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Blanco Y Negro Records, 1994

„Amplified Heart“, das bereits achte Studioalbum von Everything But The Girl, das dem Folkpop-Duo und Ehepaar Tracey Thorn und Ben Watt durch den notorischen Todd-Terry-Remix von „Missing“ den Durchbruch und die Umorientierung zur Clubmusik brachte (die in Tracey Thorns Kooperation mit Massive Attack gipfelte), hat im Grunde alles, was ich an Musik hasse: eine aalglatte Produktion, leicht jazzige Folkgitarren, kitschige Streicher, schmachtender, aber immer gefasster, klarer, sauberer Gesang, ein Minimoog, der völlig harmlose Melodien spielt, und am Schluß sogar ein Saxophon. Keine Ecken, keine Kanten, nur adult oriented Wohlklang von blassen weißen jungen Erwachsenen. Jetzt ist es aber so, daß ich dieses Album heiß und innig liebe und für eine der schönsten Platten halte, die je gemacht worden sind, und weil Ben Watt nach langen Jahren wieder eine Soloplatte veröffentlicht hat, ziehe ich heute „Amplified Heart“ aus dem Regal und schreibe hier darüber.

Erwischt hat mich das Album zu einer Zeit, in der ich wiedereinmal einen dieser Jungsemesterherzensbrüche durchmachen musste und mich so richtig klassisch scheiße fühlte und nur die allertraurigsten Lieder der großartigen Talk Talk und des Soloalbums von Mark Hollis gehört habe, Sie wissen schon, eine Zeit, in der man nur bei geschlossenen Vorhängen im Bett liegt und leidet wie ein Hund, denkt, nichts würde je wieder gut werden, und sich nur nachts raustraut, um durch die Straßen zu laufen und den fröhlichen Menschen dort neidisch und schmerzerfüllt nachzublicken.

Und plötzlich brachte mir ein guter Freund „Amplified Heart“ vorbei. Zuerst ist dieses Album ja genau das, was man in so einer Phase hören möchte, um sich im Selbstmitleid suhlen zu können. Tracey Thorn singt in „Rollercoaster“, wie sie immer noch nicht drüber weg ist, in „Two Star“, daß sie samstagnachmittags Kinderfernsehen ohne Ton guckt, um den Liebeskummer zu vergessen, in „Troubled Mind“, daß jeder im Grunde allein ist, und in „I Don’t Understand Anything“, daß sie ohne ihn eigentlich gar nichts mehr versteht. Herzschmerzlyrik für junge Erwachsene halt. Aber dann war da doch etwas anders als bei der üblichen Herzschmerzmusik, die ich zu dieser Zeit gehört habe.

Denn trotz der glatten, aufs Radio schielenden Produktion ist „Amplified Heart“ eine fast schon kindlich naive, irgendwie hausgemachte und vor allem optimistische Platte, die von der Unvergänglichkeit der Liebe in einer alltäglichen Sprache anhand von alltäglichen Begebenheiten erzählt und musikalisch ergreifend im besten Sinne ist. Alles auf dem Album bewegt sich im Rahmen besagten jazzig angehauchten, radiotauglichen Folkpops, atmet dabei aber eine sehr intime Atmosphäre, als wäre das Album direkt nebenan im Schlafzimmer eingespielt worden. Tracey Thorn singt wirklich wunderschön, und auch Ben Watts androgyner Gesang auf „Walking To You“ oder „25th December“ ist zart wie Vanillepudding. Der gesamte Wohlklang der Platte ist wirklich aufrichtig und ernst gemeint, ist kein Schielen auf einen größeren Hörerkreis (den die beiden damals wohl gar nicht erwartet haben), sondern kommt aus einem, hm, Beschützerinstinkt von Thorn und Watts, als wollten sie ihre Hörer, herzensgebrochene junge Menschen wie mich, für eine Albumlänge einfach in den Arm nehmen.

Das ist das eigentlich Schöne an „Amplified Heart“: Dieses Album umarmt den Hörer völlig, ist dabei ganz naiv und zärtlich, ganz bei sich, ohne große Ambitionen außer der, die Lieder zu spielen. Und a propos die Lieder: Was für Songs haben Thorn und Watt hier geschrieben! Naiv: ja; glatt: ja; simpel: ja. Aber ungemein schön und in ihrer Einfachheit zwingend und immer hoffnungsvoll. Sei das „Rollercoaster“, das einfach um die Zeit zur Heilung bittet, sei das „Troubled Mind“, das trotz aller Schwierigkeiten zum Partner hält, sei das „Get Me“, das von der Unmöglichkeit des gegenseitigen Verstehens handelt. Alle Lieder durchzieht eine leichte, schöne Melancholie, und nur „We Walk The Same Line“ ist eine plötzliche Ausnahme, ein klares, gerades Liebeslied, ein Versprechen im uptempo. Weiterhin aus dem Rahmen fällt „25th December“, ein kleines Akustikgitarrenlied, in dem Ben Watt über seine Familie singt, das es einen zu Tränen rührt: „And I’m thirty, and I don’t know nothing no more.“

Und dann ist da noch „Missing“, auf meiner CD-Version sowohl im Original als auch im „Todd Terry Club Mix“, das von denen handelt, die irgendwann verschwunden sind, die einfach nicht mehr in unserem Leben stattfinden und an die zu denken man trotzdem nicht aufhören kann, die einem immer fehlen werden. Und in all dem restlichen wohlig-melancholischen Wohlklang ist „Missing“ mitten auf der Platte umso effektiver: Ein so trauriges, verzweifeltes, verlorenes Lied habe ich selten gehört. Der Remix fügt dem Original, das schon mit Elektronik spielt, aber irgendwie noch ein wenig kraftlos wirkt, tatsächlich etwas hinzu. Todd Terry nimmt dem Lied nichts von seiner Trauer, verleiht ihm aber noch ein wenig mehr Dringlichkeit. Obwohl die irgendwie schwachbrüstigen Akustikgitarren der Originalversion diese Leere der Abwesenheit ganz gut transportieren. Ein schwarzer Moment auf einem ansonsten abendsonnenfarbenen Album.

„Amplified Heart“ ist eine der menschlichsten, wärmsten, herzlichsten, sympathischsten Platten, die ich kenne, eine Platte, die dem bzw. der Herzensgebrochenen genug Raum lässt, um den Schmerz zu verarbeiten, die voller Hoffnung und Zärtlichkeit ist und voller wunderbarer kleiner Lieder. Und ich wußte damals, daß es plötzlich aufwärts geht, als ich nach einer der zahllosen durchwachten, qualvollen Nächte mit Talk Talk mit der ersten Morgensonne und „Amplified Heart“ im Walkman raus auf die Straße bin und gemerkt habe, daß ich noch am Leben bin. Und wenn der Herzschmerz dann endlich vorüber ist, bleibt immer noch ein wundervolles Album.

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Matador Records, 1994

Diese Übergangsjahreszeiten, der Herbst und eben jener Frühling, der uns momentan schon früh im Jahr aufs Haupt scheint und uns mit ein paar Sonnenstrahlen beglückt, diese Jahreszeiten sind geeignete trigger für allerlei Erinnerungen. Und wenn der Frühling dann doch frühsommerlich wird und zum Beispiel eine vierspurige Schnellstraße in güldenes Licht taucht, dann möchten wir das Gaspedal durchdrücken wie damals und vergessen, daß alles immer schlimmer als eh schon wird, dann möchten wir also die Gegenwart vergessen und uns an bessere, lebendigere, sorglosere Zeiten erinnern. Warum nicht an unsere Jugend im Sommer 1994?

1994 war das Veröffentlichungsjahr von „Crooked Rain Crooked Rain“, Pavements zweiter LP nach „Slanted And Enchanted“ (1992), und damit ein wichtiges Jahr für den sogenannten College Rock oder Slacker Rock oder Indie Rock. 1994 war auch das Jahr meines Schulabschlusses, ein Jahr des doch recht heiteren Umbruchs, des ersten Schnupperns ins Berufsleben (schnell wieder sein gelassen), der Befreiung von Schulzwängen, blöden Klassenverbänden, Scheißfächern und so weiter. Ein Duft von Freiheit also, der durch mein enges Tal wehte, nach Sommer, Sonne, Weite, Urlaub und Spaß roch, aber auch nach einer irgendwie verlorenen Unschuld zugunsten einer abgeschlossenen Schulbildung, dem Zynismus der (Minimal-)Erleuchtung und der Ahnung, daß jede Skateboardfahrt die letzte ohne Selbstversorgerzwang sein könnte.

Die Veröffentlichung von „Crooked Rain Crooked Rain“ jährt sich dieses Jahr außerdem zum zwanzigsten Mal, womit man die Platte ruhig als „Oldie“ bezeichnen kann (was mich ein wenig deprimiert, aber nicht allzu sehr), und darum gilt ihr diese kleine Besprechung, ganz im Zuge einer gewissen Rückwärtsgewandtheit, die sich gerade durch diesen Blog zieht.

Ich habe die Vorzeigeslacker Pavement damals durch ihren witzigen, absurden, anarchistischen Videoclip zu „Cut Your Hair“ im Musikfernsehen kennengelernt, und ich war, meinem Hang zu düsterer Musik zum Trotz, sofort total begeistert. Diese Eingängigkeit, gekoppelt mit einer fast schon unverschämten Nachlässigkeit der Performance, diese windschiefe Harmonieseligkeit, dieses völlige Fehlen von Rockismen – „Crooked Rain Crooked Rain“ war damals Neuland für mich (dem Grunge fehlte erstens der Humor (von Mudhoney abgesehen), und zweitens war er halt doch durchaus rockistisch, Nirvana und Pearl Jam zum Trotz), und eine prima Musik, um mich durch dieses letzte Schulhalbjahr zu begleiten.

Über die Songs selbst muß man ja eigentlich kaum noch Worte verlieren. „Cut Your Hair“, die Übersingle, das schöne „Gold Soundz“ oder das wundervoll entspannte, melancholische „Range Life“, das die Smashing Pumpkins und die Stone Temple Pilots disst, aber auch die unbekannteren Stücke wie „Elevate Me Later“, „Stop Breathin'“ mit seinem dringlich-verschlafenen Outro, die Ballade „Heaven Is a Truck“ oder das psychedelische „Fillmore Jive“, durch die ganze Platte zieht sich eben besagtes Dringlich-Verschlafene, diese müde Ironie einerseits, der fast schon aggressive Spaß an wirren Albernheiten andererseits. Hier waren Musiker, die einiges an Köpfchen aber keine Lust dazu hatten, das auch ernsthaft auszudiskutieren. Die die Musik liebten, aber mal so richtig keinen Bock auf das „Business“ hatten. Die der schlecht gelaunten Ironie, die sie nicht mehr ablegen konnten, mit Blödsinn beizukommen versuchten.

Aber ehrlich: Dieser intellektuelle Ansatz, sich Pavement zu nähern, war mir damals egal. Sicher, ich habe gespürt, wie intelligent und anders „Crooked Rain Crooked Rain“ war, aber wichtig war für mich vor allem, eine Sommermusik gefunden zu haben, die nicht albern, nicht oberflächlich, nicht rockistisch, nicht düster war, die den Intellekt anspricht, die man aber auch einfach mit schwankender Stimme mitsingen konnte. Und a propos „singen“: Steven Malkmus‘ Stimme gehört für mich zu den schönsten des Indierock überhaupt.

Deswegen lege ich „Crooked Rain Crooked Rain“ immer wieder auf, wenn es draußen Frühling wird: Weil ich mich mit diesem Album wieder jung fühlen kann, ohne mich albern oder unreif zu fühlen. Und weil es einfach wunderschöne Lieder sind, die wundervoll schief und krumm und lustig und spannend arrangiert und gespielt sind. Nie hat schlechte Laune heiterer geklungen als die von Malkmus, nie war Verweigerung so fluffig und bunt wie bei Pavement. Von mir aus kann der Frühling jetzt kommen.

www.matadorrecords.com/pavement

Fischer-Z - Destination Paradise - Front

Harvest, 1992

Jetzt, wo es wieder Frühling wird, krame ich gern wieder die ganz alten Platten raus, die, die ich damals gehört habe, zur Zeit meiner, hm, Selbstbewußtwerdung, wenn man es so nennen will. Die Zeit, in der das Leben noch dieses süße Versprechen auf Größeres, Wilderes, Tolleres war, in der man aber schon ein klein wenig über den Tellerrand hinausgeguckt hatte und leise ahnte, daß das Leben diese Versprechen wahrscheinlich nicht halten würde, weswegen man mit umso größerer Inbrunst und einer kleinen Melancholie an diesen Sommernächten festhielt, die noch magisch waren, aber nicht mehr ganz naiv. Ich war, Sie erraten es, einfach ein Teenager.

Allerdings einer, dem schon eine größere Melancholie auf dem Buckel saß, weswegen mir ein lieber Freund damals im Spätherbst 1992 zwei CDs in die Hand drückte: „Wish“ von The Cure („Da, das gefällt dir vielleicht bei deiner Laune gerade!“) und eben „Destination Paradise“ von Fischer-Z („Wenn Du mal gute Laune haben willst, hör dir die hier an!“) – dieser Freund brachte mich auch z.B. auf die Screaming Trees und, ich bin ihm ewig dankbar, auf die großartigen Sink. Ich kam zu der damaligen Zeit gerade aus dem Metal, der mir nichts mehr gab, Grunge und Indie waren noch nicht bei mir angekommen, also behalf ich mir mit New Model Army (die ich auch heute noch liebe) und einem kleinen bißchen Hardcore und schwelgte in Melancholie und wütender Verzweiflung. Und plötzlich waren da Fischer-Z mit „Destination Paradise“.

Das war auf einmal etwas völlig anderes. Das war Gute-Laune-Musik, die ganz ohne Krach oder Dämlichkeit auskam. Die naive Melodien hatte, die mit naiver Inbrunst gesungen wurden. Die lebensfroh und trotzdem gesellschaftskritisch war. Die das Scheißleben mit einem Lachen anging. Die mich durch einen Winter begleitete und plötzlich den Frühling einleitete. Die, ich habe mir später noch weitere Alben von Fischer-Z gekauft, die beste Platte diese Band ist, vielleicht die einzige durch und durch gute.

Was ich damals also zu Hören bekam war – Folkrock? Folkpop? Einfach Pop wahrscheinlich, mit sehr viel Akustikgitarre (was mir entgegenkam, hatte ich mir doch eben erst eine Akustikgitarre zugelegt), ansonsten in der klassischen Rockbesetzung, und mit John Watts einzigartiger, irgendwie nerviger, unglaublich sympathischer und heiterer Stimme. Und mit Songs, die mich heute noch begleiten, die ich gern immer noch auf der Akustikgitarre von damals spiele, die einfach ganz, ganz groß sind.

Das fängt schon an mit dem simplen aber tollen Akustikgitarrenriff des Titelstücks am Anfang der Platte mit seinem Mutmachtext, das geht weiter mit der großen Geste von „Will You Be There?“, mit dem leicht bitteren „Tightrope“, dem aggressiven „Say When“, dem witzigen „Caruso“, mit dem schönen Folk von „Marguerite Yourçenar“, dem Wiederaufrappeln von „Mockingbird Again“, dem Herzschmerz von „Still In Flames“ und dem kitschigen aber ergreifenden Schluß „Further From Love“. Und die Lieder, die ich nicht aufgezählt habe, sind auch wunderschön. Es war das erste Mal, daß ich Musik gehört habe, die nach dem Indiekniegehen das Wiederaufstehen besang („Don’t treat me gently, I’m still alive!“), und es half irgendwie. Und Fischer-Z hatten mit „Marliese“ und „Berlin“ vielleicht größere Hits, aber keine besseren Songs.

Jetzt sind 22 Jahre vergangen seit diesem Herbst, 21 seit diesem Frühling/Sommer, Fischer-Z sind schon längst im Orkus der Musikgeschichte verschwunden, und das Leben heute ist gut und braucht diese ermutigende Musik eigentlich nicht mehr. Aber manchmal, wenn es draußen wieder wärmer wird und die Sehnsucht nach irgendetwas Unbestimmtem sich nochmal leise regt, hole ich die CD mit dem schon total ramponierten Booklet voller niedlicher Bildchen und alberener WItze aus dem Regal und träume vom Frühling damals, als das Leben noch ein Versprechen war und als man mit drei Akkorden auf der Akustikgitarre den schwelgerischsten naiven Pop überhaupt machen konnte.

fischer-z.com
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CCS

Mute Records 2013

Ach Gott, wie ist das schön! Nach so vielen Jahren, in denen ich Crime & The City Solution teilweise schon fast vergessen hatte, plötzlich wieder Simon Bonneys Stimme zu hören, dieses warme, sympathische, ein bisserl kitschige Schwärmen eines echten Romantikers.

Crime & The City Solution waren bei mir eigentlich immer eher ein Sidekick der Bad Seeds, eine Band, die ich damals aus Vollständigkeitsgründen mitgenommen habe, als ich alles aus dem Dunstkreis von Nick Cave gekauft habe, was mir unter die Finger gekommen ist (auch so seltsame Bands wie Once Upon A Time oder Martin Dean). Freilich: Irgendwie waren Crime immer etwas Besonderes, und freilich sind sie nach einer Weile derart gewachsen, daß ich mir, sogar anders als bei den Bad Seeds, wirklich jede E.P. zugelegt habe (was sicher auch daran liegt, daß die Diskographie von Crime deutlich überschaubarer ist als die von Cave). Aber trotzdem. Hier waren sie mir zu sperrig, dort waren sie mir einen Hauch zu kitschig, und am Ende legte ich doch lieber Hugo Race & The True Spirit auf, die einfach cooler waren als die Schwärmereien von Simon Bonney.

Und dann, 23 Jahre nach dem letzten Studioalbum „Paradise Discotheque“ (1990; die erste Platte, die ich von Crime kannte), erscheint plötzlich „American Twilight“. Und nicht nur das: Schlagzeug spielt Dirty Threes Jim White, Bronwyn Adams und Alex Hacke sind noch dabei, und, fuck me, David Eugene Edwards, der alte Apokalyptiker von 16 Horsepower und Woven Hand, spielt neuerdings Gitarre. Na, wer könnte besser passen im „American Twilight“?

Aber gut, ich war skeptisch. Nick Cave hatte mich oft genug enttäuscht (auch wenn er mich mit „Push The Sky Away“ (2013) wieder entschädigt hat), Hugo Race auch, und wie gesagt, bei aller Liebe hatte ich auch meine Schwierigkeiten mit Crime & The City Solution. In einem Anfall von Verschwendungssucht habe ich mir dann aber doch das rote, transparente Vinyl mit beigelegtem (total kitschigem aber total tollem) Poster und dem Album auf Extra-CD gekauft, aus alter Verbundenheit, und von der CD gleich auf einer meiner längeren Autofahrten gebraucht gemacht. Gewarnt wurde ich von einem Bruder im Geiste, was die Australien/London/Berlin-Blase betrifft: Ihm gefiele das Album nicht so gut, und ich verstehe irgendwie, was er meint. Denn das Eröffnungsstück, „Goddess“, ist, nun ja, psychedelischer Hardrock, eine Kombination, die ich nicht so sehr mag. Aber irgendwie ist das Riff richtig geil, der mehrstimmige Gesang ist auch toll, und wie gesagt: Wie schön ist es, Simon Bonney mal wieder zu hören, und dann auch noch so vital und druckvoll. Und am Schluß erinnert mich das „rising, rising“ ein bißchen an The The’s „Dogs of Lust“, auch schön.

Voll erwischt hat mich dann aber der zweite Song, „My Love Takes Me There“, anders kann ich es nicht sagen. Was mit einem Klischee-Rockriff anfängt (ein schönes Detail: bei aller Verzerrung hört man, wie das Plektrum über die Saiten schrappt), wird plötzlich zu einem klassischen schwärmerischen Crime-Song, der in ein jubilierendes „You will see me fall“ im Refrain mündet, Trompeten erklingen, ganz großer Kitsch, eine Melodie, die Herzen bricht, die langsam und romantisch über dem hektischen Schlagzeug und dem treibenden Baß schwebt, und im Mittelteil singt dann noch ein Engelschor.

Genau das war es, was ich früher an Crime & The City Solution geliebt habe: dieser Herzschmerz, diese toughen Jungs, die sich nicht zu schade waren, über die ganz großen Gefühle zu singen und dabei Paisley-Hemden mit Rüschenkragen und Samthosen zu tragen, ganz im Geiste des großen, leider längst verstorbenen Nikki Sudden. Was konnte man sich damals mit dieser Musik in seinem Liebeskummer wälzen und sich trotzdem saucool vorkommen. Und irgendwie aufgehoben von der Nähe, die Simon Bonneys Gesang suggerierte. Alles wieder da, hurra!

Riven Man dreht sich dann um einige Grad, ist ein Bluesrocker mit Bläsern und Call-and-Response-Gesang, ein bisserl bräsig und zu lang vielleicht, aber mit Energie und Lust gespielt, und hey, das sind Crime & The City Solution! Die Kultband aus „Der Himmel über Berlin“! Die dürfen das.

Klassisch wird dann „Domina“, eine finstere Ballade über – klar – die Liebe, Bronwyn Adams‘ Geige schmachtet, der Refrain wird vom gemischten Chor gesungen und ist schlicht wunderschön. Draußen regnet es, die Pärchen verstecken sich unter ihren Schirmen, und der Poet sitzt hinter seiner dreckigen Scheibe und fühlt sich erhaben und leidend zugleich, bis zum orchestralen Gitarrensolo, bei dem auch Schlagzeuger Jim White zeigen darf, was er kann, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Das ist ohnehin einer der schönsten Aspekte der Platte: Wie diese Allstars-Band immer an ihrem Platz im Lied bleibt. Diese Musiker lieben ihre Musik.

„The Colonel (doesn’t call anymore)“ erinnert dann wieder an die alten, zerissenen, finsteren Zeiten von z.B. „Shine“ (1988), ein Lied, das nicht richtig anfängt, sich immer um dieselben Töne dreht und damit eine Spannung erzeugt, die fast (aber nicht ganz) an die großen Zeiten von Hugo Race heranreicht, ehe im Refrain doch ein schleppender Beat den Song kraftvoll nach vorne schiebt, bis er wieder im Dreck steckenbleibt. Und hier, finde ich, hört man David Eugene Edwards Südstaatengitarre am besten heraus, der finstere, verhallte Blues von 16 Horsepower, das „American Twilight“ eben.

Ein großes Liebeslied ist dann „Beyond Good And Evil“, ein tearjerker erster Klasse, den auch Cassiel oder Nick Cave zusammen mit Shane MacGowan damals in Berlin hätten singen können. Der Titeltrack des Albums ist dann ein schneller Bluesrock, hier lässt die Band ein wenig ihre Muskeln spielen, was, nun ja, nicht so ganz funktioniert, weil man halt doch eher Samt und Seide hört als Dreck und Leder. Sei’s drum. Im Kontext des Albums haut auch dieses Lied hin, den Klischees zum Trotz. Den schönen, versöhnlichen Abschluß macht dann „Streets Of West Memphis“, ein Lied voller Abendsonne, Melancholie und Wärme, voller schöner Zweitstimmen und einer tiefen Intimität.

Es liegt nahe, „American Twilight“ mit dem letzten Album der anderen großen überlebenden Kultfigur des Berlin der 80er zu vergleichen, mit Nick Caves „Push The Sky Away“. Und während Cave seine Bad Seeds erfolgreich modernisiert und ins neue Jahrtausend gebracht hat, ist „American Twilight“ eine durch und durch altmodische Platte. Oder eine zeitlose. Auf jeden Fall ist sie eine wichtige Platte, die daran erinnert, was damals alles möglich war: Kitsch und Coolness zu vereinen, große Melodien zu zerrissenen Arrangements zu schreiben, sein Herz auf der Zunge zu tragen, wie man sagt. „American Twilight“ ist eine Platte für die Schwärmer und Romantiker, die nicht dauernd predigen, daß früher alles besser war, weil sie noch daran glauben, daß auch heute noch einiges gut ist. Und Crime & The City Solution zeigen: Das, was damals tatsächlich besser war, kann man heute immer noch genauso gut machen. Das ist sehr tröstlich. Und die Platte ist schlicht toll.

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Bad Seed Ltd. 2013

In der Ferne spontan zum Ohrenarzt gemußt. Während der Untersuchung im Gespräch herausgefunden, daß er „Musik-Nerd“ und Bad-Seeds-Fan ist, früher für die Spex geschrieben und Nick Cave und Blixa Bargeld in den 80ern sogar interviewt hat („Blixa Bargeld hat dermaßen nach Urin gestunken während des Interviews, ein ganz intensiver, stechender Geruch nach Ammoniak“). Übereingestimmt darin, daß „Push The Sky Away“ eine der besten Platten von Nick Cave ist. Erheitert von diesem Arztbesuch zurück am Rechner beschlossen, endlich über „Push The Sky Away“ zu schreiben. Also.

Ich gebe gleich zu Anfang zu: Gefreut habe ich mich erstmal nicht auf diese Platte, und als ich sie dann doch beim heimischen Plattenhändler gekauft habe, geschah das nicht zuletzt aus Komplettierungszwang. Wenn ich schon die langweiligen Grinderman nach einem Album fallengelassen habe, wollte ich die Bad Seeds nicht ganz kampflos aufgeben. Es sprach allerdings einiges dagegen: erstmal eben Grinderman, die ich wirklich nicht besonders gut finde, dann das vorige Album der Bad Seeds, „Dig, Lazarus, Dig!!!“ (2008), das ich vielleicht einmal am Stück durchgehört und von dem ich außer dem Titelstück nichts behalten habe. Und dann, wahrscheinlich der gewichtigste Grund, der Weggang Mick Harveys, den ich trotz seines letzten, allzu glatten Soloalbums immer bewundert habe und der für mich das eigentliche Rückgrat der Bad Seeds war, Warren Ellis hin oder her.

Aber vor ein paar Monaten postete jemand in einem sozialen Netzwerk das erste Video, „We No Who U R“. Nachdem ich erstmal über die Schreibweise erschrocken war (Nick, dachte ich, hast Du diesen modernen Schmonz nötig, Ironie oder nicht?), hörte ich mir das Lied, das die Platte auch eröffnet, an, und war ganz angetan. Schläfrig klang es, langsam, irgendwie weit weg, aber sehr unprätentiös und eben nicht rockend. Ich mochte es, mochte die minimalistische Instrumentierung, mochte nach kurzem Zögern auch die offensichtlichen Samples, mochte, daß weder Klavier noch Gitarre gespielt wird, mochte die kleinen, schönen Gesangsharmonien und die Flöte von Warren Ellis. Später tauchte dann das zweite Video im Netz auf, „Jubilee Street“, das mich schlußendlich, gelinde gesagt, vom Hocker gerissen hat. Auch dieses Lied klingt sehr müde, in Caves Stimme liegt eine versteckte Traurigkeit, die ich schon lange nicht mehr bei ihm gehört habe. Der ganze Song basiert auf einem schönen, leicht angezerrten Gitarrenriff, verhaltenem Baß und Schlagzeug und einer tristen Geschichte über die Bordsteinschwalbe Bee, die mehr weiß, als sie zugibt. Und dann, mitten im Lied, das den Hörer bislang eher einlullt, plötzlich Rückkopplungen und Streicher, und kurz darauf kommt dieser große Moment, in dem das Schlagzeug das Tempo plötzlich leicht anzieht, Akustikgitarren und ein Rhodes Piano auftauchen, und die E-Gitarre immer ungeduldiger wird, bis sie endlich ausbrechen und Krach machen darf. Cave klingt dabei schläfrig und dringlich zugleich, und er singt die wundervolle Zeile „I got love in my tummy and a tiny little pain / And a ten ton catastrophe on a 60 pound chain“. Besser kann man das nicht in Worte fassen.

Ist „Jubilee Street“ mein Lieblingsstück der Platte und sowas wie ein kleiner Hit, stehen die restlichen Songs dem in kaum etwas nach. „Wide Lovely Eyes“ wäre eine ruhige, kleine, nur von Baß, Schüttelei und Rhodes getragene Ballade mit schwärmerischem Refrain und einer wunderschönen Zweitstimme von Conway Savage (der auf diesem Album sonst nichts zu tun hat), würde da nicht ein fast tonloses E-Gitarren-Loop rhythmisch dagegenhalten und dem Kitsch von „Uuuuh“-Chören eine gemeine, aber organische Nervosität unterlegen.

„Water’s Edge“ beginnt mit einem Baß direkt aus „She Fell Away“ von „Your Funeral, My Trial“ (1986; die Lieblings-Bad-Seeds-Platte des Ohrenarztes, übrigens), bleibt aber ganz verhalten, unruhig und drängend wie Jagdhunde, die nicht losgelassen werden, mit orientalisch anmutenden Geigen, einem ziellosen Piano und einem nervösen Schlagzeug, bis der Refrain dann resigniert und weltmüde innehält: „It’s the will of love, it’s the thrill of love, but the chill of love is coming down.“ Und dann, ganz am Ende, knurrt Cave noch ein wirklich lustiges „people“. Ja, Leute, so ist’s mit der Liebe.

„Mermaids“ ist dann einfach schön, aus flirrenden Gitarren und dem Rhodes-Piano, Baß und Schlagzeug werden dem Song zurückhaltend gerecht, und der Refrain ist einfach eine Rock-Ballade im allerbesten Sinn. „We Real Cool“ ist der Bruder von „Water’s Edge“, der Baß bleibt stoisch bei seinem Rhythmus, während der Song selbst seinen eigenen Weg zu gehen scheint, mit einem traurigen Refrain, schönen Streichern und verstreuten Klaviertönen. „Finishing Jubilee Street“ ist dann die Metaerzählng zum Hit der Platte, auch hier verschieben sich die Rhythmen, formieren sich in einer schwülen Sexualität, die klatschenden Hände eine Travestie des Mitmach-Rocksongs, und dann plötzlich der Refrain: klein, fast niedlich, fast jubilierend, eine Perle von klarer Schönheit vor der verhaltenen, morbiden, schmutzigen Düsternis des restlichen Liedes.

An vorletzter Stelle steht der „Higgs Boson Blues“, das in der Presse mittlerweile notorisch zitierte und notorisch gelobte Lied, in dem Cave den Teilchenbeschleuniger am CERN in Genf mit Hannah Montana respektive Miley Cyrus, Robert Johnson und dem Teufel persönlich in einen Topf wirft und zu einem schwülen Blues zerkocht. Und obwohl das Lied in der Presse als das beste des Albums gelobt wird (nicht zuletzt wegen seines herrlichen lyrischen Unsinns), ist es für mich die Schwachstelle, das Lied, das am konventionellsten, dafür aber als Song an sich nicht gut genug ist, das weder mit den Melodien noch mit den Arrangements der restlichen Songs mithalten kann. In seiner lebensmüden Zurückhaltung hat es aber durchaus seinen Platz auf „Push The Sky Away“.

Den Abschluß bildet schließlich das Titelstück, das wiederum eine tiefe Müdigkeit ausstrahlt, weitgehend nur aus verschwimmender Orgel, minimal von Baß und Trommeln unterstützt, und der ebenso minimalistische Refrain ein weiterer echter Ohrwurm ist. Ein schöner, ruhiger Abschluß eines hervorragenden Albums. Zum Hören der Bonus-7″, die der Erstauflage des Albums beiliegt, bin ich leider noch nicht gekommen, freue mich aber darauf.

Es fällt auf, wie minimalistisch die Bad Seeds hier instrumental zu Werke gehen. Die Kerngruppe besteht insgesamt aus nur fünf Leuten (Cave, Warren Ellis, Thomas Wydler, Martin P. Casey und James Sclavunos; Conway Savage singt wie gesagt nur ab und an mit, und zweimal darf Barry Adamson zum Baß greifen), und selbst diese kleine Besetzung musiziert äußerst zurückhaltend, spielt nur das Nötigste, weiß um ihren Platz in diesen müden, fernen Liedern. Die Gastsänger und -sängerinnen wiederum sind insgesamt mehr als die Band selbst, was immer wieder für schöne Texturen sorgt, die den eigentlichen Gesang stützen.

Eigentlich hatte ich nach „Dig, Lazarus, Dig!!!“ und vor allem nach Grinderman ein unerfreulich rockistisches, prätentiöses Dicke-Hose-Album erwartet. Und mal ehrlich, schwitzigen Rock, das können andere besser, als es Cave mittlerweile beherrscht. Was er und Warren Ellis hier mit den reduzierten Bad Seeds aber produziert haben, ist eine wundervolle, verhaltene, müde, immer wieder hell leuchtende Platte mit großen kleinen Melodien, mit gerade genug Experimentierfreude, um den Kitsch abzuschießen, mit tollen Songs und einem Nick Cave, der stimmlich einfach nur bei sich selbst ist. Das beste Album seit vielen Jahren!

www.nickcave.com

Polydor 1978

Heute Nacht hat sich Ludwig Hirsch nach einer Lungenkrebsdiagnose mit 65 Jahren das Leben genommen. Und obwohl man ja dauernd hört, daß jemand stirbt und man ja immer schon froh ist, wenn es niemand ist, denn man besser kannte, war ich trauriger, als ich erwartet hatte, und bin es immer noch. Sicher, vor ein paar Tagen erst hat’s auch Georg Kreisler und Degenhardt erwischt, aber von denen wußte ich nicht einmal, daß sie noch am Leben waren. Ludwig Hirsch aber, der Ludl, wie ich ihn in meinem Kopf immer genannt habe, das war nochmal etwas anderes.

Natürlich habe ich – nicht ganz ohne ein morbid-fasziniertes Schaudern – darüber spekuliert, was wohl in einem Menschen vorgeht in diesen letzten Momenten, in denen er so eine Entscheidung zu treffen hat. Und ich hoffe, daß Ludwig Hirsch diesen Moment mit derselben tieftraurigen Heiterkeit ertragen hat, die man in seinen Liedern findet, daß er den Freitod nicht in Panik, sondern mit derselben Ruhe gewählt hat, mit der er den Tod immer besungen hat. Es steht mir freilich eigentlich nicht zu, darüber hier zu schreiben, und auch wenn ich es jetzt doch getan habe, es sei jetzt genug, es soll jetzt um Hirschs Debütalbum „Dunkelgraue Lieder“ von 1978 gehen.

Ludwig Hirsch geistert durch mein Leben, seit ich denken kann, und er tauchte an den seltsamsten Stellen immer wieder auf. Zuerst gehört bei meinem Vater, schon als kleines Kind, mochte ich Hirsch von Anfang an, waren seine Lieder doch immer irgendwie witzig, und auch wenn ich die Tragik, die Grausamkeit, die Morbidität, den Spott und auch die tiefe Liebe in diesen Liedern freilich nicht verstehen konnte, diese beruhigende, sympathische Märchenonkelstimme packte mich, den Buben, sofort. Was wirklich hinter diesen „Dunkelgrauen Liedern“ steckt, habe ich erst viel später verstanden, als ich mit seltsamen und lieben Freunden zusammensaß, in den ersten Semestern, als man noch „Bohème“ sein wollte, und dem morbiden Charme Hirschs verfiel, amüsiert von seiner Dreistigkeit wie auch berührt von seiner Feinfühligkeit, oder erst kürzlich, als ich mit einer Internetbekanntschaft Youtube-Videos von Hirsch ausgetauscht habe, einfach so.

Von Film und Theater und vor allem aus Österreich kommend, fand sich Ludwig Hirsch irgendwann dazu genötigt, auf den „faschistischen Mief“ der österreichischen Provinz zu reagieren. „Watschen, nichts als Watschen“ kriege man ab, so der Begleittext zu seinem ersten Album: „Ich will auf meine Art einige dieser Watschen zurückgeben. Deshalb habe ich diese Platte gemacht.“ Was darauf dann trotz dieser Ankündigung doch sehr wohlig, sehr heimelig und gemütlich klingt, schön arrangiert, schön vorgetragen, Wohlklang an Wohlklang, ist in Wirklichkeit eine bitterböse Abrechnung mit einer dreckerten Welt, die es wirklich nicht besser verdient hat. Dabei ergreift Hirsch immer und bedingungslos Partei für die Schwachen, wie in „Der blade Bua“: „Es gibt Kinder, die kommen ohne Schutzengel auf d’Welt, und der Sandmann haut ihnen Reißnägel in d’Augen. Unterm Christbaum liegt jedes Jahr ein Packerl Tränen als Geschenk und ein Märchenbuch, wo der Teufel immer g’winnt.“ Da ist es so sehr tröstlich, daß wenigstens Hirsch diesem armen, fetten, geplagten Buben mit seiner zärtlichen Stimme ein Denkmal setzt, das stärker ist als jede Rachephantasie. Und auch den kleinwüchsigen Freund des Erzählers verteidigt er in „Der Zwerg“ („potent wie a Büffel, aber einsam wie der Tod“), nimmt dabei jedes Vorurteil selbst in den Mund und speit es den bösartigen Trotteln zurück vor die Füße.

„Die Omama“, einer der großen Klassiker Hirschs und das erste Lied, das man von ihm zu hören bekam, ist nur anfangs ein schönes, leicht melancholisches Trauerlied um die verstorbene Großmutter, denn es entpuppt sich bald als boshafte Abrechnung mit der Nazioma, die ihren Enkel immer nur terrorisiert und den Hitler bis zuletzt an der Wand hängen hat, „er hot ihr ja des Mutterkreuz verlieh’n“. „I lieg am Rucken“ als Fanal zu bezeichnen wäre hier ein bißchen verwegen, großartig und traurig ist dieses Lied dennoch, gesungen von einem, der im Sarg liegt und friert und nur auf eine Träne seiner Geliebten oben am Grab hofft, die ihn wärmt und die Würmer vertreibt, die sich ihm ins Hirn krallen. Und wenn er – seine allerletzte Hoffung – exhumiert werden sollte, dann will er sie zu sich ins Grab holen, damit er nicht friert. Nicht gerade eine erfreuliche Aussicht für die Geliebte, aber wenn man Hirsch so sanft und sehnsüchtig, so schicksalsergeben singen hört, wer hätte da kein Verständnis für diesen einsamen Toten? Und auch „Der Wolf“ in seinem Käfig, der von der Freiheit träumt, von den anderen Tieren gemobbt wird und dem sie „die Zähn aus’m Maul außegrissn“ haben, weil er sich einmal gegen die Demütigungen gewehrt hat, wird von Hirsch sanft verspottet: „Dort, wo der Regen net bitter schmeckt, dort, wo die Nacht die Zigeuner versteckt, dort, wo die Sonn‘ deine Wunden heilt, dort is des Land, das Freiheit heißt – so glaubt er, der alte, blöde Wolf!“ Und trotzdem, dieser armen Kreatur gehört Hirschs ganze Sympathie, seine ganze Kraft und Liebe.

Den Humor verliert Hirsch dann aber doch einmal, in „Der Dorftrottel“, eine bitterböse, gehetzte Erzählung über einen katholisch verblendeten Dorfmob, der den Außenseiter totschlägt, weil eine Bäuerin eine Totgeburt hatte und irgendjemand ja schließlich Schuld haben muß. Hirsch ist hier ganz bei diesem armen Menschen, voller Fassungslosigkeit über den feigen Pfarrer, der einfach abhaut, voller Wut auf die Dorfgemeinschaft und voller Gift und Galle gegen die Scheinheiligkeit des Katholizismus, aus dem so ein Aberglaube erst entstehen kann. „Herrgott, dank dir schön.“

Die Kinderschänder kriegen’s auch ab, der nette „Herr Haslinger“, dieser perverse Kindsmörder hinter der gutbürgerlichen Fassade, oder schlimmer noch der Perspektivwechsel in „Geh spuck den Schnuller aus“, ein Lied, das so ziemlich jedes Tabu mit einer Heiterkeit bricht, daß es einem kalt den Rücken herunterlaufen würde, müßte man nicht so herzlich lachen über diese obszöne und drastische Neuinterpretation klassischer Märchen in beschwingtem Rhythmus. Und dann gibt’s da auch noch die ganz albernen Lieder, „Die Spur im Schnee“ oder das „Liebeslied“, das en passant und ganz selbstverständlich auch noch Lesbensex thematisiert und den vorherrschenden männlichen Diskurs ganz schön blöd dastehen läßt. Bei all den Grausamkeiten des Lebens und der menschlichen Natur braucht’s dann doch ab und an die Flucht ins Humorige. Natürlich nicht ohne spöttische Boshaftigkeit.

Der Tod war also schon immer ein steter Begleiter auf Hirschs Platten, die Einsamkeit, das Böse im Menschen, aber auch die unbedingten Sympathien für die Außenseiter (allein schon, wie der ein bißchen blöde Blues von „Der Zwerg“ umkippt in eine ungemein zärtliche Melodie, wenn Hirsch dem Zwerg Gutes wünscht, es bricht einem das Herz). Es geht um das richtige Leben im falschen und um ganz schön viel blöde Witze. Musikalisch ist alles sehr gediegen, sehr gemütlich, kammermusikalisch und bürgerlich, und alles im Dienste dieser tiefgründigen Geschichten, hervorragend bösartig und ironisch inszeniert, vielschichtig, zart, gemein, heiter, düster, und am Ende gibt’s sogar ein „Happy End“, natürlich nicht ohne Beleidigungen.

Sein traurigstes, todessehnsüchtigstes und zugleich hoffnungsvollstes Lied, „Komm, großer, schwarzer Vogel“, ist auf Ludwig Hirschs gleichnamigem Zweitling, aber die „Dunkelgrauen Lieder“ sind seine wahrscheinlich schönste Liedersammlung. Was mir diese Platte bedeutet, wieviel Geschichte sie für mich beinhaltet, kann ich hier gar nicht sagen. Sagen kann ich aber, daß ich selten einen so umsichtigen, zärtlichen, boshaften, klugen, humorvollen, großherzigen Sänger, Texter und Musiker gehört habe wie Ludwig Hirsch mit seiner einzigartigen Stimme, seinem Wiener Schmäh und seinem melancholischen, leicht verrückten Hundeblick.

Was für ein Liedermacher, was für ein Mensch, der da von uns gegangen ist. Ludwig, pfüadigott, mach’s drüben genauso gut wie hier.

www.ludwighirsch.at

Merge/Tomlab 2011

Es ist ein wenig gemein gegenüber den anderen Liedern auf diesem Album, daß ausgerechnet „Damn These Vampires“ direkt am Anfang steht. Als die Platte schon einige Zeit vor Veröffentlichung im Stream zu hören war, habe ich es nicht über mich gebracht, mir die Vorfreude auf das Vinyl zu verderben und daher nur eben diesen ersten Song angehört, zwei oder drei Mal. Und ich war sofort unglaublich verliebt. Ich weiß nicht genau, was dieses Lied so zwingend macht (das heißt, ich weiß es schon genau: es ist die Gesangsmelodie der je ersten zwei Zeilen der Strophen, es ist der Akkordwechsel „A-E-D“ an deren Ende, es sind diese tiefmelancholischen Bilder, die Darnielle dichtet, es ist seine sanfte, traurige Stimme), ist es doch eigentlich ein bisserl kitschig, vielleicht ein bisserl zu sehr konventioneller Adult Oriented Indie Pop, lässt es doch die Hysterie und den Sturm und Drang, die die früheren Alben der Mountain Goats ausmachen, missen. Aber trotzdem. Manchmal packen einen manche Lieder so derart, daß man sie wieder und wieder hören muß, und daß man jedesmal die Tränen runterschlucken muß, wenn man Zeilen hört wie „Sleep like dead men / Wake up like dead men“ oder „And let those glass doors open wide / And in their surface / See two young, savage things / Barely worth remembering“.

Aber nach vielfachem Hören von „All Eternals Deck“ nutzt sich die Wirkung dieses Liedes natürlich ab, und das Herz wird frei für die anderen Songs von „All Eternals Deck“. Und die stehen dem Opener eigentlich in nichts nach. Doch dazu später.

Der Clou an „All Eternals Deck“ ist, daß die Mountain Goats das Album mit insgesamt vier verschiedene Produzenten an vier verschiedenen Orten aufgenommen haben, unter anderem – und das freut den Death-Metal-Fan, der ich einst war, verwundert aber bei dem glühenden Death-Metal-Fan, der John Darnielle noch immer ist, kein bißchen – Erik Rutan, ehemals Gitarrist von Morbid Angel, jetzt Vorsteher von Hate Eternal. Und ein feines kleines Detail ist, daß Darnielle Rutan nicht etwa die härteren, rockigen Songs überlassen hat, sondern zwei düstere, eher verhaltene Songs („The Autopsy Garland“, „Beautiful Gas Mask“) und zwei wirklich sonnige Lieder („Birth Of Serpents“ und „Sourdoire Valley Song“). Und Rutan wird diesen Liedern mehr als gerecht, baut in die düsteren beiden kleine Effekte ein (der schnarrende Baß in „The Autopsy Garland“, dieser seltsam zischende Effekt in „Beautiful Gas Mask“) und verleiht den schönen, heiteren Songs eine tiefe Wärme.

Es führt mir hier zu weit, die Besonderheiten der anderen, für Indie-Hörer wahrscheinlich weniger kuriosen Produzenten (Brandon Eggleston, Scott Solter und John Congleton) zu analysieren. Erwähnt sei aber noch das schöne Scheppern in „Estate Sale Sign“, einem echten Rocksong ohne E-Gitarre, und der leichte Delay auf der Stimme, die dem ganzen einen Garagencharme verleihen und trotzdem in jedem Detail klar bleiben.

Und a propos Details: Eine weitere Stärke von „All Eternals Deck“ sind all die kleinen Details in den Kompositionen und den Arrangements, die nie überladen wirken, die Platte aber trotzdem von Anfang bis Ende aufregend machen. Seien es die alpträumerischen Akkorde und die orientalisch und altertümelnd anmutenden Streicher (arrangiert von Yuval Semo, der auch in der aktuellen Tourband mit dabei ist) von „Age Of Kings“, sei das die kleine Doppelung von Darnielles Stimme im voranstürmenden „Prowl Great Cain“ (ein weiterer absoluter Favorit), sei es der Akkordwechsel vom A auf das G in der zweiten Zeile des Refrains von „Never Quite Free“.

Am allerschönsten allerdings sind die North Mountain Singers auf „High Hawk Season“, die dieses kleine Stück, das ansonsten nur aus Darnielles Stimme und seiner Akustikgitarre besteht, mit einem ausgefeilten a-capella-Arrangement unterlegen, das sich irgendwo zwischen Kunstlied und Appalachenmusik bewegt. In anderen Kontexten klänge so ein Chor vielleicht zu dick aufgetragen und albern, hier aber bereichert er das Stück um viele Farben, spendet Kraft und Hoffnung, ist ganz einfach wunderschön.

Jenseits der Arrangements finden sich auf „All Eternals Deck“ aber auch ein paar der schönsten Lieder, die John Darnielle je geschrieben hat. Ob er, wie im bereits erwähnten „Age Of Kings“, seinen Drei-bis-vier-Akkord-Kosmos um seltsam offene Harmonien erweitert, oder ob er genau das macht, was er immer schon konnte, wie in „Never Quite Free“, „Liza Forever Minelli“ oder in „Birth Of The Serpents“ – es gibt kaum schwache Momente im Songwriting. Glitt das Vorgängeralbum „The Life Of The World To Come“ (2009) gegen Ende hin in eine gewisse Belanglosigkeit ab, so hält Darnielle hier sein Niveau bis zum Schluß. Sicher: „Liza Forever Minelli“ ist kein „Prowl Great Cain“, mit dem „Sourdoire Valley Song“ werde ich, im Vergleich zu den wunderbaren anderen Liedern, nicht wirklich warm, und „Never Quite Free“ lebt für mich hauptsächlich von diesem einen Akkordwechsel und dem irgendwie ermutigenden Tempo und dem Beat, und aber dennoch trägt diese Platte von Anfang bis Ende. Das mag dann nicht zuletzt doch an der Produktion liegen, denn die irgendwie homogene Heterogenität der vier Produzenten macht vieles interessanter, was in einem einzigen Sound vielleicht doch ein wenig langweiliger geworden wäre. Sei’s drum, das Songwriting auf diesem Album ist wirklich gut.

Dem stehen auch die Texte in nichts nach. Von 70er-Jahre-Horrorfilmen seien sie inspiriert, sagte Darnielle in einigen Interviews, vom Grauen, das in den Alltag einbricht. Aber, und auch das hört man von ihm immer wieder, eigentlich geht es in seinen Songs ums Überleben, um Hoffnung und Kraft. Man kann diese Texte durchaus auch als Gedichte Lesen, als kleine, hilfreiche Geschichten, deren Moral lautet: „Du wirst überleben!“, und die vor wundervollen kleinen Zeilen nur so strotzen („When the sun comes try hard not to hate the light / Some day we’ll try to walk upright“; „We are young supernovas and the heat’s about to break“; „Sometimes a great wave of forgetfulness rises up and blesses me / And other times the sickness howls and I despair of any remedy“; „Regrind the lens again and again and again but still the picture flips / Anyone here mentions Hotel California dies before the first line clears his lips“).

Und als ob das noch nicht genug wäre, gibt es in den liner notes auch noch eine recht ausführliche Geschichte des „All Eternals Deck“, ein scheinbar apokrypher Tarotkartensatz (Wikipedia behauptet, das sei alles erfunden) – that’s entertainment.

„All Eternals Deck“ ist tatsächlich eine der schönsten, vielseitigsten und besten Platten, die die Mountain Goats je gemacht haben. Sicher, mit dem Lo-Fi-Folk der ersten Tapes und der frühen Alben hat dieses Album nicht mehr viel zu tun. Vielmehr muß man sogar von einer Indierock-Platte sprechen, auch wenn dieser Begriff mittlerweile grauslig geworden ist und grauslige Menschen evoziert, die grauslige Musik hören. Wahrscheinlich aber ist „All Eternals Deck“ einfach eine Sammlung einiger der besten Lieder, die je geschrieben worden sind, mit einigen der besten Arrangements, die man je im Popsektor hören konnte, vorgetragen von ein paar der sympathischsten Musikern, die es gibt. Punkt.

www.mountain-goats.com
www.mergerecords.com
www.tomlab.de

P.S.: Schöne „Essays on the work and art of the Mountain Goats“ finden sich auf Sad Young Cardinals, z. B. von Eurem Dr. Schreck.

Drag City, 2003

Nähme man hier Aktualität als Maßstab, dann sollte ich eigentlich mindestens das wunderliche und von mir momentan rauf und runter gehörte Album „Spoils“ von 2009 besprechen, oder gar „Too Long In This Condition“, die ganz aktuelle Platte von Alasdair Roberts „and Friends“. Auch schön wäre das Album „The Amber Gatherers“ (2007), oder die Appendix: Out-Platten, Roberts‘ erste Inkarnation. Nur „No Earthly Man“ von 2005 würde seinen Weg nicht in diesen kleinen Blog hier finden, diese Platte mag ich nicht so. Aber wahrscheinlich ist „Farewell Sorrow“, Roberts‘ zweite Platte unter seinem eigenen Namen (den Erstling, „The Crook Of My Arm“ von 2001, kenne ich leider noch nicht) auch seine beste, schönste. Und vor allem ist sie die erste, die ich von ihm kannte, und das ist Rechtfertigung genug.

Ganz zuerst nahm ich den Schotten Alasdair Roberts allerdings durch seine Kooperation mit dem notorischen Will Oldham und Songs: Ohia-Vorsteher Jason Molina wahr, eine wahrlich wundervolle kleine E.P. unter dem Namen „Amalgamated Sons Of Rest“, auf der sich die drei Barden Gesang und Gitarre teilen und teils Eigenkompositionen, teils Traditionals singen. Und Roberts hatte die schönste Stimme und die schönsten Lieder, also suchte, fand und kaufte ich damals „Farewell Sorrow“. Und was soll ich sagen, ich war damals auf den ersten Takt verzaubert, und ich bin es immer noch und immer wieder.

Roberts, der in Glasgow wohnt, offenbar zumeist einfach solo mit seiner Gitarre auftritt und derletzt mit der nicht minder wundersamen Joanna Newsom auf Tour war (die ich dank des toten Winkels, in dem ich lebe, verpaßt habe), hat sich von ganzem Herzen dem schottischen Folk verschrieben. Und was so geschrieben irgendwie nach Rüschenhemden und Sammetwesten aussieht, antiquiert und rückwärtsgewand also, klingt allerdings so unglaublich wunderbar und lebendig, daß ich tatsächlich nicht genug kriegen kann von diesem seltsamen Kauz.

Es geht Roberts mit seiner Version von Folk mehr um eine „Authentizität“ im Sinne einer Verortung dieser Musik direkt in seinem Leben und dem Leben des Hörers als um museales Kunsthandwerk, eine Erkenntnis, die im Zusammenhang mit dem Begriff „schottischer Folk“ ziemlich beruhigend ist, weil sie sofort alles Altertümelnde, an Mittelaltermärkte gemahnende Lügen straft. Der Rückgriff auf alte Traditionslinien erfolgt also nicht bewahrend, sondern fortschreibend, und Roberts stellt sich selbst in diese Linie. Dabei aber legt es seine Musik wiederum nicht darauf an, auf Teufel komm raus mit den Großen des Genres genannt zu werden. Roberts liebt, was er tut, und er liebt, wo dieses herkommt. Ein Mann aus dem Volk, der die Geschichten eben dieses Volkes weiterspinnt. Und daraus entsteht ganz wunderbare Musik.

Zuallererst ist da Roberts‘ Stimme, eine jungenhafte Stimme, die eigentlich glockenhell und klar ist, aber dennoch oft kurz vorm Kippen, immer ein bißchen zu arg an den Rändern der (beeindruckenden) Kapazität, um den Heintje zu geben. Vielmehr bricht sie hier und da, klingt plötzlich verschleiert und finster, um dann wieder fast schon naiv zu jubilieren. Seinem Gitarrenspiel ganz ähnlich vermeidet es Roberts, perfekt zu klingen, obwohl auch am Instrument sein Können und seine Kenntnis beeindruckend ist.

Und dann sind da freilich die Lieder selbst, einfache Lieder, etwas komplexere Lieder, jubilierende Tänze und tieftraurige Klagen, Epen von Krieg und Tod, Beobachtungen des morgendlichen Gesanges im erwachenden Haus. Natürlich drehen sich Roberts‘ Texte letztendlich und dem Genre angemessen immer um die letzten Dinge, um den Tod und die Transzendierung, aber auch um die Liebe, die Jagd, das heitere Spiel und die finstere Magie der Vergangenheit ein Topos, der sich auf „Spoils“ weiter durchsetzt. Und bewegt sich „Spoils“ dann schon im langen, durchkomponierten Kunstlied, so ist „Farewell Sorrow“ eine Sammlung kleiner Lieder im Freundeskreis.

Der Titelsong macht auf dieser Platte den Anfang und ist ein trauriges Klagelied über den Verlust der Ahnen, aber auch über das Wiedersehen im Jenseits. Diese Tristesse wird zwar sogleich konterkariert von „Join Our Lusty Chorus“, aber im Ganzen überwiegen in der ersten Hälfte des Albums die düsteren Lieder wie „Carousing“, „I Fell In Love“ oder „I Went Hunting“ mit einem der schönsten Gitarrensoli aller Zeiten.

Doch so versöhnlich wiederum, wie die erste Seite der LP mit „Down Where The Willow Wands Weep“ endet, so fängt die zweite Seite auch an: „When A Man’s In Love He Feels No Cold“ ist eine Hymne an die Liebe, „The Whole House Is Singing“ eine Hymne an den Gesang, „I Am A Young Man“ an die Jugend, und der Abschluß „Slowly Growing Old“ ans Altern und Sterben. Und nur „I Walked Abroad In An Evil Hour“ führt noch einmal in die tiefste Dunkelheit der alten Sagen.

„Farewell Sorrow“ ist tatsächlich ein zeitloses Album, weil es einerseits zeitgemäß eine Tradition fortschreibt, andererseits tief in dieser Tradition verwurzelt ist. „Farewell Sorrow“ ist aber jenseits aller Überlegungen zu Tradition und Moderne eine Sammlung unglaublich schöner Lieder, die ebenso schön instrumentiert dargeboten werden. Es ist ein Album, das man nicht nur einfach „gut“ findet, sondern in das man sich unwiderruflich verliebt, das einem eine märchenhafte Welt eröffnet und außerdem ein guter Einstieg in das nicht immer so leichte Schaffen von Alasdair Roberts ist.

www.alasdairroberts.com
www.dragcity.com

Columbia Records, 1987

Gute australische Popbands scheinen hierzulande alle dasselbe Schicksal zu teilen, nämlich einen notorischen Hit zu haben (meist nicht einmal eines der besten Lieder), und damit hat sich’s dann in der größeren Öffentlichkeit. Den tollen Men At Work geht es so (wie an anderer Stelle berichtet), Nick Cave hat seine Wilden Rosen mit Kylie, AC/DC haben es wenigstens auf ein paar (stets gleichklingende) Hits weltweit gebracht. Und Midnight Oil wären dann die mit „Beds Are Burning“.

Bestenfalls sind Midnight Oil noch die australischen U2, weil sie auch politisch aktive Gutmenschen sind bzw. bis zu ihrer Auflösung 2002 waren. Im Gegensatz zu den Iren aber sind die Australier sowohl musikalisch als auch politisch erdiger, und es paßt gut (und ist sympathisch konsequent), das Sänger Peter Garrett mittlerweile australischer Minister für Umwelt, Kulturerbe und Kunst ist. Angesichts der australischen Geschichte bezüglich der Aborigines ist die politische Haltung Midnight Oils, die – auf ihren ersten zwei, drei Alben ist das hörbar – vom Punk und also von einer linken Haltung kommen, nachvollziehbar, und das hier besprochene Album „Diesel And Dust“ von 1987 wäre dann Agitprop im Popgewand, adult oriented Chumbawamba in etwa. Und das war offenbar wirklich wichtig damals, machte es auf die verheerende Situation der Aborigines besser und umfangreicher aufmerksam, als es die dröge linke Politik hätte machen können.

Was für diesen kleinen Blog hier allerdings ausschlaggebender ist als die politische Bedeutung von „Diesel And Dust“ ist die Tatsache, daß dieses Album wahrscheinlich eines der wichtigsten in meiner Biographie ist, war es doch damals, 1990, eines der Alben, die mir den Weg aus dem damals zur Sackgasse werdenden Metal wiesen (zusammen mit, naja, einer Best-Of von The Police), ein Weg, der dann mit Grunge seine Fortsetzung und Vollendung fand.

Der Sommer 1990 war ein klassischer Sommer der verlorenen Unschuld, aus dem Kind wurde ein Mann, was in meinem Fall leider nicht Sex, sondern Depression und Liebeskummer (mein eigener und, schlimmer noch, der zweier guter Freunde) bedeutete – kindliche Naivität weg, aber nur Scheiße dafür bekommen. Fing jener Sommer noch mit den ersten großen Parties an, den ersten durchgemachten Nächten und mit Bier im Freibad durchgepennten Tagen, und gipfelte er schließlich in einer dreiwöchigen Party im sturmfreien Haus guter Freunde, war diese letzte Unbeschwertheit mit dem Einbrechen des Herbstes und des Regens, mit dem plötzlichen, rapiden Kleinerwerden der Welt nach einem Sommer voller neuer Versprechen ein für allemal dahin.

Dieser kleine Exkurs ins Seelenleben eines Provinzteenies ist nötig, um die Bedeutung von „Diesel And Dust“ deutlich zu machen. Denn es war nicht die politische Brisanz des Albums, die den 15-Jährigen in seinen Bann zog, sondern diese Weite in der Musik, diese warmen Nächte unter sternenklarem Himmel, die die Lieder evozierten, die Freiheit der endlosen Landschaften Australiens, die ich mir da zusammenimaginierte. Ich behaupte, daß genau das einen großen Teil zu meiner Seelenrettung beigetragen hat.

Was nun am auffallendsten an Midnight Oil ist, außer dem legendären Auftakt des großen Hits „Beds Are Burning“, ist Peter Garretts Stimme, die sich durch die Lieder knarzt und manchmal schon etwas maniriert wirkt, und es ist nachvollziehbar, warum sie einige nicht ab können. Aber es steckt soviel Charisma darin, soviel Kraft, daß sie nicht umsonst das herausstechendste Merkmal der Band ist. Aber damit trifft man nichtmal einen Bruchteil dessen, was Midnight Oil ausmacht. „Diesel And Dust“ ist nicht nur ein Album voller großer Songs (wie eben „Beds Are Burning“ oder die erste, hymnische Single „The Dead Heart“, aber auch „Warakurna“ und „Bullroarer“ oder die zynische Ballade „Whoah“), sondern vor allem auch eines der kleinen Details, die eine große, weite, reichhaltige Klanglandschaft malen.

Das fängt an mit dem trockenen Baßlauf von „Beds Are Burning“ und dem Percussion-Break vor dem zweiten Refrain, der plötzlich total testosteronschwanger und ein bißchen dick aufgetragen ist. „Put Down That Weapon“, fängt wiederum mit einer warmen, schönen Gitarrenlinie an, die nach dem Intro wiederum in eine rauhe Trockenheit kippt, die ihrerseits von einem zärtlichen Refrain abgelöst wird, bevor der Zwischenteil am Ende alles kurz und klein haut. „Dream World“ ist ein kleiner Poprocker mit eingängigem Refrain, „Arctic World“ dann eine eigentlich konventionelle Ballade, die sich in sphärischen, glasklaren Keyboardklängen verliert und übergeht in „Warakurna“, ein Lied voller Hoffnung und Lebensmut, mit einer tastenden E-Gitarre und einem treibenden Baß und so vielen Bildern und Gefühlen allein in den Sounds zwischen den Stücken.

Meine drei Favoriten kommen dann direkt nacheinander, angefangen mit „The Dead Heart“ und seiner tollen gezupften Akustikgitarrenlinie über dem pumpenden Baß, die sehr verloren klingt, bis sie von einem Chor aufgenommen wird und plötzlich nach Dur kippt. Der unaufgeregte Refrain ist wunderschön, aber das Tollste an „The Dead Heart“ it sein Schluß: Garrett zählt in einem sehr zurückgenommenen, aber nichtsdestotrotz spannungsreichen Moment all die companies auf, die mehr Rechte haben als die Menschen in Australien, und plötzlich ist da wieder das Dur, und ein hymnisches verhalltes Horn wird plötzlich geblasen, ein Glockenspiel kommt dazu, und am Ende bleiben nur die Akustikgitarre und das Glockenspiel ganz nah beim Hörer. Ich gebe zu: Ich bekomme hier immer eine Gänsehaut, und all die Versprechungen, die das Leben dem Jugendlichen in diesen Nächten macht (und später lustvoll bricht), sind wieder da.
„Whoah“ wiederum ist eine fast beklemmende Ballade über die Verlogenheit des Christentums, mit Ernst und Zärtlichkeit vorgetragen, und trotz seiner Langsamkeit wäre dieses Lied beunruhigend, wäre da nicht der versöhnliche Schluß. „Bullroarer“ schließlich nimmt den Hörer mit in die Weiten Australiens, mit seinem Hall, seiner schönen Gitarrenmelodie, den „Bullroarers“, traditionelle Instrumenten, die Geräusche machen wie große Maschinen, dem Echo auf dem Refrain, dem Wechselspiel von Akustik- und E-Gitarre, und seinem ganz unpeinlichen Rock-Gestus.

„Sell My Soul“ sackt dagegen ab, ist ein Poprocksong, schön, nett, aber eben nichts besonderes. Das wäre „Sometimes“ auch, wäre dieses Lied nicht so schön euphorisch, und hätte es nicht seine Offbeat-Gitarren in Stereo, die einen schönen kleinen Effekt erzeugen. Den Schluß bildet dann „Gunbarrel Highway“, das genau so klingt: wie eine lange Fahrt auf einem staubigen Highway, in einem schnellen Auto. Ein gelungenes Ende für ein wunderbares Album. Das Lied war auf der US-Version übrigens nicht zu finden, weil, so das Internet, den Amerikanern die Zeile „shit falls like rain on a world that is brown“ zu hart war.

Was beim Hören heute auffällt: Teilweise klingt das Album schon sehr dated. Die Gitarrensounds sind manchmal ebenso Achziger wie die Percussioneffekte, und der ein oder andere Synthie-Sound klingt schon arg cheesy. Das ist zwar schade, macht aber nichts, im Gegenteil. Es ist nämlich genau die für solche Sounds verantwortliche Experimentierfreude, die auch einen ganzen Haufen feiner Details erzeugt hat: diese wahnsinnig tollen Hörner, die kleinen Synthiemelodien, die Übergänge zwischen akustischer und elektrischer Gitarre, die perkussiven Elemente hier und dort, die immer wieder eine ungemeine Weite und Reichhaltigkeit erzeugen. Das, gekoppelt mit der inhaltlichen Tiefe und den immer wieder schönen Bildern in den Texten Garretts, erzeugt eine Welt, wie sie sich Midnight Oil für ihr Land wohl wünschen: ein reiches, blühendes, abwechslungsreiches Land voller Versprechen, Hoffnung und guter Musik.

www.midnightoil.com

Def Jam, 1986

Scheißtag gehabt. Heimgekommen. Erstmal auf den Sessel gehauen, „Reign In Blood“ aufgelegt, die 28 Minuten und 56 Sekunden lautstark durchgehört. Danach mit einem entspannten Lächeln zurück in die Welt.

Es ist erstaunlich, welche entspannende und therapeutische Wirkung diese seinerzeit schnellste und extremste Metalplatte haben kann, wenn man am liebsten irgendjemandem die Fresse einschlagen will, einfach so. Denn „Reign In Blood“, die dritte Veröffentlichung der großen Slayer, erledigt das für einen, und das auf ungemein befriedigende Weise. Kommt aus den Lautsprechern raus, springt dich an, haut zu, wieder und wieder, eine halbe Stunde lang, ohne Pause, und am Ende ist die miese Laune wie mit dem Sandstrahler wieder aus dem Hirn raus.

Damals, ungefähr 1989, als ich dieses Meisterwerk des Thrash Metal kennenlernte, traf mich die Platte genauso unvermindert, wie es zuvor der Musikwelt gegangen sein muß. Ein Freund gab mir „Reign In Blood“ auf Tape, auf der anderen Seite das Debut „Show No Mercy“ von 1983, und schon bald überspielte ich mir das Tape nochmal vorsorglich auf eine Zweitkassette, deren schlechtere Qualität ich dann mit meinem miesen Walkman zugrunde zu richten gedachte (tatsächlich vernichtet hat das Tape schlußendlich ein Lagerfeuer). Ehrfürchtig sprachen wir damals von diesem Album, wie es alle anderen Alben an die Wand klatschte mit seiner irren Geschwindigkeit, wie da musikalische und textliche Tabubrüche begangen wurden, wie geil die atonalen Gitarrensoli von Jeff Hannemann und Kerry King und wie cool Slayer ingesamt waren (so viel cooler als Metallica), Scheiße auch.

Das verbleibende erste Tape wurde im miesen Walkman rauf- und runtergenudelt, dann kam extremere Musik dazu, Terrorizer, Napalm Death, Bolt Thrower, Pitch Shifter, und dann mit den Suicidal Tendencies und D.R.I. eine erste Abkehr von der reinen Metallehre. Das einzige Slayeralbum, das auf CD noch hinzukam, war das damals gerade erscheinende „Seasons In The Abyss“ (1990), auch nicht schlecht. Irgendwann war das Tape dann futsch, neue Musik erschloß sich mir, und „Reign In Blood“ wurde zu einer dieser „Weißt du noch?“-Platten.

Vor zwei, drei Jahren dann erstand ich bei einem Trödler für wenig Geld eine kleine Handvoll Slayer-LPs, unter anderem „Reign In Blood“, und die Platte tauchte langsam wieder aus dem Nostalgiesumpf auf. Zuerst kurz nach Kauf, als ein Freund und ich ein paar Mädchen davon überzeugen mußten, daß Metal nicht nur blöd ist, sondern mitunter ziemlich brillant sein kann. Als Beispiel diente „Reign In Blood“. Es war schön, die Platte wieder zu entdecken, schön, die fast vergessenen Songs wieder zu hören, und die Geschwindigkeit, die Präzision und der schiere Druck der Musik waren noch immer atemberaubend. Aber eben auch Nostalgie.

Erst ein Umzug, der mich direkt neben eine Kirche führte, brachte „Reign In Blood“ wieder häufiger auf meinen Plattenteller (ein Schelm, wer Böses dabei denkt – naja, genaugenommen trifft genau dies zu: eine kriegerische Maßnahme gegen samstäglichen, unglaublich weichgespülten Christenpop, den mir die aufgeschlossene, moderne Gemeinde vis à vis sommers durchs offene Fenster säuselt), und die Nostalgie wich zusehends einer wachsenden Begeisterung für das Album.

Das fängt bei der Geschwindigkeit an (Sänger Tom Araya, so erzählt es ein Interview mit der Band, kam bei den im Studio plötzlich immer schneller werdenden Stücken mit den Texten manchmal kaum noch nach, was man vor allem bei „Necrophobic“ sehr schön hören kann) und macht bei diesem unglaublichen Sound weiter, den ich aus dem Metal (vor allem aus dem Death Metal der damaligen Zeit, der immer zu dünn klang) kaum kannte: ein rauher, dreckiger, aber doch irgendwie warmer Sound, der nichts mit der Sterilität manch anderer Metalsounds zu tun hat und wahrscheinlich nicht zuletzt Rick Rubin geschuldet ist, der sich seine Credibility bis dato bereits mit Run DMC und den Beastie Boys verdient hatte und der den Sound der Straße kannte (wenn mir dieses Klischee gestattet ist). Dann ist da der Gesang Arayas, auch dem Hardcore näher als dem Metal oder dem Hardrock, und Dave Lombardos brillantes Drumming, ich halte ihn immer noch für einen der besten – und sympathischsten – Schlagzeuger aller Zeiten. Und freilich Hannemann und King, die ein gutes Riff nach dem anderen spielen, brachial, schnell, gewaltig, aber dennoch oft mit erstaunlich viel Groove, um sich dann in irgendwie total bescheuerten Gitarrensoli zu verlieren, von denen man irgendwie jedes mit jedem anderen auf der Platte vertauschen könnte, und die inmitten der Riff-Gewitter irgendwie unweltlich wirken.

Und dann, das darf bei aller Ehrfurcht vor dem Sound, dem Druck und der Brachialität von „Reign In Blood“ nicht vergessen werden, sind die Songs auf der Platte unglaublich gut. Das fängt mit dem kontroversen „Angel Of Death“ an, dieses notorisch zitierte Lied über den KZ-Arzt Mengele, das Slayer so manchen Ärger eingebracht hat (hierzu bitte einfach das Internet konsultieren), bis hin zum Fast-Titelsong „Raining Blood“, dessen Anfangsriff Slayer wiederum zur Legende gemacht hat. Zwischendrin geht es um Mord und Totschlag, Angst vorm und Lust aufs Sterben, die Christen kriegen einmal kräftig Keile, Satan wird angebetet, und allerlei Ekligkeiten passieren.

Klar, das sind Teenie-Texte (die aber sprachlich ziemlich intelligent sind und schön viele Fremdwörter benutzen), aber die Musik dazu weiß genau, was sie tut und tun muß, um die Waage zwischen Metalgewichse („Necrophobic“, „Jesus Saves“) und Hardcore-Groove („Criminally Insane“, „Raining Blood“) zu halten, mit keinem einzigen unnötigen oder mittelmäßigen Song.

Damals, als Früh-Teenie, habe ich Slayer wahrscheinlich gar nicht richtig verstanden, sondern zu einem großen Teil nur gut gefunden, weil alle es gut fanden (und, ja, weil der Sound zugänglicher war als bei anderen Metalalben). Jetzt hingegen höre ich „Reign In Blood“ und bin, mittlerweile selbst seit zwei Jahrzehnten Gitarrist, beim Hören jedesmal atemlos, so brillant ist diese Platte. Und hinterher geht es mir wieder gut, egal wie scheiße der Tag war. Vielleicht muß man doch zum Superlativ greifen: „Reign In Blood“ ist die beste Metalplatte aller Zeiten. Fuck yeah.

www.slayer.net
www.defjam.com