Alasdair Roberts – „Farewell Sorrow“

16. Februar 2011

Drag City, 2003

Nähme man hier Aktualität als Maßstab, dann sollte ich eigentlich mindestens das wunderliche und von mir momentan rauf und runter gehörte Album „Spoils“ von 2009 besprechen, oder gar „Too Long In This Condition“, die ganz aktuelle Platte von Alasdair Roberts „and Friends“. Auch schön wäre das Album „The Amber Gatherers“ (2007), oder die Appendix: Out-Platten, Roberts‘ erste Inkarnation. Nur „No Earthly Man“ von 2005 würde seinen Weg nicht in diesen kleinen Blog hier finden, diese Platte mag ich nicht so. Aber wahrscheinlich ist „Farewell Sorrow“, Roberts‘ zweite Platte unter seinem eigenen Namen (den Erstling, „The Crook Of My Arm“ von 2001, kenne ich leider noch nicht) auch seine beste, schönste. Und vor allem ist sie die erste, die ich von ihm kannte, und das ist Rechtfertigung genug.

Ganz zuerst nahm ich den Schotten Alasdair Roberts allerdings durch seine Kooperation mit dem notorischen Will Oldham und Songs: Ohia-Vorsteher Jason Molina wahr, eine wahrlich wundervolle kleine E.P. unter dem Namen „Amalgamated Sons Of Rest“, auf der sich die drei Barden Gesang und Gitarre teilen und teils Eigenkompositionen, teils Traditionals singen. Und Roberts hatte die schönste Stimme und die schönsten Lieder, also suchte, fand und kaufte ich damals „Farewell Sorrow“. Und was soll ich sagen, ich war damals auf den ersten Takt verzaubert, und ich bin es immer noch und immer wieder.

Roberts, der in Glasgow wohnt, offenbar zumeist einfach solo mit seiner Gitarre auftritt und derletzt mit der nicht minder wundersamen Joanna Newsom auf Tour war (die ich dank des toten Winkels, in dem ich lebe, verpaßt habe), hat sich von ganzem Herzen dem schottischen Folk verschrieben. Und was so geschrieben irgendwie nach Rüschenhemden und Sammetwesten aussieht, antiquiert und rückwärtsgewand also, klingt allerdings so unglaublich wunderbar und lebendig, daß ich tatsächlich nicht genug kriegen kann von diesem seltsamen Kauz.

Es geht Roberts mit seiner Version von Folk mehr um eine „Authentizität“ im Sinne einer Verortung dieser Musik direkt in seinem Leben und dem Leben des Hörers als um museales Kunsthandwerk, eine Erkenntnis, die im Zusammenhang mit dem Begriff „schottischer Folk“ ziemlich beruhigend ist, weil sie sofort alles Altertümelnde, an Mittelaltermärkte gemahnende Lügen straft. Der Rückgriff auf alte Traditionslinien erfolgt also nicht bewahrend, sondern fortschreibend, und Roberts stellt sich selbst in diese Linie. Dabei aber legt es seine Musik wiederum nicht darauf an, auf Teufel komm raus mit den Großen des Genres genannt zu werden. Roberts liebt, was er tut, und er liebt, wo dieses herkommt. Ein Mann aus dem Volk, der die Geschichten eben dieses Volkes weiterspinnt. Und daraus entsteht ganz wunderbare Musik.

Zuallererst ist da Roberts‘ Stimme, eine jungenhafte Stimme, die eigentlich glockenhell und klar ist, aber dennoch oft kurz vorm Kippen, immer ein bißchen zu arg an den Rändern der (beeindruckenden) Kapazität, um den Heintje zu geben. Vielmehr bricht sie hier und da, klingt plötzlich verschleiert und finster, um dann wieder fast schon naiv zu jubilieren. Seinem Gitarrenspiel ganz ähnlich vermeidet es Roberts, perfekt zu klingen, obwohl auch am Instrument sein Können und seine Kenntnis beeindruckend ist.

Und dann sind da freilich die Lieder selbst, einfache Lieder, etwas komplexere Lieder, jubilierende Tänze und tieftraurige Klagen, Epen von Krieg und Tod, Beobachtungen des morgendlichen Gesanges im erwachenden Haus. Natürlich drehen sich Roberts‘ Texte letztendlich und dem Genre angemessen immer um die letzten Dinge, um den Tod und die Transzendierung, aber auch um die Liebe, die Jagd, das heitere Spiel und die finstere Magie der Vergangenheit ein Topos, der sich auf „Spoils“ weiter durchsetzt. Und bewegt sich „Spoils“ dann schon im langen, durchkomponierten Kunstlied, so ist „Farewell Sorrow“ eine Sammlung kleiner Lieder im Freundeskreis.

Der Titelsong macht auf dieser Platte den Anfang und ist ein trauriges Klagelied über den Verlust der Ahnen, aber auch über das Wiedersehen im Jenseits. Diese Tristesse wird zwar sogleich konterkariert von „Join Our Lusty Chorus“, aber im Ganzen überwiegen in der ersten Hälfte des Albums die düsteren Lieder wie „Carousing“, „I Fell In Love“ oder „I Went Hunting“ mit einem der schönsten Gitarrensoli aller Zeiten.

Doch so versöhnlich wiederum, wie die erste Seite der LP mit „Down Where The Willow Wands Weep“ endet, so fängt die zweite Seite auch an: „When A Man’s In Love He Feels No Cold“ ist eine Hymne an die Liebe, „The Whole House Is Singing“ eine Hymne an den Gesang, „I Am A Young Man“ an die Jugend, und der Abschluß „Slowly Growing Old“ ans Altern und Sterben. Und nur „I Walked Abroad In An Evil Hour“ führt noch einmal in die tiefste Dunkelheit der alten Sagen.

„Farewell Sorrow“ ist tatsächlich ein zeitloses Album, weil es einerseits zeitgemäß eine Tradition fortschreibt, andererseits tief in dieser Tradition verwurzelt ist. „Farewell Sorrow“ ist aber jenseits aller Überlegungen zu Tradition und Moderne eine Sammlung unglaublich schöner Lieder, die ebenso schön instrumentiert dargeboten werden. Es ist ein Album, das man nicht nur einfach „gut“ findet, sondern in das man sich unwiderruflich verliebt, das einem eine märchenhafte Welt eröffnet und außerdem ein guter Einstieg in das nicht immer so leichte Schaffen von Alasdair Roberts ist.

www.alasdairroberts.com
www.dragcity.com

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