Nadja

The End Records 2009

Manchmal gibt es Zeiten, in denen einen die Gegenwart nicht sonderlich interessiert. Manchmal sind diese Zeiten dann solche, in denen man die Beatles auflegt und die Swinging Sixties aufleben lässt oder einfach seine fröhliche Kindheit mit dem gelben Unterseeboot. Und manchmal sind es solche, an denen man wieder die alten Pavement-Platten rausholt und an die Sommerabende denkt, die man, noch erhitzt von der Sonne tagsüber im Schwimmbad, biertrinkend mit seinen Freunden verbracht hat, die Skateboards an den Bordstein gelehnt, die Hosen zerrissen, schöne Jungs und schöne Mädchen, die einander das große Versprechen auf eine große Zukunft geben und auf den Sonnenbrand scheißen, den sie sich heute geholt haben.

Manchmal aber sind solche Zeiten, in denen man zurückdenkt an die alten Tage, nicht ganz so fröhlich und versöhnlich. Denn da gab es ja noch die finsteren Winterabende, an denen man ungeduldig darauf wartete, endlich von den Freunden abgeholt zu werden, die schon einen Führerschein hatten, denn das eigene Dorf bot einem nichts in Laufnähe, und schon zweimal nichts, wo man mit dem Skateboard oder dem Fahrrad hätte hinkommen können an diesen kalten, dunklen Abenden. Man wurde abgeholt, und dann ging es doch bloß zur nächsten Party mit denselben Nasen wie immer. Abende, an denen man viel zuviel trank und trotzdem nicht betrunken genug wurde, um das Elend zu vergessen. Abende, an denen man, obwohl man schon schielte vor Apfelkorn und billigem Export, trotzdem noch die Blicke zwischen dem tollen Mädchen, wegen dem man überhaupt erst aus dem Haus gegangen war, und dem Arschloch an der Theke mitbekam. Abende, an denen die Finsternis zu groß wurde und man niemanden hatte, an dem man sich festhalten konnte, egal, wie gut die Freunde waren (und das waren sie – so gut, wie sie selbst hilflos waren). An solchen Abenden halfen Pavement nicht mehr, und Blumfeld auch nicht. An solchen Abenden, an denen Gesellschaft noch mehr wehtat als das Alleinesein, konnten nur noch New Model Army den Schmerz artikulieren, Slayer ihn betäuben und The Cure ihn versüßen.

Damals hätte diese Platte voller Coverversionen (auch von Slayer und The Cure) gepasst, die in ihrer Düsternis und Härte ebenso gut getan hätte wie in ihrer traurigen Zärtlichkeit und ihrem, ja, doch, in ihrem feinen Humor. Aber dafür habe ich sie heute, um mir die Erinnerungen an diese wirren Abende voller unangenehm lautem weißem Rauschen noch einmal ins Gedächtnis zu rufen, ehe sie verschütt gehen unter den Zumutungen des Alltags.

„When I See The Sun Always Shines On TV“ ist also der Soundtrack zu diesen grauen, emotional retrospektiven Tagen heute. Nadja sind eines der interessantesten Duos des Drone/Shoegaze/Postmetal, dessen eine Hälfte, Aidan Baker, wiederum einer der interessantesten und produktivsten Ambient-/Experimentalmusiker ist („Nadja“ ist dann auch ungefähr „Aidan“ rückwärts); die andere Hälfte besteht aus Bakers Lebens- und Bandpartnerin, der Künstlerin Leah Buckareff. Die Songauswahl ist irgendwie ebenso naheliegend wie überraschend, und schon der Titel verrät, daß hier zusammengebracht wird, was eigentlich nicht zusammengehört, setzt er sich doch aus dem 80’s-Popstück „The Sun Always Shines On TV“ von a-ha und der ersten Zeile aus Codeines „Pea“ zusammen: „When I see the sun / I hope it shines on me / And gives me everything…well, almost“. Und so disparat wirkt auch die Zusammenstellung der Originalinterpreten: My Bloody Valentine, Swans, Slayer, Elliott Smith, Kids In The Hall und The Cure gesellen sich zu Codeine und a-ha, und gerade mal das Zeitfenster grob um die 80er-Jahre (plusminus ein Jahrzehnt) scheint die Songs auf „When I See The Sun…“ einander zuzuordnen.

Das ist aber nur auf den ersten Blick der Fall. Denn das Album ist in der Tat höchst homogen, alle Lieder scheinen wie gemacht für die fuzzigen Gitarren- und Baßwände, den verhallten Gesang und das schleppende, nicht minder hallende Schlagzeug. Und wenn man sich dann die Originale anhört, bestätigt sich dieser Eindruck. So unterschiedlich sie vom Stil her auch sein mögen, allen wohnt eine gewisse Melancholie ebenso inne wie eine tiefe Einsamkeit, manchen auch eine fast schon brutale Dringlichkeit (und die erstaunliche emotionale Härte zum Beispiel, die man in a-has Popsong plötzlich spürt, nachdem man die Version von Nadja gehört hat, ist da schon immer gewesen). Freilich haben sich Nadja nicht die offensichtlichsten Originale ausgesucht (so sind die Stücke von Codeine und den Swans eben keine von vorneherein lauten Stücke, sondern bestehen nur aus Akustikgitarre und Gesang), aber dennoch ist die Zusammenstellung, betrachtet man sie aus dem Sound Nadjas heraus, logisch. Einzig „Long Dark Twenties“ ist im Original wesentlich fröhlicher als bei Nadja, aber auch hier findet sich noch die teenage angst, die dem Stück Dringlichkeit verleiht.

Es ist irgendwie majestätische Musik, die Nadja machen. Der Sound ist sehr mächtig und laut, aber gleichzeitig liegt eine große Ruhe in diesem Lärm, durch den Aidan Bakers verhaltene Stimme zärtliche Melodien singt. Und ja, diese Platte ist sehr zärtlich, dazu muß man nur hören, wie sanft die übersteuerte Gitarre am Schluß von „Pea“ gestrichen wird. Echter Metal findet sich trotz der immens verzerrten Gitarren und dem stoischen, maschinell wirkenden Schlagzeug tatsächlich nur im einzigen originalen Metalstück, nämlich in Slayers „Dead Skin Mask“ vom 1990er-Album „Seasons In The Abyss“, in dem Baker seine Gitarre dem Genre entsprechend brutal abgestoppt und die ohnehin schon düsteren Disharmonien ungemein schleppend spielt, die damit noch fieser klingen. Gleichzeitig ist „When I See The Sun Always Shines On TV“ auch eine einsame, verhaltene, sensible Shoegaze-Platte, deren Schlagzeug durch den Hall oft verschleppt wird, deren Gesang sich unter den Lärmwänden weckducken möchte. Und nur „Needle in the Hay“ von Elliott Smith mag ich nicht so sehr, es ist das einzige Lied, das Nadja hier nicht mit Mehrwert in ihre Welt überführen konnten. Aber das ist reine Geschmackssache.

Oh, und erwähnenswert ist auch das sehr schöne Booklet von Matt Smith, das Baker und Buckareff als Comicfiguren auf ihrem Weg durch die einzelnen Lieder begleitet und durch diese Form die irgendwie kindlich-naive Melancholie, die auch dem gewaltigen Lärm der Musik innewohnt, treffend wiedergibt und auf für sich ein kleines Kunstwerk ist.

„When I See The Sun Always Shines On TV“ verlängert die „Long Dark Twenties“ für mich um ein weiteres Jahrzehnt, beruhigt und verstört mich zugleich und ist nicht nur ein ganz originelles Experiment, sondern eine völlig stimmige Platte, die Ruhe und Fragilität in der Härte findet, und Härte an Orten, an denen man sie erstmal nicht vermuten würde. Die Finsternis der Teenagerjahre dauert an, und dafür braucht man Platten wie diese.

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