scottO

4AD, 2014

Eine lange Zeit ohne Eintrag hier in diesem kleinen Blog. Das neue Leben mit frischem Kind, altem Job, ausgefüllten Tagen allgemein, es bleibt mir leider kaum mehr Zeit, Musik zu hören, geschweige denn, hier drüber zu schreiben, obschon es jede Menge Platten gibt, die hoffentlich noch ihren Weg hierher finden (genannt seien z.B. die neuen Scheiben der Dos Hermanos, von Lustmord, Current 93, London Grammar oder Bonnie „Prince“ Billy).

Jetzt aber muß ich doch ein paar schnelle Worte verlieren über, naja, die wahrscheinlich absurdeste Platte, die ich seit langem gehört habe. Ob das Lob oder Tadel ist, weiß ich selbst noch nicht so genau, aber was Scott Walker hier mit Sunn O))) als Begleitband aufgenommen hat, ist dann doch erstaunlich.

Details über „Soused“ finden sich überall im Internet und sogar in den Feuilletons, ich muß hier über die nicht so sehr erstaunliche Kooperation genauso wenig Worte verlieren wie über Walkers Entwicklung vom 60er-Jahre-Schnulzensänger zum experimentellen Klangkünstler oder Sunn O)))s Ausnahmestellung im Metal. Aber als ich „Soused“ gestern Abend zum ersten Mal aufgelegt habe (ich habe mir die wunderschöne Doppel-LP im aufwendigen Klappcover gegönnt), war ich erstaunt, überrumpelt, beeindruckt, verängstigt und höchst amüsiert zugleich. Sunn O))) höre ich ja nun schon seit einiger Zeit gern, und auf Scott Walker war ich, nach allem, was ich über seine letzten Alben „The Drift“ (2006) oder „Bish Bosch“ (2012), an die ich mich bislang nicht so recht rantraue, gelesen habe, recht neugierig.

Gekauft habe ich mir „Soused“ nun allerdings als Sunn O)))-Platte, und hier kommt gleich die erste Enttäuschung: „Soused“ ist offenbar durch und durch ein Album von Scott Walker, er hat alle Songs geschrieben (einen Moment lang war ich eben versucht, „Songs“ in Anführungszeichen zu schreiben) und offenbar auch kräftig den Daumen auf allem gehalten. Was ich an Sunn O))) so liebe, diese massiven, überwältigenden, alles überrollenden Klangwände, ist auf ein Hintergrunddröhnen reduziert, im Vordergrund steht Walkers Stimme, und hier komme ich zum lustigen Teil der Platte. Denn Walkers Tenor ist sowas von manieriert, expressiv, gekünstelt, daß ich an mehreren Stellen wirklich laut lachen mußte. Allerdings ist dieses Gekünstelte auch so oft jenseits der Grenzen des Irrsinns, daß es wiederum eigentlich hervorragend zu den düsteren Klanggemälden paßt, die Sunn O))) und ihre Mitstreiter hier für Scott Walkers Kompositionen malen, und die von Peitschenhieben über Lynyrd-Skynyrd-Gitarren, den typischen Drones bis hin zu beunruhigenden Störgeräuschen von Gitarre, Trompete und Synthesizern und Zitaten von William Byrd reichen.

Ein weiterer irritierender Aspekt ist die Tatsache, daß die Songs bei allem Einfallsreichtum, bei all den zahllosen Geräuschen seltsam skelettiert wirken, unfertig und zugleich fast schon diktatorisch im Zaum gehalten. Es wirkt, als ob die einzelnen Ebenen eher nach- als miteinander gespielt würden, als ob Walkers Texte und seine seltsame Stimme allen Raum einfordern würden, und jedem Teil eines Songs immer nur eine bestimmte Klangfarbe zustehen würde. Diese Farben sind freilich allesamt so schwarz wie das Artwork der Platte, aber anders als dem Artwork wohnt Walkers Gesang und seinen Kompositionen eine Art vitaler Wahnsinn inne, den ich immer noch nicht so ganz kapiert habe.

Deswegen kann ich auch noch gar nicht viel über die Songs selbst sagen, außer daß ich diesen Begriff immer noch gern in Anführungszeichen setzen würde, scheinen sie doch eher Sammlungen von Walkers Melodiefragmenten als echte Songs zu sein, was aber, siehe vor allem „Herod 2014“, so auch nicht zutrifft. Die Kompositionen haben durchaus fast schon klassische Songstrukturen (gerade, wenn man von Bands wie Sunn O))) ausgeht), diese Strukturen sind aber so dermaßen auseinandergezerrt, ausgebremst, verbogen und pervertiert, daß es nur so eine Freude ist. Wobei mich doch immer wieder der Verdacht beschleicht, die Kompositionen sind simpler gestrickt als die Details der Melodieführungen und der Störgeräusche.

Ist „Soused“ denn nun eine gute Platte? Ich habe keine Ahnung. Fehlt mir ein stärkerer Einfluß von Sunn O)))? Auf jeden Fall. Kann ich Scott Walker ernstnehmen? Nicht so richtig. Bin ich beeindruckt von „Soused“? Auf jeden Fall. Und mag ich das Album nun? Definitiv ja, und sei es nur deswegen, weil ich immer noch grinsen muß und höchst amüsiert bin, trotz fiesem Schnupfen und schlechtem TV-Programm, und mich drauf freue, morgen nochmal „Bull“ oder „Herod 2014“ anzuhören.

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Bad Seed Ltd. 2013

In der Ferne spontan zum Ohrenarzt gemußt. Während der Untersuchung im Gespräch herausgefunden, daß er „Musik-Nerd“ und Bad-Seeds-Fan ist, früher für die Spex geschrieben und Nick Cave und Blixa Bargeld in den 80ern sogar interviewt hat („Blixa Bargeld hat dermaßen nach Urin gestunken während des Interviews, ein ganz intensiver, stechender Geruch nach Ammoniak“). Übereingestimmt darin, daß „Push The Sky Away“ eine der besten Platten von Nick Cave ist. Erheitert von diesem Arztbesuch zurück am Rechner beschlossen, endlich über „Push The Sky Away“ zu schreiben. Also.

Ich gebe gleich zu Anfang zu: Gefreut habe ich mich erstmal nicht auf diese Platte, und als ich sie dann doch beim heimischen Plattenhändler gekauft habe, geschah das nicht zuletzt aus Komplettierungszwang. Wenn ich schon die langweiligen Grinderman nach einem Album fallengelassen habe, wollte ich die Bad Seeds nicht ganz kampflos aufgeben. Es sprach allerdings einiges dagegen: erstmal eben Grinderman, die ich wirklich nicht besonders gut finde, dann das vorige Album der Bad Seeds, „Dig, Lazarus, Dig!!!“ (2008), das ich vielleicht einmal am Stück durchgehört und von dem ich außer dem Titelstück nichts behalten habe. Und dann, wahrscheinlich der gewichtigste Grund, der Weggang Mick Harveys, den ich trotz seines letzten, allzu glatten Soloalbums immer bewundert habe und der für mich das eigentliche Rückgrat der Bad Seeds war, Warren Ellis hin oder her.

Aber vor ein paar Monaten postete jemand in einem sozialen Netzwerk das erste Video, „We No Who U R“. Nachdem ich erstmal über die Schreibweise erschrocken war (Nick, dachte ich, hast Du diesen modernen Schmonz nötig, Ironie oder nicht?), hörte ich mir das Lied, das die Platte auch eröffnet, an, und war ganz angetan. Schläfrig klang es, langsam, irgendwie weit weg, aber sehr unprätentiös und eben nicht rockend. Ich mochte es, mochte die minimalistische Instrumentierung, mochte nach kurzem Zögern auch die offensichtlichen Samples, mochte, daß weder Klavier noch Gitarre gespielt wird, mochte die kleinen, schönen Gesangsharmonien und die Flöte von Warren Ellis. Später tauchte dann das zweite Video im Netz auf, „Jubilee Street“, das mich schlußendlich, gelinde gesagt, vom Hocker gerissen hat. Auch dieses Lied klingt sehr müde, in Caves Stimme liegt eine versteckte Traurigkeit, die ich schon lange nicht mehr bei ihm gehört habe. Der ganze Song basiert auf einem schönen, leicht angezerrten Gitarrenriff, verhaltenem Baß und Schlagzeug und einer tristen Geschichte über die Bordsteinschwalbe Bee, die mehr weiß, als sie zugibt. Und dann, mitten im Lied, das den Hörer bislang eher einlullt, plötzlich Rückkopplungen und Streicher, und kurz darauf kommt dieser große Moment, in dem das Schlagzeug das Tempo plötzlich leicht anzieht, Akustikgitarren und ein Rhodes Piano auftauchen, und die E-Gitarre immer ungeduldiger wird, bis sie endlich ausbrechen und Krach machen darf. Cave klingt dabei schläfrig und dringlich zugleich, und er singt die wundervolle Zeile „I got love in my tummy and a tiny little pain / And a ten ton catastrophe on a 60 pound chain“. Besser kann man das nicht in Worte fassen.

Ist „Jubilee Street“ mein Lieblingsstück der Platte und sowas wie ein kleiner Hit, stehen die restlichen Songs dem in kaum etwas nach. „Wide Lovely Eyes“ wäre eine ruhige, kleine, nur von Baß, Schüttelei und Rhodes getragene Ballade mit schwärmerischem Refrain und einer wunderschönen Zweitstimme von Conway Savage (der auf diesem Album sonst nichts zu tun hat), würde da nicht ein fast tonloses E-Gitarren-Loop rhythmisch dagegenhalten und dem Kitsch von „Uuuuh“-Chören eine gemeine, aber organische Nervosität unterlegen.

„Water’s Edge“ beginnt mit einem Baß direkt aus „She Fell Away“ von „Your Funeral, My Trial“ (1986; die Lieblings-Bad-Seeds-Platte des Ohrenarztes, übrigens), bleibt aber ganz verhalten, unruhig und drängend wie Jagdhunde, die nicht losgelassen werden, mit orientalisch anmutenden Geigen, einem ziellosen Piano und einem nervösen Schlagzeug, bis der Refrain dann resigniert und weltmüde innehält: „It’s the will of love, it’s the thrill of love, but the chill of love is coming down.“ Und dann, ganz am Ende, knurrt Cave noch ein wirklich lustiges „people“. Ja, Leute, so ist’s mit der Liebe.

„Mermaids“ ist dann einfach schön, aus flirrenden Gitarren und dem Rhodes-Piano, Baß und Schlagzeug werden dem Song zurückhaltend gerecht, und der Refrain ist einfach eine Rock-Ballade im allerbesten Sinn. „We Real Cool“ ist der Bruder von „Water’s Edge“, der Baß bleibt stoisch bei seinem Rhythmus, während der Song selbst seinen eigenen Weg zu gehen scheint, mit einem traurigen Refrain, schönen Streichern und verstreuten Klaviertönen. „Finishing Jubilee Street“ ist dann die Metaerzählng zum Hit der Platte, auch hier verschieben sich die Rhythmen, formieren sich in einer schwülen Sexualität, die klatschenden Hände eine Travestie des Mitmach-Rocksongs, und dann plötzlich der Refrain: klein, fast niedlich, fast jubilierend, eine Perle von klarer Schönheit vor der verhaltenen, morbiden, schmutzigen Düsternis des restlichen Liedes.

An vorletzter Stelle steht der „Higgs Boson Blues“, das in der Presse mittlerweile notorisch zitierte und notorisch gelobte Lied, in dem Cave den Teilchenbeschleuniger am CERN in Genf mit Hannah Montana respektive Miley Cyrus, Robert Johnson und dem Teufel persönlich in einen Topf wirft und zu einem schwülen Blues zerkocht. Und obwohl das Lied in der Presse als das beste des Albums gelobt wird (nicht zuletzt wegen seines herrlichen lyrischen Unsinns), ist es für mich die Schwachstelle, das Lied, das am konventionellsten, dafür aber als Song an sich nicht gut genug ist, das weder mit den Melodien noch mit den Arrangements der restlichen Songs mithalten kann. In seiner lebensmüden Zurückhaltung hat es aber durchaus seinen Platz auf „Push The Sky Away“.

Den Abschluß bildet schließlich das Titelstück, das wiederum eine tiefe Müdigkeit ausstrahlt, weitgehend nur aus verschwimmender Orgel, minimal von Baß und Trommeln unterstützt, und der ebenso minimalistische Refrain ein weiterer echter Ohrwurm ist. Ein schöner, ruhiger Abschluß eines hervorragenden Albums. Zum Hören der Bonus-7″, die der Erstauflage des Albums beiliegt, bin ich leider noch nicht gekommen, freue mich aber darauf.

Es fällt auf, wie minimalistisch die Bad Seeds hier instrumental zu Werke gehen. Die Kerngruppe besteht insgesamt aus nur fünf Leuten (Cave, Warren Ellis, Thomas Wydler, Martin P. Casey und James Sclavunos; Conway Savage singt wie gesagt nur ab und an mit, und zweimal darf Barry Adamson zum Baß greifen), und selbst diese kleine Besetzung musiziert äußerst zurückhaltend, spielt nur das Nötigste, weiß um ihren Platz in diesen müden, fernen Liedern. Die Gastsänger und -sängerinnen wiederum sind insgesamt mehr als die Band selbst, was immer wieder für schöne Texturen sorgt, die den eigentlichen Gesang stützen.

Eigentlich hatte ich nach „Dig, Lazarus, Dig!!!“ und vor allem nach Grinderman ein unerfreulich rockistisches, prätentiöses Dicke-Hose-Album erwartet. Und mal ehrlich, schwitzigen Rock, das können andere besser, als es Cave mittlerweile beherrscht. Was er und Warren Ellis hier mit den reduzierten Bad Seeds aber produziert haben, ist eine wundervolle, verhaltene, müde, immer wieder hell leuchtende Platte mit großen kleinen Melodien, mit gerade genug Experimentierfreude, um den Kitsch abzuschießen, mit tollen Songs und einem Nick Cave, der stimmlich einfach nur bei sich selbst ist. Das beste Album seit vielen Jahren!

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No Quarter Records, 2011

Mittlerweile habe ich die Hoffnung ja aufgegeben, von seinem Bruder Will noch ein neues Album zu hören, das nicht ein bißchen zu langweilig, ein bißchen zu selbstgefällig und ein bißchen zu glatt ist. Umso schöner ist es da, daß Ned Oldham in seiner neuen Inkarnation Old Calf eine ganz wunderbare neue Platte aufgenommen hat, die seiner Hauptband The Anomoanon in nichts nachsteht.

Ned Oldham ist nicht weniger produktiv als sein berühmter Bruder, der sich zuerst als Palace, dann vor allem als Bonnie „Prince“ Billy zuerst in die Herzen der Hörer, dann ins Feuilleton und schlußendlich in eine fade Wohligkeit gespielt hat. Nur hat es der berühmtere der beiden Brüder – zugegeben nicht ganz zu Unrecht – ins Bewußtsein der Öffentlichkeit geschafft, während Ned – völlig zu Unrecht – nur einem kleinen Fankreis bekannt blieb (vom dritten Bruder, Paul, der desöfteren in Bonnies Tourband mitspielt, ganz zu schweigen) und sich neben den tollen Anonoamon aufs Produzieren und Arrangieren im eigenen Studio verlegte (und somit einen großen Teil am Ruhm seines Bruders mitträgt).

Ein besonderes Merkmal und eine charakteristische Arbeitsweise Ned Oldhams ist es, auf bereits existierende Texte zurückzugreifen und sie in sein eigenes musikalisches Gewand zu packen, seien das nun Gedichte von François Villon oder von Robert Louis Stevenson, seien das Abzähl- oder Kinderreime, die in knapp einminütige, oder wie auf „Borrow A Horse“ in „richtige“, Lieder gefaßt werden. Dabei bewegt sich Oldham mit The Anomoanon in einem umsichtig modernisierten musikalischen Traditionskosmos, der sich stark am Folkrock der 70s orientiert, gerne mal in Jams ausartet, dabei aber auf die allzu barocke Verspieltheit und das allzu Hippieeske zugunsten einer stoischen, prosaischen Verträumtheit oder aber einer Hinwendung zu einem unprätentiösen Rock verzichtet, gottseidank. Spielt bei The Anomoanon der Rock-Aspekt des Begriffs „Folkrock“ noch eine größere Rolle, zum Beispiel in Form einer oft psychedelischen E-Gitarre oder auch mal in Form von CSNY-Riffs, so rückt bei Old Calf der Folk im Sinne einer daheim im Wohnzimmer funktionierenden, stromlosen Musik in den Vordergrund.

Die Entstehungsgeschichte von Old Calf (gegründet von Oldham und Marty Metcalfe, you see), die No Quarter erzählt, klingt dann auch nach einer kleinen Veranda-Band, die keine Verstärker braucht, um sich bei einem kühlem Bier nach Feierabend in den Sonnenuntergang auf dem Lande zu spielen (was auch schön hier zu sehen ist), nur die Liebe zur Musik. „Southern gentlemen“, sagt No Quarter, aber eine gewisse hinterwäldlerische Schrulligkeit, die Will Oldham perfektioniert hat, ist auch hier prägend. „Borrow A Horse“ ist eine ungemein entspannte Platte (das hat sie mit Wills letzten Werken gemein), die zu keiner Sekunde aufgesetzt wirkt, vielmehr eine Ruhe und Gelassenheit evoziert, wie man sie aus der Jack-Daniels-Werbung kennt (allerdings abzüglich der unschönen Assoziationen von Jack Daniels).

Das fängt gleich mit dem schwärmerischen „I Saw A Peacock with a Fiery Tail“ an, ein langsames, schwärmerisches Lied mit schönem Harmoniegesang, das sofort irgendwie friedlich stimmt. „Bonny Cuckoo“ greift ein Arrangement von Shirley und Dolly Collins auf, die sich ihrerseits legendär dieses Traditionals angenommen haben, das einzige Lied, zu dem Oldham nicht die Musik komponiert hat, ein lebendiges kleines Liedchen mit einem nahezu „flotten“ Beat. Ein bißchen melancholischer geht es dann in „When I Was Taken“ zu, bevor mit „Follow My Bangalorey Man“ mein Lieblingslied auf dem Album kommt, ein beschwingtes kleines Liedchen (wahrscheinlich) darüber, einfach durchzubrennen.

Bei „Do Not Play With Gypsies“ bricht dann Oldhams Lust auf den Rockaspekt des Folkrock durch, wenn auch nur gemäßigt. Das Schlagzeug wird konkreter, und es gibt eine solierende E-Gitarre, aber auch hier bleibt alles schön friedlich und abendsonnig. Das ist überhaupt das Merkmal dieser Platte, auch im folgenden, eher melancholischen „Far From Home“, ein Lied des einsamen Sängers an seine ferne Geliebte, die doch auch an ihrem Hochzeitstag an ihn denken möge, das am Ende in einen sanften psychedelischen Jam ausbricht und damit die erste Seite beendet.

Die zweite Seite beginnt mit dem Country-Stomp „Stool-ball“ über ein dem Cricket ähnliches englisches Ballspiel aus dem 15. Jahrhundert, und mit dem nachfolgenden Lied „A Gift, a Ghost/Monday Alone“ kommt der vielleicht einzige kleine Schwachpunkt des Albums. Zu gewöhnlich, zu langsam ist dieses Lied, was es allerdings noch zu keinem schlechten macht. Spannender ist da „There Are Men in the Village of Erith“, das musikalisch am ehesten an den britischen Folk gemahnt, aus dem die Texte stammen, ein irgendwie grusliges Lied über diese Männer, die niemand sieht oder hört, und auch „Henry was a Worthy King“ verläßt die Wohligkeit, um in eine für „Borrow A Horse“ ungewöhnliche Melancholie hinabzusteigen. „What did I Dream“ schließlich, das letzte Lied des Albums, wird noch einmal sanft psychedelisch, mit mäandernden Gitarren und Orgeln, fernen Gesangsharmonien und einem für Old Calf-Verhältnisse fast schon wilden Schlagzeug.

Und dann überläßt Oldham den Hörer der Stille, den Bildern, die diese Platte im Kopf hervorgerufen hat. Zeitlos, so liest man im Internet, sei das Album trotz seiner starken Bezüge auf die Vergangenheit, und das stimmt. Sanft modernisiert hat Oldham diese alten britischen Kinderreime, auch sanft amerikanisiert, was wunderschön gelungen ist und den Liedern neben der britischen Folklore eine uramerikanische Weite verleiht. Old Calf ist, im Vergleich mit The Anomoanon, die behutsamere Band, friedlicher als letztere, ohne dabei aber in die Saturiertheit von Bruder Will abzurutschen. Vielmehr steht alles hier im Dienst der Lieder und der alten Texte, für die Ned Oldham sich sehr begeistert, wie hier nachzulesen ist.

Auf jeden Fall aber ist „Borrow A Horse“ ein wundervolles, friedliches, reichhaltiges und sehr warmes Album voller wundervoller Lieder, vorgetragen mit einer Sanftheit, die niemals langweilt, sondern immer neue Bilder erzeugt. Ein großartiges kleines Album, das hier in Deutschland wahrscheinlich weitgehend unbemerkt bleiben wird. Aber vielleicht liest das hier ja jemand, und der soll dann diese Platte kaufen gehen.

oldcalf.com
nedoldham.blogspot.com
noquarter.net

Polydor 1978

Heute Nacht hat sich Ludwig Hirsch nach einer Lungenkrebsdiagnose mit 65 Jahren das Leben genommen. Und obwohl man ja dauernd hört, daß jemand stirbt und man ja immer schon froh ist, wenn es niemand ist, denn man besser kannte, war ich trauriger, als ich erwartet hatte, und bin es immer noch. Sicher, vor ein paar Tagen erst hat’s auch Georg Kreisler und Degenhardt erwischt, aber von denen wußte ich nicht einmal, daß sie noch am Leben waren. Ludwig Hirsch aber, der Ludl, wie ich ihn in meinem Kopf immer genannt habe, das war nochmal etwas anderes.

Natürlich habe ich – nicht ganz ohne ein morbid-fasziniertes Schaudern – darüber spekuliert, was wohl in einem Menschen vorgeht in diesen letzten Momenten, in denen er so eine Entscheidung zu treffen hat. Und ich hoffe, daß Ludwig Hirsch diesen Moment mit derselben tieftraurigen Heiterkeit ertragen hat, die man in seinen Liedern findet, daß er den Freitod nicht in Panik, sondern mit derselben Ruhe gewählt hat, mit der er den Tod immer besungen hat. Es steht mir freilich eigentlich nicht zu, darüber hier zu schreiben, und auch wenn ich es jetzt doch getan habe, es sei jetzt genug, es soll jetzt um Hirschs Debütalbum „Dunkelgraue Lieder“ von 1978 gehen.

Ludwig Hirsch geistert durch mein Leben, seit ich denken kann, und er tauchte an den seltsamsten Stellen immer wieder auf. Zuerst gehört bei meinem Vater, schon als kleines Kind, mochte ich Hirsch von Anfang an, waren seine Lieder doch immer irgendwie witzig, und auch wenn ich die Tragik, die Grausamkeit, die Morbidität, den Spott und auch die tiefe Liebe in diesen Liedern freilich nicht verstehen konnte, diese beruhigende, sympathische Märchenonkelstimme packte mich, den Buben, sofort. Was wirklich hinter diesen „Dunkelgrauen Liedern“ steckt, habe ich erst viel später verstanden, als ich mit seltsamen und lieben Freunden zusammensaß, in den ersten Semestern, als man noch „Bohème“ sein wollte, und dem morbiden Charme Hirschs verfiel, amüsiert von seiner Dreistigkeit wie auch berührt von seiner Feinfühligkeit, oder erst kürzlich, als ich mit einer Internetbekanntschaft Youtube-Videos von Hirsch ausgetauscht habe, einfach so.

Von Film und Theater und vor allem aus Österreich kommend, fand sich Ludwig Hirsch irgendwann dazu genötigt, auf den „faschistischen Mief“ der österreichischen Provinz zu reagieren. „Watschen, nichts als Watschen“ kriege man ab, so der Begleittext zu seinem ersten Album: „Ich will auf meine Art einige dieser Watschen zurückgeben. Deshalb habe ich diese Platte gemacht.“ Was darauf dann trotz dieser Ankündigung doch sehr wohlig, sehr heimelig und gemütlich klingt, schön arrangiert, schön vorgetragen, Wohlklang an Wohlklang, ist in Wirklichkeit eine bitterböse Abrechnung mit einer dreckerten Welt, die es wirklich nicht besser verdient hat. Dabei ergreift Hirsch immer und bedingungslos Partei für die Schwachen, wie in „Der blade Bua“: „Es gibt Kinder, die kommen ohne Schutzengel auf d’Welt, und der Sandmann haut ihnen Reißnägel in d’Augen. Unterm Christbaum liegt jedes Jahr ein Packerl Tränen als Geschenk und ein Märchenbuch, wo der Teufel immer g’winnt.“ Da ist es so sehr tröstlich, daß wenigstens Hirsch diesem armen, fetten, geplagten Buben mit seiner zärtlichen Stimme ein Denkmal setzt, das stärker ist als jede Rachephantasie. Und auch den kleinwüchsigen Freund des Erzählers verteidigt er in „Der Zwerg“ („potent wie a Büffel, aber einsam wie der Tod“), nimmt dabei jedes Vorurteil selbst in den Mund und speit es den bösartigen Trotteln zurück vor die Füße.

„Die Omama“, einer der großen Klassiker Hirschs und das erste Lied, das man von ihm zu hören bekam, ist nur anfangs ein schönes, leicht melancholisches Trauerlied um die verstorbene Großmutter, denn es entpuppt sich bald als boshafte Abrechnung mit der Nazioma, die ihren Enkel immer nur terrorisiert und den Hitler bis zuletzt an der Wand hängen hat, „er hot ihr ja des Mutterkreuz verlieh’n“. „I lieg am Rucken“ als Fanal zu bezeichnen wäre hier ein bißchen verwegen, großartig und traurig ist dieses Lied dennoch, gesungen von einem, der im Sarg liegt und friert und nur auf eine Träne seiner Geliebten oben am Grab hofft, die ihn wärmt und die Würmer vertreibt, die sich ihm ins Hirn krallen. Und wenn er – seine allerletzte Hoffung – exhumiert werden sollte, dann will er sie zu sich ins Grab holen, damit er nicht friert. Nicht gerade eine erfreuliche Aussicht für die Geliebte, aber wenn man Hirsch so sanft und sehnsüchtig, so schicksalsergeben singen hört, wer hätte da kein Verständnis für diesen einsamen Toten? Und auch „Der Wolf“ in seinem Käfig, der von der Freiheit träumt, von den anderen Tieren gemobbt wird und dem sie „die Zähn aus’m Maul außegrissn“ haben, weil er sich einmal gegen die Demütigungen gewehrt hat, wird von Hirsch sanft verspottet: „Dort, wo der Regen net bitter schmeckt, dort, wo die Nacht die Zigeuner versteckt, dort, wo die Sonn‘ deine Wunden heilt, dort is des Land, das Freiheit heißt – so glaubt er, der alte, blöde Wolf!“ Und trotzdem, dieser armen Kreatur gehört Hirschs ganze Sympathie, seine ganze Kraft und Liebe.

Den Humor verliert Hirsch dann aber doch einmal, in „Der Dorftrottel“, eine bitterböse, gehetzte Erzählung über einen katholisch verblendeten Dorfmob, der den Außenseiter totschlägt, weil eine Bäuerin eine Totgeburt hatte und irgendjemand ja schließlich Schuld haben muß. Hirsch ist hier ganz bei diesem armen Menschen, voller Fassungslosigkeit über den feigen Pfarrer, der einfach abhaut, voller Wut auf die Dorfgemeinschaft und voller Gift und Galle gegen die Scheinheiligkeit des Katholizismus, aus dem so ein Aberglaube erst entstehen kann. „Herrgott, dank dir schön.“

Die Kinderschänder kriegen’s auch ab, der nette „Herr Haslinger“, dieser perverse Kindsmörder hinter der gutbürgerlichen Fassade, oder schlimmer noch der Perspektivwechsel in „Geh spuck den Schnuller aus“, ein Lied, das so ziemlich jedes Tabu mit einer Heiterkeit bricht, daß es einem kalt den Rücken herunterlaufen würde, müßte man nicht so herzlich lachen über diese obszöne und drastische Neuinterpretation klassischer Märchen in beschwingtem Rhythmus. Und dann gibt’s da auch noch die ganz albernen Lieder, „Die Spur im Schnee“ oder das „Liebeslied“, das en passant und ganz selbstverständlich auch noch Lesbensex thematisiert und den vorherrschenden männlichen Diskurs ganz schön blöd dastehen läßt. Bei all den Grausamkeiten des Lebens und der menschlichen Natur braucht’s dann doch ab und an die Flucht ins Humorige. Natürlich nicht ohne spöttische Boshaftigkeit.

Der Tod war also schon immer ein steter Begleiter auf Hirschs Platten, die Einsamkeit, das Böse im Menschen, aber auch die unbedingten Sympathien für die Außenseiter (allein schon, wie der ein bißchen blöde Blues von „Der Zwerg“ umkippt in eine ungemein zärtliche Melodie, wenn Hirsch dem Zwerg Gutes wünscht, es bricht einem das Herz). Es geht um das richtige Leben im falschen und um ganz schön viel blöde Witze. Musikalisch ist alles sehr gediegen, sehr gemütlich, kammermusikalisch und bürgerlich, und alles im Dienste dieser tiefgründigen Geschichten, hervorragend bösartig und ironisch inszeniert, vielschichtig, zart, gemein, heiter, düster, und am Ende gibt’s sogar ein „Happy End“, natürlich nicht ohne Beleidigungen.

Sein traurigstes, todessehnsüchtigstes und zugleich hoffnungsvollstes Lied, „Komm, großer, schwarzer Vogel“, ist auf Ludwig Hirschs gleichnamigem Zweitling, aber die „Dunkelgrauen Lieder“ sind seine wahrscheinlich schönste Liedersammlung. Was mir diese Platte bedeutet, wieviel Geschichte sie für mich beinhaltet, kann ich hier gar nicht sagen. Sagen kann ich aber, daß ich selten einen so umsichtigen, zärtlichen, boshaften, klugen, humorvollen, großherzigen Sänger, Texter und Musiker gehört habe wie Ludwig Hirsch mit seiner einzigartigen Stimme, seinem Wiener Schmäh und seinem melancholischen, leicht verrückten Hundeblick.

Was für ein Liedermacher, was für ein Mensch, der da von uns gegangen ist. Ludwig, pfüadigott, mach’s drüben genauso gut wie hier.

www.ludwighirsch.at

Columbia Records, 1987

Gute australische Popbands scheinen hierzulande alle dasselbe Schicksal zu teilen, nämlich einen notorischen Hit zu haben (meist nicht einmal eines der besten Lieder), und damit hat sich’s dann in der größeren Öffentlichkeit. Den tollen Men At Work geht es so (wie an anderer Stelle berichtet), Nick Cave hat seine Wilden Rosen mit Kylie, AC/DC haben es wenigstens auf ein paar (stets gleichklingende) Hits weltweit gebracht. Und Midnight Oil wären dann die mit „Beds Are Burning“.

Bestenfalls sind Midnight Oil noch die australischen U2, weil sie auch politisch aktive Gutmenschen sind bzw. bis zu ihrer Auflösung 2002 waren. Im Gegensatz zu den Iren aber sind die Australier sowohl musikalisch als auch politisch erdiger, und es paßt gut (und ist sympathisch konsequent), das Sänger Peter Garrett mittlerweile australischer Minister für Umwelt, Kulturerbe und Kunst ist. Angesichts der australischen Geschichte bezüglich der Aborigines ist die politische Haltung Midnight Oils, die – auf ihren ersten zwei, drei Alben ist das hörbar – vom Punk und also von einer linken Haltung kommen, nachvollziehbar, und das hier besprochene Album „Diesel And Dust“ von 1987 wäre dann Agitprop im Popgewand, adult oriented Chumbawamba in etwa. Und das war offenbar wirklich wichtig damals, machte es auf die verheerende Situation der Aborigines besser und umfangreicher aufmerksam, als es die dröge linke Politik hätte machen können.

Was für diesen kleinen Blog hier allerdings ausschlaggebender ist als die politische Bedeutung von „Diesel And Dust“ ist die Tatsache, daß dieses Album wahrscheinlich eines der wichtigsten in meiner Biographie ist, war es doch damals, 1990, eines der Alben, die mir den Weg aus dem damals zur Sackgasse werdenden Metal wiesen (zusammen mit, naja, einer Best-Of von The Police), ein Weg, der dann mit Grunge seine Fortsetzung und Vollendung fand.

Der Sommer 1990 war ein klassischer Sommer der verlorenen Unschuld, aus dem Kind wurde ein Mann, was in meinem Fall leider nicht Sex, sondern Depression und Liebeskummer (mein eigener und, schlimmer noch, der zweier guter Freunde) bedeutete – kindliche Naivität weg, aber nur Scheiße dafür bekommen. Fing jener Sommer noch mit den ersten großen Parties an, den ersten durchgemachten Nächten und mit Bier im Freibad durchgepennten Tagen, und gipfelte er schließlich in einer dreiwöchigen Party im sturmfreien Haus guter Freunde, war diese letzte Unbeschwertheit mit dem Einbrechen des Herbstes und des Regens, mit dem plötzlichen, rapiden Kleinerwerden der Welt nach einem Sommer voller neuer Versprechen ein für allemal dahin.

Dieser kleine Exkurs ins Seelenleben eines Provinzteenies ist nötig, um die Bedeutung von „Diesel And Dust“ deutlich zu machen. Denn es war nicht die politische Brisanz des Albums, die den 15-Jährigen in seinen Bann zog, sondern diese Weite in der Musik, diese warmen Nächte unter sternenklarem Himmel, die die Lieder evozierten, die Freiheit der endlosen Landschaften Australiens, die ich mir da zusammenimaginierte. Ich behaupte, daß genau das einen großen Teil zu meiner Seelenrettung beigetragen hat.

Was nun am auffallendsten an Midnight Oil ist, außer dem legendären Auftakt des großen Hits „Beds Are Burning“, ist Peter Garretts Stimme, die sich durch die Lieder knarzt und manchmal schon etwas maniriert wirkt, und es ist nachvollziehbar, warum sie einige nicht ab können. Aber es steckt soviel Charisma darin, soviel Kraft, daß sie nicht umsonst das herausstechendste Merkmal der Band ist. Aber damit trifft man nichtmal einen Bruchteil dessen, was Midnight Oil ausmacht. „Diesel And Dust“ ist nicht nur ein Album voller großer Songs (wie eben „Beds Are Burning“ oder die erste, hymnische Single „The Dead Heart“, aber auch „Warakurna“ und „Bullroarer“ oder die zynische Ballade „Whoah“), sondern vor allem auch eines der kleinen Details, die eine große, weite, reichhaltige Klanglandschaft malen.

Das fängt an mit dem trockenen Baßlauf von „Beds Are Burning“ und dem Percussion-Break vor dem zweiten Refrain, der plötzlich total testosteronschwanger und ein bißchen dick aufgetragen ist. „Put Down That Weapon“, fängt wiederum mit einer warmen, schönen Gitarrenlinie an, die nach dem Intro wiederum in eine rauhe Trockenheit kippt, die ihrerseits von einem zärtlichen Refrain abgelöst wird, bevor der Zwischenteil am Ende alles kurz und klein haut. „Dream World“ ist ein kleiner Poprocker mit eingängigem Refrain, „Arctic World“ dann eine eigentlich konventionelle Ballade, die sich in sphärischen, glasklaren Keyboardklängen verliert und übergeht in „Warakurna“, ein Lied voller Hoffnung und Lebensmut, mit einer tastenden E-Gitarre und einem treibenden Baß und so vielen Bildern und Gefühlen allein in den Sounds zwischen den Stücken.

Meine drei Favoriten kommen dann direkt nacheinander, angefangen mit „The Dead Heart“ und seiner tollen gezupften Akustikgitarrenlinie über dem pumpenden Baß, die sehr verloren klingt, bis sie von einem Chor aufgenommen wird und plötzlich nach Dur kippt. Der unaufgeregte Refrain ist wunderschön, aber das Tollste an „The Dead Heart“ it sein Schluß: Garrett zählt in einem sehr zurückgenommenen, aber nichtsdestotrotz spannungsreichen Moment all die companies auf, die mehr Rechte haben als die Menschen in Australien, und plötzlich ist da wieder das Dur, und ein hymnisches verhalltes Horn wird plötzlich geblasen, ein Glockenspiel kommt dazu, und am Ende bleiben nur die Akustikgitarre und das Glockenspiel ganz nah beim Hörer. Ich gebe zu: Ich bekomme hier immer eine Gänsehaut, und all die Versprechungen, die das Leben dem Jugendlichen in diesen Nächten macht (und später lustvoll bricht), sind wieder da.
„Whoah“ wiederum ist eine fast beklemmende Ballade über die Verlogenheit des Christentums, mit Ernst und Zärtlichkeit vorgetragen, und trotz seiner Langsamkeit wäre dieses Lied beunruhigend, wäre da nicht der versöhnliche Schluß. „Bullroarer“ schließlich nimmt den Hörer mit in die Weiten Australiens, mit seinem Hall, seiner schönen Gitarrenmelodie, den „Bullroarers“, traditionelle Instrumenten, die Geräusche machen wie große Maschinen, dem Echo auf dem Refrain, dem Wechselspiel von Akustik- und E-Gitarre, und seinem ganz unpeinlichen Rock-Gestus.

„Sell My Soul“ sackt dagegen ab, ist ein Poprocksong, schön, nett, aber eben nichts besonderes. Das wäre „Sometimes“ auch, wäre dieses Lied nicht so schön euphorisch, und hätte es nicht seine Offbeat-Gitarren in Stereo, die einen schönen kleinen Effekt erzeugen. Den Schluß bildet dann „Gunbarrel Highway“, das genau so klingt: wie eine lange Fahrt auf einem staubigen Highway, in einem schnellen Auto. Ein gelungenes Ende für ein wunderbares Album. Das Lied war auf der US-Version übrigens nicht zu finden, weil, so das Internet, den Amerikanern die Zeile „shit falls like rain on a world that is brown“ zu hart war.

Was beim Hören heute auffällt: Teilweise klingt das Album schon sehr dated. Die Gitarrensounds sind manchmal ebenso Achziger wie die Percussioneffekte, und der ein oder andere Synthie-Sound klingt schon arg cheesy. Das ist zwar schade, macht aber nichts, im Gegenteil. Es ist nämlich genau die für solche Sounds verantwortliche Experimentierfreude, die auch einen ganzen Haufen feiner Details erzeugt hat: diese wahnsinnig tollen Hörner, die kleinen Synthiemelodien, die Übergänge zwischen akustischer und elektrischer Gitarre, die perkussiven Elemente hier und dort, die immer wieder eine ungemeine Weite und Reichhaltigkeit erzeugen. Das, gekoppelt mit der inhaltlichen Tiefe und den immer wieder schönen Bildern in den Texten Garretts, erzeugt eine Welt, wie sie sich Midnight Oil für ihr Land wohl wünschen: ein reiches, blühendes, abwechslungsreiches Land voller Versprechen, Hoffnung und guter Musik.

www.midnightoil.com

Beggars Banquet, 1988

Was mir vergangenes Wochenende widerfahren ist, ist mir einen, ach was, eine ganze Flasche Asbach Uralt wert: Ich schlenderte in angenehmer Begleitung über einen schäbigen Flohmarkt in einer Stadt, die für ihr Aufkommen guter LPs so bekannt ist wie Bad Tölz für seine minimal-techno-Parties, und fand an einem kleinen Stand, an dem ein älterer Herr vornehmlich überteuerte Rockplatten aus den Sechzigern und Siebzigern in schlechtem Zustand verkaufte, plötzlich das Album „I Am Kurious Oranj“ von The Fall, zwar auch nicht billig, aber in gutem Zustand, und vor allem sprach meine angenehme Begleitung plötzlich zu mir: „Ich schenk‘ dir die Platte.“ Gefreut wie ein kleines Kind zu Weihnachten habe ich mich, nicht nur über die ausgesprochen nette Geste meiner Begleiterin, sondern auch und ehrlich gesagt vor allem über dieses Album, und bin breit grinsend durch den Resttag gehüpft.

Nun habe ich The Fall nie wirklich gehört, besitze mit „The Infotainment Scan“ (1993) nur noch eine weitere Fall-Platte, eine in Fankreisen und auch von mir nicht wirklich gemochte. Freilich habe ich Mark E. Smith immer irgendwie mitgekriegt, beobachtet, alle Artikel über ihn gelesen etc., aber das brachte mich auch nicht dazu, mir die neuen Alben von The Fall zuzulegen, obwohl diese erstens einfach zu kriegen weil neu, und zweitens ziemlich gut sind.

Warum also, mag der geneigte Leser fragen, diese ausgeprägte Freude bei einer Platte, über die ein gewisser Ted Mills gar urteilte: „For the first time tracks felt like filler, and indeed they were“?

Es war im Jahr 1994, als mir The Fall zum ersten Mal über den Weg liefen, und zwar mit ihrem Lied „Kurious Oranj“, und zwar auf einem Mixtape. Dieses hatte mir der Redakteur der kleinen Lokalredaktion, für die ich damals nebenher tätig war, als Geschenk zum bestandenen Abitur aufgenommen, eine schöne Geste, die für mich damals von außerordentlich fruchtbarer Bedeutung war. Denn diesem Redakteur verdanke ich tiefe Einblicke in die Musik, ihm verdanke ich Nick Cave, Phillip Boa, die Go-Betweens, die Stranglers, Siouxsie and the Banshees, Television und vieles mehr, alles Bands, die auch auf diesem Mixtape vertreten waren, und eben auch „Kurious Oranj“ von The Fall. Neben „Nice’n’Sleazy“ von den Stranglers, „Spring Rain“ von den Go-Betweens und „Carried Away“ von Television war dieser Song sofort mein Favourit – dieser dreckige, druckvolle Baß, die schrägen Gitarren, Mark E. Smiths nörgelnder und doch heiterer Gesang, der kryptische Text, die Orgel, einfach der gesamte prima Sound, das Repetitive, Hypnotische, Tanzbare – was für ein Song!

Ich habe damals viel traurige Musik gehört, aber dieses Tape war mein Zugang zu den heiteren, rockenden Seiten der Musik, zu den wirklich coolen Bands, die vor allem einen wirklich coolen Sound hatten. Nach und nach habe ich angefangen, mir die Platten zu kaufen, auf denen meine Lieblingslieder des Tapes drauf sind. „Boy“ von U2 habe ich mir gespart, bei „Aristocracie“ von Phillip Boa dauerte es Jahre, die Stranglers waren recht bald recht gut vertreten, meine damals geweckte Liebe zu Nick Cave überdauert sogar Grinderman und den Ausstieg Mick Harveys bei den Bad Seeds, mit Television konnte ich mich nie wirklich anfreunden, aber „Kurious Oranj“, meine Güte, dieser Song verfolgte mich genau so hartnäckig, wie das Vinyl unauffindbar blieb, zumindest außerhalb des Internets. Und dann jener Flohmarkt am Wochenende, meine angenehme Begleitung, und jetzt „I Am Kurious Oranj“.

Über das Album selbst muß man nur wenig mehr Worte verlieren als über The Fall (das Internet weiß da eh alles besser als ich), interessant daran ist, daß es der Soundtrack zum Ballett „I am Curious Orange“ des Avantgarde-Tanztheaters Michael Clark Company ist, daß Teile davon wie eine Live-Aufnahme klingen, und Teile wie im Studio, und daß Ted Mills wahrscheinlich Recht hat mit seiner Kritik: Nicht jeder Song auf „I Am Kurious Oranj“ ist gut, und bei weitem ist nicht jeder Song so gut wie „Kurious Oranj“.

„New Big Prinz“ mit seinen handclaps und seiner hypnotischen Gitarrenlinie zeichnet sich durch seine Psychobilly-Anleihen aus, die „Overture from I Am Curious Orange“ klingt nach Indie, „Dog Is Life / Jerusalem“ ist seltsam und düster, aber „Kurious Oranj“ und „Wrong Place, Right Time“ beenden Seite 1 richtig gut. Seite 2 ist dann schon schwieriger, erst „Van Plague?“ bleibt hängen, der Rest ist, nun ja, schwierig eben, aber man darf nicht vergessen, daß die Platte eben kein „normales“ Album ist, sondern ein Ballett-Soundtrack, und interessanter als das meiste, was so an Musik veröffentlicht wird, ist selbst die schlechteste Fall-Platte.

Aber ehrlich gesagt: Eigentlich ist es mir scheißegal, wie der Rest der Platte ist, so lange ich endlich „Kurious Oranj“ auf Vinyl habe. Und daß das Album dann doch zu weiten Teilen so gut ist, macht die Sache nur noch besser.

Und jetzt: Prost!

www.visi.com/fall
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Soundflat Records, 2010

Ok, Spaß. Ganz offensichtlich geht es den fünf Primaten der Kongsmen um Spaß, und da ist auch nichts Falsches dran. Schon der Bandname ist ein kleiner Lacher, das Cover schaut aus wie ein Original aus Papas Plattensammlung, und die Pseudonyme der Musiker kommen auch aus der Wortspielkiste: Nat King Kong, Chango Reinhardt, Ape Turner, Paul McCaco, Chimp Krupa, und vor allem mußte ich bei Thelonius Monkey lachen – Scherz gelungen.

Aber ein gelungener Scherz rechtfertigt noch nicht 14 Euro 90 für das Vinyl beim hiesigen Plattenhändler, Kauflust hin, Kauflust her. Doch schon ein kurzes Reinhören auf Myspace konnte mich überzeugen: Die Kongsmen klingen ja richtig gut! Und das Vinyl hielt dann auch, was meine Laptop-Lautsprecher versprachen: echter Vintage-Sound, mono aufgenommen, mit viel Witz und Spielfreude und einem Gesang, der in den besten Momenten an Gerry Roslie erinnert – viel Rock’n’Roll und viel Soul also. Dazu geht auch das inhaltliche Konzept der Kongsmen auf: fünfzehn Coverversionen rund um’s Thema Affe, und was nach einigen Liedern nerven könnte, wird hier schön beherzt und ernsthaft genug vorgetragen, um jedem blöden Witz auszuweichen, um das Augenmerk vom Gag weg und hin zur Musik zu lenken.

Und die Musik ist richtig fein. Wie gesagt, die Kongsmen klingen vintage wie sonstwas, aber eben echt und nicht nur aufgesetzt oder nachgemacht, die Songs sind geschmackvoll ausgesucht (ganz vorne z.B. „Can your monkey do the dog“ von Rufus Thomas oder „Monkey“ von Chubby Checker) aus den Reihen des 60’s-Garagenbeat, des frühen R’n’B, des guten alten Rock’n’Roll, der Vortrag der fünf Spanier ist kenntnisreich, soulful, nie zu dreckig, um den Popappeal zu verlieren, aber auch nie zu brav, um glatt zu wirken, und vor allem lassen sich die Kongsmen nie gehen und treten ihren Ulk bei aller inhaltlichen Konsequenz nie zu sehr in Richtung Klamauk aus. „On Campus“ kann also ebenso als guter Witz wie auch als richtig gute Beatscheibe gehört werden. Das Richtige also für die Party und auch für zuhause. Kaufen!

www.myspace.com/thekongsmen
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Trikont, 1995 & 1996

Wenn man die 30 überschreitet und also in ein sogenanntes reiferes Alter kommt, dann ändert sich auch langsam die Form des Protestes und des Widerstandes. Wo man in der Jugend noch „No Future“ brüllt, seine Eltern ignoriert, den Lehrern den Stinkefinger zeigt, sich mit Kuli „Anarchy“-As auf die zerrissenen Jeans malt und die Welt nicht verändern, sondern nurmehr abkacken sehen will, wird man mit dem Alter zwangsläufig ruhiger, aber auch klüger. Man legt sich Strategien zurecht, wird kompromissbereiter, vielleicht auch ein bißchen resignierter, aber man bekommt ein Geschenk, das einem vieles leichter macht: Humor. Und so, wie sich die Überlebensstrategien ändern, so ändert sich auch die Musik, die den Kampf im und gegen den Alltag begleitet. Und die den Hörer im besten Fall überhaupt erst zum Kampf motiviert. An diesem Punkt haben sich wohl die wunderbaren Nuts befunden, als sie ihre beiden – offenbar leider einzigen – Alben „Irgendwas fehlt immer“ und „Selber“ aufgenommen haben.

Zu der Zeit, in der sich die Nuts bereits wieder auflösten, hätte ich ihre Musik wahrscheinlich nicht hören wollen. Mitte der 90er steckte ich noch tief im Post-Teenage-Angst-Sumpf fest, hatte Grunge für mich entdeckt und wieder hinter mir gelassen und mit ihm eine neue Melancholie gefunden, die sich durch meine Erkundungen von Alt.Country und den Nine Inch Nails zog und die Kämpferisches eher in ein Seufzen oder bestenfalls in die lebensweise, sexuell aufgeladene Dandy-Spiritualität von Leonard Cohen übersetzte. Und nur Chumbawamba bildeten – musikalisch wie politisch – eine vitale Ausnahme. Wahrscheinlich hätte ich die Nuts damals nicht unbedingt hören wollen (aber wer weiß), wahrscheinlich hätten sie mir aber gutgetan.

So fand ich also erst mit Anfang 30 zu ihnen, auf einer Party, auf der ein Freund das lustige Ska-Pop-Stückchen „Halt dich an deinem Haß fest“ von „Selber“ spielte, und ich belustigt, aber auch irgendwie bewegt zuhörte: Wie vital klang dieses Lied, wie tröstlich. Wie hier mit demselben Gestus, mit dem man sonst Schulkinder belehrt (allein der Begriff „Schießgewehr“! Der schulhofartige Satz „…und vergiß nicht, wer schuld ist, daß du traurig bist“!), das Private hochpolitisch gemacht wird und man tatsächlich die Revolution um die Ecke spicken sieht, die hochpolitische Revolution im Privaten.

Genau darum geht es den Nuts: Mit spielerischer Leichtigkeit, viel Ironie und ganz großer Musikalität wird hier hinter vermeintlich harmlosen Melodien und vermeintlichen Lebenshilfetexten die Revolution ausgerufen, aber erfreulicherweise ohne verbissen, altlink oder lächerlich zu wirken. Vielmehr schlendern, hüpfen, torkeln, laufen die vier Altöttinger leichtfüßig durch die Musikstile, von Ska bis Surf, von Pop bis Punk, von HipHop über NoWave hin zu Liedermacher, dabei immer leicht bajuwarisch anmutend (was vor allem dem dialektalen Einschlag des Sängers Reimund Fandrey und der Sängerin Christa Latta geschuldet ist, aber auch dem herrlichen Akkordeon, das vor allem auf „Irgendwas fehlt immer“ zum Tragen kommt), was unterm Strich irgendwie noch subversiver wirkt als z.B. das nordische Nuscheln der Zeitgenossen Tocotronic.

Und überhaupt, Altötting, der bayrische „Protowallfahrtsort“, wie der Musikexpress seinerzeit schrieb: Um ein wirkungsvolles Provinzbashing als gesellschaftspolitischen Protest betreiben zu können – das hat schon Thomas Bernhard gezeigt –, muß man diese Provinz in sich tragen, in Kopf und Herzen, unwiderruflich, und bei allem Haß, bei aller Abscheu auch irgendwie eine Liebe zu ihr empfinden, und sei sie noch so grausig. Und im Gegensatz zu Thomas Bernhard, der seinen Frieden mit Österreich (also der Nation gewordenen Provinz per se) maximal ganz am Lebensende grade mal winken sah, haben die Nuts ihren Hass effektiv durch ihren feinen Humor in Musik kanalisiert. Wobei es nicht wirklich die tatsächliche, also geographische Provinz ist, gegen die die Nuts sich so herrlich ereifern, sondern vielmehr – und noch viel schlimmer! – die Möchtegernkosmopoliten, die kunstbeflissenen Bildungsbürger, die ökologisch und politisch so korrekten Gutmenschen, diese fatale Pest von widerwärtig verständnisvoller Menschlichkeit, diese ecken- und kantenlosen Kulturschänder, Provinz im Sinne von großmäuligem Kleingeist also – wie gut tut es, sich „Gute Menschen“ anzuhören und endlich die Worte zu finden, die man auf faden Parties bei Nudelsalat und Gesprächen über die blöden Kinder der anderen und den neuen Coelho so lange gesucht und stattdessen nur die geballte Faust in der Hosentasche gefunden hat.

Ich muß zugeben: Es ist ihr Zweitling „Selber“, der mich für die Nuts eingenommen hat. Nicht, weil er besser wäre als das Debut, aber „Selber“ ist die musikalisch wesentlich abwechslungsreichere Platte. Dominieren auf „Irgendwas fehlt immer“ neben Schlagzeug und Baß Gitarre und Akkordeon, so tat es „Selber“ gut, daß Christa Latta die Gitarre gegen Keyboards eingetauscht hat, was freilich irgendwie weniger „Indie“ wirkt, aber dann doch hilft, diese wirklich guten Lieder noch feinsinniger auszuformulieren.

So ähneln sich die Lieder auf „Irgendwas fehlt immer“ doch ein wenig, auch wenn sich Rhythmen und Beats aufs Herrlichste abwechseln und z.B. der HipHop des kleinen Hits „Aus einer heiligen Stadt“ von einem Akustikgitarrenriff konterkariert wird – womit die Grenzen- und Respektlosigkeit dieser kleinen feinen Band gleich zu Beginn der Platte manifest wird. Und auch, wenn einzelne Songs vielleicht ein bißchen zu monoton geraten sind (Bitte immer den Vergleich zu „Selber“ mitdenken! Für sich allein genommen schlägt „Irgendwas fehlt immer“ so manche andere Scheibe um Längen!), wimmelt es hier dennoch von Ohrwürmern: besagter kleiner Hit „Aus einer heiligen Stadt“, Standortbestimmung und Haßprogramm in einem, „Vernunft ist Tyrannei“, das irgendwie die freie Liebe predigt, das verträumte „War’s das schon?“ oder das herrlich fröhliche „Dem Rest die Pest“.

Mit „Selber“ und der musikalischen Verfeinerung hielt dann auch textlich eine größere Subtilität Einzug. Spricht „Irgendwas fehlt immer“ noch vom „bürgerlichen Arschloch“, heißen solche Leute auf „Selber“ dann „Gute Menschen“, die „grausige Sandalen“ tragen und „gefährlich“ sind, denn „sie lieben nicht nur sich, gute Menschen sind gefährlich, denn sie lieben sogar dich“. Die Nuts beleidigen sie nicht mehr, sondern schlagen sich sogar probehalber auf die Seite der abscheulichen Gutmenschen, denn „das Leben, das Leben, das ist gar nicht so schwer“, wie des Erzählers Freund plötzlich feststellt und der Erzähler sich in Form eines Anrufbeantworterspruchs der österreichischen Kabarettisten Ostermayer, Grissemann und Stermann nur wundert: „Sag mal, wo ist eigentlich deine sympathische negative Einstellung zum Leben geblieben?“

Außerdem schleicht sich auch eine gewisse Unsicherheit in „Selber“ ein, ein Hinterfragen der eigenen Positionen, das auf „Irgendwas fehlt immer“ noch nicht so deutlich war: „Ich würd‘ so gern, ich würd‘ so gern, ich weiß nicht was ich gerne würde, was ich gerne hätte, ach, ich weiß nicht“. Das muß angesichts der großen Weisheit, mit der die Nuts zugange sind, ebenfalls dem Reifungsprozeß zugeschrieben werden – die Anmaßung, sich allzu klare Urteile und Aussagen zu erlauben und allzu deutlich Stellung dagegen zu beziehen, ist einem gesunden Zweifel gewichen, der hier ebenso ironisiert vorgetragen wird, wie die Band gegen ihre Feindbilder wettert. Und die einzige Gewissheit, die bleibt: „Stecker raus und dann / und dann Ende“.

Zwischen den angedachten und immer wieder verworfenen Positionierungsversuchen des Selbst in einer engen, bedrückenden und eigentlich hassenswerten Spießer- und Bürgertumswelt und der gelungenen Verachtung derselben nehmen sich die Nuts auf „Selber“ auch die Zeit, kleine lehrreiche Geschichten zu erzählen, Geschichten von früher („Ganz schön teuer“) und von heute („Bäckerlehrling“), Geschichten von einsamen Entscheidungen („Hoffentlich hab‘ ich nichts wichtiges vergessen“) und Zwischenmenschlichkeiten („Deine Verse mag ich nicht“, das mich schönerweise immer wieder an His Name Is Alive erinnert), um am Ende halt doch nochmal auf Altöttings Katholizismus draufzuhauen, in dem kleinen Lied „Aber eins fand ich cool“ (in dem auf die doch recht eindeutige Zweideutigkeit des Bildes vom „Heiligen Stuhl“ hingewiesen wird).

Die Universitäten, so liest man allenthalben und so hört man es hier durch die Straßen rufen, brennen heutzutage wieder, das kleine protestierende Häufchen Studenten macht lautstarke und kunterbunte Aktionen, und es ist zu hoffen, daß diese erstens endlich mal bei den Herrschaften oben ankommen und daß sie zweitens endlich zu einer Repolitisierung der Studierenden führen. Aber, so liest man auch, diese spalten sich bereits auf in bierernste Linksradikale, spaßprotestierende Mitläufer und neoliberale Pragmatiker, die (so die Linksradikalen) nur ihres eigenen Vorteils wegen mitprotestieren. Deppen, allesamt. Man wünscht sich, daß sie sich einfach mal die Nuts anhören, diese lustige, zweifelnde, hochpolitische, melancholische, durch und durch gesunde Band, ein popgewordener „Fabian“ Erich Kästners, eine endlich einmal glaubwürdige moralische Instanz.

Von den Nuts ist nicht viel geblieben, obwohl die Welt sie braucht. Aber Augen auf: Auf Amazon oder Ebay finden sich immer wieder ihre CDs zu einem unverschämt geringen Preis. Drum zugreifen, mehrfach gleich, an alle Freunde verschenken und diese Band der Welt wieder zurückgeben.

www.fandrey-composing.de
www.trikont.de

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Soundflat Records, 2006

Gleich vorweg: Es ist eine Sache, die Staggers live zu sehen, und eine ganz andere, „nur“ ihre Platte zu hören. Live sind die Österreicher eine unglaubliche Schau, ein Gesamtkunstwerk, ein wilder Haufen wie direkt aus Bobby Picketts „Monster Mash“, als ob Frankenstein und seine Freunde bei Räuber Hotzenplotz mitmachen würden, angeführt von einem arg heiteren Fürsten der Finsternis, mit mehr als nur einem Arsch voll Groove. Auf LP bleibt von dieser feinen, abwechslungs- und bewegungsreichen Optik (Vampire, verrückte Professorgehilfen, Hinterwaldschrate und eben coole Rocker), von den Gesten und Blicken, vom Grinsen und Wippen, freilich nicht mehr viel übrig, da kann man sich nur auf das Cover verlassen. Doch auch in 2D halten die Staggers einiges von dem, was sie versprechen: Zusätzlich zur ziemlich coolen Optik des Covers schenken sie einem noch ein feines Poster dazu und eine Monstermaske zum Ausschneiden, damit man selber zum „Ugly Kid“ mutieren kann. Hier hat man es also tatsächlich mit Liebhabern zu tun, die ihrerseits den hörenden Liebhabern viel zu schenken haben.

Vielleicht ist es einfach ein bisserl schwierig, diesen optischen Irrsinn in Musik umzusetzen und trotzdem der Zitatenhölle des Neo-60’s-Garage-Beat treu zu bleiben, vielleicht kommt hier auch einfach nur der Unterschied zwischen einer furiosen Liveshow und einem dann doch produzierten Studioalbum zum tragen. Jedenfalls ist die Musik der Staggers deutlich konventioneller, wenn auch nicht viel weniger wild, als ihre Show und ihre Optik. Was jetzt – diese Verteidigung sei gleich hinterhergeschoben – dem Album gar nicht so viel ausmacht.

Das Album selbst besteht bis auf „Little Boy Blue“ (Tonto and the Renegades) und „I am the Wolfman“ (Round Robin) aus Eigenkompositionen, die sich aber nirgendwo hinter den Originalen verstecken müssen, die klingen wie aus der Feder eines 60’s-Irren, und die auch die typischen Themen dieser Musik und also die hormonell verwirrter Teens verhandeln: Sex, Girls, heiße Öfen, Surfen, wilde Tiere, Friedhöfe, Serienmord und diverse blutrünstige Gestaltwandler.

Der Sound changiert dabei minimal zwischen dreckigem Teen-Beat, dreckigem Prä-Punk, dreckigem Surf und dreckigem Monsterbeat, zwischen Fuzz und Farfisa, ohne dabei die teilweise unerträglich schlechte Soundqualität z.B. einiger Billy-Childish-Outputs zu erreichen. Die Produktion ist erfreulich klar, ohne dabei ihren Druck zu verlieren, räumt den einzelnen Instrumenten ihren Platz ein und ist trotzdem nix für kopflastige Audiophile, sondern für Leute mit Groove im Arsch.

Sicher, nicht alles erreicht dabei die Größe des „Eagles Surf“ oder des großen Hits der Staggers, „Do the Ripper“, der dreist bei „The Crusher“ (von wasweißichwem, unter anderem von den großen Cramps) klaut, aber wer weiß, wo der wiederum geklaut ist, und außerdem ist das eh wurscht. „Little Girl“ wäre 60’s-Garagen-Massenware mit leicht rockistischem Einschlag, klänge dann nicht doch ein bißchen zu sehr der Irrsinn durch, der die Live-Shows zu so einem Erlebnis macht, was vor allem dem hysterischen Gesang von Wild Evel geschuldet ist, dem Mann mit der bescheuertsten und deswegen coolsten Frisur des Rock, und der schrillen Orgel der gruslig-anziehend unnahbaren Lightning Iris. Den Refrain von „Out of my Mind“ hat man auch schon oft gehört, der Anfang von „Black Hearse Caddilac“ zitiert Chuck Berry, aber, ich kann es nur betonen: Was soll’s? Hinter der eleganten Freak-Coolness der Band hört man eine derartige Spielfreude, eine Lust auf diese schön primitive Musik, daß die drei Ausrufezeichen hinter dem Titel „Come on!!!“ wirklich mal gerechtfertigt sind.

Gerade ein Song wie besagter „Black Hearse Caddilac“ bringt mich sogar jetzt, müde von der Arbeit, vollgefressen und faul wie sonstwas, fast zum Aufspringen und wilden Rumhüpfen, müßte ich nicht das hier schreiben. Und höre ich hier nicht auch ein Quentchen teen angst raus? Ein bißchen zu viel Dringlichkeit und Verzweiflung im Gesang? Geht es hier sogar um mehr als nur um den auf dem Cover angepriesenen „Fun“? Dochdoch, irgendwie sind die Staggers auch Getriebene, und so eine Welt voller Vampire, Werwölfe und heißer Schlitten ist eben nicht nur ein Vergnügungspark (wohnt nicht z.B. dem Surf auch eine ständige Moll-Melancholie inne?). Aber hey, nochmal: Was soll’s? Hauptsache, die „Wild Teens“ kommen auf ihre Kosten, ehe die Platte mit dem fast traditionellen Rock’n’Roll von „I am the Wolfman“ schließt.

Kurz gesagt ist „Teenage Trash Insanity“ ein klassisches 60’s-Garage-Beat-Album, mit allem, was daran Spaß macht, aber auch mit einigem, was daran ein wenig fad wirken kann. Aber weil es den Staggers ja nicht darum geht, das Rad neu zu erfinden, sondern damit einfach nur ihre Hot Rods zu bestücken und einmal durch sämtliche Garagen und Höllenschlünde der Stadt zu brettern und dabei verdammt gut auszusehen, kann man über ein paar Flauheiten hinwegsehen, vor allem, wenn man Lust hat, sich auf den Sozius zu schwingen und mitzubrettern. Und dafür sorgt diese Platte dann doch ziemlich effektiv.

www.staggers.net.tf
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Soundflat Records, 2006

Was ist „pervers“? Laut Duden versteht man unter „pervers“ (lat. „perversus“) „verdreht, verkehrt, adj.“, Wikipedia sagt zu „Perversion“: „[…] eine stark bis sehr stark den vorherrschenden Moralvorstellungen, häufig im Bereich des Trieb- und Sexualverhaltens, entgegenwirkende Tat. Heute wird es als Schimpfwort für befremdendes Verhalten benutzt“. Es ist also diese zweite, moderne Bedeutung das Begriffs „pervers“, der mir beim Album „Aus dem Weg“ der Cool Jerks aus Bremen (nicht zu verwechseln mit der US-Band gleichen Namens), ein Seitenprojekt der Trashmonkeys, in den Sinn kommt.

Schaut man sich allein schon das Frontcover an, dann weiß man, warum ich dieses Wort bemühe: Vier Buben zwischen Teenie und Twen, in beschissen hippen Klamotten, mit superfreundlichen Grinsefressen, die total dämlich posen, ein Bild wie aus einer Teen-Zeitschrift vom Bahnhofskiosk, und auf der Rückseite geht’s gleich weiter: Unter total süßen Fotos der vier Buben stehen deren Lieblingsfarben, -musiker, -hobbys etc., grusel. Eine ähnliche Süßheit tropft aus den Angaben zu den Songs, die Titel tragen wie „Auf die Piste“, „Ich sitz auf’m Sofa“ oder „Sorry“: „Text + Musik: Andi, arrangiert von uns allen“. Was für ein Liebhaben, was für ein „Leben wie in einem 50er Jahre Heimatfilm“, wie Mutter gesagt haben. Und bei allen Indizien für Ironie: Irgendwie sehen die Jungs zu echt aus (Echt sind irgendwie auch eine – zumindest optische – Referenz), zu wenig gestylt, um nicht wirklich so süß und harmlos zu sein.

Und die Musik unterstreicht das dann auch: Die anfangs „flotte“ Gitarre vom Opener „Im Kreis“ wird sofort von einer weichgespülten Orgel und ebensolchen „Uhuuu“-Chören abgeschossen, vom lebensbejahenden Text, von dieser naiven Jungenstimme. Aber halt: Wieso singt Andi „es könnt‘ nichts Schlimm’res gääben“ statt „geben“? Woher dieser cheesy britische 50er-Jahre-Akzent?

„Autobahn fahrn“ zitiert dann auch Kraftwerk, allerdings so, als ob die Beach Boys am legendären „Autobahn“ mitgeschrieben hätten, wobei keine dieser Bands von den Pinkelpausen gesungen oder wie kleine Kinder Autogeräusche nachgemacht hätte. Das namensgebende „Cool Jerk“ von The Capitols aus dem Jahr 1966 wurde dann auch auf schönste Peter-Kraus’sche Weise eingedeutscht, wie auch die anderen Covers, z.B. The Whos „Run Run Run“ oder „Sorry“ von den Easybeats.

Mein Lieblingslied ist das vierte auf Seite eins, „Auf die Piste“, das mit dem wirklich geilen Reim „Girl, lass uns auf die Piste geh’n, die Laternen scheinen hell, um abends viertel nach zehn“ beginnt und klingt wie schönster Cliff Richard oder Peter Kraus. Bei „Astronaut“, im Original von den Caesars, klingt die Orgel dann dreckiger, der Gesang dringlicher, der Geist des Punk hebt sein ernsthaftes Haupt und wird vom klassischen Casiosound und dem „Aha-aha“ von „Da Da Da“ von Trio mit beiläufigem Humor gleich wieder konterkariert, bevor der „Vierrad-Reggae“ die erste Seite mit einem Stück Klischeereggae beendet, wie man es eigentlich nie wieder hören wollte.

Mit „Boogaloo“, dem Opener der zweiten Seite, im Original von Don Gardener aus dem Jahr ’67, steigen die Cool Jerks in schön dreckigen Garagenrock ein, eine fiese Gitarre, ein fieser Gesang, eine schweißtriefende Orgel und tüchtig viel Becken führen die Bandfotos schön ad absurdum, ebenso wie der Folgesong „Hör mich wein'“ (Animals). Es folgen noch die Kinks („Ich sitz auf’m Sofa“), die Beatles („Deine Sorgen“), besagte Who und Easybeats, neben zwei weiteren Eigenkompositionen, allesamt in schönstem brit-akzentuiertem Deutsch, und sogar die Lieder, die akzentfrei gesungen werden, klingen irgendwie nach Cliff Richard oder „Komm gib mir deine Hand“.

Und hier, mitten in aller weichgespülter Schlagerseligkeit, in aller Garagenrockigkeit, liegt die liebevolle Ironie der Cool Jerks, im gekonnt naiv wirkenden Zitieren der schrecklichen 50er-Jahre-TV-Welt, in der der hier immer wieder in den Sinn kommende Peter Kraus und seine Schwiegermuttertauglichkeit die Vorherrschaft über den deutschen „Rock’n’Roll“ (die Anführungszeichen stehen mit Bedacht da) innehielt, in der die Harmonie so zuckersüß war, daß man Karies bekam vom bloßen Hingucken. Sicher, „Aus dem Weg“ ist keine gemeine Satire, ist keine zynische Abrechung mit dieser Musik. Sie geht mit dem Beat und dem englischen Schlager der 50er genauso um wie die Leopold Kraus Wellenkapelle mit Surf und Beat, nämlich respektvoll und nur zart ironisch. Nur, daß sich die Cool Jerks der wesentlich uncooleren Musik widmen und dabei offenbar doch ziemlich viel Spaß haben. Wirtschaftswundermusik für Schwiegermütter in der Verpackung einer Teenieband der Gegenwart. Zweimal superuncool ergibt irgendwie dann doch cool, ironisch auf eine Art, auf die man aber zusätzlich unreflektiert guten sauberen Spaß haben kann. Und eine dufte Partyscheibe ist „Aus dem Weg“ auch noch.

Ich tausche das eingangs herangezogene Adjektiv „pervers“ gegen die Begriffe „unverschämt“ und „geil“ und tanze noch ein wenig weiter in dieser besseren Welt.

www.myspace.com/cooljerksbremen
www.soundflat-records.de