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Blanco Y Negro Records, 1994

„Amplified Heart“, das bereits achte Studioalbum von Everything But The Girl, das dem Folkpop-Duo und Ehepaar Tracey Thorn und Ben Watt durch den notorischen Todd-Terry-Remix von „Missing“ den Durchbruch und die Umorientierung zur Clubmusik brachte (die in Tracey Thorns Kooperation mit Massive Attack gipfelte), hat im Grunde alles, was ich an Musik hasse: eine aalglatte Produktion, leicht jazzige Folkgitarren, kitschige Streicher, schmachtender, aber immer gefasster, klarer, sauberer Gesang, ein Minimoog, der völlig harmlose Melodien spielt, und am Schluß sogar ein Saxophon. Keine Ecken, keine Kanten, nur adult oriented Wohlklang von blassen weißen jungen Erwachsenen. Jetzt ist es aber so, daß ich dieses Album heiß und innig liebe und für eine der schönsten Platten halte, die je gemacht worden sind, und weil Ben Watt nach langen Jahren wieder eine Soloplatte veröffentlicht hat, ziehe ich heute „Amplified Heart“ aus dem Regal und schreibe hier darüber.

Erwischt hat mich das Album zu einer Zeit, in der ich wiedereinmal einen dieser Jungsemesterherzensbrüche durchmachen musste und mich so richtig klassisch scheiße fühlte und nur die allertraurigsten Lieder der großartigen Talk Talk und des Soloalbums von Mark Hollis gehört habe, Sie wissen schon, eine Zeit, in der man nur bei geschlossenen Vorhängen im Bett liegt und leidet wie ein Hund, denkt, nichts würde je wieder gut werden, und sich nur nachts raustraut, um durch die Straßen zu laufen und den fröhlichen Menschen dort neidisch und schmerzerfüllt nachzublicken.

Und plötzlich brachte mir ein guter Freund „Amplified Heart“ vorbei. Zuerst ist dieses Album ja genau das, was man in so einer Phase hören möchte, um sich im Selbstmitleid suhlen zu können. Tracey Thorn singt in „Rollercoaster“, wie sie immer noch nicht drüber weg ist, in „Two Star“, daß sie samstagnachmittags Kinderfernsehen ohne Ton guckt, um den Liebeskummer zu vergessen, in „Troubled Mind“, daß jeder im Grunde allein ist, und in „I Don’t Understand Anything“, daß sie ohne ihn eigentlich gar nichts mehr versteht. Herzschmerzlyrik für junge Erwachsene halt. Aber dann war da doch etwas anders als bei der üblichen Herzschmerzmusik, die ich zu dieser Zeit gehört habe.

Denn trotz der glatten, aufs Radio schielenden Produktion ist „Amplified Heart“ eine fast schon kindlich naive, irgendwie hausgemachte und vor allem optimistische Platte, die von der Unvergänglichkeit der Liebe in einer alltäglichen Sprache anhand von alltäglichen Begebenheiten erzählt und musikalisch ergreifend im besten Sinne ist. Alles auf dem Album bewegt sich im Rahmen besagten jazzig angehauchten, radiotauglichen Folkpops, atmet dabei aber eine sehr intime Atmosphäre, als wäre das Album direkt nebenan im Schlafzimmer eingespielt worden. Tracey Thorn singt wirklich wunderschön, und auch Ben Watts androgyner Gesang auf „Walking To You“ oder „25th December“ ist zart wie Vanillepudding. Der gesamte Wohlklang der Platte ist wirklich aufrichtig und ernst gemeint, ist kein Schielen auf einen größeren Hörerkreis (den die beiden damals wohl gar nicht erwartet haben), sondern kommt aus einem, hm, Beschützerinstinkt von Thorn und Watts, als wollten sie ihre Hörer, herzensgebrochene junge Menschen wie mich, für eine Albumlänge einfach in den Arm nehmen.

Das ist das eigentlich Schöne an „Amplified Heart“: Dieses Album umarmt den Hörer völlig, ist dabei ganz naiv und zärtlich, ganz bei sich, ohne große Ambitionen außer der, die Lieder zu spielen. Und a propos die Lieder: Was für Songs haben Thorn und Watt hier geschrieben! Naiv: ja; glatt: ja; simpel: ja. Aber ungemein schön und in ihrer Einfachheit zwingend und immer hoffnungsvoll. Sei das „Rollercoaster“, das einfach um die Zeit zur Heilung bittet, sei das „Troubled Mind“, das trotz aller Schwierigkeiten zum Partner hält, sei das „Get Me“, das von der Unmöglichkeit des gegenseitigen Verstehens handelt. Alle Lieder durchzieht eine leichte, schöne Melancholie, und nur „We Walk The Same Line“ ist eine plötzliche Ausnahme, ein klares, gerades Liebeslied, ein Versprechen im uptempo. Weiterhin aus dem Rahmen fällt „25th December“, ein kleines Akustikgitarrenlied, in dem Ben Watt über seine Familie singt, das es einen zu Tränen rührt: „And I’m thirty, and I don’t know nothing no more.“

Und dann ist da noch „Missing“, auf meiner CD-Version sowohl im Original als auch im „Todd Terry Club Mix“, das von denen handelt, die irgendwann verschwunden sind, die einfach nicht mehr in unserem Leben stattfinden und an die zu denken man trotzdem nicht aufhören kann, die einem immer fehlen werden. Und in all dem restlichen wohlig-melancholischen Wohlklang ist „Missing“ mitten auf der Platte umso effektiver: Ein so trauriges, verzweifeltes, verlorenes Lied habe ich selten gehört. Der Remix fügt dem Original, das schon mit Elektronik spielt, aber irgendwie noch ein wenig kraftlos wirkt, tatsächlich etwas hinzu. Todd Terry nimmt dem Lied nichts von seiner Trauer, verleiht ihm aber noch ein wenig mehr Dringlichkeit. Obwohl die irgendwie schwachbrüstigen Akustikgitarren der Originalversion diese Leere der Abwesenheit ganz gut transportieren. Ein schwarzer Moment auf einem ansonsten abendsonnenfarbenen Album.

„Amplified Heart“ ist eine der menschlichsten, wärmsten, herzlichsten, sympathischsten Platten, die ich kenne, eine Platte, die dem bzw. der Herzensgebrochenen genug Raum lässt, um den Schmerz zu verarbeiten, die voller Hoffnung und Zärtlichkeit ist und voller wunderbarer kleiner Lieder. Und ich wußte damals, daß es plötzlich aufwärts geht, als ich nach einer der zahllosen durchwachten, qualvollen Nächte mit Talk Talk mit der ersten Morgensonne und „Amplified Heart“ im Walkman raus auf die Straße bin und gemerkt habe, daß ich noch am Leben bin. Und wenn der Herzschmerz dann endlich vorüber ist, bleibt immer noch ein wundervolles Album.

www.ebtg.com

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Fischer-Z - Destination Paradise - Front

Harvest, 1992

Jetzt, wo es wieder Frühling wird, krame ich gern wieder die ganz alten Platten raus, die, die ich damals gehört habe, zur Zeit meiner, hm, Selbstbewußtwerdung, wenn man es so nennen will. Die Zeit, in der das Leben noch dieses süße Versprechen auf Größeres, Wilderes, Tolleres war, in der man aber schon ein klein wenig über den Tellerrand hinausgeguckt hatte und leise ahnte, daß das Leben diese Versprechen wahrscheinlich nicht halten würde, weswegen man mit umso größerer Inbrunst und einer kleinen Melancholie an diesen Sommernächten festhielt, die noch magisch waren, aber nicht mehr ganz naiv. Ich war, Sie erraten es, einfach ein Teenager.

Allerdings einer, dem schon eine größere Melancholie auf dem Buckel saß, weswegen mir ein lieber Freund damals im Spätherbst 1992 zwei CDs in die Hand drückte: „Wish“ von The Cure („Da, das gefällt dir vielleicht bei deiner Laune gerade!“) und eben „Destination Paradise“ von Fischer-Z („Wenn Du mal gute Laune haben willst, hör dir die hier an!“) – dieser Freund brachte mich auch z.B. auf die Screaming Trees und, ich bin ihm ewig dankbar, auf die großartigen Sink. Ich kam zu der damaligen Zeit gerade aus dem Metal, der mir nichts mehr gab, Grunge und Indie waren noch nicht bei mir angekommen, also behalf ich mir mit New Model Army (die ich auch heute noch liebe) und einem kleinen bißchen Hardcore und schwelgte in Melancholie und wütender Verzweiflung. Und plötzlich waren da Fischer-Z mit „Destination Paradise“.

Das war auf einmal etwas völlig anderes. Das war Gute-Laune-Musik, die ganz ohne Krach oder Dämlichkeit auskam. Die naive Melodien hatte, die mit naiver Inbrunst gesungen wurden. Die lebensfroh und trotzdem gesellschaftskritisch war. Die das Scheißleben mit einem Lachen anging. Die mich durch einen Winter begleitete und plötzlich den Frühling einleitete. Die, ich habe mir später noch weitere Alben von Fischer-Z gekauft, die beste Platte diese Band ist, vielleicht die einzige durch und durch gute.

Was ich damals also zu Hören bekam war – Folkrock? Folkpop? Einfach Pop wahrscheinlich, mit sehr viel Akustikgitarre (was mir entgegenkam, hatte ich mir doch eben erst eine Akustikgitarre zugelegt), ansonsten in der klassischen Rockbesetzung, und mit John Watts einzigartiger, irgendwie nerviger, unglaublich sympathischer und heiterer Stimme. Und mit Songs, die mich heute noch begleiten, die ich gern immer noch auf der Akustikgitarre von damals spiele, die einfach ganz, ganz groß sind.

Das fängt schon an mit dem simplen aber tollen Akustikgitarrenriff des Titelstücks am Anfang der Platte mit seinem Mutmachtext, das geht weiter mit der großen Geste von „Will You Be There?“, mit dem leicht bitteren „Tightrope“, dem aggressiven „Say When“, dem witzigen „Caruso“, mit dem schönen Folk von „Marguerite Yourçenar“, dem Wiederaufrappeln von „Mockingbird Again“, dem Herzschmerz von „Still In Flames“ und dem kitschigen aber ergreifenden Schluß „Further From Love“. Und die Lieder, die ich nicht aufgezählt habe, sind auch wunderschön. Es war das erste Mal, daß ich Musik gehört habe, die nach dem Indiekniegehen das Wiederaufstehen besang („Don’t treat me gently, I’m still alive!“), und es half irgendwie. Und Fischer-Z hatten mit „Marliese“ und „Berlin“ vielleicht größere Hits, aber keine besseren Songs.

Jetzt sind 22 Jahre vergangen seit diesem Herbst, 21 seit diesem Frühling/Sommer, Fischer-Z sind schon längst im Orkus der Musikgeschichte verschwunden, und das Leben heute ist gut und braucht diese ermutigende Musik eigentlich nicht mehr. Aber manchmal, wenn es draußen wieder wärmer wird und die Sehnsucht nach irgendetwas Unbestimmtem sich nochmal leise regt, hole ich die CD mit dem schon total ramponierten Booklet voller niedlicher Bildchen und alberener WItze aus dem Regal und träume vom Frühling damals, als das Leben noch ein Versprechen war und als man mit drei Akkorden auf der Akustikgitarre den schwelgerischsten naiven Pop überhaupt machen konnte.

fischer-z.com
www.harvestrecords.com

Columbia Records, 1987

Gute australische Popbands scheinen hierzulande alle dasselbe Schicksal zu teilen, nämlich einen notorischen Hit zu haben (meist nicht einmal eines der besten Lieder), und damit hat sich’s dann in der größeren Öffentlichkeit. Den tollen Men At Work geht es so (wie an anderer Stelle berichtet), Nick Cave hat seine Wilden Rosen mit Kylie, AC/DC haben es wenigstens auf ein paar (stets gleichklingende) Hits weltweit gebracht. Und Midnight Oil wären dann die mit „Beds Are Burning“.

Bestenfalls sind Midnight Oil noch die australischen U2, weil sie auch politisch aktive Gutmenschen sind bzw. bis zu ihrer Auflösung 2002 waren. Im Gegensatz zu den Iren aber sind die Australier sowohl musikalisch als auch politisch erdiger, und es paßt gut (und ist sympathisch konsequent), das Sänger Peter Garrett mittlerweile australischer Minister für Umwelt, Kulturerbe und Kunst ist. Angesichts der australischen Geschichte bezüglich der Aborigines ist die politische Haltung Midnight Oils, die – auf ihren ersten zwei, drei Alben ist das hörbar – vom Punk und also von einer linken Haltung kommen, nachvollziehbar, und das hier besprochene Album „Diesel And Dust“ von 1987 wäre dann Agitprop im Popgewand, adult oriented Chumbawamba in etwa. Und das war offenbar wirklich wichtig damals, machte es auf die verheerende Situation der Aborigines besser und umfangreicher aufmerksam, als es die dröge linke Politik hätte machen können.

Was für diesen kleinen Blog hier allerdings ausschlaggebender ist als die politische Bedeutung von „Diesel And Dust“ ist die Tatsache, daß dieses Album wahrscheinlich eines der wichtigsten in meiner Biographie ist, war es doch damals, 1990, eines der Alben, die mir den Weg aus dem damals zur Sackgasse werdenden Metal wiesen (zusammen mit, naja, einer Best-Of von The Police), ein Weg, der dann mit Grunge seine Fortsetzung und Vollendung fand.

Der Sommer 1990 war ein klassischer Sommer der verlorenen Unschuld, aus dem Kind wurde ein Mann, was in meinem Fall leider nicht Sex, sondern Depression und Liebeskummer (mein eigener und, schlimmer noch, der zweier guter Freunde) bedeutete – kindliche Naivität weg, aber nur Scheiße dafür bekommen. Fing jener Sommer noch mit den ersten großen Parties an, den ersten durchgemachten Nächten und mit Bier im Freibad durchgepennten Tagen, und gipfelte er schließlich in einer dreiwöchigen Party im sturmfreien Haus guter Freunde, war diese letzte Unbeschwertheit mit dem Einbrechen des Herbstes und des Regens, mit dem plötzlichen, rapiden Kleinerwerden der Welt nach einem Sommer voller neuer Versprechen ein für allemal dahin.

Dieser kleine Exkurs ins Seelenleben eines Provinzteenies ist nötig, um die Bedeutung von „Diesel And Dust“ deutlich zu machen. Denn es war nicht die politische Brisanz des Albums, die den 15-Jährigen in seinen Bann zog, sondern diese Weite in der Musik, diese warmen Nächte unter sternenklarem Himmel, die die Lieder evozierten, die Freiheit der endlosen Landschaften Australiens, die ich mir da zusammenimaginierte. Ich behaupte, daß genau das einen großen Teil zu meiner Seelenrettung beigetragen hat.

Was nun am auffallendsten an Midnight Oil ist, außer dem legendären Auftakt des großen Hits „Beds Are Burning“, ist Peter Garretts Stimme, die sich durch die Lieder knarzt und manchmal schon etwas maniriert wirkt, und es ist nachvollziehbar, warum sie einige nicht ab können. Aber es steckt soviel Charisma darin, soviel Kraft, daß sie nicht umsonst das herausstechendste Merkmal der Band ist. Aber damit trifft man nichtmal einen Bruchteil dessen, was Midnight Oil ausmacht. „Diesel And Dust“ ist nicht nur ein Album voller großer Songs (wie eben „Beds Are Burning“ oder die erste, hymnische Single „The Dead Heart“, aber auch „Warakurna“ und „Bullroarer“ oder die zynische Ballade „Whoah“), sondern vor allem auch eines der kleinen Details, die eine große, weite, reichhaltige Klanglandschaft malen.

Das fängt an mit dem trockenen Baßlauf von „Beds Are Burning“ und dem Percussion-Break vor dem zweiten Refrain, der plötzlich total testosteronschwanger und ein bißchen dick aufgetragen ist. „Put Down That Weapon“, fängt wiederum mit einer warmen, schönen Gitarrenlinie an, die nach dem Intro wiederum in eine rauhe Trockenheit kippt, die ihrerseits von einem zärtlichen Refrain abgelöst wird, bevor der Zwischenteil am Ende alles kurz und klein haut. „Dream World“ ist ein kleiner Poprocker mit eingängigem Refrain, „Arctic World“ dann eine eigentlich konventionelle Ballade, die sich in sphärischen, glasklaren Keyboardklängen verliert und übergeht in „Warakurna“, ein Lied voller Hoffnung und Lebensmut, mit einer tastenden E-Gitarre und einem treibenden Baß und so vielen Bildern und Gefühlen allein in den Sounds zwischen den Stücken.

Meine drei Favoriten kommen dann direkt nacheinander, angefangen mit „The Dead Heart“ und seiner tollen gezupften Akustikgitarrenlinie über dem pumpenden Baß, die sehr verloren klingt, bis sie von einem Chor aufgenommen wird und plötzlich nach Dur kippt. Der unaufgeregte Refrain ist wunderschön, aber das Tollste an „The Dead Heart“ it sein Schluß: Garrett zählt in einem sehr zurückgenommenen, aber nichtsdestotrotz spannungsreichen Moment all die companies auf, die mehr Rechte haben als die Menschen in Australien, und plötzlich ist da wieder das Dur, und ein hymnisches verhalltes Horn wird plötzlich geblasen, ein Glockenspiel kommt dazu, und am Ende bleiben nur die Akustikgitarre und das Glockenspiel ganz nah beim Hörer. Ich gebe zu: Ich bekomme hier immer eine Gänsehaut, und all die Versprechungen, die das Leben dem Jugendlichen in diesen Nächten macht (und später lustvoll bricht), sind wieder da.
„Whoah“ wiederum ist eine fast beklemmende Ballade über die Verlogenheit des Christentums, mit Ernst und Zärtlichkeit vorgetragen, und trotz seiner Langsamkeit wäre dieses Lied beunruhigend, wäre da nicht der versöhnliche Schluß. „Bullroarer“ schließlich nimmt den Hörer mit in die Weiten Australiens, mit seinem Hall, seiner schönen Gitarrenmelodie, den „Bullroarers“, traditionelle Instrumenten, die Geräusche machen wie große Maschinen, dem Echo auf dem Refrain, dem Wechselspiel von Akustik- und E-Gitarre, und seinem ganz unpeinlichen Rock-Gestus.

„Sell My Soul“ sackt dagegen ab, ist ein Poprocksong, schön, nett, aber eben nichts besonderes. Das wäre „Sometimes“ auch, wäre dieses Lied nicht so schön euphorisch, und hätte es nicht seine Offbeat-Gitarren in Stereo, die einen schönen kleinen Effekt erzeugen. Den Schluß bildet dann „Gunbarrel Highway“, das genau so klingt: wie eine lange Fahrt auf einem staubigen Highway, in einem schnellen Auto. Ein gelungenes Ende für ein wunderbares Album. Das Lied war auf der US-Version übrigens nicht zu finden, weil, so das Internet, den Amerikanern die Zeile „shit falls like rain on a world that is brown“ zu hart war.

Was beim Hören heute auffällt: Teilweise klingt das Album schon sehr dated. Die Gitarrensounds sind manchmal ebenso Achziger wie die Percussioneffekte, und der ein oder andere Synthie-Sound klingt schon arg cheesy. Das ist zwar schade, macht aber nichts, im Gegenteil. Es ist nämlich genau die für solche Sounds verantwortliche Experimentierfreude, die auch einen ganzen Haufen feiner Details erzeugt hat: diese wahnsinnig tollen Hörner, die kleinen Synthiemelodien, die Übergänge zwischen akustischer und elektrischer Gitarre, die perkussiven Elemente hier und dort, die immer wieder eine ungemeine Weite und Reichhaltigkeit erzeugen. Das, gekoppelt mit der inhaltlichen Tiefe und den immer wieder schönen Bildern in den Texten Garretts, erzeugt eine Welt, wie sie sich Midnight Oil für ihr Land wohl wünschen: ein reiches, blühendes, abwechslungsreiches Land voller Versprechen, Hoffnung und guter Musik.

www.midnightoil.com

Rabid Records, 2005

Der Sommer ist die schwerste Zeit. Denn dann erzählt dir jeder, wie leicht alles ist, wieviel Spaß du haben kannst. Draußen springen sie umher, du hörst ihr Lachen und Kreischen, riechst förmlich die Sonnencreme auf ihrer nackten, braunen Haut, schmeckst den Alkohol in der Sommerhitze förmlich auf der Zunge, der erste, unschuldige Rausch. Bleibst du zuhause, dann weht dir der Wind dieses Lachen durch’s Fenster, und diese unstillbare Sehnsucht überrollt dich, diese süße, furchtbare Unruhe, und du gehst unter. Bist du dabei, dann fühlst du dich fremd, seltsam, viel zu düster, und du merkst, daß das Versprechen, das der Wind dir durch’s Fenster hineingeweht hat auf deine kühlen Laken und die Blätter mit deinen Gedichten, eigentlich ein großer Scheiß ist: Du bleibst dennoch allein, es tut nur mehr weh, weil du unter Leuten bist, die alle fröhlich und betrunken in der Sonne liegen. Aber du versuchst es natürlich, du willst dazugehören, du lächelst, du trinkst, du küsst, aber es tut weh. Der Sommer ist wirklich die schwerste Zeit.

Jenny Wilson stand ausgerechnet vor ihrem 30sten Geburtstag, diesem schon (und nicht nur) von Ingeborg Bachmann besungenen Wendepunkt im jungen Erwachsenenleben, als sie 2005 mit „Love & Youth“ den Soundtrack zu diesen vermaledeiten Jugendsommern veröffentlichte, mit der programmatischen Single „Summertime – The Roughest Time“, und man hört, auch Wilson saß in diesen Sommern lieber zuhause über ihren Büchern, als unbeschwert mit Freunden feiern zu gehen. Daß sie dies manchmal dennoch getan hat, als eine intellektuelle femme fatale, daraus schöpft sie jetzt das Material für ihr Solodebüt.

Eine Stubenhockerin ist sie geblieben: Das ganze Album wurde von ihr im Alleingang geschrieben, aufgenommen und produziert (mit nur ein bißchen Hilfe), und man stellt sich vor, wie sie in einem heißen Sommer mit sehnsüchtigem Blick nach draußen auf ihre Schulkameraden von damals diese wundersamen, ungemein cleveren und guten Songs an ihrem Laptop produziert und dabei mit bitterem Wissen um ihre verlorene, nein, um ihre nie dagewesene Unschuld das Glas Martini zuviel am Nachmittag trinkt. „Love & Youth“ ist die Rückschau einer Frau, die noch viel zu genau spürt, wie sich das alles früher angefühlt hat, die aber auch schon die Verletzungen überschauen kann, die Narben, die geblieben sind. Gleichzeitig weiß sie aber auch, daß es anders gar nicht hätte verlaufen können. Und dann, man hört es ihren leicht nervösen Rhythmen und melancholisch-schönen Melodien an, ihrer Discoaffinität und auch ihrem Wunsch, die Nacht zu nutzen, ist sie doch auch jung geblieben.

So atmet ihr schöner Synthiepop eine schmerzliche Bitterkeit, der der unbedingte Wille eingeschrieben ist, ein Teil dieser Sommer zu sein, dieser Teeniehaufen am Lagerfeuer, für die die Versuchung noch süß schmeckt, aber die Unschuld ist dahin, das Erwachen ist immer gleich mitgedacht, und daß jeder verführerischen Nacht ein schmutziger Morgen folgt, weiß man mittlerweile ja auch. Daneben aber gibt es auf „Love & Youth“ Melodien von wahrhaft atemberaubender Schönheit, allen voran in meinem Lieblingslied „Let My Shoes Lead Me Forward“, die gestützt werden von eben dieser nächtlichen Nervosität, die sich in elektronischem Pluckern, in unruhigen Akustikgitarren, in Baßläufen und Rhythmen niederschlägt, die klingen, als stünde man draußen vor der Mehrzweckhalle, verstecke sich dort im Gebüsch und sehe der Party drinnen zu, scheu und sexualisiert zugleich, einsam und gleichzeitig völlig aufgegangen in der Körpermenge hinter den Scheiben.

Um zu wissen, daß Jenny Wilson gleichzeitig ungemein mondän ist, muß man nichtmal ihre Videos oder die Bilder im Booklet gesehen haben, die sie ironisch zwischen Discoglam und Edelpelz zeigen. Denn die dandyhafte Weltgewandtheit findet sich auch in ihren Texten, die sie als wissenden Bücherwurm einserseits, als weltmüden Vamp andererseits präsentieren, die Nase an Büchern blutig gerieben („I’m working hard on an intellectual look“), um das angelesene Wissen in die Verführung eines Knaben zu investieren („You think you have to comfort me, so the kissing has begun…“). Doch die Ironie, die diesen großen Gesten innewohnt, ist unübersehbar, gerade auch, wenn diese von kleinen, aufrichtig melancholischen Liedern wie „Those Winters“ oder „Would I Play With My Band?“ konterkariert werden, oder von den Antagonisten der Sängerin wie in „A Hesitating Cloud Of Despair“, das halb mitleidige, halb neidische Portrait einer Prom Queen, von der die Jungs halt doch nur Sex wollen, oder in der Selbstreflexion „Bitter? No, I Just Love To Complain“, eine sich an Dub anschmiegende Abrechnung mit der Musikindistrie, die dabei aber nie vergißt, daß das Klagen über die mangelnde künstlerische Freiheit ein Jammern auf höchstem Niveau ist.

„Höchstes Niveau“ ist ohnehin das Stichwort für „Love&Youth“, eine Platte, die ein wenig wie der Dachboden ist, auf dem Bastian Balthasar Bux die „Unendliche Geschichte“ findet und sich darin verliert – einsam und dennoch reich und tröstend. Ironisch, aber dennoch voller unglaublich aufrichtiger Gefühle. Bitter, aber dennoch irgendwie eine Rettung. „Love&Youth“ ist ein umfassender Blick zurück auf eine vergangene Jugend und auf all die Narben und den Unrat, den sie hinterlassen hat, die einen tieftraurig macht und der man deshalb mit Ironie und Spott begegnet, aber nach der man sich irgendwo tief drinnen doch noch sehnt. Vielleicht, um alles besser zu machen. „Love&Youth“ ist eine Platte voller Melancholie, Einsamkeit, voller wunderbarer Melodien, Beats, voller Weisheit und Zynismus, eine reife Platte, die die Unreife zu keiner Zeit vergißt. Jenny Wilson hat in ihrer Stube mit dem verschleierten Blick in die Sommernächte von früher eine hervorragende Platte gemacht, die ebenso zu Herzen geht wie in die Beine, und die einfach ganz wunderbar ist.

http://jennywilson.net
www.rabidrecords.com

Pond Life/EFA, 1998

Und nochmal Herbstmusik, diesmal weniger von der kuschligen als vielmehr von der dramatischen Sorte: 1998, sieben Jahre nach Auflösung der Band und zwölf Jahre nach dem eigentlichen Konzert, erschien das erste und einzig offizielle Livealbum der großen Talk Talk, auf dem Mark Hollis-eigenen Label Pond Life, und damit ein unglaubliches Zeugnis dieser unglaublichen Band.

Talk Talk waren ja nun nie als Liveband bekannt, und gerade das Spätwerk wurde ob seiner Komplexität und Zerbrechlichkeit überhaupt nicht mehr live aufgeführt (dazu wurde in der entsprechenden Presse ja schon alles gesagt), und „London 1986“ ist offenbar bereits das letzte Konzert der Band, die immerhin erst 1991 mit „Laughing Stock“ ihr letztes offizielles Album veröffentlicht hat. Weiterhin haben Talk Talk, vielleicht mit Ausnahme des allzu konventionellen Synthie-Pop-Debuts „The Party’s Over“ (1982), eine Reihe von unglaublich guten Studioalben geschaffen, so daß sich an dieser Stelle zurecht die Frage stellt: Wieso wird hier dann ausgerechnet das Livealbum besprochen?

Livealben sind ja so eine Sache, und meine Sache sind sie eigentlich nicht unbedingt. Der Sound stimmt oft nicht, die Zwischenrufer stören eigentlich immer, der Applaus fängt meistens zu früh an und hört zu spät auf, so daß man die Lieder nicht rein und schön genießen kann, diese persönliche Beziehung, die man als Hörer zu den Liedern aufbaut, wird durch das Publikum untergraben, und außerdem sind die Veränderungen in den Arrangements ja meistens irgendwie unvertraut, und das mag man als bornierter, eingefahrener Fan nicht. Ausnahmen gibt es allerdings, z. B. Bonnie „Prince“ Billy, dessen „Summer in the Southeast“ (2005) oder das ganz neue Doppelalbum „Is This The Sea?“ (2008) noch eine unmittelbare Energie haben, die seinen Studioalben verlorengegangen ist. Oder eben „London 1986“.

Freilich: Die Zwischenrufer sind auf dieser Platte noch lästiger als eh schon, gleich zu Anfang mußte ich mich ärgern, als in der dramatischen, ungemein spannungsgeladenen Pause des Eröffnungsstückes „Tomorrow Started“, in der Hollis anfängt zu singen, ein Depp „Juchei“ oder so brüllen muß und die Dramatik damit ziemlich ruiniert. Dann aber kann ich ihn verstehen: Irgendwie muß der Mensch eine solche Erwartung, eine solche Spannung ja entladen, die durch diese extrem intensive Musik entsteht, und nicht zuletzt auch durch das Enigma der Band selbst. Sei’s drum: Der Sound hingegen ist glasklar, druckvoll, läßt den Details jeden Raum, den sie brauchen, ist einfach prima (man fragt sich in der Tat, wie lange der Soundcheck wohl gedauert haben mag) und wird so den Studioalben durchaus gerecht, die Songauswahl ist „eine Art Best-of-Live-Album, mit allen Knallern drauf“, so das Intro damals, und die Frage bleibt: Wieso begeistert mich ausgerechnet das Livealbum dieser Studioband so sehr?

Ein prosaischer Grund dafür mag sein, daß ich die Studioversionen dieser Lieder damals einfach so dermaßen oft gehört habe, daß ich froh war, damals dieselben tollen Lieder in anderen, noch nicht durchgenudelten Versionen hören zu können. Tatsächlich aber hat mich dieses Album zu einem Zeitpunkt erwischt, der besser nicht hätte sein können: Ich hatte Talk Talk eben erst entdeckt und einige Zeit lang rauf und runter gehört, eine Musik, die mir damals wie nichts sonst entsprochen hat in all ihrem Schmerz, dem leidenden Gesang von Mark Hollis, den irrsinnigen Arrangements und Melodien, den metaphysischen Texten, die in ihrem Fragen so schienen, als könnten sie irgendetwas erklären. Und dann plötzlich das Livealbum, und damit das Versprechen, dieser Musik und ihrem Protagonisten Hollis noch ein Stück näher kommen zu können, denn bei aller Emotionalität sorgte die Perfektion der Studioalben und Hollis‘ oft vernuschelter Gesang immer für eine gewisse Distanz, oder vielleicht für eine Körperlosigkeit, eine metaphysische Abstraktion, und die Hoffnung bei „London 1986“ war, hinter dem Kunstwerk Talk Talk ein wenig von diesem faszinierenden, geheimnisvollen Menschen Mark Hollis selbst mitzubekommen.

Diese Liveaufnahmen gelten für einige Journalisten als Schnittstelle zwischen den frühen, synthiepopaffinen Talk Talk und dem von Jazz, moderner Klassik und Minimal Music beeinflußten Spätwerk, das bereits mit 1986 „The Colour of Spring“ seinen Anfang nahm und seine Vollendung in „Laughing Stock“ (1991) fand, als Ausblick auf das Kommende, und die Songauswahl beschränkt sich auf die Hits des zweiten Albums „It’s My Life“ (1984) und besagtem „The Colour of Spring“. Doch was auf den Studioalben noch schöne, clevere Synthiepopsongs sind („It’s My Life“, „Does Caroline Know?“, „Tomorrow Started“), oder aber schon deutlich niveauvoller („Life’s What You Make It“, „Such A Shame“), wird hier zu einem intensiven Erlebnis, zu klanggewordener Verzweiflung und Wut, in die nur „Does Caoline Know?“ ein bißchen Licht bringt.

Ansonsten arbeitet sich die Band furios und handwerklich perfekt durch die lähmende Trauer von „Tomorrow Started“, die düstere Wut von „Life Is What You Make It“, die teen angst von „It’s My Life“ (später von den doofen No Doubt nahezu eins zu eins gecovert – also eigentlich unnötig -, nur ohne den tollen Gesang von Hollis; immerhin haben sie so Talk Talk einer breiteren Öffentlichkeit ins Gedächtnis zurückgerufen, so gesehen: Danke, No Doubt), die kopfschüttelnde bittere Erkenntnis von „Such A Shame“ und, als großartiges Finale, durch die tiefe Trauer von „Renée“, und wirkt dabei lebendig und energisch wie nie zuvor. Höhepunkt ist das unglaubliche „Living In Another World“, hier noch intensiver, wütender, kräftiger als auf der Studioaufnahme, und Mark Felthams Mundharmonika bricht hier zu einem wahren Fegefeuer aus. Wow. Selbst das von mir immer als irgendwie unnötig empfundene „Give It Up“ mit seinem doch leicht pubertären Text gewinnt hier an Tiefe und Schönheit, und das veränderte Arrangement ihres Hits „Such A Shame“, der hier nicht wie normal langsam und bedrohlich anfängt, sondern gleich voll aufs Gas tritt und den Hörer förmlich wegbläst, tut diesem Song extrem gut.

„London 1986“ mag tatsächlich nur ein Live-Best-Of der frühen Talk Talk sein, aber diese Platte leistet dem Hörer den wunderbaren Dienst, all diese leidenschaftlichen Lieder, die man bis zu ihrem Erscheinen 1998 schon so oft gehört hatte und deren Intensität sich vielleicht langsam abgenutzt hat, in diesen neuen Versionen nochmal neu und noch intensiver zu erleben, wofür ich persönlich sehr dankbar bin.

Und außerdem kann man den großen, enigmatischen Schweiger Mark Hollis auf diesem Album zwei, drei Mal „Thank you“ und „Good night“ sagen hören. Näher war er einem bis dato noch nie gekommen.

Within Without
Talking Space