The Fall – „I Am Kurious Oranj“

1. Juni 2010

Beggars Banquet, 1988

Was mir vergangenes Wochenende widerfahren ist, ist mir einen, ach was, eine ganze Flasche Asbach Uralt wert: Ich schlenderte in angenehmer Begleitung über einen schäbigen Flohmarkt in einer Stadt, die für ihr Aufkommen guter LPs so bekannt ist wie Bad Tölz für seine minimal-techno-Parties, und fand an einem kleinen Stand, an dem ein älterer Herr vornehmlich überteuerte Rockplatten aus den Sechzigern und Siebzigern in schlechtem Zustand verkaufte, plötzlich das Album „I Am Kurious Oranj“ von The Fall, zwar auch nicht billig, aber in gutem Zustand, und vor allem sprach meine angenehme Begleitung plötzlich zu mir: „Ich schenk‘ dir die Platte.“ Gefreut wie ein kleines Kind zu Weihnachten habe ich mich, nicht nur über die ausgesprochen nette Geste meiner Begleiterin, sondern auch und ehrlich gesagt vor allem über dieses Album, und bin breit grinsend durch den Resttag gehüpft.

Nun habe ich The Fall nie wirklich gehört, besitze mit „The Infotainment Scan“ (1993) nur noch eine weitere Fall-Platte, eine in Fankreisen und auch von mir nicht wirklich gemochte. Freilich habe ich Mark E. Smith immer irgendwie mitgekriegt, beobachtet, alle Artikel über ihn gelesen etc., aber das brachte mich auch nicht dazu, mir die neuen Alben von The Fall zuzulegen, obwohl diese erstens einfach zu kriegen weil neu, und zweitens ziemlich gut sind.

Warum also, mag der geneigte Leser fragen, diese ausgeprägte Freude bei einer Platte, über die ein gewisser Ted Mills gar urteilte: „For the first time tracks felt like filler, and indeed they were“?

Es war im Jahr 1994, als mir The Fall zum ersten Mal über den Weg liefen, und zwar mit ihrem Lied „Kurious Oranj“, und zwar auf einem Mixtape. Dieses hatte mir der Redakteur der kleinen Lokalredaktion, für die ich damals nebenher tätig war, als Geschenk zum bestandenen Abitur aufgenommen, eine schöne Geste, die für mich damals von außerordentlich fruchtbarer Bedeutung war. Denn diesem Redakteur verdanke ich tiefe Einblicke in die Musik, ihm verdanke ich Nick Cave, Phillip Boa, die Go-Betweens, die Stranglers, Siouxsie and the Banshees, Television und vieles mehr, alles Bands, die auch auf diesem Mixtape vertreten waren, und eben auch „Kurious Oranj“ von The Fall. Neben „Nice’n’Sleazy“ von den Stranglers, „Spring Rain“ von den Go-Betweens und „Carried Away“ von Television war dieser Song sofort mein Favourit – dieser dreckige, druckvolle Baß, die schrägen Gitarren, Mark E. Smiths nörgelnder und doch heiterer Gesang, der kryptische Text, die Orgel, einfach der gesamte prima Sound, das Repetitive, Hypnotische, Tanzbare – was für ein Song!

Ich habe damals viel traurige Musik gehört, aber dieses Tape war mein Zugang zu den heiteren, rockenden Seiten der Musik, zu den wirklich coolen Bands, die vor allem einen wirklich coolen Sound hatten. Nach und nach habe ich angefangen, mir die Platten zu kaufen, auf denen meine Lieblingslieder des Tapes drauf sind. „Boy“ von U2 habe ich mir gespart, bei „Aristocracie“ von Phillip Boa dauerte es Jahre, die Stranglers waren recht bald recht gut vertreten, meine damals geweckte Liebe zu Nick Cave überdauert sogar Grinderman und den Ausstieg Mick Harveys bei den Bad Seeds, mit Television konnte ich mich nie wirklich anfreunden, aber „Kurious Oranj“, meine Güte, dieser Song verfolgte mich genau so hartnäckig, wie das Vinyl unauffindbar blieb, zumindest außerhalb des Internets. Und dann jener Flohmarkt am Wochenende, meine angenehme Begleitung, und jetzt „I Am Kurious Oranj“.

Über das Album selbst muß man nur wenig mehr Worte verlieren als über The Fall (das Internet weiß da eh alles besser als ich), interessant daran ist, daß es der Soundtrack zum Ballett „I am Curious Orange“ des Avantgarde-Tanztheaters Michael Clark Company ist, daß Teile davon wie eine Live-Aufnahme klingen, und Teile wie im Studio, und daß Ted Mills wahrscheinlich Recht hat mit seiner Kritik: Nicht jeder Song auf „I Am Kurious Oranj“ ist gut, und bei weitem ist nicht jeder Song so gut wie „Kurious Oranj“.

„New Big Prinz“ mit seinen handclaps und seiner hypnotischen Gitarrenlinie zeichnet sich durch seine Psychobilly-Anleihen aus, die „Overture from I Am Curious Orange“ klingt nach Indie, „Dog Is Life / Jerusalem“ ist seltsam und düster, aber „Kurious Oranj“ und „Wrong Place, Right Time“ beenden Seite 1 richtig gut. Seite 2 ist dann schon schwieriger, erst „Van Plague?“ bleibt hängen, der Rest ist, nun ja, schwierig eben, aber man darf nicht vergessen, daß die Platte eben kein „normales“ Album ist, sondern ein Ballett-Soundtrack, und interessanter als das meiste, was so an Musik veröffentlicht wird, ist selbst die schlechteste Fall-Platte.

Aber ehrlich gesagt: Eigentlich ist es mir scheißegal, wie der Rest der Platte ist, so lange ich endlich „Kurious Oranj“ auf Vinyl habe. Und daß das Album dann doch zu weiten Teilen so gut ist, macht die Sache nur noch besser.

Und jetzt: Prost!

www.visi.com/fall
www.beggars.com

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