Old Calf – „Borrow A Horse“

27. November 2011

No Quarter Records, 2011

Mittlerweile habe ich die Hoffnung ja aufgegeben, von seinem Bruder Will noch ein neues Album zu hören, das nicht ein bißchen zu langweilig, ein bißchen zu selbstgefällig und ein bißchen zu glatt ist. Umso schöner ist es da, daß Ned Oldham in seiner neuen Inkarnation Old Calf eine ganz wunderbare neue Platte aufgenommen hat, die seiner Hauptband The Anomoanon in nichts nachsteht.

Ned Oldham ist nicht weniger produktiv als sein berühmter Bruder, der sich zuerst als Palace, dann vor allem als Bonnie „Prince“ Billy zuerst in die Herzen der Hörer, dann ins Feuilleton und schlußendlich in eine fade Wohligkeit gespielt hat. Nur hat es der berühmtere der beiden Brüder – zugegeben nicht ganz zu Unrecht – ins Bewußtsein der Öffentlichkeit geschafft, während Ned – völlig zu Unrecht – nur einem kleinen Fankreis bekannt blieb (vom dritten Bruder, Paul, der desöfteren in Bonnies Tourband mitspielt, ganz zu schweigen) und sich neben den tollen Anonoamon aufs Produzieren und Arrangieren im eigenen Studio verlegte (und somit einen großen Teil am Ruhm seines Bruders mitträgt).

Ein besonderes Merkmal und eine charakteristische Arbeitsweise Ned Oldhams ist es, auf bereits existierende Texte zurückzugreifen und sie in sein eigenes musikalisches Gewand zu packen, seien das nun Gedichte von François Villon oder von Robert Louis Stevenson, seien das Abzähl- oder Kinderreime, die in knapp einminütige, oder wie auf „Borrow A Horse“ in „richtige“, Lieder gefaßt werden. Dabei bewegt sich Oldham mit The Anomoanon in einem umsichtig modernisierten musikalischen Traditionskosmos, der sich stark am Folkrock der 70s orientiert, gerne mal in Jams ausartet, dabei aber auf die allzu barocke Verspieltheit und das allzu Hippieeske zugunsten einer stoischen, prosaischen Verträumtheit oder aber einer Hinwendung zu einem unprätentiösen Rock verzichtet, gottseidank. Spielt bei The Anomoanon der Rock-Aspekt des Begriffs „Folkrock“ noch eine größere Rolle, zum Beispiel in Form einer oft psychedelischen E-Gitarre oder auch mal in Form von CSNY-Riffs, so rückt bei Old Calf der Folk im Sinne einer daheim im Wohnzimmer funktionierenden, stromlosen Musik in den Vordergrund.

Die Entstehungsgeschichte von Old Calf (gegründet von Oldham und Marty Metcalfe, you see), die No Quarter erzählt, klingt dann auch nach einer kleinen Veranda-Band, die keine Verstärker braucht, um sich bei einem kühlem Bier nach Feierabend in den Sonnenuntergang auf dem Lande zu spielen (was auch schön hier zu sehen ist), nur die Liebe zur Musik. „Southern gentlemen“, sagt No Quarter, aber eine gewisse hinterwäldlerische Schrulligkeit, die Will Oldham perfektioniert hat, ist auch hier prägend. „Borrow A Horse“ ist eine ungemein entspannte Platte (das hat sie mit Wills letzten Werken gemein), die zu keiner Sekunde aufgesetzt wirkt, vielmehr eine Ruhe und Gelassenheit evoziert, wie man sie aus der Jack-Daniels-Werbung kennt (allerdings abzüglich der unschönen Assoziationen von Jack Daniels).

Das fängt gleich mit dem schwärmerischen „I Saw A Peacock with a Fiery Tail“ an, ein langsames, schwärmerisches Lied mit schönem Harmoniegesang, das sofort irgendwie friedlich stimmt. „Bonny Cuckoo“ greift ein Arrangement von Shirley und Dolly Collins auf, die sich ihrerseits legendär dieses Traditionals angenommen haben, das einzige Lied, zu dem Oldham nicht die Musik komponiert hat, ein lebendiges kleines Liedchen mit einem nahezu „flotten“ Beat. Ein bißchen melancholischer geht es dann in „When I Was Taken“ zu, bevor mit „Follow My Bangalorey Man“ mein Lieblingslied auf dem Album kommt, ein beschwingtes kleines Liedchen (wahrscheinlich) darüber, einfach durchzubrennen.

Bei „Do Not Play With Gypsies“ bricht dann Oldhams Lust auf den Rockaspekt des Folkrock durch, wenn auch nur gemäßigt. Das Schlagzeug wird konkreter, und es gibt eine solierende E-Gitarre, aber auch hier bleibt alles schön friedlich und abendsonnig. Das ist überhaupt das Merkmal dieser Platte, auch im folgenden, eher melancholischen „Far From Home“, ein Lied des einsamen Sängers an seine ferne Geliebte, die doch auch an ihrem Hochzeitstag an ihn denken möge, das am Ende in einen sanften psychedelischen Jam ausbricht und damit die erste Seite beendet.

Die zweite Seite beginnt mit dem Country-Stomp „Stool-ball“ über ein dem Cricket ähnliches englisches Ballspiel aus dem 15. Jahrhundert, und mit dem nachfolgenden Lied „A Gift, a Ghost/Monday Alone“ kommt der vielleicht einzige kleine Schwachpunkt des Albums. Zu gewöhnlich, zu langsam ist dieses Lied, was es allerdings noch zu keinem schlechten macht. Spannender ist da „There Are Men in the Village of Erith“, das musikalisch am ehesten an den britischen Folk gemahnt, aus dem die Texte stammen, ein irgendwie grusliges Lied über diese Männer, die niemand sieht oder hört, und auch „Henry was a Worthy King“ verläßt die Wohligkeit, um in eine für „Borrow A Horse“ ungewöhnliche Melancholie hinabzusteigen. „What did I Dream“ schließlich, das letzte Lied des Albums, wird noch einmal sanft psychedelisch, mit mäandernden Gitarren und Orgeln, fernen Gesangsharmonien und einem für Old Calf-Verhältnisse fast schon wilden Schlagzeug.

Und dann überläßt Oldham den Hörer der Stille, den Bildern, die diese Platte im Kopf hervorgerufen hat. Zeitlos, so liest man im Internet, sei das Album trotz seiner starken Bezüge auf die Vergangenheit, und das stimmt. Sanft modernisiert hat Oldham diese alten britischen Kinderreime, auch sanft amerikanisiert, was wunderschön gelungen ist und den Liedern neben der britischen Folklore eine uramerikanische Weite verleiht. Old Calf ist, im Vergleich mit The Anomoanon, die behutsamere Band, friedlicher als letztere, ohne dabei aber in die Saturiertheit von Bruder Will abzurutschen. Vielmehr steht alles hier im Dienst der Lieder und der alten Texte, für die Ned Oldham sich sehr begeistert, wie hier nachzulesen ist.

Auf jeden Fall aber ist „Borrow A Horse“ ein wundervolles, friedliches, reichhaltiges und sehr warmes Album voller wundervoller Lieder, vorgetragen mit einer Sanftheit, die niemals langweilt, sondern immer neue Bilder erzeugt. Ein großartiges kleines Album, das hier in Deutschland wahrscheinlich weitgehend unbemerkt bleiben wird. Aber vielleicht liest das hier ja jemand, und der soll dann diese Platte kaufen gehen.

oldcalf.com
nedoldham.blogspot.com
noquarter.net

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