Ade, Kate und Jay

20. Januar 2010

Kate McGarrigle 1946 – 2010

Jay Reatard 1980 – 2010

Kate McGarrigle und Jay Reatard sind beide kürzlich verstorben. Schlaft gut, Kate und Jay.

www.mcgarrigles.com
www.jayreatard.com

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Drag City, 2009

Fast fällt es mir ein wenig schwer, überhaupt von dieser Platte zu schreiben und damit an eine – zumindest angenommene – Öffentlichkeit zu tragen, was bisher eine Sache großer Einsamkeit und größter Intimität war, doch ist mir „Sometimes I Wish We Were An Eagle“, der Zweitling Callahans unter seinem eigenen Namen, im letzten halben Jahr so sehr ans Herz gewachsen, daß ich damit nun doch nicht mehr hinterm Berg halten, sondern vielmehr der geneigten – angenommenen – Öffentlichkeit dieses Album sehr, sehr, sehr ans schwere Herz legen möchte.

Es gilt, irgendwie analog zu diesem Album, einen Moment lang persönlich zu werden: Neben allerlei zeitfressender Unbill war mein vergangenes Jahr weitgehend geprägt von langen Autofahrten, die emotional nicht immer belanglos waren. Nun macht es sich auf solchen Autofahrten quer durch’s halbe Land immer ganz gut, flotte Musik zu hören, um wach, aufmerksam und unterhalten zu bleiben. Aber nach ein paar Stunden des monotonen Geradeaus im Stop-and-Go hängt einem der Punkrock dann doch zum Hals raus, und das Bedürfnis nach einer eher umhüllenden, den Hörer einbettenden und irgendwie kosenden Musik macht sich breit. Live-Bootlegs sind da eine feine Sache, die Audiobooks für Audiobookhasser wie mich sozusagen, oder aber eine kleine Handvoll spezieller Platten. „The Life Of The World To Come“ (2009), das neue Album der großen Mountain Goats, ist so eine Scheibe, „Farewell Sorrow“ (2003) von Alasdair Roberts, oder aber eben „Sometimes…“ von Bill Callahan.

Mit seinem zwölften Album „Woke On A Whaleheart“ (2007) legte Callahan sein bisheriges Pseudonym „Smog“ bzw. „(Smog)“ ab, um fortan unter seinem Geburtsnamen zu veröffentlichen. Dabei schien er – vielleicht ist das seiner damals noch glücklichen Liaison mit Joanna Newsom geschuldet – plötzlich irgendwie konkreter zu werden, als man es bisher von ihm kannte (abgesehen vielleicht von seinem, wie ich finde, schönsten Album „Supper“ von 2003). Er legte die Arrangements in die Hände des Royal-Trux-Vorstehers und, nun ja, halt doch auch: Rockers Neil Michael Hagerty und wurde plötzlich irdischer. Das mündete in solch wunderschöne Songs wie „Sycamore“, in Indie-Disko-Hits wie „Diamond Dancer“, aber auch in allerlei belanglosere Lieder, jedenfalls im direkten Vergleich zum restlichen Callahan-Kosmos.

Und dann kam „Sometimes I Wish We Were An Eagle“. Und mit diesem Album kam zumindest teils eine Rückbesinnung auf den früheren Minimalismus Callahans, ohne dabei vielschichtige Arrangements wieder komplett abzulegen, sondern diese vielmehr aus Hagertys 70’s-geschultem Rock in neue, kargere, vielleicht auch psychedelischere Höhen zu überführen.

„Jim Cain“ eröffnet das Album, und dieses Lied gibt auch die neue Richtung an, in der seitens der Musikpresse fast schon notorisch zitierten poetologischen Zeile „I used to be darker, then I got lighter, then I got dark again“, und diese – fast schon holprige – Aussage Callahans gewinnt gerade vor den leichten, kleinen Gitarrenfiguren eine Schwere, die wehtut.

„Sometimes…“ handle, so liest man hier und dort im Internet, von einer Trennung, und ich kann nur spekulieren, ob Callahan hier Joanna Newsom besingt oder jemand anderen, oder einfach nur seine Sicht auf die conditio humana an sich, aber es ist auch egal: In den subjektivsten Liedern solcher Künstler liegen meist die universellen Wahrheiten, und Callahan begibt sich hier auf die Suche nach ebendiesen, auf eine Reise durch sein neues Album, das von Nähe und Ferne handelt, von Versuchung, Schuld, Liebe und Tod, von den letzten Dingen also.

Scheint bei „Jim Cain“ noch eine melancholische, aber dennoch friedliche Abendsonne, die den Aufbruch bei allen Gefahren noch positiv zeichnet, so steigt „Eid Ma Clack Shaw“ hinab in die Tiefen schlafloser, qualvoller Nächte, ach, wer kennt sie nicht, diese schrecklichen höhnischen Träume, in denen der geliebte Mensch wieder neben einem liegt, nur um sofort danach aufzuwachen und die andere Betthälfte wieder leer zu finden und sich weiter zu winden und mit Erinnerungen zu quälen? Es geht der Mythos um, daß ein Dichter in solchen Situationen immerhin noch die Erlösung des künstlerischen Prozesses auf seiner Seite hätte, die Worte, die einem schreibend die Erlösung bringen. Callahan zeigt aber, daß auch das nur eine Mär ist, und daß Worte überhaupt nichts helfen angesichts dieses Schmerzes. Denn sein erträumter „perfect song“ ist nichts als ein Haufen hingekritzelter Quark, der sich jeder Sinngebung verweigert: „Eid ma clack shaw / Zupoven del ba / Mertepy ven seinur / Cofally ragdah“.

Es ist weiterhin der zutiefst einsame, verlassene Mensch, durch dessen Schmerz und Verlangen, durch dessen Schuld und Wut, durch dessen Träume und Trugbilder Callahan den Hörer führt, in Liedern, die den Moment beschreiben, in dem das Ungreifbare fast greifbar wird, aber nur fast, wie in „The Wind And The Dove“, in denen die Täuschung ihre Kraft verliert („Rococo Zephyr“), in denen das vermeintlich Böse, das Verlangen, der Adler in „All Thoughts Are Prey To Some Beast“, dem verzweifeltsten Lied auf dieser Platte, sich seinerseits nur als einsam und heimatlos herausstellt. Und selbst das uptempo-Stück „My Friend“ hat einen unheimlichen Subtext, einerseits erzeugt durch Callahans bedrohlich tiefe Stimme im Refrain, andererseits durch den geisterhaften Chor, der das Stück plötzlich in ein kurzes Moll kippen läßt.

Dabei bedient sich Callahan einer kargen, repetitiven Naturmetaphorik, zieht immer wieder Vögel als Sinnbilder von Freiheit einer-, aber auch Heimatlosigkeit andererseits heran, die über entlaubten Winterbäumen kreisen oder über tristen Flüssen, und transzendiert mit seiner sonoren, unaufgeregten Stimme die klassischen Herzschmerz-Topoi tatsächlich in universale Überlegungen, und was wie die Verarbeitung von Trennungsschmerz aussieht, wird ein Hinterfragen und Reflektieren der ganz eigenen letzten Dinge. Weil Callahan aber freilich nicht wirklich sich selbst preisgibt, geht es hier um jeden Menschen und am Ende um alles. Callahan selbst bleibt ungreifbar.

Dieser Eindruck wird auch von der Musik gestützt. Wie schon früher sind Callahans Lieder geprägt von mantrahaften Wiederholungen, von viel zu langen Pausen zwischen einzelnen Zeilen, von Akkorden, die oft viele Takte länger gespielt werden, als es andere Musiker tun würden, von einer seltsamen Monotonie, und was Gefahr läuft, langweilig zu sein, ist tatsächlich ein sehr zwingender Sog aus Klang und Callahans tiefer, stoischer Stimme. Und immer wieder tauchen Melodien und Harmonien von einer unglaublichen Schönheit auf, seien es die kleinen Gitarrenharmonien von „Jim Cain“, seien es die psychedelisch-orientalischen Holzbläser von „The Wind And The Dove“, sei es die fast schon witzige Frauenstimme, die in „Rococo Zephyr“ ein operettenhaftes „Rococo“ singt, seien es die dräuenden, unheimlichen Pianofiguren in „Eid Ma Clack Shaw“ oder der ebenso dräuende, unheimliche Baß in „All Thoughts Are Prey To Some Beast“, in dem sich Callahan aus seiner Ruhe in eine ungewohnt dringliche Verzweiflung hinaufsingt.

Die Liaison mit Newsom hat auch musikalisch ihre Spuren hinterlassen. Wo auf „Whaleheart“ noch Soul und 70’s-Rock bzw. -Pop dominierten, sind es hier die feinfühligeren Folkarrangements von Brian Beattie, die dem Album ebenso viel Schönheit wie Ungreifbarkeit, ebenso viel ländliche Abendsonne wie schwarzromantische Trugbilder schenken. Wundersame Akkorde hört man hier, märchenhafte Holzbläser und Streicher, Callahan wechselt oft die Geschwindigkeiten seiner Lieder und verharrt dennoch in einer unruhigen Ruhe, einer nervösen Getriebenheit inmitten einer viel zu müden Schläfrigkeit, und dann überrascht er den Hörer immer wieder mit neuen Melodien inmitten seiner Zwei-Akkord-Lieder. Man möchte manchmal fast den Begriff „Hippie“ verwenden, wäre Callahans Welt nicht doch zu dunkel und zu karg dafür.

Und am Ende kommt Callahan noch auf Gott zu sprechen, das letzte der letzten Dinge: „It’s time to put God away“ singt er im fast zehnminütigen Abschlußstück „Faith/Void“, denn die Reise durch die vorherige Songsammlung führt schließlich nur zu einer Erkenntnis: Alle Sicherheit ist Illusion, alles Vertrauen eine Lüge, der Mensch ist und bleibt allein und isoliert. Die Luft, in der Callahan sich hier bewegt, ist kalt, aber sie ist auch klar, frei von der Notwendigkeit, sich mit Lügen zu beruhigen. Es gibt keinen Gott, es gibt keinen Menschen, dem man nahe sein kann. Die Flöten und die Gitarren in „Faith/Void“ feiern jubilierend diese Erkenntnis, während Callahan dieses Nichts als antireligiöses Mantra wieder und wieder besingt. Denn die Erkenntnis, vollkommen frei zu sein, ist bei aller Einsamkeit, die das mit sich bringt, dennoch eine frohe und ungemein beruhigende.

www.dragcity.com/artists/bill-callahan

Ade, Rowland

1. Januar 2010

Am 30. Dezember 2009 ist Rowland S. Howard gestorben. Heute habe ich es mitgekriegt. Schlaf gut, Rowland.

Und, lieber Weltgeist: Jetzt reicht es dann erstmal.

www.myspace.com/rowlandshoward
outta-the-black.webs.com
www.thebirthdayparty.com.au

Ade, Vic

1. Januar 2010

Am 25. Dezember 2009 starb Vic Chesnutt. Heute habe ich es mitgekriegt. Schlaf gut, Vic.

vicchesnutt.com
cstrecords.com