Cheyenne Mize & Bonnie „Prince“ Billy – „Among The Gold“ / Young Widows & Bonnie „Prince“ Billy – Split-7″

28. Mai 2009

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Karate Body Records 2009 / Temporary Residence 2009

Der working class hero des Gegenwarts-Folks, Will Oldham, hat wieder einiges veröffentlicht in letzter Zeit, alles als Bonnie „Prince“ Billy, neben seinem neuen regulären Album „Beware“ (ebenfalls 2009) auch die beiden hier im Mittelpunkt stehenden Veröffentlichungen. Und es bewahrheitet sich, was ich an anderer Stelle in diesem kleinen Blog bereits behauptet habe: Der allseits gepriesene Meister ist mittlerweile am besten, wenn ihm jemand zur Seite steht, bzw. wenn er selbst nur ein – freilich relevanter – sidekick ist. Diese freche Behauptung beweisen die 10″ „Among The Gold“, die er gemeinsam mit Cheyenne Mize aufgenommen hat, sowie die Split-7″ mit den Young Widows, deren freie Seite er alleine bespielt.

Es sind irgendwie wunderliche Veröffentlichungen, diese beiden Scheiben, sie sind irgendwie träumerisch und decken dabei die ganze Bandbreite des nächtlichen Realitätsverlustes ab: „Among The Gold“ klingt wie eine Mär aus alten Zeiten, melancholisch, abendsonnig und schön, die Split-7″ wie die darauf folgenden Alpträume. Hinter beiden Veröffentlichungen steht in erster Linie nicht Oldham selbst, sondern hinter ersterer Cheyenne Mize, eine Musiktherapeutin sowie Violinistin und Sängerin der Band Arnett Hollow aus Kentucky, die über die geographische Nähe zu Oldham dessen Bekanntschaft gemacht hat, hinter zweiterer die ebenfalls aus Kentucky stammenden Young Widows, ein brachiales, vertracktes, ziemlich tolles Noise-Trio, die Oldham zum Auftakt für eine vier 7″s umfassende Split-Vinylreihe an Bord geholt haben (den nächsten Teil bestreiten z.B. Melt Banana). Es gab also gewisse Richtlinien, innert derer Bonnie sich zu bewegen hatte. Und das ist ihm und seinen Mitstreitern mehr als gelungen.

„Among The Gold“ enthält ausschließlich Interpretationen sehr alter Lieder, das älteste, „Beautiful Dreamer“ aus der Feder von Stephen C. Foster, stammt von 1864, das jüngste, „Kiss Me Again“ von Victor Herbert und Henry Blossom, von 1915. Die Instrumentierung besteht nur aus Mizes Gitarre, bei „Love’s Old Sweet Song“ aus ihrer Autoharp, und einmal spielt sie noch eine sanfte Geige als kleine Ergänzung bei „Beautiful Dreamer“. Den Gesang teilen sich Oldham und Mize gleichberechtigt, wobei Oldham seiner Sangespartnerin meist galant den Vortritt läßt. Und mehr brauchen diese alten, sepiafarbenen Songs auch nicht, um den Hörer in eine ganz wunderbare, friedvolle Vergangenheit zu führen, um von Liebesleid und Liebesglück zu erzählen und dabei in ihrer Reduktion eine heimelige Bildwelt zu eröffnen.

Ein wichtiger Teil dieser friedlichen Atmosphäre ist Mizes warme, freundliche Stimme, die mit großer Behutsamkeit und einem stillen, wissenden Lächeln diese alten Weisen vorträgt (und die Lieder auch meist allein beginnt). Dem paßt sich auch Oldham an, verzichtet ebenso auf seine frühere Brüchigkeit wie auf seine spätere Saturation, bleibt ganz klein und behaglich neben Mize, ein Paar, das sich in aller Intimität kleine Geschichten von der Liebe erzählt, oder sich auch mal verspielt neckt, indem in „Beautiful Dreamer“ die Takte verzögert und verlängert werden, die Stimmen sich umeinander drehen und sich nur im Refrain zu einem sanften Kuß finden. Und Oldhams Stimme klingt hier so tief und warm wie kaum zuvor. Nahezu euphorisch, ausgelassen an der Grenze zur verliebten Albernheit ist „Let Me Call You Sweetheart“, bei dem Oldham ein Pfeifsolo hat, das Mize „Lalala“-trällernd begleitet, ohne dabei diese spätsommerliche, irgendwie sanft melancholische Trägheit aufzugeben, die dann in „Silver Threads Among The Gold“ ihre Vollendung findet, in diesem wunderbaren Poem an die Liebe, die alle Zeit, alles Altern überdauert.

Wie anders dagegen klingt die Split-7″ der Young Widows mit Oldham. Die Young Widows beginnen ihr „King Of The Back-Burners“ mit einem disharmonischen Gitarrenakkord, der von stampfendem, schleppendem Baß und Schlagzeug eingeholt, alleingelassen und wieder eingeholt und schließlich zugunsten des irgendwie emotionslos-verzweifelten Gesangs verjagt wird. Eine fiese Spannung baut sich auf in der Monotonie des abwechselnden Verstummens der drei Instrumente, die mögliche Veränderungen des Songs von der inhaltlichen auf die strukturelle Ebene verlagert haben, eine Spannung, die allerdings bis kurz vor Ende des Liedes nicht aufgelöst wird. Der Hörer bleibt gefangen in schleppender Monotonie, wie sie in den 90ern von den frühen Helmet oder von Slint nicht besser erzeugt hätte werden können. „King Of The Back-Burners“ ist ein fieses kleines Stück Noise-Rock, kurz, gemein, ein akustischer coitus interruptus, der nach einem brachialen Metalsound schreit, dankenswerterweise aber schön garagig-krachig unterproduziert ist und damit charmant bleibt und sich so von Bands wie z.B. besagten Helmet unterscheidet (wie übrigens auch die beiden Alben der Young Widows).

„Poor Shelter“ von Bonnie „Prince“ Billy hingegen wird getragen von einer Akustikgitarre, einer Melodika (oder ähnlichem), folkig-psychedelischen Synthies, einem minimalistischen Baß (Oldham spielt und singt hier alles allein ein) und einem vielfach gedoppelten Gesang, der der kleinen Melodie eine ungemeine Dringlichkeit verleiht, bis hin zu einer gesprochenen Stimme in der zweiten Strophe, die sich nochmal viel zu laut und sehr erschreckend über alles legt, und dem „Lalalala“ im Refrain, das irgendwie psychotisch heiter klingt. Selten war Oldham dem Etikett des sogenannten „Freak Folk“ näher als hier: Irgendwie altertümlich wirkt „Poor Shelter“, als wären die Leierkastenspieler und die schmutzigen Schaustellerkinder nicht weit, als würde dem Lied Lehm an den nackten Füßen kleben. In seiner Songstruktur, die auch weniger auf Abwechslung denn auf Steigerung baut, und eben diesem mythisch-folkloristisch-psychedelischen Gestus erinnert der Song sehr an Oldhams gleichnamigen Beitrag zu Erik Weselos Fotobuch „Forest Time“, einem seiner geheimnisvollsten und schönsten Lieder. „Poor Shelter“ paßt sich in seiner Repetitivität und seiner seltsamen, nie zum Ausbruch kommenden Dringlichkeit dem Song der Young Widows an, ohne dabei sein Folk-Terrain zu verlassen. Eine 7″, die die große musikalische Bandbreite eines eigenartigen Alptraums repräsentiert.

Es sind Veröffentlichungen wie diese, die mich immer wieder mit Oldhams in letzter Zeit doch überambitionierten, lebloseren Alben wie „The Letting Go“ (2006) oder, ganz schlimm, „Lie Down In The Light“ (2008) versöhnen: Kleine, reduzierte, spontane Platten, die viel näher am Hörer sind als besagte Alben, die eine unfertige Schönheit ausstrahlen und die einem auch große Lust machen, sein neuestes Album „Beware“ nochmal in aller Ruhe und vorurteilslos anzuhören.

www.bonnieprincebilly.com
www.arnetthollow.net
www.youngwidows.net
www.karatebodyrecords.com
www.temporaryresidence.com

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