GF040 Fred Raspail

Gutfeeling Records, 2014

So langsam wird’s ja doch wärmer draußen, abends sitzt man schonmal – warm eingepackt – mit den Freunden draußen im noch nur mager eingerichteten Biergarten, und am nächsten Morgen brennt’s dann zwar beim Pinkeln, aber eine Ahnung vom Sommer hatte man doch. Und wenn’s dann doch zu kühl wird draußen, dann hilft ein guter Schnaps, vielleicht schon ein Pernod. Der schmeckt auch schon nach Sommer, wärmt aber trotzdem.

Womit wir eigentlich beim passenden Thema zur Musik vom Französischschweizer Fred Raspail wären: Trinken und durchgemachte Sommernächte, mit allem, was dazugehört – Musik, Mädchen, Melancholie und eine gehörige Portion Tanzbein. Fred Raspail kommt vom Genfer See und hat, was man auch hört, gute Kontakte zur Szene um Voodoo Rhythm. Sein Herz gehört aber dem Chanson, Rock’n’Roll und Punkrock hin, Country und Folk her.

Ja, man wird beim Hören der „French Ghost Songs Part II“ kräftig durchgeschüttelt, und die Melange aus oben Genannentem ist ein großer Spaß, angefangen beim Bluesrock „Ulyssee“, dem Boom-Chicka-Boom von „Honest Man“ und dem Country-Waltz „Katrina“ hin zu „Die geiste“ [sic!], „loosely based on ‚the girl in the lake‘ by pierre omer“, dem ersten Ruhepol des Albums, ein gespenstisches Liebeslied an, hmja, an wen? Französisch müsste man können… „Dans les herbes folles“ hat dann wieder diesen klassischen Rhythmus von Johnny Cash, Fred Raspail schmachtet aber so wundervoll wie Elvis morgens um halb vier.

„The devil wants a girl“ zitiert dann frech „Sympathy for the Devil“, allerdings mit einem derart fiesen Gitarrensound und einer Fröhlichkeit, daß man sogar völlig übermüdet, wie ich es grade bin, aufstehen und alles mögliche schwingen will. An dieser Stelle sei am Rande übrigens auch Raspails niedlicher französischer Akzent in seinen englischen Liedern erwähnt, der das Ganze noch charmanter als eh schon macht.

„My baby left me“ schmachtet wieder daher, als hätten Elvis, Tom Waits und die Pussywarmers gemeinsame Sache gemacht, das kurze, gepfiffene Reprise „Die geiste part II“ nimmt sich dann wieder weit zurück, lässt der einzelnen verhallten Gitarre viel Raum und ist viel zu schnell vorbei. Mein persönlicher Liebling auf der Platte ist dann „Elle a pleuré“, ein trauriger Chanson, ein trister Walzer mit Banjo und Akkordeon, Slidegitarre und schön viel Gefühl.

Zum Glück bleibt man nicht lange traurig, „Lasse vegas“ drückt wieder tüchtig aufs Gas, eine feine Mischung aus klassischem Chanson und Rock’n’Roll, ein großer Spaß in Moll. „Chout mi sou“ ist dann wieder ein mächtiger Blues, der mich aufs erste Hören in seiner scheppernden, windschiefen Wucht an Judge Bone & Doc Hill erinnert, ehe es am Ende mit „I’m in love with a girl who doesn’t care“ nochmal schön schmalzig wird, ein schöner Abschluß für diese Platte und ein gutes Lied für ein letztes Glas Wein, ehe es draußen zu kalt wird.

Das Bemerkenswerte an „French Ghost Songs Part II“ ist, das es Fred Raspail bis auf die ein oder andere Hilfestellung hier und da komplett allein eingespielt hat und dank einer Loopmaschine so ähnlich wohl auch live klingt. Raspail ist also nicht nur stilistisch ein vielbegabter Mann, sondern auch handwerklich. Er hat eine Stimme zum dahinschmelzen, weiß, wie man schmachtet, weiß, wie man rockt, und er weiß, wie man eine Platte macht, die klingt, als ob man die nächste Flasche Wein zusammen mit den Fremden am Nebentisch trinkt und auf ewige Freundschaft anstößt. Von mir aus kann der Sommer jetzt kommen, die richtige Musik habe ich jetzt.

www.fredraspail.com
www.gutfeeling.de

Mastodon-TheHunter-albumcover

Reprise Records, 2011

Vor einiger Zeit mal beim Elektrogroßhandel meines Vertrauens aus einer Billigkiste gezogen und für knapp fünf Euro mit nach Hause genommen, mauserte sich dieses Album in der letzten Zeit zu meiner Lieblingskurzstreckenautofahrtsplatte. Und weil jetzt doch langsam der Frühling kommt und die Zeit für düstere Musik vorbei ist, kommt jetzt endlich mal Mastodons (noch) aktuelle Platte „The Hunter“ zu einer Besprechung hier in meinem kleinen Blog (man liest, das neue Album sei so gut wie fertig).

Mastodon habe ich schon etwas länger auf dem Schirm, wie man sagt, ohne mich aber tiefer reingefunden zu haben in diese ziemlich tolle Band. Aufmerksam wurde ich über den Bootleg-Blog Southern Shelter, ein guter Freund führte mich dann nur leidlich erfolgreich näher an Mastodons Backkatalog heran, und erst „The Hunter“ zündete dann richtig. Und obwohl Mastodon ja eine Metalband sind, und Metal ja eher mit den Klischees von Dunkelheit, Schnee und allgemeiner Fiesheit spielt, ist „The Hunter“ für mich Zuspätkommenden die Gute-Laune-Platte für den Frühling 2014.

Aber zuerst muß man sich durch das unglaublich brillante Eingangsriff des Openers „Black Tongue“, nun ja, rocken, ein Riff, von dem die meisten Metalbands nur träumen: mächtig, groovend, originell, eingängig und einfach irrsinnig gut. Überhaupt ist Black Tongue mein Lieblingslied auf dem Album, gefolgt von meinem zweitliebsten, „Curl of the Burl“ (für das die Band einen sehr witzigen Videoclip mit dem B-Horrormoviestar Bill Oberst Jr. in der Rolle des durchgeknallten Methheads gedreht hat), und das jede ordentliche Party zum Spaßhaben bringt.

So weit, so metallastig. Doch der dritte Song, „Blasteroid“, macht klar, warum „The Hunter“ eine Frühlingsplatte ist. Denn bei aller Geschwindigkeit und aller Fiesheit im Text macht dieses Lied wirklich gute Laune, ist ein schön gesungener, von heiteren Gitarren getriebener Rocksong, für den man grad sein Skateboard wieder aus dem Keller holen möchte. „Stargasm“ beeindruckt dann mit seiner psychedelischen Dringlichkeit, einerseits drängend und fordern, andererseits aber irgendwie bekifft, mit tollen Gesangsharmonien (ich muß an dieser Stelle zugeben, daß ich die drei Hauptsänger Troy Sanders, Brent Hinds und Brann Dailor sowie den Sangesdebütanten Bill Kelliher noch nicht wirklich auseinanderhalten kann) und dem wie in den anderen Songs auch tief beeindruckenden Drumming von Brann Dailor.

Den schönsten und traurigsten Titel hat „Octopus Has No Friends“, das mich jedesmal zurück in die seligen 90er entführt, und erst beim düsteren, fiesen „All The Heavy Lifting“ wird „The Hunter“ so richtig Metal, für mich jedenfalls. Was aber gar nichts macht, denn: Frühling und so, nicht wahr? Das Titelstück der Platte ist dann wieder ein fast schon romantisches, düsteres Kifferlied, sehr psychedelisch, mit einem sehr schönen Spannungsbogen vom gezupften Intro hin zum klassischsten Rockgitarrensolo der Platte, das den Song beschließt.

„Dry Bone Valley“ nimmt einen dann mit auf eine wilde Fahrt im Pickup-Truck durch eben dieses öde Tal, gehetzt von allen Dämonen, straighter Stoner-Metal, und schon „The Thickening“ wird wieder progressiver und psychedelischer, ehe es mit „Creature Lives“ richtig romantisch wird. Anfangs musste ich über dieses Lied lachen, das die Geschichte des Dings aus dem Sumpf aus Sicht seines Kumpels erzählt und um Mitleid mit dieser Kreatur bittet, aber mittlerweile mag ich diesen kindlich-kitschigen Song doch auch recht gern.

„Spectrelight“ mit Scott Kelly von Neurosis am Gesang ist dann genau das, was man bei Kelly erwarten darf, ein fieser, schneller Metalsong, bei dem man das Gaspedal gern nochmal ein wenig mehr durchdrückt. „Bedazzled Fingernails“ ist dann eine schöne Mischung aus rhythmischen Herausforderungen und straightem Auf-die-Fresse, ehe „The Sparrow“ das Album mit großer, balladesker Geste beendet.

Jetzt ist es so: Mastodon sind eine sogenannte progressive Metalband, die sich durch komplizierte Rhythmen, komplexe Songstrukturen und schwierige Gesangsharmonien auszeichnet, und die mit „The Hunter“ ihr eingängigstes Album gemacht haben. Mastodon können gut singen, brüllen aber auch gern  mal, und Mastodon spielen komplexe, aber sehr harte Gitarren. Wenn man sich „The Hunter“ aber mal genauer anhört, stellt man fest, wie sympathisch und sonnig diese Musik ist, wie viel Spaß die vier Jungs haben, und man merkt, daß „The Hunter“ in Wirklichkeit eine waschechte Hippieplatte für Metalheads ist, mit einem tollen Sound und großartigen Liedern. Eine Platte, die man am besten bei offenem Fenster hört, während man morgens mit seinem Auto durch die Frühlingssonne brettert.

www.mastodonrocks.com
www.warnerbrosrecords.com

Gutfeeling/Trikont 2012 / Gutfeeling/Red Can Records 2012

Und nochmal Gutfeeling, diesmal im Doppelpack, und zwar sind gerade zwei Bands abwechselnd auf meinem Plattenteller, die auf’s erste Hören unterschiedlicher kaum sein könnten, die aber dann doch mehr miteinander gemein haben als man denken sollte, und deren Vinyl nicht zu Unrecht auf Gutfeeling erscheint. Kofelgschroa und Hummmel (ja, mit drei „m“) heißen die beiden Bands, Erstere ist irgendwie der bayrischen Volksmusik verpflichtet und bringt ihre CD folgerichtig bei Trikont raus, Letztere kommt hörbar aus dem Hardcore/Punk und macht minimalistischen Electro-Noiserock auf Red Can Records in Kooperation mit Gutfeeling in ungewöhnlicher Zwei-Mann-Besetzung.

Verpackt sind beide Platten wiedereinmal ungemein liebevoll mit Siebdruckcover, Einlagen (Kofelgschroa)  bzw. kleinen plüschigen Aufklebern auf der Innenhülle, die man durch zwei Löcher im Cover streicheln kann (Hummmel), und ein Downloadcode für den mp3-Player liegt auch bei. Da muß man aber bei Gutfeeling eh nicht mehr viele Worte verlieren. Zu den beiden Bands allerdings schon.

Kofelgschroa, vier Jungs aus Oberammergau, soviel prognostiziere ich jetzt schonmal, haben das Zeug, größer zu werden. Und das nicht nur, weil sie das schon seit einiger Zeit andauernde Volksmusik-Dekonstruktions-Revival bedienen, das (sage ich mit zugegebenermaßen nicht allzu viel Sachkenntnis) mit Attwenger, Stimmhorn und ähnlichen Bands schon vor einiger Zeit begonnen hat, dank der etwas exotischeren Volksmusik des Balkanbeat populär wurde und nun einiges an neuer Volksmusik gebiert, so wie auch die hier bereits besprochenen Landlergschwister. Dieser Exotismus ist zur Zeit zwar hilfreich, um bei einem größeren Publikum Aufmerksamkeit zu erlangen, ist aber die geringste Tugend von Kofelgschroa.

Ganz ähnlich wie Hummmel arbeiten Kofelgschroa, das fällt zuerst auf, in Schleifen. Da werden die drei klassischen Akkorde schonmal über Minuten repetiert, und ein Lied kann auch schonmal nur aus einer Textzeile bestehen (wie das Eröffnungsstück „Sog ned“), die Melodien der Bläser und des Akkordeons umspielen sich minimal variierend, und während sich diese einfachen Lieder langsam in ihre Überlängen hineinschrauben, merkt man irgendwann, wie schön sie sind. Und mit „schön“ meine ich wirklich schön. Obwohl Kofelgrschoa oft beherzt schief klingen, wacklig, eiernd, sind ihre einfachen Lieder von einer wunderbaren Harmonieseligkeit. Und das Schiefe, Wacklige rettet zusammen mit dem instrumentalen Bierstubenminimalismus diese tollen Melodien, diese schönen Harmonien (des Gesangs wie der Instrumente) davor, kitschig zu sein. Und, das erstaunt nach dem dadaistischen, fröhlichen und durchaus albernen Eröffnungsstück, melancholisch sind Kofelgschroa, wie dann bereits das zweite Stück „Eintagesseminar“ und sein Abgesang am Schluß des Stückes fatalistisch beweist: „Abwärts geht’s ganz alloa, kaaner braucht irgendetwas dafür doa.“

Seite eins beendet dann mein erklärtes Lieblingsstück, das „Schlaflied“, in dem zu Mollakkorden darüber sinniert wird, wer wie am besten wo und wann schläft oder auch nicht, bis dann plötzlich der Refrain einsetzt, auf eine kleine, müde Weise jubilierend, und Sänger Maximilian Paul Pongratz seuzft erst allein, dann begleitet von seiner Band: „Und die Augen so schwaar wia a Sackerl Zement, wo is a Wiesn wo i mi hinlegn könnt“. Wie wundervoll!

Überhaupt, die Müdigkeit, die Ruhe, die Freude: „Die Melancholie, die Traurigkeit, die Müdigkeit, ein Lebensgefühl von Freude und Dankbarkeit, Szenen und Beobachtungen versuchen wir in unseren Liedern, in unserem Auftreten und in den Videos zu vereinen. Das leicht Endlose und die Lust auf Ekstase entdecken wir immer wieder neu. Es geht um Freud und Leid, um Einsamkeit oder pure Zufriedenheit und überdruckventilische Ausschüttung.“ Es geht den vier Jungs aus Oberammergau also einfach um die reine Freude an der Musik, die man im etwas ungelenkten Jodeln von „Jäh I Di“ ebenso unbändig heraushört wie aus dem pumpenden „Wann I“, das in seinem Intro schier bei den schrägen Jazztönen landet, die man manchmal bei Tom Waits hört.

„Sofia“ und „Oropax“ sind dann eigentlich einfach schöne Popsongs, und hier wird klar, wo der Unterschied zwischen Attwenger und Kofelgschroa liegt: Machen Erstere tatsächlich Tanzmusik, geht es Letzteren eben auch um den Song an sich, um die schöne Melodie, die schöne Harmonie, das einfache kleine Lied. Und das ist gut so, denn das können die vier Buben: richtig schöne Lieder schreiben.

„14 Dog“ greift dann tief in die Chanson-Kiste und ist erstaunlich traurig. „Wäsche“ erinnert an die Liedermacher der 70er, nur ohne deren moralischen Gestus, vielmehr feiert das Lied die Schönheit des Alltäglichen, die sich dann auftut, wenn man nur genau hinschaut. „Luise“ führt einen dann erstmal ganz kurz hinters Licht, man meint, endlich im bayrischen Biergarten angekommen zu sein, würde das Lied nicht mit dem dritten Akkord wieder in diesem wundervollen Moll ankommen, mit dem Kofelgschroa mit immer wieder das Herz zu brechen verstehen. Hier bleibt auch „Verlängerung“, das sich mit der Melancholie der Existenz befasst, mit genauem Blick auf die Details des Alltags und dem unbedingten Wunsch, in dieser banalen, wunderschönen Welt noch eine ganze Weile bleiben zu dürfen. Und dabei werden sie so märchenhaft schwelgerisch wie Joanna Newsom, käme sie aus Bayern. So könnte die Platte dann aufhören und einen in einer wohligen Traurigkeit zurücklassen, aber Kofelgschroa möchten uns am Ende halt doch fröhlich machen und hauen mit „Oberammergau“ noch eine letzte Portion Wortsalat raus, verorten sich zum Schluß noch einmal deutlich in Bayern, lassen die Instrumente aber nochmal in die Ferne schweifen, Runden drehen, und plötzlich ist’s aus.

Wie fies nimmt sich dagegen Hummmels Eröffnungsstück aus: „guten morgen“ heißt es, und sollte man sich nach Kofelgschroa jetzt erhoffen, nett geweckt zu werden, hauen einem die beiden Insekten eine handvoll Wecker um die Ohren, die erbarmungslos ticken und den Rhythmus vorgeben, ehe „hinundher“ als Standortbestimmung die Richtung vorgibt: „wir sind hummmel und wir brummmeln heiter hin und her!“ Na, heiter geht anders, aber wach wird man von diesem kleinen Stückerl Noiserock aus Schlagzeug und Baß. „weck die“ ist dann die unbedingte Aufforderung, mitzumachen: „entdecke den brummm, entdecke den stock, die flauschige seite in dir“. Als würden DAF ihre flauschige Seite entdecken. Die Deutsch-Amerikanische Freundschaft kann man auch aus „beweg dich“ herauslesen, „tanz die hummmel“ sozusagen, mit Schlagzeug, fettem Baß, einem bisserl Moog und handclaps. Und kaum, daß man mit dem Tanzen angefangen hat, ist das Lied wieder vorbei. „für dich“ ist dann zäh wie teer und geht dann plötzlich dreimal so lang wie die anderen Lieder.

Eine gewisse Zähheit – und das ist ein Kompliment! – ist ohnehin konstitutiv für Hummmel, und hier kommen wir auf die Schleifenformen der Musik zurück, die auch Kofelgschroa prominent einsetzen. Sind diese Schleifen bei Kofelgschroa aber beruhigend und meditativ, so sind sie bei Hummmel quälend, gemein, hirnfickend, aber ziemlich zwingend. Und während man bei Kofelgschroa die elektronische Musik eher aus dem Strukturellen herauslesen muß, greifen Hummmel offensiv darauf zurück, bei „die zwei“ zum Beispiel, zwar immer noch handgemachte Musik, die aber problemlos in einem etwas stiloffeneren Club laufen könnte und nach Remixen schreit. Überraschend dann „um mich herum“ mit einer fast typischen Gutfeeling-Gitarrenmelodie, die aber von einem Baß kommt, und wäre der Rhythmus nicht militärisch und stramm, sondern lateinamerikanisch, das Lied könnte sich auch bei den Hermanos Patchekos verstecken.

Ein bisserl albern fängt die zweite Seite an, mit einer zitierten Melodie (jetzt müsste man halt wissen, woher…), ehe man von „du brauchst“ kräftig auf die Fresse kriegt, über vier Minuten lang. Ein schwerer Beat vom Schlagzeug, ein dreckig verzerrter Moog, dann das psychotische Versprechen, man selbst brauche „hummmel mehr als hummmel dich“, und man möchte da jetzt lieber nicht widersprechen. „paani“ dann instrumentaler (oder zumindest textloser) Punkrock, klassisch fast, nur halt ohne Gitarre. „lieblingsinsekt“ beginnt, als ob Trio „Da Da Da“ durch die Noiserock-Maschine gejagt hätten, und geht weiter als wahrscheinlich konventionellstes Lied auf der Platte – ein echter Indiehit, hätten Indiediskotheken Geschmack, inklusive „Uuuiiiuuuiii“-Mitsingteil, der so richtig abgeht, wie man sagt. „meine blüte“ zitiert dann frech und unverhohlen „My Sharona“ von The Knack und holt es in den minimalistischen Lärm-Kosmos von Hummmel, eine Coverversion der eigenen Art, meine Herrn, wie gut ist das denn? „unterwegs“ klingt dann wieder irgendwie bedrohlich, ein bißchen hämisch, so, als ob man mit den beiden Hummmeln lieber doch nicht unterwegs sein will, und „wir brummmen“ ist dann nochmal eine letzte Standortbestimmung: „wir spielen nicht, wir verzeihen nicht“.

Hummmel feiern also sowohl textlich als auch musikalisch einen fiesen Minimalismus, und wo die Texte süß sind, ist die Musik fies, und wo die Texte fies werden, bleibt das auch die Musik. Das Ganze findet grundsätzlich eher in höherer Geschwindigkeit statt und ist sowohl dem Punkrock als auch elektronischer Tanzmusik verpflichtet, manchmal hört man ein bißchen EBM raus, manchmal ein auch bißchen Egotronic. Spaß machen Hummmel allemal, wenn auch ein bißchen Angst.

Interessant ist, wie sich hier zwei Bands mit völlig unterschiedlichem Sound aus zwei völlig gegensätzlichen Richtungen der Idee der repetitiven Strukturen in der Musik nähern, ohne dabei den klassischen Song aus den Augen zu verlieren, wie beide Bands textlich gern dadaistisch sind, Kofelgschroa dabei mehr auf Inhalte achten, Hummmel die Texte völlig der leicht psychotischen Musik und dem Konzept der wahnsinnigen Insekten unterordnen, wie beide Bands über den Umweg desselben musikalischen Stilmittels – die Übertragung der Strukturen elektronischer in handgemachte Musik – zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen kommen: Ist das Repetitive bei Kofelgschroa eher entspannt melancholisch, das Ende des Sommers, das man draußen auf dem Land mit ein paar Freunden am Lagerfeuer feiert, zerren einen Hummmel in einen engen, dreckigen Kellerclub, in dem Schweiß und Fäuste fliegen, aber auch eben noch eine Vernissage war.

Vielleicht, wahrscheinlich können die Fans der einen Platte nichts mit der anderen anfangen, andererseits sind beide Platten nicht umsonst auf dem Label der „Freunde selbstgemachter Unterhaltung“ erschienen – genresprengend, experimentell, gewagt, widersprüchlich, wunderschön, laut und ziemlich prima.

kofelgschroa.by
www.hummmel.com
www.gutfeeling.de
trikont.de
www.red-can.com

Kranky, 2008

Vielleicht wollte mir mein Freund R. einfach den Frühling verderben. Irgendwie werde ich diesen Gedanken einfach nicht los, auch wenn ich R. das weder unterstellen will noch kann. Denn die Wahrheit ist, daß er mir zum Geburtstag einfach das „zugänglichste“ Album seines Lieblingsmusikers schenken wollte und mir damit eine der intensivsten, besten, schönsten, traurigsten, einsamsten und verstörendsten Platten gegeben hat, die ich je gehört habe.

Erzählt hatte er mir schon öfter von Boduf Songs, dem Vehikel des mittlerweile in den USA lebenden Briten Mat Sweet, der seine Lieder daheim im Schlafzimmer mit nur einem Mikrofon aufnimmt, wie uns das Internet verrät. Mein Interesse war schon von Anfang an geweckt, aber ach, es gibt so viel Musik, und irgendwie fand ich den Namen „Boduf Songs“ auch nicht so attraktiv wie zum Beispiel die von Stars Of The Lid oder von Sunn O))), also verschwand der triste Brite wieder aus meinem Blickfeld. Bis letzte Woche.

Im schlichten, schmalen, schönen, tiefschwarzen Digipack wurde mir also „How Shadows Chase The Balance“ überreicht, an einem schönen, sonnigen, warmen Frühlingstag beim Mittagskaffee, und nachdem ich die CD abends zweimal am Stück durchgehört hatte, war ich unendlich traurig und ängstlich wie ein Kind, aber gleichzeitig ungemein bereichert, fasziniert, verzaubert. Denn was ich hier zu hören bekam, war nicht allein Musik. Vielmehr wurde mir ein Blick in den Kosmos, ins All gewährt, in dem der Mensch so verloren ist, wie er nur sein kann. Denn „How Shadows…“ evoziert wie keine andere Platte, die ich kenne, so intensiv das „Schweigen der unendlichen Räume“, das schon Pascal schaudern ließ.

Die Mittel, die Mat Sweet dafür anwendet, sind denkbar simpel: eine Akustikgitarre, hier und da verstörende Geräusche, an einigen seltenen Stellen ein viel zu lauter Drumcomputer und ein Baß, immer wieder ein düsteres Banjo, und dann seine – meist gedoppelte bzw. zweimal oder gar in Harmonien eingesungene – Stimme, die sich kaum jemals über ein Flüstern erhebt. Die Lieder selbst sind auch recht einfach, Akkordfolgen, die schon oft da waren, Melodien, die zwar schön, aber nicht außergewöhnlich sind, und hätte zum Beispiel ich diese Lieder geschrieben und gespielt, wahrscheinlich klängen sie ziemlich fad. Aber es geht Mat Sweet nicht um das Songwriting im klassischen Sinne.

Seine Lieder sind nicht nur am Folk geschult (siehe sein schnelles, hektisches Gitarrenpicking, das den langsamen Liedern eine tiefe Beunruhigung verleiht), sondern auch und vor allem an den schleifenförmigen Texturen von Ambient und Drone, seine Intensität und durchaus auch Brutalität bezieht er, so wiederum das oben zitierte Internet, aus dem Metal („Acoustic Death Metal“ sei eine Bezeichnung für seinen Stil), und seine Absicht ist eine universale. Sweet will uns nicht seine Kompositionen vorspielen, sondern uns seinen Kosmos zeigen.

Und der ist schwarz und kalt, grausam und einsam. „We fell to earth from pitch black skies“, so beginnt mein Lieblingsstück „Things Not to be Done on the Sabbath“, und sogleich entsteht das Bild eines weiten, finsteren Raumes, auf dessen Boden sich zwei gefallene Engel aufrappeln, sich den Dreck aus den schäbigen Flügeln klopfen und sich umsehen. Ein trauriges Bild? Nicht ganz: „We feed upon the left behind“, so geht es weiter, und es wird klar: „Alle Engel sind grausam“, wie Rilke wußte. Die anderen Lieder tragen Titel wie „Mission Creep“, „I Can’t See A Thing in Here“, „Pitiful Shadow Engulfed in Darkness“ oder „Found on the Bodies of Fallen Whales“, und es wird schnell klar, daß das Bild gefallener Engel nicht zu weit hergeholt ist.

Boduf Songs klingt in der Tat irgendwie esoterisch, oder besser: okkult. Die Lieder erinnern oft an Beschwörungen oder gar Horrorgeschichten, scheinen sich im Fantasy-Bereich zu bewegen, es gruselt einen nicht nur einmal beim Hören. Das Schlimmste aber ist: Selbst diejenigen, die weder mit Stephen King noch mit Dead Can Dance etwas anfangen können, die sowohl „The Grudge“ als auch amulettetragende moderne „Hexen“ mit Verachtung ansehen, werden hier gepackt. Denn unterm Strich sind es nicht die bösen Engel, die hier das Grauen verbreiten, sondern diese existenzielle Einsamkeit und Verlorenheit, für die Mat Sweet ausgesprochen grausame, intensive und zutiefst poetische Bilder findet, und die perfiderweise durch das konsequent verwendete, auf der Kippe zwischen Mitgefühl und Hohn stehende „Wir“ eine noch größere Wirkung entfalten, eine melancholische Resignation. Denn selbst wenn Sweet versucht, ein bißchen Hoffnung zu verbreiten, wie im von einem Drumcomputer getriebenen „Quiet When Group“, bleibt am Ende nichts: „And even when we sleep, we sigh, we sigh / And even when we shine, we sigh, we sigh … And even when we fall, we sigh, we sigh“. Die Monotonie der Kompositionen (nicht allerdings der feinen, detaillierten Arrangements wohlgemerkt!) unterstützt diesen Charakter der Platte noch und ist nicht etwa fehlendes Talent, sondern ein weiteres präzise eingesetztes, quälendes Element.

„How Shadows Chase The Balance“ ist also ein Album, das einem wirklich den Tag verderben kann, das uralte Ängste weckt, wie die bösen Märchen aus Kindertagen, die vom Unaussprechlichen erzählen, „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ auf satanistisch sozusagen, das aber gleichzeitig auch an den aufgeklärten Verstand appelliert, der die Erkenntnis des existenziellen Verlorenseins bereits hinter sich hat und daran verzweifelt. Eine Platte, die so etwas mit dem Hörer macht, ist es unbedingt wert, gehört zu werden. Und außerdem ist sie auch noch einfach wunderschön. Meine Güte!

bodufsongs.com
www.kranky.net

Hydra Head Records, 2008

Es geschieht nicht allzu oft, daß mich eine neue Platte so richtig fies umhaut. Daß mir der Mund offensteht beim Hören, und daß ich nicht so recht glauben kann, was ich da höre. Daß ich trotz dieses Blogs hier, der mich eigentlich genau daran hindern sollte, absolut jedem von dieser Platte vorschwärme. Aber meine Güte, „Life … The Best Game In Town“ von Harvey Milk ist einfach unglaublich.

„Wenn dir“, so ein Freund dereinst zu mir, „sowas gefällt (und er meinte die Young Widows), dann hör dir doch mal Harvey Milk an. Die sollen auch so klingen.“ Ah, Harvey Milk, so heißt doch dieser Film über den gleichnamigen Politiker, blöder Name, so mein vorurteilender Kopf zu mir. Es dauerte deswegen auch erstmal eine Weile, bis ich mir die Band aus Athens, Georgia (die Heimstatt von R.E.M. und den B52’s), endlich anhörte. Genaugenommen auf dem Weg in den Urlaub, und man mag argumentieren, daß „Life … The Best Game In Town“ nicht unbedingt der beste Einstand in die schönsten Wochen des Jahres ist. Ich behaupte aber doch, denn so euphorisiert, wie mich diese Platte hinterlassen hat, konnte der Urlaub nur gut werden.

Über die Band Harvey Milk weiß das Internet besser Bescheid als ich, erstaunt war ich, als ich herausfand, daß es die Noise/Sludge-Combo bereits seit 1992 gibt, nicht so sehr erstaunt darüber, daß auf „Life …“ Joe Preston am Baß und an der Gitarre mitwirkt, den ich von den Melvins kenne. Sehr erstaunt wiederum war und bin ich über dieses einzige Album, das ich von Harvey Milk kenne.

Denn was mit einer ungemein friedlichen (und ungemein deprimierenden) kleinen Melodie zu cleaner Gitarre anfängt und über einen Weihnachtsabend erzählt, wird kurz darauf zu einem wirklich heftigen Schlag in die Fresse – ein Gitarrensound aus der Hölle, ein Gesang, der klingt, als ob Satan schlechte Laune hätte und seine Angestellten persönlich zusammenscheißt, und dabei ein Groove, vor dem die Melvins erblassen sollten, und ein Weltschmerz, dessen Intensität, Traurigkeit und Verzweiflung ob der Brachialität des Sounds erstaunt. „Death Goes To The Winner“ heißt dieser Opener, der im Grunde alles sagt, was es so zu sagen gibt, und der, nachdem er sich die ersten vier Minuten durch kompositorische Brillanz geprügelt hat, plötzlich auch noch unverschämt genug wird, die restlichen knapp vier Minuten des Songs auf einem Akkord zu beenden, zu dem ein „Solo“ weniger gespielt als aus der Gitarre herausgewrungen wird. Dazu gröhlt Sänger und Leonard-Cohen-Verehrer Creston Spiers irgendwann fast unverständlich, daß er auf den Tod warte, und zitiert dabei todessehnsüchtig „A Day In The Life“ von den Beatles (nur, daß Spiers sich keinen Kamm über den Kopf zieht, sondern sich eine Knarre an den Kopf hält). Und ganz am Ende, als man denkt, es geht nicht mehr, beschließt der mächtige, ironische, gänzlich fehlplazierte Pianoakkord der Beatles dieses aurale Fegefeuer. Und das ist erst der Anfang der Platte.

„Decades“ geht unvermindert brutal weiter, ein schleppendes Schlagzeug, Breitwandakkorde, Spiers, der barmt, er fühle sich „great“ (worauf die Gitarren absurd jubilieren), bevor die letzte Minute des Stücks in fast rockistischer Euphorie ausklingt.  „After All I’ve Done For You, This Is How You Repay Me?“ ist dann ein Stück atemloser, instrumentaler Mathcore, bevor in der Mitte des Songs ein Break alles runterbricht auf einen  einsamen Baß und später auf schiere, zähe, minimalistische Gewalt. In diesem Fahrwasser bewegt sich auch „Skull Socks And Rope Shoes“, das ebenfalls von seinen schweren Akkorden und Spiers völlig kaputter, sich überschlagender Stimme lebt, ein langsames Stück Sludge Metal mit übersteuertem Gitarrensolo und ultratrockenen Drums.

„We Destroy The Family“, ein Cover von Fear, hält, was sein optimistischer Titel verspricht, und jemand mit größeren psychischen Problemen könnte hier ein nahezu tanzbares Stück entdecken, mit schönem Chorgebrüll und einem solitären Gitarrensolo zu den hysterischen Drums. Und gerade, wenn man denkt, dieses Bombardement hinter sich zu haben, geht es grad wieder von vorne los. Und dann überraschen Harvey Milk einmal mehr: „Motown“ ist plötzlich ein hochmelodisches Stück Southern Rock mit einem schönen Gitarrenriff, einer fast harmonischen Stimme und einem echten Mitsingrefrain. Und wäre der Sound nicht dennoch einigermaßen brachial, man könnte fast ZZ Top heraushören aus der Gitarrenarbeit. In diesem Kontext allerdings bleibt der Song absurd, ein verzweifelter Glücksversuch inmitten tiefster Dunkelheit, und einfach ein irrsinnig gutes Lied.

„A Maelstrom Of Bad Decisions“ wiederum führt den Hörer zurück in die Dunkelheit und den Schmerz, zurück zum Mathcore, weg von den Breitwandakkorden zu Gitarrengefrickel, einem wilden Baß und einem wilderen Schlagzeug und einem völlig verzweifelt scheinenden Creston Spiers. Bevor es mit „Roses“ wieder absurd wird. Ein zarter, hilfloser, brüchiger Gesang zu Klavier und schöner Akustikgitarre, zu feinem Chorgesang, und man spürt die Hoffnung vor dem Zusammenbruch, der nach einer Minute auch prompt erfolgt. Allerdings scheint die Schönheit der Melodie trotz all den Verzerrern und trotz der zerstörten Stimme durch, ehe alles in zähen Metalriffs versinkt und sich dann doch weder in harmonischen leads bester Hardrock-Manier emporschwingt. Und wieder abstürzt. Und sich wieder emporschwingt, bis man trotz der Langsamkeit von „Roses“ atemlos zurückbleibt und in das schnelle Schweinerockstück „Barn Burner“ getreten wird, das von einem Herrn Andrew Prater gebrüllt wird.

Den Schluß bildet dann der über achtminütige „Goodbye Blues“, der nicht vom Fleck kommt, sich qualvoll von Akkord zu Akkord hangelt, bis er nach knapp drei Minuten plötzlich losgaloppiert, mit gefrickeltem Gitarrensolo und allem, was dazugehört, einen wieder runterbremst und so weiter, und Creston Spiers, dieser wohl faszinierendste „Sänger“, den ich seit langem gehört habe, brüllt sich dazu so dermaßen die Seele aus dem Leib, daß man seine Halsschmerzen förmlich selber kriegt, von all dem anderen Schmerz ganz zu schweigen.

Nein, fröhlich sind Harvey Milk nun nicht wirklich, aber ich habe selten eine so intensive Platte gehört, und noch seltener einen so aufrichtigen Sänger. Und obwohl Harvey Milk einen deutlichen Trademarksound haben, ist „Life …“ doch eine ungemein abwechslungsreiche Platte, die sich von Sludge Metal über Schweinerock zu Hardrock und zurück hangelt, ebenso voller Ideen wie voller zwingender Monotonie steckt und den Hörer ganz am Schluß, auf den letzten 45 Sekunden, nochmal kräftig mit dem „Looney Tunes Theme“ verarscht. Und man bleibt stehen, die Ohren rauschen, der Mund steht offen, man dreht sich um und fragt sich: Was habe ich da eben gehört? Und es wird einem bewußt: Wer so eine brachiale Platte mit so einem Ende macht und ihr dann auch noch ein so trashiges Cover gibt, ist doch irgendwie ein lustiger Mensch mit viel Humor und noch mehr Können. Harvey Milk sind eine geniale Band, das zeigt sich allein schon an diesem einen Album. Ich freue mich darauf, die restlichen Platten dieser Band zu entdecken.

www.harveymilktheband.com
www.myspace.com/harveymilk
www.hydrahead.com

Soundflat Records, 2010

Ok, Spaß. Ganz offensichtlich geht es den fünf Primaten der Kongsmen um Spaß, und da ist auch nichts Falsches dran. Schon der Bandname ist ein kleiner Lacher, das Cover schaut aus wie ein Original aus Papas Plattensammlung, und die Pseudonyme der Musiker kommen auch aus der Wortspielkiste: Nat King Kong, Chango Reinhardt, Ape Turner, Paul McCaco, Chimp Krupa, und vor allem mußte ich bei Thelonius Monkey lachen – Scherz gelungen.

Aber ein gelungener Scherz rechtfertigt noch nicht 14 Euro 90 für das Vinyl beim hiesigen Plattenhändler, Kauflust hin, Kauflust her. Doch schon ein kurzes Reinhören auf Myspace konnte mich überzeugen: Die Kongsmen klingen ja richtig gut! Und das Vinyl hielt dann auch, was meine Laptop-Lautsprecher versprachen: echter Vintage-Sound, mono aufgenommen, mit viel Witz und Spielfreude und einem Gesang, der in den besten Momenten an Gerry Roslie erinnert – viel Rock’n’Roll und viel Soul also. Dazu geht auch das inhaltliche Konzept der Kongsmen auf: fünfzehn Coverversionen rund um’s Thema Affe, und was nach einigen Liedern nerven könnte, wird hier schön beherzt und ernsthaft genug vorgetragen, um jedem blöden Witz auszuweichen, um das Augenmerk vom Gag weg und hin zur Musik zu lenken.

Und die Musik ist richtig fein. Wie gesagt, die Kongsmen klingen vintage wie sonstwas, aber eben echt und nicht nur aufgesetzt oder nachgemacht, die Songs sind geschmackvoll ausgesucht (ganz vorne z.B. „Can your monkey do the dog“ von Rufus Thomas oder „Monkey“ von Chubby Checker) aus den Reihen des 60’s-Garagenbeat, des frühen R’n’B, des guten alten Rock’n’Roll, der Vortrag der fünf Spanier ist kenntnisreich, soulful, nie zu dreckig, um den Popappeal zu verlieren, aber auch nie zu brav, um glatt zu wirken, und vor allem lassen sich die Kongsmen nie gehen und treten ihren Ulk bei aller inhaltlichen Konsequenz nie zu sehr in Richtung Klamauk aus. „On Campus“ kann also ebenso als guter Witz wie auch als richtig gute Beatscheibe gehört werden. Das Richtige also für die Party und auch für zuhause. Kaufen!

www.myspace.com/thekongsmen
www.soundflat.de

dienuts_irgendwas dienuts_selber

Trikont, 1995 & 1996

Wenn man die 30 überschreitet und also in ein sogenanntes reiferes Alter kommt, dann ändert sich auch langsam die Form des Protestes und des Widerstandes. Wo man in der Jugend noch „No Future“ brüllt, seine Eltern ignoriert, den Lehrern den Stinkefinger zeigt, sich mit Kuli „Anarchy“-As auf die zerrissenen Jeans malt und die Welt nicht verändern, sondern nurmehr abkacken sehen will, wird man mit dem Alter zwangsläufig ruhiger, aber auch klüger. Man legt sich Strategien zurecht, wird kompromissbereiter, vielleicht auch ein bißchen resignierter, aber man bekommt ein Geschenk, das einem vieles leichter macht: Humor. Und so, wie sich die Überlebensstrategien ändern, so ändert sich auch die Musik, die den Kampf im und gegen den Alltag begleitet. Und die den Hörer im besten Fall überhaupt erst zum Kampf motiviert. An diesem Punkt haben sich wohl die wunderbaren Nuts befunden, als sie ihre beiden – offenbar leider einzigen – Alben „Irgendwas fehlt immer“ und „Selber“ aufgenommen haben.

Zu der Zeit, in der sich die Nuts bereits wieder auflösten, hätte ich ihre Musik wahrscheinlich nicht hören wollen. Mitte der 90er steckte ich noch tief im Post-Teenage-Angst-Sumpf fest, hatte Grunge für mich entdeckt und wieder hinter mir gelassen und mit ihm eine neue Melancholie gefunden, die sich durch meine Erkundungen von Alt.Country und den Nine Inch Nails zog und die Kämpferisches eher in ein Seufzen oder bestenfalls in die lebensweise, sexuell aufgeladene Dandy-Spiritualität von Leonard Cohen übersetzte. Und nur Chumbawamba bildeten – musikalisch wie politisch – eine vitale Ausnahme. Wahrscheinlich hätte ich die Nuts damals nicht unbedingt hören wollen (aber wer weiß), wahrscheinlich hätten sie mir aber gutgetan.

So fand ich also erst mit Anfang 30 zu ihnen, auf einer Party, auf der ein Freund das lustige Ska-Pop-Stückchen „Halt dich an deinem Haß fest“ von „Selber“ spielte, und ich belustigt, aber auch irgendwie bewegt zuhörte: Wie vital klang dieses Lied, wie tröstlich. Wie hier mit demselben Gestus, mit dem man sonst Schulkinder belehrt (allein der Begriff „Schießgewehr“! Der schulhofartige Satz „…und vergiß nicht, wer schuld ist, daß du traurig bist“!), das Private hochpolitisch gemacht wird und man tatsächlich die Revolution um die Ecke spicken sieht, die hochpolitische Revolution im Privaten.

Genau darum geht es den Nuts: Mit spielerischer Leichtigkeit, viel Ironie und ganz großer Musikalität wird hier hinter vermeintlich harmlosen Melodien und vermeintlichen Lebenshilfetexten die Revolution ausgerufen, aber erfreulicherweise ohne verbissen, altlink oder lächerlich zu wirken. Vielmehr schlendern, hüpfen, torkeln, laufen die vier Altöttinger leichtfüßig durch die Musikstile, von Ska bis Surf, von Pop bis Punk, von HipHop über NoWave hin zu Liedermacher, dabei immer leicht bajuwarisch anmutend (was vor allem dem dialektalen Einschlag des Sängers Reimund Fandrey und der Sängerin Christa Latta geschuldet ist, aber auch dem herrlichen Akkordeon, das vor allem auf „Irgendwas fehlt immer“ zum Tragen kommt), was unterm Strich irgendwie noch subversiver wirkt als z.B. das nordische Nuscheln der Zeitgenossen Tocotronic.

Und überhaupt, Altötting, der bayrische „Protowallfahrtsort“, wie der Musikexpress seinerzeit schrieb: Um ein wirkungsvolles Provinzbashing als gesellschaftspolitischen Protest betreiben zu können – das hat schon Thomas Bernhard gezeigt –, muß man diese Provinz in sich tragen, in Kopf und Herzen, unwiderruflich, und bei allem Haß, bei aller Abscheu auch irgendwie eine Liebe zu ihr empfinden, und sei sie noch so grausig. Und im Gegensatz zu Thomas Bernhard, der seinen Frieden mit Österreich (also der Nation gewordenen Provinz per se) maximal ganz am Lebensende grade mal winken sah, haben die Nuts ihren Hass effektiv durch ihren feinen Humor in Musik kanalisiert. Wobei es nicht wirklich die tatsächliche, also geographische Provinz ist, gegen die die Nuts sich so herrlich ereifern, sondern vielmehr – und noch viel schlimmer! – die Möchtegernkosmopoliten, die kunstbeflissenen Bildungsbürger, die ökologisch und politisch so korrekten Gutmenschen, diese fatale Pest von widerwärtig verständnisvoller Menschlichkeit, diese ecken- und kantenlosen Kulturschänder, Provinz im Sinne von großmäuligem Kleingeist also – wie gut tut es, sich „Gute Menschen“ anzuhören und endlich die Worte zu finden, die man auf faden Parties bei Nudelsalat und Gesprächen über die blöden Kinder der anderen und den neuen Coelho so lange gesucht und stattdessen nur die geballte Faust in der Hosentasche gefunden hat.

Ich muß zugeben: Es ist ihr Zweitling „Selber“, der mich für die Nuts eingenommen hat. Nicht, weil er besser wäre als das Debut, aber „Selber“ ist die musikalisch wesentlich abwechslungsreichere Platte. Dominieren auf „Irgendwas fehlt immer“ neben Schlagzeug und Baß Gitarre und Akkordeon, so tat es „Selber“ gut, daß Christa Latta die Gitarre gegen Keyboards eingetauscht hat, was freilich irgendwie weniger „Indie“ wirkt, aber dann doch hilft, diese wirklich guten Lieder noch feinsinniger auszuformulieren.

So ähneln sich die Lieder auf „Irgendwas fehlt immer“ doch ein wenig, auch wenn sich Rhythmen und Beats aufs Herrlichste abwechseln und z.B. der HipHop des kleinen Hits „Aus einer heiligen Stadt“ von einem Akustikgitarrenriff konterkariert wird – womit die Grenzen- und Respektlosigkeit dieser kleinen feinen Band gleich zu Beginn der Platte manifest wird. Und auch, wenn einzelne Songs vielleicht ein bißchen zu monoton geraten sind (Bitte immer den Vergleich zu „Selber“ mitdenken! Für sich allein genommen schlägt „Irgendwas fehlt immer“ so manche andere Scheibe um Längen!), wimmelt es hier dennoch von Ohrwürmern: besagter kleiner Hit „Aus einer heiligen Stadt“, Standortbestimmung und Haßprogramm in einem, „Vernunft ist Tyrannei“, das irgendwie die freie Liebe predigt, das verträumte „War’s das schon?“ oder das herrlich fröhliche „Dem Rest die Pest“.

Mit „Selber“ und der musikalischen Verfeinerung hielt dann auch textlich eine größere Subtilität Einzug. Spricht „Irgendwas fehlt immer“ noch vom „bürgerlichen Arschloch“, heißen solche Leute auf „Selber“ dann „Gute Menschen“, die „grausige Sandalen“ tragen und „gefährlich“ sind, denn „sie lieben nicht nur sich, gute Menschen sind gefährlich, denn sie lieben sogar dich“. Die Nuts beleidigen sie nicht mehr, sondern schlagen sich sogar probehalber auf die Seite der abscheulichen Gutmenschen, denn „das Leben, das Leben, das ist gar nicht so schwer“, wie des Erzählers Freund plötzlich feststellt und der Erzähler sich in Form eines Anrufbeantworterspruchs der österreichischen Kabarettisten Ostermayer, Grissemann und Stermann nur wundert: „Sag mal, wo ist eigentlich deine sympathische negative Einstellung zum Leben geblieben?“

Außerdem schleicht sich auch eine gewisse Unsicherheit in „Selber“ ein, ein Hinterfragen der eigenen Positionen, das auf „Irgendwas fehlt immer“ noch nicht so deutlich war: „Ich würd‘ so gern, ich würd‘ so gern, ich weiß nicht was ich gerne würde, was ich gerne hätte, ach, ich weiß nicht“. Das muß angesichts der großen Weisheit, mit der die Nuts zugange sind, ebenfalls dem Reifungsprozeß zugeschrieben werden – die Anmaßung, sich allzu klare Urteile und Aussagen zu erlauben und allzu deutlich Stellung dagegen zu beziehen, ist einem gesunden Zweifel gewichen, der hier ebenso ironisiert vorgetragen wird, wie die Band gegen ihre Feindbilder wettert. Und die einzige Gewissheit, die bleibt: „Stecker raus und dann / und dann Ende“.

Zwischen den angedachten und immer wieder verworfenen Positionierungsversuchen des Selbst in einer engen, bedrückenden und eigentlich hassenswerten Spießer- und Bürgertumswelt und der gelungenen Verachtung derselben nehmen sich die Nuts auf „Selber“ auch die Zeit, kleine lehrreiche Geschichten zu erzählen, Geschichten von früher („Ganz schön teuer“) und von heute („Bäckerlehrling“), Geschichten von einsamen Entscheidungen („Hoffentlich hab‘ ich nichts wichtiges vergessen“) und Zwischenmenschlichkeiten („Deine Verse mag ich nicht“, das mich schönerweise immer wieder an His Name Is Alive erinnert), um am Ende halt doch nochmal auf Altöttings Katholizismus draufzuhauen, in dem kleinen Lied „Aber eins fand ich cool“ (in dem auf die doch recht eindeutige Zweideutigkeit des Bildes vom „Heiligen Stuhl“ hingewiesen wird).

Die Universitäten, so liest man allenthalben und so hört man es hier durch die Straßen rufen, brennen heutzutage wieder, das kleine protestierende Häufchen Studenten macht lautstarke und kunterbunte Aktionen, und es ist zu hoffen, daß diese erstens endlich mal bei den Herrschaften oben ankommen und daß sie zweitens endlich zu einer Repolitisierung der Studierenden führen. Aber, so liest man auch, diese spalten sich bereits auf in bierernste Linksradikale, spaßprotestierende Mitläufer und neoliberale Pragmatiker, die (so die Linksradikalen) nur ihres eigenen Vorteils wegen mitprotestieren. Deppen, allesamt. Man wünscht sich, daß sie sich einfach mal die Nuts anhören, diese lustige, zweifelnde, hochpolitische, melancholische, durch und durch gesunde Band, ein popgewordener „Fabian“ Erich Kästners, eine endlich einmal glaubwürdige moralische Instanz.

Von den Nuts ist nicht viel geblieben, obwohl die Welt sie braucht. Aber Augen auf: Auf Amazon oder Ebay finden sich immer wieder ihre CDs zu einem unverschämt geringen Preis. Drum zugreifen, mehrfach gleich, an alle Freunde verschenken und diese Band der Welt wieder zurückgeben.

www.fandrey-composing.de
www.trikont.de

JaKa_Luxusvernichtung_vorne
Unundeux, 2009

Fassen wir uns aus gegebenem Anlaß kurz: Japanische Kampfhörspiele, intellektuelles Aushängeschild des deutschsprachigen Grindcores, intelligente Texte zwischen Dada und pointierter Gesellschaftskritik aus dem linken Spektrum, von echten Metalheads nicht so gemocht, dafür aber von uns großkopferten Akademikern, musikalisch ziemlich brillant, sackschnell, irre präzise, trotz des genretypischen Geholzes aufregend differenziere Riffs und Rhythmen, zweistimmiger „Gesang“ aus hoher und tiefer Stimme (wie dereinst Carcass zu ihren besten Zeiten), kurz: geil.

Nun die Labelgründung, Unundeux erblickte im ersten Quartal 2009 die Welt, und dort „machen die Japanischen Kampfhörspiele was sie wollen“, nämlich unter anderem die E.P. „Luxusvernichtung“. Dort werden geschwind 54 (in Worten: vierundfünfzig!) „Kurzgedichte“ innert rund 19 Minuten vertont, das Internet meint, es handle sich dabei um Song- und Textfragmente, die nie wirklich zu ausgewachsenen Songs geworden sind. Aufgenommen wurde „im proberaum, in calles kellerbar und zuhause“, und was jetzt wie ein blöder Witz einer „lustigen“ Band aus lauter Jungs mit Jungshumor klingt, ist eine richtig gute Platte, sowohl textlich wie musikalisch.

Sicher, die Zeit in den einzelnen Liedern ist dann doch recht knapp, und nicht immer kommen da richtig ausgeprägte Strukturen dabei raus, aber halt doch meistens, und das ist wirklich beeindruckend: wie in unter zehn Sekunden richtig gute Riffs und Grooves ausgepackt werden, wie sich manchmal sogar Refrains einschleichen, wie plötzlich nochmal neue Songteile losballern, wie präzise die Gitarrenlinien und die Schlagzeugparts gespielt werden und wie klar der Sound ist. Und wie intelligent und durchaus lustig das alles ist.

Wer kann, sollte sich auf der Homepage von Unundeux den „Luxusdeal“ krallen, denn dann hat er neben dem T-Shirt sowohl die 10″ als auch die CD. Die 10″ ist einfach schön und ultrarar (und für sie habe ich dann gern auf den Bonustrack verzichtet), und die CD hat als eben jenen Bonustrack das ganze Album nochmal als Instrumentalversion hintendran.

„Luxusvernichtung“ könnte man einfach als guten Gag verkaufen, mit lustigen Liedchen, um die Freunde mal zum Lachen zu bringen, „Rumpelrumpel, höhö, rumpelrumpel“. Aber dazu ist die E.P. einfach zu gut, dazu sind selbst die ultrakurzen Stücke zu ausgefeilt, dazu sind die Texte zu anspruchsvoll, ein extremes Destillat von extremer Musik. Zugreifen, bevor das Ding vergriffen ist, denn auch die CD ist limitiert.

www.japanischekampfhoerspiele.de
www.unundeux.de

pussywarmers

Voodoo Rhythm, 2009

Zugegeben, sowohl der Bandname als auch der Plattentitel sind so bescheuert, daß es mich einige Zeit gekostet hat, überhaupt mal in die Platte reinzuhören, Voodoo Rhythm hin oder her. Und das schön gestaltete Cover mit der Pin-Up-Schönheit Dolly Diamonds kann auch nicht wirklich über das Pennälerwortspiel hinwegtäuschen: „Wer wärmt hier wen, höhö!“

Aber dann, der verzweifelte Wille, meinem hiesigen Plattenhändler trotz eher reduziertem interessantem Angebot etwas abzukaufen, war groß, wagte ich es doch, und seither läuft „My Pussy Belongs To Daddy“ auf meinem Plattenteller auf heavy rotation. Die fünf Heißsporne aus der italienischen Schweiz haben mit ihrem Debut ein wirklich schönes Album hingelegt, zwischen 20er-Jahre-Swing-Schönklang, wildem Balkangetröte und dem für Voodoo Rhythm recht typischen chaotischen Krach. Sie selbst nennen sich ein „Little Freak Circus Orchestra“, und das trifft es ziemlich gut. Mit Gitarre, Contrabaß, Perkussion, Akkordeon, Banjo, Posaune, Trompete, Tuba und dem nicht immer schönen Gesang von Fabio Pozzorini und Damiano Merzari holen einen die Fünf in ihre ganz eigene Welt zwischen Zirkuszelt und Gosse, zwischen Wagenburg und schweißtreibendem Underground-Club.

Dabei verfallen sie nie dem mittlerweile doch recht abgenudelten Balkan-Beat, sondern halten sich immer eine Hintertür offen zu traurigen-wilden Walzern wie dem eigentlichen Opener (nach dem Gepfeife auf „Bonjour Madame“) „Dead“ oder dem wunderbaren „Dounats“ mit seinem traurig-poetischen deutschen Text, der klingt wie von M.A. Numminen gesungen (und, dieser Einwurf sei mir erlaubt, wem dieses Lied nicht zu Herzen geht, wählt die FDP und wirft nie einem Bettler was in den Hut), zu kleinen Chansons wie „Bateau“ oder zum trägen Jazz von „Summertime“. „I Saw The Devil“ könnte von Hank Williams stammen, wäre dieser auf dem Balkan zuhaus‘ gewesen, und „Ashes“ ist ein Stampfer, der auch Judge Bone gut gestanden hätte, im entsprechenden Soundgewand freilich. „I Wanna Have“ ist ein schönes, kleines, trotziges Liedchen, dessen Gegenstück auf der B-Seite, „My Time Has Gone“, das einzige Stück der ganzen Platte ist, das sich die Pussywarmers hätten sparen können – zu pubertär ist der Text („my parents always told me to be what I wanted to be / and the meaning was I should do what they had wanted to do / and now my time has gone“), zu beliebig die Musik – aber das vielleicht auch nur im Vergleich zu den anderen, meist ganz bezaubernden Stücken. Mit „Love You / Introduction To An Ending“ landen die Pussywarmers schlußendlich dann doch noch irgendwie beim 60’s-Beat, zitieren dabei „I Will Follow Him“ aus „Sister Act“ und machen beim abschließenden „Au Revoir Madame“ nochmal tüchtig balkanesken Krach.

Überall auf dieser Platte (bis auf ein, zwei Stücke) scheppert irgendetwas, klonkert ein schiefes Banjo, klagen die Bläser, quäken die beiden Sänger, springen die Aufnahmen zwischen Diktiergerät-field recordings und, naja, irgendwie einer Produktion hin und her, aber bei aller chaotischen Wagenburg-Weltmusik-Vagabunden-Attitüde vergessen die Pussywarmers niemals die Schönheit von Melodie und Melancholie. Trotz des offensichtlichen, schönerweise in jedem Ton zu spürenden Spaßes an der Musik, trotz der ungestümen Wildheit mancher Stücke sind die Pussywarmers wesentlich erwachsener, als es ihr blöder Bandname vermuten läßt. Das ist gut, denn die Buben können was, und das zeigen sie auch, aber mit viel Freude am Chaos, an schrägen Tönen und am puren Spaß im Leben.

www.thepussywarmers.com
www.voodoorhythm.com