Livingston – „Sign Language“

5. Oktober 2009

livinston

Universal, 2009

Es gibt schlicht kein Entkommen vor Livingston, jedenfalls nicht, wenn man sich zwischen Feierabend und Abendvergnügen kurz vor den Fernseher hockt, um seine Fertigpizza zu verspeisen: Die Werbeblocks sind voll von dieser Band und ihrer Single „Broken“ von ihrem in Kürze – also rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft – erscheinenden Album „Sign Language“, auf RTL II singen sie gar – mehr schlecht als recht – ein Extra-RTL-II-Jingle, bei dem zumindest einer der Jungs schamhaft lacht und den Kopf senkt, vielleicht ein kurzer Moment des Erkennens dieser Maschinerie, die da gerade läuft, vielleicht auch ein tiefer Schmerz, eine tiefe Scham, einen Moment lang nur, aber erstaunlich, daß dieser Moment sogar im Werbefilmchen, also vor den Augen der Öffentlichkeit stattfindet. Ob es wohl Diskussionen über das alles gegeben hat vor dem Ausverkauf, der am Anfang dieser jungen Karriere steht?

Livingston kommen aus dem Nichts, in Wirklichkeit aus Italien, England, Südafrika und Deutschland, sind wohl in London beheimatet und dort ganz offenbar einem extrem cleveren Marketingmenschen aufgefallen, der nun einen Blitzkrieg startet, um Livingston der Welt unter die Nase zu reiben. Das ist an sich ein freundlicher Zug, aber man muß sich fragen: Will da jemand, daß eine ganz besondere Band den Ruhm erntet, den sie verdient, oder hat da vielmehr wer schon zuviel Geld investiert, um jetzt noch einen Rückzieher zu machen, und tritt die Flucht nach vorne an?

Fest steht jedenfalls, daß Livingston ohne ihre perverse Medienpräsenz niemandem aufgefallen wären. Die fünf Buben aus London machen eigentlich irgendwie sympathische Musik, ohne irgendwelche Ecken und Kanten, ohne Wiedererkennungswert, mit Melodien, die sich so selbstverständlich an die 08/15-Akkordfolgen schmiegen, als ob sie schon immer dazugehört hätten, sprich: als ob man sich nie Gedanken darüber hätte machen müssen und es auch nicht getan hat. Dabei wirken die Jungs wirklich nicht unsympathisch und dabei fast authentisch, vielleicht sind sie wirklich so nett, wie ihre Musik suggeriert. Vielleicht meinen sie ihren adult oriented rock für die End-00er Jahre auch wirklich ehrlich, aber es gibt – zumindest in den Previewsongs auf ihrer Homepage – wirklich nichts, was es nicht schon woanders besser gegeben hätte, Inbrunst hin, Ehrlichkeit her, und ich behaupte, daß es nicht die Melodien an sich sind, die sich einem ins Hirn schrauben, sondern ganz allein ihre penetrante Wiederholung im Werbefernsehen, wo sie auch an der richtigen Stelle plaziert sind. Denn Ohrwurmqualitäten hatte bislang nichts, was ich von Livingston gehört habe, und nichtmal die Dauerberieselung hilft mir, mich an auch nur eine ihrer Melodien zu erinnern, wenn ich den Ton meines Laptops ausschalte.

Halt – einen sehr kurzen leidlich guten Moment gibt es: Der Anfang von „6×4“ erinnert ein wenig an die mittleren U2, ehe ein verschlepptes, minimal an die 80er gemahnendes Schlagzeug und der Einheitsbrei einsetzt.

Alles deutet also darauf hin – freilich ist es so, wer wäre schon so naiv, etwas anderes zu glauben –, daß hier dem Endverbraucher die völlige Fadheit so lange als Notwendigkeit vorgegaukelt wird, bis dieser vor Weihnachten noch schnell zu Saturn rennt und sie kauft. Livingston allerdings sind so belanglos, daß ich am Gelingen dieses Vorhabens zweifle. Andererseits ist besagter Endverbraucher unterm Strich ja dumm und niveaulos, und jetzt fungiere ich auch noch als Multiplikator, vielleicht wird aus dem medialen Blitzkrieg doch noch ein kapitalistischer Endsieg unterm Weihnachtsbaum.

www.livingstonmusic.co.uk
www.universal-music.de

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