommen, was vor allem an dessen unglaublicher Stimme liegt und an seinen irgendwie zerstörten, zerstückelten Arrangements. Doch die Hermanos Patchekos tappen nicht in die Falle, Waits imtieren zu wollen, sondern bleiben vor allem gesanglich auf ihrer Seite, irgendwie müde, irgendwie nachlässig, und siehe: Es funktioniert dann doch. Instrumental aus einem eher solideren Guß wie die Waits-Arrangements im allgemeinen, fügen sie dem Original hier und da noch Kleinigkeiten hinzu, das Akkordeon, die verlorene Trompete, der beswingte Rhythmus. Zwar legt sich mir beim Hören im Geiste immer wieder der Waits’sche Gesang drüber, aber vor allem der rabiate, gelungene Schluß versöhnt damit wieder.

Und dann wird’s nochmal richtig sommerlich, fröhlich, leicht, schön: „Influence“, das Cover der Skate-Punk-Band Old Boys, ist mit seinen Steeldrums genau das richtige Lied, um einen morgens mit einem Lächeln aus dem Bett zu kriegen und den Tag zu umarmen. Die Bläser muß man hier nicht nochmal erwähnen, sie sind schön und toll wie überall auf dieser Platte. Vielleicht, neben „Cajun Maid“, mein heutiges, sommerlich-sonntagnachmittagliches Lieblingslied.

Ein schönes Stück „60s rocker“ ist dann das französische „J’ai Tardé“, gesungen vom Black Rider, ein kleines Lied für Akkordeon, ein Lächeln gegen Ende der Platte, bevor der obligatorische Hank Williams zu Ehren kommt. „Cold Cold Heart“ ist ein trunkener Country-Waltz, der sich heiter durch die haßerfüllte Männer-vs-Frauen-Welt schunkelt, der auch ins Bierzelt passen würde (ach, stimmt, die Landlergschwister), mit der nötigen respektvollen Respektlosigkeit, die es braucht, um Songklassikern neues Leben einzuhauchen. Und dann ist die Platte vorbei.

A propos Platte: Zu meinem Downloadcode gehört freilich auch die Vinylausgabe, und die möchte ich dem werten Leser aufs Wärmste ans Herz legen, selbst wenn er nur einen schnöden CD-Player besitzt (hey, denkt an den Downloadcode!). Denn wie immer bei Gutfeeling kommt das (in diesem Fall Doppel-)Vinyl wunderschön verpackt daher, mit einem tollen Siebdruck-Klappcover auf rauhem, festem Karton, gestaltet von Lilli Flux, und kleinen Gimmicks wie Aufklebern und einem schönen Beipackzettel. Nix Plastik, das Vinyl ist auch ein Vergnügen für Finger und Augen, das sei hier explizit erwähnt und gelobt!

„Hold Fast“ ist sozusagen das Jubiläumsalbum der Hermanos Patchekos, die dieses Jahr ihren zehnten Geburtstag feiern (und ich gratuliere herzlich!). Und sie haben sich und uns damit ein schönes Geschenk gemacht, eine wunderschöne, sehr abwechslungsreiche Platte, die vielleicht hier und da ein oder zwei kleine Schwächen zeigt, insgesamt aber musikalisch und auch atmosphärisch auf sehr hohem Niveau bewegt und den typischen, reichhaltigen, immer leicht schrägen, aber doch immer wunderschönen Patcheko-Sound hat. Eine Platte wie der Soundtrack zu dem Leben, das man gerne leben würde, aber leider heißt man weder Humphrey Bogart, noch führt Jim Jarmusch Regie. Das ist zwar schade, aber dafür gibt es ja Platten wie „Hold Fast“. Gibt’s, wie noch viele andere schöne Platten, auf der Homepage von Gutfeeling. Auf geht’s, kaufen!

www.g-rag.com
www.gutfeeling.de

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Soundflat Records, 2006

Gleich vorweg: Es ist eine Sache, die Staggers live zu sehen, und eine ganz andere, „nur“ ihre Platte zu hören. Live sind die Österreicher eine unglaubliche Schau, ein Gesamtkunstwerk, ein wilder Haufen wie direkt aus Bobby Picketts „Monster Mash“, als ob Frankenstein und seine Freunde bei Räuber Hotzenplotz mitmachen würden, angeführt von einem arg heiteren Fürsten der Finsternis, mit mehr als nur einem Arsch voll Groove. Auf LP bleibt von dieser feinen, abwechslungs- und bewegungsreichen Optik (Vampire, verrückte Professorgehilfen, Hinterwaldschrate und eben coole Rocker), von den Gesten und Blicken, vom Grinsen und Wippen, freilich nicht mehr viel übrig, da kann man sich nur auf das Cover verlassen. Doch auch in 2D halten die Staggers einiges von dem, was sie versprechen: Zusätzlich zur ziemlich coolen Optik des Covers schenken sie einem noch ein feines Poster dazu und eine Monstermaske zum Ausschneiden, damit man selber zum „Ugly Kid“ mutieren kann. Hier hat man es also tatsächlich mit Liebhabern zu tun, die ihrerseits den hörenden Liebhabern viel zu schenken haben.

Vielleicht ist es einfach ein bisserl schwierig, diesen optischen Irrsinn in Musik umzusetzen und trotzdem der Zitatenhölle des Neo-60’s-Garage-Beat treu zu bleiben, vielleicht kommt hier auch einfach nur der Unterschied zwischen einer furiosen Liveshow und einem dann doch produzierten Studioalbum zum tragen. Jedenfalls ist die Musik der Staggers deutlich konventioneller, wenn auch nicht viel weniger wild, als ihre Show und ihre Optik. Was jetzt – diese Verteidigung sei gleich hinterhergeschoben – dem Album gar nicht so viel ausmacht.

Das Album selbst besteht bis auf „Little Boy Blue“ (Tonto and the Renegades) und „I am the Wolfman“ (Round Robin) aus Eigenkompositionen, die sich aber nirgendwo hinter den Originalen verstecken müssen, die klingen wie aus der Feder eines 60’s-Irren, und die auch die typischen Themen dieser Musik und also die hormonell verwirrter Teens verhandeln: Sex, Girls, heiße Öfen, Surfen, wilde Tiere, Friedhöfe, Serienmord und diverse blutrünstige Gestaltwandler.

Der Sound changiert dabei minimal zwischen dreckigem Teen-Beat, dreckigem Prä-Punk, dreckigem Surf und dreckigem Monsterbeat, zwischen Fuzz und Farfisa, ohne dabei die teilweise unerträglich schlechte Soundqualität z.B. einiger Billy-Childish-Outputs zu erreichen. Die Produktion ist erfreulich klar, ohne dabei ihren Druck zu verlieren, räumt den einzelnen Instrumenten ihren Platz ein und ist trotzdem nix für kopflastige Audiophile, sondern für Leute mit Groove im Arsch.

Sicher, nicht alles erreicht dabei die Größe des „Eagles Surf“ oder des großen Hits der Staggers, „Do the Ripper“, der dreist bei „The Crusher“ (von wasweißichwem, unter anderem von den großen Cramps) klaut, aber wer weiß, wo der wiederum geklaut ist, und außerdem ist das eh wurscht. „Little Girl“ wäre 60’s-Garagen-Massenware mit leicht rockistischem Einschlag, klänge dann nicht doch ein bißchen zu sehr der Irrsinn durch, der die Live-Shows zu so einem Erlebnis macht, was vor allem dem hysterischen Gesang von Wild Evel geschuldet ist, dem Mann mit der bescheuertsten und deswegen coolsten Frisur des Rock, und der schrillen Orgel der gruslig-anziehend unnahbaren Lightning Iris. Den Refrain von „Out of my Mind“ hat man auch schon oft gehört, der Anfang von „Black Hearse Caddilac“ zitiert Chuck Berry, aber, ich kann es nur betonen: Was soll’s? Hinter der eleganten Freak-Coolness der Band hört man eine derartige Spielfreude, eine Lust auf diese schön primitive Musik, daß die drei Ausrufezeichen hinter dem Titel „Come on!!!“ wirklich mal gerechtfertigt sind.

Gerade ein Song wie besagter „Black Hearse Caddilac“ bringt mich sogar jetzt, müde von der Arbeit, vollgefressen und faul wie sonstwas, fast zum Aufspringen und wilden Rumhüpfen, müßte ich nicht das hier schreiben. Und höre ich hier nicht auch ein Quentchen teen angst raus? Ein bißchen zu viel Dringlichkeit und Verzweiflung im Gesang? Geht es hier sogar um mehr als nur um den auf dem Cover angepriesenen „Fun“? Dochdoch, irgendwie sind die Staggers auch Getriebene, und so eine Welt voller Vampire, Werwölfe und heißer Schlitten ist eben nicht nur ein Vergnügungspark (wohnt nicht z.B. dem Surf auch eine ständige Moll-Melancholie inne?). Aber hey, nochmal: Was soll’s? Hauptsache, die „Wild Teens“ kommen auf ihre Kosten, ehe die Platte mit dem fast traditionellen Rock’n’Roll von „I am the Wolfman“ schließt.

Kurz gesagt ist „Teenage Trash Insanity“ ein klassisches 60’s-Garage-Beat-Album, mit allem, was daran Spaß macht, aber auch mit einigem, was daran ein wenig fad wirken kann. Aber weil es den Staggers ja nicht darum geht, das Rad neu zu erfinden, sondern damit einfach nur ihre Hot Rods zu bestücken und einmal durch sämtliche Garagen und Höllenschlünde der Stadt zu brettern und dabei verdammt gut auszusehen, kann man über ein paar Flauheiten hinwegsehen, vor allem, wenn man Lust hat, sich auf den Sozius zu schwingen und mitzubrettern. Und dafür sorgt diese Platte dann doch ziemlich effektiv.

www.staggers.net.tf
www.soundflat-records.de