Hydra Head Records, 2008

Es geschieht nicht allzu oft, daß mich eine neue Platte so richtig fies umhaut. Daß mir der Mund offensteht beim Hören, und daß ich nicht so recht glauben kann, was ich da höre. Daß ich trotz dieses Blogs hier, der mich eigentlich genau daran hindern sollte, absolut jedem von dieser Platte vorschwärme. Aber meine Güte, „Life … The Best Game In Town“ von Harvey Milk ist einfach unglaublich.

„Wenn dir“, so ein Freund dereinst zu mir, „sowas gefällt (und er meinte die Young Widows), dann hör dir doch mal Harvey Milk an. Die sollen auch so klingen.“ Ah, Harvey Milk, so heißt doch dieser Film über den gleichnamigen Politiker, blöder Name, so mein vorurteilender Kopf zu mir. Es dauerte deswegen auch erstmal eine Weile, bis ich mir die Band aus Athens, Georgia (die Heimstatt von R.E.M. und den B52’s), endlich anhörte. Genaugenommen auf dem Weg in den Urlaub, und man mag argumentieren, daß „Life … The Best Game In Town“ nicht unbedingt der beste Einstand in die schönsten Wochen des Jahres ist. Ich behaupte aber doch, denn so euphorisiert, wie mich diese Platte hinterlassen hat, konnte der Urlaub nur gut werden.

Über die Band Harvey Milk weiß das Internet besser Bescheid als ich, erstaunt war ich, als ich herausfand, daß es die Noise/Sludge-Combo bereits seit 1992 gibt, nicht so sehr erstaunt darüber, daß auf „Life …“ Joe Preston am Baß und an der Gitarre mitwirkt, den ich von den Melvins kenne. Sehr erstaunt wiederum war und bin ich über dieses einzige Album, das ich von Harvey Milk kenne.

Denn was mit einer ungemein friedlichen (und ungemein deprimierenden) kleinen Melodie zu cleaner Gitarre anfängt und über einen Weihnachtsabend erzählt, wird kurz darauf zu einem wirklich heftigen Schlag in die Fresse – ein Gitarrensound aus der Hölle, ein Gesang, der klingt, als ob Satan schlechte Laune hätte und seine Angestellten persönlich zusammenscheißt, und dabei ein Groove, vor dem die Melvins erblassen sollten, und ein Weltschmerz, dessen Intensität, Traurigkeit und Verzweiflung ob der Brachialität des Sounds erstaunt. „Death Goes To The Winner“ heißt dieser Opener, der im Grunde alles sagt, was es so zu sagen gibt, und der, nachdem er sich die ersten vier Minuten durch kompositorische Brillanz geprügelt hat, plötzlich auch noch unverschämt genug wird, die restlichen knapp vier Minuten des Songs auf einem Akkord zu beenden, zu dem ein „Solo“ weniger gespielt als aus der Gitarre herausgewrungen wird. Dazu gröhlt Sänger und Leonard-Cohen-Verehrer Creston Spiers irgendwann fast unverständlich, daß er auf den Tod warte, und zitiert dabei todessehnsüchtig „A Day In The Life“ von den Beatles (nur, daß Spiers sich keinen Kamm über den Kopf zieht, sondern sich eine Knarre an den Kopf hält). Und ganz am Ende, als man denkt, es geht nicht mehr, beschließt der mächtige, ironische, gänzlich fehlplazierte Pianoakkord der Beatles dieses aurale Fegefeuer. Und das ist erst der Anfang der Platte.

„Decades“ geht unvermindert brutal weiter, ein schleppendes Schlagzeug, Breitwandakkorde, Spiers, der barmt, er fühle sich „great“ (worauf die Gitarren absurd jubilieren), bevor die letzte Minute des Stücks in fast rockistischer Euphorie ausklingt.  „After All I’ve Done For You, This Is How You Repay Me?“ ist dann ein Stück atemloser, instrumentaler Mathcore, bevor in der Mitte des Songs ein Break alles runterbricht auf einen  einsamen Baß und später auf schiere, zähe, minimalistische Gewalt. In diesem Fahrwasser bewegt sich auch „Skull Socks And Rope Shoes“, das ebenfalls von seinen schweren Akkorden und Spiers völlig kaputter, sich überschlagender Stimme lebt, ein langsames Stück Sludge Metal mit übersteuertem Gitarrensolo und ultratrockenen Drums.

„We Destroy The Family“, ein Cover von Fear, hält, was sein optimistischer Titel verspricht, und jemand mit größeren psychischen Problemen könnte hier ein nahezu tanzbares Stück entdecken, mit schönem Chorgebrüll und einem solitären Gitarrensolo zu den hysterischen Drums. Und gerade, wenn man denkt, dieses Bombardement hinter sich zu haben, geht es grad wieder von vorne los. Und dann überraschen Harvey Milk einmal mehr: „Motown“ ist plötzlich ein hochmelodisches Stück Southern Rock mit einem schönen Gitarrenriff, einer fast harmonischen Stimme und einem echten Mitsingrefrain. Und wäre der Sound nicht dennoch einigermaßen brachial, man könnte fast ZZ Top heraushören aus der Gitarrenarbeit. In diesem Kontext allerdings bleibt der Song absurd, ein verzweifelter Glücksversuch inmitten tiefster Dunkelheit, und einfach ein irrsinnig gutes Lied.

„A Maelstrom Of Bad Decisions“ wiederum führt den Hörer zurück in die Dunkelheit und den Schmerz, zurück zum Mathcore, weg von den Breitwandakkorden zu Gitarrengefrickel, einem wilden Baß und einem wilderen Schlagzeug und einem völlig verzweifelt scheinenden Creston Spiers. Bevor es mit „Roses“ wieder absurd wird. Ein zarter, hilfloser, brüchiger Gesang zu Klavier und schöner Akustikgitarre, zu feinem Chorgesang, und man spürt die Hoffnung vor dem Zusammenbruch, der nach einer Minute auch prompt erfolgt. Allerdings scheint die Schönheit der Melodie trotz all den Verzerrern und trotz der zerstörten Stimme durch, ehe alles in zähen Metalriffs versinkt und sich dann doch weder in harmonischen leads bester Hardrock-Manier emporschwingt. Und wieder abstürzt. Und sich wieder emporschwingt, bis man trotz der Langsamkeit von „Roses“ atemlos zurückbleibt und in das schnelle Schweinerockstück „Barn Burner“ getreten wird, das von einem Herrn Andrew Prater gebrüllt wird.

Den Schluß bildet dann der über achtminütige „Goodbye Blues“, der nicht vom Fleck kommt, sich qualvoll von Akkord zu Akkord hangelt, bis er nach knapp drei Minuten plötzlich losgaloppiert, mit gefrickeltem Gitarrensolo und allem, was dazugehört, einen wieder runterbremst und so weiter, und Creston Spiers, dieser wohl faszinierendste „Sänger“, den ich seit langem gehört habe, brüllt sich dazu so dermaßen die Seele aus dem Leib, daß man seine Halsschmerzen förmlich selber kriegt, von all dem anderen Schmerz ganz zu schweigen.

Nein, fröhlich sind Harvey Milk nun nicht wirklich, aber ich habe selten eine so intensive Platte gehört, und noch seltener einen so aufrichtigen Sänger. Und obwohl Harvey Milk einen deutlichen Trademarksound haben, ist „Life …“ doch eine ungemein abwechslungsreiche Platte, die sich von Sludge Metal über Schweinerock zu Hardrock und zurück hangelt, ebenso voller Ideen wie voller zwingender Monotonie steckt und den Hörer ganz am Schluß, auf den letzten 45 Sekunden, nochmal kräftig mit dem „Looney Tunes Theme“ verarscht. Und man bleibt stehen, die Ohren rauschen, der Mund steht offen, man dreht sich um und fragt sich: Was habe ich da eben gehört? Und es wird einem bewußt: Wer so eine brachiale Platte mit so einem Ende macht und ihr dann auch noch ein so trashiges Cover gibt, ist doch irgendwie ein lustiger Mensch mit viel Humor und noch mehr Können. Harvey Milk sind eine geniale Band, das zeigt sich allein schon an diesem einen Album. Ich freue mich darauf, die restlichen Platten dieser Band zu entdecken.

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