Die Nuts – „Irgendwas fehlt immer“ & „Selber“

17. November 2009

dienuts_irgendwas dienuts_selber

Trikont, 1995 & 1996

Wenn man die 30 überschreitet und also in ein sogenanntes reiferes Alter kommt, dann ändert sich auch langsam die Form des Protestes und des Widerstandes. Wo man in der Jugend noch „No Future“ brüllt, seine Eltern ignoriert, den Lehrern den Stinkefinger zeigt, sich mit Kuli „Anarchy“-As auf die zerrissenen Jeans malt und die Welt nicht verändern, sondern nurmehr abkacken sehen will, wird man mit dem Alter zwangsläufig ruhiger, aber auch klüger. Man legt sich Strategien zurecht, wird kompromissbereiter, vielleicht auch ein bißchen resignierter, aber man bekommt ein Geschenk, das einem vieles leichter macht: Humor. Und so, wie sich die Überlebensstrategien ändern, so ändert sich auch die Musik, die den Kampf im und gegen den Alltag begleitet. Und die den Hörer im besten Fall überhaupt erst zum Kampf motiviert. An diesem Punkt haben sich wohl die wunderbaren Nuts befunden, als sie ihre beiden – offenbar leider einzigen – Alben „Irgendwas fehlt immer“ und „Selber“ aufgenommen haben.

Zu der Zeit, in der sich die Nuts bereits wieder auflösten, hätte ich ihre Musik wahrscheinlich nicht hören wollen. Mitte der 90er steckte ich noch tief im Post-Teenage-Angst-Sumpf fest, hatte Grunge für mich entdeckt und wieder hinter mir gelassen und mit ihm eine neue Melancholie gefunden, die sich durch meine Erkundungen von Alt.Country und den Nine Inch Nails zog und die Kämpferisches eher in ein Seufzen oder bestenfalls in die lebensweise, sexuell aufgeladene Dandy-Spiritualität von Leonard Cohen übersetzte. Und nur Chumbawamba bildeten – musikalisch wie politisch – eine vitale Ausnahme. Wahrscheinlich hätte ich die Nuts damals nicht unbedingt hören wollen (aber wer weiß), wahrscheinlich hätten sie mir aber gutgetan.

So fand ich also erst mit Anfang 30 zu ihnen, auf einer Party, auf der ein Freund das lustige Ska-Pop-Stückchen „Halt dich an deinem Haß fest“ von „Selber“ spielte, und ich belustigt, aber auch irgendwie bewegt zuhörte: Wie vital klang dieses Lied, wie tröstlich. Wie hier mit demselben Gestus, mit dem man sonst Schulkinder belehrt (allein der Begriff „Schießgewehr“! Der schulhofartige Satz „…und vergiß nicht, wer schuld ist, daß du traurig bist“!), das Private hochpolitisch gemacht wird und man tatsächlich die Revolution um die Ecke spicken sieht, die hochpolitische Revolution im Privaten.

Genau darum geht es den Nuts: Mit spielerischer Leichtigkeit, viel Ironie und ganz großer Musikalität wird hier hinter vermeintlich harmlosen Melodien und vermeintlichen Lebenshilfetexten die Revolution ausgerufen, aber erfreulicherweise ohne verbissen, altlink oder lächerlich zu wirken. Vielmehr schlendern, hüpfen, torkeln, laufen die vier Altöttinger leichtfüßig durch die Musikstile, von Ska bis Surf, von Pop bis Punk, von HipHop über NoWave hin zu Liedermacher, dabei immer leicht bajuwarisch anmutend (was vor allem dem dialektalen Einschlag des Sängers Reimund Fandrey und der Sängerin Christa Latta geschuldet ist, aber auch dem herrlichen Akkordeon, das vor allem auf „Irgendwas fehlt immer“ zum Tragen kommt), was unterm Strich irgendwie noch subversiver wirkt als z.B. das nordische Nuscheln der Zeitgenossen Tocotronic.

Und überhaupt, Altötting, der bayrische „Protowallfahrtsort“, wie der Musikexpress seinerzeit schrieb: Um ein wirkungsvolles Provinzbashing als gesellschaftspolitischen Protest betreiben zu können – das hat schon Thomas Bernhard gezeigt –, muß man diese Provinz in sich tragen, in Kopf und Herzen, unwiderruflich, und bei allem Haß, bei aller Abscheu auch irgendwie eine Liebe zu ihr empfinden, und sei sie noch so grausig. Und im Gegensatz zu Thomas Bernhard, der seinen Frieden mit Österreich (also der Nation gewordenen Provinz per se) maximal ganz am Lebensende grade mal winken sah, haben die Nuts ihren Hass effektiv durch ihren feinen Humor in Musik kanalisiert. Wobei es nicht wirklich die tatsächliche, also geographische Provinz ist, gegen die die Nuts sich so herrlich ereifern, sondern vielmehr – und noch viel schlimmer! – die Möchtegernkosmopoliten, die kunstbeflissenen Bildungsbürger, die ökologisch und politisch so korrekten Gutmenschen, diese fatale Pest von widerwärtig verständnisvoller Menschlichkeit, diese ecken- und kantenlosen Kulturschänder, Provinz im Sinne von großmäuligem Kleingeist also – wie gut tut es, sich „Gute Menschen“ anzuhören und endlich die Worte zu finden, die man auf faden Parties bei Nudelsalat und Gesprächen über die blöden Kinder der anderen und den neuen Coelho so lange gesucht und stattdessen nur die geballte Faust in der Hosentasche gefunden hat.

Ich muß zugeben: Es ist ihr Zweitling „Selber“, der mich für die Nuts eingenommen hat. Nicht, weil er besser wäre als das Debut, aber „Selber“ ist die musikalisch wesentlich abwechslungsreichere Platte. Dominieren auf „Irgendwas fehlt immer“ neben Schlagzeug und Baß Gitarre und Akkordeon, so tat es „Selber“ gut, daß Christa Latta die Gitarre gegen Keyboards eingetauscht hat, was freilich irgendwie weniger „Indie“ wirkt, aber dann doch hilft, diese wirklich guten Lieder noch feinsinniger auszuformulieren.

So ähneln sich die Lieder auf „Irgendwas fehlt immer“ doch ein wenig, auch wenn sich Rhythmen und Beats aufs Herrlichste abwechseln und z.B. der HipHop des kleinen Hits „Aus einer heiligen Stadt“ von einem Akustikgitarrenriff konterkariert wird – womit die Grenzen- und Respektlosigkeit dieser kleinen feinen Band gleich zu Beginn der Platte manifest wird. Und auch, wenn einzelne Songs vielleicht ein bißchen zu monoton geraten sind (Bitte immer den Vergleich zu „Selber“ mitdenken! Für sich allein genommen schlägt „Irgendwas fehlt immer“ so manche andere Scheibe um Längen!), wimmelt es hier dennoch von Ohrwürmern: besagter kleiner Hit „Aus einer heiligen Stadt“, Standortbestimmung und Haßprogramm in einem, „Vernunft ist Tyrannei“, das irgendwie die freie Liebe predigt, das verträumte „War’s das schon?“ oder das herrlich fröhliche „Dem Rest die Pest“.

Mit „Selber“ und der musikalischen Verfeinerung hielt dann auch textlich eine größere Subtilität Einzug. Spricht „Irgendwas fehlt immer“ noch vom „bürgerlichen Arschloch“, heißen solche Leute auf „Selber“ dann „Gute Menschen“, die „grausige Sandalen“ tragen und „gefährlich“ sind, denn „sie lieben nicht nur sich, gute Menschen sind gefährlich, denn sie lieben sogar dich“. Die Nuts beleidigen sie nicht mehr, sondern schlagen sich sogar probehalber auf die Seite der abscheulichen Gutmenschen, denn „das Leben, das Leben, das ist gar nicht so schwer“, wie des Erzählers Freund plötzlich feststellt und der Erzähler sich in Form eines Anrufbeantworterspruchs der österreichischen Kabarettisten Ostermayer, Grissemann und Stermann nur wundert: „Sag mal, wo ist eigentlich deine sympathische negative Einstellung zum Leben geblieben?“

Außerdem schleicht sich auch eine gewisse Unsicherheit in „Selber“ ein, ein Hinterfragen der eigenen Positionen, das auf „Irgendwas fehlt immer“ noch nicht so deutlich war: „Ich würd‘ so gern, ich würd‘ so gern, ich weiß nicht was ich gerne würde, was ich gerne hätte, ach, ich weiß nicht“. Das muß angesichts der großen Weisheit, mit der die Nuts zugange sind, ebenfalls dem Reifungsprozeß zugeschrieben werden – die Anmaßung, sich allzu klare Urteile und Aussagen zu erlauben und allzu deutlich Stellung dagegen zu beziehen, ist einem gesunden Zweifel gewichen, der hier ebenso ironisiert vorgetragen wird, wie die Band gegen ihre Feindbilder wettert. Und die einzige Gewissheit, die bleibt: „Stecker raus und dann / und dann Ende“.

Zwischen den angedachten und immer wieder verworfenen Positionierungsversuchen des Selbst in einer engen, bedrückenden und eigentlich hassenswerten Spießer- und Bürgertumswelt und der gelungenen Verachtung derselben nehmen sich die Nuts auf „Selber“ auch die Zeit, kleine lehrreiche Geschichten zu erzählen, Geschichten von früher („Ganz schön teuer“) und von heute („Bäckerlehrling“), Geschichten von einsamen Entscheidungen („Hoffentlich hab‘ ich nichts wichtiges vergessen“) und Zwischenmenschlichkeiten („Deine Verse mag ich nicht“, das mich schönerweise immer wieder an His Name Is Alive erinnert), um am Ende halt doch nochmal auf Altöttings Katholizismus draufzuhauen, in dem kleinen Lied „Aber eins fand ich cool“ (in dem auf die doch recht eindeutige Zweideutigkeit des Bildes vom „Heiligen Stuhl“ hingewiesen wird).

Die Universitäten, so liest man allenthalben und so hört man es hier durch die Straßen rufen, brennen heutzutage wieder, das kleine protestierende Häufchen Studenten macht lautstarke und kunterbunte Aktionen, und es ist zu hoffen, daß diese erstens endlich mal bei den Herrschaften oben ankommen und daß sie zweitens endlich zu einer Repolitisierung der Studierenden führen. Aber, so liest man auch, diese spalten sich bereits auf in bierernste Linksradikale, spaßprotestierende Mitläufer und neoliberale Pragmatiker, die (so die Linksradikalen) nur ihres eigenen Vorteils wegen mitprotestieren. Deppen, allesamt. Man wünscht sich, daß sie sich einfach mal die Nuts anhören, diese lustige, zweifelnde, hochpolitische, melancholische, durch und durch gesunde Band, ein popgewordener „Fabian“ Erich Kästners, eine endlich einmal glaubwürdige moralische Instanz.

Von den Nuts ist nicht viel geblieben, obwohl die Welt sie braucht. Aber Augen auf: Auf Amazon oder Ebay finden sich immer wieder ihre CDs zu einem unverschämt geringen Preis. Drum zugreifen, mehrfach gleich, an alle Freunde verschenken und diese Band der Welt wieder zurückgeben.

www.fandrey-composing.de
www.trikont.de

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7 Antworten to “Die Nuts – „Irgendwas fehlt immer“ & „Selber“”

  1. trabeder said

    Hallo Dr. Schreck,

    Ich habe erst heute Ihre sehr ausfürliche Rezession über die Nuts Alben gelesen und bin begeistert, dass jemand unsere Meinung teilt.
    Beide Werke sind kleine Juwelen sowohl aus ihrer Zeit als auch aus der PopMuseum-Sicht betrachtet.
    (Nachdem ich meine Gattin auf einem der Nuts Konzerte kennenlernte, möchte ich meinen das sind „die“ Juwelen)

    Sehr schön finde ich auch Ihre SideKicks zu Tocotronic im Artikel.
    Die Nummer „Ich möcht alles und nichts mit Euch zu tun haben“ von Tocotronic hatte nach frustrierenden Arbeitstagen sehr gute therapeutische Dienste geleistet.

    Ich möchte aber auch die „Aeronauten“ hinzufügen..

    Nehme ich die Alben dieser Bands aus den Jahren 1995 – 1999 und schmeiss alles zusammen und vermisch das noch mit „Nirvana unplugged“ dann hat man fast das Lebensgefühl dieser Zeit wiedergefunden.

    Den Nuts und den Aeronauten weine ich noch schwer nach.
    „Superpunk“ hilft ein wenig (zB. ‚Man kann einen ehrlichen Mann nicht auf seine Knie zwingen‘

    Oder man sucht die österreichischen hauseigenen Talente auf

    zB: der „Nino aus Wien“ (bzw. Sideprojekt => Krixi, Kraxi und die Kroxn)


    oder

    oder

    oder

    lg
    thomas

    • Dr. Eusebia Schreck said

      Hi Thomas,

      besten Dank für Deinen Kommentar und die Musiktipps! Ich geb ja zu, die Nuts erst viel zu spät entdeckt zu haben, und ich gebe auch zu, die Aeronauten und Superpunk tatsächlich beim Vergleich vergessen zu haben, aber stimmt, die beiden helfen auch.

      Die Österreicher hör ich mir gleich mal an, schön zu sehen, dass es eine Nachfolge gibt… Aber die Nuts, ach, die hätt ich gern noch erlebt!

      Beste Grüße, Doc Schreck

      [Edit] Jetzt aber wirklich danke für die Tips, v.a. für Krixi, Kraxi und die Kroxn und Wienerglühn!

      • trabeder said

        Hallo Dr. Schreck,

        Falls es sprachlich Probleme mit den Ösi-Songs gibt hilft eventuell diese auch schon 12 Jahre alte Nummer.
        Der Lange im Video ist übrigens der oben erwähnte Skero

        von Skero gab es ja auch einen Ausflug in die Partywelt.

        lg
        thomas

      • trabeder said

        Aja nochwas Hr. Dr.,

        Ich lege Ihnen noch die Band Kreisky rund um Franz Adrian Wenzel (vulgo „Austrofred“) ans Herz.
        Die Burschen machen mit Kleinstbudgets richtig gute Aufnahmen und Videos und gelten gemeinhin als „grantigste Band Europas“.

        siehe

        oder

        oder

        lg
        thomas

  2. Dr. Eusebia Schreck said

    Sehr schön, vielen Dank! Neue Musik ist immer gut, und ich bin sehr begeistert von Krixi, Kraxi und den Kroxn!

  3. KA! said

    Die Nuts „leben auf dem Bauklo“ großes Kino – nie wieder erreicht
    schöner blog
    danke

    • Dr. Eusebia Schreck said

      Ups, spät entdeckt, Dein Kommentar, sorry. Lustig aber: Seit zwei Tagen hab ich „Bauklo“ als Ohrwurm auf heavy rotation…

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