Canongate Books, 2009

Nun will endlich auch ich hier die vielzitierte Ausnahme von der Regel tun und eine Veröffentlichung besprechen, deren hörbare Frequenzen sich im Rascheln von Papier erschöpfen: ein Buch nämlich, namentlich „The Death of Bunny Munro“ von Nick Cave. Und spätestens hier wird dem geneigten Leser klar, daß der Schritt von meinen sonstigen kleinen Plaudereien hierher zu dieser speziellen nicht wirklich ein großer ist, steht Nick Cave doch nun schon seit geraumer Zeit einigermaßen komplett bei mir im Platten- beziehungsweise CD-Regal (auch, wenn mir seine neuen Platten nicht mehr so gut gefallen wie die mittleren Bad-Seeds-Scheiben, aber dazu ein andermal), und eben auch im Bücherregal, mit „And the Ass Saw the Angel“ und „King Ink“, und seit kurzem auch mit „The Death of Bunny Munro“.

Letzteres ist Caves zweiter Roman nach „And the Ass…“ (1989), über den Australier Cave selbst muss man wahrscheinlich nicht mehr viel Worte verlieren: Boys Next Door, Birthday Party, vor allem die Bad Seeds und jüngst Grinderman seien als Stichworte genannt, ebenso Blixa Bargeld, Mick Harvey, Kylie Minogue, und vielleicht sei noch seine Arbeit im filmischen Sektor erwähnt, John Hillcoats „Ghosts … of the Civil Dead“ (1988) z.B. oder das Drehbuch von „The Proposition“, 2005 ebenfalls von Hillcoat verfilmt, Auftritte und die Soundtrackbeiträge zu Wenders-Filmen etc. Dann könnte man noch, um ein paar inhaltliche Eckpfeiler zu etablieren, Begriffe wie „Heroin“, „Rabenhaar“, „Prediger“, „alttestamentarischer Zorn“, „Blues“, „Punk“, „Klavier“, „Wilde Rosen“, „schöne Melodien“ und „Lärm“ ins Feld führen, den ganzen Rest dem schlauen Internet überlassen und sich um „The Death of Bunny Munro“ kümmern.

Wie gesagt, seit einiger Zeit stehe ich den Platten Caves etwas verhaltener gegenüber, als es schonmal der Fall war, und auch, wenn das Doppel- beziehungsweise Zweifachalbum „Abattoir Blues/The Lyre of Orpheus“ (2004) nochmal ziemlich gut und vor allem abwechslungsreich und überraschend ist, meine liebsten Nick-Cave-Platten sind die Bad-Seeds-Alben zwischen „Kicking against the pricks“ (1986) und „Henry’s Dream“ (1992). Sein erster Roman, den ich damals anfang der 90er verschlungen habe wie nichts Gutes (in der deutschen Übersetzung allerdings), schien mir beim Versuch, ihn vor ein, zwei Jahren wiederzulesen, arg aufgesetzt, zu pathosbeladen, zu alttestamentarisch, zu vollgestopft (in der deutschen Übersetzung allerdings), und ich mußte es nach ein paar Seiten einfach genervt aufgeben. Und nun „The Death of Bunny Munro“.

Die Kritiken haben sich vor Lob beinahe überschlagen in ihren Rezensionen, wie man auf der Homepage von Kiepenheuer & Witsch nachlesen kann, bei denen das Buch auf deutsch erscheint. Doch hier und da wurde auch Kritik z.B. am Finale des Romans laut (die, dazu später, durchaus berechtigt ist), und so zögerte ich doch einige Zeit, bis ich mir das Buch in der englischen Paperbackausgabe in einem Anfall samstäglicher Shoppingsucht doch kaufte. Kaufte, aufschlug, zu lesen begann und es in einem Rutsch durchlas, amüsiert, zeitweise begeistert, zeitweise richtig traurig, nur am Ende kurz leicht genervt, aber im Großen und Ganzen sehr positiv überrascht.

Vielleicht dies jetzt gleich: Nick Cave ist ein großer Liedermacher, ein großer Liedtexter, eine insgesamt beeindruckende Gestalt, aber er ist freilich kein Autor von Weltliteratur. Behält man diese Einschränkung im Hinterkopf, dann ist „Bunny Munro“ ein richtig gutes Buch. Im Gegensatz zu seinem Debutroman hat Cave sein alttestamentarisches Donnern und Zürnen ab- und sich stattdessen einen fast schon leichtfüßigen Erzählstil zugelegt. Sein Zweitling erzählt die Geschichte des Kosmetikvertreters Bunny Munro, ein notorischer Schwerenöter und Weiberheld, völlig vaginafixiert, über seine besten Jahre hinaus, aber noch immer mit dem gewissen Etwas (seiner Meinung nach), das ihm die Weiber reihenweise ins Bett treibt, auch wenn das meistens unfreiwillig geschieht und sie es hinterher bereuen. Mit Schmalzlocke und jovialer Borniertheit stolziert Bunny also vom Verkaufsgespräch zum nächsten Fick und zurück, bis seine Frau Libby sich erhängt – ein Akt der Verzweiflung, der Abscheu vor und der Rache an Bunny, mit einer gewissen Perfidität, die Bunny den Rest des Romans – und seines Lebens – verfolgen wird. Bunny bleibt zurück, und mit ihm sein Sohn Bunny Jr., den er bis dato kaum beachtet hat und mit dem er auch weiterhin nicht viel anzufangen weiß. Nach einer Trauerphase, die bei Bunny eher ein Besäufnis mit seinen Kumpels ist, unterbrochen nur von kurzen Momenten ungenützter Erkenntnis über seinen Verlust und seinen Sohn, schleichen sich plötzlich surreale Momente ein, stimmt plötzlich etwas nicht mehr, überfallen Bunny plötzlich abstrakte Vorahnungen. Bunnys schnurgerades, borniertes Macholeben bekommt plötzlich Risse. Bunny packt seinen Sohn ein und steigt in sein Auto, on the road again, und macht sich entlang der englischen Südküste auf eine letzte Verkaufs- und Ficktour, sein Sohn auf dem Beifahrer- und eine immer größer werdende Finsternis auf dem Rücksitz, seinem schon im Titel angekündigten Tod entgegen.

Caves Version des „Death of a Salesman“ ist auf den ersten Blick die recht lineare Geschichte vom Niedergang eines ziemlichen Unsympaths, der seine Illusion ewiger Geilheit nach dem Tod seiner Frau, mit dem auch ihm selbst klar werden muß, daß er längst aufgeflogen ist, nicht mehr aufrecht erhalten kann, und der an seiner eigenen Erbärmlichkeit zugrunde geht. Erzählt ist das Ganze mit einem gewissen Furor, mit viel Humor, Caves – hier erfolgreich kanalisierter – Sprachgewalt, einer zunehmenden, surrealen Metaphysik (die sich, gepaart mit einer Prise Medien- und Gesellschaftskritik, in der Furche manifestiert, die ein mit Plastikhörnern und Teufelsgabel bewehrter, Überwachungskameras geradezu suchender Serienmörder durch England schlägt – eine von Cave mit voller Absicht inszenierte, derart plumpe Metapher, daß es nur so eine Freude ist) und einer unglaublichen, an allen Ecken und Enden unpassenden Sex- und vor allem Vaginafixierung, die sich wiederum – neben absolut und ausnahmslos allen Frauen – auf Avril Lavigne, Kylie Minogue und nochmal Avril Lavigne konzentriert (und oft in ziemlich komischen, grotesken Sätzen wie z.B. „Easy, no problem, vagina, vagina“ gipfelt).

Es ist sicher nicht die Story selbst, die den Roman zu einem guten Roman macht und die, wie auch die Songtexte Caves, vor allem von den letzten Dingen handelt. Vielmehr beweist Cave eher in Kleinigkeiten und Details ein großes Gespür für emotionale Zwischentöne, für die Tragik der ins Leere laufende Kommunikationen zwischen Vater und Sohn und für die ganzen vergeudeten Chancen zur Erkenntnis, die Bunny Munro zwar ahnt, aber bis zuletzt nicht ergreifen kann. Zwischen all der groben, hysterischen Sexualität, den Zoten und der Männlichkeit von Bunny Sr. gibt es immer wieder ergreifend einfache, stille, tieftraurige Momente, in denen Bunny Jr. im Mittelpunkt steht, in denen Cave hellsichtig die Perspektive des neunjährigen Jungen einnimmt, dessen ewig entzündete Augen dem Vater ebenso entgehen wie alles andere, der mit einer Schicksalsergebenheit seine Trauer, Verzweiflung und Einsamkeit im Zaum zu halten versucht und der seinen Vater trotz allem bewundert und liebt. Es zerreißt einem schier das Herz, wenn Bunny Jr. allein auf dem Beifahrersitz wartet und sich von vorne nach hinten durch seine Enzyklopädie arbeitet, ein Geschenk seiner Mutter, während sein Vater Kosmetika und seinen Pimmel an die Hausfrau zu bringen versucht, und ihn seine Einsamkeit überwältig und er sich so sehr nach seiner Mutter sehnt, daß diese ihm als Geist erscheint, ein schwacher Trost, denn der Geist verschwindet freilich wieder und läßt den kleinen Bunny allein in dieser fürchterlichen Welt zurück. Und selbst, als Bunny Munros Beunruhigung immer größer wird, bleibt sein Blick auf sich selbst gerichtet, entgeht ihm sein Sohn und dessen kranke, eitrige Augen und dessen wundes, kleines Herz.

„The Death of Bunny Munro“ ist tatsächlich ein schönes Buch, voller Witz und Trauer, voller Geilheit und Einfühlsamkeit, und nur ganz am Ende gerät Cave wieder sein biblischer stream of consciousness außer Kontrolle, und er gleitet ab in einen Pathos, der dem wohltemperierten und dennoch furiosen Restbuch ein allzu plump moralisches Bein stellt. Das sei Cave aber verziehen, denn die ersten neun Zehntel lohnen sich auf jeder Seite, seine Charakterisierung von Vater und Sohn und vor allem der Unmöglichkeit zur Verständigung zwischen den beiden ist mit dem gebotenen Respekt und dem größtmöglichen Humor beschrieben, und gerade der fließende Wechsel zwischen den grobschlächtigen Zoten des Vaters und den poetischen Momenten des Sohnes zeugt vom Können Caves, von seiner literarischen Leichthändigkeit.

Wie gesagt, „The Death of Bunny Munro“ ist keine Weltliteratur, es ist vielleicht auch nicht das literarische Meisterwerk, das die Presse ab und an sehen will, aber es ist ein schönes, lesenswertes Buch und vielleicht doch ein Meisterwerk für einen Autor, der hauptberuflich Musiker ist.

www.thedeathofbunnymunro.com
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