Kranky, 2008

Vielleicht wollte mir mein Freund R. einfach den Frühling verderben. Irgendwie werde ich diesen Gedanken einfach nicht los, auch wenn ich R. das weder unterstellen will noch kann. Denn die Wahrheit ist, daß er mir zum Geburtstag einfach das „zugänglichste“ Album seines Lieblingsmusikers schenken wollte und mir damit eine der intensivsten, besten, schönsten, traurigsten, einsamsten und verstörendsten Platten gegeben hat, die ich je gehört habe.

Erzählt hatte er mir schon öfter von Boduf Songs, dem Vehikel des mittlerweile in den USA lebenden Briten Mat Sweet, der seine Lieder daheim im Schlafzimmer mit nur einem Mikrofon aufnimmt, wie uns das Internet verrät. Mein Interesse war schon von Anfang an geweckt, aber ach, es gibt so viel Musik, und irgendwie fand ich den Namen „Boduf Songs“ auch nicht so attraktiv wie zum Beispiel die von Stars Of The Lid oder von Sunn O))), also verschwand der triste Brite wieder aus meinem Blickfeld. Bis letzte Woche.

Im schlichten, schmalen, schönen, tiefschwarzen Digipack wurde mir also „How Shadows Chase The Balance“ überreicht, an einem schönen, sonnigen, warmen Frühlingstag beim Mittagskaffee, und nachdem ich die CD abends zweimal am Stück durchgehört hatte, war ich unendlich traurig und ängstlich wie ein Kind, aber gleichzeitig ungemein bereichert, fasziniert, verzaubert. Denn was ich hier zu hören bekam, war nicht allein Musik. Vielmehr wurde mir ein Blick in den Kosmos, ins All gewährt, in dem der Mensch so verloren ist, wie er nur sein kann. Denn „How Shadows…“ evoziert wie keine andere Platte, die ich kenne, so intensiv das „Schweigen der unendlichen Räume“, das schon Pascal schaudern ließ.

Die Mittel, die Mat Sweet dafür anwendet, sind denkbar simpel: eine Akustikgitarre, hier und da verstörende Geräusche, an einigen seltenen Stellen ein viel zu lauter Drumcomputer und ein Baß, immer wieder ein düsteres Banjo, und dann seine – meist gedoppelte bzw. zweimal oder gar in Harmonien eingesungene – Stimme, die sich kaum jemals über ein Flüstern erhebt. Die Lieder selbst sind auch recht einfach, Akkordfolgen, die schon oft da waren, Melodien, die zwar schön, aber nicht außergewöhnlich sind, und hätte zum Beispiel ich diese Lieder geschrieben und gespielt, wahrscheinlich klängen sie ziemlich fad. Aber es geht Mat Sweet nicht um das Songwriting im klassischen Sinne.

Seine Lieder sind nicht nur am Folk geschult (siehe sein schnelles, hektisches Gitarrenpicking, das den langsamen Liedern eine tiefe Beunruhigung verleiht), sondern auch und vor allem an den schleifenförmigen Texturen von Ambient und Drone, seine Intensität und durchaus auch Brutalität bezieht er, so wiederum das oben zitierte Internet, aus dem Metal („Acoustic Death Metal“ sei eine Bezeichnung für seinen Stil), und seine Absicht ist eine universale. Sweet will uns nicht seine Kompositionen vorspielen, sondern uns seinen Kosmos zeigen.

Und der ist schwarz und kalt, grausam und einsam. „We fell to earth from pitch black skies“, so beginnt mein Lieblingsstück „Things Not to be Done on the Sabbath“, und sogleich entsteht das Bild eines weiten, finsteren Raumes, auf dessen Boden sich zwei gefallene Engel aufrappeln, sich den Dreck aus den schäbigen Flügeln klopfen und sich umsehen. Ein trauriges Bild? Nicht ganz: „We feed upon the left behind“, so geht es weiter, und es wird klar: „Alle Engel sind grausam“, wie Rilke wußte. Die anderen Lieder tragen Titel wie „Mission Creep“, „I Can’t See A Thing in Here“, „Pitiful Shadow Engulfed in Darkness“ oder „Found on the Bodies of Fallen Whales“, und es wird schnell klar, daß das Bild gefallener Engel nicht zu weit hergeholt ist.

Boduf Songs klingt in der Tat irgendwie esoterisch, oder besser: okkult. Die Lieder erinnern oft an Beschwörungen oder gar Horrorgeschichten, scheinen sich im Fantasy-Bereich zu bewegen, es gruselt einen nicht nur einmal beim Hören. Das Schlimmste aber ist: Selbst diejenigen, die weder mit Stephen King noch mit Dead Can Dance etwas anfangen können, die sowohl „The Grudge“ als auch amulettetragende moderne „Hexen“ mit Verachtung ansehen, werden hier gepackt. Denn unterm Strich sind es nicht die bösen Engel, die hier das Grauen verbreiten, sondern diese existenzielle Einsamkeit und Verlorenheit, für die Mat Sweet ausgesprochen grausame, intensive und zutiefst poetische Bilder findet, und die perfiderweise durch das konsequent verwendete, auf der Kippe zwischen Mitgefühl und Hohn stehende „Wir“ eine noch größere Wirkung entfalten, eine melancholische Resignation. Denn selbst wenn Sweet versucht, ein bißchen Hoffnung zu verbreiten, wie im von einem Drumcomputer getriebenen „Quiet When Group“, bleibt am Ende nichts: „And even when we sleep, we sigh, we sigh / And even when we shine, we sigh, we sigh … And even when we fall, we sigh, we sigh“. Die Monotonie der Kompositionen (nicht allerdings der feinen, detaillierten Arrangements wohlgemerkt!) unterstützt diesen Charakter der Platte noch und ist nicht etwa fehlendes Talent, sondern ein weiteres präzise eingesetztes, quälendes Element.

„How Shadows Chase The Balance“ ist also ein Album, das einem wirklich den Tag verderben kann, das uralte Ängste weckt, wie die bösen Märchen aus Kindertagen, die vom Unaussprechlichen erzählen, „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ auf satanistisch sozusagen, das aber gleichzeitig auch an den aufgeklärten Verstand appelliert, der die Erkenntnis des existenziellen Verlorenseins bereits hinter sich hat und daran verzweifelt. Eine Platte, die so etwas mit dem Hörer macht, ist es unbedingt wert, gehört zu werden. Und außerdem ist sie auch noch einfach wunderschön. Meine Güte!

bodufsongs.com
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