Men At Work – „Business As Usual“

29. September 2009

menatwork

Columbia Records, 1981

So, es wird Zeit, eine Lanze zu brechen für eine derjenigen Bands, denen ihr großer Hit zum Verhängnis wurde und die, käme sie nicht von down under (und wäre sie nicht, so möchte ich glauben, viel zu cool), heutzutage durch blöde Sendungen wie „Hits von anno dunnemal“ auf RTL oder einer anderen televisuellen Pest tingeln und immer wieder und endlos akustische Vegemite Sandwiches fressen würde.

Die Rede ist von den Australiern Men At Work um den Sänger Colin Hay, die die Querflöte nach Jethro Tull wieder für die Popmusik urbar gemacht und sie dummerweise viel zu catchy auf ihrem viel zu großen Hit „Down Under“ verwendet haben.

Bands wie die wunderbaren Men At Work gibt es wohl wie Sand am Meer: Auf einem Album voller schöner Lieder ist eines, das raussticht, weil es das exaltierteste, das albernste oder einfach das blödeste ist, und alle Welt fährt darauf ab, und plötzlich sind Midnight Oil nur noch „die mit Beds Are Burning“, oder Black nur noch „der mit Wonderful Life“, Fischer-Z die mit „Berlin“ und „Marliese“, und Blur waren doch die mit diesem bescheuerten „Boys And Girls“ (ach, halt, die hatten danach noch das Glück, berühmt zu werden). Und Men At Work sind eben die mit diesem albernen „Down Under“.

Das stimmt wohl, das sind sie, und tatsächlich ist „Down Under“ ihr Trademark-Stück (und, so verrät uns das Internet, die inoffizielle Nationalhymne Australiens), und das nicht nur, weil es eben das bekannteste ist. Hört man etwas genauer hin, dann ist das Lied gar nicht so albern, wie es klingt. Der Text erzählt vom Einsamsein in der weiten Welt und dem Vaterland im Herzen, das das Eis zwischen den Figuren schmelzen läßt. Aber halt: Was wie eine patriotische Liebeserklärung an Australien klingt, ist eine Warnung: „You better run, you better take cover“, und zwar vor den plündernden und kotzenden Männern dort, und dem Donnern, irgendwo las ich dereinst, es handle sich dabei um die Angst vor irgendeinem Krieg oder so ähnlich. Und außerdem ist das Lied viel melancholischer, als der typische Ü30-Diskobesucher wahrhaben will – völlig fertig in der Ferne in einer Ecke zu liegen ist nunmal kein Zuckerschlecken.

Und außerdem, deshalb habe ich die Platte hier überhaupt erst ausgepackt, ist „Down Under“ wahrlich nicht das beste Lied auf  „Business As Usual“. Allein schon der Opener „Who Can It Be Now?“, auch ein mittelgroßer Hit, schlägt den Song um Längen. Ein klassisches 80’s-Saxophon bläst eine unvergessliche Hookline, und Colin Hay singt mit heiserer Stimme eine Geschichte Pop gewordener Paranoia, gerade noch im Zaum gehalten von dieser wunderbaren Melancholie, die auch die verhaltenen Gitarren tragen. Und immer wieder wird diese Paranoia, wahrscheinlich typisch für die 80er Jahre, im Verlauf der Platte ihr Haupt heben, ob in „Helpless Automaton“ oder, mit der Liebe ringend, in „Catch A Star“.

Weniger paranoid, aber nicht minder melancholisch ist dann „I Can See It In Your Eyes“, ein Liebeslied von einem Erzähler, der zurückgelassen wurde, und dessen Traurigkeit über das Scheitern der Liebe sich nun vermischt mit den alten Erinnerungen an die weit zurückliegende, für immer vergangene Schulzeit. Fast schon naiv ist das kleine Gitarrenintro, lieblich die Melodie, ein ganz kleines Lied über die ganz großen Gefühle.

Überhaupt ist das die große Stärke der Men At Work: Es gelingt ihnen immer wieder, eben jene großen Gefühle wie Einsamkeit, Angst oder Liebe in kleine, bescheidene Lieder zu stecken und damit viele Klischees zu umschiffen. Und sogar ein Zitat wie „Be Good Johnny“, das sich fast ein bißchen zu sehr im Pop suhlt, bleibt sympathisch, auch in seiner Haltung zu besagtem Johnny im Lied.

Dabei streifen sie auch durch die urbane Nacht, mit einem hektischeren Beat wie in „Underground“ oder in „Helpless Automaton“, mit einem bißchen sozialkritischer Haltung in „Touching The Untouchables“ oder schlagen sich einfach mit den üblichen zwischenmenschlichen Kommunikationsschwierigkeiten herum, wie im romantischen (oder vielleicht doch etwas seichten)  „People Just Love To Play With Words“. Ein bisserl düsterer New Wave-Reggae plötzlich in „Catch A Star“, bevor das Vinyl elegisch mit „Down By The Sea“ endet (die CD hat offenbar noch Bonustracks).

Gut, „Business As Usual“ klingt heutzutage ziemlich dated, ist eine typische 80’s-Platte, und man wird immer wieder über „Down Under“ stolpern. Und freilich erreicht nicht jedes Lied diese traurige Paranoia von „Who Can It Be Now?“ oder dieses wunderbar Naive von „I Can See It In Your Eyes“, aber dennoch bleibt diese Platte eine besondere. Das mag an ihren feinen Melodien liegen, an Colin Hays unverkennbarer Stimme, vielleicht auch an diesem (Achtung, Klischee!) ungreifbar Australischen, dieser Weite in der Musik, oder aber dem Humor der Band – die Men At Work auf „Down Under“ zu reduzieren ist jedenfalls ähnlich dumm, wie die Beatles nur noch als „die mit Yellow Submarine“ zu bezeichnen, und vielleicht hören diejenigen, die bei den Ü30-Parties bei der notorischen Querflöte von Greg Ham nur noch die Augen verdrehen, einfach mal genauer hin oder besser noch bei Gelegenheit in das gesamte Album rein.

www.myspace.com/menatwork
www.colinhay.com
www.columbiarecords.com

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