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Bad Seed Ltd. 2013

In der Ferne spontan zum Ohrenarzt gemußt. Während der Untersuchung im Gespräch herausgefunden, daß er „Musik-Nerd“ und Bad-Seeds-Fan ist, früher für die Spex geschrieben und Nick Cave und Blixa Bargeld in den 80ern sogar interviewt hat („Blixa Bargeld hat dermaßen nach Urin gestunken während des Interviews, ein ganz intensiver, stechender Geruch nach Ammoniak“). Übereingestimmt darin, daß „Push The Sky Away“ eine der besten Platten von Nick Cave ist. Erheitert von diesem Arztbesuch zurück am Rechner beschlossen, endlich über „Push The Sky Away“ zu schreiben. Also.

Ich gebe gleich zu Anfang zu: Gefreut habe ich mich erstmal nicht auf diese Platte, und als ich sie dann doch beim heimischen Plattenhändler gekauft habe, geschah das nicht zuletzt aus Komplettierungszwang. Wenn ich schon die langweiligen Grinderman nach einem Album fallengelassen habe, wollte ich die Bad Seeds nicht ganz kampflos aufgeben. Es sprach allerdings einiges dagegen: erstmal eben Grinderman, die ich wirklich nicht besonders gut finde, dann das vorige Album der Bad Seeds, „Dig, Lazarus, Dig!!!“ (2008), das ich vielleicht einmal am Stück durchgehört und von dem ich außer dem Titelstück nichts behalten habe. Und dann, wahrscheinlich der gewichtigste Grund, der Weggang Mick Harveys, den ich trotz seines letzten, allzu glatten Soloalbums immer bewundert habe und der für mich das eigentliche Rückgrat der Bad Seeds war, Warren Ellis hin oder her.

Aber vor ein paar Monaten postete jemand in einem sozialen Netzwerk das erste Video, „We No Who U R“. Nachdem ich erstmal über die Schreibweise erschrocken war (Nick, dachte ich, hast Du diesen modernen Schmonz nötig, Ironie oder nicht?), hörte ich mir das Lied, das die Platte auch eröffnet, an, und war ganz angetan. Schläfrig klang es, langsam, irgendwie weit weg, aber sehr unprätentiös und eben nicht rockend. Ich mochte es, mochte die minimalistische Instrumentierung, mochte nach kurzem Zögern auch die offensichtlichen Samples, mochte, daß weder Klavier noch Gitarre gespielt wird, mochte die kleinen, schönen Gesangsharmonien und die Flöte von Warren Ellis. Später tauchte dann das zweite Video im Netz auf, „Jubilee Street“, das mich schlußendlich, gelinde gesagt, vom Hocker gerissen hat. Auch dieses Lied klingt sehr müde, in Caves Stimme liegt eine versteckte Traurigkeit, die ich schon lange nicht mehr bei ihm gehört habe. Der ganze Song basiert auf einem schönen, leicht angezerrten Gitarrenriff, verhaltenem Baß und Schlagzeug und einer tristen Geschichte über die Bordsteinschwalbe Bee, die mehr weiß, als sie zugibt. Und dann, mitten im Lied, das den Hörer bislang eher einlullt, plötzlich Rückkopplungen und Streicher, und kurz darauf kommt dieser große Moment, in dem das Schlagzeug das Tempo plötzlich leicht anzieht, Akustikgitarren und ein Rhodes Piano auftauchen, und die E-Gitarre immer ungeduldiger wird, bis sie endlich ausbrechen und Krach machen darf. Cave klingt dabei schläfrig und dringlich zugleich, und er singt die wundervolle Zeile „I got love in my tummy and a tiny little pain / And a ten ton catastrophe on a 60 pound chain“. Besser kann man das nicht in Worte fassen.

Ist „Jubilee Street“ mein Lieblingsstück der Platte und sowas wie ein kleiner Hit, stehen die restlichen Songs dem in kaum etwas nach. „Wide Lovely Eyes“ wäre eine ruhige, kleine, nur von Baß, Schüttelei und Rhodes getragene Ballade mit schwärmerischem Refrain und einer wunderschönen Zweitstimme von Conway Savage (der auf diesem Album sonst nichts zu tun hat), würde da nicht ein fast tonloses E-Gitarren-Loop rhythmisch dagegenhalten und dem Kitsch von „Uuuuh“-Chören eine gemeine, aber organische Nervosität unterlegen.

„Water’s Edge“ beginnt mit einem Baß direkt aus „She Fell Away“ von „Your Funeral, My Trial“ (1986; die Lieblings-Bad-Seeds-Platte des Ohrenarztes, übrigens), bleibt aber ganz verhalten, unruhig und drängend wie Jagdhunde, die nicht losgelassen werden, mit orientalisch anmutenden Geigen, einem ziellosen Piano und einem nervösen Schlagzeug, bis der Refrain dann resigniert und weltmüde innehält: „It’s the will of love, it’s the thrill of love, but the chill of love is coming down.“ Und dann, ganz am Ende, knurrt Cave noch ein wirklich lustiges „people“. Ja, Leute, so ist’s mit der Liebe.

„Mermaids“ ist dann einfach schön, aus flirrenden Gitarren und dem Rhodes-Piano, Baß und Schlagzeug werden dem Song zurückhaltend gerecht, und der Refrain ist einfach eine Rock-Ballade im allerbesten Sinn. „We Real Cool“ ist der Bruder von „Water’s Edge“, der Baß bleibt stoisch bei seinem Rhythmus, während der Song selbst seinen eigenen Weg zu gehen scheint, mit einem traurigen Refrain, schönen Streichern und verstreuten Klaviertönen. „Finishing Jubilee Street“ ist dann die Metaerzählng zum Hit der Platte, auch hier verschieben sich die Rhythmen, formieren sich in einer schwülen Sexualität, die klatschenden Hände eine Travestie des Mitmach-Rocksongs, und dann plötzlich der Refrain: klein, fast niedlich, fast jubilierend, eine Perle von klarer Schönheit vor der verhaltenen, morbiden, schmutzigen Düsternis des restlichen Liedes.

An vorletzter Stelle steht der „Higgs Boson Blues“, das in der Presse mittlerweile notorisch zitierte und notorisch gelobte Lied, in dem Cave den Teilchenbeschleuniger am CERN in Genf mit Hannah Montana respektive Miley Cyrus, Robert Johnson und dem Teufel persönlich in einen Topf wirft und zu einem schwülen Blues zerkocht. Und obwohl das Lied in der Presse als das beste des Albums gelobt wird (nicht zuletzt wegen seines herrlichen lyrischen Unsinns), ist es für mich die Schwachstelle, das Lied, das am konventionellsten, dafür aber als Song an sich nicht gut genug ist, das weder mit den Melodien noch mit den Arrangements der restlichen Songs mithalten kann. In seiner lebensmüden Zurückhaltung hat es aber durchaus seinen Platz auf „Push The Sky Away“.

Den Abschluß bildet schließlich das Titelstück, das wiederum eine tiefe Müdigkeit ausstrahlt, weitgehend nur aus verschwimmender Orgel, minimal von Baß und Trommeln unterstützt, und der ebenso minimalistische Refrain ein weiterer echter Ohrwurm ist. Ein schöner, ruhiger Abschluß eines hervorragenden Albums. Zum Hören der Bonus-7″, die der Erstauflage des Albums beiliegt, bin ich leider noch nicht gekommen, freue mich aber darauf.

Es fällt auf, wie minimalistisch die Bad Seeds hier instrumental zu Werke gehen. Die Kerngruppe besteht insgesamt aus nur fünf Leuten (Cave, Warren Ellis, Thomas Wydler, Martin P. Casey und James Sclavunos; Conway Savage singt wie gesagt nur ab und an mit, und zweimal darf Barry Adamson zum Baß greifen), und selbst diese kleine Besetzung musiziert äußerst zurückhaltend, spielt nur das Nötigste, weiß um ihren Platz in diesen müden, fernen Liedern. Die Gastsänger und -sängerinnen wiederum sind insgesamt mehr als die Band selbst, was immer wieder für schöne Texturen sorgt, die den eigentlichen Gesang stützen.

Eigentlich hatte ich nach „Dig, Lazarus, Dig!!!“ und vor allem nach Grinderman ein unerfreulich rockistisches, prätentiöses Dicke-Hose-Album erwartet. Und mal ehrlich, schwitzigen Rock, das können andere besser, als es Cave mittlerweile beherrscht. Was er und Warren Ellis hier mit den reduzierten Bad Seeds aber produziert haben, ist eine wundervolle, verhaltene, müde, immer wieder hell leuchtende Platte mit großen kleinen Melodien, mit gerade genug Experimentierfreude, um den Kitsch abzuschießen, mit tollen Songs und einem Nick Cave, der stimmlich einfach nur bei sich selbst ist. Das beste Album seit vielen Jahren!

www.nickcave.com

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menatwork

Columbia Records, 1981

So, es wird Zeit, eine Lanze zu brechen für eine derjenigen Bands, denen ihr großer Hit zum Verhängnis wurde und die, käme sie nicht von down under (und wäre sie nicht, so möchte ich glauben, viel zu cool), heutzutage durch blöde Sendungen wie „Hits von anno dunnemal“ auf RTL oder einer anderen televisuellen Pest tingeln und immer wieder und endlos akustische Vegemite Sandwiches fressen würde.

Die Rede ist von den Australiern Men At Work um den Sänger Colin Hay, die die Querflöte nach Jethro Tull wieder für die Popmusik urbar gemacht und sie dummerweise viel zu catchy auf ihrem viel zu großen Hit „Down Under“ verwendet haben.

Bands wie die wunderbaren Men At Work gibt es wohl wie Sand am Meer: Auf einem Album voller schöner Lieder ist eines, das raussticht, weil es das exaltierteste, das albernste oder einfach das blödeste ist, und alle Welt fährt darauf ab, und plötzlich sind Midnight Oil nur noch „die mit Beds Are Burning“, oder Black nur noch „der mit Wonderful Life“, Fischer-Z die mit „Berlin“ und „Marliese“, und Blur waren doch die mit diesem bescheuerten „Boys And Girls“ (ach, halt, die hatten danach noch das Glück, berühmt zu werden). Und Men At Work sind eben die mit diesem albernen „Down Under“.

Das stimmt wohl, das sind sie, und tatsächlich ist „Down Under“ ihr Trademark-Stück (und, so verrät uns das Internet, die inoffizielle Nationalhymne Australiens), und das nicht nur, weil es eben das bekannteste ist. Hört man etwas genauer hin, dann ist das Lied gar nicht so albern, wie es klingt. Der Text erzählt vom Einsamsein in der weiten Welt und dem Vaterland im Herzen, das das Eis zwischen den Figuren schmelzen läßt. Aber halt: Was wie eine patriotische Liebeserklärung an Australien klingt, ist eine Warnung: „You better run, you better take cover“, und zwar vor den plündernden und kotzenden Männern dort, und dem Donnern, irgendwo las ich dereinst, es handle sich dabei um die Angst vor irgendeinem Krieg oder so ähnlich. Und außerdem ist das Lied viel melancholischer, als der typische Ü30-Diskobesucher wahrhaben will – völlig fertig in der Ferne in einer Ecke zu liegen ist nunmal kein Zuckerschlecken.

Und außerdem, deshalb habe ich die Platte hier überhaupt erst ausgepackt, ist „Down Under“ wahrlich nicht das beste Lied auf  „Business As Usual“. Allein schon der Opener „Who Can It Be Now?“, auch ein mittelgroßer Hit, schlägt den Song um Längen. Ein klassisches 80’s-Saxophon bläst eine unvergessliche Hookline, und Colin Hay singt mit heiserer Stimme eine Geschichte Pop gewordener Paranoia, gerade noch im Zaum gehalten von dieser wunderbaren Melancholie, die auch die verhaltenen Gitarren tragen. Und immer wieder wird diese Paranoia, wahrscheinlich typisch für die 80er Jahre, im Verlauf der Platte ihr Haupt heben, ob in „Helpless Automaton“ oder, mit der Liebe ringend, in „Catch A Star“.

Weniger paranoid, aber nicht minder melancholisch ist dann „I Can See It In Your Eyes“, ein Liebeslied von einem Erzähler, der zurückgelassen wurde, und dessen Traurigkeit über das Scheitern der Liebe sich nun vermischt mit den alten Erinnerungen an die weit zurückliegende, für immer vergangene Schulzeit. Fast schon naiv ist das kleine Gitarrenintro, lieblich die Melodie, ein ganz kleines Lied über die ganz großen Gefühle.

Überhaupt ist das die große Stärke der Men At Work: Es gelingt ihnen immer wieder, eben jene großen Gefühle wie Einsamkeit, Angst oder Liebe in kleine, bescheidene Lieder zu stecken und damit viele Klischees zu umschiffen. Und sogar ein Zitat wie „Be Good Johnny“, das sich fast ein bißchen zu sehr im Pop suhlt, bleibt sympathisch, auch in seiner Haltung zu besagtem Johnny im Lied.

Dabei streifen sie auch durch die urbane Nacht, mit einem hektischeren Beat wie in „Underground“ oder in „Helpless Automaton“, mit einem bißchen sozialkritischer Haltung in „Touching The Untouchables“ oder schlagen sich einfach mit den üblichen zwischenmenschlichen Kommunikationsschwierigkeiten herum, wie im romantischen (oder vielleicht doch etwas seichten)  „People Just Love To Play With Words“. Ein bisserl düsterer New Wave-Reggae plötzlich in „Catch A Star“, bevor das Vinyl elegisch mit „Down By The Sea“ endet (die CD hat offenbar noch Bonustracks).

Gut, „Business As Usual“ klingt heutzutage ziemlich dated, ist eine typische 80’s-Platte, und man wird immer wieder über „Down Under“ stolpern. Und freilich erreicht nicht jedes Lied diese traurige Paranoia von „Who Can It Be Now?“ oder dieses wunderbar Naive von „I Can See It In Your Eyes“, aber dennoch bleibt diese Platte eine besondere. Das mag an ihren feinen Melodien liegen, an Colin Hays unverkennbarer Stimme, vielleicht auch an diesem (Achtung, Klischee!) ungreifbar Australischen, dieser Weite in der Musik, oder aber dem Humor der Band – die Men At Work auf „Down Under“ zu reduzieren ist jedenfalls ähnlich dumm, wie die Beatles nur noch als „die mit Yellow Submarine“ zu bezeichnen, und vielleicht hören diejenigen, die bei den Ü30-Parties bei der notorischen Querflöte von Greg Ham nur noch die Augen verdrehen, einfach mal genauer hin oder besser noch bei Gelegenheit in das gesamte Album rein.

www.myspace.com/menatwork
www.colinhay.com
www.columbiarecords.com