GF039 Landlergschwister - Honky Tonkin'

Gutfeeling Records 2013

Na toll. Da richte ich es mir angesichts des kommenden Winters gerade schön gemütlich ein mit menschenfeindlicher, solipsistischer, gefühlskalter Musik zwischen Grindcore, Drone, Dark Ambient, Klassik und tristen anglo-amerikanischen Liedermachern, und plötzlich kommt die neue Platte von G.Rag & den Landlergschwistern ums Eck, und vorbei ist es mit der Trübnis, vorbei mit dem grimmigen Nach-draußen-in-den-Regen-Starren, vorbei mit der schlechten Laune und dem Menschenhass. Mist auch.

Und nein, ich versuche erst gar nicht, mich gegen diese Platte zu wehren, so gern ich es aus Gründen misanthropischer Klischees auch täte, denn es braucht echt nur ein paar Sekunden, und schon packt einen dieses wunderliche Münchner Blasorchester mit Extras am Schopf. Nur diese solitäre Trompete braucht es zu Beginn von „Honky Tonkin'“, und ich bin verloren. Und nanu, denke ich, während eine zweite Trompete dazukommt, habe ich hier versehentlich eine Platte der Hermanos Patchekos aufliegen? Nein, spätestens Tuba und Klarinetten machen klar, das hier sind die Landlergschwister, und irgendwo liegt es ja auch nahe: Das volksmusikalische Derivat des Münchner Carribean Trash Orchestras verneigt sich vor seiner ursprünglichen Band, aus der es schließlich auch weitgehend sein Personal rekrutiert.

Ganz tief in die Schwüle Mexikos und auf die falsche Fährte führt einen das Eröffnungsstück „Niente Hoss“, denn schon der „Fischer-2-Facha“ ist ein Zwiefacher, wie er im Buche steht. Sind wir damit also doch bei der volkstümlichen Musik angelangt, die ja grad mit allerlei anderer Volkstümelei, dem Oktoberfest und dem Fußball-Schland wieder total en vogue ist? Gottseidank nicht, wie uns das Presseinfo zur Platte versichert: „Die Volksmusik wird wie eh und je instrumentalisiert, nur unter neuen Vorzeichen. Heimatwahnsinn und -tümelei werden weiter zelebriert. Raus aus dem Stadl, rein in den Stadl. Liebesgrüße aus der Laptop-Lederhose,  ist schon klar …“ Dagegen wehren sich die Landlergschwister, die aus dem Geiste des Hardcore kommen und die unter Volksmusik das verstehen, was man weltweit eben noch versteht, wenn man bereits glücklich unterm Tisch liegt: keine Volks- und Nationaltümelei nämlich, sondern „ehrliche“ und „authentische“ Musik, auch wenn man freilich diese Begriffe nicht mehr ohne Anführungszeichen und dafür nur noch mit allergrößter Vorsicht verwenden kann. „Volk“ nicht im Sinne von Nation, sondern von grenzüberschreitender Verbundenheit der Menschen. Am ehesten also Musik für den lustigen Klassenkampf gegen das Establishment.

Drum ist auch der titelgebende und obligatorische Hank Williams mit „Honky Tonkin'“ nicht nur vertreten, sondern auch völlig richtig am Platz, der mit dem G.Rag-typischen Megaphongesang aufwartet und sowohl den Blasmusik- wie auch den Western- und Rockabilly-Freund zum mitswingen verführt. Und gleich drauf gibt’s den Dämpfer, „Bartholomew“ ist ein New-Orelans-hafter Trauermarsch (bei dem Notwists Micha Acher seine Finger im Spiel hatte), der einen doch richtig tief in die Herbstdepression treten könnte, wäre er nicht so wundervoll schwärmerisch, warmherzig, menschlich. Und dann kommt auch schon die nächste Überraschung: Relle Büst aka Parasyte Woman darf vom Föhnwind singen und jodeln, und was eigentlich auch wieder Volksmusik wäre, klingt nebenbei durch den Megaphongesang und die schöne Slidegitarre wie aus einem Transistorradio im fernen Westen am frühen Morgen bei der ersten Tasse Kaffee. Wie schön!

Immer wieder werden die klassischen Elemente der bayrischen Blasmusik unterlaufen durch Genrefremdes, aber eben durch im Geiste Verwandtes, sei es die verzerrte Gitarre in „Boogie Krainer“, sei es das Banjo in „Valentin 30/31“, oder aber umgekehrt: Genrefremdes wird „landlerfiziert“, wie das wunderbare „Odessa“ von Caribou, mit dem sich G.Rag und seine Musikantinnen und Musikanten nach Punk, Hardcore und Country am Indiepop versuchen, und wenn die Indiediskos dieser Welt nur ein bisserl cool sind, wird dieser Song künftig samstags auf Studentenparties gespielt.

„Johanna“ dann klingt wie eine Filmmusik von Tom Waits, und „Kaw Liga“ von Hank Williams ist ein wirklich perfekter Crossover: Was als trister Country Waltz anfängt, wird im Refrain zu einem fröhlichen bajuwarischen Tänzchen, und wieder zurück, und wieder hin und her. Und abschließen darf das Album dann eine Hommage an den großen Stenz Münchens: „Monaco Franze“ ist die Titelmusik aus der gleichnamigen Serie mit dem großen, verstorbenen Helmut Fischer und ein feiner, angemessener Schlußpunkt.

Ja mei, was soll ich sagen? Meiner bescheidenen Meinung nach ist den Landlergschwistern mit ihren vielen Gästen vom Niederbayrischen Musikantenstammtisch bis hin zu The Notwist ihr bestes Album gelungen. Nicht, weil die anderen beiden Platten schlechter wären – auf „Honky Tonkin'“ funktioniert aber der Crossover der Volksmusiken am besten. Das Album mäandert bruchlos zwischen Blasmusik, Country, Pop, Mariachi und vielem mehr, ist die praktische und leichthändige Umsetzung der in der Theorie oft so schwierigen Völkerverständigung. Aber zu dieser braucht es halt nicht unbedingt Politik und Theorie und all das, sondern manchmal einfach nur gute Lieder, einen verwegenen Haufen von Musikern und ein Glaserl Bier oder zwei.

www.gutfeeling.de

Gutfeeling/Trikont 2012 / Gutfeeling/Red Can Records 2012

Und nochmal Gutfeeling, diesmal im Doppelpack, und zwar sind gerade zwei Bands abwechselnd auf meinem Plattenteller, die auf’s erste Hören unterschiedlicher kaum sein könnten, die aber dann doch mehr miteinander gemein haben als man denken sollte, und deren Vinyl nicht zu Unrecht auf Gutfeeling erscheint. Kofelgschroa und Hummmel (ja, mit drei „m“) heißen die beiden Bands, Erstere ist irgendwie der bayrischen Volksmusik verpflichtet und bringt ihre CD folgerichtig bei Trikont raus, Letztere kommt hörbar aus dem Hardcore/Punk und macht minimalistischen Electro-Noiserock auf Red Can Records in Kooperation mit Gutfeeling in ungewöhnlicher Zwei-Mann-Besetzung.

Verpackt sind beide Platten wiedereinmal ungemein liebevoll mit Siebdruckcover, Einlagen (Kofelgschroa)  bzw. kleinen plüschigen Aufklebern auf der Innenhülle, die man durch zwei Löcher im Cover streicheln kann (Hummmel), und ein Downloadcode für den mp3-Player liegt auch bei. Da muß man aber bei Gutfeeling eh nicht mehr viele Worte verlieren. Zu den beiden Bands allerdings schon.

Kofelgschroa, vier Jungs aus Oberammergau, soviel prognostiziere ich jetzt schonmal, haben das Zeug, größer zu werden. Und das nicht nur, weil sie das schon seit einiger Zeit andauernde Volksmusik-Dekonstruktions-Revival bedienen, das (sage ich mit zugegebenermaßen nicht allzu viel Sachkenntnis) mit Attwenger, Stimmhorn und ähnlichen Bands schon vor einiger Zeit begonnen hat, dank der etwas exotischeren Volksmusik des Balkanbeat populär wurde und nun einiges an neuer Volksmusik gebiert, so wie auch die hier bereits besprochenen Landlergschwister. Dieser Exotismus ist zur Zeit zwar hilfreich, um bei einem größeren Publikum Aufmerksamkeit zu erlangen, ist aber die geringste Tugend von Kofelgschroa.

Ganz ähnlich wie Hummmel arbeiten Kofelgschroa, das fällt zuerst auf, in Schleifen. Da werden die drei klassischen Akkorde schonmal über Minuten repetiert, und ein Lied kann auch schonmal nur aus einer Textzeile bestehen (wie das Eröffnungsstück „Sog ned“), die Melodien der Bläser und des Akkordeons umspielen sich minimal variierend, und während sich diese einfachen Lieder langsam in ihre Überlängen hineinschrauben, merkt man irgendwann, wie schön sie sind. Und mit „schön“ meine ich wirklich schön. Obwohl Kofelgrschoa oft beherzt schief klingen, wacklig, eiernd, sind ihre einfachen Lieder von einer wunderbaren Harmonieseligkeit. Und das Schiefe, Wacklige rettet zusammen mit dem instrumentalen Bierstubenminimalismus diese tollen Melodien, diese schönen Harmonien (des Gesangs wie der Instrumente) davor, kitschig zu sein. Und, das erstaunt nach dem dadaistischen, fröhlichen und durchaus albernen Eröffnungsstück, melancholisch sind Kofelgschroa, wie dann bereits das zweite Stück „Eintagesseminar“ und sein Abgesang am Schluß des Stückes fatalistisch beweist: „Abwärts geht’s ganz alloa, kaaner braucht irgendetwas dafür doa.“

Seite eins beendet dann mein erklärtes Lieblingsstück, das „Schlaflied“, in dem zu Mollakkorden darüber sinniert wird, wer wie am besten wo und wann schläft oder auch nicht, bis dann plötzlich der Refrain einsetzt, auf eine kleine, müde Weise jubilierend, und Sänger Maximilian Paul Pongratz seuzft erst allein, dann begleitet von seiner Band: „Und die Augen so schwaar wia a Sackerl Zement, wo is a Wiesn wo i mi hinlegn könnt“. Wie wundervoll!

Überhaupt, die Müdigkeit, die Ruhe, die Freude: „Die Melancholie, die Traurigkeit, die Müdigkeit, ein Lebensgefühl von Freude und Dankbarkeit, Szenen und Beobachtungen versuchen wir in unseren Liedern, in unserem Auftreten und in den Videos zu vereinen. Das leicht Endlose und die Lust auf Ekstase entdecken wir immer wieder neu. Es geht um Freud und Leid, um Einsamkeit oder pure Zufriedenheit und überdruckventilische Ausschüttung.“ Es geht den vier Jungs aus Oberammergau also einfach um die reine Freude an der Musik, die man im etwas ungelenkten Jodeln von „Jäh I Di“ ebenso unbändig heraushört wie aus dem pumpenden „Wann I“, das in seinem Intro schier bei den schrägen Jazztönen landet, die man manchmal bei Tom Waits hört.

„Sofia“ und „Oropax“ sind dann eigentlich einfach schöne Popsongs, und hier wird klar, wo der Unterschied zwischen Attwenger und Kofelgschroa liegt: Machen Erstere tatsächlich Tanzmusik, geht es Letzteren eben auch um den Song an sich, um die schöne Melodie, die schöne Harmonie, das einfache kleine Lied. Und das ist gut so, denn das können die vier Buben: richtig schöne Lieder schreiben.

„14 Dog“ greift dann tief in die Chanson-Kiste und ist erstaunlich traurig. „Wäsche“ erinnert an die Liedermacher der 70er, nur ohne deren moralischen Gestus, vielmehr feiert das Lied die Schönheit des Alltäglichen, die sich dann auftut, wenn man nur genau hinschaut. „Luise“ führt einen dann erstmal ganz kurz hinters Licht, man meint, endlich im bayrischen Biergarten angekommen zu sein, würde das Lied nicht mit dem dritten Akkord wieder in diesem wundervollen Moll ankommen, mit dem Kofelgschroa mit immer wieder das Herz zu brechen verstehen. Hier bleibt auch „Verlängerung“, das sich mit der Melancholie der Existenz befasst, mit genauem Blick auf die Details des Alltags und dem unbedingten Wunsch, in dieser banalen, wunderschönen Welt noch eine ganze Weile bleiben zu dürfen. Und dabei werden sie so märchenhaft schwelgerisch wie Joanna Newsom, käme sie aus Bayern. So könnte die Platte dann aufhören und einen in einer wohligen Traurigkeit zurücklassen, aber Kofelgschroa möchten uns am Ende halt doch fröhlich machen und hauen mit „Oberammergau“ noch eine letzte Portion Wortsalat raus, verorten sich zum Schluß noch einmal deutlich in Bayern, lassen die Instrumente aber nochmal in die Ferne schweifen, Runden drehen, und plötzlich ist’s aus.

Wie fies nimmt sich dagegen Hummmels Eröffnungsstück aus: „guten morgen“ heißt es, und sollte man sich nach Kofelgschroa jetzt erhoffen, nett geweckt zu werden, hauen einem die beiden Insekten eine handvoll Wecker um die Ohren, die erbarmungslos ticken und den Rhythmus vorgeben, ehe „hinundher“ als Standortbestimmung die Richtung vorgibt: „wir sind hummmel und wir brummmeln heiter hin und her!“ Na, heiter geht anders, aber wach wird man von diesem kleinen Stückerl Noiserock aus Schlagzeug und Baß. „weck die“ ist dann die unbedingte Aufforderung, mitzumachen: „entdecke den brummm, entdecke den stock, die flauschige seite in dir“. Als würden DAF ihre flauschige Seite entdecken. Die Deutsch-Amerikanische Freundschaft kann man auch aus „beweg dich“ herauslesen, „tanz die hummmel“ sozusagen, mit Schlagzeug, fettem Baß, einem bisserl Moog und handclaps. Und kaum, daß man mit dem Tanzen angefangen hat, ist das Lied wieder vorbei. „für dich“ ist dann zäh wie teer und geht dann plötzlich dreimal so lang wie die anderen Lieder.

Eine gewisse Zähheit – und das ist ein Kompliment! – ist ohnehin konstitutiv für Hummmel, und hier kommen wir auf die Schleifenformen der Musik zurück, die auch Kofelgschroa prominent einsetzen. Sind diese Schleifen bei Kofelgschroa aber beruhigend und meditativ, so sind sie bei Hummmel quälend, gemein, hirnfickend, aber ziemlich zwingend. Und während man bei Kofelgschroa die elektronische Musik eher aus dem Strukturellen herauslesen muß, greifen Hummmel offensiv darauf zurück, bei „die zwei“ zum Beispiel, zwar immer noch handgemachte Musik, die aber problemlos in einem etwas stiloffeneren Club laufen könnte und nach Remixen schreit. Überraschend dann „um mich herum“ mit einer fast typischen Gutfeeling-Gitarrenmelodie, die aber von einem Baß kommt, und wäre der Rhythmus nicht militärisch und stramm, sondern lateinamerikanisch, das Lied könnte sich auch bei den Hermanos Patchekos verstecken.

Ein bisserl albern fängt die zweite Seite an, mit einer zitierten Melodie (jetzt müsste man halt wissen, woher…), ehe man von „du brauchst“ kräftig auf die Fresse kriegt, über vier Minuten lang. Ein schwerer Beat vom Schlagzeug, ein dreckig verzerrter Moog, dann das psychotische Versprechen, man selbst brauche „hummmel mehr als hummmel dich“, und man möchte da jetzt lieber nicht widersprechen. „paani“ dann instrumentaler (oder zumindest textloser) Punkrock, klassisch fast, nur halt ohne Gitarre. „lieblingsinsekt“ beginnt, als ob Trio „Da Da Da“ durch die Noiserock-Maschine gejagt hätten, und geht weiter als wahrscheinlich konventionellstes Lied auf der Platte – ein echter Indiehit, hätten Indiediskotheken Geschmack, inklusive „Uuuiiiuuuiii“-Mitsingteil, der so richtig abgeht, wie man sagt. „meine blüte“ zitiert dann frech und unverhohlen „My Sharona“ von The Knack und holt es in den minimalistischen Lärm-Kosmos von Hummmel, eine Coverversion der eigenen Art, meine Herrn, wie gut ist das denn? „unterwegs“ klingt dann wieder irgendwie bedrohlich, ein bißchen hämisch, so, als ob man mit den beiden Hummmeln lieber doch nicht unterwegs sein will, und „wir brummmen“ ist dann nochmal eine letzte Standortbestimmung: „wir spielen nicht, wir verzeihen nicht“.

Hummmel feiern also sowohl textlich als auch musikalisch einen fiesen Minimalismus, und wo die Texte süß sind, ist die Musik fies, und wo die Texte fies werden, bleibt das auch die Musik. Das Ganze findet grundsätzlich eher in höherer Geschwindigkeit statt und ist sowohl dem Punkrock als auch elektronischer Tanzmusik verpflichtet, manchmal hört man ein bißchen EBM raus, manchmal ein auch bißchen Egotronic. Spaß machen Hummmel allemal, wenn auch ein bißchen Angst.

Interessant ist, wie sich hier zwei Bands mit völlig unterschiedlichem Sound aus zwei völlig gegensätzlichen Richtungen der Idee der repetitiven Strukturen in der Musik nähern, ohne dabei den klassischen Song aus den Augen zu verlieren, wie beide Bands textlich gern dadaistisch sind, Kofelgschroa dabei mehr auf Inhalte achten, Hummmel die Texte völlig der leicht psychotischen Musik und dem Konzept der wahnsinnigen Insekten unterordnen, wie beide Bands über den Umweg desselben musikalischen Stilmittels – die Übertragung der Strukturen elektronischer in handgemachte Musik – zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen kommen: Ist das Repetitive bei Kofelgschroa eher entspannt melancholisch, das Ende des Sommers, das man draußen auf dem Land mit ein paar Freunden am Lagerfeuer feiert, zerren einen Hummmel in einen engen, dreckigen Kellerclub, in dem Schweiß und Fäuste fliegen, aber auch eben noch eine Vernissage war.

Vielleicht, wahrscheinlich können die Fans der einen Platte nichts mit der anderen anfangen, andererseits sind beide Platten nicht umsonst auf dem Label der „Freunde selbstgemachter Unterhaltung“ erschienen – genresprengend, experimentell, gewagt, widersprüchlich, wunderschön, laut und ziemlich prima.

kofelgschroa.by
www.hummmel.com
www.gutfeeling.de
trikont.de
www.red-can.com

Gutfeeling, 2012

Wiedereinmal erwischen mich G.Rag und seine Hermanos Patchekos in der Fremde, fern der Heimat, auf einem Bett, das nicht meines ist, in einer Stadt, die nicht meine ist, bei einem Wetter, das nicht meines ist, mit nichts zu tun als zu warten oder einen fremden Boden zu wischen. Na, diese Entscheidung fällt leicht, und wiedereinmal ist es der Segen der modernen Technik, sprich: der Segen völlig legaler digitaler Downloads, weswegen ich an diesem etwas verunglückten Sommertag („Sommer“ bitte in Anführungszeichen denken) in den Genuß von Pain Perdu komme, dem mittlerweile sechsten Studioalbum des elfköpfigen Münchner „Caribbean Trash Orchestras“, wie sie sich selbst bezeichnen. Über die Hermanos Patchekos habe ich bereits hier genug gesagt, ebenso über ihr wundervolles Label Gutfeeling und ihre Kunst, Schallplatten so zu verpacken, daß die CD vor Neid kotzen will. Es sei nun also nur noch vermerkt, daß ich, erster Eindruck, trotz der wirklich miesen Laptop-Lautsprecher, die mir hier als Wiedergabemedium zur Verfügung stehen, schon bei den ersten Klängen ein bisserl bessere Laune habe.

Die Fremde ist ja ein gern verwendeter Topos der Hermanos Patchekos, drum passen diese Platte und ich heute auch auf Anhieb gut zueinander, habe ich den Eindruck, und schon mit dem ersten Lied, „Cumbia Oriental“, finde ich mich tief in Kolumbien wieder (erzählt mir das Internet), und wie schon der Opener ihres letzten Albums Hold Fast entführten mich die Münchner mitten in eine heiße Nacht voll von Schweiß, Leidenschaft und auch einem bißchen Melancholie. Die Trademark-Gitarre G.Rags gibt die Melodie vor, die klappernde Schlagwerk-Sektion macht mit, und dann kommen diese unglaublichen Bläser und spielen auf zum Tanz, vielstimmig, harmonisch, toll, und ein bisserl scheinen sich mir hier auch die Landlergschwister in die tropische Nacht eingeschlichen zu haben (und ohne hier theoretisch werden zu wollen muß ich doch wieder darüber staunen, wie nahe sich die geographisch fremdesten Volksmusiken doch manchmal sind).

Der „Train Song“ bleibt dann auch in der Fremde, zieht aus Südamerika nur weiter nach Norden, ein von einer ruhigen Boom-Chicka-Boom-Gitarre angetriebenes Country-Stück, von Akkordeon und Slide-Gitarre getragen, bis wieder die Bläser jubilieren und die müde Melancholie von G.Rags Stimme zum Funkeln bringen, bevor im wunderlichen Jahrmarkt-Stück „Swing Geneve“ die Steeldrums ausgepackt werden und ich mittanzen möchte.

Richtig hymnisch wird es, wenn „Uncle Mike“ angeritten kommt, der König des Saloons, möchte ich fabulieren, der aus den Sümpfen in die Stadt stolziert, hoch erhobenen Hauptes, mit breitem Grinsen, während die Cajun-Bläser und die Swamp-Bluesharp anheben, um ihm betrunken zu salutieren. Was für ein schönes Lied!

Nach dem Trunkenbold Onkel Mike wird es dann fast besinnlich, das Akkordeon erzählt im Dreivierteltakt ein bißchen von Paris, aber auch hier weht ein wenig Exotik mit, wenn die Steeldrums im Hintergrund ganz leicht schräg mitklingen. Ein Lied wie die Amélie der Betrunkenen, der Schausteller und Seeleute.

Nach so viel Harmonie, scheint es, müssen sich die Hermanos Patchekos wieder ihrer Hardcore- und Punkwurzeln besinnen und ziemlich gut „King of the Hill“ von den Minutemen covern. Und hier, im bläsergetränkten, hymnischen Refrain, wird mir nun klar, was anders ist an Pain Perdu im Vergleich zu seinen Vorgängern: G.Rag y Los Hermanos Patchekos sind noch harmonischer geworden, klingen noch wärmer, melodieseliger als eh schon, ein bisserl weniger traurig, melancholisch, ein bisserl weniger „Down By Law“ und mehr „Broken Flowers“. Den Bläsern und ihren harmonischen Möglichkeiten wird, so scheint es mir, mehr Platz eingeräumt, so auch bei „Phoenix“, einer Country-Ballade, die gemächlich den Mississippi hinuntertreibt und den Hörer sanft mit aufs gemütliche Floß nimmt, so wie die ganze Platte einen immer wieder mal einfach umarmt.

Im „Swing Monaco“ werden aber doch wieder die Melodika und die alte Hektik ausgepackt, sofort wippt der Fuß, schnippt die Hand mit, während sich Akkordeon und Melodika nicht mehr duellieren wie noch auf “Le Massacre du Melodica” vom Vorgängeralbum, sondern sich vielmehr umspielen und sich gegenseitig in Moll wiegen, bevor „Gaita“ wieder wundervoll sonnig wird, mit seinen Mariachi-Bläsern und der Gitarre, die wie zu Beginn der Platte die Melodie vorgibt.

Zum Schluß nehmen uns die Hermanos nach Idaho mit, an den „Edna Lake“, an dessen Ufer sie uns einen traurigen Waltzer vorspielen und eine traurige Geschichte erzählen (wenn ich den Text hier auf diesen Lautsprechern richtig verstehe) und uns dann, am Ende doch noch in Dur umkippend, mit einem schönen, angenehm angezerrten Gitarrensolo, diesen herrlichen Bläsern und dem feinen Akkordeon in den Sonnenuntergang reiten lassen.

Ein schönes Album haben die Münchner wieder gemacht, eine kleine Weltreise überall dorthin, wo es tagsüber sonnig und nachts warm ist, ohne dabei zu vergessen, daß zu einer Weltreise halt auch die Abschiede gehören. Jetzt können die schwülen Sommernächte mit ihren kühlen Drinks kommen, und wenn es weiter regnet, hör ich mir halt noch ein paar mal Pain Perdu an. Macht genauso gücklich.

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Southern Lord, 2009

Im Anfang war der Klang, und der Klang war überall, und alles war Klang. Und der Klang war warm und dunkel, und der Klang war mächtig. Der Klang war der Anfang und das Ende. Der Klang war das All-Eine, und er lag in den Händen von Stephen O’Malley und Greg Anderson. Der Klang war ein tiefer Klang, und er kam aus zwei sehr, sehr tief gestimmten E-Gitarren, und er war sehr, sehr laut. Weil er aber so tief und warm war, brachte die unglaubliche Lautstärke keinen Schmerz, sondern eine tiefe Ruhe und eine tiefe Geborgenheit.

„Aghartha“, der erste Track von „Monoliths&Dimensions“, dem siebten Studioalbum der Drone-Paten Sunn O))), beginnt, wie man es von Anderson und O’Malley erwartet, mit schweren, sehr langsamen Gitarrenriffs, mit einer undurchdringlichen Wand aus einem irgendwie absoluten Klang, der brutal und zart zugleich ist, ungemein laut und ungemein ruhig in einem. Akkorde, die dahinfließen wie ein gigantischer, Strom, gewaltig und unberührbar. Erstmal nichts Neues also. Mit der tiefen Stimme Attila Csihars, die eine zwischenweltliche Geschichte erzählt, beginnt dann aber nach einigen Minuten eine Reise, die den – zumindest mir – vertrauten Kosmos von Sunn O))) verläßt. Plötzlich beginnt es im Hintergrund zu summen und zu sirren, und ein mächtiges Piano schlägt Akkorde wie eine alte, böse Kirchenglocke, man identifiziert einen Insektenschwarm aus Klarinetten, Oboen, Trompeten, Geigen und diversen Dingen, die knarzen wie die Planken von Ahabs „Pequot“, und irgendwann fällt auf, daß die Gitarren völlig verstummt sind, der Drone von Hörnern übernommen, und Csihar erzählt stoisch weiter, bringt den Lärm zum verstummen, Wasser fängt an zu fließen, und die hermetische Dunkelheit des Anfangs öffnet sich einer zwar düsteren, aber offenen Natürlichkeit, die man zwischen großen Verstärkern mit gemeinen Verzerrern nicht erwartet hätte, während sich Csihar ganz nah aus dem Hall herantritt an des Hörers Ohr.

Zwischenweltlich bleibt es auch im zweiten Track, „Big Church (Megszentségteleníthetetlenségeskedéseitekért)“, dessen Frauenchor zum Einstieg eine deutliche Verneigung in Richtung Arvo Pärt ist. Der dreigeteilte Song ist nicht zuletzt wegen der Gesangsarrangements mein Liebling auf dem Album – der Chor singt langsam und strukturiert, die höhere Männerstimme spricht schnell und hektisch, die tiefe Männerstimme predigt gravitätisch und langsam immer nur dieses eine Wort, das dem Songtitel in Klammern beigefügt ist. Es ist vielleicht ein bißchen albern, ausgerechnet das laut Wikipedia längste ungarische Wort derart prominent zu gebrauchen, aber der Inhalt paßt, bedeutet es doch ungefähr: „wegen deiner fortwährenden Vortäuschung, unentweihbar zu sein“, wenn ich mich nicht irre. Tatsächlich sind die Gitarrendrones hier nur Nebensache, auch wenn die drei Teile des Stücks von jeweils einer mächtig röhrenden Gitarre eingeleitet werden. Es ist vielmehr der Ausflug in die zeitgenössische Klassik und die minimal music, der hier Neuland für Sunn O))) eröffnet, eine Pärt’sche Glocke inklusive, die spannenden Stimmen zwischen angedachtem Obertongesang und klassischen Chorarrangements, die das Stück zwischen Beschwörung und heiliger Messe vibrieren lassen.

„Hunting and Gathering (Cydonia)“ ist trotz jener Glocken, dem hallenden Chor und der Bläsersätze eher wieder dem Black Metal zugeneigt, mit fiesem Metalriffing in Zeitlupe, mit seltsamer, kaum hörbarer Percussion und Csihars bedrohlichem Gesang, bevor ab ungefähr der Hälfte des Stücks dieses Sirren des Anfangs wieder auftaucht, synthetisch diesmal, aber nicht minder bedrohlich. Die Bläser erinnern in ihrer Hymnenhaftigkeit schönerweise an Laibach, und obwohl „Hunting …“ das wahrscheinlich uninteressanteste Stück auf „Monoliths&Dimensions“ ist, ist es dennoch zwingend, treibend und richtig böse.

Den Abschluß bildet dann „Alice“, ein viertelstündiger Track, der als Meditation auf eine vorsichtig angezerrte Gitarre beginnt, die nach Dylan Carlsons späteren Earth-Scheiben klingt (der aber erstaunlicherweise nur bei „Big Church“ mitspielt) und das Stück vom Sound, von den Akkorden und den Harmonien in deren Nähe bringt, also in die Nähe von Neil Youngs „Dead Man“-Soundtrack auf illegalen Tranquilizern. Dazu Orchestersätze und seltsame Geräusche in einem industriellen Hallraum, ein dumpfes, dräuendes Pochen und Wabern, während die Gitarre unmerklich gewaltiger und gewaltiger wird, die Verzerrung zunimmt, so etwas wie Vitalität gewinnt. Und während man auf das Unheil wartet, das sich die ersten siebeneinhalb Minuten lang anzukündigen schien, auf die Gitarrenwände, die den Anfang des Albums markierten, setzen plötzlich hymnische Hörner an, öffnen jenen Hallraum, und wenn man die Augen schließt, sieht man, wie die Sonne langsam über majestätischen Berggipfeln aufgeht, wie sich Dur-Harmonien ihren Weg durch den Nebel kämpfen und warmes, farbenreiches Licht in diese dunkle Welt fällt. Eine Klarinette evoziert Samuel Barbers Visionen des ländlichen Amerika, eine Harfe wird zart gezupft, eine Posaune sucht sich ihren Weg an die Oberfläche, und was als Reise durch eine finstere Zwischenwelt begann, findet Erlösung in einer fast schon klassizistischen Idylle.

Es ist eine gewaltige Reise, auf die Greg Anderson und Stephen O’Malley den Hörer hier mitnehmen, sie und die Heerscharen von Helfern, die den Kosmos dieser zwei Klanggrenzgänger, die den Kern von Sunn O))) bilden, um viele Ebenen erweitern, ihn aus dem Metal hinausführen in die zeitgenössische Klassik und sogar in den Jazz. Sicher, Sunn O))) sind mittlerweile angekommen im Feuilleton, und bei den Intellektuellen ist diese Band mittlerweile ziemlich en vogue, gerade bei denen, die nicht einmal eine einzige Black-Metal-Platte daheim stehen haben, sich nun aber damit brüsten, mal was „total Extremes“ zu hören. Und ja, gerade dem intellektuell anspruchsvollen Musikhörer bietet „Monoliths&Dimensions“ eine Herausforderung und eine tiefe Befriedigung, so viele Details gibt es hier zu entdecken. Läßt man sich aber einfach intuitiv auf diese Reise ein, gibt man sich ganz diesen Klangwelten hin, die Erfahrung könnte nicht schöner und beeindruckender sein. Nur Angst darf man keine haben vor der Macht, die diesem Album innewohnt. Tatsächlich sind Sunn O))) mit ihrem bislang neuesten Album der Musik nähergekommen als je zuvor, tatsächlich aber wächst das Album weit über alles hinaus, was man so im Pop/Rock-Zusammenhang Musik nennt.

www.ideologic.org
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Columbia Records, 1987

Gute australische Popbands scheinen hierzulande alle dasselbe Schicksal zu teilen, nämlich einen notorischen Hit zu haben (meist nicht einmal eines der besten Lieder), und damit hat sich’s dann in der größeren Öffentlichkeit. Den tollen Men At Work geht es so (wie an anderer Stelle berichtet), Nick Cave hat seine Wilden Rosen mit Kylie, AC/DC haben es wenigstens auf ein paar (stets gleichklingende) Hits weltweit gebracht. Und Midnight Oil wären dann die mit „Beds Are Burning“.

Bestenfalls sind Midnight Oil noch die australischen U2, weil sie auch politisch aktive Gutmenschen sind bzw. bis zu ihrer Auflösung 2002 waren. Im Gegensatz zu den Iren aber sind die Australier sowohl musikalisch als auch politisch erdiger, und es paßt gut (und ist sympathisch konsequent), das Sänger Peter Garrett mittlerweile australischer Minister für Umwelt, Kulturerbe und Kunst ist. Angesichts der australischen Geschichte bezüglich der Aborigines ist die politische Haltung Midnight Oils, die – auf ihren ersten zwei, drei Alben ist das hörbar – vom Punk und also von einer linken Haltung kommen, nachvollziehbar, und das hier besprochene Album „Diesel And Dust“ von 1987 wäre dann Agitprop im Popgewand, adult oriented Chumbawamba in etwa. Und das war offenbar wirklich wichtig damals, machte es auf die verheerende Situation der Aborigines besser und umfangreicher aufmerksam, als es die dröge linke Politik hätte machen können.

Was für diesen kleinen Blog hier allerdings ausschlaggebender ist als die politische Bedeutung von „Diesel And Dust“ ist die Tatsache, daß dieses Album wahrscheinlich eines der wichtigsten in meiner Biographie ist, war es doch damals, 1990, eines der Alben, die mir den Weg aus dem damals zur Sackgasse werdenden Metal wiesen (zusammen mit, naja, einer Best-Of von The Police), ein Weg, der dann mit Grunge seine Fortsetzung und Vollendung fand.

Der Sommer 1990 war ein klassischer Sommer der verlorenen Unschuld, aus dem Kind wurde ein Mann, was in meinem Fall leider nicht Sex, sondern Depression und Liebeskummer (mein eigener und, schlimmer noch, der zweier guter Freunde) bedeutete – kindliche Naivität weg, aber nur Scheiße dafür bekommen. Fing jener Sommer noch mit den ersten großen Parties an, den ersten durchgemachten Nächten und mit Bier im Freibad durchgepennten Tagen, und gipfelte er schließlich in einer dreiwöchigen Party im sturmfreien Haus guter Freunde, war diese letzte Unbeschwertheit mit dem Einbrechen des Herbstes und des Regens, mit dem plötzlichen, rapiden Kleinerwerden der Welt nach einem Sommer voller neuer Versprechen ein für allemal dahin.

Dieser kleine Exkurs ins Seelenleben eines Provinzteenies ist nötig, um die Bedeutung von „Diesel And Dust“ deutlich zu machen. Denn es war nicht die politische Brisanz des Albums, die den 15-Jährigen in seinen Bann zog, sondern diese Weite in der Musik, diese warmen Nächte unter sternenklarem Himmel, die die Lieder evozierten, die Freiheit der endlosen Landschaften Australiens, die ich mir da zusammenimaginierte. Ich behaupte, daß genau das einen großen Teil zu meiner Seelenrettung beigetragen hat.

Was nun am auffallendsten an Midnight Oil ist, außer dem legendären Auftakt des großen Hits „Beds Are Burning“, ist Peter Garretts Stimme, die sich durch die Lieder knarzt und manchmal schon etwas maniriert wirkt, und es ist nachvollziehbar, warum sie einige nicht ab können. Aber es steckt soviel Charisma darin, soviel Kraft, daß sie nicht umsonst das herausstechendste Merkmal der Band ist. Aber damit trifft man nichtmal einen Bruchteil dessen, was Midnight Oil ausmacht. „Diesel And Dust“ ist nicht nur ein Album voller großer Songs (wie eben „Beds Are Burning“ oder die erste, hymnische Single „The Dead Heart“, aber auch „Warakurna“ und „Bullroarer“ oder die zynische Ballade „Whoah“), sondern vor allem auch eines der kleinen Details, die eine große, weite, reichhaltige Klanglandschaft malen.

Das fängt an mit dem trockenen Baßlauf von „Beds Are Burning“ und dem Percussion-Break vor dem zweiten Refrain, der plötzlich total testosteronschwanger und ein bißchen dick aufgetragen ist. „Put Down That Weapon“, fängt wiederum mit einer warmen, schönen Gitarrenlinie an, die nach dem Intro wiederum in eine rauhe Trockenheit kippt, die ihrerseits von einem zärtlichen Refrain abgelöst wird, bevor der Zwischenteil am Ende alles kurz und klein haut. „Dream World“ ist ein kleiner Poprocker mit eingängigem Refrain, „Arctic World“ dann eine eigentlich konventionelle Ballade, die sich in sphärischen, glasklaren Keyboardklängen verliert und übergeht in „Warakurna“, ein Lied voller Hoffnung und Lebensmut, mit einer tastenden E-Gitarre und einem treibenden Baß und so vielen Bildern und Gefühlen allein in den Sounds zwischen den Stücken.

Meine drei Favoriten kommen dann direkt nacheinander, angefangen mit „The Dead Heart“ und seiner tollen gezupften Akustikgitarrenlinie über dem pumpenden Baß, die sehr verloren klingt, bis sie von einem Chor aufgenommen wird und plötzlich nach Dur kippt. Der unaufgeregte Refrain ist wunderschön, aber das Tollste an „The Dead Heart“ it sein Schluß: Garrett zählt in einem sehr zurückgenommenen, aber nichtsdestotrotz spannungsreichen Moment all die companies auf, die mehr Rechte haben als die Menschen in Australien, und plötzlich ist da wieder das Dur, und ein hymnisches verhalltes Horn wird plötzlich geblasen, ein Glockenspiel kommt dazu, und am Ende bleiben nur die Akustikgitarre und das Glockenspiel ganz nah beim Hörer. Ich gebe zu: Ich bekomme hier immer eine Gänsehaut, und all die Versprechungen, die das Leben dem Jugendlichen in diesen Nächten macht (und später lustvoll bricht), sind wieder da.
„Whoah“ wiederum ist eine fast beklemmende Ballade über die Verlogenheit des Christentums, mit Ernst und Zärtlichkeit vorgetragen, und trotz seiner Langsamkeit wäre dieses Lied beunruhigend, wäre da nicht der versöhnliche Schluß. „Bullroarer“ schließlich nimmt den Hörer mit in die Weiten Australiens, mit seinem Hall, seiner schönen Gitarrenmelodie, den „Bullroarers“, traditionelle Instrumenten, die Geräusche machen wie große Maschinen, dem Echo auf dem Refrain, dem Wechselspiel von Akustik- und E-Gitarre, und seinem ganz unpeinlichen Rock-Gestus.

„Sell My Soul“ sackt dagegen ab, ist ein Poprocksong, schön, nett, aber eben nichts besonderes. Das wäre „Sometimes“ auch, wäre dieses Lied nicht so schön euphorisch, und hätte es nicht seine Offbeat-Gitarren in Stereo, die einen schönen kleinen Effekt erzeugen. Den Schluß bildet dann „Gunbarrel Highway“, das genau so klingt: wie eine lange Fahrt auf einem staubigen Highway, in einem schnellen Auto. Ein gelungenes Ende für ein wunderbares Album. Das Lied war auf der US-Version übrigens nicht zu finden, weil, so das Internet, den Amerikanern die Zeile „shit falls like rain on a world that is brown“ zu hart war.

Was beim Hören heute auffällt: Teilweise klingt das Album schon sehr dated. Die Gitarrensounds sind manchmal ebenso Achziger wie die Percussioneffekte, und der ein oder andere Synthie-Sound klingt schon arg cheesy. Das ist zwar schade, macht aber nichts, im Gegenteil. Es ist nämlich genau die für solche Sounds verantwortliche Experimentierfreude, die auch einen ganzen Haufen feiner Details erzeugt hat: diese wahnsinnig tollen Hörner, die kleinen Synthiemelodien, die Übergänge zwischen akustischer und elektrischer Gitarre, die perkussiven Elemente hier und dort, die immer wieder eine ungemeine Weite und Reichhaltigkeit erzeugen. Das, gekoppelt mit der inhaltlichen Tiefe und den immer wieder schönen Bildern in den Texten Garretts, erzeugt eine Welt, wie sie sich Midnight Oil für ihr Land wohl wünschen: ein reiches, blühendes, abwechslungsreiches Land voller Versprechen, Hoffnung und guter Musik.

www.midnightoil.com

pussywarmers

Voodoo Rhythm, 2009

Zugegeben, sowohl der Bandname als auch der Plattentitel sind so bescheuert, daß es mich einige Zeit gekostet hat, überhaupt mal in die Platte reinzuhören, Voodoo Rhythm hin oder her. Und das schön gestaltete Cover mit der Pin-Up-Schönheit Dolly Diamonds kann auch nicht wirklich über das Pennälerwortspiel hinwegtäuschen: „Wer wärmt hier wen, höhö!“

Aber dann, der verzweifelte Wille, meinem hiesigen Plattenhändler trotz eher reduziertem interessantem Angebot etwas abzukaufen, war groß, wagte ich es doch, und seither läuft „My Pussy Belongs To Daddy“ auf meinem Plattenteller auf heavy rotation. Die fünf Heißsporne aus der italienischen Schweiz haben mit ihrem Debut ein wirklich schönes Album hingelegt, zwischen 20er-Jahre-Swing-Schönklang, wildem Balkangetröte und dem für Voodoo Rhythm recht typischen chaotischen Krach. Sie selbst nennen sich ein „Little Freak Circus Orchestra“, und das trifft es ziemlich gut. Mit Gitarre, Contrabaß, Perkussion, Akkordeon, Banjo, Posaune, Trompete, Tuba und dem nicht immer schönen Gesang von Fabio Pozzorini und Damiano Merzari holen einen die Fünf in ihre ganz eigene Welt zwischen Zirkuszelt und Gosse, zwischen Wagenburg und schweißtreibendem Underground-Club.

Dabei verfallen sie nie dem mittlerweile doch recht abgenudelten Balkan-Beat, sondern halten sich immer eine Hintertür offen zu traurigen-wilden Walzern wie dem eigentlichen Opener (nach dem Gepfeife auf „Bonjour Madame“) „Dead“ oder dem wunderbaren „Dounats“ mit seinem traurig-poetischen deutschen Text, der klingt wie von M.A. Numminen gesungen (und, dieser Einwurf sei mir erlaubt, wem dieses Lied nicht zu Herzen geht, wählt die FDP und wirft nie einem Bettler was in den Hut), zu kleinen Chansons wie „Bateau“ oder zum trägen Jazz von „Summertime“. „I Saw The Devil“ könnte von Hank Williams stammen, wäre dieser auf dem Balkan zuhaus‘ gewesen, und „Ashes“ ist ein Stampfer, der auch Judge Bone gut gestanden hätte, im entsprechenden Soundgewand freilich. „I Wanna Have“ ist ein schönes, kleines, trotziges Liedchen, dessen Gegenstück auf der B-Seite, „My Time Has Gone“, das einzige Stück der ganzen Platte ist, das sich die Pussywarmers hätten sparen können – zu pubertär ist der Text („my parents always told me to be what I wanted to be / and the meaning was I should do what they had wanted to do / and now my time has gone“), zu beliebig die Musik – aber das vielleicht auch nur im Vergleich zu den anderen, meist ganz bezaubernden Stücken. Mit „Love You / Introduction To An Ending“ landen die Pussywarmers schlußendlich dann doch noch irgendwie beim 60’s-Beat, zitieren dabei „I Will Follow Him“ aus „Sister Act“ und machen beim abschließenden „Au Revoir Madame“ nochmal tüchtig balkanesken Krach.

Überall auf dieser Platte (bis auf ein, zwei Stücke) scheppert irgendetwas, klonkert ein schiefes Banjo, klagen die Bläser, quäken die beiden Sänger, springen die Aufnahmen zwischen Diktiergerät-field recordings und, naja, irgendwie einer Produktion hin und her, aber bei aller chaotischen Wagenburg-Weltmusik-Vagabunden-Attitüde vergessen die Pussywarmers niemals die Schönheit von Melodie und Melancholie. Trotz des offensichtlichen, schönerweise in jedem Ton zu spürenden Spaßes an der Musik, trotz der ungestümen Wildheit mancher Stücke sind die Pussywarmers wesentlich erwachsener, als es ihr blöder Bandname vermuten läßt. Das ist gut, denn die Buben können was, und das zeigen sie auch, aber mit viel Freude am Chaos, an schrägen Tönen und am puren Spaß im Leben.

www.thepussywarmers.com
www.voodoorhythm.com

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Gutfeeling, 2009

Manchmal muß man der allseits und freilich meist zurecht verpönten modernen Technik dann doch dankbar sein. Mit einer längeren Autobahnfahrt konfrontiert, machte ich gestern Gebrauch von einem modernen Schnickschnack, der sich mittlerweile, digitale Jugend sei Dank, durch viele der aktuellen Vinylveröffentlichungen zieht: dem digitalen Downloadcode. Und als ich mich dann gestern nacht bei strömendem Regen auf besagter Autobahn wiederfand, dunkel war’s, eine leichte Melancholie saß auf dem Rücksitz, entschied ich mich dafür, auf meinem mp3-fähigen autointernen CD-Player „Hold Fast“ von G.Rag y los Hermanos Patchekos zu hören, die neue Veröffentlichung aus dem Münchner Hause Gutfeeling, einem der feinsten Mikrolabels dieser Lande. Ein Volltreffer, möchte ich sagen.

G.Rag y los Hermanos Patchekos sind irgendwie die labeleigene Big Band von Gutfeeling, ein wilder Haufen Musiker, die sich um den Vorsteher G.Rag versammeln und z.B. auch bei den Dos Hermanos mitspielen oder bei den Landlergschwistern, und die, wie eine Freundin gestern nacht – ich war endlich auf der Feier am Ende meiner Fahrt angekommen und erzählte von meinem Hörerlebnis – meinte, eher wirken wie eine Fußballmannschaft als wie eine Band (was als leicht kurioses Kompliment gemeint war).

Als jedenfalls gestern der „Caribbean Calypso Trash“ dieser Band aus meinem Autoradio tönte, wurde es gleich um einige Grad wärmer. G.Rags leicht verzerrte, schön verhaltene E-Gitarre gibt beim Opener „Traversia Caliente“ ein kleines, groovendes Moll-Riff vor, auf das die Band dann nach und nach einsteigt, erst die Percussion, später dann die wunderschönen Bläser, und das Leben wird plötzlich cinematisiert. Anstatt auf einer Autobahnfahrt durch den Süden Deutschlands fand ich mich irgendwo in der Karibik wieder, auf einer wilden Feier kurz vor Mitternacht, mit einem Haufen trauriger Geschichten im Herzen und dem unbedingten Willen, sie heute nacht einfach zu vergessen. Was dann auch gegen Ende des Openers gelingt: Auf einmal kippt der Song in ein kleines, ruhiges Dur um, eine wunderschöne, hymnische Trompete erklingt, ein Schauer der Erlösung überkommt den Hörer, bevor man sich tiefer und tiefer in die Nacht tanzt.

Die Schwüle und das Cineastische bleibt, das Tempo wechselt: Der „Gambling Bar Room Blues“ von Jimmy Rodgers ist genau das, ein schleppernder, scheppernder Blues, getragen von G.Rags nachlässigem Trademark-Gesang durch sein altes Megaphon, einem schrägen Banjo und New-Orleans-Bläsern, die der erzählten Moritat die nötige Dringlichkeit verleihen, sie aber auch vorm allzugroßen Ernst bewahren.

Dann, plötzlich der „Nervous Breakdown“: Ein überraschendes Black-Flag-Cover, nicht ganz überführt in den Sound der Band, eher am Rand des Hardcore bleibend, mit lustiger Melodika, diesem schönen warmen Gitarrensound und der scheppernden Percussion. Wohnzimmerpunk, heartfelt, nicht ganz passend, aber ein gelungener Szenenwechsel, der die flotte „Cajun Maid“ vorstellt, nun nicht mehr bei Nacht, sondern in strahlendem Zydeco-Sonnenschein, ein kleiner volkstümlicher Tanz, der einfach so glücklich macht: „Je veux danser with her“, au ja!

Das Instrumental „Mi Barrio“ führt dann wieder durch calexicohafte Hinterhöfe, Schwarzweiß-Bilder wie aus „Down by Law“ von Jarmusch, eine tastende Gitarre, eine verlorene Trompete, eine einsame Slide-Gitarre, und ein Rhythmus, der alles zusammenhält. Dann „Rags’n’Bones“, wieder eine Überraschung. Ein dreckiges, funky Riff und G.Rags heiserer Gesang, ehe ein schön dreckiger New-Orleans-Funk anfängt, mit hymnischem Refrain, coolem Call-and-Response-Gesang und einer superguten Tanzboden-Credibility, und freilich wieder dem nötigen Schuß Humor und Spaß, und die zweite Überraschung birgt die Autorenschaft, „Rags’n’Bones“ stammt von Punklegende NoMeansNo. Mittlerweile rinnt der Schweiß schon immens, das Meersalz in der Luft vermischt sich mit dem Geschmack des Rums, und dann kommt eine richtig geile Überforderung inmitten der Schwüle, „Le Massacre du Melodica“, schnell, rockend, das „Duelling Banjos“ für zwei Melodikas, ein herzlicher, versierter Lacher, eine Melodie, die einen so schnell nicht mehr losläßt.

„Get On Board“ dann wieder klassisch, verhalten, tief melancholisch, irgendwie hoffnungslos schön, bevor der „balkan brass swing en speed“ von „Swing Vergol“ einen wieder auf die Füße reißt, müde zwar, aber wieder mit oben erwähntem unbedingten Willen zum – wenn auch bitteren – Spaß.

Gewagt ist dann „Jockey Full Of Bourbon“ vom großen Tom Waits. Vielleicht liegt es daran, daß ich Waits und vor allem sein Werk um „Rain Dogs“ (1985) zu gut kenne und zu sehr liebe, vielleicht ist „Jockey Full Of Bourbon“ durch „Down By Law“ einfach zu bekannt, aber hier mußte ich dann doch erstmal schlucken. Bislang hat es noch niemand geschafft, an Waits heranzukommen, was vor allem an dessen unglaublicher Stimme liegt und an seinen irgendwie zerstörten, zerstückelten Arrangements. Doch die Hermanos Patchekos tappen nicht in die Falle, Waits imtieren zu wollen, sondern bleiben vor allem gesanglich auf ihrer Seite, irgendwie müde, irgendwie nachlässig, und siehe: Es funktioniert dann doch. Instrumental aus einem eher solideren Guß wie die Waits-Arrangements im allgemeinen, fügen sie dem Original hier und da noch Kleinigkeiten hinzu, das Akkordeon, die verlorene Trompete, der beswingte Rhythmus. Zwar legt sich mir beim Hören im Geiste immer wieder der Waits’sche Gesang drüber, aber vor allem der rabiate, gelungene Schluß versöhnt damit wieder.

Und dann wird’s nochmal richtig sommerlich, fröhlich, leicht, schön: „Influence“, das Cover der Skate-Punk-Band Old Boys, ist mit seinen Steeldrums genau das richtige Lied, um einen morgens mit einem Lächeln aus dem Bett zu kriegen und den Tag zu umarmen. Die Bläser muß man hier nicht nochmal erwähnen, sie sind schön und toll wie überall auf dieser Platte. Vielleicht, neben „Cajun Maid“, mein heutiges, sommerlich-sonntagnachmittagliches Lieblingslied.

Ein schönes Stück „60s rocker“ ist dann das französische „J’ai Tardé“, gesungen vom Black Rider, ein kleines Lied für Akkordeon, ein Lächeln gegen Ende der Platte, bevor der obligatorische Hank Williams zu Ehren kommt. „Cold Cold Heart“ ist ein trunkener Country-Waltz, der sich heiter durch die haßerfüllte Männer-vs-Frauen-Welt schunkelt, der auch ins Bierzelt passen würde (ach, stimmt, die Landlergschwister), mit der nötigen respektvollen Respektlosigkeit, die es braucht, um Songklassikern neues Leben einzuhauchen. Und dann ist die Platte vorbei.

A propos Platte: Zu meinem Downloadcode gehört freilich auch die Vinylausgabe, und die möchte ich dem werten Leser aufs Wärmste ans Herz legen, selbst wenn er nur einen schnöden CD-Player besitzt (hey, denkt an den Downloadcode!). Denn wie immer bei Gutfeeling kommt das (in diesem Fall Doppel-)Vinyl wunderschön verpackt daher, mit einem tollen Siebdruck-Klappcover auf rauhem, festem Karton, gestaltet von Lilli Flux, und kleinen Gimmicks wie Aufklebern und einem schönen Beipackzettel. Nix Plastik, das Vinyl ist auch ein Vergnügen für Finger und Augen, das sei hier explizit erwähnt und gelobt!

„Hold Fast“ ist sozusagen das Jubiläumsalbum der Hermanos Patchekos, die dieses Jahr ihren zehnten Geburtstag feiern (und ich gratuliere herzlich!). Und sie haben sich und uns damit ein schönes Geschenk gemacht, eine wunderschöne, sehr abwechslungsreiche Platte, die vielleicht hier und da ein oder zwei kleine Schwächen zeigt, insgesamt aber musikalisch und auch atmosphärisch auf sehr hohem Niveau bewegt und den typischen, reichhaltigen, immer leicht schrägen, aber doch immer wunderschönen Patcheko-Sound hat. Eine Platte wie der Soundtrack zu dem Leben, das man gerne leben würde, aber leider heißt man weder Humphrey Bogart, noch führt Jim Jarmusch Regie. Das ist zwar schade, aber dafür gibt es ja Platten wie „Hold Fast“. Gibt’s, wie noch viele andere schöne Platten, auf der Homepage von Gutfeeling. Auf geht’s, kaufen!

www.g-rag.com
www.gutfeeling.de

Gutfeeling, 2008

Ach herrje, dachte ich, als ich heute vormittag nach dem Aufstehen in einer Mußephase die schöne 12″ von G.Rag und den Landlergschwistern in die Hand nahm, lächelnd an das Konzert der Hermanos Patchekos – sind es komplett dieselben Musiker? Eine leicht modifizierte Besetzung? Jedenfalls auch mit G.Rag als Vorsteher – gestern Abend dachte und dabei meine Finger über die rauhe Plattenhülle gleiten ließ, umweltschützend, recycled, ein haptisches Vergnügen für den Sammler und, wie alle Platten aus dem Münchner Hause Gutfeeling, allein schon zum Angucken und -fassen einfach schön.

Und so ein bißchen hatte ich eine Ahnung von dem, was kommen würde, zog sich Bavarisch-Folkloristisches doch schon durch den Calypso-Folk-Trash von gestern Abend, allerdings nur in Ansätzen, als – zugegeben verdächtig fingerfertiger – Lacher zwischendurch. Und natürlich war mir klar, daß die Landlergschwister nicht wie die Hermanos Patchekos klingen würden, das steckt ja schon im Namen, und weil jene sich auf dem Terrain besagten Calypso-Folk-Trashs mit viel Kenntnis, Respekt und Leidenschaft umtun, hätte man sich ja denken können, daß diese mit bayrischer Folklore…

Ich bin dennoch erschrocken, als aus meinen Lautsprechern plötzlich weißblaue Blasmusi erklang, und weil ich in der Wohnung unterwegs war, auch noch entsprechend laut, damit ich’s auch im Bad noch hören konnte, und jeder, der vorbei lief, auch auf der Straße. Ach herrje, wie authentisch! Wie, hmja, bierselig, weißwurschtselig, breznselig. Auf einmal konnte ich mir vorstellen, wie sich K. damals gefühlt hat, als ich ihr ihre erste Alt.Country-Kassette aufgenommen und gleich mit dem sehr bluegrasslastigen „Picture on my mind“ von Freakwater angefangen habe – sehr wohl wissend, was ich da tat! -, und sie sich zuerst wohl ziemlich dafür geschämt hat. Mir trötete heute beim Eröffnungsstück „Amalie“ ein Orchester aus Tuba, Trompeten, Hörnern und Akkordeon entgegen, als ob ich im Bierzelt sitzen würde. Wie peinlich. Wie hinterwäldlerisch. Wie … beseelt! Wie seligmachend! Und hey, plötzlich ein ungewöhnlicher Break im zweiten Stück „Hoitsn auf!“. Und dann Südstaatenschwermut par excellence: Die Landlergschwister spielen Hank Williams und stecken ihn tief ins Mississippi-Delta, mit schrägen Bläsern, einem desolaten Banjo und G.Rags typischem Gesang durchs Megaphon.

Die zweite Seite beginnt dann wiederum ziemlich unbayrisch, nämlich mit dem Südstaatenfunk von „Kommissar Schmelz“, und wo „Xaver Reloaded“ dann wieder sehr blauweiß wird, entwickelt sich plötzlich das genrefremde Banjo teilweise zum tragenden Instrument, die Tuba klingt allzu schräg, und die Restbläser ergehen sich in unheimlich schönen Harmonien, bevor die „Juli Polka“ wieder unterm, naja, Maibaum landet.

Ist es jetzt Volksmusik, oder Folkmusic, oder Folklore? Verwendet man die Ironie der Landlergschwister gegen sie, dann ist es volkstümliche Musik, von großkopferten Studierten aufgegriffen, in neue Kontexte gestellt, ausgeschlachtet, eine Travestie, ein böser Scherz mit der Saufmusik des einfachen Volkes. Aber, nein, so ist es nicht. Ironie? Ja, schon. Aber gleichzeitig so dermaßen viel Herzblut, Leidenschaft, Spielfreude, daß man merkt: Hier nimmt jemand die Musik ernst, ohne sie bierernst zu nehmen. Punk in dem Sinne, in dem auch Guggenmusik aus der Schweiz Punk ist: nämlich aufrichtig, voller Freude, und druff g’schissen, was irgendwer dazu sagt, ob’s der Obercoole zu uncool findet oder der Musikantenstadlfuzzi zu lärmig.

Ich zitiere die Homepage von Gutfeeling: „Nichts weniger als den versauten Ruf Bayerischer Folklore wiederherzustellen ist das Ziel eines weiteren G.Rag-Spin-Offs: G.Rag und die Landlergschwister spielen Landler, Zwiefache, Gstanzln und Wirtshausklassiker, so wie sie sich gehören, rau, schräg, mit/ohne megaphone und laut. Eine Watsch’n für alldiejenigen Verbrecher, die diese Musik wie eine todgeweihte Sau durch die Dörfer einer virtuellen Fernseh-Voralpenidylle treiben.“ Die Landlergschwister in aufrechter Mission also, und plötzlich ist es irgendwie gar nicht mehr seltsam, daß sich zwischen all der bayrischen Folklore zwei Covers von Hank Williams befinden, diesem Countryrebellen, diesem Künstler und Säufer, demjenigen, der persönliche Abgründe in die Countrymusik gebracht hat und sie als erster zum Vehikel für die eigene, ganz persönliche Pein machte, dem allzufrühverstorbenen Schmerzensmann mit dem ewigen schiefen Grinsen im Gesicht. Und genau das ist diese Platte für Bayern: aufrechte, ernstgemeinte Schmerzensmusik aus dem Hinterwald mit einem dermaßen schiefen Grinsen im Gesicht, daß es nur so eine Freude ist.

Ach ja, und bestellt Euch doch bei der Gelegenheit gleich den gesamten Backkatalog von Gutfeeling, da könnt Ihr nix falsch machen.

www.gutfeeling.de