Slayer – „Reign In Blood“

21. Juli 2010

Def Jam, 1986

Scheißtag gehabt. Heimgekommen. Erstmal auf den Sessel gehauen, „Reign In Blood“ aufgelegt, die 28 Minuten und 56 Sekunden lautstark durchgehört. Danach mit einem entspannten Lächeln zurück in die Welt.

Es ist erstaunlich, welche entspannende und therapeutische Wirkung diese seinerzeit schnellste und extremste Metalplatte haben kann, wenn man am liebsten irgendjemandem die Fresse einschlagen will, einfach so. Denn „Reign In Blood“, die dritte Veröffentlichung der großen Slayer, erledigt das für einen, und das auf ungemein befriedigende Weise. Kommt aus den Lautsprechern raus, springt dich an, haut zu, wieder und wieder, eine halbe Stunde lang, ohne Pause, und am Ende ist die miese Laune wie mit dem Sandstrahler wieder aus dem Hirn raus.

Damals, ungefähr 1989, als ich dieses Meisterwerk des Thrash Metal kennenlernte, traf mich die Platte genauso unvermindert, wie es zuvor der Musikwelt gegangen sein muß. Ein Freund gab mir „Reign In Blood“ auf Tape, auf der anderen Seite das Debut „Show No Mercy“ von 1983, und schon bald überspielte ich mir das Tape nochmal vorsorglich auf eine Zweitkassette, deren schlechtere Qualität ich dann mit meinem miesen Walkman zugrunde zu richten gedachte (tatsächlich vernichtet hat das Tape schlußendlich ein Lagerfeuer). Ehrfürchtig sprachen wir damals von diesem Album, wie es alle anderen Alben an die Wand klatschte mit seiner irren Geschwindigkeit, wie da musikalische und textliche Tabubrüche begangen wurden, wie geil die atonalen Gitarrensoli von Jeff Hannemann und Kerry King und wie cool Slayer ingesamt waren (so viel cooler als Metallica), Scheiße auch.

Das verbleibende erste Tape wurde im miesen Walkman rauf- und runtergenudelt, dann kam extremere Musik dazu, Terrorizer, Napalm Death, Bolt Thrower, Pitch Shifter, und dann mit den Suicidal Tendencies und D.R.I. eine erste Abkehr von der reinen Metallehre. Das einzige Slayeralbum, das auf CD noch hinzukam, war das damals gerade erscheinende „Seasons In The Abyss“ (1990), auch nicht schlecht. Irgendwann war das Tape dann futsch, neue Musik erschloß sich mir, und „Reign In Blood“ wurde zu einer dieser „Weißt du noch?“-Platten.

Vor zwei, drei Jahren dann erstand ich bei einem Trödler für wenig Geld eine kleine Handvoll Slayer-LPs, unter anderem „Reign In Blood“, und die Platte tauchte langsam wieder aus dem Nostalgiesumpf auf. Zuerst kurz nach Kauf, als ein Freund und ich ein paar Mädchen davon überzeugen mußten, daß Metal nicht nur blöd ist, sondern mitunter ziemlich brillant sein kann. Als Beispiel diente „Reign In Blood“. Es war schön, die Platte wieder zu entdecken, schön, die fast vergessenen Songs wieder zu hören, und die Geschwindigkeit, die Präzision und der schiere Druck der Musik waren noch immer atemberaubend. Aber eben auch Nostalgie.

Erst ein Umzug, der mich direkt neben eine Kirche führte, brachte „Reign In Blood“ wieder häufiger auf meinen Plattenteller (ein Schelm, wer Böses dabei denkt – naja, genaugenommen trifft genau dies zu: eine kriegerische Maßnahme gegen samstäglichen, unglaublich weichgespülten Christenpop, den mir die aufgeschlossene, moderne Gemeinde vis à vis sommers durchs offene Fenster säuselt), und die Nostalgie wich zusehends einer wachsenden Begeisterung für das Album.

Das fängt bei der Geschwindigkeit an (Sänger Tom Araya, so erzählt es ein Interview mit der Band, kam bei den im Studio plötzlich immer schneller werdenden Stücken mit den Texten manchmal kaum noch nach, was man vor allem bei „Necrophobic“ sehr schön hören kann) und macht bei diesem unglaublichen Sound weiter, den ich aus dem Metal (vor allem aus dem Death Metal der damaligen Zeit, der immer zu dünn klang) kaum kannte: ein rauher, dreckiger, aber doch irgendwie warmer Sound, der nichts mit der Sterilität manch anderer Metalsounds zu tun hat und wahrscheinlich nicht zuletzt Rick Rubin geschuldet ist, der sich seine Credibility bis dato bereits mit Run DMC und den Beastie Boys verdient hatte und der den Sound der Straße kannte (wenn mir dieses Klischee gestattet ist). Dann ist da der Gesang Arayas, auch dem Hardcore näher als dem Metal oder dem Hardrock, und Dave Lombardos brillantes Drumming, ich halte ihn immer noch für einen der besten – und sympathischsten – Schlagzeuger aller Zeiten. Und freilich Hannemann und King, die ein gutes Riff nach dem anderen spielen, brachial, schnell, gewaltig, aber dennoch oft mit erstaunlich viel Groove, um sich dann in irgendwie total bescheuerten Gitarrensoli zu verlieren, von denen man irgendwie jedes mit jedem anderen auf der Platte vertauschen könnte, und die inmitten der Riff-Gewitter irgendwie unweltlich wirken.

Und dann, das darf bei aller Ehrfurcht vor dem Sound, dem Druck und der Brachialität von „Reign In Blood“ nicht vergessen werden, sind die Songs auf der Platte unglaublich gut. Das fängt mit dem kontroversen „Angel Of Death“ an, dieses notorisch zitierte Lied über den KZ-Arzt Mengele, das Slayer so manchen Ärger eingebracht hat (hierzu bitte einfach das Internet konsultieren), bis hin zum Fast-Titelsong „Raining Blood“, dessen Anfangsriff Slayer wiederum zur Legende gemacht hat. Zwischendrin geht es um Mord und Totschlag, Angst vorm und Lust aufs Sterben, die Christen kriegen einmal kräftig Keile, Satan wird angebetet, und allerlei Ekligkeiten passieren.

Klar, das sind Teenie-Texte (die aber sprachlich ziemlich intelligent sind und schön viele Fremdwörter benutzen), aber die Musik dazu weiß genau, was sie tut und tun muß, um die Waage zwischen Metalgewichse („Necrophobic“, „Jesus Saves“) und Hardcore-Groove („Criminally Insane“, „Raining Blood“) zu halten, mit keinem einzigen unnötigen oder mittelmäßigen Song.

Damals, als Früh-Teenie, habe ich Slayer wahrscheinlich gar nicht richtig verstanden, sondern zu einem großen Teil nur gut gefunden, weil alle es gut fanden (und, ja, weil der Sound zugänglicher war als bei anderen Metalalben). Jetzt hingegen höre ich „Reign In Blood“ und bin, mittlerweile selbst seit zwei Jahrzehnten Gitarrist, beim Hören jedesmal atemlos, so brillant ist diese Platte. Und hinterher geht es mir wieder gut, egal wie scheiße der Tag war. Vielleicht muß man doch zum Superlativ greifen: „Reign In Blood“ ist die beste Metalplatte aller Zeiten. Fuck yeah.

www.slayer.net
www.defjam.com

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: