Rabid Records, 2005

Der Sommer ist die schwerste Zeit. Denn dann erzählt dir jeder, wie leicht alles ist, wieviel Spaß du haben kannst. Draußen springen sie umher, du hörst ihr Lachen und Kreischen, riechst förmlich die Sonnencreme auf ihrer nackten, braunen Haut, schmeckst den Alkohol in der Sommerhitze förmlich auf der Zunge, der erste, unschuldige Rausch. Bleibst du zuhause, dann weht dir der Wind dieses Lachen durch’s Fenster, und diese unstillbare Sehnsucht überrollt dich, diese süße, furchtbare Unruhe, und du gehst unter. Bist du dabei, dann fühlst du dich fremd, seltsam, viel zu düster, und du merkst, daß das Versprechen, das der Wind dir durch’s Fenster hineingeweht hat auf deine kühlen Laken und die Blätter mit deinen Gedichten, eigentlich ein großer Scheiß ist: Du bleibst dennoch allein, es tut nur mehr weh, weil du unter Leuten bist, die alle fröhlich und betrunken in der Sonne liegen. Aber du versuchst es natürlich, du willst dazugehören, du lächelst, du trinkst, du küsst, aber es tut weh. Der Sommer ist wirklich die schwerste Zeit.

Jenny Wilson stand ausgerechnet vor ihrem 30sten Geburtstag, diesem schon (und nicht nur) von Ingeborg Bachmann besungenen Wendepunkt im jungen Erwachsenenleben, als sie 2005 mit „Love & Youth“ den Soundtrack zu diesen vermaledeiten Jugendsommern veröffentlichte, mit der programmatischen Single „Summertime – The Roughest Time“, und man hört, auch Wilson saß in diesen Sommern lieber zuhause über ihren Büchern, als unbeschwert mit Freunden feiern zu gehen. Daß sie dies manchmal dennoch getan hat, als eine intellektuelle femme fatale, daraus schöpft sie jetzt das Material für ihr Solodebüt.

Eine Stubenhockerin ist sie geblieben: Das ganze Album wurde von ihr im Alleingang geschrieben, aufgenommen und produziert (mit nur ein bißchen Hilfe), und man stellt sich vor, wie sie in einem heißen Sommer mit sehnsüchtigem Blick nach draußen auf ihre Schulkameraden von damals diese wundersamen, ungemein cleveren und guten Songs an ihrem Laptop produziert und dabei mit bitterem Wissen um ihre verlorene, nein, um ihre nie dagewesene Unschuld das Glas Martini zuviel am Nachmittag trinkt. „Love & Youth“ ist die Rückschau einer Frau, die noch viel zu genau spürt, wie sich das alles früher angefühlt hat, die aber auch schon die Verletzungen überschauen kann, die Narben, die geblieben sind. Gleichzeitig weiß sie aber auch, daß es anders gar nicht hätte verlaufen können. Und dann, man hört es ihren leicht nervösen Rhythmen und melancholisch-schönen Melodien an, ihrer Discoaffinität und auch ihrem Wunsch, die Nacht zu nutzen, ist sie doch auch jung geblieben.

So atmet ihr schöner Synthiepop eine schmerzliche Bitterkeit, der der unbedingte Wille eingeschrieben ist, ein Teil dieser Sommer zu sein, dieser Teeniehaufen am Lagerfeuer, für die die Versuchung noch süß schmeckt, aber die Unschuld ist dahin, das Erwachen ist immer gleich mitgedacht, und daß jeder verführerischen Nacht ein schmutziger Morgen folgt, weiß man mittlerweile ja auch. Daneben aber gibt es auf „Love & Youth“ Melodien von wahrhaft atemberaubender Schönheit, allen voran in meinem Lieblingslied „Let My Shoes Lead Me Forward“, die gestützt werden von eben dieser nächtlichen Nervosität, die sich in elektronischem Pluckern, in unruhigen Akustikgitarren, in Baßläufen und Rhythmen niederschlägt, die klingen, als stünde man draußen vor der Mehrzweckhalle, verstecke sich dort im Gebüsch und sehe der Party drinnen zu, scheu und sexualisiert zugleich, einsam und gleichzeitig völlig aufgegangen in der Körpermenge hinter den Scheiben.

Um zu wissen, daß Jenny Wilson gleichzeitig ungemein mondän ist, muß man nichtmal ihre Videos oder die Bilder im Booklet gesehen haben, die sie ironisch zwischen Discoglam und Edelpelz zeigen. Denn die dandyhafte Weltgewandtheit findet sich auch in ihren Texten, die sie als wissenden Bücherwurm einserseits, als weltmüden Vamp andererseits präsentieren, die Nase an Büchern blutig gerieben („I’m working hard on an intellectual look“), um das angelesene Wissen in die Verführung eines Knaben zu investieren („You think you have to comfort me, so the kissing has begun…“). Doch die Ironie, die diesen großen Gesten innewohnt, ist unübersehbar, gerade auch, wenn diese von kleinen, aufrichtig melancholischen Liedern wie „Those Winters“ oder „Would I Play With My Band?“ konterkariert werden, oder von den Antagonisten der Sängerin wie in „A Hesitating Cloud Of Despair“, das halb mitleidige, halb neidische Portrait einer Prom Queen, von der die Jungs halt doch nur Sex wollen, oder in der Selbstreflexion „Bitter? No, I Just Love To Complain“, eine sich an Dub anschmiegende Abrechnung mit der Musikindistrie, die dabei aber nie vergißt, daß das Klagen über die mangelnde künstlerische Freiheit ein Jammern auf höchstem Niveau ist.

„Höchstes Niveau“ ist ohnehin das Stichwort für „Love&Youth“, eine Platte, die ein wenig wie der Dachboden ist, auf dem Bastian Balthasar Bux die „Unendliche Geschichte“ findet und sich darin verliert – einsam und dennoch reich und tröstend. Ironisch, aber dennoch voller unglaublich aufrichtiger Gefühle. Bitter, aber dennoch irgendwie eine Rettung. „Love&Youth“ ist ein umfassender Blick zurück auf eine vergangene Jugend und auf all die Narben und den Unrat, den sie hinterlassen hat, die einen tieftraurig macht und der man deshalb mit Ironie und Spott begegnet, aber nach der man sich irgendwo tief drinnen doch noch sehnt. Vielleicht, um alles besser zu machen. „Love&Youth“ ist eine Platte voller Melancholie, Einsamkeit, voller wunderbarer Melodien, Beats, voller Weisheit und Zynismus, eine reife Platte, die die Unreife zu keiner Zeit vergißt. Jenny Wilson hat in ihrer Stube mit dem verschleierten Blick in die Sommernächte von früher eine hervorragende Platte gemacht, die ebenso zu Herzen geht wie in die Beine, und die einfach ganz wunderbar ist.

http://jennywilson.net
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Beggars Banquet, 1988

Was mir vergangenes Wochenende widerfahren ist, ist mir einen, ach was, eine ganze Flasche Asbach Uralt wert: Ich schlenderte in angenehmer Begleitung über einen schäbigen Flohmarkt in einer Stadt, die für ihr Aufkommen guter LPs so bekannt ist wie Bad Tölz für seine minimal-techno-Parties, und fand an einem kleinen Stand, an dem ein älterer Herr vornehmlich überteuerte Rockplatten aus den Sechzigern und Siebzigern in schlechtem Zustand verkaufte, plötzlich das Album „I Am Kurious Oranj“ von The Fall, zwar auch nicht billig, aber in gutem Zustand, und vor allem sprach meine angenehme Begleitung plötzlich zu mir: „Ich schenk‘ dir die Platte.“ Gefreut wie ein kleines Kind zu Weihnachten habe ich mich, nicht nur über die ausgesprochen nette Geste meiner Begleiterin, sondern auch und ehrlich gesagt vor allem über dieses Album, und bin breit grinsend durch den Resttag gehüpft.

Nun habe ich The Fall nie wirklich gehört, besitze mit „The Infotainment Scan“ (1993) nur noch eine weitere Fall-Platte, eine in Fankreisen und auch von mir nicht wirklich gemochte. Freilich habe ich Mark E. Smith immer irgendwie mitgekriegt, beobachtet, alle Artikel über ihn gelesen etc., aber das brachte mich auch nicht dazu, mir die neuen Alben von The Fall zuzulegen, obwohl diese erstens einfach zu kriegen weil neu, und zweitens ziemlich gut sind.

Warum also, mag der geneigte Leser fragen, diese ausgeprägte Freude bei einer Platte, über die ein gewisser Ted Mills gar urteilte: „For the first time tracks felt like filler, and indeed they were“?

Es war im Jahr 1994, als mir The Fall zum ersten Mal über den Weg liefen, und zwar mit ihrem Lied „Kurious Oranj“, und zwar auf einem Mixtape. Dieses hatte mir der Redakteur der kleinen Lokalredaktion, für die ich damals nebenher tätig war, als Geschenk zum bestandenen Abitur aufgenommen, eine schöne Geste, die für mich damals von außerordentlich fruchtbarer Bedeutung war. Denn diesem Redakteur verdanke ich tiefe Einblicke in die Musik, ihm verdanke ich Nick Cave, Phillip Boa, die Go-Betweens, die Stranglers, Siouxsie and the Banshees, Television und vieles mehr, alles Bands, die auch auf diesem Mixtape vertreten waren, und eben auch „Kurious Oranj“ von The Fall. Neben „Nice’n’Sleazy“ von den Stranglers, „Spring Rain“ von den Go-Betweens und „Carried Away“ von Television war dieser Song sofort mein Favourit – dieser dreckige, druckvolle Baß, die schrägen Gitarren, Mark E. Smiths nörgelnder und doch heiterer Gesang, der kryptische Text, die Orgel, einfach der gesamte prima Sound, das Repetitive, Hypnotische, Tanzbare – was für ein Song!

Ich habe damals viel traurige Musik gehört, aber dieses Tape war mein Zugang zu den heiteren, rockenden Seiten der Musik, zu den wirklich coolen Bands, die vor allem einen wirklich coolen Sound hatten. Nach und nach habe ich angefangen, mir die Platten zu kaufen, auf denen meine Lieblingslieder des Tapes drauf sind. „Boy“ von U2 habe ich mir gespart, bei „Aristocracie“ von Phillip Boa dauerte es Jahre, die Stranglers waren recht bald recht gut vertreten, meine damals geweckte Liebe zu Nick Cave überdauert sogar Grinderman und den Ausstieg Mick Harveys bei den Bad Seeds, mit Television konnte ich mich nie wirklich anfreunden, aber „Kurious Oranj“, meine Güte, dieser Song verfolgte mich genau so hartnäckig, wie das Vinyl unauffindbar blieb, zumindest außerhalb des Internets. Und dann jener Flohmarkt am Wochenende, meine angenehme Begleitung, und jetzt „I Am Kurious Oranj“.

Über das Album selbst muß man nur wenig mehr Worte verlieren als über The Fall (das Internet weiß da eh alles besser als ich), interessant daran ist, daß es der Soundtrack zum Ballett „I am Curious Orange“ des Avantgarde-Tanztheaters Michael Clark Company ist, daß Teile davon wie eine Live-Aufnahme klingen, und Teile wie im Studio, und daß Ted Mills wahrscheinlich Recht hat mit seiner Kritik: Nicht jeder Song auf „I Am Kurious Oranj“ ist gut, und bei weitem ist nicht jeder Song so gut wie „Kurious Oranj“.

„New Big Prinz“ mit seinen handclaps und seiner hypnotischen Gitarrenlinie zeichnet sich durch seine Psychobilly-Anleihen aus, die „Overture from I Am Curious Orange“ klingt nach Indie, „Dog Is Life / Jerusalem“ ist seltsam und düster, aber „Kurious Oranj“ und „Wrong Place, Right Time“ beenden Seite 1 richtig gut. Seite 2 ist dann schon schwieriger, erst „Van Plague?“ bleibt hängen, der Rest ist, nun ja, schwierig eben, aber man darf nicht vergessen, daß die Platte eben kein „normales“ Album ist, sondern ein Ballett-Soundtrack, und interessanter als das meiste, was so an Musik veröffentlicht wird, ist selbst die schlechteste Fall-Platte.

Aber ehrlich gesagt: Eigentlich ist es mir scheißegal, wie der Rest der Platte ist, so lange ich endlich „Kurious Oranj“ auf Vinyl habe. Und daß das Album dann doch zu weiten Teilen so gut ist, macht die Sache nur noch besser.

Und jetzt: Prost!

www.visi.com/fall
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