R.E.M. – „Accelerate“

19. Februar 2010

Warner Bros. Records, 2008

Einmal mehr muß eine Besprechung in diesem kleinen Blog mit einem etwas peinlichen Geständnis beginnen: Hätte die CD bei einer großen, wenig sympathischen Kaufhauskette, etwa fünf Autostunden von dem Sessel, in dem ich nun diesen Artikel schreibe, entfernt, in einer Ramschkiste nicht gerade mal 4 Euro und 99 Cent gekostet (eine sehr deprimierende Aussage über die Verkaufszahlen des Albums), ich hätte sie mir nicht mal illegal aus dem Netz geholt (wenn ich sowas denn täte). Es wäre die zweite R.E.M.-Platte gewesen, die ich nicht mal mehr wenigstens auf Kassette besessen hätte, nach „Around the Sun“ von 2004. Deren Vorgänger wiederum, „Reveal“ (2001), habe ich damals zwar gekauft, aber kein einziges Mal komplett angehört, so enttäuscht war ich von der zwar sehr kuschligen neugewonnenen Homogenität nach Bill Berrys Ausstieg, aber gerade im Vergleich zu „Up“ (1998), dem zerrissenen, interessanten, düsteren, vielseitigen und wirklich brillanten ersten Album ohne Berry, ist „Reveal“ bei allen guten und sehr guten Melodien schlußendlich doch einfach nur seicht und langweilig.

Dann kam „Around the Sun“, und dann „Accelerate“. Und hey, R.E.M. versprachen dem Hörer plötzlich wieder eine Rockplatte, die ihrem Titel alle Ehre machen sollte, und die Presse sprach es ihnen nach. Äh, so wie dereinst 1994 die sog. Rockscheibe „Monster“ etwa? Ich blätterte weiter und hörte nicht einmal mehr im Internet kurz rein. Aber naja, für keine fünf Euro … Und das Cover gefiel mir von Anfang an ziemlich gut, und irgendwie hat sich bei aller Langeweile an meiner Sympathie für R.E.M. auch nichts geändert, also griff ich zu, ließ sie einmal durchlaufen, war positiv davon überrascht, wie wenig negativ mir die Platte aufstieß (sprich: wie wenig davon hängenblieb), und legte sie wieder beiseite.

Bis heute abend, als ich plötzlich wieder irgendwie neugierig wurde auf die „Rocker“ aus Athens. Gedacht, getan, CD rein und zugehört. Was soll man sagen? Der Vergleich zum anderen „Rockalbum“ „Monster“ hinkt von Anfang an. Wurde der „Rock“ 1994 vor allem durch Breitwandgitarren und Powerchords produziert, aber auch durch leichte Verschrobenheiten wie „King of Comedy“ oder „Crush with Eyeliner“ und durch gewisse Grunge-Anleihen, so weisen auf „Accelerate“ von Anfang an wieder Peter Bucks feine Gitarrenfiguren den Weg, deren filigrane Finesse bei aller distortion nie aufgegeben wird, und die schon den ersten Takt des Albums als R.E.M.-typisch kennzeichnen. Und auch, wenn die drei Jungs mit ihren üblichen Helferlein schon kräftig aufs Gas drücken und außer der ein oder anderen Orgel hier und einer Akustikgitarre und einem Piano dort in klassisch reduziertem Rockgewand auftreten, bleibt „Accelerate“ so typisch R.E.M. wie nur was. Was keinesfalls ein Nachteil ist: Die Melodien sind zwar leicht vorhersehbar, aber irgendwie doch erfreulich. Die Gesangsharmonien von Mike Mills sind gewohnt, gehen in ihrer naiven Klarheit aber zu Herzen. Michael Stipes Stimme ist und bleibt der faszinierende Mittelpunkt dieser Musik.

Und die Songs? Der Opener „Living Well Is The Best Revenge“ geht gleich in die Vollen, klingt wie eine weniger zynische Version von „Turn You Inside Out“, „Man-Seized Wreath“ macht da weiter, ein bißchen melancholischer vielleicht, und „Supernatural Superserious“ trägt einen trotz des billigen Eingangsriffs doch wieder zurück in diese melancholisch-schönen Sommer einer längst vergangenen Jugend, dorthin, wohin man – weniger bitter, dafür hoffnungsvoller und verträumter vielleicht – mit „Find The River“ oder „Nightswimming“ Stipe und Co. schon immer gern begleitet hat, um das eigene Leben zu vergessen. „Hollow Man“ täuscht eine Klavierballade vor, die dann zur E-Gitarren-Ballade wird, und erst „Houston“ fällt dann aus dem „Accelerate“-Sound heraus durch seine Akustikgitarre, seine fiese Hammond-Orgel und den ebenso fiesen verzerrten Baß, der dem langsamen Stück eine tiefe Dringlichkeit verleiht, bevor R.E.M. im Refrain wieder ihrer melancholischen Harmonie verfallen, was hier aber ganz wunderbar funktioniert. Der Titelsong erinnert mit seiner Düsternis dann an „Feeling Gravity’s Pull“ in doppelt so schnell, „Until The Day Is Done“ klingt wie ein folky protest song (aber das sind irgendwie eh alle dieser Lieder), „Mr. Richards“ ist ein recht klassischer Pop-Song, „Sing For The Submarine“ kommt mit seinen viereinhalb Minuten nicht recht in die Gänge, gewinnt später dann aber an Dramatik, und es wird einem klar: Würden R.E.M. je eine Öko-Rockoper schreiben, so könnte sie klingen. Und das klingt geschrieben wesentlich furchterregender als auf Platte. „Horse To Water“ ist dann noch ein schneller, kurzer, punkiger Rocker, der ziemlich nach vorne geht und im Refrain wieder diese R.E.M.-typische Sonnigkeit bekommt. Den Abschluß der Platte bildet schließlich „I’m Gonna DJ“, der feuchte Traum der alternden Rocker, mit Gegröhle und Gerumpel, „Woohoo“-Chören und dem Wunsch, ein Indie-Disco-Hit zu werden, und würde da nicht Michael Stipe singen, der Song wäre wahrscheinlich lächerlich. Diesem enigmatischen Rock-Intellektuellen verzeiht man das aber, vielleicht liest man die Ironie auch nur hinein, egal. Und nach knapp fünfunddreißig Minuten ist der Spuk dann vorbei.

Textlich arbeitet Stipe sich einmal mehr an der Lage der Nation ab, zwischen Medien- und Sozialkritik, mit abstrakten Bildern einer-, konkreten politischen Anspielungen andererseits, ein Gutmensch, der dabei aber nicht der Hybris eines Bono verfällt, sondern auch bei den großen Gesten bescheiden bleibt. Und das Booklet sieht – wie das gesamte Artwork – ziemlich toll aus.

Was bleibt ist eine feine kleine R.E.M.-Platte, die sicher nie zu ihren Meisterwerken zählen wird, aber das will sie auch gar nicht. Es schlägt einem vielmehr eine spontane Spielfreude entgegen, und all die schon oft gehörten Akkordwechsel und Melodien lassen einen nicht nur an die bessere Vergangenheit denken, als R.E.M. noch relevant waren, sondern können durchaus auch für sich stehen – es war schon immer eher der Sound der Band sowie Stipes Stimme und Melodien, die die Songs von R.E.M. groß gemacht haben, und weniger die Songs selbst (man muß sie zuhause nur mal mehr schlecht als recht mit Akustikgitarre nachspielen, um zu sehen, daß nicht immer viel übrig bleibt). Was „Accelerate“ nun keinesfalls ist, ist eine Rockplatte. Rocken können R.E.M. nicht, das konnten sie noch nie. Müssen sie aber auch nicht, dafür gibt es andere. R.E.M. sind auf dieser Platte der Indie- und Collegerockband von früher wieder so nahe wie seit „Green“ (1989) nicht mehr, und auch wenn sie heute belangloser sind als früher: Es ist richtig schön, die Jungs mal wieder zu hören.

remhq.com
www.hollowman.tv
remaccelerate.com
ninetynights.com
www.supernaturalsuperserious.com
www.warnerbrosrecords.com

Atrocity – „Infected“

2. Februar 2010

Metalcore Records, 1990

Ach, süße Jugend! Nach so vielen Jahren läuft mir plötzlich wieder eine Platte über den Weg, an die ich zwar immer mal wieder belustigt gedacht habe, von der ich aber nicht geglaubt habe, sie jemals wieder zu hören (oder hören zu wollen).

Und nun ist sie plötzlich wieder da: „Infected“ von Atrocity (den amerikanischen, die weiß Gott nicht zu verwechseln sind mit den intelligenteren, progressiven, besseren und daher auch weit weniger, nun ja, „interessanten“ deutschen Atrocity), mit dem geilen Gore-Cover in wundervollen Pastellfarben, den irgendwie dann doch nur neunzehn Tracks, obwohl das Cover und das Textheftlein von dreiundzwanzig spricht (darunter „Mr. Quint“ mit dem geilen Reim „Quint, Quint, can’t you see, your opinion means shit to me“ – das würde ich ja echt gern mal hören), mit den ewiggleichen Songs, die mit dem Einzählen des Schlagzeugers (klick-klick-klick-klick oder schepper-schepper-schepper-schepper) anfangen, mit einem Groove-Riff weitergehen, mit dem Gegröhle zur Snarecore-Attack den Hauptteil überwinden und mit einem hingewichsten Gitarrensolo aufhören, mit den Texten zwischen pubertärer „Sozialkritik“ und dem üblichen apokalyptischen Verbalgemetzel, und mit all den Erinnerungen an eine „wilde“ Jugend, die angesichts dieser Platte lächerlich weit weg scheint.

„Infected“ ist eine wirklich primitive Platte, die wirklich nicht so toll produziert und wirklich nicht innovativ ist, die – nicht zuletzt dank des grotesken Covers – irgendwie lächerlich wirkt, die zu Recht keinen Einzug in die Annalen der Metalgeschichte gehalten hat. Aber, naja, die miese Produktion macht einen irgendwie warmen und – metaluntypisch – unsterilen Sound, rückt die Band in DIY- und Hardcore-Nähe und schenkt ihr damit irgendwie credibility, das Gegröhle des shouters wirkt genauso beherzt wie das Geholze der Band, und unterm Strich machen Atrocity dann doch tüchtig Druck und, herrje, auch irgendwie Spaß.

Sich wieder jung und spritzig fühlen geht wahrscheinlich anders, sicher, aber wie damals muß ich auch heute über diese Band lachen, die auf den spärlichen Bandfotos, die ich gefunden habe, ausschaut wie der Schnauzbart-Kassengestell-White-Trash, den man hinter dieser Musik erwartet, aber ganz tief im Herzen hab‘ ich sie dann doch lieb.

Uuuuuaaaargh!

www.myspace.com/atrocityus
Mad Lion Records