amplified-heart-50d07df74801f
Blanco Y Negro Records, 1994

„Amplified Heart“, das bereits achte Studioalbum von Everything But The Girl, das dem Folkpop-Duo und Ehepaar Tracey Thorn und Ben Watt durch den notorischen Todd-Terry-Remix von „Missing“ den Durchbruch und die Umorientierung zur Clubmusik brachte (die in Tracey Thorns Kooperation mit Massive Attack gipfelte), hat im Grunde alles, was ich an Musik hasse: eine aalglatte Produktion, leicht jazzige Folkgitarren, kitschige Streicher, schmachtender, aber immer gefasster, klarer, sauberer Gesang, ein Minimoog, der völlig harmlose Melodien spielt, und am Schluß sogar ein Saxophon. Keine Ecken, keine Kanten, nur adult oriented Wohlklang von blassen weißen jungen Erwachsenen. Jetzt ist es aber so, daß ich dieses Album heiß und innig liebe und für eine der schönsten Platten halte, die je gemacht worden sind, und weil Ben Watt nach langen Jahren wieder eine Soloplatte veröffentlicht hat, ziehe ich heute „Amplified Heart“ aus dem Regal und schreibe hier darüber.

Erwischt hat mich das Album zu einer Zeit, in der ich wiedereinmal einen dieser Jungsemesterherzensbrüche durchmachen musste und mich so richtig klassisch scheiße fühlte und nur die allertraurigsten Lieder der großartigen Talk Talk und des Soloalbums von Mark Hollis gehört habe, Sie wissen schon, eine Zeit, in der man nur bei geschlossenen Vorhängen im Bett liegt und leidet wie ein Hund, denkt, nichts würde je wieder gut werden, und sich nur nachts raustraut, um durch die Straßen zu laufen und den fröhlichen Menschen dort neidisch und schmerzerfüllt nachzublicken.

Und plötzlich brachte mir ein guter Freund „Amplified Heart“ vorbei. Zuerst ist dieses Album ja genau das, was man in so einer Phase hören möchte, um sich im Selbstmitleid suhlen zu können. Tracey Thorn singt in „Rollercoaster“, wie sie immer noch nicht drüber weg ist, in „Two Star“, daß sie samstagnachmittags Kinderfernsehen ohne Ton guckt, um den Liebeskummer zu vergessen, in „Troubled Mind“, daß jeder im Grunde allein ist, und in „I Don’t Understand Anything“, daß sie ohne ihn eigentlich gar nichts mehr versteht. Herzschmerzlyrik für junge Erwachsene halt. Aber dann war da doch etwas anders als bei der üblichen Herzschmerzmusik, die ich zu dieser Zeit gehört habe.

Denn trotz der glatten, aufs Radio schielenden Produktion ist „Amplified Heart“ eine fast schon kindlich naive, irgendwie hausgemachte und vor allem optimistische Platte, die von der Unvergänglichkeit der Liebe in einer alltäglichen Sprache anhand von alltäglichen Begebenheiten erzählt und musikalisch ergreifend im besten Sinne ist. Alles auf dem Album bewegt sich im Rahmen besagten jazzig angehauchten, radiotauglichen Folkpops, atmet dabei aber eine sehr intime Atmosphäre, als wäre das Album direkt nebenan im Schlafzimmer eingespielt worden. Tracey Thorn singt wirklich wunderschön, und auch Ben Watts androgyner Gesang auf „Walking To You“ oder „25th December“ ist zart wie Vanillepudding. Der gesamte Wohlklang der Platte ist wirklich aufrichtig und ernst gemeint, ist kein Schielen auf einen größeren Hörerkreis (den die beiden damals wohl gar nicht erwartet haben), sondern kommt aus einem, hm, Beschützerinstinkt von Thorn und Watts, als wollten sie ihre Hörer, herzensgebrochene junge Menschen wie mich, für eine Albumlänge einfach in den Arm nehmen.

Das ist das eigentlich Schöne an „Amplified Heart“: Dieses Album umarmt den Hörer völlig, ist dabei ganz naiv und zärtlich, ganz bei sich, ohne große Ambitionen außer der, die Lieder zu spielen. Und a propos die Lieder: Was für Songs haben Thorn und Watt hier geschrieben! Naiv: ja; glatt: ja; simpel: ja. Aber ungemein schön und in ihrer Einfachheit zwingend und immer hoffnungsvoll. Sei das „Rollercoaster“, das einfach um die Zeit zur Heilung bittet, sei das „Troubled Mind“, das trotz aller Schwierigkeiten zum Partner hält, sei das „Get Me“, das von der Unmöglichkeit des gegenseitigen Verstehens handelt. Alle Lieder durchzieht eine leichte, schöne Melancholie, und nur „We Walk The Same Line“ ist eine plötzliche Ausnahme, ein klares, gerades Liebeslied, ein Versprechen im uptempo. Weiterhin aus dem Rahmen fällt „25th December“, ein kleines Akustikgitarrenlied, in dem Ben Watt über seine Familie singt, das es einen zu Tränen rührt: „And I’m thirty, and I don’t know nothing no more.“

Und dann ist da noch „Missing“, auf meiner CD-Version sowohl im Original als auch im „Todd Terry Club Mix“, das von denen handelt, die irgendwann verschwunden sind, die einfach nicht mehr in unserem Leben stattfinden und an die zu denken man trotzdem nicht aufhören kann, die einem immer fehlen werden. Und in all dem restlichen wohlig-melancholischen Wohlklang ist „Missing“ mitten auf der Platte umso effektiver: Ein so trauriges, verzweifeltes, verlorenes Lied habe ich selten gehört. Der Remix fügt dem Original, das schon mit Elektronik spielt, aber irgendwie noch ein wenig kraftlos wirkt, tatsächlich etwas hinzu. Todd Terry nimmt dem Lied nichts von seiner Trauer, verleiht ihm aber noch ein wenig mehr Dringlichkeit. Obwohl die irgendwie schwachbrüstigen Akustikgitarren der Originalversion diese Leere der Abwesenheit ganz gut transportieren. Ein schwarzer Moment auf einem ansonsten abendsonnenfarbenen Album.

„Amplified Heart“ ist eine der menschlichsten, wärmsten, herzlichsten, sympathischsten Platten, die ich kenne, eine Platte, die dem bzw. der Herzensgebrochenen genug Raum lässt, um den Schmerz zu verarbeiten, die voller Hoffnung und Zärtlichkeit ist und voller wunderbarer kleiner Lieder. Und ich wußte damals, daß es plötzlich aufwärts geht, als ich nach einer der zahllosen durchwachten, qualvollen Nächte mit Talk Talk mit der ersten Morgensonne und „Amplified Heart“ im Walkman raus auf die Straße bin und gemerkt habe, daß ich noch am Leben bin. Und wenn der Herzschmerz dann endlich vorüber ist, bleibt immer noch ein wundervolles Album.

www.ebtg.com

Advertisements

GF040 Fred Raspail

Gutfeeling Records, 2014

So langsam wird’s ja doch wärmer draußen, abends sitzt man schonmal – warm eingepackt – mit den Freunden draußen im noch nur mager eingerichteten Biergarten, und am nächsten Morgen brennt’s dann zwar beim Pinkeln, aber eine Ahnung vom Sommer hatte man doch. Und wenn’s dann doch zu kühl wird draußen, dann hilft ein guter Schnaps, vielleicht schon ein Pernod. Der schmeckt auch schon nach Sommer, wärmt aber trotzdem.

Womit wir eigentlich beim passenden Thema zur Musik vom Französischschweizer Fred Raspail wären: Trinken und durchgemachte Sommernächte, mit allem, was dazugehört – Musik, Mädchen, Melancholie und eine gehörige Portion Tanzbein. Fred Raspail kommt vom Genfer See und hat, was man auch hört, gute Kontakte zur Szene um Voodoo Rhythm. Sein Herz gehört aber dem Chanson, Rock’n’Roll und Punkrock hin, Country und Folk her.

Ja, man wird beim Hören der „French Ghost Songs Part II“ kräftig durchgeschüttelt, und die Melange aus oben Genannentem ist ein großer Spaß, angefangen beim Bluesrock „Ulyssee“, dem Boom-Chicka-Boom von „Honest Man“ und dem Country-Waltz „Katrina“ hin zu „Die geiste“ [sic!], „loosely based on ‚the girl in the lake‘ by pierre omer“, dem ersten Ruhepol des Albums, ein gespenstisches Liebeslied an, hmja, an wen? Französisch müsste man können… „Dans les herbes folles“ hat dann wieder diesen klassischen Rhythmus von Johnny Cash, Fred Raspail schmachtet aber so wundervoll wie Elvis morgens um halb vier.

„The devil wants a girl“ zitiert dann frech „Sympathy for the Devil“, allerdings mit einem derart fiesen Gitarrensound und einer Fröhlichkeit, daß man sogar völlig übermüdet, wie ich es grade bin, aufstehen und alles mögliche schwingen will. An dieser Stelle sei am Rande übrigens auch Raspails niedlicher französischer Akzent in seinen englischen Liedern erwähnt, der das Ganze noch charmanter als eh schon macht.

„My baby left me“ schmachtet wieder daher, als hätten Elvis, Tom Waits und die Pussywarmers gemeinsame Sache gemacht, das kurze, gepfiffene Reprise „Die geiste part II“ nimmt sich dann wieder weit zurück, lässt der einzelnen verhallten Gitarre viel Raum und ist viel zu schnell vorbei. Mein persönlicher Liebling auf der Platte ist dann „Elle a pleuré“, ein trauriger Chanson, ein trister Walzer mit Banjo und Akkordeon, Slidegitarre und schön viel Gefühl.

Zum Glück bleibt man nicht lange traurig, „Lasse vegas“ drückt wieder tüchtig aufs Gas, eine feine Mischung aus klassischem Chanson und Rock’n’Roll, ein großer Spaß in Moll. „Chout mi sou“ ist dann wieder ein mächtiger Blues, der mich aufs erste Hören in seiner scheppernden, windschiefen Wucht an Judge Bone & Doc Hill erinnert, ehe es am Ende mit „I’m in love with a girl who doesn’t care“ nochmal schön schmalzig wird, ein schöner Abschluß für diese Platte und ein gutes Lied für ein letztes Glas Wein, ehe es draußen zu kalt wird.

Das Bemerkenswerte an „French Ghost Songs Part II“ ist, das es Fred Raspail bis auf die ein oder andere Hilfestellung hier und da komplett allein eingespielt hat und dank einer Loopmaschine so ähnlich wohl auch live klingt. Raspail ist also nicht nur stilistisch ein vielbegabter Mann, sondern auch handwerklich. Er hat eine Stimme zum dahinschmelzen, weiß, wie man schmachtet, weiß, wie man rockt, und er weiß, wie man eine Platte macht, die klingt, als ob man die nächste Flasche Wein zusammen mit den Fremden am Nebentisch trinkt und auf ewige Freundschaft anstößt. Von mir aus kann der Sommer jetzt kommen, die richtige Musik habe ich jetzt.

www.fredraspail.com
www.gutfeeling.de