scottO

4AD, 2014

Eine lange Zeit ohne Eintrag hier in diesem kleinen Blog. Das neue Leben mit frischem Kind, altem Job, ausgefüllten Tagen allgemein, es bleibt mir leider kaum mehr Zeit, Musik zu hören, geschweige denn, hier drüber zu schreiben, obschon es jede Menge Platten gibt, die hoffentlich noch ihren Weg hierher finden (genannt seien z.B. die neuen Scheiben der Dos Hermanos, von Lustmord, Current 93, London Grammar oder Bonnie „Prince“ Billy).

Jetzt aber muß ich doch ein paar schnelle Worte verlieren über, naja, die wahrscheinlich absurdeste Platte, die ich seit langem gehört habe. Ob das Lob oder Tadel ist, weiß ich selbst noch nicht so genau, aber was Scott Walker hier mit Sunn O))) als Begleitband aufgenommen hat, ist dann doch erstaunlich.

Details über „Soused“ finden sich überall im Internet und sogar in den Feuilletons, ich muß hier über die nicht so sehr erstaunliche Kooperation genauso wenig Worte verlieren wie über Walkers Entwicklung vom 60er-Jahre-Schnulzensänger zum experimentellen Klangkünstler oder Sunn O)))s Ausnahmestellung im Metal. Aber als ich „Soused“ gestern Abend zum ersten Mal aufgelegt habe (ich habe mir die wunderschöne Doppel-LP im aufwendigen Klappcover gegönnt), war ich erstaunt, überrumpelt, beeindruckt, verängstigt und höchst amüsiert zugleich. Sunn O))) höre ich ja nun schon seit einiger Zeit gern, und auf Scott Walker war ich, nach allem, was ich über seine letzten Alben „The Drift“ (2006) oder „Bish Bosch“ (2012), an die ich mich bislang nicht so recht rantraue, gelesen habe, recht neugierig.

Gekauft habe ich mir „Soused“ nun allerdings als Sunn O)))-Platte, und hier kommt gleich die erste Enttäuschung: „Soused“ ist offenbar durch und durch ein Album von Scott Walker, er hat alle Songs geschrieben (einen Moment lang war ich eben versucht, „Songs“ in Anführungszeichen zu schreiben) und offenbar auch kräftig den Daumen auf allem gehalten. Was ich an Sunn O))) so liebe, diese massiven, überwältigenden, alles überrollenden Klangwände, ist auf ein Hintergrunddröhnen reduziert, im Vordergrund steht Walkers Stimme, und hier komme ich zum lustigen Teil der Platte. Denn Walkers Tenor ist sowas von manieriert, expressiv, gekünstelt, daß ich an mehreren Stellen wirklich laut lachen mußte. Allerdings ist dieses Gekünstelte auch so oft jenseits der Grenzen des Irrsinns, daß es wiederum eigentlich hervorragend zu den düsteren Klanggemälden paßt, die Sunn O))) und ihre Mitstreiter hier für Scott Walkers Kompositionen malen, und die von Peitschenhieben über Lynyrd-Skynyrd-Gitarren, den typischen Drones bis hin zu beunruhigenden Störgeräuschen von Gitarre, Trompete und Synthesizern und Zitaten von William Byrd reichen.

Ein weiterer irritierender Aspekt ist die Tatsache, daß die Songs bei allem Einfallsreichtum, bei all den zahllosen Geräuschen seltsam skelettiert wirken, unfertig und zugleich fast schon diktatorisch im Zaum gehalten. Es wirkt, als ob die einzelnen Ebenen eher nach- als miteinander gespielt würden, als ob Walkers Texte und seine seltsame Stimme allen Raum einfordern würden, und jedem Teil eines Songs immer nur eine bestimmte Klangfarbe zustehen würde. Diese Farben sind freilich allesamt so schwarz wie das Artwork der Platte, aber anders als dem Artwork wohnt Walkers Gesang und seinen Kompositionen eine Art vitaler Wahnsinn inne, den ich immer noch nicht so ganz kapiert habe.

Deswegen kann ich auch noch gar nicht viel über die Songs selbst sagen, außer daß ich diesen Begriff immer noch gern in Anführungszeichen setzen würde, scheinen sie doch eher Sammlungen von Walkers Melodiefragmenten als echte Songs zu sein, was aber, siehe vor allem „Herod 2014“, so auch nicht zutrifft. Die Kompositionen haben durchaus fast schon klassische Songstrukturen (gerade, wenn man von Bands wie Sunn O))) ausgeht), diese Strukturen sind aber so dermaßen auseinandergezerrt, ausgebremst, verbogen und pervertiert, daß es nur so eine Freude ist. Wobei mich doch immer wieder der Verdacht beschleicht, die Kompositionen sind simpler gestrickt als die Details der Melodieführungen und der Störgeräusche.

Ist „Soused“ denn nun eine gute Platte? Ich habe keine Ahnung. Fehlt mir ein stärkerer Einfluß von Sunn O)))? Auf jeden Fall. Kann ich Scott Walker ernstnehmen? Nicht so richtig. Bin ich beeindruckt von „Soused“? Auf jeden Fall. Und mag ich das Album nun? Definitiv ja, und sei es nur deswegen, weil ich immer noch grinsen muß und höchst amüsiert bin, trotz fiesem Schnupfen und schlechtem TV-Programm, und mich drauf freue, morgen nochmal „Bull“ oder „Herod 2014“ anzuhören.

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sunn.southernlord.com

CCS

Mute Records 2013

Ach Gott, wie ist das schön! Nach so vielen Jahren, in denen ich Crime & The City Solution teilweise schon fast vergessen hatte, plötzlich wieder Simon Bonneys Stimme zu hören, dieses warme, sympathische, ein bisserl kitschige Schwärmen eines echten Romantikers.

Crime & The City Solution waren bei mir eigentlich immer eher ein Sidekick der Bad Seeds, eine Band, die ich damals aus Vollständigkeitsgründen mitgenommen habe, als ich alles aus dem Dunstkreis von Nick Cave gekauft habe, was mir unter die Finger gekommen ist (auch so seltsame Bands wie Once Upon A Time oder Martin Dean). Freilich: Irgendwie waren Crime immer etwas Besonderes, und freilich sind sie nach einer Weile derart gewachsen, daß ich mir, sogar anders als bei den Bad Seeds, wirklich jede E.P. zugelegt habe (was sicher auch daran liegt, daß die Diskographie von Crime deutlich überschaubarer ist als die von Cave). Aber trotzdem. Hier waren sie mir zu sperrig, dort waren sie mir einen Hauch zu kitschig, und am Ende legte ich doch lieber Hugo Race & The True Spirit auf, die einfach cooler waren als die Schwärmereien von Simon Bonney.

Und dann, 23 Jahre nach dem letzten Studioalbum „Paradise Discotheque“ (1990; die erste Platte, die ich von Crime kannte), erscheint plötzlich „American Twilight“. Und nicht nur das: Schlagzeug spielt Dirty Threes Jim White, Bronwyn Adams und Alex Hacke sind noch dabei, und, fuck me, David Eugene Edwards, der alte Apokalyptiker von 16 Horsepower und Woven Hand, spielt neuerdings Gitarre. Na, wer könnte besser passen im „American Twilight“?

Aber gut, ich war skeptisch. Nick Cave hatte mich oft genug enttäuscht (auch wenn er mich mit „Push The Sky Away“ (2013) wieder entschädigt hat), Hugo Race auch, und wie gesagt, bei aller Liebe hatte ich auch meine Schwierigkeiten mit Crime & The City Solution. In einem Anfall von Verschwendungssucht habe ich mir dann aber doch das rote, transparente Vinyl mit beigelegtem (total kitschigem aber total tollem) Poster und dem Album auf Extra-CD gekauft, aus alter Verbundenheit, und von der CD gleich auf einer meiner längeren Autofahrten gebraucht gemacht. Gewarnt wurde ich von einem Bruder im Geiste, was die Australien/London/Berlin-Blase betrifft: Ihm gefiele das Album nicht so gut, und ich verstehe irgendwie, was er meint. Denn das Eröffnungsstück, „Goddess“, ist, nun ja, psychedelischer Hardrock, eine Kombination, die ich nicht so sehr mag. Aber irgendwie ist das Riff richtig geil, der mehrstimmige Gesang ist auch toll, und wie gesagt: Wie schön ist es, Simon Bonney mal wieder zu hören, und dann auch noch so vital und druckvoll. Und am Schluß erinnert mich das „rising, rising“ ein bißchen an The The’s „Dogs of Lust“, auch schön.

Voll erwischt hat mich dann aber der zweite Song, „My Love Takes Me There“, anders kann ich es nicht sagen. Was mit einem Klischee-Rockriff anfängt (ein schönes Detail: bei aller Verzerrung hört man, wie das Plektrum über die Saiten schrappt), wird plötzlich zu einem klassischen schwärmerischen Crime-Song, der in ein jubilierendes „You will see me fall“ im Refrain mündet, Trompeten erklingen, ganz großer Kitsch, eine Melodie, die Herzen bricht, die langsam und romantisch über dem hektischen Schlagzeug und dem treibenden Baß schwebt, und im Mittelteil singt dann noch ein Engelschor.

Genau das war es, was ich früher an Crime & The City Solution geliebt habe: dieser Herzschmerz, diese toughen Jungs, die sich nicht zu schade waren, über die ganz großen Gefühle zu singen und dabei Paisley-Hemden mit Rüschenkragen und Samthosen zu tragen, ganz im Geiste des großen, leider längst verstorbenen Nikki Sudden. Was konnte man sich damals mit dieser Musik in seinem Liebeskummer wälzen und sich trotzdem saucool vorkommen. Und irgendwie aufgehoben von der Nähe, die Simon Bonneys Gesang suggerierte. Alles wieder da, hurra!

Riven Man dreht sich dann um einige Grad, ist ein Bluesrocker mit Bläsern und Call-and-Response-Gesang, ein bisserl bräsig und zu lang vielleicht, aber mit Energie und Lust gespielt, und hey, das sind Crime & The City Solution! Die Kultband aus „Der Himmel über Berlin“! Die dürfen das.

Klassisch wird dann „Domina“, eine finstere Ballade über – klar – die Liebe, Bronwyn Adams‘ Geige schmachtet, der Refrain wird vom gemischten Chor gesungen und ist schlicht wunderschön. Draußen regnet es, die Pärchen verstecken sich unter ihren Schirmen, und der Poet sitzt hinter seiner dreckigen Scheibe und fühlt sich erhaben und leidend zugleich, bis zum orchestralen Gitarrensolo, bei dem auch Schlagzeuger Jim White zeigen darf, was er kann, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Das ist ohnehin einer der schönsten Aspekte der Platte: Wie diese Allstars-Band immer an ihrem Platz im Lied bleibt. Diese Musiker lieben ihre Musik.

„The Colonel (doesn’t call anymore)“ erinnert dann wieder an die alten, zerissenen, finsteren Zeiten von z.B. „Shine“ (1988), ein Lied, das nicht richtig anfängt, sich immer um dieselben Töne dreht und damit eine Spannung erzeugt, die fast (aber nicht ganz) an die großen Zeiten von Hugo Race heranreicht, ehe im Refrain doch ein schleppender Beat den Song kraftvoll nach vorne schiebt, bis er wieder im Dreck steckenbleibt. Und hier, finde ich, hört man David Eugene Edwards Südstaatengitarre am besten heraus, der finstere, verhallte Blues von 16 Horsepower, das „American Twilight“ eben.

Ein großes Liebeslied ist dann „Beyond Good And Evil“, ein tearjerker erster Klasse, den auch Cassiel oder Nick Cave zusammen mit Shane MacGowan damals in Berlin hätten singen können. Der Titeltrack des Albums ist dann ein schneller Bluesrock, hier lässt die Band ein wenig ihre Muskeln spielen, was, nun ja, nicht so ganz funktioniert, weil man halt doch eher Samt und Seide hört als Dreck und Leder. Sei’s drum. Im Kontext des Albums haut auch dieses Lied hin, den Klischees zum Trotz. Den schönen, versöhnlichen Abschluß macht dann „Streets Of West Memphis“, ein Lied voller Abendsonne, Melancholie und Wärme, voller schöner Zweitstimmen und einer tiefen Intimität.

Es liegt nahe, „American Twilight“ mit dem letzten Album der anderen großen überlebenden Kultfigur des Berlin der 80er zu vergleichen, mit Nick Caves „Push The Sky Away“. Und während Cave seine Bad Seeds erfolgreich modernisiert und ins neue Jahrtausend gebracht hat, ist „American Twilight“ eine durch und durch altmodische Platte. Oder eine zeitlose. Auf jeden Fall ist sie eine wichtige Platte, die daran erinnert, was damals alles möglich war: Kitsch und Coolness zu vereinen, große Melodien zu zerrissenen Arrangements zu schreiben, sein Herz auf der Zunge zu tragen, wie man sagt. „American Twilight“ ist eine Platte für die Schwärmer und Romantiker, die nicht dauernd predigen, daß früher alles besser war, weil sie noch daran glauben, daß auch heute noch einiges gut ist. Und Crime & The City Solution zeigen: Das, was damals tatsächlich besser war, kann man heute immer noch genauso gut machen. Das ist sehr tröstlich. Und die Platte ist schlicht toll.

www.crimeandthecitysolution.com
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Gutfeeling/Trikont 2012 / Gutfeeling/Red Can Records 2012

Und nochmal Gutfeeling, diesmal im Doppelpack, und zwar sind gerade zwei Bands abwechselnd auf meinem Plattenteller, die auf’s erste Hören unterschiedlicher kaum sein könnten, die aber dann doch mehr miteinander gemein haben als man denken sollte, und deren Vinyl nicht zu Unrecht auf Gutfeeling erscheint. Kofelgschroa und Hummmel (ja, mit drei „m“) heißen die beiden Bands, Erstere ist irgendwie der bayrischen Volksmusik verpflichtet und bringt ihre CD folgerichtig bei Trikont raus, Letztere kommt hörbar aus dem Hardcore/Punk und macht minimalistischen Electro-Noiserock auf Red Can Records in Kooperation mit Gutfeeling in ungewöhnlicher Zwei-Mann-Besetzung.

Verpackt sind beide Platten wiedereinmal ungemein liebevoll mit Siebdruckcover, Einlagen (Kofelgschroa)  bzw. kleinen plüschigen Aufklebern auf der Innenhülle, die man durch zwei Löcher im Cover streicheln kann (Hummmel), und ein Downloadcode für den mp3-Player liegt auch bei. Da muß man aber bei Gutfeeling eh nicht mehr viele Worte verlieren. Zu den beiden Bands allerdings schon.

Kofelgschroa, vier Jungs aus Oberammergau, soviel prognostiziere ich jetzt schonmal, haben das Zeug, größer zu werden. Und das nicht nur, weil sie das schon seit einiger Zeit andauernde Volksmusik-Dekonstruktions-Revival bedienen, das (sage ich mit zugegebenermaßen nicht allzu viel Sachkenntnis) mit Attwenger, Stimmhorn und ähnlichen Bands schon vor einiger Zeit begonnen hat, dank der etwas exotischeren Volksmusik des Balkanbeat populär wurde und nun einiges an neuer Volksmusik gebiert, so wie auch die hier bereits besprochenen Landlergschwister. Dieser Exotismus ist zur Zeit zwar hilfreich, um bei einem größeren Publikum Aufmerksamkeit zu erlangen, ist aber die geringste Tugend von Kofelgschroa.

Ganz ähnlich wie Hummmel arbeiten Kofelgschroa, das fällt zuerst auf, in Schleifen. Da werden die drei klassischen Akkorde schonmal über Minuten repetiert, und ein Lied kann auch schonmal nur aus einer Textzeile bestehen (wie das Eröffnungsstück „Sog ned“), die Melodien der Bläser und des Akkordeons umspielen sich minimal variierend, und während sich diese einfachen Lieder langsam in ihre Überlängen hineinschrauben, merkt man irgendwann, wie schön sie sind. Und mit „schön“ meine ich wirklich schön. Obwohl Kofelgrschoa oft beherzt schief klingen, wacklig, eiernd, sind ihre einfachen Lieder von einer wunderbaren Harmonieseligkeit. Und das Schiefe, Wacklige rettet zusammen mit dem instrumentalen Bierstubenminimalismus diese tollen Melodien, diese schönen Harmonien (des Gesangs wie der Instrumente) davor, kitschig zu sein. Und, das erstaunt nach dem dadaistischen, fröhlichen und durchaus albernen Eröffnungsstück, melancholisch sind Kofelgschroa, wie dann bereits das zweite Stück „Eintagesseminar“ und sein Abgesang am Schluß des Stückes fatalistisch beweist: „Abwärts geht’s ganz alloa, kaaner braucht irgendetwas dafür doa.“

Seite eins beendet dann mein erklärtes Lieblingsstück, das „Schlaflied“, in dem zu Mollakkorden darüber sinniert wird, wer wie am besten wo und wann schläft oder auch nicht, bis dann plötzlich der Refrain einsetzt, auf eine kleine, müde Weise jubilierend, und Sänger Maximilian Paul Pongratz seuzft erst allein, dann begleitet von seiner Band: „Und die Augen so schwaar wia a Sackerl Zement, wo is a Wiesn wo i mi hinlegn könnt“. Wie wundervoll!

Überhaupt, die Müdigkeit, die Ruhe, die Freude: „Die Melancholie, die Traurigkeit, die Müdigkeit, ein Lebensgefühl von Freude und Dankbarkeit, Szenen und Beobachtungen versuchen wir in unseren Liedern, in unserem Auftreten und in den Videos zu vereinen. Das leicht Endlose und die Lust auf Ekstase entdecken wir immer wieder neu. Es geht um Freud und Leid, um Einsamkeit oder pure Zufriedenheit und überdruckventilische Ausschüttung.“ Es geht den vier Jungs aus Oberammergau also einfach um die reine Freude an der Musik, die man im etwas ungelenkten Jodeln von „Jäh I Di“ ebenso unbändig heraushört wie aus dem pumpenden „Wann I“, das in seinem Intro schier bei den schrägen Jazztönen landet, die man manchmal bei Tom Waits hört.

„Sofia“ und „Oropax“ sind dann eigentlich einfach schöne Popsongs, und hier wird klar, wo der Unterschied zwischen Attwenger und Kofelgschroa liegt: Machen Erstere tatsächlich Tanzmusik, geht es Letzteren eben auch um den Song an sich, um die schöne Melodie, die schöne Harmonie, das einfache kleine Lied. Und das ist gut so, denn das können die vier Buben: richtig schöne Lieder schreiben.

„14 Dog“ greift dann tief in die Chanson-Kiste und ist erstaunlich traurig. „Wäsche“ erinnert an die Liedermacher der 70er, nur ohne deren moralischen Gestus, vielmehr feiert das Lied die Schönheit des Alltäglichen, die sich dann auftut, wenn man nur genau hinschaut. „Luise“ führt einen dann erstmal ganz kurz hinters Licht, man meint, endlich im bayrischen Biergarten angekommen zu sein, würde das Lied nicht mit dem dritten Akkord wieder in diesem wundervollen Moll ankommen, mit dem Kofelgschroa mit immer wieder das Herz zu brechen verstehen. Hier bleibt auch „Verlängerung“, das sich mit der Melancholie der Existenz befasst, mit genauem Blick auf die Details des Alltags und dem unbedingten Wunsch, in dieser banalen, wunderschönen Welt noch eine ganze Weile bleiben zu dürfen. Und dabei werden sie so märchenhaft schwelgerisch wie Joanna Newsom, käme sie aus Bayern. So könnte die Platte dann aufhören und einen in einer wohligen Traurigkeit zurücklassen, aber Kofelgschroa möchten uns am Ende halt doch fröhlich machen und hauen mit „Oberammergau“ noch eine letzte Portion Wortsalat raus, verorten sich zum Schluß noch einmal deutlich in Bayern, lassen die Instrumente aber nochmal in die Ferne schweifen, Runden drehen, und plötzlich ist’s aus.

Wie fies nimmt sich dagegen Hummmels Eröffnungsstück aus: „guten morgen“ heißt es, und sollte man sich nach Kofelgschroa jetzt erhoffen, nett geweckt zu werden, hauen einem die beiden Insekten eine handvoll Wecker um die Ohren, die erbarmungslos ticken und den Rhythmus vorgeben, ehe „hinundher“ als Standortbestimmung die Richtung vorgibt: „wir sind hummmel und wir brummmeln heiter hin und her!“ Na, heiter geht anders, aber wach wird man von diesem kleinen Stückerl Noiserock aus Schlagzeug und Baß. „weck die“ ist dann die unbedingte Aufforderung, mitzumachen: „entdecke den brummm, entdecke den stock, die flauschige seite in dir“. Als würden DAF ihre flauschige Seite entdecken. Die Deutsch-Amerikanische Freundschaft kann man auch aus „beweg dich“ herauslesen, „tanz die hummmel“ sozusagen, mit Schlagzeug, fettem Baß, einem bisserl Moog und handclaps. Und kaum, daß man mit dem Tanzen angefangen hat, ist das Lied wieder vorbei. „für dich“ ist dann zäh wie teer und geht dann plötzlich dreimal so lang wie die anderen Lieder.

Eine gewisse Zähheit – und das ist ein Kompliment! – ist ohnehin konstitutiv für Hummmel, und hier kommen wir auf die Schleifenformen der Musik zurück, die auch Kofelgschroa prominent einsetzen. Sind diese Schleifen bei Kofelgschroa aber beruhigend und meditativ, so sind sie bei Hummmel quälend, gemein, hirnfickend, aber ziemlich zwingend. Und während man bei Kofelgschroa die elektronische Musik eher aus dem Strukturellen herauslesen muß, greifen Hummmel offensiv darauf zurück, bei „die zwei“ zum Beispiel, zwar immer noch handgemachte Musik, die aber problemlos in einem etwas stiloffeneren Club laufen könnte und nach Remixen schreit. Überraschend dann „um mich herum“ mit einer fast typischen Gutfeeling-Gitarrenmelodie, die aber von einem Baß kommt, und wäre der Rhythmus nicht militärisch und stramm, sondern lateinamerikanisch, das Lied könnte sich auch bei den Hermanos Patchekos verstecken.

Ein bisserl albern fängt die zweite Seite an, mit einer zitierten Melodie (jetzt müsste man halt wissen, woher…), ehe man von „du brauchst“ kräftig auf die Fresse kriegt, über vier Minuten lang. Ein schwerer Beat vom Schlagzeug, ein dreckig verzerrter Moog, dann das psychotische Versprechen, man selbst brauche „hummmel mehr als hummmel dich“, und man möchte da jetzt lieber nicht widersprechen. „paani“ dann instrumentaler (oder zumindest textloser) Punkrock, klassisch fast, nur halt ohne Gitarre. „lieblingsinsekt“ beginnt, als ob Trio „Da Da Da“ durch die Noiserock-Maschine gejagt hätten, und geht weiter als wahrscheinlich konventionellstes Lied auf der Platte – ein echter Indiehit, hätten Indiediskotheken Geschmack, inklusive „Uuuiiiuuuiii“-Mitsingteil, der so richtig abgeht, wie man sagt. „meine blüte“ zitiert dann frech und unverhohlen „My Sharona“ von The Knack und holt es in den minimalistischen Lärm-Kosmos von Hummmel, eine Coverversion der eigenen Art, meine Herrn, wie gut ist das denn? „unterwegs“ klingt dann wieder irgendwie bedrohlich, ein bißchen hämisch, so, als ob man mit den beiden Hummmeln lieber doch nicht unterwegs sein will, und „wir brummmen“ ist dann nochmal eine letzte Standortbestimmung: „wir spielen nicht, wir verzeihen nicht“.

Hummmel feiern also sowohl textlich als auch musikalisch einen fiesen Minimalismus, und wo die Texte süß sind, ist die Musik fies, und wo die Texte fies werden, bleibt das auch die Musik. Das Ganze findet grundsätzlich eher in höherer Geschwindigkeit statt und ist sowohl dem Punkrock als auch elektronischer Tanzmusik verpflichtet, manchmal hört man ein bißchen EBM raus, manchmal ein auch bißchen Egotronic. Spaß machen Hummmel allemal, wenn auch ein bißchen Angst.

Interessant ist, wie sich hier zwei Bands mit völlig unterschiedlichem Sound aus zwei völlig gegensätzlichen Richtungen der Idee der repetitiven Strukturen in der Musik nähern, ohne dabei den klassischen Song aus den Augen zu verlieren, wie beide Bands textlich gern dadaistisch sind, Kofelgschroa dabei mehr auf Inhalte achten, Hummmel die Texte völlig der leicht psychotischen Musik und dem Konzept der wahnsinnigen Insekten unterordnen, wie beide Bands über den Umweg desselben musikalischen Stilmittels – die Übertragung der Strukturen elektronischer in handgemachte Musik – zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen kommen: Ist das Repetitive bei Kofelgschroa eher entspannt melancholisch, das Ende des Sommers, das man draußen auf dem Land mit ein paar Freunden am Lagerfeuer feiert, zerren einen Hummmel in einen engen, dreckigen Kellerclub, in dem Schweiß und Fäuste fliegen, aber auch eben noch eine Vernissage war.

Vielleicht, wahrscheinlich können die Fans der einen Platte nichts mit der anderen anfangen, andererseits sind beide Platten nicht umsonst auf dem Label der „Freunde selbstgemachter Unterhaltung“ erschienen – genresprengend, experimentell, gewagt, widersprüchlich, wunderschön, laut und ziemlich prima.

kofelgschroa.by
www.hummmel.com
www.gutfeeling.de
trikont.de
www.red-can.com

No Quarter Records, 2011

Mittlerweile habe ich die Hoffnung ja aufgegeben, von seinem Bruder Will noch ein neues Album zu hören, das nicht ein bißchen zu langweilig, ein bißchen zu selbstgefällig und ein bißchen zu glatt ist. Umso schöner ist es da, daß Ned Oldham in seiner neuen Inkarnation Old Calf eine ganz wunderbare neue Platte aufgenommen hat, die seiner Hauptband The Anomoanon in nichts nachsteht.

Ned Oldham ist nicht weniger produktiv als sein berühmter Bruder, der sich zuerst als Palace, dann vor allem als Bonnie „Prince“ Billy zuerst in die Herzen der Hörer, dann ins Feuilleton und schlußendlich in eine fade Wohligkeit gespielt hat. Nur hat es der berühmtere der beiden Brüder – zugegeben nicht ganz zu Unrecht – ins Bewußtsein der Öffentlichkeit geschafft, während Ned – völlig zu Unrecht – nur einem kleinen Fankreis bekannt blieb (vom dritten Bruder, Paul, der desöfteren in Bonnies Tourband mitspielt, ganz zu schweigen) und sich neben den tollen Anonoamon aufs Produzieren und Arrangieren im eigenen Studio verlegte (und somit einen großen Teil am Ruhm seines Bruders mitträgt).

Ein besonderes Merkmal und eine charakteristische Arbeitsweise Ned Oldhams ist es, auf bereits existierende Texte zurückzugreifen und sie in sein eigenes musikalisches Gewand zu packen, seien das nun Gedichte von François Villon oder von Robert Louis Stevenson, seien das Abzähl- oder Kinderreime, die in knapp einminütige, oder wie auf „Borrow A Horse“ in „richtige“, Lieder gefaßt werden. Dabei bewegt sich Oldham mit The Anomoanon in einem umsichtig modernisierten musikalischen Traditionskosmos, der sich stark am Folkrock der 70s orientiert, gerne mal in Jams ausartet, dabei aber auf die allzu barocke Verspieltheit und das allzu Hippieeske zugunsten einer stoischen, prosaischen Verträumtheit oder aber einer Hinwendung zu einem unprätentiösen Rock verzichtet, gottseidank. Spielt bei The Anomoanon der Rock-Aspekt des Begriffs „Folkrock“ noch eine größere Rolle, zum Beispiel in Form einer oft psychedelischen E-Gitarre oder auch mal in Form von CSNY-Riffs, so rückt bei Old Calf der Folk im Sinne einer daheim im Wohnzimmer funktionierenden, stromlosen Musik in den Vordergrund.

Die Entstehungsgeschichte von Old Calf (gegründet von Oldham und Marty Metcalfe, you see), die No Quarter erzählt, klingt dann auch nach einer kleinen Veranda-Band, die keine Verstärker braucht, um sich bei einem kühlem Bier nach Feierabend in den Sonnenuntergang auf dem Lande zu spielen (was auch schön hier zu sehen ist), nur die Liebe zur Musik. „Southern gentlemen“, sagt No Quarter, aber eine gewisse hinterwäldlerische Schrulligkeit, die Will Oldham perfektioniert hat, ist auch hier prägend. „Borrow A Horse“ ist eine ungemein entspannte Platte (das hat sie mit Wills letzten Werken gemein), die zu keiner Sekunde aufgesetzt wirkt, vielmehr eine Ruhe und Gelassenheit evoziert, wie man sie aus der Jack-Daniels-Werbung kennt (allerdings abzüglich der unschönen Assoziationen von Jack Daniels).

Das fängt gleich mit dem schwärmerischen „I Saw A Peacock with a Fiery Tail“ an, ein langsames, schwärmerisches Lied mit schönem Harmoniegesang, das sofort irgendwie friedlich stimmt. „Bonny Cuckoo“ greift ein Arrangement von Shirley und Dolly Collins auf, die sich ihrerseits legendär dieses Traditionals angenommen haben, das einzige Lied, zu dem Oldham nicht die Musik komponiert hat, ein lebendiges kleines Liedchen mit einem nahezu „flotten“ Beat. Ein bißchen melancholischer geht es dann in „When I Was Taken“ zu, bevor mit „Follow My Bangalorey Man“ mein Lieblingslied auf dem Album kommt, ein beschwingtes kleines Liedchen (wahrscheinlich) darüber, einfach durchzubrennen.

Bei „Do Not Play With Gypsies“ bricht dann Oldhams Lust auf den Rockaspekt des Folkrock durch, wenn auch nur gemäßigt. Das Schlagzeug wird konkreter, und es gibt eine solierende E-Gitarre, aber auch hier bleibt alles schön friedlich und abendsonnig. Das ist überhaupt das Merkmal dieser Platte, auch im folgenden, eher melancholischen „Far From Home“, ein Lied des einsamen Sängers an seine ferne Geliebte, die doch auch an ihrem Hochzeitstag an ihn denken möge, das am Ende in einen sanften psychedelischen Jam ausbricht und damit die erste Seite beendet.

Die zweite Seite beginnt mit dem Country-Stomp „Stool-ball“ über ein dem Cricket ähnliches englisches Ballspiel aus dem 15. Jahrhundert, und mit dem nachfolgenden Lied „A Gift, a Ghost/Monday Alone“ kommt der vielleicht einzige kleine Schwachpunkt des Albums. Zu gewöhnlich, zu langsam ist dieses Lied, was es allerdings noch zu keinem schlechten macht. Spannender ist da „There Are Men in the Village of Erith“, das musikalisch am ehesten an den britischen Folk gemahnt, aus dem die Texte stammen, ein irgendwie grusliges Lied über diese Männer, die niemand sieht oder hört, und auch „Henry was a Worthy King“ verläßt die Wohligkeit, um in eine für „Borrow A Horse“ ungewöhnliche Melancholie hinabzusteigen. „What did I Dream“ schließlich, das letzte Lied des Albums, wird noch einmal sanft psychedelisch, mit mäandernden Gitarren und Orgeln, fernen Gesangsharmonien und einem für Old Calf-Verhältnisse fast schon wilden Schlagzeug.

Und dann überläßt Oldham den Hörer der Stille, den Bildern, die diese Platte im Kopf hervorgerufen hat. Zeitlos, so liest man im Internet, sei das Album trotz seiner starken Bezüge auf die Vergangenheit, und das stimmt. Sanft modernisiert hat Oldham diese alten britischen Kinderreime, auch sanft amerikanisiert, was wunderschön gelungen ist und den Liedern neben der britischen Folklore eine uramerikanische Weite verleiht. Old Calf ist, im Vergleich mit The Anomoanon, die behutsamere Band, friedlicher als letztere, ohne dabei aber in die Saturiertheit von Bruder Will abzurutschen. Vielmehr steht alles hier im Dienst der Lieder und der alten Texte, für die Ned Oldham sich sehr begeistert, wie hier nachzulesen ist.

Auf jeden Fall aber ist „Borrow A Horse“ ein wundervolles, friedliches, reichhaltiges und sehr warmes Album voller wundervoller Lieder, vorgetragen mit einer Sanftheit, die niemals langweilt, sondern immer neue Bilder erzeugt. Ein großartiges kleines Album, das hier in Deutschland wahrscheinlich weitgehend unbemerkt bleiben wird. Aber vielleicht liest das hier ja jemand, und der soll dann diese Platte kaufen gehen.

oldcalf.com
nedoldham.blogspot.com
noquarter.net

Polydor 1978

Heute Nacht hat sich Ludwig Hirsch nach einer Lungenkrebsdiagnose mit 65 Jahren das Leben genommen. Und obwohl man ja dauernd hört, daß jemand stirbt und man ja immer schon froh ist, wenn es niemand ist, denn man besser kannte, war ich trauriger, als ich erwartet hatte, und bin es immer noch. Sicher, vor ein paar Tagen erst hat’s auch Georg Kreisler und Degenhardt erwischt, aber von denen wußte ich nicht einmal, daß sie noch am Leben waren. Ludwig Hirsch aber, der Ludl, wie ich ihn in meinem Kopf immer genannt habe, das war nochmal etwas anderes.

Natürlich habe ich – nicht ganz ohne ein morbid-fasziniertes Schaudern – darüber spekuliert, was wohl in einem Menschen vorgeht in diesen letzten Momenten, in denen er so eine Entscheidung zu treffen hat. Und ich hoffe, daß Ludwig Hirsch diesen Moment mit derselben tieftraurigen Heiterkeit ertragen hat, die man in seinen Liedern findet, daß er den Freitod nicht in Panik, sondern mit derselben Ruhe gewählt hat, mit der er den Tod immer besungen hat. Es steht mir freilich eigentlich nicht zu, darüber hier zu schreiben, und auch wenn ich es jetzt doch getan habe, es sei jetzt genug, es soll jetzt um Hirschs Debütalbum „Dunkelgraue Lieder“ von 1978 gehen.

Ludwig Hirsch geistert durch mein Leben, seit ich denken kann, und er tauchte an den seltsamsten Stellen immer wieder auf. Zuerst gehört bei meinem Vater, schon als kleines Kind, mochte ich Hirsch von Anfang an, waren seine Lieder doch immer irgendwie witzig, und auch wenn ich die Tragik, die Grausamkeit, die Morbidität, den Spott und auch die tiefe Liebe in diesen Liedern freilich nicht verstehen konnte, diese beruhigende, sympathische Märchenonkelstimme packte mich, den Buben, sofort. Was wirklich hinter diesen „Dunkelgrauen Liedern“ steckt, habe ich erst viel später verstanden, als ich mit seltsamen und lieben Freunden zusammensaß, in den ersten Semestern, als man noch „Bohème“ sein wollte, und dem morbiden Charme Hirschs verfiel, amüsiert von seiner Dreistigkeit wie auch berührt von seiner Feinfühligkeit, oder erst kürzlich, als ich mit einer Internetbekanntschaft Youtube-Videos von Hirsch ausgetauscht habe, einfach so.

Von Film und Theater und vor allem aus Österreich kommend, fand sich Ludwig Hirsch irgendwann dazu genötigt, auf den „faschistischen Mief“ der österreichischen Provinz zu reagieren. „Watschen, nichts als Watschen“ kriege man ab, so der Begleittext zu seinem ersten Album: „Ich will auf meine Art einige dieser Watschen zurückgeben. Deshalb habe ich diese Platte gemacht.“ Was darauf dann trotz dieser Ankündigung doch sehr wohlig, sehr heimelig und gemütlich klingt, schön arrangiert, schön vorgetragen, Wohlklang an Wohlklang, ist in Wirklichkeit eine bitterböse Abrechnung mit einer dreckerten Welt, die es wirklich nicht besser verdient hat. Dabei ergreift Hirsch immer und bedingungslos Partei für die Schwachen, wie in „Der blade Bua“: „Es gibt Kinder, die kommen ohne Schutzengel auf d’Welt, und der Sandmann haut ihnen Reißnägel in d’Augen. Unterm Christbaum liegt jedes Jahr ein Packerl Tränen als Geschenk und ein Märchenbuch, wo der Teufel immer g’winnt.“ Da ist es so sehr tröstlich, daß wenigstens Hirsch diesem armen, fetten, geplagten Buben mit seiner zärtlichen Stimme ein Denkmal setzt, das stärker ist als jede Rachephantasie. Und auch den kleinwüchsigen Freund des Erzählers verteidigt er in „Der Zwerg“ („potent wie a Büffel, aber einsam wie der Tod“), nimmt dabei jedes Vorurteil selbst in den Mund und speit es den bösartigen Trotteln zurück vor die Füße.

„Die Omama“, einer der großen Klassiker Hirschs und das erste Lied, das man von ihm zu hören bekam, ist nur anfangs ein schönes, leicht melancholisches Trauerlied um die verstorbene Großmutter, denn es entpuppt sich bald als boshafte Abrechnung mit der Nazioma, die ihren Enkel immer nur terrorisiert und den Hitler bis zuletzt an der Wand hängen hat, „er hot ihr ja des Mutterkreuz verlieh’n“. „I lieg am Rucken“ als Fanal zu bezeichnen wäre hier ein bißchen verwegen, großartig und traurig ist dieses Lied dennoch, gesungen von einem, der im Sarg liegt und friert und nur auf eine Träne seiner Geliebten oben am Grab hofft, die ihn wärmt und die Würmer vertreibt, die sich ihm ins Hirn krallen. Und wenn er – seine allerletzte Hoffung – exhumiert werden sollte, dann will er sie zu sich ins Grab holen, damit er nicht friert. Nicht gerade eine erfreuliche Aussicht für die Geliebte, aber wenn man Hirsch so sanft und sehnsüchtig, so schicksalsergeben singen hört, wer hätte da kein Verständnis für diesen einsamen Toten? Und auch „Der Wolf“ in seinem Käfig, der von der Freiheit träumt, von den anderen Tieren gemobbt wird und dem sie „die Zähn aus’m Maul außegrissn“ haben, weil er sich einmal gegen die Demütigungen gewehrt hat, wird von Hirsch sanft verspottet: „Dort, wo der Regen net bitter schmeckt, dort, wo die Nacht die Zigeuner versteckt, dort, wo die Sonn‘ deine Wunden heilt, dort is des Land, das Freiheit heißt – so glaubt er, der alte, blöde Wolf!“ Und trotzdem, dieser armen Kreatur gehört Hirschs ganze Sympathie, seine ganze Kraft und Liebe.

Den Humor verliert Hirsch dann aber doch einmal, in „Der Dorftrottel“, eine bitterböse, gehetzte Erzählung über einen katholisch verblendeten Dorfmob, der den Außenseiter totschlägt, weil eine Bäuerin eine Totgeburt hatte und irgendjemand ja schließlich Schuld haben muß. Hirsch ist hier ganz bei diesem armen Menschen, voller Fassungslosigkeit über den feigen Pfarrer, der einfach abhaut, voller Wut auf die Dorfgemeinschaft und voller Gift und Galle gegen die Scheinheiligkeit des Katholizismus, aus dem so ein Aberglaube erst entstehen kann. „Herrgott, dank dir schön.“

Die Kinderschänder kriegen’s auch ab, der nette „Herr Haslinger“, dieser perverse Kindsmörder hinter der gutbürgerlichen Fassade, oder schlimmer noch der Perspektivwechsel in „Geh spuck den Schnuller aus“, ein Lied, das so ziemlich jedes Tabu mit einer Heiterkeit bricht, daß es einem kalt den Rücken herunterlaufen würde, müßte man nicht so herzlich lachen über diese obszöne und drastische Neuinterpretation klassischer Märchen in beschwingtem Rhythmus. Und dann gibt’s da auch noch die ganz albernen Lieder, „Die Spur im Schnee“ oder das „Liebeslied“, das en passant und ganz selbstverständlich auch noch Lesbensex thematisiert und den vorherrschenden männlichen Diskurs ganz schön blöd dastehen läßt. Bei all den Grausamkeiten des Lebens und der menschlichen Natur braucht’s dann doch ab und an die Flucht ins Humorige. Natürlich nicht ohne spöttische Boshaftigkeit.

Der Tod war also schon immer ein steter Begleiter auf Hirschs Platten, die Einsamkeit, das Böse im Menschen, aber auch die unbedingten Sympathien für die Außenseiter (allein schon, wie der ein bißchen blöde Blues von „Der Zwerg“ umkippt in eine ungemein zärtliche Melodie, wenn Hirsch dem Zwerg Gutes wünscht, es bricht einem das Herz). Es geht um das richtige Leben im falschen und um ganz schön viel blöde Witze. Musikalisch ist alles sehr gediegen, sehr gemütlich, kammermusikalisch und bürgerlich, und alles im Dienste dieser tiefgründigen Geschichten, hervorragend bösartig und ironisch inszeniert, vielschichtig, zart, gemein, heiter, düster, und am Ende gibt’s sogar ein „Happy End“, natürlich nicht ohne Beleidigungen.

Sein traurigstes, todessehnsüchtigstes und zugleich hoffnungsvollstes Lied, „Komm, großer, schwarzer Vogel“, ist auf Ludwig Hirschs gleichnamigem Zweitling, aber die „Dunkelgrauen Lieder“ sind seine wahrscheinlich schönste Liedersammlung. Was mir diese Platte bedeutet, wieviel Geschichte sie für mich beinhaltet, kann ich hier gar nicht sagen. Sagen kann ich aber, daß ich selten einen so umsichtigen, zärtlichen, boshaften, klugen, humorvollen, großherzigen Sänger, Texter und Musiker gehört habe wie Ludwig Hirsch mit seiner einzigartigen Stimme, seinem Wiener Schmäh und seinem melancholischen, leicht verrückten Hundeblick.

Was für ein Liedermacher, was für ein Mensch, der da von uns gegangen ist. Ludwig, pfüadigott, mach’s drüben genauso gut wie hier.

www.ludwighirsch.at

Mach’s gut, Ludwig

25. November 2011

Ludwig Hirsch 1946 – 2011

Heute Nacht ist Ludwig Hirsch von uns gegangen. Das ist wirklich traurig. Schlaf gut, Ludwig.

Kranky, 2008

Vielleicht wollte mir mein Freund R. einfach den Frühling verderben. Irgendwie werde ich diesen Gedanken einfach nicht los, auch wenn ich R. das weder unterstellen will noch kann. Denn die Wahrheit ist, daß er mir zum Geburtstag einfach das „zugänglichste“ Album seines Lieblingsmusikers schenken wollte und mir damit eine der intensivsten, besten, schönsten, traurigsten, einsamsten und verstörendsten Platten gegeben hat, die ich je gehört habe.

Erzählt hatte er mir schon öfter von Boduf Songs, dem Vehikel des mittlerweile in den USA lebenden Briten Mat Sweet, der seine Lieder daheim im Schlafzimmer mit nur einem Mikrofon aufnimmt, wie uns das Internet verrät. Mein Interesse war schon von Anfang an geweckt, aber ach, es gibt so viel Musik, und irgendwie fand ich den Namen „Boduf Songs“ auch nicht so attraktiv wie zum Beispiel die von Stars Of The Lid oder von Sunn O))), also verschwand der triste Brite wieder aus meinem Blickfeld. Bis letzte Woche.

Im schlichten, schmalen, schönen, tiefschwarzen Digipack wurde mir also „How Shadows Chase The Balance“ überreicht, an einem schönen, sonnigen, warmen Frühlingstag beim Mittagskaffee, und nachdem ich die CD abends zweimal am Stück durchgehört hatte, war ich unendlich traurig und ängstlich wie ein Kind, aber gleichzeitig ungemein bereichert, fasziniert, verzaubert. Denn was ich hier zu hören bekam, war nicht allein Musik. Vielmehr wurde mir ein Blick in den Kosmos, ins All gewährt, in dem der Mensch so verloren ist, wie er nur sein kann. Denn „How Shadows…“ evoziert wie keine andere Platte, die ich kenne, so intensiv das „Schweigen der unendlichen Räume“, das schon Pascal schaudern ließ.

Die Mittel, die Mat Sweet dafür anwendet, sind denkbar simpel: eine Akustikgitarre, hier und da verstörende Geräusche, an einigen seltenen Stellen ein viel zu lauter Drumcomputer und ein Baß, immer wieder ein düsteres Banjo, und dann seine – meist gedoppelte bzw. zweimal oder gar in Harmonien eingesungene – Stimme, die sich kaum jemals über ein Flüstern erhebt. Die Lieder selbst sind auch recht einfach, Akkordfolgen, die schon oft da waren, Melodien, die zwar schön, aber nicht außergewöhnlich sind, und hätte zum Beispiel ich diese Lieder geschrieben und gespielt, wahrscheinlich klängen sie ziemlich fad. Aber es geht Mat Sweet nicht um das Songwriting im klassischen Sinne.

Seine Lieder sind nicht nur am Folk geschult (siehe sein schnelles, hektisches Gitarrenpicking, das den langsamen Liedern eine tiefe Beunruhigung verleiht), sondern auch und vor allem an den schleifenförmigen Texturen von Ambient und Drone, seine Intensität und durchaus auch Brutalität bezieht er, so wiederum das oben zitierte Internet, aus dem Metal („Acoustic Death Metal“ sei eine Bezeichnung für seinen Stil), und seine Absicht ist eine universale. Sweet will uns nicht seine Kompositionen vorspielen, sondern uns seinen Kosmos zeigen.

Und der ist schwarz und kalt, grausam und einsam. „We fell to earth from pitch black skies“, so beginnt mein Lieblingsstück „Things Not to be Done on the Sabbath“, und sogleich entsteht das Bild eines weiten, finsteren Raumes, auf dessen Boden sich zwei gefallene Engel aufrappeln, sich den Dreck aus den schäbigen Flügeln klopfen und sich umsehen. Ein trauriges Bild? Nicht ganz: „We feed upon the left behind“, so geht es weiter, und es wird klar: „Alle Engel sind grausam“, wie Rilke wußte. Die anderen Lieder tragen Titel wie „Mission Creep“, „I Can’t See A Thing in Here“, „Pitiful Shadow Engulfed in Darkness“ oder „Found on the Bodies of Fallen Whales“, und es wird schnell klar, daß das Bild gefallener Engel nicht zu weit hergeholt ist.

Boduf Songs klingt in der Tat irgendwie esoterisch, oder besser: okkult. Die Lieder erinnern oft an Beschwörungen oder gar Horrorgeschichten, scheinen sich im Fantasy-Bereich zu bewegen, es gruselt einen nicht nur einmal beim Hören. Das Schlimmste aber ist: Selbst diejenigen, die weder mit Stephen King noch mit Dead Can Dance etwas anfangen können, die sowohl „The Grudge“ als auch amulettetragende moderne „Hexen“ mit Verachtung ansehen, werden hier gepackt. Denn unterm Strich sind es nicht die bösen Engel, die hier das Grauen verbreiten, sondern diese existenzielle Einsamkeit und Verlorenheit, für die Mat Sweet ausgesprochen grausame, intensive und zutiefst poetische Bilder findet, und die perfiderweise durch das konsequent verwendete, auf der Kippe zwischen Mitgefühl und Hohn stehende „Wir“ eine noch größere Wirkung entfalten, eine melancholische Resignation. Denn selbst wenn Sweet versucht, ein bißchen Hoffnung zu verbreiten, wie im von einem Drumcomputer getriebenen „Quiet When Group“, bleibt am Ende nichts: „And even when we sleep, we sigh, we sigh / And even when we shine, we sigh, we sigh … And even when we fall, we sigh, we sigh“. Die Monotonie der Kompositionen (nicht allerdings der feinen, detaillierten Arrangements wohlgemerkt!) unterstützt diesen Charakter der Platte noch und ist nicht etwa fehlendes Talent, sondern ein weiteres präzise eingesetztes, quälendes Element.

„How Shadows Chase The Balance“ ist also ein Album, das einem wirklich den Tag verderben kann, das uralte Ängste weckt, wie die bösen Märchen aus Kindertagen, die vom Unaussprechlichen erzählen, „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ auf satanistisch sozusagen, das aber gleichzeitig auch an den aufgeklärten Verstand appelliert, der die Erkenntnis des existenziellen Verlorenseins bereits hinter sich hat und daran verzweifelt. Eine Platte, die so etwas mit dem Hörer macht, ist es unbedingt wert, gehört zu werden. Und außerdem ist sie auch noch einfach wunderschön. Meine Güte!

bodufsongs.com
www.kranky.net

Southern Lord, 2009

Im Anfang war der Klang, und der Klang war überall, und alles war Klang. Und der Klang war warm und dunkel, und der Klang war mächtig. Der Klang war der Anfang und das Ende. Der Klang war das All-Eine, und er lag in den Händen von Stephen O’Malley und Greg Anderson. Der Klang war ein tiefer Klang, und er kam aus zwei sehr, sehr tief gestimmten E-Gitarren, und er war sehr, sehr laut. Weil er aber so tief und warm war, brachte die unglaubliche Lautstärke keinen Schmerz, sondern eine tiefe Ruhe und eine tiefe Geborgenheit.

„Aghartha“, der erste Track von „Monoliths&Dimensions“, dem siebten Studioalbum der Drone-Paten Sunn O))), beginnt, wie man es von Anderson und O’Malley erwartet, mit schweren, sehr langsamen Gitarrenriffs, mit einer undurchdringlichen Wand aus einem irgendwie absoluten Klang, der brutal und zart zugleich ist, ungemein laut und ungemein ruhig in einem. Akkorde, die dahinfließen wie ein gigantischer, Strom, gewaltig und unberührbar. Erstmal nichts Neues also. Mit der tiefen Stimme Attila Csihars, die eine zwischenweltliche Geschichte erzählt, beginnt dann aber nach einigen Minuten eine Reise, die den – zumindest mir – vertrauten Kosmos von Sunn O))) verläßt. Plötzlich beginnt es im Hintergrund zu summen und zu sirren, und ein mächtiges Piano schlägt Akkorde wie eine alte, böse Kirchenglocke, man identifiziert einen Insektenschwarm aus Klarinetten, Oboen, Trompeten, Geigen und diversen Dingen, die knarzen wie die Planken von Ahabs „Pequot“, und irgendwann fällt auf, daß die Gitarren völlig verstummt sind, der Drone von Hörnern übernommen, und Csihar erzählt stoisch weiter, bringt den Lärm zum verstummen, Wasser fängt an zu fließen, und die hermetische Dunkelheit des Anfangs öffnet sich einer zwar düsteren, aber offenen Natürlichkeit, die man zwischen großen Verstärkern mit gemeinen Verzerrern nicht erwartet hätte, während sich Csihar ganz nah aus dem Hall herantritt an des Hörers Ohr.

Zwischenweltlich bleibt es auch im zweiten Track, „Big Church (Megszentségteleníthetetlenségeskedéseitekért)“, dessen Frauenchor zum Einstieg eine deutliche Verneigung in Richtung Arvo Pärt ist. Der dreigeteilte Song ist nicht zuletzt wegen der Gesangsarrangements mein Liebling auf dem Album – der Chor singt langsam und strukturiert, die höhere Männerstimme spricht schnell und hektisch, die tiefe Männerstimme predigt gravitätisch und langsam immer nur dieses eine Wort, das dem Songtitel in Klammern beigefügt ist. Es ist vielleicht ein bißchen albern, ausgerechnet das laut Wikipedia längste ungarische Wort derart prominent zu gebrauchen, aber der Inhalt paßt, bedeutet es doch ungefähr: „wegen deiner fortwährenden Vortäuschung, unentweihbar zu sein“, wenn ich mich nicht irre. Tatsächlich sind die Gitarrendrones hier nur Nebensache, auch wenn die drei Teile des Stücks von jeweils einer mächtig röhrenden Gitarre eingeleitet werden. Es ist vielmehr der Ausflug in die zeitgenössische Klassik und die minimal music, der hier Neuland für Sunn O))) eröffnet, eine Pärt’sche Glocke inklusive, die spannenden Stimmen zwischen angedachtem Obertongesang und klassischen Chorarrangements, die das Stück zwischen Beschwörung und heiliger Messe vibrieren lassen.

„Hunting and Gathering (Cydonia)“ ist trotz jener Glocken, dem hallenden Chor und der Bläsersätze eher wieder dem Black Metal zugeneigt, mit fiesem Metalriffing in Zeitlupe, mit seltsamer, kaum hörbarer Percussion und Csihars bedrohlichem Gesang, bevor ab ungefähr der Hälfte des Stücks dieses Sirren des Anfangs wieder auftaucht, synthetisch diesmal, aber nicht minder bedrohlich. Die Bläser erinnern in ihrer Hymnenhaftigkeit schönerweise an Laibach, und obwohl „Hunting …“ das wahrscheinlich uninteressanteste Stück auf „Monoliths&Dimensions“ ist, ist es dennoch zwingend, treibend und richtig böse.

Den Abschluß bildet dann „Alice“, ein viertelstündiger Track, der als Meditation auf eine vorsichtig angezerrte Gitarre beginnt, die nach Dylan Carlsons späteren Earth-Scheiben klingt (der aber erstaunlicherweise nur bei „Big Church“ mitspielt) und das Stück vom Sound, von den Akkorden und den Harmonien in deren Nähe bringt, also in die Nähe von Neil Youngs „Dead Man“-Soundtrack auf illegalen Tranquilizern. Dazu Orchestersätze und seltsame Geräusche in einem industriellen Hallraum, ein dumpfes, dräuendes Pochen und Wabern, während die Gitarre unmerklich gewaltiger und gewaltiger wird, die Verzerrung zunimmt, so etwas wie Vitalität gewinnt. Und während man auf das Unheil wartet, das sich die ersten siebeneinhalb Minuten lang anzukündigen schien, auf die Gitarrenwände, die den Anfang des Albums markierten, setzen plötzlich hymnische Hörner an, öffnen jenen Hallraum, und wenn man die Augen schließt, sieht man, wie die Sonne langsam über majestätischen Berggipfeln aufgeht, wie sich Dur-Harmonien ihren Weg durch den Nebel kämpfen und warmes, farbenreiches Licht in diese dunkle Welt fällt. Eine Klarinette evoziert Samuel Barbers Visionen des ländlichen Amerika, eine Harfe wird zart gezupft, eine Posaune sucht sich ihren Weg an die Oberfläche, und was als Reise durch eine finstere Zwischenwelt begann, findet Erlösung in einer fast schon klassizistischen Idylle.

Es ist eine gewaltige Reise, auf die Greg Anderson und Stephen O’Malley den Hörer hier mitnehmen, sie und die Heerscharen von Helfern, die den Kosmos dieser zwei Klanggrenzgänger, die den Kern von Sunn O))) bilden, um viele Ebenen erweitern, ihn aus dem Metal hinausführen in die zeitgenössische Klassik und sogar in den Jazz. Sicher, Sunn O))) sind mittlerweile angekommen im Feuilleton, und bei den Intellektuellen ist diese Band mittlerweile ziemlich en vogue, gerade bei denen, die nicht einmal eine einzige Black-Metal-Platte daheim stehen haben, sich nun aber damit brüsten, mal was „total Extremes“ zu hören. Und ja, gerade dem intellektuell anspruchsvollen Musikhörer bietet „Monoliths&Dimensions“ eine Herausforderung und eine tiefe Befriedigung, so viele Details gibt es hier zu entdecken. Läßt man sich aber einfach intuitiv auf diese Reise ein, gibt man sich ganz diesen Klangwelten hin, die Erfahrung könnte nicht schöner und beeindruckender sein. Nur Angst darf man keine haben vor der Macht, die diesem Album innewohnt. Tatsächlich sind Sunn O))) mit ihrem bislang neuesten Album der Musik nähergekommen als je zuvor, tatsächlich aber wächst das Album weit über alles hinaus, was man so im Pop/Rock-Zusammenhang Musik nennt.

www.ideologic.org
www.southernlord.com

Drag City, 2003

Nähme man hier Aktualität als Maßstab, dann sollte ich eigentlich mindestens das wunderliche und von mir momentan rauf und runter gehörte Album „Spoils“ von 2009 besprechen, oder gar „Too Long In This Condition“, die ganz aktuelle Platte von Alasdair Roberts „and Friends“. Auch schön wäre das Album „The Amber Gatherers“ (2007), oder die Appendix: Out-Platten, Roberts‘ erste Inkarnation. Nur „No Earthly Man“ von 2005 würde seinen Weg nicht in diesen kleinen Blog hier finden, diese Platte mag ich nicht so. Aber wahrscheinlich ist „Farewell Sorrow“, Roberts‘ zweite Platte unter seinem eigenen Namen (den Erstling, „The Crook Of My Arm“ von 2001, kenne ich leider noch nicht) auch seine beste, schönste. Und vor allem ist sie die erste, die ich von ihm kannte, und das ist Rechtfertigung genug.

Ganz zuerst nahm ich den Schotten Alasdair Roberts allerdings durch seine Kooperation mit dem notorischen Will Oldham und Songs: Ohia-Vorsteher Jason Molina wahr, eine wahrlich wundervolle kleine E.P. unter dem Namen „Amalgamated Sons Of Rest“, auf der sich die drei Barden Gesang und Gitarre teilen und teils Eigenkompositionen, teils Traditionals singen. Und Roberts hatte die schönste Stimme und die schönsten Lieder, also suchte, fand und kaufte ich damals „Farewell Sorrow“. Und was soll ich sagen, ich war damals auf den ersten Takt verzaubert, und ich bin es immer noch und immer wieder.

Roberts, der in Glasgow wohnt, offenbar zumeist einfach solo mit seiner Gitarre auftritt und derletzt mit der nicht minder wundersamen Joanna Newsom auf Tour war (die ich dank des toten Winkels, in dem ich lebe, verpaßt habe), hat sich von ganzem Herzen dem schottischen Folk verschrieben. Und was so geschrieben irgendwie nach Rüschenhemden und Sammetwesten aussieht, antiquiert und rückwärtsgewand also, klingt allerdings so unglaublich wunderbar und lebendig, daß ich tatsächlich nicht genug kriegen kann von diesem seltsamen Kauz.

Es geht Roberts mit seiner Version von Folk mehr um eine „Authentizität“ im Sinne einer Verortung dieser Musik direkt in seinem Leben und dem Leben des Hörers als um museales Kunsthandwerk, eine Erkenntnis, die im Zusammenhang mit dem Begriff „schottischer Folk“ ziemlich beruhigend ist, weil sie sofort alles Altertümelnde, an Mittelaltermärkte gemahnende Lügen straft. Der Rückgriff auf alte Traditionslinien erfolgt also nicht bewahrend, sondern fortschreibend, und Roberts stellt sich selbst in diese Linie. Dabei aber legt es seine Musik wiederum nicht darauf an, auf Teufel komm raus mit den Großen des Genres genannt zu werden. Roberts liebt, was er tut, und er liebt, wo dieses herkommt. Ein Mann aus dem Volk, der die Geschichten eben dieses Volkes weiterspinnt. Und daraus entsteht ganz wunderbare Musik.

Zuallererst ist da Roberts‘ Stimme, eine jungenhafte Stimme, die eigentlich glockenhell und klar ist, aber dennoch oft kurz vorm Kippen, immer ein bißchen zu arg an den Rändern der (beeindruckenden) Kapazität, um den Heintje zu geben. Vielmehr bricht sie hier und da, klingt plötzlich verschleiert und finster, um dann wieder fast schon naiv zu jubilieren. Seinem Gitarrenspiel ganz ähnlich vermeidet es Roberts, perfekt zu klingen, obwohl auch am Instrument sein Können und seine Kenntnis beeindruckend ist.

Und dann sind da freilich die Lieder selbst, einfache Lieder, etwas komplexere Lieder, jubilierende Tänze und tieftraurige Klagen, Epen von Krieg und Tod, Beobachtungen des morgendlichen Gesanges im erwachenden Haus. Natürlich drehen sich Roberts‘ Texte letztendlich und dem Genre angemessen immer um die letzten Dinge, um den Tod und die Transzendierung, aber auch um die Liebe, die Jagd, das heitere Spiel und die finstere Magie der Vergangenheit ein Topos, der sich auf „Spoils“ weiter durchsetzt. Und bewegt sich „Spoils“ dann schon im langen, durchkomponierten Kunstlied, so ist „Farewell Sorrow“ eine Sammlung kleiner Lieder im Freundeskreis.

Der Titelsong macht auf dieser Platte den Anfang und ist ein trauriges Klagelied über den Verlust der Ahnen, aber auch über das Wiedersehen im Jenseits. Diese Tristesse wird zwar sogleich konterkariert von „Join Our Lusty Chorus“, aber im Ganzen überwiegen in der ersten Hälfte des Albums die düsteren Lieder wie „Carousing“, „I Fell In Love“ oder „I Went Hunting“ mit einem der schönsten Gitarrensoli aller Zeiten.

Doch so versöhnlich wiederum, wie die erste Seite der LP mit „Down Where The Willow Wands Weep“ endet, so fängt die zweite Seite auch an: „When A Man’s In Love He Feels No Cold“ ist eine Hymne an die Liebe, „The Whole House Is Singing“ eine Hymne an den Gesang, „I Am A Young Man“ an die Jugend, und der Abschluß „Slowly Growing Old“ ans Altern und Sterben. Und nur „I Walked Abroad In An Evil Hour“ führt noch einmal in die tiefste Dunkelheit der alten Sagen.

„Farewell Sorrow“ ist tatsächlich ein zeitloses Album, weil es einerseits zeitgemäß eine Tradition fortschreibt, andererseits tief in dieser Tradition verwurzelt ist. „Farewell Sorrow“ ist aber jenseits aller Überlegungen zu Tradition und Moderne eine Sammlung unglaublich schöner Lieder, die ebenso schön instrumentiert dargeboten werden. Es ist ein Album, das man nicht nur einfach „gut“ findet, sondern in das man sich unwiderruflich verliebt, das einem eine märchenhafte Welt eröffnet und außerdem ein guter Einstieg in das nicht immer so leichte Schaffen von Alasdair Roberts ist.

www.alasdairroberts.com
www.dragcity.com

Rabid Records, 2005

Der Sommer ist die schwerste Zeit. Denn dann erzählt dir jeder, wie leicht alles ist, wieviel Spaß du haben kannst. Draußen springen sie umher, du hörst ihr Lachen und Kreischen, riechst förmlich die Sonnencreme auf ihrer nackten, braunen Haut, schmeckst den Alkohol in der Sommerhitze förmlich auf der Zunge, der erste, unschuldige Rausch. Bleibst du zuhause, dann weht dir der Wind dieses Lachen durch’s Fenster, und diese unstillbare Sehnsucht überrollt dich, diese süße, furchtbare Unruhe, und du gehst unter. Bist du dabei, dann fühlst du dich fremd, seltsam, viel zu düster, und du merkst, daß das Versprechen, das der Wind dir durch’s Fenster hineingeweht hat auf deine kühlen Laken und die Blätter mit deinen Gedichten, eigentlich ein großer Scheiß ist: Du bleibst dennoch allein, es tut nur mehr weh, weil du unter Leuten bist, die alle fröhlich und betrunken in der Sonne liegen. Aber du versuchst es natürlich, du willst dazugehören, du lächelst, du trinkst, du küsst, aber es tut weh. Der Sommer ist wirklich die schwerste Zeit.

Jenny Wilson stand ausgerechnet vor ihrem 30sten Geburtstag, diesem schon (und nicht nur) von Ingeborg Bachmann besungenen Wendepunkt im jungen Erwachsenenleben, als sie 2005 mit „Love & Youth“ den Soundtrack zu diesen vermaledeiten Jugendsommern veröffentlichte, mit der programmatischen Single „Summertime – The Roughest Time“, und man hört, auch Wilson saß in diesen Sommern lieber zuhause über ihren Büchern, als unbeschwert mit Freunden feiern zu gehen. Daß sie dies manchmal dennoch getan hat, als eine intellektuelle femme fatale, daraus schöpft sie jetzt das Material für ihr Solodebüt.

Eine Stubenhockerin ist sie geblieben: Das ganze Album wurde von ihr im Alleingang geschrieben, aufgenommen und produziert (mit nur ein bißchen Hilfe), und man stellt sich vor, wie sie in einem heißen Sommer mit sehnsüchtigem Blick nach draußen auf ihre Schulkameraden von damals diese wundersamen, ungemein cleveren und guten Songs an ihrem Laptop produziert und dabei mit bitterem Wissen um ihre verlorene, nein, um ihre nie dagewesene Unschuld das Glas Martini zuviel am Nachmittag trinkt. „Love & Youth“ ist die Rückschau einer Frau, die noch viel zu genau spürt, wie sich das alles früher angefühlt hat, die aber auch schon die Verletzungen überschauen kann, die Narben, die geblieben sind. Gleichzeitig weiß sie aber auch, daß es anders gar nicht hätte verlaufen können. Und dann, man hört es ihren leicht nervösen Rhythmen und melancholisch-schönen Melodien an, ihrer Discoaffinität und auch ihrem Wunsch, die Nacht zu nutzen, ist sie doch auch jung geblieben.

So atmet ihr schöner Synthiepop eine schmerzliche Bitterkeit, der der unbedingte Wille eingeschrieben ist, ein Teil dieser Sommer zu sein, dieser Teeniehaufen am Lagerfeuer, für die die Versuchung noch süß schmeckt, aber die Unschuld ist dahin, das Erwachen ist immer gleich mitgedacht, und daß jeder verführerischen Nacht ein schmutziger Morgen folgt, weiß man mittlerweile ja auch. Daneben aber gibt es auf „Love & Youth“ Melodien von wahrhaft atemberaubender Schönheit, allen voran in meinem Lieblingslied „Let My Shoes Lead Me Forward“, die gestützt werden von eben dieser nächtlichen Nervosität, die sich in elektronischem Pluckern, in unruhigen Akustikgitarren, in Baßläufen und Rhythmen niederschlägt, die klingen, als stünde man draußen vor der Mehrzweckhalle, verstecke sich dort im Gebüsch und sehe der Party drinnen zu, scheu und sexualisiert zugleich, einsam und gleichzeitig völlig aufgegangen in der Körpermenge hinter den Scheiben.

Um zu wissen, daß Jenny Wilson gleichzeitig ungemein mondän ist, muß man nichtmal ihre Videos oder die Bilder im Booklet gesehen haben, die sie ironisch zwischen Discoglam und Edelpelz zeigen. Denn die dandyhafte Weltgewandtheit findet sich auch in ihren Texten, die sie als wissenden Bücherwurm einserseits, als weltmüden Vamp andererseits präsentieren, die Nase an Büchern blutig gerieben („I’m working hard on an intellectual look“), um das angelesene Wissen in die Verführung eines Knaben zu investieren („You think you have to comfort me, so the kissing has begun…“). Doch die Ironie, die diesen großen Gesten innewohnt, ist unübersehbar, gerade auch, wenn diese von kleinen, aufrichtig melancholischen Liedern wie „Those Winters“ oder „Would I Play With My Band?“ konterkariert werden, oder von den Antagonisten der Sängerin wie in „A Hesitating Cloud Of Despair“, das halb mitleidige, halb neidische Portrait einer Prom Queen, von der die Jungs halt doch nur Sex wollen, oder in der Selbstreflexion „Bitter? No, I Just Love To Complain“, eine sich an Dub anschmiegende Abrechnung mit der Musikindistrie, die dabei aber nie vergißt, daß das Klagen über die mangelnde künstlerische Freiheit ein Jammern auf höchstem Niveau ist.

„Höchstes Niveau“ ist ohnehin das Stichwort für „Love&Youth“, eine Platte, die ein wenig wie der Dachboden ist, auf dem Bastian Balthasar Bux die „Unendliche Geschichte“ findet und sich darin verliert – einsam und dennoch reich und tröstend. Ironisch, aber dennoch voller unglaublich aufrichtiger Gefühle. Bitter, aber dennoch irgendwie eine Rettung. „Love&Youth“ ist ein umfassender Blick zurück auf eine vergangene Jugend und auf all die Narben und den Unrat, den sie hinterlassen hat, die einen tieftraurig macht und der man deshalb mit Ironie und Spott begegnet, aber nach der man sich irgendwo tief drinnen doch noch sehnt. Vielleicht, um alles besser zu machen. „Love&Youth“ ist eine Platte voller Melancholie, Einsamkeit, voller wunderbarer Melodien, Beats, voller Weisheit und Zynismus, eine reife Platte, die die Unreife zu keiner Zeit vergißt. Jenny Wilson hat in ihrer Stube mit dem verschleierten Blick in die Sommernächte von früher eine hervorragende Platte gemacht, die ebenso zu Herzen geht wie in die Beine, und die einfach ganz wunderbar ist.

http://jennywilson.net
www.rabidrecords.com